Mein Blut für euch
Verfasst: Montag 31. Juli 2006, 21:15
Schlaf gut, Darna
"Mädchenhändler" - es dröhnte immer wieder durch ihren Kopf. Sie versuchte, sich Birnensaft in ihr Glas einzugießen, doch die zitternden Hände schafften es nicht einmal richtig, die Karaffe anzuheben.
Neben ihr saß Adrenalon und beobachtete sie, hinter seiner Stirn arbeitete es sichtlich. Was war los, daß Darna neben ihm saß wie... ein Wrack? Sorgenfalten, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, dunkle Augenringe unter den müden und leer blickenden kastanienbraunen Augen. Mit ernster Miene saß Rafael ihnen schräg gegenüber, Selissa neben ihm, immer wieder kaute sie an den Fingernägeln.
Viola - gefangen. Der Bogen lag in den Quartieren, das kunstvoll geschnitzte mächtige Gebilde, in Kompositbauart verstärkt, das "CH" des Clans eingebrannt. Violas Bogen. Eine Waffe, die das Mädchen nie freiwillig zurückgelassen hätte. Nicht so. Nicht...
Mit leerem Blick drehte sie das Glas in der Hand. Sie hatte sich doch etwas eingegossen - eben? Ein wenig hatte sie gekleckert. Egal. Wo mochte Viola sein? Leif hatte sie ihr anvertraut, der Clan hatte ihr vertraut und jetzt war Viola sonstwo, litt, und sie saß hier, kein Ton, keine weitere Spur, nichts... sie hob den Kopf, sah Adrenalon an.
"Verzeih, was hast du gesagt?"
"Du gehörst ins Bett", stellte er fest, die Sorge deutlich hörbar.
Schlafen... Letzte Nacht eine Stunde, wenn überhaupt. "Ich kann nicht schlafen."
"Frau von Elbenau, versucht es wenigstens", ließ sich Rafael vernehmen.
"Wir könnten dir einen Schlaftrunk brauen", schlug Selissa eifrig vor.
"Untersteh dich", entfuhr es ihr unwillkürlich. Sie konnte gut darauf verzichten, wieder gekochtes Honigale zu saufen.
"Am morgigen Tage werdet Ihr und all eure Kräfte gebraucht."
Morgen - erst morgen... drei Tage... sie wusste, daß er recht hatte. Sie war fertig. Langsam und stetig hatten die letzten Wochen, Monate ihre Kraftreserven aufgebraucht, sie war von einem Termin zu nächsten gehetzt, hatte sich bemüht, für jeden da zu sein, von der Garde bis zum Straßenkind, und es reichte nicht. Und jetzt das. Zuviel. Hatte sie ihre Lektion nicht gelernt gehabt?
"Ihr würdet das Leid der ganzen Welt auf Euren Schultern tragen, wenn man Euch ließe."
Und wer litt darunter nun? Einer der Menschen, die ihr am meisten am Herzen lagen. In etwas unwirscher, fahriger Geste hob sie das Glas an - es rutschte durch die zittrigen, verschwitzten Finger und knallte auf den Tisch, der Saft verteilte sich über die wuchtige Steinplatte.
"Das ist doch... Dreck nochmal." So selten sie fluchte, selbst dies nun klang müde.
"Ich hol Euch ein Mittel, damit Ihr schlafen könnt, Frau von Elbenau. Wenigstens ein paar Stunden."
"Dann können mich die Wachen nicht wecken, wenn was ist...", fuhr es ihr durch den Sinn, fast panisch, rasch hielt sie ihn auf: "Schon gut, Milord... Frau Nyell hat mir schon was in der Art mitgegeben."
"Darna, Ihr braucht wirklich Ruhe", betonte Rafael ernst.
Nyell hatte davon geredet, schon vor der Hochzeit - wenn ihre Kräfte erschöpft wären, solle sie diesen Trank nehmen, er würde recht zügig wirken.
"Ich hab nebenan diesen Trunk, er soll einen wieder auf die Beine bringen, Moment...", sie ging durch den Vorhang, murmelte mißbilligend weiter, "Ich hatte nur nicht gedacht, daß ich so schnell... ach egal..."
"Haaaaaaaaaaaaalt!" Die kräftige Gestalt des Paladins schob sich plötzlich an ihr im Flur zu den Rittergemächern vorbei und baute sich vor ihr auf. "Ihr wollt Euch doch jetzt nicht wirklich noch künstlich wach halten mit einem Trank, der Euch die Müdigkeit nimmt?"
"Sie sagte, der Trank sorgt für Erholung, steht auch auf dem Etikett: 'sanfte Erholung'", betonte sie, doch Rafael schien weniger davon zu halten. "Falsch - da sollte drauf stehen 'Schlaf'. Ich schwöre Euch, wenn Ihr jetzt etwas trinkt, das Euch ein wenig belebt statt daß Ihr durch Schlaf Euch erholt, sperre ich Euch bei der Suche morgen in die Vorratskammer!"
Adrenalon war hinter ihr durch den Vorgang getreten bei der Debatte und verschränkte typisch die Arme vor der Brust.
"Denn lässt der Trank nach, seid Ihr dreimal so fertig und brecht mir womöglich noch zusammen!", wetterte der Paladin weiter.
Schon wieder dieses Betüddeln...
"Wenn ich jetzt durch einen Trank schlafe und nicht mitbekomme, wenn die Hinrahs vor dem Tor stehen...", energisch riß sie den Arm dabei zurück, um grob Richtung Tor zu deuten.
Energisch riß Adrenalon seinen Kopf zurück, um seine Nase in Sicherheit zu bringen.
Irgendwas war hinter ihr, das merkte sie nun und fuhr herum, starrte ihn erschrocken an. "Oh Himmel, entschuldige..."
"Du solltest jetzt schlafen gehen. Ohne Diskussion", forderte er ernst, "Wem willst du in deinem Zustand helfen?"
"Wenn ich ein Messer an der Kehle habe, werde ich einen Dolch dabei haben, Darna - weil Ihr zu lange zögert", hallte eine nicht lange gnug verklungene Stimme durch ihren Kopf und irgendwas in ihr wehrte sich verzweifelt und kapitulierte.
Selbst um ihre Rüstung, die sie nun schon seit letzter Nacht fast getragen hatte, wollten sie sich kümmern.
"Sie ist wirklich stur", kommentierte Selissa leise. Adrenalon nickte nur.
Sie hatte sich zurückgezogen, um die Rüstung abzuschnallen, schaute auf ihre schweißnassen Hände.
"Das darf nicht sein, das darf mich doch nicht so... fertig machen", wisperte sie leise und spürte eine kräftige und sanfte Hand an ihrem Arm, drehte sich um, lehnte erschöpft ihr Gesicht auf Adrenalons Schulter.
Kostbare Momente zu zweit.
"Du solltest ab und zu auch mal an dich denken, wenn es soweit ist. Das tut mir in der Seele weh, dich so zu sehen, weisst du das eigentlich?"
Welches Bild Viola wohl in diesen Stunden bot? "Kann man zuviel an andere denken?"
"Denke daran - ich bin immer für dich da." Sanft gab er ihr einen Kuß auf die Wange.
"Ja... und dafür danke ich dir auch", wisperte sie zurück.
Daß Selissa sich um ihre Rüstung kümmern wollte, löste fast den nächsten Faden an, der die Ritterin Stück für Stück aufreppeln ließ wie einen alten gestrickten Pullovor.
"Ich habe Angst vor Wasser..weißt du..", brachte Selissa leise heraus.
"A... ab.. aber... warum?"
"Ich weiß nicht warum. Das ist schon seit ich denken kann so."
Sie schaute auf die schmutzigen Füße, in das weiche, ungewaschene Gesicht, schüttelte verständnislos den Kopf. Das stand im Weg... sowas?! Das musste irgendwie behoben werden...
"Ich... wir ... lassen uns da irgendwas zu einfallen. Es... tut mir leid, ich wollte dir auch nicht wehtun, ich..."
"Darna? Mach dir keinen Kopf, ja? Du hast genug andere Sorgen zur Zeit und jetzt geh besser schlafen, ich bring dir dann die Katze."
Gelmira. Das kleine abgemagerte Tierchen, das Selissa ihr in der festen Gewissheit überlassen hatte, daß es der Katze bei ihr und im Schloß gutgehen würde.
Schlafen... ach ja, da war ja was. Adrenalon schaute schon vorwurfsvoll, als sie nach dem längeren Gespräch wieder in die Zimmer zurückkamen.
"Soviel zum Thema schlafen, Darna", meinte er trocken. Unschuldig summend schlich sie in ihr Separée wie ein ertapptes Kind beim Honigklau und wechselte die Rüstung endlich gegen ein Nachthemd.
Ihr Blick fiel darunter auf die kleine giftgrüne Phiole, die darunter lag, verlockend lächelte ihr das Etikett entgegen... "sanfte Erholung"...
Jemand trat hinter ihr ein, rasch schob sie die Schublade zu.
Adrenalons Blick wanderte zu ihren Augen, dann zu der Schublade. "Untersteh dich, was immer da drin ist." Sie liebte ihn ja nicht, weil er dumm war, aber gerade war es irgendwie lästig...
Sie versuchte, die Situation zu überspielen: "Soviel zu deinen Manieren... kommst rein, ohne anzuklopfen." Witzig - wie auch, bei einzig abgrenzenden Vorhängen?
"Du solltest mich doch langsam kennen", lachte er leise. "Nein, ehrlich, entschuldige."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, wie er es so gerne tat.
"Wenn Ihr keinen Durchsuchungsbefehl habt, hinaus mit Euch, Korporal."
"Jawohl, Herr Hauptmann!", erwiderte er grinsend und drehte auf dem Hacken um. Sehnsüchtig sah sie ihm nach. Nie alleine...
wieder erhängte sich die Angenehmheit des Gedankens, sobald sie den Bogen zu Viola schlug.
Sie lag im Bett und starrte auf den linken Vorhang. Abwesend streichelte sie Gelmira, daß das Schnurren bis zum Korporal und dem Mädchen drang, die sich über eine der mit Sicherheit bestgepflegtesten Rüstungen des Reiches unterhielten.
Was mochte nur aus Fuchs geworden sein, hatte er den Weg durch Grimwould gefunden? Violas Leben hing womöglich davon ab.
Sie lag im Bett und starrte auf den rechten Vorhang. "Du magst Darna sehr, hm?", fragte Selissa unverblümt und überrollte nun den Mann, an dem das Herz der Ritterin hing, mit ihrer kindlich offenen Art.
Teils lauschte sie, teils klangen die Worte zu gedämpft, nur die groben Sinnabläufe des Gespräches mitzuverfolgen.
Wieviel Unschuld verlor Viola in diesen Momenten, würde diese Seele, die in den Wochen unter ihren Augen auf so überraschende Weise blüh und gedieh, nicht wieder gutzumachenden Schaden nehmen? Konnte das Kind in ihr sterben? Konnte es sie ganz zurückwerfen?
Sie lag im Bett und starrte an die Decke. Hilflos. Sie fühlte, daß ihre Lider schwer wie Blei waren, doch außer Alpträumen erwartete sie von diesem Schlaf nichts.
Draußen unterhielten sie sich über Adrian Greif. Darna richtete sich auf und stützte die Ellbogen auf die Matratze, horchte genauer.
"Ich bin doch sicherlich nicht der einzigste, mit dem er es sich verscherzt hat, oder?", fragte Adrenalon gerade.
"Ich glaub, nur mit dir und Darna."
"Nur...", ging es Darna doch mit gewissem Sarkasmus durch den Sinn, "recht hinderlich für jemanden, der in die Garde will... Aber er hat ja einiges bereits bewiesen. Wenn ich nur endlich die Brandschutzübung organisiert bekäme..."
"Wenn er es wirklich ernst meint, dann soll er zu mir kommen, sich vor mich hinstellen... und sich vernnftig und ernstzunehmend bei mir entschuldigen. Es soll dem Mumm haben, dafür geradezustehen, was er getan und gesagt hat, denn das müssen wir alle."
"Adrian hat den Schritt gemacht und Rahal verlassen.. wenn er hier nun aber keinen Halt und keine Ziele findet, was glaubst du, wird er dann tun?"
Darna ging ihre eigene Antwort durch den Kopf, es war nur ein nüchterner Vergleich: Luzcilla.
"Es muß was geschehen, sonst verlieren wir ihn wieder." Noch eine Aufgabe. Keine neue. Doch eine der vielen, für die sie zu lange keine Zeit mehr gefunden hatte.
Es reichte. Statt Ruhe zu finden, wurde sie nur auf immer mehr Lasten aufmerksam, die sie inzwischen sicher und stetig zu zerquetschen begannen, aufrieben.
Adrenalon und Selissa begannen, sich über irgendwelchen Kirschsaft zu unterhalten, den das Mädchen über ihn geschüttet hatte, weil sie der Meinung gewesen war, er hätte es verdient - nun schlossen sie Frieden.
Mit leisem Ruckeln, immer dann, wenn gerade Worte erklangen, zog Darna die Schublade auf, angelte die grüne Phiole heraus. Sie würde das Zeug trinken, egal was Rafael drohte. Wenn sie schneller erholt war, als gedacht, würde sie eben ein paar Stunden so tun, als schliefe sie, und dann war gut.
Sie trank zügig aus, der leicht süßliche Geschmack war ihr sogar ziemlich egal und stellte die Phiole leise wieder ab. Jetzt musste sie nur abwarten, was passieren würde.
Angenehme Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Kopfschmerzen hatte sie aber noch. Und diese blöde Kraftlosigkeit... sie hob die Hand zum Mund, als sie herzhaft gähnen musste. Kurz danach dragen seltsam entfernt und klar zugleich Worte von Selissa an ihr Ohr:
"Willst du Darna heiraten?"
Sie drehte den Kopf und starrte auf den Vorhang. WAS?! Sie wartete auf den Protest von Adrenalon. Es blieb still. Vermutlich war er zu geschockt. Sie lehnte sich etwas vor, unterdrückte ein weiteres Gähnen. Da, er sagte was, was sagte er?
"Ich denke, die Zeit für solche Dinge ist noch nicht gekommen. Uns werden viele Steine in den Weg gelegt, begründet durch ihre Familie, diese Umgebung hier und auch durch meine Vergangenheit."
Das klang vernünftig - und mehr hatte er nicht dazu zu sagen??
Bleiern fielen ihr die Augen zu.
"Oh nein, doch nicht ausgerechnet jetzt...", murmelte sie. Ihre Zunge fühlte sich an wie ein altersschwacher Waschlappen. Dieser Trank ließ sie doch nicht etwa schlafen, götterverflixt?!
"Aber..."
Adrenalon schien irgendwas hinzufügen zu wollen. Sie lehnte sich noch weiter vor. Wach bleibeeeen... irgendwas legte sich wie ekelhaft weiche Watte um ihren Kopf. Hatte er noch was gesagt?
"...wenn es auch ihr Wunsch sein sollte, dann wird es vielleicht irgendwann so sein."
Keinen Lidschlag darauf zuckten die beiden zusammen, als aus Darnas Schlafkammer ein dumpfes Poltern erklang.
"Sie ist aus dem Bett gefallen", sagte Selissa leise. Hinter ihr versuchte Adrenalon, irgendwas zu sehen. Darna lag noch mit den Füßen oben auf dem Bett, halb in die Decke gewickelt, unten am Boden. Auf der Kommode stand die leere Phiole.
"Darna, was um alles in der Welt machst du da?!?"
"Was war da drin? Ein Schlafmittel?", fragte Selissa und rüttelte sanft an der Ritterin, doch die schien sich davon gar nicht stören zu lassen.
"Auf dem Etikett steht 'Sanfte Erholung'", las Adrenalon vor und schaute Darna skeptisch an. "Hm. Sieht man ja, wie sanft diese Erholung ist."
Mit einer Mischung aus Verärgerung und Amusement hob er den schlaffen Körper wie einen nassen Sack an und legte sie zurück ins Bett.
"Zumindest schläft sie nun."
"Das kann man so sagen, ja. Mal sehen, wann sie morgen aufwachen wird."
(die restliche Nacht, den gesamten Vormittag und etwa vier Stunden später)
Eileen redete ungerührt laut inzwischen, auf der Bettkante von der Ritterin Schlafstatt sitzend - sie war sich sicher, daß das nach Zwicken, ins Ohr brüllen und Wasser über den Kopf schütten auch nichts ändern würde, und wenn, konnte es nur gut sein.
Seine Hoheit stand nicht weit entfernt und schüttelte den Kopf.
"Sollte sie bis zur Ritterweihe in Bälde verschlafen, seien zwei Dinge angeordnet: Zum einen werfen wir sie dann oben in die Badewanne, hoffntlich wacht sie davon dann endlich auf. Zum anderen wünsche ich dann diese Frau Nyell zu sprechen, von der der Trank ist."
Eingekuschelt in die Kissen lag Darna, selig schlafend, die Augenringe auf wundersame Weise verschwunden - fast mädchenhaft friedlich wirkte das Gesicht, wären die Narben nicht gewesen.
Doch zu ihrem und Nyells Glück wachte sie rechtzeitig zu Cathals Ritterweihe auf, hervorragend ausgeruht, selbst der Geist schien Erholung gefunden zu haben.
Keiner ahnte zu dieser Stunde, in welcher Art es ihre Kraft in Kürze brauchen würde...
"Mädchenhändler" - es dröhnte immer wieder durch ihren Kopf. Sie versuchte, sich Birnensaft in ihr Glas einzugießen, doch die zitternden Hände schafften es nicht einmal richtig, die Karaffe anzuheben.
Neben ihr saß Adrenalon und beobachtete sie, hinter seiner Stirn arbeitete es sichtlich. Was war los, daß Darna neben ihm saß wie... ein Wrack? Sorgenfalten, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, dunkle Augenringe unter den müden und leer blickenden kastanienbraunen Augen. Mit ernster Miene saß Rafael ihnen schräg gegenüber, Selissa neben ihm, immer wieder kaute sie an den Fingernägeln.
Viola - gefangen. Der Bogen lag in den Quartieren, das kunstvoll geschnitzte mächtige Gebilde, in Kompositbauart verstärkt, das "CH" des Clans eingebrannt. Violas Bogen. Eine Waffe, die das Mädchen nie freiwillig zurückgelassen hätte. Nicht so. Nicht...
Mit leerem Blick drehte sie das Glas in der Hand. Sie hatte sich doch etwas eingegossen - eben? Ein wenig hatte sie gekleckert. Egal. Wo mochte Viola sein? Leif hatte sie ihr anvertraut, der Clan hatte ihr vertraut und jetzt war Viola sonstwo, litt, und sie saß hier, kein Ton, keine weitere Spur, nichts... sie hob den Kopf, sah Adrenalon an.
"Verzeih, was hast du gesagt?"
"Du gehörst ins Bett", stellte er fest, die Sorge deutlich hörbar.
Schlafen... Letzte Nacht eine Stunde, wenn überhaupt. "Ich kann nicht schlafen."
"Frau von Elbenau, versucht es wenigstens", ließ sich Rafael vernehmen.
"Wir könnten dir einen Schlaftrunk brauen", schlug Selissa eifrig vor.
"Untersteh dich", entfuhr es ihr unwillkürlich. Sie konnte gut darauf verzichten, wieder gekochtes Honigale zu saufen.
"Am morgigen Tage werdet Ihr und all eure Kräfte gebraucht."
Morgen - erst morgen... drei Tage... sie wusste, daß er recht hatte. Sie war fertig. Langsam und stetig hatten die letzten Wochen, Monate ihre Kraftreserven aufgebraucht, sie war von einem Termin zu nächsten gehetzt, hatte sich bemüht, für jeden da zu sein, von der Garde bis zum Straßenkind, und es reichte nicht. Und jetzt das. Zuviel. Hatte sie ihre Lektion nicht gelernt gehabt?
"Ihr würdet das Leid der ganzen Welt auf Euren Schultern tragen, wenn man Euch ließe."
Und wer litt darunter nun? Einer der Menschen, die ihr am meisten am Herzen lagen. In etwas unwirscher, fahriger Geste hob sie das Glas an - es rutschte durch die zittrigen, verschwitzten Finger und knallte auf den Tisch, der Saft verteilte sich über die wuchtige Steinplatte.
"Das ist doch... Dreck nochmal." So selten sie fluchte, selbst dies nun klang müde.
"Ich hol Euch ein Mittel, damit Ihr schlafen könnt, Frau von Elbenau. Wenigstens ein paar Stunden."
"Dann können mich die Wachen nicht wecken, wenn was ist...", fuhr es ihr durch den Sinn, fast panisch, rasch hielt sie ihn auf: "Schon gut, Milord... Frau Nyell hat mir schon was in der Art mitgegeben."
"Darna, Ihr braucht wirklich Ruhe", betonte Rafael ernst.
Nyell hatte davon geredet, schon vor der Hochzeit - wenn ihre Kräfte erschöpft wären, solle sie diesen Trank nehmen, er würde recht zügig wirken.
"Ich hab nebenan diesen Trunk, er soll einen wieder auf die Beine bringen, Moment...", sie ging durch den Vorhang, murmelte mißbilligend weiter, "Ich hatte nur nicht gedacht, daß ich so schnell... ach egal..."
"Haaaaaaaaaaaaalt!" Die kräftige Gestalt des Paladins schob sich plötzlich an ihr im Flur zu den Rittergemächern vorbei und baute sich vor ihr auf. "Ihr wollt Euch doch jetzt nicht wirklich noch künstlich wach halten mit einem Trank, der Euch die Müdigkeit nimmt?"
"Sie sagte, der Trank sorgt für Erholung, steht auch auf dem Etikett: 'sanfte Erholung'", betonte sie, doch Rafael schien weniger davon zu halten. "Falsch - da sollte drauf stehen 'Schlaf'. Ich schwöre Euch, wenn Ihr jetzt etwas trinkt, das Euch ein wenig belebt statt daß Ihr durch Schlaf Euch erholt, sperre ich Euch bei der Suche morgen in die Vorratskammer!"
Adrenalon war hinter ihr durch den Vorgang getreten bei der Debatte und verschränkte typisch die Arme vor der Brust.
"Denn lässt der Trank nach, seid Ihr dreimal so fertig und brecht mir womöglich noch zusammen!", wetterte der Paladin weiter.
Schon wieder dieses Betüddeln...
"Wenn ich jetzt durch einen Trank schlafe und nicht mitbekomme, wenn die Hinrahs vor dem Tor stehen...", energisch riß sie den Arm dabei zurück, um grob Richtung Tor zu deuten.
Energisch riß Adrenalon seinen Kopf zurück, um seine Nase in Sicherheit zu bringen.
Irgendwas war hinter ihr, das merkte sie nun und fuhr herum, starrte ihn erschrocken an. "Oh Himmel, entschuldige..."
"Du solltest jetzt schlafen gehen. Ohne Diskussion", forderte er ernst, "Wem willst du in deinem Zustand helfen?"
"Wenn ich ein Messer an der Kehle habe, werde ich einen Dolch dabei haben, Darna - weil Ihr zu lange zögert", hallte eine nicht lange gnug verklungene Stimme durch ihren Kopf und irgendwas in ihr wehrte sich verzweifelt und kapitulierte.
Selbst um ihre Rüstung, die sie nun schon seit letzter Nacht fast getragen hatte, wollten sie sich kümmern.
"Sie ist wirklich stur", kommentierte Selissa leise. Adrenalon nickte nur.
Sie hatte sich zurückgezogen, um die Rüstung abzuschnallen, schaute auf ihre schweißnassen Hände.
"Das darf nicht sein, das darf mich doch nicht so... fertig machen", wisperte sie leise und spürte eine kräftige und sanfte Hand an ihrem Arm, drehte sich um, lehnte erschöpft ihr Gesicht auf Adrenalons Schulter.
Kostbare Momente zu zweit.
"Du solltest ab und zu auch mal an dich denken, wenn es soweit ist. Das tut mir in der Seele weh, dich so zu sehen, weisst du das eigentlich?"
Welches Bild Viola wohl in diesen Stunden bot? "Kann man zuviel an andere denken?"
"Denke daran - ich bin immer für dich da." Sanft gab er ihr einen Kuß auf die Wange.
"Ja... und dafür danke ich dir auch", wisperte sie zurück.
Daß Selissa sich um ihre Rüstung kümmern wollte, löste fast den nächsten Faden an, der die Ritterin Stück für Stück aufreppeln ließ wie einen alten gestrickten Pullovor.
"Ich habe Angst vor Wasser..weißt du..", brachte Selissa leise heraus.
"A... ab.. aber... warum?"
"Ich weiß nicht warum. Das ist schon seit ich denken kann so."
Sie schaute auf die schmutzigen Füße, in das weiche, ungewaschene Gesicht, schüttelte verständnislos den Kopf. Das stand im Weg... sowas?! Das musste irgendwie behoben werden...
"Ich... wir ... lassen uns da irgendwas zu einfallen. Es... tut mir leid, ich wollte dir auch nicht wehtun, ich..."
"Darna? Mach dir keinen Kopf, ja? Du hast genug andere Sorgen zur Zeit und jetzt geh besser schlafen, ich bring dir dann die Katze."
Gelmira. Das kleine abgemagerte Tierchen, das Selissa ihr in der festen Gewissheit überlassen hatte, daß es der Katze bei ihr und im Schloß gutgehen würde.
Schlafen... ach ja, da war ja was. Adrenalon schaute schon vorwurfsvoll, als sie nach dem längeren Gespräch wieder in die Zimmer zurückkamen.
"Soviel zum Thema schlafen, Darna", meinte er trocken. Unschuldig summend schlich sie in ihr Separée wie ein ertapptes Kind beim Honigklau und wechselte die Rüstung endlich gegen ein Nachthemd.
Ihr Blick fiel darunter auf die kleine giftgrüne Phiole, die darunter lag, verlockend lächelte ihr das Etikett entgegen... "sanfte Erholung"...
Jemand trat hinter ihr ein, rasch schob sie die Schublade zu.
Adrenalons Blick wanderte zu ihren Augen, dann zu der Schublade. "Untersteh dich, was immer da drin ist." Sie liebte ihn ja nicht, weil er dumm war, aber gerade war es irgendwie lästig...
Sie versuchte, die Situation zu überspielen: "Soviel zu deinen Manieren... kommst rein, ohne anzuklopfen." Witzig - wie auch, bei einzig abgrenzenden Vorhängen?
"Du solltest mich doch langsam kennen", lachte er leise. "Nein, ehrlich, entschuldige."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, wie er es so gerne tat.
"Wenn Ihr keinen Durchsuchungsbefehl habt, hinaus mit Euch, Korporal."
"Jawohl, Herr Hauptmann!", erwiderte er grinsend und drehte auf dem Hacken um. Sehnsüchtig sah sie ihm nach. Nie alleine...
wieder erhängte sich die Angenehmheit des Gedankens, sobald sie den Bogen zu Viola schlug.
Sie lag im Bett und starrte auf den linken Vorhang. Abwesend streichelte sie Gelmira, daß das Schnurren bis zum Korporal und dem Mädchen drang, die sich über eine der mit Sicherheit bestgepflegtesten Rüstungen des Reiches unterhielten.
Was mochte nur aus Fuchs geworden sein, hatte er den Weg durch Grimwould gefunden? Violas Leben hing womöglich davon ab.
Sie lag im Bett und starrte auf den rechten Vorhang. "Du magst Darna sehr, hm?", fragte Selissa unverblümt und überrollte nun den Mann, an dem das Herz der Ritterin hing, mit ihrer kindlich offenen Art.
Teils lauschte sie, teils klangen die Worte zu gedämpft, nur die groben Sinnabläufe des Gespräches mitzuverfolgen.
Wieviel Unschuld verlor Viola in diesen Momenten, würde diese Seele, die in den Wochen unter ihren Augen auf so überraschende Weise blüh und gedieh, nicht wieder gutzumachenden Schaden nehmen? Konnte das Kind in ihr sterben? Konnte es sie ganz zurückwerfen?
Sie lag im Bett und starrte an die Decke. Hilflos. Sie fühlte, daß ihre Lider schwer wie Blei waren, doch außer Alpträumen erwartete sie von diesem Schlaf nichts.
Draußen unterhielten sie sich über Adrian Greif. Darna richtete sich auf und stützte die Ellbogen auf die Matratze, horchte genauer.
"Ich bin doch sicherlich nicht der einzigste, mit dem er es sich verscherzt hat, oder?", fragte Adrenalon gerade.
"Ich glaub, nur mit dir und Darna."
"Nur...", ging es Darna doch mit gewissem Sarkasmus durch den Sinn, "recht hinderlich für jemanden, der in die Garde will... Aber er hat ja einiges bereits bewiesen. Wenn ich nur endlich die Brandschutzübung organisiert bekäme..."
"Wenn er es wirklich ernst meint, dann soll er zu mir kommen, sich vor mich hinstellen... und sich vernnftig und ernstzunehmend bei mir entschuldigen. Es soll dem Mumm haben, dafür geradezustehen, was er getan und gesagt hat, denn das müssen wir alle."
"Adrian hat den Schritt gemacht und Rahal verlassen.. wenn er hier nun aber keinen Halt und keine Ziele findet, was glaubst du, wird er dann tun?"
Darna ging ihre eigene Antwort durch den Kopf, es war nur ein nüchterner Vergleich: Luzcilla.
"Es muß was geschehen, sonst verlieren wir ihn wieder." Noch eine Aufgabe. Keine neue. Doch eine der vielen, für die sie zu lange keine Zeit mehr gefunden hatte.
Es reichte. Statt Ruhe zu finden, wurde sie nur auf immer mehr Lasten aufmerksam, die sie inzwischen sicher und stetig zu zerquetschen begannen, aufrieben.
Adrenalon und Selissa begannen, sich über irgendwelchen Kirschsaft zu unterhalten, den das Mädchen über ihn geschüttet hatte, weil sie der Meinung gewesen war, er hätte es verdient - nun schlossen sie Frieden.
Mit leisem Ruckeln, immer dann, wenn gerade Worte erklangen, zog Darna die Schublade auf, angelte die grüne Phiole heraus. Sie würde das Zeug trinken, egal was Rafael drohte. Wenn sie schneller erholt war, als gedacht, würde sie eben ein paar Stunden so tun, als schliefe sie, und dann war gut.
Sie trank zügig aus, der leicht süßliche Geschmack war ihr sogar ziemlich egal und stellte die Phiole leise wieder ab. Jetzt musste sie nur abwarten, was passieren würde.
Angenehme Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Kopfschmerzen hatte sie aber noch. Und diese blöde Kraftlosigkeit... sie hob die Hand zum Mund, als sie herzhaft gähnen musste. Kurz danach dragen seltsam entfernt und klar zugleich Worte von Selissa an ihr Ohr:
"Willst du Darna heiraten?"
Sie drehte den Kopf und starrte auf den Vorhang. WAS?! Sie wartete auf den Protest von Adrenalon. Es blieb still. Vermutlich war er zu geschockt. Sie lehnte sich etwas vor, unterdrückte ein weiteres Gähnen. Da, er sagte was, was sagte er?
"Ich denke, die Zeit für solche Dinge ist noch nicht gekommen. Uns werden viele Steine in den Weg gelegt, begründet durch ihre Familie, diese Umgebung hier und auch durch meine Vergangenheit."
Das klang vernünftig - und mehr hatte er nicht dazu zu sagen??
Bleiern fielen ihr die Augen zu.
"Oh nein, doch nicht ausgerechnet jetzt...", murmelte sie. Ihre Zunge fühlte sich an wie ein altersschwacher Waschlappen. Dieser Trank ließ sie doch nicht etwa schlafen, götterverflixt?!
"Aber..."
Adrenalon schien irgendwas hinzufügen zu wollen. Sie lehnte sich noch weiter vor. Wach bleibeeeen... irgendwas legte sich wie ekelhaft weiche Watte um ihren Kopf. Hatte er noch was gesagt?
"...wenn es auch ihr Wunsch sein sollte, dann wird es vielleicht irgendwann so sein."
Keinen Lidschlag darauf zuckten die beiden zusammen, als aus Darnas Schlafkammer ein dumpfes Poltern erklang.
"Sie ist aus dem Bett gefallen", sagte Selissa leise. Hinter ihr versuchte Adrenalon, irgendwas zu sehen. Darna lag noch mit den Füßen oben auf dem Bett, halb in die Decke gewickelt, unten am Boden. Auf der Kommode stand die leere Phiole.
"Darna, was um alles in der Welt machst du da?!?"
"Was war da drin? Ein Schlafmittel?", fragte Selissa und rüttelte sanft an der Ritterin, doch die schien sich davon gar nicht stören zu lassen.
"Auf dem Etikett steht 'Sanfte Erholung'", las Adrenalon vor und schaute Darna skeptisch an. "Hm. Sieht man ja, wie sanft diese Erholung ist."
Mit einer Mischung aus Verärgerung und Amusement hob er den schlaffen Körper wie einen nassen Sack an und legte sie zurück ins Bett.
"Zumindest schläft sie nun."
"Das kann man so sagen, ja. Mal sehen, wann sie morgen aufwachen wird."
(die restliche Nacht, den gesamten Vormittag und etwa vier Stunden später)
Eileen redete ungerührt laut inzwischen, auf der Bettkante von der Ritterin Schlafstatt sitzend - sie war sich sicher, daß das nach Zwicken, ins Ohr brüllen und Wasser über den Kopf schütten auch nichts ändern würde, und wenn, konnte es nur gut sein.
Seine Hoheit stand nicht weit entfernt und schüttelte den Kopf.
"Sollte sie bis zur Ritterweihe in Bälde verschlafen, seien zwei Dinge angeordnet: Zum einen werfen wir sie dann oben in die Badewanne, hoffntlich wacht sie davon dann endlich auf. Zum anderen wünsche ich dann diese Frau Nyell zu sprechen, von der der Trank ist."
Eingekuschelt in die Kissen lag Darna, selig schlafend, die Augenringe auf wundersame Weise verschwunden - fast mädchenhaft friedlich wirkte das Gesicht, wären die Narben nicht gewesen.
Doch zu ihrem und Nyells Glück wachte sie rechtzeitig zu Cathals Ritterweihe auf, hervorragend ausgeruht, selbst der Geist schien Erholung gefunden zu haben.
Keiner ahnte zu dieser Stunde, in welcher Art es ihre Kraft in Kürze brauchen würde...