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Mein Blut für euch

Verfasst: Montag 31. Juli 2006, 21:15
von Darna von Hohenfels
Schlaf gut, Darna

"Mädchenhändler" - es dröhnte immer wieder durch ihren Kopf. Sie versuchte, sich Birnensaft in ihr Glas einzugießen, doch die zitternden Hände schafften es nicht einmal richtig, die Karaffe anzuheben.
Neben ihr saß Adrenalon und beobachtete sie, hinter seiner Stirn arbeitete es sichtlich. Was war los, daß Darna neben ihm saß wie... ein Wrack? Sorgenfalten, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, dunkle Augenringe unter den müden und leer blickenden kastanienbraunen Augen. Mit ernster Miene saß Rafael ihnen schräg gegenüber, Selissa neben ihm, immer wieder kaute sie an den Fingernägeln.

Viola - gefangen. Der Bogen lag in den Quartieren, das kunstvoll geschnitzte mächtige Gebilde, in Kompositbauart verstärkt, das "CH" des Clans eingebrannt. Violas Bogen. Eine Waffe, die das Mädchen nie freiwillig zurückgelassen hätte. Nicht so. Nicht...
Mit leerem Blick drehte sie das Glas in der Hand. Sie hatte sich doch etwas eingegossen - eben? Ein wenig hatte sie gekleckert. Egal. Wo mochte Viola sein? Leif hatte sie ihr anvertraut, der Clan hatte ihr vertraut und jetzt war Viola sonstwo, litt, und sie saß hier, kein Ton, keine weitere Spur, nichts... sie hob den Kopf, sah Adrenalon an.
"Verzeih, was hast du gesagt?"
"Du gehörst ins Bett", stellte er fest, die Sorge deutlich hörbar.
Schlafen... Letzte Nacht eine Stunde, wenn überhaupt. "Ich kann nicht schlafen."
"Frau von Elbenau, versucht es wenigstens", ließ sich Rafael vernehmen.
"Wir könnten dir einen Schlaftrunk brauen", schlug Selissa eifrig vor.
"Untersteh dich", entfuhr es ihr unwillkürlich. Sie konnte gut darauf verzichten, wieder gekochtes Honigale zu saufen.
"Am morgigen Tage werdet Ihr und all eure Kräfte gebraucht."

Morgen - erst morgen... drei Tage... sie wusste, daß er recht hatte. Sie war fertig. Langsam und stetig hatten die letzten Wochen, Monate ihre Kraftreserven aufgebraucht, sie war von einem Termin zu nächsten gehetzt, hatte sich bemüht, für jeden da zu sein, von der Garde bis zum Straßenkind, und es reichte nicht. Und jetzt das. Zuviel. Hatte sie ihre Lektion nicht gelernt gehabt?
"Ihr würdet das Leid der ganzen Welt auf Euren Schultern tragen, wenn man Euch ließe."
Und wer litt darunter nun? Einer der Menschen, die ihr am meisten am Herzen lagen. In etwas unwirscher, fahriger Geste hob sie das Glas an - es rutschte durch die zittrigen, verschwitzten Finger und knallte auf den Tisch, der Saft verteilte sich über die wuchtige Steinplatte.
"Das ist doch... Dreck nochmal." So selten sie fluchte, selbst dies nun klang müde.

"Ich hol Euch ein Mittel, damit Ihr schlafen könnt, Frau von Elbenau. Wenigstens ein paar Stunden."
"Dann können mich die Wachen nicht wecken, wenn was ist...", fuhr es ihr durch den Sinn, fast panisch, rasch hielt sie ihn auf: "Schon gut, Milord... Frau Nyell hat mir schon was in der Art mitgegeben."
"Darna, Ihr braucht wirklich Ruhe", betonte Rafael ernst.
Nyell hatte davon geredet, schon vor der Hochzeit - wenn ihre Kräfte erschöpft wären, solle sie diesen Trank nehmen, er würde recht zügig wirken.
"Ich hab nebenan diesen Trunk, er soll einen wieder auf die Beine bringen, Moment...", sie ging durch den Vorhang, murmelte mißbilligend weiter, "Ich hatte nur nicht gedacht, daß ich so schnell... ach egal..."
"Haaaaaaaaaaaaalt!" Die kräftige Gestalt des Paladins schob sich plötzlich an ihr im Flur zu den Rittergemächern vorbei und baute sich vor ihr auf. "Ihr wollt Euch doch jetzt nicht wirklich noch künstlich wach halten mit einem Trank, der Euch die Müdigkeit nimmt?"
"Sie sagte, der Trank sorgt für Erholung, steht auch auf dem Etikett: 'sanfte Erholung'", betonte sie, doch Rafael schien weniger davon zu halten. "Falsch - da sollte drauf stehen 'Schlaf'. Ich schwöre Euch, wenn Ihr jetzt etwas trinkt, das Euch ein wenig belebt statt daß Ihr durch Schlaf Euch erholt, sperre ich Euch bei der Suche morgen in die Vorratskammer!"
Adrenalon war hinter ihr durch den Vorgang getreten bei der Debatte und verschränkte typisch die Arme vor der Brust.
"Denn lässt der Trank nach, seid Ihr dreimal so fertig und brecht mir womöglich noch zusammen!", wetterte der Paladin weiter.
Schon wieder dieses Betüddeln...
"Wenn ich jetzt durch einen Trank schlafe und nicht mitbekomme, wenn die Hinrahs vor dem Tor stehen...", energisch riß sie den Arm dabei zurück, um grob Richtung Tor zu deuten.
Energisch riß Adrenalon seinen Kopf zurück, um seine Nase in Sicherheit zu bringen.
Irgendwas war hinter ihr, das merkte sie nun und fuhr herum, starrte ihn erschrocken an. "Oh Himmel, entschuldige..."
"Du solltest jetzt schlafen gehen. Ohne Diskussion", forderte er ernst, "Wem willst du in deinem Zustand helfen?"
"Wenn ich ein Messer an der Kehle habe, werde ich einen Dolch dabei haben, Darna - weil Ihr zu lange zögert", hallte eine nicht lange gnug verklungene Stimme durch ihren Kopf und irgendwas in ihr wehrte sich verzweifelt und kapitulierte.

Selbst um ihre Rüstung, die sie nun schon seit letzter Nacht fast getragen hatte, wollten sie sich kümmern.
"Sie ist wirklich stur", kommentierte Selissa leise. Adrenalon nickte nur.
Sie hatte sich zurückgezogen, um die Rüstung abzuschnallen, schaute auf ihre schweißnassen Hände.
"Das darf nicht sein, das darf mich doch nicht so... fertig machen", wisperte sie leise und spürte eine kräftige und sanfte Hand an ihrem Arm, drehte sich um, lehnte erschöpft ihr Gesicht auf Adrenalons Schulter.
Kostbare Momente zu zweit.
"Du solltest ab und zu auch mal an dich denken, wenn es soweit ist. Das tut mir in der Seele weh, dich so zu sehen, weisst du das eigentlich?"
Welches Bild Viola wohl in diesen Stunden bot? "Kann man zuviel an andere denken?"
"Denke daran - ich bin immer für dich da." Sanft gab er ihr einen Kuß auf die Wange.
"Ja... und dafür danke ich dir auch", wisperte sie zurück.

Daß Selissa sich um ihre Rüstung kümmern wollte, löste fast den nächsten Faden an, der die Ritterin Stück für Stück aufreppeln ließ wie einen alten gestrickten Pullovor.
"Ich habe Angst vor Wasser..weißt du..", brachte Selissa leise heraus.
"A... ab.. aber... warum?"
"Ich weiß nicht warum. Das ist schon seit ich denken kann so."
Sie schaute auf die schmutzigen Füße, in das weiche, ungewaschene Gesicht, schüttelte verständnislos den Kopf. Das stand im Weg... sowas?! Das musste irgendwie behoben werden...
"Ich... wir ... lassen uns da irgendwas zu einfallen. Es... tut mir leid, ich wollte dir auch nicht wehtun, ich..."
"Darna? Mach dir keinen Kopf, ja? Du hast genug andere Sorgen zur Zeit und jetzt geh besser schlafen, ich bring dir dann die Katze."
Gelmira. Das kleine abgemagerte Tierchen, das Selissa ihr in der festen Gewissheit überlassen hatte, daß es der Katze bei ihr und im Schloß gutgehen würde.

Schlafen... ach ja, da war ja was. Adrenalon schaute schon vorwurfsvoll, als sie nach dem längeren Gespräch wieder in die Zimmer zurückkamen.
"Soviel zum Thema schlafen, Darna", meinte er trocken. Unschuldig summend schlich sie in ihr Separée wie ein ertapptes Kind beim Honigklau und wechselte die Rüstung endlich gegen ein Nachthemd.
Ihr Blick fiel darunter auf die kleine giftgrüne Phiole, die darunter lag, verlockend lächelte ihr das Etikett entgegen... "sanfte Erholung"...
Jemand trat hinter ihr ein, rasch schob sie die Schublade zu.
Adrenalons Blick wanderte zu ihren Augen, dann zu der Schublade. "Untersteh dich, was immer da drin ist." Sie liebte ihn ja nicht, weil er dumm war, aber gerade war es irgendwie lästig...
Sie versuchte, die Situation zu überspielen: "Soviel zu deinen Manieren... kommst rein, ohne anzuklopfen." Witzig - wie auch, bei einzig abgrenzenden Vorhängen?
"Du solltest mich doch langsam kennen", lachte er leise. "Nein, ehrlich, entschuldige."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, wie er es so gerne tat.
"Wenn Ihr keinen Durchsuchungsbefehl habt, hinaus mit Euch, Korporal."
"Jawohl, Herr Hauptmann!", erwiderte er grinsend und drehte auf dem Hacken um. Sehnsüchtig sah sie ihm nach. Nie alleine...
wieder erhängte sich die Angenehmheit des Gedankens, sobald sie den Bogen zu Viola schlug.

Sie lag im Bett und starrte auf den linken Vorhang. Abwesend streichelte sie Gelmira, daß das Schnurren bis zum Korporal und dem Mädchen drang, die sich über eine der mit Sicherheit bestgepflegtesten Rüstungen des Reiches unterhielten.
Was mochte nur aus Fuchs geworden sein, hatte er den Weg durch Grimwould gefunden? Violas Leben hing womöglich davon ab.
Sie lag im Bett und starrte auf den rechten Vorhang. "Du magst Darna sehr, hm?", fragte Selissa unverblümt und überrollte nun den Mann, an dem das Herz der Ritterin hing, mit ihrer kindlich offenen Art.
Teils lauschte sie, teils klangen die Worte zu gedämpft, nur die groben Sinnabläufe des Gespräches mitzuverfolgen.
Wieviel Unschuld verlor Viola in diesen Momenten, würde diese Seele, die in den Wochen unter ihren Augen auf so überraschende Weise blüh und gedieh, nicht wieder gutzumachenden Schaden nehmen? Konnte das Kind in ihr sterben? Konnte es sie ganz zurückwerfen?
Sie lag im Bett und starrte an die Decke. Hilflos. Sie fühlte, daß ihre Lider schwer wie Blei waren, doch außer Alpträumen erwartete sie von diesem Schlaf nichts.
Draußen unterhielten sie sich über Adrian Greif. Darna richtete sich auf und stützte die Ellbogen auf die Matratze, horchte genauer.
"Ich bin doch sicherlich nicht der einzigste, mit dem er es sich verscherzt hat, oder?", fragte Adrenalon gerade.
"Ich glaub, nur mit dir und Darna."
"Nur...", ging es Darna doch mit gewissem Sarkasmus durch den Sinn, "recht hinderlich für jemanden, der in die Garde will... Aber er hat ja einiges bereits bewiesen. Wenn ich nur endlich die Brandschutzübung organisiert bekäme..."
"Wenn er es wirklich ernst meint, dann soll er zu mir kommen, sich vor mich hinstellen... und sich vernnftig und ernstzunehmend bei mir entschuldigen. Es soll dem Mumm haben, dafür geradezustehen, was er getan und gesagt hat, denn das müssen wir alle."
"Adrian hat den Schritt gemacht und Rahal verlassen.. wenn er hier nun aber keinen Halt und keine Ziele findet, was glaubst du, wird er dann tun?"
Darna ging ihre eigene Antwort durch den Kopf, es war nur ein nüchterner Vergleich: Luzcilla.
"Es muß was geschehen, sonst verlieren wir ihn wieder." Noch eine Aufgabe. Keine neue. Doch eine der vielen, für die sie zu lange keine Zeit mehr gefunden hatte.

Es reichte. Statt Ruhe zu finden, wurde sie nur auf immer mehr Lasten aufmerksam, die sie inzwischen sicher und stetig zu zerquetschen begannen, aufrieben.
Adrenalon und Selissa begannen, sich über irgendwelchen Kirschsaft zu unterhalten, den das Mädchen über ihn geschüttet hatte, weil sie der Meinung gewesen war, er hätte es verdient - nun schlossen sie Frieden.
Mit leisem Ruckeln, immer dann, wenn gerade Worte erklangen, zog Darna die Schublade auf, angelte die grüne Phiole heraus. Sie würde das Zeug trinken, egal was Rafael drohte. Wenn sie schneller erholt war, als gedacht, würde sie eben ein paar Stunden so tun, als schliefe sie, und dann war gut.
Sie trank zügig aus, der leicht süßliche Geschmack war ihr sogar ziemlich egal und stellte die Phiole leise wieder ab. Jetzt musste sie nur abwarten, was passieren würde.

Angenehme Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Kopfschmerzen hatte sie aber noch. Und diese blöde Kraftlosigkeit... sie hob die Hand zum Mund, als sie herzhaft gähnen musste. Kurz danach dragen seltsam entfernt und klar zugleich Worte von Selissa an ihr Ohr:
"Willst du Darna heiraten?"
Sie drehte den Kopf und starrte auf den Vorhang. WAS?! Sie wartete auf den Protest von Adrenalon. Es blieb still. Vermutlich war er zu geschockt. Sie lehnte sich etwas vor, unterdrückte ein weiteres Gähnen. Da, er sagte was, was sagte er?
"Ich denke, die Zeit für solche Dinge ist noch nicht gekommen. Uns werden viele Steine in den Weg gelegt, begründet durch ihre Familie, diese Umgebung hier und auch durch meine Vergangenheit."
Das klang vernünftig - und mehr hatte er nicht dazu zu sagen??
Bleiern fielen ihr die Augen zu.
"Oh nein, doch nicht ausgerechnet jetzt...", murmelte sie. Ihre Zunge fühlte sich an wie ein altersschwacher Waschlappen. Dieser Trank ließ sie doch nicht etwa schlafen, götterverflixt?!
"Aber..."
Adrenalon schien irgendwas hinzufügen zu wollen. Sie lehnte sich noch weiter vor. Wach bleibeeeen... irgendwas legte sich wie ekelhaft weiche Watte um ihren Kopf. Hatte er noch was gesagt?
"...wenn es auch ihr Wunsch sein sollte, dann wird es vielleicht irgendwann so sein."
Keinen Lidschlag darauf zuckten die beiden zusammen, als aus Darnas Schlafkammer ein dumpfes Poltern erklang.

"Sie ist aus dem Bett gefallen", sagte Selissa leise. Hinter ihr versuchte Adrenalon, irgendwas zu sehen. Darna lag noch mit den Füßen oben auf dem Bett, halb in die Decke gewickelt, unten am Boden. Auf der Kommode stand die leere Phiole.
"Darna, was um alles in der Welt machst du da?!?"
"Was war da drin? Ein Schlafmittel?", fragte Selissa und rüttelte sanft an der Ritterin, doch die schien sich davon gar nicht stören zu lassen.
"Auf dem Etikett steht 'Sanfte Erholung'", las Adrenalon vor und schaute Darna skeptisch an. "Hm. Sieht man ja, wie sanft diese Erholung ist."
Mit einer Mischung aus Verärgerung und Amusement hob er den schlaffen Körper wie einen nassen Sack an und legte sie zurück ins Bett.
"Zumindest schläft sie nun."
"Das kann man so sagen, ja. Mal sehen, wann sie morgen aufwachen wird."


(die restliche Nacht, den gesamten Vormittag und etwa vier Stunden später)
Eileen redete ungerührt laut inzwischen, auf der Bettkante von der Ritterin Schlafstatt sitzend - sie war sich sicher, daß das nach Zwicken, ins Ohr brüllen und Wasser über den Kopf schütten auch nichts ändern würde, und wenn, konnte es nur gut sein.
Seine Hoheit stand nicht weit entfernt und schüttelte den Kopf.
"Sollte sie bis zur Ritterweihe in Bälde verschlafen, seien zwei Dinge angeordnet: Zum einen werfen wir sie dann oben in die Badewanne, hoffntlich wacht sie davon dann endlich auf. Zum anderen wünsche ich dann diese Frau Nyell zu sprechen, von der der Trank ist."

Eingekuschelt in die Kissen lag Darna, selig schlafend, die Augenringe auf wundersame Weise verschwunden - fast mädchenhaft friedlich wirkte das Gesicht, wären die Narben nicht gewesen.
Doch zu ihrem und Nyells Glück wachte sie rechtzeitig zu Cathals Ritterweihe auf, hervorragend ausgeruht, selbst der Geist schien Erholung gefunden zu haben.

Keiner ahnte zu dieser Stunde, in welcher Art es ihre Kraft in Kürze brauchen würde...

Verfasst: Dienstag 1. August 2006, 21:23
von Darna von Hohenfels
Ohne Zögern

Was, um Himmels willen, war heute eigentlich los? So erhebend die Ritterweihe Cathals eben gewesen war, desto chaotischer und verwirrender schienen die Ereignisse, die nun folgten.
Rafael war anzumerken gewesen, daß irgendwas ihn quälte - nur mit Mühe hatte er der Weihe beigewohnt, bis er seinem ehemaligen Knappen und nun Waffenbruder ein kleines Buch mit seinem Ritterspruch überreicht und den Saal verlassen hatte. Still und unauffällig war er eigentlich gegangen.

Darna hatte selbst in ihrem frisch und herrlich ausgeruhtem Zustand Mühe, die verwirrende Flut von Eindrücken zu sortieren. Rafael ging es schlecht. Seine Kopfschmerzen in letzter Zeit? Er hatte was über Calor erzählt, daß er das Gefühl gehabt hatte, daß der Magier eine Gefahr sei. Sie hatte sich vorher mit Hofmagus Jagotin über die seltsamen Zustände des Lords unterhalten und mit mulmigem Gefühl im Hinterkopf behalten, daß kaum ein anderer Schluß möglich geblieben war als der, daß Rafael gegen Einflüsse der neu erstarkten Arkorither oder der Diener des Panthers anzukämpfen hatte. Mit der Benennung von Calor als Anstoß des Unwohlseins verengte sich die Auswahl.
Aber was war los? Warum genau? Sie hatte der Klärung dieser Frage noch weitere Zeit einräumen wollen. Und nun galt es auch, Violas Befreiung weiter voranzutreiben.

Als sie und Adrian in die Vorratskammer traten und Rafael am Boden lag, schalt sie sich dafür innerlich eine Närrin. "Milord!", kam es ihr erschrocken von den Lippen und sie eilte zu dem Wasserfaß, um mit frischem Wasser dem scheinbar Bewusstlosen weiterhelfen zu können.
"Nein nein", mischte sich Selissa ein, "das ist nur das Mittel, was ich ihm gab. Das sollte man nur im Bett nehmen - aber Rafael hat mir nicht zugehört, sondern es einfach getrunken."
"Ritterin schaut, ob der Magister von Gryffenhorst sich unten noch aufhält - er möge seiner Schwester bescheidgeben."
"Was ist nun überhaupt los?", fragte sie irritiert. Sie sah auf Rafael und furchte die Stirn, hinter der es arbeitete:
"Dann braucht er keine Medizin. Was hat Selissa ihm gegeben? Hatte er wieder Kopfschmerzen? Dann ist es wegen der Magier.Aber was ist mit ihm, was soll das Ganze..."
Sie schaffte es nicht, mit ihrem vagen Halbwissen Ordnung in das Chaos zu bringen.

Adrians Befehle übertönten den Argwohn. "Muß ich jetzt erst schriftliche Befehle geben?"
Er wollte ihn rausbringen. "Moment, Hoheit... Nur nicht runter zu den Magiern."
"Holt mir Una, die Heilerin von Gryffenhorst dazu."
"Nein, nicht Una!" Verdammt, hörte er ihr überhaupt zu? Falsch, es lief ganz falsch... Rafael wachte auf und wand sich aus dem Griff des Grafen.
"Alterchen, ob es dir gefällt oder nicht, das hier ist keine Schlafkammer", flüsterte Adrian ihm leise zu.
"Lass ihn hier - es ist fern von allen anderen." "Hoheit, ich fürchte, es ist hier etwas ernster..."
Sie fing Rafaels Blick auf, wie er hasserfüllt Adrian anstarrte. Ein eisiger Schauer ließ ihr die Nackenhaare zu Berge stehen. Adrian schien völlig unbeeindruckt. Täuschte sie sich?
"Starrt Ihr noch lange, oder holt Ihr jetzt bitte einen Heiler!"
In ihr griffen in all den Unsicherheiten jahrelang eingetrichterte Mechanismen: "Jawohl, Hoheit."
Sie drehte auf dem Hacken um, ging zur Tür. "Gefahr", flüsterte und schrie es in ihr. "Geh nicht! Ich kann mich nicht dem Grafen widersetzen..."
"Komm Selissa." Ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor. "Komm weg hier, Kind. Weg... Gefahr! Geh nicht!"

Sie hörte ein Poltern, drehte sich um, sah noch die Reste der Bewegungen, wie Rafael Adrian mit beiden Händen von sich stieß und seine Klinge aus der Scheide riß.
"Er wird ihn nicht..."
Die Herzschläge dehnten sich in ekelhafter Weise, sie setzte sich in Bewegung, schob irgendwas beiseite, das im Weg war - Selissa vermutlich. "Halt ihn auf!"
"NEIN!", hallte ein Schrei durch die Vorratskammer - ihr eigener.
"Das Reich wir untergehen!!", klang eine fremd von Haß verzerrte Stimme, die sie kaum kannte - aus Rafaels Mund.
"Er darf nicht an Adrian ran!"
Die Rüstung kam ihr leicht wie Blech vor, als wäre sie nicht da. Binnen des nächsten Lidschlags hatte sie Rafaels Handgelenk im Griff, riß sein Schwert weg - weg vom Grafen, zu ihr selber hin, das war egal, nur nicht zu Adrian...
Rafaels von zornloderndem Wahn umnebelter Blick richtete sie auf sie, er setzte seine Kraft gegen sie ein, wehrte sich, ihm fehlte in ihrem Griff der Raum zum Zuschlagen - doch wenn nicht zurück, dann eben vor!

Sie hatte seine Hand noch auf sich zu gerissen, es gab keine Gelegenheit, nun in diesem Moment so überraschend dagegenzusteuern. Was war nur los mit ihm? Irgendwo knirschte etwas metallen und häßlich. "Dieses Schwert ist viel zu scharf, viel zu gefährlich, er könnte hier das halbe Schloß in Stücke hacken. Gütige, hoffentlich erwischt er nicht jemand anderen..."
Sie starrte ihn fassungslos an, nicht begreifend. Mit einem Ruck zog er die Klinge zurück. Blut tropfte daran herunter. "Wie kannst du nur? Hör doch auf... Adrian...? Lauf..."
"HIIIILFEEEEEEEE!", klang ein verzweifelter Schrei, in Darnas Ohren rauschte das Blut zu laut, als daß sie es noch gehört hätte. Die Welt kam in Form des Steinfußbodens bedrohlich nahe. Dann war nichts mehr.

...

"Halte durch Darna...", flüsterte Selissa und sah ratlos zu, wie sich das Tuch, das sie auf das klaffende Loch in Darnas Leib presste, mehr und mehr, viel zu schnell, mit Blut vollsog, bis es nichts mehr fassen konnte.
Das diamantene Schwert hatte sich durch ihren Silberprunkharnisch gebohrt wie durch Butter - und genausowenig hatte es vor dem Leib darunter Halt gemacht.
Das Blut der Ritterin breitete sich mehr und mehr auf den Steinfliesen der Vorratskammer aus... und vermischte sich mit dem ihres Herrn, der kaum einen Schritt entfernt lag.
Nebenan kämpfte Feoras den Kampf gegen die Mächte der Arkorither weiter, die von dem engsten Vertrauten seiner Hoheit Besitz ergriffen hatten. Gardisten erweiterten das Chaos, während Selissa Darnas Tasche durchwühlte und von der ersten vertraut gelben Phiole bitterlich hoffte, daß es ein Heiltrank sein möge - sie hob Adrians Kopf an und flößte ihm das Mittel ein.
Doch warum, zum Gehörnte, ließ sich in den Taschen nicht wie erwartet eine zweite Phiole finden? "ICH BRAUCH EINEN HEILTRANK, SONST STIRBT DARNA!"
Träge wandte Adrian den Kopf und sah zu ihr rüber. Ihr Gesicht war bleich geworden, weiter wanderten die Ränder der Blutlache, selbst die Lippen wurden schon blau...

...

"Sie war noch nicht wach?", klang die Stimme des Druiden durch den Raum, während er die Ritterin musterte, die im oberen Gästezimmer Laken und Decke ebenfalls mit Blut besudelte - doch floß es endlich nicht mehr unaufhaltsam aus ihr heraus. Der tiefe Schnitt in ihrer rechten Seite von einem fachkundigen Feldscher wenigstens vernünftig vernäht, schien es, daß ein eingeflößter Heiltrank sie von der Schwelle des Todes gerissen hatte, doch dieser Feind noch immer auf sie lauerte.
"Nein", beantwortete Selissa seine Frage kläglich. "Kannst du ihr nicht irgendwie neue Kraft spenden?"

Das Rauschen wurde leiser - oder bagann sie gerade, es zu hören? Irgendwas war verkehrt. Verkehrt... Da war Gefahr, aber es war so ruhig hier. Wärme...
Träge öffnete Darna die Augen, und kostbare Momente vergingen, in denen ihr der Schmerz noch nicht bewusst wurde - doch diese Realität holte sie schnell ein. Irgendwas... irgendjemand... hielt ihre Hand. Unbeholfen krümmte sie sich unter dem Schmerz zusammen, was aber nur noch mehr wehtat.
"Schhht bleib ruhig liegen, Darna." Zuhören. Nicht wehren. Hilfe. Sie brachte kaum einen klaren Gedanken zustande.

Von der Hand des Druiden ging ganz langsam, Stück für Stück, wohltuende Wärme aus und setzte sich in ihrem Körper fort wie eine wachsende Pflanze, die Halt gab.
Irgendwas war schief gegangen. "Raf", brachte sie mühsam über die Lippen.
"Er wurde erstmal sicher verwahrt, Darna." Sicher... sie gab sich soweit mit dem Wort zufrieden. Adrian? Auch sicher. Müde schloß sie die Augen.
"Ihr habt einen wahrhaft kämpfenden Geist, Milady", hörte sie die kaum vertraute Stimme Lukans wieder, "Ich an Eurer Stelle hätte meinen Körper in den ewigen Strom übergehen lassen."
Sprach er vom Tod? Ging nicht. "Hab zuviel zu tun."
"Nun, werte Darna, Ihr solltet Euch vielleicht Sorgen um Eure Genesung machen..."
Ja doch... sie schluckte brav das mit Ginsegpulver vermischte Wasser, spürte, daß sie diese Verletztheit schnell wieder auskurieren musste und wollte. Sie war nicht tot. Ihr Blick wanderte durchs Zimmer. Erst jetzt realisierte sie die fehlenden Vorhänge. Es war auch nicht ihr Bett.
Das war Anaras Zimmer... früher... gewesen... tot...
Die Trauer musste von ihrem Gesicht abzulesen gewesen sein. "Keine Sorge Darna, alles wird wieder gut."

Gut... Schrecken. Ihre Augen weiteten sich. "Viola", krächzte sie heiser hervor.
"Wir finden sie, wirst sehen..."
"Darna.. eure Genesung hat absoluten Vorrang."
Nein... sie musste doch Viola finden. Schmerz und Kummer überrollten sie und der Druide griff erneut nach ihrer Hand, strich mitfühlend darüber, versuchte, sie zu beruhigen:
"Darna.. es wird sich um alles gekümmert. Der Weg wurde nun betreten und Ihr müsst ihn zu Ende gehen und dieses Ende ist, dass Ihr gesund werdet und nicht euch um andere Dinge sorgt."
Aber sie musste doch. Viola brauchte sie. Und was sollte sie von ihr denken? Sie hatte hier ihre Pflicht getan und es dennoch nicht geschafft, Rafael von Adrian fernzuhalten. Nun lag sie hier und Viola war noch immer gefangen, von Bestien in Menschengestalt. "Saldor hatte recht. 'Ihr würdet das Leid der ganzen Welt auf Euren Schultern tragen, wenn man Euch ließe.' Warum kann ich mich nicht zweiteilen, verdammt? Das ist zuviel."
Einige der Worte faselte sie in ihrem Schmerz schluchzend kaum verstehbar mit, Selissa und Lukan wechselten besorgte Blicke. Ein Schock konnte jetzt lebensgefährlich sein.

"Schließe deine Augen, Darna." Sie gehorchte der sanften Stimme. "Mach sie zu und versuche, dich auf dich selbst zu konzentrieren." Das war das Problem. Der Druide versuchte, sie zu beruhigen, ihr die Last von den Schultern zu reden, doch etwas in ihr hielt sie hartnäckig fest, bis Erschöpfung sie zwang, seinen Worten kraftlos zu lauschen.
"Es ist an der Zeit, dass du zu dir selbst findest und dich auf dich selbst konzentrierst. Du hast diesen Weg nun betreten und du musst ihn weiter gehen, bis sich die Fäden neu kreuzen."
Wie ein klares Bild, das er beschworen hatte, dachte sie an das Temorakreuz. Zu verfolgende Wege... sich nicht verlieren... nach vorne streben und damit zurückfinden zu sich selbst... nicht ausfasern... nicht zweiteilen, zerreißen...
"Kreuz", murmelte sie nickend. Das war der Weg. Lukan blickte hilfesuchend zu Selissa. "Was ist mit einem Kreuz?"
"Ich weiß nicht, was sie meint", antwortete Selissa ratlos die Schultern hebend.
"Die Geistigkeit, Seli...", versuchte sie zu erklären, doch sie war müde und wusste nun, daß sie im Moment mehr als sonst noch nicht die Wege anderer zu bestimmen hatte, sondern es schon Aufgabe genug war, ihren eigenen zu lenken. Sie musste für Viola vertrauen, sie war auch ohne sie nicht allein, da hatten die anderen recht. Sie hatte ihr Bestes getan, sie hatte getan, was sie als ihre Pflicht ansah. Tausendmal hätte sie sich für Adrian in die Schwerter seiner Feinde geworfen.
"Nun, für ein Gebet oder gar einen Gang in die Kirche ist es gänzlich die falsche Zeit", ließ sich der Druide vernehmen.

Nein, da hatte er nicht recht... nur, was das Aufstehen betraf. Sie konzentrierte sich, soweit es ging, viel hatte sie der Gütigen zu dieser Stunde nicht anzubieten, nur eine Essenz blieb, die ihr wert war, klar benannt zu werden. Lautlos formten Darnas Lippen Worte:
"Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit danke ich dir für diesen Tag..."
Sanft behielt sie die Augen geschlossen, schloß auch Freiden mit sich, um neue Kraft zu bekommen - und damit neue Kraft zu geben.
Lukan erschrak, als er fühlte, wie die Wärme, die er zuerst an die Ritterin gegeben hatte, nun in ihn zurückzufließen schien... hektisch schaute er auf seine Finger, dann auf Darna und legte die Hand an ihren Hals.

Sie blieb warm, behielt die eigene Wärme. Trotzdem auch er selber sich bestärkt fühlte. Die Ritterin atmete ruhig und gleichmäßig, ein wenig war die Blässe aus dem Gesicht gewichen und schnurrend sprang die kleine Katze, die sie "Gelmira" genannt hatte, aufs Bett und rollte sich zusammen.
"Wir sollten sie schlafen lassen." Leise verließen sie beide das Zimmer.

Erst draußen atmete Selissa tief durch und mit einem Mal wirkte ihre Miene nur noch todtraurig. Sie umarmte Lukan und vergrub den Kopf an seiner Schulter. "Was..was ist wenn sie stirbt?"
"Sie stirbt nicht Selissa.. sie wird nicht sterben.. Ihre Sorgen gelten den Menschen, die hier sind - sie wird sie nicht verlassen."

Verfasst: Donnerstag 3. August 2006, 21:47
von Darna von Hohenfels
Das Erwachen danach

Das Schwert. Es war schon wieder da. Der Anblick schien ihr inzwischen vertraut, auch wenn sie jedesmal die Form der Klinge nicht genau erkennen konnte. Es war nicht ihr Schwert. Es war ein Schwert - das Schwert. Es war irgendwie wichtig, das wusste sie.
"Nicht loslassen."
Sie nahm ihren Schwertgurt ab und reichte ihre Klinge jemand anderem, legte es ab. Trotzdem blieb es an seinem Platz, an ihrer Seite. Sie zog es und teilte ihren Umhang in zwei Hälften, zerteilte ihr Wappen, zerschnitt ihre Familie.
Sie legte die Klinge vor sich ab, mit dem Griff gen Altar und fühlte eine Schwertspitze schwer auf ihrer linken Schulter ruhen, dann auf der rechten. Es war ein schier erdrückendes Gewicht, das sich auf sie legte. Irgendjemand redete auf sie ein, doch die Last blieb. Sie trug sie und hörte sie immer wieder, ihre Worte... "Ich danke dir für diesen Tag."

In ihrem Rücken richtete sich eine Schwertspitze auf sie, mahnend. Sie hob ihre Klinge an und richtete sie nach vorne, wachsam, drohend. Gernot stand vor ihr und lachte sie aus. Das Schwert sauste auf sie zu und zerschnitt ihr Gesicht. Dann wandte er sich Adrian zu, wollte auch ihn verstümmeln. Sie lief los. Hinter Gernot zückte jemand einen Dolch, wollte ihn ihm in den Rücken stoßen.
"NEIN!"
Sie warf Adrian das Schwert zu und stürzte sich auf den Feigling mit dem Dolch, warf ihn um, die vergiftete Dolchklinge schlidderte ins Nichts. Als sie dem Meuchler ins Gesicht sehen wollte, kniete sie auf dem Boden und unter ihr war niemand mehr.
Sie stand auf und wollte sich umdrehen, als eine Schwertklinge ihren Bauch durchstieß. Sie wurde bis zum Herzen hochgerissen, weiter nach oben, bis es ihren Leib verließ. Dann wurde der Rest von ihr mit einem weiteren Hieb gespalten. Fassungslos fühlte sie den Schmerz und begriff nicht.

Sie blieb stehen, drehte sich um. Sie ging zu Adrian und fragte ihn, was das sollte. Er hörte ihr nicht zu. Neben ihm stand Viola und ging weinend davon. Darnas eine Hälfte blieb bei Adrian, die andere begann, Viola hinterherzulaufen.
Sie schien sich selber dabei zuzusehen und es widerte sie an, wie ihr halber Leib hinter Viola hereilte. Das konnte nicht gut gehen.
"Gefahr."

Irgendwie sickerte die Frage in ihren Kopf, wie sie überhaupt mit nur einem Bein laufen konnte.
Das Bild vermischte sich, fing an, sich in diffusen Wirbeln zu verlieren. Viola wurde verfolgt. "Lauf." Ein nächtlicher Stall. Schritte. Gefahr.
"LAUF, VIOLA!"

Sie brüllte aus Leibeskräften, während der sengende Schmerz weiter an ihrem Körper fraß. Sie musste hier weg, richtete sich auf - und starrte in das Gesicht von Rafael.
Rafael...
Schwert...
Rafael...
Er sagte irgendwas.
Rafael...
Anaras Zimmer.
Rafael. Keine Gefahr.

Nur ein Traum.

Verfasst: Mittwoch 9. August 2006, 22:02
von Darna von Hohenfels
Wie gewonnen, so zerronnen

Sie genoß es, nach Tagen der eingeschränkten Bewegung wieder den Stock hinter den Kleiderschrank stellen zu können. Sie fühlte sich gut, die Verletzung sah zwar noch häßlich lila-gelb an der Haut aus, doch der Schnitt war soweit zugewachsen und sie spürte keine Schmerzen mehr, wenn sie den Oberkörper deutlich beugte.
Endlich.
Endlich wieder Arbeit.

Die Tage der - erzwungenen - Ruhe hatten ihr gut getan, besser, als sie es sich eingestanden hätte, doch genausogut hatte sie gespürt, wie tödlich die Langeweile war, wenn man zum Nichtstun verdammt war, dauernd auf sich selber Rücksicht nehmen musste... es lag ihr nicht, hatte ihr noch nie gelegen, wenn man es genauer betrachtete.
Doch konnte man das hin und her drehen, wie man wollte, es spielte recht wenig eine Rolle. Sie wollte raus, wollte wieder das schützende Gewicht ihrer Rüstung spüren.
„Ich gedenke einmal in Ruhe auszutesten, wie weit mein Körper inzwischen wieder belastbar ist.“

„…knie ich nieder, um zu bitten um alles, was gut ist.“
Mit einem dumpfen Knall prallte die Axt des Skelettes an die Wand, während das golden glänzende Schwert den Armknochen zertrennte, sich weiter durch das untote Gebilde fraß und in Stücken grobe Teile des unseligen Dings klappernd und knirschend zu Boden fielen.
„Wann werdet ihr endlich liegen bleiben und Ruhe finden?“, dachte sie seufzend, dann fuhr ihr ein eisiger Schauer über den Rücken. „Gefahr.“
Sie zog die Klinge seitlich, drehte sich an dem zusammenstürzenden Skelett vorbei, brachte den Zugang zu den Alten Tunneln in ihren Rücken, hielt die Klinge abwehrbereit vor sich.

Im Zwielicht der unterirdischen Gänge bildete die schwarze Rüstung ein Loch inmitten des schon nur spärlich vorhandenen Lichts. Das Gesicht unter dem kantig gehämmerten Helm verborgen - es spielte auch soweit keine Rolle, erkennen zu müssen, wer da stand... was da stand, spürte sie mit jeder Faser ihres Seins.
Der schwarze Helm hob sich leicht, die Augen des Ahads dahinter musterten die Gestalt vor sich, die mit ihrem weißen Wappenrock, dem blau-goldenen Umhang und dem Wappenschild mit eigener Deutlichkeit verkündete, was sie war.
Sacht schüttelte er den Kopf: "Immer dann, wenn man euch überhaupt nicht brauchen kann", erklang dumpf seine zischelnde Stimme.
Gelassen stand er im Gang, selbst die dunkle Klinge zeigte schon regelrecht gelangweilt zu Boden. Es brauchte auch keine drohende Geste... die Drohung war er selber.
"Du bist geliefert. Kein vor, kein zurück."
"Keine Angst."

"Ich könnte es zurückgeben, doch das wäre unhöflich." Die Ruhe ihrer eigenen Stimme erschreckte sie selber, sie spürte sehr genau die ganze Anspannung darin - und er sicher nicht minder. "Auch Euch einen... guten Abend..."
Das Knacken der Holzleiter hinter ihr. Alte Schreckensbilder kamen auf: Fünf Rahaler, und sie hier gefangen...
"Die Tugenden mögen stets mit den Anwesenden sein."
Ihr wurde vor Erleichterung schon fast schwindelig vor Augen. Das war Zerons Stimme gewesen, nicht? Und irgendwer war bei ihm.
"Temora und Reich zur Ehr", gab sie bedächtig zurück, ohne den Ahad aus den Augen zu lassen.

"Welches Reich?", fragte ihr Feind spöttisch, "Und seit wann hat sowas wie eine Hure... Ehre...?"
"...damit diese Hurendienerin in Ketten gelegt wird, wie es sich gehört!", hallten ihr ältere Worte durch die Erinnerung. Sie verengte die Augen.
"Ich dachte, Ihr könnt gerade keinen Ärger gebrauchen...", sprach sie warnend.
"Nun... nicht ich trage den Ärger in meinem Rücken, sonder Ihr."
"Ihr tragt Ärger eher in Euch, Streiter des Brudermörders."
Kritisch fragte sie sich, ob sie nun, nur wegen zwei weiteren Leuten in ihrem Rücken, es wagte, die Klappe weit aufzureißen, oder woher diese schier unerschütterlich scheinende Gelassenheit unter all der Aufregung in ihr kam.
Nein... dazu hätte sie überzeugt sein müssen, daß der Ahad vor ihr nun sicher zu besiegen war, doch das war sie nicht. Irgendwie war sie sich nun nur sicher, daß ihr keine Verschleppung drohte. Diese beiden Leute in ihrem Rücken konnten hoffentlich ... den äußeren Rahmen wahren. Ihre Sicherheit gewährleisten - nicht ihre Unversehrtheit. Irgendwie schien alles unnatürlich klar und deutlich vor ihr zu liegen.
"... die geblendet sind von dem angeblichen Licht und die Wahrheit nicht erkennen mögen...", setzte der Ahad seine Spötteleien fort. Kampf. Und ein Kampf mit offenem Visier. Es war notwendig, oder?
Sie klappte das Visier des vogelkopfartig geformten Helms hoch, musterte den schwarzen Streiter weiter.
Wie ein schwarzer Nebel verschwand der Helm des Ahads einfach so, offenbarte ein scharf geschnittenes Antlitz über der schwarzen Maske, auffällig rötliche Haare. Doch der Blick kam ihr älter, vertrauter vor, schon damals in Bajard hatten diese stille Drohung und dieser Spott darin gelegen... es war Letast, nicht wahr? Viele Möglichkeiten, zu irren, gab es nicht.
"Was wollt Ihr, Ahad? Ich lasse Euch ziehen, stellt Ihr Eure Lästereien ein. Dulden werde ich sie nicht."


Irgendwie erschien es auf bitter amüsante Weise vertraut - sie konnte nur nicht darüber lachen.
"Wer sagt, daß ich Euch ziehen lassen will?"
Entschieden. Für einen winzigen Moment schloß sie die Augen. Kein zurück. Warum nur ausgerechnet heute, wo sie ihm nicht einmal mit der Gänze ihrer Kraft entgegenstehen konnte? Wenn sie jetzt wieder schwer verletzt würde...
"Keine Angst."
Es war entschieden. Der Rest... eine makabere Frage der Formalitäten. Gewürzt mit weiteren Provokationen. Es gehörte wohl dazu. Nein, sie hatte keine Angst. Und er bekam ihren Verstand auch nicht mit Zorn vernebelt, daß sie sich blind auf ihn gestürzt hätte.
"...aber ach - Ihr seid ja angeblich das Licht und verzeiht einem jeden alles..."
"Das sagen jene, die nicht begriffen haben, daß Verzeihen Reue bedingt... Und für Berchgard steht noch mehr als eine Rechnung offen."
Die Täuschung des Clans. Das Massaker. Anaras Tod.
"Wisst Ihr, es amüsiert mich... Ihr seid der erste Eurer Art, der sich so etwas traut... oder so etwas in Betracht zieht."

"Temora wird neben meinem Herrn in Ketten am Tage des jüngsten Gerichts auf mich herabsehen und ich werde ihr ins Gesicht spucken bevor mich mein Herr für meine Taten belohnt."
Er lehnte sich auf seine Seite der Waagschale und machte sich einen Spaß daraus, auf ihr Dagegenhalten zu warten. Sollte dieses Mal ihr Gegengewicht das Schwert sein.
"Ich fand es auch sehr anregend, wie das Grafschaftsgebiet Varuna brannte. Ich fand es noch mehr anregend ... wie Bürger der Grafschaft über die Mauer segelten. Was ich am interresantesten fand: Adrian .. von Hohenfels .. seine tote Schwester zu bringen."
"Ziehe deine Klinge nie im Zorn."
"Nein. Aber es reicht!"

Die Worte kamen ihr sicher und geübt über die Lippen, waren Teil von ihr, waren Wahrheit, ohne daß sie dem gesonderte Beachtung schenken musste. Sie verhinderten, daß sie sich auf den Kampf versteifte, sich verkrampfte, Zorn und Angst sie überkamen. Ein Schild für den Geist.
"Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit..."
Es war ihr zu wenig Platz. Zu wenig Platz, um dieser schwarzen Klinge auszuweichen, die mit furchteinflößender Wucht auf sie herabgeschmettert wurde. Mit sirrenden Kreischen fuhr Metall auf Metall.
Sie musste an ihm vorbei, auf die Kreuzung, brauchte mehr Raum. "Und ich muß weg von den beiden, nachher kriegen sie was ab..." Das Schwert des Ahads grub sich in ihre Armschiene, ließ das Metall des Feuers bersten, wurde erst abgelenkt, als sie den Schild höherbekam und ihn mit der Kante wegdrückte.
Er schob sie mit seinem eigenen Schild, rammte ihn ihr entgegen, riß die Klinge schräg nach unten. Sie zog das Bein zurück, selbst das Fauchen des finsteren Schwertes, als es durch die Luft schnitt, klang wütend.
Gernot. Alte Erkenntnis: "Wer offensiv kämpft, hat Lücken in der Deckung."
Er bekam den Schild ebenso nicht rasch genug zurück, um zu verhindern, daß ihr Schwert eine Lücke suchte und fand, die goldene Klinge das Blut des Ahads kostete.
Eine schlanke Klinge grub sich ins Fleisch, verletzte, überraschte - ein Angriff, der den Angriff beendete, Tod auf dem Weg...
Bestand seine Rüstung noch aus etwas anderem als Dornen und scharfen Kanten? Wie auch immer die differenzierte Antwort lauten mochte, sie kam ihr deutlich zu nahe. Kaum mehr Raum, nur noch ein Schritt, dann hätte sie Platz... von links sauste ein weiteres Mal die Klinge auf sie zu.
"...entbiete ich mein Schwert..."
Es war nicht ihr Schwert. Es war ein Schwert - das Schwert.
Kräfte prallten aufeinander, sie wurde zurückgestoßen. Die harte Mauerkante beendete diesen Weg zu rasch und zu abrupt. Irgendetwas presste ihr die Luft aus den Lungen, irgendwas riß.
"Zuende."
Es war seltsam... sie hatte irgendwie nichts anderes erwartet. Sie hatte nicht verlangt, den grausamsten Ahad Rahals zu besiegen. Und schon mal gar nicht in nicht voll belastbarem Zustand. Was sollte dann das alles?
"Richtige Wege zeichnen sich dadurch aus, daß man auf ihnen zufrieden ist." - kürzlich gesagte Worte. Von ihr. Nun sank sie hier zu Boden, verletzt, der Schmerz nahm ihr die Sinne.

Zufrieden.