[Q] Spieglein, Spieglein....
Verfasst: Sonntag 24. März 2024, 21:25
-Jeder kann eine Leiche im Keller haben, man sollte sie nur tief genug vergraben, damit sie nicht eines Tages an die Oberfläche kommt-
Tief unterhalb der Erde Grenzwarths, verborgen vor fremden Blicken, saß Victoria an ihrem Schreibtisch. Wenige, schmucklose Möbel füllten die Leere in dem ohnehin schon kleinen Raum. Die Bücherregale waren nur mager gefüllt mit ein paar eigen erstellten Schriftstücken und eine handvoll verschiedenster Lehrbücher. Auf einem kleinen Tisch in einer Ecke standen Phiolen in den unterschiedlichsten Rottönen, die eindeutig mit dem Lebenssaft ihrer Opfer und auch noch ganz anderen Flüssigkeiten gefüllt waren. Eine Kohleschale, die auf einem Konstrukt aus Schädeln und Gebeinen gefertigt war, erhellte die kleine Räumlichkeit mit ihrer zarten Glut.
Die Fingerspitzen drehten den zarten Hals des Weinglases immer wieder hin und her, während ihr Blick auf dem Spiegel ruhte, den sie vor sich auf dem schmalen Pult platziert hatte und so den Raum hinter sich beobachtete. Stunden verstrichen und man konnte kaum sagen, ob es gerade Tag oder Nacht war. Nur das leise und klägliche Jammern und Wimmern, welches wie eine vom Unheil gezeichneten Symphonie hinter ihr erklang, durchbrach die Stille. Dunkelblondes Haar, dass ihm nicht gänzlich bis zum Kinn reichte, die Iriden von einem dunklen blau erfüllt wie das Meer, kurz bevor die Sonne unterging und ein zarter Bart der die markanten Gesichtskonturen des Mannes einrahmte. Ein ansehnlicher Mann mit mehreren Gesichtern. Doch wie die meisten trug auch er seine Masken.
Mit seiner Verlobten lebte er nahe der Grenze zwischen neutralen Boden und dem östlichen Reich. Victoria hatte das für die Außenwelt unscheinbare und glückliche Paar in den letzten Monden oft in ihrem Federkleid aus den Baumkronen heraus beobachtet. Die junge Frau war dem Mann stets gehorsam und vor Besuchern, ob Freund oder Familie, wirkte es fast so als wäre auch er ein Mann der seine Geliebte auf Händen trug. Doch wie man wusste trügt der Schein oft und auch hier gab es keine Ausnahme. Hinter verschlossenen Türen wechselte die Fassade eines liebenden Mannes zu der einer Bestie, die sich am Leid seines Weibes labte und erfreute, während er sie erniedrigte. Insgeheim war er eine verdorbene Seele, ein gefundenes Fressen und ein passendes Opfer für ihren Herren und so war nun seine Zeit gekommen um zu leiden und die Qualen seiner Verlobten zu teilen.
Leidenschaft… die Leiden schafft.
Inmitten der Nacht, als nur noch die wenigsten Lichtlein in den Häusern brannten und die wenigen Fenster erhellten, öffnete sich die Holztür mit einem leisen Klagelied, als die alten Scharniere plötzlich knarzten. Mit einem Glimmstängel zwischen den Lippen und zwei Pyriansteinen trat er in die Kälte hinaus und schlug die Steinchen so lange aneinander, bis ein paar Funken zu erkennen waren die schließlich das Rauchwerk entzündeten.
Der Kälte folgte ein dichter Nebel, als die junge Dienerin die Macht ihres Herren nutzte und sich wie ein zarter Schleier über die Gegend legte. Sie sah seinen skeptischen Blick und er wurde vorsichtig als sich ihre Silhouette dem Haus näherte. Seine Augen brauchten einige Momente, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er fluchte, drohte ihr und stockte, als plötzlich eine zarte Gestalt, wie aus einem Traum entsprungen, nur einige Meter von ihm entfernt durch die aufbrechende Nebelwand zu erkennen war. Ihre strahlendgrünen Augen, die an frische Sommeräpfel erinnerten, das blondgelockte Haar, welches im Mondschein in sanften Locken fließend über ihre Schultern fiel und ihr zartblasses Gesicht umrahmten. Ihre Stimme drang, süß, lieblich und verheißungsvoll, wie ein milder Honigwein, an sein Gehör und lud ein der blonden Schönheit zu folgen. ‘‘Sie wird nie davon erfahren…‘‘ Wie ahnungslos er doch war und wie recht Victoria mit ihren Worten hatte... Mit der Gabe ihres Herren berührte sie seinen Geist, lies sein Blut sanfte Wellen schlagen und gab ihm das Gefühl eines frohlockenden Rausches und brach so seinen Willen. Lautlos landete sein Glimmstängel im feuchten Gras, als er ihr auch schon in seinen Untergang folgte...
Es war ein leichtes ihn in Victorias verstecktes Kämmerlein zu führen, in der sie seiner Seele die letzte Würze verleihen würde. Langsam hatte das berauschende Gefühl nachgelassen und wurde durch eine aufkeimende Angst verdrängt, als die Blicke des Mannes durch den Raum streiften und er realisierte, dass sein schöner Traum ein jähes Ende fand. Die Schatten und Schemen an den Wänden bewegten sich und gaben einem das Gefühl beobachtet zu werden. Leises Wispern und Geflüster drang an seine Ohren und schürten die noch kleine Glut von Furcht und Schrecken, die ihn nach und nach verzehren würden…
Jetzt saß sie hier, beobachtete ihn stundenlang schweigend durch ihren Spiegel, hing den eigenen Gedanken nach und trank gemütlich ihren Wein, während er sich mit seinen Fingernägeln seine Haut blutig kratzte. All die Stimmen in seinem Kopf und die Halluzinationen waren eine reine Folter für ihn. Seine Augen spiegelten den Wahnsinn wider, der immer wieder wie eine Sintflut über seinen Geist hereinbrach. Erst hatte sie seinen Willen und letzten Endes seinen Geist gebrochen. Für jede Seele die sie ihrem Herren opferte brannte Victoria voller Hingabe. Sie schaffte Leid, quälte die armen, verlorenen Seelen, bis sie nur so trieften und überquollen vom Wunsch endlich von ihrem Elend erlöst zu werden. Leid genährt mit Furcht, Schmerz und einer Prise Wahnsinn, welche erst ihren Anfang nahmen, bis die Essenzen den Hüllen entrissen wurden und die Qualen in den Fängen ihres Herren ihren Höhepunkt fanden. Und doch hatten sich die Worte des Formanten noch Monde nach der letzten Messe tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ihrem Herren mangelte es an wohlgenährten Essenzen. Die letzten waren schwach, viel zu schwach und gaben ihm kaum das, wonach er verlangte.
Bald, schon bald würde sich der blonde Schönling seine Eingeweide heraus gekratzt haben und sich selbst ein Ende setzen. Der Boden war bereits mit Blut besudelt und nicht nur sein Lebenssaft verewigte sich in unterschiedlichsten Mosaiken in den tiefen Furchen des Holzes. Für die meisten wäre dies ein entsetzlicher Anblick gewesen, der einen am Ende selbst in den Wahnsinn stürzte, begleitet von ständigen Alpträumen. Ein Grauen welches sich in ihrem Spiegel widerspiegelte…
Grauen… Spiegel…
Natürlich! Die Antwort stand direkt vor ihren Augen. Eine Idee wart geboren und begann sich langsam zu Formen. Etwas neues würde entstehen und der Dienerschaft und in erster Linie ihrem Herren einen großen Dienst erweisen. Tief im Inneren brodelten und kochten erste Vorstellungen an die Oberfläche und entlockten den vollen Lippen ein finsteres und vorfreudiges Lachen. Das Material musste ein besonderes sein, eines das nicht bersten durfte und den eingeflößten Energien standhalten würde. Der Rahmen aus einem Holz, der den Tod in sich barg und das Licht verschlingende Glas matt und dunkel. Allen voran waren es aber die Handwerker, die dem Werk ihre vollendete Form gaben. Victoria wusste schon wen sie mit dieser Aufgabe beauftragen würde und erhob sich von ihrem Platz. Unachtsam der Leiche stieg sie über den mittlerweile leblosen Körper und strich über die Steinmauer die sich leise aufschob und sie ihre kleine Kammer verließ.
Ihre Schritte führten sie nördlich vom Hort des Wissens, direkt zum Galgenbaum. Sie kannte sich nicht sonderlich mit Holz aus, selbst wenn der aschfarbene Baum auf den ersten Blick für sie geeignet aussah. Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen und kündigte die bald einkehrende Nacht an. Das brennend intensive rot-orange ging fließend in ein zartes violett über und bildete einen Übergang zum nachtblauen Firmament. Einzelne Sterne schimmerten wie winzige Diamanten inmitten der prächtigen Farbenvielfalt. Als würde der Wald in Flammen stehen, warf die Sonne ihre letzten Lichtstrahlen für den heutigen Abend über die Baumkronen und verlieh dem Galgenbaum einen ganz besonderen Schein. Eisig wehte die Frühjahresluft über den Platz und ließ die Ketten der Käfige leise klirren, als würden die Geister vergangener Zeit zu ihr sprechen, während die übriggebliebenen Gebeine weiter ihre Zeit in ihren Gefängnissen fristen. Noch würde sie den Baum nicht mit dem Stahl ihrer Axt berühren, nicht, ohne zuvor mit Roderik gesprochen zu haben.
Als der nächste Tag angebrochen war führte ihr Weg sie nach Düstersee. Es war mehr als praktisch, dass beide Dalvonbrüder Handwerker waren und noch viel praktischer, dass sich einer der Schmiede, oder viel mehr Feinschmiedekunst widmete und der andere dem Holzhandwerk nachging. Sie würde beiden alles abverlangen was in ihrer Macht stand.
Schwarzsand… Noch nie bekam sie ein solches in seiner reinsten, rohen Form zu Gesicht. Es war selten, weil es verdammt schwer aufzutreiben war. Waghalsig und nicht ungefährlich in seiner Beschaffung. Ein einziges mal sah sie einen kleinen Handspiegel an einem korrupten Händlerstand, dessen spiegelnde Fläche dunkel war und das Licht mehr verschluckte, als es zu reflektieren. Es verschlang das Sonnenlicht förmlich. Erleichterung breitete sich in Victoria aus, nachdem sie zuerst mit Mychael sprach der, dem Herren sei Dank, sich bereit erklärte das schwarze Gold für sie zu beschaffen und den Spiegel anzufertigen und anschließend mit Roderik, welcher den Rahmen anfertigen würde. Es würde einen hohen Preis kosten, der sich auszahlen sollte.
Am Abend noch fand sie sich am Galgenbaum wieder. Mit einer einfachen Axt bewaffnet und in schlichter Kleidung getarnt. Eine ganze Weile hatte sie den Baum nach Stellen abgesucht, die sie um einige dickere Äste erleichtern konnte, ohne ihm größeren Schaden zuzufügen. Jeder Schlag mit der Axt lies die Ketten der Käfige leise und klagend klirren, gefolgt von eiskalten Brisen welche die letzten winterlichen Winde von Gerimor vertrieben. Vorsichtshalber hatte sie drei, vier Äste mehr abgeschlagen. Roderik würde das Holz erst einmal trocken lagern müssen, bevor er es verarbeiten konnte und auch sicher zur Probe einen Scheit bearbeiten. Das Holz war ganz anders von seiner Beschaffenheit als von einem gewöhnlichen Baum, viel empfindlicher und an manchen Stellen etwas spröder. Andere Stellen hingegen waren fest und massiv und bestimmt viel besser oder sogar schwieriger zu bearbeiten. Spätestens am nächsten Tag würde sie dem Baum als Tribut ein ordentliches Blutopfer zollen und den Galgenbaum mit dem Lebenssaft begießen. Wie passend, dass dessen Seele gleichsam ihrem Herren geopfert wird…
Mit den Ästen, die sie alle ordentlich in ein dickes Leinentuch gewickelt hatte, ging sie noch am nächsten Tag zu Roderik. Nun würden endlich Taten folgen, nachdem sie die letzten Details mit ihm besprochen hatte und ihm genaue Anweisungen gab, wie der Rahmen aussehen sollte. Mehrere Tage und vielleicht sogar die eine oder andere Woche würde ins Land ziehen, bis das Werk wie ein Rohdiamant nur noch darauf wartete seinen letzten Feinschliff zu bekommen. Eine letzte Politur, mit Blut und geopferten Seelen besiegelt, um alleine für ihren Herren in vollem Glanz zu erstrahlen.
Jetzt hieß es nur noch geduldig sein…
Tief unterhalb der Erde Grenzwarths, verborgen vor fremden Blicken, saß Victoria an ihrem Schreibtisch. Wenige, schmucklose Möbel füllten die Leere in dem ohnehin schon kleinen Raum. Die Bücherregale waren nur mager gefüllt mit ein paar eigen erstellten Schriftstücken und eine handvoll verschiedenster Lehrbücher. Auf einem kleinen Tisch in einer Ecke standen Phiolen in den unterschiedlichsten Rottönen, die eindeutig mit dem Lebenssaft ihrer Opfer und auch noch ganz anderen Flüssigkeiten gefüllt waren. Eine Kohleschale, die auf einem Konstrukt aus Schädeln und Gebeinen gefertigt war, erhellte die kleine Räumlichkeit mit ihrer zarten Glut.
Die Fingerspitzen drehten den zarten Hals des Weinglases immer wieder hin und her, während ihr Blick auf dem Spiegel ruhte, den sie vor sich auf dem schmalen Pult platziert hatte und so den Raum hinter sich beobachtete. Stunden verstrichen und man konnte kaum sagen, ob es gerade Tag oder Nacht war. Nur das leise und klägliche Jammern und Wimmern, welches wie eine vom Unheil gezeichneten Symphonie hinter ihr erklang, durchbrach die Stille. Dunkelblondes Haar, dass ihm nicht gänzlich bis zum Kinn reichte, die Iriden von einem dunklen blau erfüllt wie das Meer, kurz bevor die Sonne unterging und ein zarter Bart der die markanten Gesichtskonturen des Mannes einrahmte. Ein ansehnlicher Mann mit mehreren Gesichtern. Doch wie die meisten trug auch er seine Masken.
Mit seiner Verlobten lebte er nahe der Grenze zwischen neutralen Boden und dem östlichen Reich. Victoria hatte das für die Außenwelt unscheinbare und glückliche Paar in den letzten Monden oft in ihrem Federkleid aus den Baumkronen heraus beobachtet. Die junge Frau war dem Mann stets gehorsam und vor Besuchern, ob Freund oder Familie, wirkte es fast so als wäre auch er ein Mann der seine Geliebte auf Händen trug. Doch wie man wusste trügt der Schein oft und auch hier gab es keine Ausnahme. Hinter verschlossenen Türen wechselte die Fassade eines liebenden Mannes zu der einer Bestie, die sich am Leid seines Weibes labte und erfreute, während er sie erniedrigte. Insgeheim war er eine verdorbene Seele, ein gefundenes Fressen und ein passendes Opfer für ihren Herren und so war nun seine Zeit gekommen um zu leiden und die Qualen seiner Verlobten zu teilen.
Leidenschaft… die Leiden schafft.
Inmitten der Nacht, als nur noch die wenigsten Lichtlein in den Häusern brannten und die wenigen Fenster erhellten, öffnete sich die Holztür mit einem leisen Klagelied, als die alten Scharniere plötzlich knarzten. Mit einem Glimmstängel zwischen den Lippen und zwei Pyriansteinen trat er in die Kälte hinaus und schlug die Steinchen so lange aneinander, bis ein paar Funken zu erkennen waren die schließlich das Rauchwerk entzündeten.
Der Kälte folgte ein dichter Nebel, als die junge Dienerin die Macht ihres Herren nutzte und sich wie ein zarter Schleier über die Gegend legte. Sie sah seinen skeptischen Blick und er wurde vorsichtig als sich ihre Silhouette dem Haus näherte. Seine Augen brauchten einige Momente, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er fluchte, drohte ihr und stockte, als plötzlich eine zarte Gestalt, wie aus einem Traum entsprungen, nur einige Meter von ihm entfernt durch die aufbrechende Nebelwand zu erkennen war. Ihre strahlendgrünen Augen, die an frische Sommeräpfel erinnerten, das blondgelockte Haar, welches im Mondschein in sanften Locken fließend über ihre Schultern fiel und ihr zartblasses Gesicht umrahmten. Ihre Stimme drang, süß, lieblich und verheißungsvoll, wie ein milder Honigwein, an sein Gehör und lud ein der blonden Schönheit zu folgen. ‘‘Sie wird nie davon erfahren…‘‘ Wie ahnungslos er doch war und wie recht Victoria mit ihren Worten hatte... Mit der Gabe ihres Herren berührte sie seinen Geist, lies sein Blut sanfte Wellen schlagen und gab ihm das Gefühl eines frohlockenden Rausches und brach so seinen Willen. Lautlos landete sein Glimmstängel im feuchten Gras, als er ihr auch schon in seinen Untergang folgte...
Es war ein leichtes ihn in Victorias verstecktes Kämmerlein zu führen, in der sie seiner Seele die letzte Würze verleihen würde. Langsam hatte das berauschende Gefühl nachgelassen und wurde durch eine aufkeimende Angst verdrängt, als die Blicke des Mannes durch den Raum streiften und er realisierte, dass sein schöner Traum ein jähes Ende fand. Die Schatten und Schemen an den Wänden bewegten sich und gaben einem das Gefühl beobachtet zu werden. Leises Wispern und Geflüster drang an seine Ohren und schürten die noch kleine Glut von Furcht und Schrecken, die ihn nach und nach verzehren würden…
Jetzt saß sie hier, beobachtete ihn stundenlang schweigend durch ihren Spiegel, hing den eigenen Gedanken nach und trank gemütlich ihren Wein, während er sich mit seinen Fingernägeln seine Haut blutig kratzte. All die Stimmen in seinem Kopf und die Halluzinationen waren eine reine Folter für ihn. Seine Augen spiegelten den Wahnsinn wider, der immer wieder wie eine Sintflut über seinen Geist hereinbrach. Erst hatte sie seinen Willen und letzten Endes seinen Geist gebrochen. Für jede Seele die sie ihrem Herren opferte brannte Victoria voller Hingabe. Sie schaffte Leid, quälte die armen, verlorenen Seelen, bis sie nur so trieften und überquollen vom Wunsch endlich von ihrem Elend erlöst zu werden. Leid genährt mit Furcht, Schmerz und einer Prise Wahnsinn, welche erst ihren Anfang nahmen, bis die Essenzen den Hüllen entrissen wurden und die Qualen in den Fängen ihres Herren ihren Höhepunkt fanden. Und doch hatten sich die Worte des Formanten noch Monde nach der letzten Messe tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ihrem Herren mangelte es an wohlgenährten Essenzen. Die letzten waren schwach, viel zu schwach und gaben ihm kaum das, wonach er verlangte.
Bald, schon bald würde sich der blonde Schönling seine Eingeweide heraus gekratzt haben und sich selbst ein Ende setzen. Der Boden war bereits mit Blut besudelt und nicht nur sein Lebenssaft verewigte sich in unterschiedlichsten Mosaiken in den tiefen Furchen des Holzes. Für die meisten wäre dies ein entsetzlicher Anblick gewesen, der einen am Ende selbst in den Wahnsinn stürzte, begleitet von ständigen Alpträumen. Ein Grauen welches sich in ihrem Spiegel widerspiegelte…
Grauen… Spiegel…
Natürlich! Die Antwort stand direkt vor ihren Augen. Eine Idee wart geboren und begann sich langsam zu Formen. Etwas neues würde entstehen und der Dienerschaft und in erster Linie ihrem Herren einen großen Dienst erweisen. Tief im Inneren brodelten und kochten erste Vorstellungen an die Oberfläche und entlockten den vollen Lippen ein finsteres und vorfreudiges Lachen. Das Material musste ein besonderes sein, eines das nicht bersten durfte und den eingeflößten Energien standhalten würde. Der Rahmen aus einem Holz, der den Tod in sich barg und das Licht verschlingende Glas matt und dunkel. Allen voran waren es aber die Handwerker, die dem Werk ihre vollendete Form gaben. Victoria wusste schon wen sie mit dieser Aufgabe beauftragen würde und erhob sich von ihrem Platz. Unachtsam der Leiche stieg sie über den mittlerweile leblosen Körper und strich über die Steinmauer die sich leise aufschob und sie ihre kleine Kammer verließ.
Ihre Schritte führten sie nördlich vom Hort des Wissens, direkt zum Galgenbaum. Sie kannte sich nicht sonderlich mit Holz aus, selbst wenn der aschfarbene Baum auf den ersten Blick für sie geeignet aussah. Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen und kündigte die bald einkehrende Nacht an. Das brennend intensive rot-orange ging fließend in ein zartes violett über und bildete einen Übergang zum nachtblauen Firmament. Einzelne Sterne schimmerten wie winzige Diamanten inmitten der prächtigen Farbenvielfalt. Als würde der Wald in Flammen stehen, warf die Sonne ihre letzten Lichtstrahlen für den heutigen Abend über die Baumkronen und verlieh dem Galgenbaum einen ganz besonderen Schein. Eisig wehte die Frühjahresluft über den Platz und ließ die Ketten der Käfige leise klirren, als würden die Geister vergangener Zeit zu ihr sprechen, während die übriggebliebenen Gebeine weiter ihre Zeit in ihren Gefängnissen fristen. Noch würde sie den Baum nicht mit dem Stahl ihrer Axt berühren, nicht, ohne zuvor mit Roderik gesprochen zu haben.
Als der nächste Tag angebrochen war führte ihr Weg sie nach Düstersee. Es war mehr als praktisch, dass beide Dalvonbrüder Handwerker waren und noch viel praktischer, dass sich einer der Schmiede, oder viel mehr Feinschmiedekunst widmete und der andere dem Holzhandwerk nachging. Sie würde beiden alles abverlangen was in ihrer Macht stand.
Schwarzsand… Noch nie bekam sie ein solches in seiner reinsten, rohen Form zu Gesicht. Es war selten, weil es verdammt schwer aufzutreiben war. Waghalsig und nicht ungefährlich in seiner Beschaffung. Ein einziges mal sah sie einen kleinen Handspiegel an einem korrupten Händlerstand, dessen spiegelnde Fläche dunkel war und das Licht mehr verschluckte, als es zu reflektieren. Es verschlang das Sonnenlicht förmlich. Erleichterung breitete sich in Victoria aus, nachdem sie zuerst mit Mychael sprach der, dem Herren sei Dank, sich bereit erklärte das schwarze Gold für sie zu beschaffen und den Spiegel anzufertigen und anschließend mit Roderik, welcher den Rahmen anfertigen würde. Es würde einen hohen Preis kosten, der sich auszahlen sollte.
Am Abend noch fand sie sich am Galgenbaum wieder. Mit einer einfachen Axt bewaffnet und in schlichter Kleidung getarnt. Eine ganze Weile hatte sie den Baum nach Stellen abgesucht, die sie um einige dickere Äste erleichtern konnte, ohne ihm größeren Schaden zuzufügen. Jeder Schlag mit der Axt lies die Ketten der Käfige leise und klagend klirren, gefolgt von eiskalten Brisen welche die letzten winterlichen Winde von Gerimor vertrieben. Vorsichtshalber hatte sie drei, vier Äste mehr abgeschlagen. Roderik würde das Holz erst einmal trocken lagern müssen, bevor er es verarbeiten konnte und auch sicher zur Probe einen Scheit bearbeiten. Das Holz war ganz anders von seiner Beschaffenheit als von einem gewöhnlichen Baum, viel empfindlicher und an manchen Stellen etwas spröder. Andere Stellen hingegen waren fest und massiv und bestimmt viel besser oder sogar schwieriger zu bearbeiten. Spätestens am nächsten Tag würde sie dem Baum als Tribut ein ordentliches Blutopfer zollen und den Galgenbaum mit dem Lebenssaft begießen. Wie passend, dass dessen Seele gleichsam ihrem Herren geopfert wird…
Mit den Ästen, die sie alle ordentlich in ein dickes Leinentuch gewickelt hatte, ging sie noch am nächsten Tag zu Roderik. Nun würden endlich Taten folgen, nachdem sie die letzten Details mit ihm besprochen hatte und ihm genaue Anweisungen gab, wie der Rahmen aussehen sollte. Mehrere Tage und vielleicht sogar die eine oder andere Woche würde ins Land ziehen, bis das Werk wie ein Rohdiamant nur noch darauf wartete seinen letzten Feinschliff zu bekommen. Eine letzte Politur, mit Blut und geopferten Seelen besiegelt, um alleine für ihren Herren in vollem Glanz zu erstrahlen.
Jetzt hieß es nur noch geduldig sein…


