Sternensang und Feuertanz
Verfasst: Samstag 30. Juli 2022, 21:12

Es dauerte zwei Mondzyklen, dann vertraute sie sich ihrer Mutter an. Der Mond blieb aus. Als eine Medizinfrau kam, wurden ihre Befürchtungen gnadenlose Wahrheit. Ihr Kopf rauschte schon nach den ersten vier Worten: „Du erwartet ein Kind…“ Ihre Mutter schenkte ihr ein aufbauendes Lächeln, doch in ihren Augen stand reine Sorge. Die Medizinfrau öffnete weiterhin den Mund, doch Gesa hörte nur noch Rauschen. Erst als sie fort war und ihre Mutter sich zu ihr setzte, ihr den Kopf streichelte, wie sie es immer tat, wenn Gesa traurig war, verging das Rauschen. „Wir schaffen das schon, Gesa. Unsere Hütte ist groß.“ Da begann Gesa zu weinen. Sie sah ihre Jugend dahinschwinden, ihre Aussicht auf ein Handfasting. „Mutter aber Ul-„, ihre Mutter brach sie mitten im Satz ab: „Darüber wird nicht gesprochen, Gesa. Dieses Kind schenkte dir die Dame im Wind.“ Gesa verkroch sich im Schoß ihrer Mutter, wie sie es schon als kleines Mädchen tat, wenn sie Halt brauchte.
Da vergingen die Mondläufe und ihr Leib rundete sich. Es ward nicht mehr zu übersehen, dass sie Leben unter ihrem Herzen trug. Ulfur kümmerte sich plötzlich sehr liebevoll um Gesa. Vor Beltaine hatte er sie kaum beachtet. Keiner sprach offen über den Vater. Aber dieser fühlte sich trotz alledem verpflichtet. „Ich handfaste dich, Gesa.“, sagte er eines Tages. „Wir werden die Prüfungen ablegen.“ Gesa lächelte ihm dann zu und nickte. Auch wenn sie ihn nicht liebte, war es das Klügste. „Aber erst nach der Geburt, ich schaffe keine Prüfung, so dick wie ich bin.“ Da stimmte Ulfur zu. Der Tag der Geburt war eh nicht mehr weit entfernt.
>> Schreie tränkten blutige Hände. Ein Schrei verhallte, ein anderer keimte auf. Eine Gestalt stieg empor und drehte sich gen Meer. Segel tauchten aus der Ferne auf. Ein Drache spaltete sie. Die Gestalt stieg auf das Schiff und fuhr über raue See. Die Dame ließ die Winde günstig wehen und eine Melodie trug das Schiff voran. Dunkelheit breitete sich aus. <<
Als Gesa diesen Morgen erwachte, brummte ihr der Schädel. Nach einem großen Becher Wasser, trat sie einen frühen Weg zum Schamanen an. Sie hatte selten Träume und wenn, dann waren sie bedeutungslos und sie vergaß sie sehr schnell. Dieser ließ sie jedoch nicht mehr los. Der Schamane hörte ihre Geschichte grübelnd an. Ritzte Runen in Knochen und begann danach sie zu schütteln. Nachdem sie auf den Boden gefallen waren, hob er seinen Blick in das junge Gesicht an. „Gebe deinem Kind einen Namen.“, kam die alte, kratzige Stimme. „Ich…“, sie wollte zweifelnde Worte an ihn richten. Er erklärte ihr nicht den Knochenwurf und nicht ihren Traum – und schickte sie nach Hause, sie sollte ruhen. Nur eines gab er ihr mit: „Dein Kind wird bald kommen.“
„Wie wirst du es nennen?“, fragte die Mutter. Gesa überlegte einen Moment. Im Traum, so war sie sich sicher, sah sie einen Mann über die See segeln. „Yvain.“, antwortete sie dann. „Bist du dir sicher, dass es ein Junge wird?“ Gesa nickte fest. Sie war sich sicher, sie träumte von ihrem Sohn in jener Nacht.
Gesa war gerade dabei ein Fellkleid mit Muscheln zu bestickten, als sie das erste Ziehen merkte. Die Medizinfrau kam, ging jedoch nach einem Stundenlauf wieder. Es war noch nicht ganz so weit, sie käme am Mittag erneut. Gesa lief die Hütte auf und nieder. Bewegung tat gut, riet ihre Mutter. Als die Medizinfrau wieder kam, braute sie ihr einen Tee, während Gesa weiter ihre Schritte ging. Die Wehen atmete sie mit Hilfe ihrer Mutter weg. Derweil kam auch die Nachbarin, mit frischen Tüchern und Schüsseln. Eine weitere brachte etwas zu Essen für alle. Gesa sollte noch einmal gut Essen, es würde anstrengend werden. Immer wieder kam ein Weib aus dem Dorf vorbei und fragte nach einer helfenden Hand. Als die Wehen schlimmer wurden, verfrachtete man sie in einen Vierfüßlerstand. Das war die beste Haltung, rieten die Weiber ihr. Das Kind wollte nun kommen. Und so geschah es auch. Mit einem letzten Schrei von Gesa wurde Yvain geboren. Doch sogleich als die Medizinfrau das Kind in Empfang nahm, reichte sie es weiter. Blut überall. Gesas Mutter, hielt das verschrumpelte – mittlerweile schreiende Kind in den Händen und musste zusehen, wie ihr eigenes verblutete. Alle Versuche es zu verhindern, scheiterten. So sank Gesa, mit einem verschwommenen Blick zu ihrer Mutter und ihrem Kind, gänzlich zusammen.
Das Feuer brannte hell. Geschmückt mit tausend Blumen, mit dem schönsten Schmuck, den sie besaß, versehen und ein Kleid aus besten Leinen mit Blumen bestickt: So betteten ihre Eltern, Gesa auf ihr letztes Bett aus Holz. Man trank, goss den ersten Schluck zu ihr. Das Dorf war in tiefer Trauer. Wenn ein Greis ging, dann war dies der natürliche Verlauf. Doch ein junges Mädchen, bei der Geburt eines Kindes, für viele einer der unverständlichen Wege der Dame. Sie gab dem Kind keine Schuld am Tod ihres Kindes. Auch wenn es ein Einfaches wäre. Doch in dem kleinen Bündel in ihren Armen, sah Adisa einen Teil ihrer Tochter, ein Teil von sich selbst.
Es stand die ersten Tage nicht gut um Yvain. Sie trank nicht. So als wüsste sie um den Verlust der Mutter. Eydis, eine Frau im Dorf die vor wenigen Monaten ihr drittes Kind bekam, stillte Yvain – oder versuchte es zumindest. In der Nacht bekam sie ausgestrichene Milch von Eydis oder die einer Kuh. Yvain übergab sich häufig und war geplagt von Bauchweh. Die Medizinfrau setzte Salbeitee an und vermischte einen Teil davon mit Eydis Milch – dies half etwas und endlich trank das kleine Wunder besser. Der Start in ihr Leben war geebnet.
Adisa und ihr Mann Nesbjorn zogen ihren Enkel liebevoll groß. Das ganze Dorf half, wie bei jedem Kind, mit. Nachdem Yvain das erste, bange, Jahr überstand. Konnte Adisa wieder ruhiger schlafen. Wenn das kleine Dingelchen auf sie zu watschelte und gluckste, erkannte sie Gesa und konnte sich manchmal die Tränen nicht verkneifen. So kam es, dass Yvain zum Abbild ihrer Mutter wurde: Sie war recht klein geblieben, hatte ockerfarbenes gewelltes Haar und ihre moosgrünen Augen. Die weichen Züge trug Gesa ebenso wie Yvains runde Nase. Der Vater war jedoch in ihrem Wesen zu erkennen: Tollkühn und stürmisch. So war Gesa nie. Yvain musste man nicht nur einmal vom höchsten Baum nach unten befehlen, ihr hinterherjagen, wenn sie freudig mit einem Stock im Matsch herumrannte und Hühner jagte, sie davon überzeugen einen Rock anzuziehen und kopfschüttelnd zusehen, wie sie – kaum das Haus verlassen – den Rock zwischen die Beine schob und hochband. Nesbjorn scherzte stets, dass sich Yvain nur an ihren männlichen Namen hielt. Adisa fand das gar nicht lustig. Doch um ihren 18ten Geburtstag, änderte sich Yvains Verhalten langsam. Da wollte sie doch einen hübschen Rock und lieh sich eine Kette ihrer Großmutter. Natürlich war eine heimliche Liebe schuld daran, erzählt hatte Yvain das aber niemanden. „Fast in diesem Alter gebar Gesa, Yvain“, dachte sich Adisa, während sie Yvain durch die Hütte laufen sah. Sie war der Dame im Wind nun dankbar für das Geschenk, dass sie ihr hinterlassen hatte. Einen Teil ihrer Tochter konnte sie nun beim Großwerden beobachten. Das erste Beltaine an dem Yvain teilnahm, ließ Adisa den Atem stocken. Nesbjorn wählte bewusst zum Schluss aus, denn auch er wollte wissen was geschah. Zu ihrem Glück und Yvains Leid, wählte sie kein Jäger. Auch nicht ihre heimliche erste Liebe. Am nächsten Morgen kam Adisa nicht umhin, das traurige Gesicht ihrer Enkelin, mit einem versteckten, seligen Lächeln zu versehen. Sie hatte noch Zeit, viel Zeit.