Adel, Hof und andere Faxen
Verfasst: Samstag 5. August 2006, 19:07
Wenn es einen Himmel auf Erden gäbe, wäre es diese Taverne; dreckig, baufällig, übelriechend und aberhunderte Meilen von Varuna und dem königlichen Hofe entfernt – genau wie Chiara es mochte. Nichts ging über die Gerichte (wenn man es denn so bezeichnen wollte) im „Flinken Fuchs“, da konnte Adrian auftischen was er wollte.
Wahrscheinlich dachte die junge Assassine gerade daran, als sie ihre Zähne ein weiteres Mal in einen saftigen Hähnchenschenkel trieb. Ölige Soße troff über ihr Kinn, doch bevor sie es mit ihrem Handrücken abwischen konnte, nahm sie einen kräftigen Schluck aus der Weinflasche, um das Hähnchen hinunterzuspülen.
„Nana, wo bleiben deine Manieren, Aykira?“, fragte ihr Gegenüber. Er trug eine lange, schwarze Robe, deren Kapuze sein Gesicht bedeckte. Nur der knorrige Stab, den er sorgsam neben der Bank verstaut hatte, verriet von seiner Gebrechlichkeit.
„Manieren sind etwas für Adrian und Calor und Rika und Quarius, nicht für mich. Im Übrigen heiße ich nicht Aykira… kannst du mich nicht einmal Ich sein lassen?“ Der Vermummte erkannte sein kleines Mädchen nicht wieder.
Als er sie vom Hafen abholen wollte, sah er sein Erwachsen gewordenes Problemkind die Docks hinab schreiten. Die alten Lumpen waren einem teuren Samtkleid gewichen, die zerzausten Haare waren geschnitten, gekämmt und in Duftwasser getränkt worden, wo vorher noch Ruß ihr Gesicht bedeckte, war es nun mit heller Schminke hervorgehoben. Ihr Gang war der einer Dame bei Hofe und das Lächeln auf ihren Lippen, als sie ihren Gildenmeister sah, wird er wohl nie mehr vergessen. Und nun schien sie wieder in ihr altes Muster zurückgefallen zu sein…
„Wer ist Adrian und Calor und Rika und Quarius?“ Chiara erkannte den leisen Spott in der Stimme ihres Meisters, in dem er jedes einzelne Wort wiederholte und dabei um Himmels Willen kein „Und“ vergaß, doch war sie mit ihrem Geflügel viel zu beschäftigt, um ihm Paroli bieten zu können. „Alles edle und feine Herren und Frauen aus gutem Haus. Zu edel für diese Welt.“ Diesmal hatte sich der Spott in ihre Stimme eingeschlichen.
„Es beschleicht mich das Gefühl, dass du sie nicht magst“, erwiderte der Alte.
„Mögen? Naja, eigentlich mag ich nichts, was mit dem königlichen Hofe in Verbindung steht, insofern dürftest du Recht haben. Sie benehmen sich, als hätten alle Götter dieser Welt ein Auge auf sie geworfen aber im Grunde genommen sind sie die gleichen armen Schweine wie wir, mein Freund.“
„Arme Schweine, die sich in riesenhaften Residenzen, teuren Kleidungsstücken und jede Menge Gold suhlen“, gab er leise lachend zurück. Der Gildenmeister musste stets über seine eigenen Witze, Wortspiele und Schmunzeleien lachen. Glücklicherweise, so dachte Chiara, waren seine Denksprüche und Ratschläge hilfreicher.
„Und wer ist Raphael?“, hob er die Stimme abermals an. Chiara hatte das Gefühl, das ihr das Hähnchen im Hals stecken bleiben würde. Seid ihrer Ankunft in Khorfu hatte sie nur wenige Worte mit ihrem Meister gewechselt, doch Raphael hatte sie definitiv nie erwähnt.
„Raphael? Woher kennst du ihn?“ Der Gildenmeister musste unweigerlich schmunzeln. „Du hast seinen Namen gestern im Schlaf gemurmelt. Da wurde ich neugierig…“
„Wirklich?“ Chiaras Wangen erröteten etwas und ihre Lippen formten sich zu einem breiten Grinsen, konnte sie sich doch gar nicht daran erinnern, von ihrem Erzrivalen geträumt zu haben. Als ihr Gegenüber nickte, begann sie zu erzählen: „Raphael ist Rikas Maitresse, oder vielmehr ihr kleines Anhängsel, nenn es wie du willst. Wir spielen hin und wieder miteinander, aber ansonsten…“
„Ihr spielt miteinander?“
Chiara musste abermals grinsen und erzählte ihm von der Wette zwischen Raphael und ihr, die sie („selbstredend“ – dieses Wort hatte sie besonders betont) gewonnen hatte, wurde jedoch leise, als sie sich daran erinnerte, wie sich Raphael weigerte, seine Wettschulden zu begleichen.
„Was soll ich sagen… wir sind vom gleichen Schlag; er ist ungewollt auf die Adelsschiene geschlittert und ich habe mich in meiner Selbstüberschätzung auf dasselbe Glatteis gewagt. Er ist nicht von blauem Blute, ich bin nicht von blauem Blute. Er hasst die von blauem Blute, ich hasse die von blauem Blute.“
„Schon komisch…“
„Schon komisch?“
„Naja… du bist eine Diebin, kommst von ganz unten und bist plötzlich ganz oben. Müsstest du dich nicht pudelwohl fühlen?“
„Wenn man dich in eine Gruppe andersartiger Menschen schickt, die ihren Kindern irgendwelche überflüssigen Floskeln lehren, damit sie diese bei Hof brav aufsagen können, würdest du dich dort wohl fühlen? Diese Menschen sind dekadent und verabscheuungswürdig – die einen mehr, die anderen weniger.“
Der Gildenmeister griff bedächtig unter seine Kapuze. Chiara nahm an, dass er an seinem Bart zupfte, so wie er es immer machte, wenn er über etwas nachdachte. „Und wann möchtest du dich wieder aufs Glatteis wagen?“
Chiara wog nachdenklich den Kopf. „Um ehrlich zu sein, spiele ich mit dem Gedanken, nicht wieder nach Varuna zurückzukehren. Ich bin bereits seit über 2 Monaten abgereist, seitdem kann sich dort viel verändert haben. Außerdem…“, Chiara hielt für einen Moment inne, unschlüssig, ob sie den Satz zu Ende führen sollte, „… weiß ich nicht, ob ich dem ein zweites Mal gewachsen bin. Als ich von Khorfu abgereist bin, hatte ich hunderte von Plänen im Kopf, doch keinen davon, konnte ich verwirklichen. Was habe ich bisher denn schon erreicht?“
Sie lehnte sich etwas nach vorne, ihre Stimme wurde leiser und sie begann von der Entführung des de-Arganta-Kindes und dem Raubzug im Juweliergeschäft zu erzählen, doch im Grunde wusste sie, dass sie nicht mehr als Schelmenstreiche zu bieten hatte.
„Wenn man sich schon so lange wie du am königlichen Hofe eingeschlichen hat, kann man glaube ich nicht von Erfolglosigkeit sprechen.“, versuchte er sie zu trösten. „Jetzt, wo alles so gut läuft und du eine feste Adlige in einem festen System bist, habe ich mir gedacht, dass du das Metier wechseln solltest.“
„Ich sollte das „Metier“ wechseln?“ Chiara wusste nicht worauf er hinaus wollte, doch verriet sein Tonfall, dass es ihr gar nicht gefallen würde.
„Schau, als Diebin lebst du arm und gefährlich und musst jeden Tag fürchten, dass es dein letzter ist. Aber als Freiin von Vynterstein steht dir jeder Weg offen, den du gehen möchtest… du musst es nur wollen, verstehst du?“
Chiara verstand nicht. Sie legte den Knochen aus der Hand und blickte ihn ernst an. „Gildenmeister, ihr könnt frei sprechen!“
Ihr Gegenüber deutete ein Nicken an und sprach frei: „Chiara, ich möchte nicht mehr, dass du klaust, erpresst und tötest. Ich möchte, dass du fortan als Freiin Aykira von Vynterstein am Hofe des Königs lebst.“ Noch bevor er ganz ausgesprochen hatte, knallte Chiaras geballte Linke auf die Tischplatte, sodass es in dem ganzen Häuschen bebte.
„Gildenmeister, ich bin nicht geboren worden, um bei Hofe brav mein Sprüchlein hinunterzubeten. Ich bin nicht geboren worden, um in hübsche Kleider hingezwängt zu werden, um in Duftwasser gebadet zu werden oder um irgendeinen reichen Schnösel zu heiraten.“ Chiara ließ ihren Blick nicht von der Kapuze ab. „Ich bin geboren worden, um zu töten. DAS ist mein Metier.“
Wahrscheinlich dachte die junge Assassine gerade daran, als sie ihre Zähne ein weiteres Mal in einen saftigen Hähnchenschenkel trieb. Ölige Soße troff über ihr Kinn, doch bevor sie es mit ihrem Handrücken abwischen konnte, nahm sie einen kräftigen Schluck aus der Weinflasche, um das Hähnchen hinunterzuspülen.
„Nana, wo bleiben deine Manieren, Aykira?“, fragte ihr Gegenüber. Er trug eine lange, schwarze Robe, deren Kapuze sein Gesicht bedeckte. Nur der knorrige Stab, den er sorgsam neben der Bank verstaut hatte, verriet von seiner Gebrechlichkeit.
„Manieren sind etwas für Adrian und Calor und Rika und Quarius, nicht für mich. Im Übrigen heiße ich nicht Aykira… kannst du mich nicht einmal Ich sein lassen?“ Der Vermummte erkannte sein kleines Mädchen nicht wieder.
Als er sie vom Hafen abholen wollte, sah er sein Erwachsen gewordenes Problemkind die Docks hinab schreiten. Die alten Lumpen waren einem teuren Samtkleid gewichen, die zerzausten Haare waren geschnitten, gekämmt und in Duftwasser getränkt worden, wo vorher noch Ruß ihr Gesicht bedeckte, war es nun mit heller Schminke hervorgehoben. Ihr Gang war der einer Dame bei Hofe und das Lächeln auf ihren Lippen, als sie ihren Gildenmeister sah, wird er wohl nie mehr vergessen. Und nun schien sie wieder in ihr altes Muster zurückgefallen zu sein…
„Wer ist Adrian und Calor und Rika und Quarius?“ Chiara erkannte den leisen Spott in der Stimme ihres Meisters, in dem er jedes einzelne Wort wiederholte und dabei um Himmels Willen kein „Und“ vergaß, doch war sie mit ihrem Geflügel viel zu beschäftigt, um ihm Paroli bieten zu können. „Alles edle und feine Herren und Frauen aus gutem Haus. Zu edel für diese Welt.“ Diesmal hatte sich der Spott in ihre Stimme eingeschlichen.
„Es beschleicht mich das Gefühl, dass du sie nicht magst“, erwiderte der Alte.
„Mögen? Naja, eigentlich mag ich nichts, was mit dem königlichen Hofe in Verbindung steht, insofern dürftest du Recht haben. Sie benehmen sich, als hätten alle Götter dieser Welt ein Auge auf sie geworfen aber im Grunde genommen sind sie die gleichen armen Schweine wie wir, mein Freund.“
„Arme Schweine, die sich in riesenhaften Residenzen, teuren Kleidungsstücken und jede Menge Gold suhlen“, gab er leise lachend zurück. Der Gildenmeister musste stets über seine eigenen Witze, Wortspiele und Schmunzeleien lachen. Glücklicherweise, so dachte Chiara, waren seine Denksprüche und Ratschläge hilfreicher.
„Und wer ist Raphael?“, hob er die Stimme abermals an. Chiara hatte das Gefühl, das ihr das Hähnchen im Hals stecken bleiben würde. Seid ihrer Ankunft in Khorfu hatte sie nur wenige Worte mit ihrem Meister gewechselt, doch Raphael hatte sie definitiv nie erwähnt.
„Raphael? Woher kennst du ihn?“ Der Gildenmeister musste unweigerlich schmunzeln. „Du hast seinen Namen gestern im Schlaf gemurmelt. Da wurde ich neugierig…“
„Wirklich?“ Chiaras Wangen erröteten etwas und ihre Lippen formten sich zu einem breiten Grinsen, konnte sie sich doch gar nicht daran erinnern, von ihrem Erzrivalen geträumt zu haben. Als ihr Gegenüber nickte, begann sie zu erzählen: „Raphael ist Rikas Maitresse, oder vielmehr ihr kleines Anhängsel, nenn es wie du willst. Wir spielen hin und wieder miteinander, aber ansonsten…“
„Ihr spielt miteinander?“
Chiara musste abermals grinsen und erzählte ihm von der Wette zwischen Raphael und ihr, die sie („selbstredend“ – dieses Wort hatte sie besonders betont) gewonnen hatte, wurde jedoch leise, als sie sich daran erinnerte, wie sich Raphael weigerte, seine Wettschulden zu begleichen.
„Was soll ich sagen… wir sind vom gleichen Schlag; er ist ungewollt auf die Adelsschiene geschlittert und ich habe mich in meiner Selbstüberschätzung auf dasselbe Glatteis gewagt. Er ist nicht von blauem Blute, ich bin nicht von blauem Blute. Er hasst die von blauem Blute, ich hasse die von blauem Blute.“
„Schon komisch…“
„Schon komisch?“
„Naja… du bist eine Diebin, kommst von ganz unten und bist plötzlich ganz oben. Müsstest du dich nicht pudelwohl fühlen?“
„Wenn man dich in eine Gruppe andersartiger Menschen schickt, die ihren Kindern irgendwelche überflüssigen Floskeln lehren, damit sie diese bei Hof brav aufsagen können, würdest du dich dort wohl fühlen? Diese Menschen sind dekadent und verabscheuungswürdig – die einen mehr, die anderen weniger.“
Der Gildenmeister griff bedächtig unter seine Kapuze. Chiara nahm an, dass er an seinem Bart zupfte, so wie er es immer machte, wenn er über etwas nachdachte. „Und wann möchtest du dich wieder aufs Glatteis wagen?“
Chiara wog nachdenklich den Kopf. „Um ehrlich zu sein, spiele ich mit dem Gedanken, nicht wieder nach Varuna zurückzukehren. Ich bin bereits seit über 2 Monaten abgereist, seitdem kann sich dort viel verändert haben. Außerdem…“, Chiara hielt für einen Moment inne, unschlüssig, ob sie den Satz zu Ende führen sollte, „… weiß ich nicht, ob ich dem ein zweites Mal gewachsen bin. Als ich von Khorfu abgereist bin, hatte ich hunderte von Plänen im Kopf, doch keinen davon, konnte ich verwirklichen. Was habe ich bisher denn schon erreicht?“
Sie lehnte sich etwas nach vorne, ihre Stimme wurde leiser und sie begann von der Entführung des de-Arganta-Kindes und dem Raubzug im Juweliergeschäft zu erzählen, doch im Grunde wusste sie, dass sie nicht mehr als Schelmenstreiche zu bieten hatte.
„Wenn man sich schon so lange wie du am königlichen Hofe eingeschlichen hat, kann man glaube ich nicht von Erfolglosigkeit sprechen.“, versuchte er sie zu trösten. „Jetzt, wo alles so gut läuft und du eine feste Adlige in einem festen System bist, habe ich mir gedacht, dass du das Metier wechseln solltest.“
„Ich sollte das „Metier“ wechseln?“ Chiara wusste nicht worauf er hinaus wollte, doch verriet sein Tonfall, dass es ihr gar nicht gefallen würde.
„Schau, als Diebin lebst du arm und gefährlich und musst jeden Tag fürchten, dass es dein letzter ist. Aber als Freiin von Vynterstein steht dir jeder Weg offen, den du gehen möchtest… du musst es nur wollen, verstehst du?“
Chiara verstand nicht. Sie legte den Knochen aus der Hand und blickte ihn ernst an. „Gildenmeister, ihr könnt frei sprechen!“
Ihr Gegenüber deutete ein Nicken an und sprach frei: „Chiara, ich möchte nicht mehr, dass du klaust, erpresst und tötest. Ich möchte, dass du fortan als Freiin Aykira von Vynterstein am Hofe des Königs lebst.“ Noch bevor er ganz ausgesprochen hatte, knallte Chiaras geballte Linke auf die Tischplatte, sodass es in dem ganzen Häuschen bebte.
„Gildenmeister, ich bin nicht geboren worden, um bei Hofe brav mein Sprüchlein hinunterzubeten. Ich bin nicht geboren worden, um in hübsche Kleider hingezwängt zu werden, um in Duftwasser gebadet zu werden oder um irgendeinen reichen Schnösel zu heiraten.“ Chiara ließ ihren Blick nicht von der Kapuze ab. „Ich bin geboren worden, um zu töten. DAS ist mein Metier.“