Nervös stand ich vor ihrem Teehaus, die Finger fahrig an meinem Halstuch, das ich in ihren Farben gebunden hatte. Es roch noch immer nach ihr – nach Rosen, nach Wärme, nach einer Erinnerung, die sich hartnäckig in Stoff und Herz zugleich festgesetzt hatte.
Ich war pünktlich. Nicht zu früh. Nicht zu spät.
Zumindest diesen Fehler würde ich heute nicht machen.
Heute sollte alles richtig sein.
Gerade als ich mich endlich dazu durchringen wollte, die Glocke zu betätigen, tauchte ein fremder Mann auf. Natürlich.
Er fragte, ob das Geschäft noch offen habe. Ich bestätigte es, wies jedoch darauf hin, dass die Hausherrin gleich ausgeführt werde. Ein subtiler Hinweis. Ein sehr subtiler Hinweis.
Er ließ sich nicht beirren.
Er läutete.
Cecilia öffnete. Ich stand etwas perplex daneben und wusste nicht recht, ob ich es dreist oder einfach nur schlecht getimt finden sollte – bis ich sie sah.
Kathrina.
Im Hintergrund erschien sie ganz in Weiß. Nicht schlicht, sondern leuchtend. Der Stoff ihres Kleides fiel weich wie frischer Schnee, fein bestickt, mit silbrigen Fäden, die im Licht schimmerten. Ihr Haar war kunstvoll gesteckt, einzelne Strähnen umrahmten ihr Gesicht wie gemalte Linien. Ein Hauch zarter Farbe lag auf ihren Wangen, ihre Lippen in sanftem Rosé – nicht aufdringlich, sondern betörend dezent.
Sie sah nicht aus wie eine Braut.
Sie sah aus wie ein Versprechen.
Mir blieb der Mund offen stehen – doch jahrelanges Bardentraining bewahrte mich zumindest vor dem Sabbern.
Als der Mann etwas von einer Botschaft murmelte, trat sie vor. Sicherlich hatte sie sich diesen Moment anders vorgestellt. Diese Erscheinung, dieses Bild, es war für einen einzigen Betrachter gedacht gewesen. Für mich.
Um mich weiter zu verzaubern.
Um den Pflock der Liebe noch ein Stück tiefer in mein ohnehin gefährdetes Herz zu treiben.
Nachdem der Bote entlohnt war, war ich wieder ganz in ihrem Fokus.
Galant bot ich ihr meinen Arm an.
„Gehen wir zur Kutsche.“
Ich musste die Zeit im Auge behalten – schließlich war ich einer der Ausrichter des Festes der kleinen Schätze. Auch wenn mir manch einer das Zuspätkommen in so liebreizender Begleitung gewiss verziehen hätte.
Cecilia wich nicht von ihrer Seite – wie ein kleiner Anstandswauwau, treu und wachsam.
In der Kutsche saßen wir nebeneinander. Während unserer kurzen Gespräche musste ich immer wieder heimlich ihre Schönheit bewundern – bis mir etwas auffiel.
Um ihren Hals lag eine silberne Laute.
Meine Laute.
Die Kette, die ich ihr vor zwei Jahren geschenkt hatte, bei meinem ersten, glorreich gescheiterten Sturm auf ihr Herz.
Sie hatte sie aufbewahrt.
All die Jahre.
Ich war verblüfft. Stolz. Gerührt. Glücklich.
Doch ehe ich Worte fand, hielt die Kutsche bereits in Berchgard.
Ich half ihr hinaus und schritt, innerlich aufgeplustert wie ein Pfau, mit ihr gen Festplatz.
Dort rief die Pflicht.
Ich eröffnete das Fest, sprach ein paar Worte und sang, wie jedes Jahr, – ein kleines Lied über jene unscheinbaren Dinge, die erst im Herzen ihren Wert finden.
Der Trubel verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Das Haus der Künste hatte einen Stand angemeldet, und ich fürchtete bereits, auch diesen allein betreiben zu müssen. Doch Cecilia ließ sich überzeugen mir aus zu helfen. Zusätzlich erschien Julius unerwartet zur Unterstützung.
Als alles lief, kehrte ich zu Kathrina zurück.
Wir spielten das Spiel vom Hasenritter, der in die richtige Höhle hoppeln musste.
Wir verloren.
Jede Runde.
Aber wir lachten.
Selbst als die meisten Gäste gegangen waren und nur noch wenige im Schein der Laternen verweilten, wollte Kathrina nicht heim. Sie sprach mit vielen, einige kannte ich nicht. Nach einem längeren Gespräch über Stofftiere, zwischen ihr, Cecilia und Marlan begann es kalt zu werden.
Ich bot Kathrina meinen Mantel an.
Dankbar nahm sie ihn an.
Eigentlich wollten wir gemeinsam mit Cecilia und Marlan zurück nach Adoran fahren. Doch meine Müdigkeit war wohl deutlicher sichtbarer, als ich gehofft hatte. Kathrina schlug vor, sie nähmen die nächste Kutsche.
Und so waren wir allein.
Ich war müde, ja.
Aber glücklich.
Das Fest war gelungen.
Sie schien zufrieden.
Als wir nachts durch die Straßen Adorans gingen, fragte ich sie, ob ihr der Tag gefallen habe.
Sie bejahte und stellte die Frage zurück.
Ich blickte kurz in den Sternenhimmel.
„Es war ein guter Tag“, sagte ich.
„Warum nicht ein sehr guter?“ fragte sie.
Ich lächelte.
„Weil der Tag noch nicht zu Ende ist.“
Vor ihrer Tür standen wir wieder einmal zum Abschied.
Ich nahm sanft ihre Hände. Zart. Warm. Wirklich.
Ich dankte ihr. Bewunderte sie ein letztes Mal.
„Darf ich den Tag perfekt enden lassen?“ fragte ich leise.
Nach kurzem Zögern nickte sie.
Behutsam beugte ich mich vor – ohne Druck, ohne Hast.
Dann Schritte in der Ferne.
Sie hörte sie. Ich hörte sie.
Im letzten Moment wandte sie den Kopf leicht zur Seite.
Meine Lippen berührten ihre Wange.
Ein kurzer Kuss.
Ich ärgerte mich nicht.
Der Tag war zu schön.
Diese Frau war zu schön.
Und ich war zu müde, um mit dem Schicksal zu streiten.
Mit einer Verbeugung verabschiedete ich mich und verschwand in den nächtlichen Straßen Adorans, zurück nach Berchgard.
