Warnung: In diesem Text werden Themen angedeutet, die Trigger auslösen könnten.
Wer hätte gedacht, dass es wieder das Bad sein würde.
So bald, so kalt und so anders innig.
Ertränkend auf die ein oder andere Weise und doch die letzte Linderung, wie ein Stück klirrendfrostiger Eiszapfen auf eine lodernde Verbrennung.
„Ich verbrenne nicht gerne…“
Wenige Stunden zuvor war es ihr über die Lippen gekommen und da war es geschehen. Eine hastige Bewegung aus dem Handgelenk und erst als der Wein vergossen und vom anmutigen Antlitz tropfte, da wollte sie diesen eine Geste zurücknehmen, die Zeit ein bisschen nach hinten drehen, nur eine hitzige Entscheidung im Eifer eines inneren Gefechts ungeschehen machen. Doch nur die dümmsten oder kühnsten Meister der Magie wagten das Tänzchen mit dem Zeitenstrom und sie war weder ein Meister, noch ein Magier…
wohl aber dumm.
Die Erkenntnis stach die nächste, winzige Nadel in die Brust. Bohrend, leicht drehend fraß sie sich tiefer und begann dann dort zu glühen, zu pulsieren und zu ziehen. „Schwer ums Herz“ wurde es den Menschen in all den breiten Ebenen der mal mehr mal minder seichten Lektüre doch nur dann, wenn sie trauerten oder etwas verloren hatten. Sie hingegen hatte im besten Fall einen seltsam werdenden Abend und im schlimmsten eine nicht minder kompliziert werdende Anstellung verloren. Nicht mehr, nicht weniger. Und umso mehr sie sich das sagte, umso deutlicher war, dass sie auch noch unglaublich schlecht darin war, sich selbst zu belügen. Keine Königin der Räson, keine Heldin der Contenance und nicht einmal eine clevere Schreiberin der eigenen Geschichte…
wohl aber dumm.
Obwohl sie die Arme ausgebreitet hatte und versuchte sich kaum zu bewegen, wollte es nicht recht gelingen, wollte das Wasser sie nicht zärtlich tragen, sondern nagte am Stoff der Kleidung, der sich schwer und schwerer vollsog, sie immer wieder mit dem Kopf unter das kalte Nass drückte.
Mit dem Kopf im Kissen – dem Kopf auf dem Tisch – dem Kopf an der Wand!
Kurz ruderten die Arme und verscheuchten die dräuenden Erinnerungsfluten, die mit den unfreundlichen Wogen des kalten Wassers auf sie eindrangen. Jetzt, wo die Mauern hier und dort Risse bekommen hatten, Steine herabgepurzelt waren.
Warum eigentlich?
Wem hatte sie diesen Umstand zu verdanken? Dem Charme? Dem Lächeln? Der Bernsteinglut!
„Vielleicht…“
Sie wollte aufächzen, fluchen, wüst schimpfen und doch kam nur ein sehr leiser, lächerlicher und beinahe dramatischer Laut über die nun dezent bläulich verfärbten Lippen. Sie hasste Dramen und doch trieb sie hier im eiskalten Badebecken, vollkommen bekleidet, vom Hemd, Korsett, den Röcken bis hin zu den roten Seidenstrümpfen, dem Miederband aus Spitze und diesem raffinierten Höschen mit dem kleinen Pyrianapfel. Raffiniert, von wegen…
wohl aber dumm.
„Ich weine äußerst selten…“
Richtig. Sie wusste, dass da auch gerade eben keine Tränen flossen, obwohl sie einen Teil dieser ekelerregenden, gähnenden Leere, die sie nicht in und hinter den Sternen finden wollte, jetzt irgendwo in der Brust entstehen spürte. Dort, wo die Nadeln bohrten, wo es zog und schmerzte, wo die Mauern bröckelten und die Erinnerungen, wie tollwütige Hunde an einer dünnen Lederleine rissen.
Lederleinen in den Schubladen – den Fäusten – an den Handgelenken
Diesmal ließ sie zu, dass das Wasser sie zu fassen bekam und mit dem gesamten Kopf untertauchte. Im Grunde war es eine willkommene, nasse, kalte Abreibung, um den Ansturm der Hunde ein weiteres Mal abzuwehren, doch wie lange würde es noch gelingen? Ganz gleich, es war auch die passende Methode, um die Dramatik aus der Situation zu treiben, wie mit einem Besen. Jedes Staubkorn des Dramas wegfegen, hinaus aus… aus… allem! Sie war keine gute Hausfrau, kein fleißiges Putzmäuschen und keine gewissenhafte Ordnungshüterin…
wohl aber dumm.
Und neuerdings auch dramatisch! Nein, das war doch nicht mehr sie selbst! Jenes unsichere, leidende Bündel, diese Verschwendung kostbarer Haut.
Hände auf Haut – Hände im Nacken - Hände auf den Lippen!
Prustend und um sich schlagend tauchte sie auf, spuckte hustend Wasser, zog die Knie rasch an den Körper und umklammerte sie mit beiden Armen innig. Darum hatte sie nie gebeten, das hatte sie vermieden, so eine Beziehung wollte sie nicht. Das war nicht die gefährliche Grenze, an der sie zu tanzen wünschte, das war nicht das Feuer, mit dem sie zu spielen gedachte, nicht das, was sie sich insgeheim erhofft hatte…
wohl aber dumm.
Eine Beziehung die in ätzend dramatischen Gefühlen endete.
Endete.
Die Lösung und Kreuz zugleich und dabei die ernste, sinnierende Frage, ob sie denn überhaupt jemals begonnen hatte? Sie war nur eine von Zweien und hatte mit weit Mehreren gerechnet. All das, was er von ihr hätte bekommen können, bekam er auch von Anderen. Einfacher.
„Stolz hat seinen Preis.“
Ja.
Sie merkte nicht, dass sich ein klein wenig Salz zum Wasser im Gesicht mischte, da die Hunde sie in just diesem Moment eingeholt hatten und begannen sie innerlich zu zerreißen.
„Austreiben werde ich ihn dir. Deinen Hochmut, mein liebes Kind. Deinen verdammten Sturkopf geraderichten, deinen Trotz in den Boden stampfen, deinen Stolz… BRECHEN. Bis du weißt, wo dein Platz ist.“
Platz… wo dein Platz… dein Platz ist…
„Eine ausgefuchste Idee den Schnaps ins Wasser zu kippen und kaum davon zu trinken. Aber ich habe nicht darauf gewettet, dich trunken zu machen, mein liebes Kind…“
Sie hätte ihm gerne etwas an den Kopf geworfen, ein paar kühne Worte, ein verbaler Schlag mitten ins Gesicht, doch war sie verzweifelt damit beschäftigt, sich nicht die Blöße zu geben und zu weinen. Hier war es nicht das, was Gesten andeuteten, nicht das, was Bewegungen ausführten und auch nicht das, was sie ansehen, riechen, schmecken oder fühlen würde.
Nein, diese Sinneseindrücke konnte man verdrängen, beiseiteschieben und Kosten mit Nutzen abgleichen. Aber es waren immer seine Worte, die die Ohren durchbohrten, um sowohl im Verstand als auch der Seele zu rumoren. Seine hässlichen Worte, seine Lehren, Erklärungen und Verheißungen, die sie kaputt gemacht hatten.
Ich mag diese Art von… kaputt.
Es war ihr an diesem Abend vor drei Jahren bewusst geworden, wie ein dräuender Schatten Vorhersehung, der sich ihr aus der Dunkelheit des düsteren Zimmers langsam näherte:
Das Wissen, dass all ihre Pläne und innere Vorbereitung sie maximal davon abhalten würden, jetzt vor ihm loszuheulen. Sie würden sie nicht davor beschützen, dass er an ihr riss, wie an den Fäden einer Marionette, an ihr schraubte, wie an einem Uhrwerk und sie brach, wie das Blümchen, das er in ihr sah. Und gerade weil sie keines war und im Anschluss versuchte sich wieder aufzurichten, tat er es immer und immer wieder.
„Ja… jetzt verstehst du es, nicht wahr? Ich sehe es an diesem wunderschönen Blick in deinen Augen… Verzweiflung, hm? Ich werde dafür sorgen, dass du deinen Platz kennst, bis du mein bist.“
Mein… mein…. MEIN.
Es waren seine Worte, die ihr den Triumph nahmen.
Und schlimmer noch: Beim nächsten Mal, Tage, nein Wochen später, weinte sie.
Sie sprang beinahe auf, hastete zum Beckenrand, hangelte sich wie eine Ertrinkende hinaus und hinterließ auf dem Weg zum Kleiderschrank eine triefende Spur aus Nässe. Es blieb keine Zeit, um sich lange um die entstehende Pfütze, in welcher die abgelegten Klamotten lagen, zu kümmern. Sie war bereits aus dem Raum, aus dem Haus, der Stadt, dem Reich.
Auf der Flucht vor dem, was begann, ihr Probleme zu bereiten… vor dem, was sie gefunden aber nicht gesucht hatte… vor dem, das sie sich nicht wünschte.
Geradewegs kopfüber in die nächste Dummheit, denn jetzt war sie kein Fuchs, keine Katze mehr…
wohl aber dumm.