Schaffungskraft des Lieds
Zuverlässigkeit ist eine Eigenschaft, die wir innerhalb der Natur und all ihrer Abläufe nur allzu gut erkennen und mitverfolgen können. Das Wiederkehren der ersten, sanften Berührung der Sonnenstrahlen zu früher morgendlichen Stunde, welche kalten Dunst und Dunkelheit vertreibt, ist etwas an das wir uns auf unseren bisherigen Wegen gewöhnen haben können. Gewohnheit wird durch Vertrauen geschaffen und dies wiederum kann durch bedingungslose Verlässlichkeit geprägt werden.
So verhielt es sich auch mit den Gepflogenheiten der Felswart. Der Magnus musste gar keine großen Verkündungen oder Reden halten. Ein jedes Mitglied wusste darüber Bescheid, dass die Gemeinschaft sich aufgetan hatte, um ein Bauwerk zu errichten. Eine befestigte Heimat auf ihrer neuen Heimatinsel, wenn man es denn so ausdrücken wollte. Bis die allumfassende Fertigstellung dieses Baus nicht durch den Magnus selbst verkündet wurde, würden die treuen Anhänger von Caldrin Tag für Tag wieder kommen. Der Magnus erwartete die bedingungslose Bereitschaft für Unterstützung von seiner gesamten Anhängerschaft.
Und so war es auch – sie kamen immer und immer wieder. Tag ein – Tag aus, kehrten sie zurück, um mitanzupacken, zu planen, zu diskutieren und mit Hoba zu streiten.
Themias jedoch war aufgefallen, dass sich einige der Mitglieder distanziert hatten und nicht zum Regelwerk des täglichen Tagwerks der Gemeinschaft gehörten. Der junge Mann war sich sicher, dass Caldrin bereits davon Notiz genommen hatte. Trotzdem behielt sich Themias die fehlenden Gesichter im Kopf. Denn Themias hatte im Laufe des vergangenen Sonnenlaufs einen völlig eigenen Sinn von Treue und Gerechtigkeit entwickelt. Nicht zuletzt trugen das Studium des Arkanums und natürlich auch die Sitten und Gebräuche der Felswart dazu bei.
In der Stunde, in der er Obdach am nötigsten hatte, wurde ihm diese durch eben jenen Magnus der Felswart gewährt und seine fortwährende Obacht über alle im Fluss befindlichen Begebenheiten war ein Teil seiner Dankbarkeit. Er wollte das Fundament, dass Caldrin geschaffen hatte stärken, ausbauen und weiter befestigen.
An jener frühen Morgenstunde zeigte Hoba wie das massive Gestein zu bearbeiten war. Er selbst hatte einen Steinmetz aufgesucht und sich zeigen lassen, wie die Bearbeitung dieses Materials stattfinden musste. Natürlich war einem jedem bewusst, dass man nicht an die Qualität eines Steinmetzes herankommen würde und doch lauschte die Truppe dem Architekten und Planer der neuen Feste.
Hammer und Meißel wurden zur Hand genommen. Linien wurden durch das Abschaben einer dünnen Schicht des Gesteins aufgetragen und dienten als Richtung für die Meißel.
Ein jeder der Anwesenden packte mit an, denn es war eine Masse an Felsen, die zur Baustelle gebracht wurden und bearbeitet werden mussten. Nicht ein jeder Stein würde ein Element des Mauerwerks darstellen. Es gab auch welche die in kleinere Bruchstücke zerschlagen werden mussten, um etwa fehlerhafte Bearbeitungen der Felsen mit diesem kleinen Material auffüllen zu können.
Auch Themias schuftete ebenso enthusiastisch wie die Tage zuvor. Inzwischen hatten sich Schwielen und sogar Hornhaut an seinen Händen gebildet. Es war nichts neues für ihn. Die Unterstützung auf dem Gehöft seines Großvaters resultierte immer wieder mit solchen markanten Zeichen auf Hand und Haut. Auch die Muskelmasse des jungen Mannes kehrte langsam, aber sicher wieder zurück. Die Arbeit nahm so viel Zeit ein, dass er kaum noch Momente für andere Tätigkeiten hatte.
Natürlich war da noch Zeit für ein gemeinsames Essen oder das ein oder andere Bier im Felswirt. Die regelmäßigen Waschungen fielen jedoch spärlicher aus. Nein – er war nicht dreckig. Er roch auch nicht schlecht – im Gegenteil. Er nutzte sogar noch auf Pflanzen basierende Präparate, um die Essenz ihres Geruchs an seiner Kleidung haften zu lassen. Er experimentierte gerne diesbezüglich. Doch inzwischen hatte sich ein Bartwuchs auf seinem Gesicht bemerkbar gemacht. Für alle die Themias kannten war das ungewohnt. Wäre sein Großvater an Ort und Stelle gewesen – dieser hätte mit Stolz behaupten können, dass es sich hierbei um seinen Jungen handelte.
Für Themias war es derzeit einfach eine Maßnahme, die keiner großen Beachtung bedurfte.
Und trotzdem war sein Geist wach und aufgeregt und wollte so gut wie nur möglich bei dieser enormen Aufgabe mitanpacken.
Darum kam es irgendwann dazu, dass der junge Mann die Arbeit durch das Lied unterstützen wollte.
Nachdem er sein Werkzeug bei Seite gelegt hatte, durchkämmte sein Augenmerk den naheliegenden Boden. Er war mit kleinsten Steinchen und Staub bedeckt. Es waren Überbleibsel der Bearbeitung von Stein und Holz. Themias fragte sich still und heimlich, warum einige der kleineren Klumpen der monströsen Einwirkungsgewalt des Vorschlaghammers überstanden hatten. Vielleicht vertuschte die Fassade dieser kleinen Steinchen eine Wahrheit die geheim bleiben sollte.
Er analysierte die Struktur des Lieds dieser kleinsten Gegenstände. Er brauchte nicht sonderlich viel Zeit, um zu erkennen, dass es einen Unterschied zu den restlichen Begebenheiten gab. Natürlich war das Element der Erde in allen Steinen ein natürliches Vorkommen. Erde und Feuer waren oft gegeben. Doch in diesen kleinen Steinchen versteckten sich Anhäufungen von konzentrierter, massiver Erde. Es war auch zu erkennen, dass sie einst einem Höllenfeuer ausgesetzt sein mussten. Immer noch lastete die Spur des Elements auf den Steinchen.
Themias suchte nach ähnlichen Steinen und ließ sie langsam, aber sicher auf einem konzentrierten Punkt zusammenkommen. Er wusste, wie er einen Wasserfunken schaffen konnte, durch die Umgebungsenergien. Die gleiche Prozedur sollte nun durch diese kleinen, besonderen Steinchen stattfinden. Eine solche gebündelte Energie von Erde hatte er noch nie auf einem Punkt gesehen.
In seinem Kopf malte er sich das Ergebnis bereits aus und nach eben diesem Vorbild formte er die geistlose Wesenheit.
Eine fast makellos glatte Fläche formte sich zusammen. Material mit weniger konzentrierter Erdenergie ließ er abbröckeln und zu Boden fallen. Allmählich formte sich eine kreisrunde Scheibe, die im Sonnenlicht glänzte.
Die Mithelfer der Felswart hatten bereits Notiz von Themias Tun genommen und schenkten ihm interessiert bis irritiert ihre Aufmerksamkeit.
Er befehligte die geistlose Wesenheit durch das Lied über einen der Felsen, bei welchem die Schnittlinie bereits gezogen wurde. Als würde er die Scheibe mit der linken Hand vorsichtig nehmen, drückte er diese langsam zu einer Faust zusammen und drehte sie etwas. Mit der Handbewegung drehte sich auch die funkelnde Scheibe.
Ob die Handbewegung wirklich notwendig war, war nicht ganz klar zu sehen. Themias nutzte oft seine offensichtlichen Sinne, um eben Signale zu geben, die alle anderen in seiner Umgebung verstanden. Vielleicht übersetzte er so aber auch einfach, wie er gerade auf das Lied einwirkte, um den beiwohnenden zu beschreiben, was gerade passierte.
Er setzte dieses unscheinbare Schauspiel weiter fort, zeigte mit dem Zeigefinger auf die Scheibe und wedelte diesen mit langsam, kreisenden Bewegungen. In gleicher Geschwindigkeit drehte sich die Scheibe, berührte die Schnittlinie und ein Lärmen ertönte. Themias aber wich nicht zurück und setzte das Tun fort. Die kreisende Bewegung des Fingers nahm sogar zu. Je schneller er den Finger drehte, desto öfters rotierte die kreisende Scheibe und das lärmende Kreischen zwischen Scheibe und Stein wurde lauter. Schließlich konnte man allmählich sehen, was in Themias Absicht hinter dieser Handlung gewesen war. Die Scheibe versank langsam im Stein und trennte ihn auseinander.
Als Caldrin die Hand hob, unterbrach Themias seine Aktion. Auch die kreisrunde Scheibe pausierte prompt.
>> Deine Idee ist nicht schlecht und doch solltest du dir den Felsen näher ansehen. Er nimmt Schaden.<<
Der Liedwirker schluckte als er Caldrin hörte und betrachtete den Stein ausgiebiger.
>>Vielleicht solltest du ihn kühlen.<<
Schlug Caldrin vor. Sofort analysierte Themias die Liedstruktur des bearbeiteten Felsen. Der Magnus sollte tatsächlich Recht behalten. Wärme durchtränkte den Felsen und änderte seine Liedstruktur so sehr, dass der Fels sogar an einigen Stellen Risse bekommen hatte. Auch die funkelnde Scheibe schien an Hitze hinzuzugewinnen und somit an Stabilität zu verlieren.
>>Du hast ein geschultes Auge Magnus.<<
Musste Themias schließlich zugeben, ehe er wieder in das Lied eingriff und die Energien des Wassers aus der Luft und dem feuchten Boden ansammelte. Eine zweite, geistlose Wesenheit nahm Gestalt an und gesellte sich zur steinigen Scheibe. Es vergingen einige Minuten, ehe das Schauspiel fortgesetzt wurde.
Die Wesenheit aus Wasser kühlte nun die sich in den Stein grabende Scheibe und unterdrückte die Zunahme der Hitze.
Somit war die Unterstützung durch das Lied geglückt. Trotz der Unterstützung die Themias beim Bau beitragen konnte, pflanzte er diesen fortlaufenden Prozess – eine simple Abfolge verschiedener Bewegungen – in die geistlosen Wesenheiten. Diese agierten nun autark und brauchten die Anweisungen von Themias nicht weiter.
Zielstrebig und motiviert nahm der junge Mann wieder seine Werkzeuge zur Hand und bearbeitete nachfolgend die Felsen so wie Hoba es der Truppe vorgemacht hatte.
Die Arbeit der Felswart ging weiter voran und in der naheliegenden Umgebung konnte man das Hämmern und unnatürlich laute Kreischen, das durch das Lied verursacht wurde, vernehmen.
Vielleicht hielt man es für das Gebrüll eines naheliegenden Monsters. Nur neugierige auf die Baustelle gerichtete Blicke hätten die Wahrheit offenbaren können.
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