Tief in der vergangenen Nacht...
Ulfur hatte immer schon Probleme gehabt ruhig zu schlafen, so kurz vor wichtigen Ereignissen. Früher dachte er, es läge an dem Flüstern der Sterne, an den unverständlichen Stimmchen, die besonders in den dunklen Stunden ungehindert an sein Ohr drangen. Inzwischen konnte er diese Geräusche und Eingebungen besser kontrollieren, vielleicht nicht vollständig abschirmen, aber zumindest eingliedern in die generelle Hintergrundkulisse. Trotzdem, der unangenehme Umstand der langen, wachen Stunden war nicht verschwunden. Im Gegenteil, er hatte nun mehr Dinge, mehr Pflichten, die ihm ruhlos durch den Kopf schwirren wollten.
So fand er sich, kaum einen Tag vor der großen Jagd, unter dem Licht des Mondes, auf dem Deck jenes Langboots wieder, das dazu auserkoren war das Rudel in den Kampf zu tragen. Sanft strichen die Finger seiner linken Hand über das Holz der Reling, ein nachdenklicher Blick wanderte den Mast hinauf.
Wie viele Töchter und Söhne der Wikrah war er mit einer besonderen Beziehung zum Meer, zum Fischfang und zu Schiffen aufgewachsen. Er fühlte sich zu Hause beim Geruch nach Salz und Seetang, das liebevolle Wiegen des Bootes im Wasser zauberte ein schwaches Lächeln auf seine Miene. Sein Clan lebte, kämpfte und starb auf den endlosen blauen Fluten, manche von ihnen wurden sogar an Bord geboren. Eine besondere Ehre, wenn man solchen Aberglauben zelebrieren wollte. So lag es nun an ihm, einem Schamanen eben dieser Wikrah, sein möglichstes zu tun um das Rudel auf See zu schützen…das Rudel, als dessen Teil Ulfur auch dieses Schiffchen zählte.
Schwach blitzte Sternenlicht auf der Klinge seines Fischermessers, als er das schlichte Werkzeug aus einer Schlaufe seines Gürtelbundes zog. Die Waffe war nicht gedacht für Schnitzereien, seine Finger ungeübt, doch trotzdem flossen die Stäbe der Runen wie ein steter Strom aus seinen Bewegungen, ergossen sich auf das Holz in beständiger Geradlinigkeit.
Aus dem ersten Aett wählte er Raido, die Rune einer Reise, einer Unternehmung die der Dame im Wind gefällig sein sollte. Ihren Rückenwind würden sie brauchen, um ihren Feind zu finden und nach der Hatz zurückzukehren in den Heimathafen. Als Ort wählte er den Mast im Zentrum, dort wo auch das Segel gespannt wurde, wo die Winde der Dame ihren größten Einfluss haben konnten.
Aus dem zweiten Aett, Algiz, eine der mächtigsten Schutzrunen die manchmal auch mit dem Hirsch selbst in Verbindung gebracht wurde. Sie vermochte das Rudel vor kommenden Gefahren zu warnen und würde helfen, so seine Hoffnung, alle Clanner wohlbehalten zurückkehren zu lassen. Behände kratzte er sie in das Holz an der vorderen Spitze des Kahns, ein leises Summen auf den Lippen.
Aus dem dritten Aett, Othala, Rune der Herrschaft, der Ahnen, ihres Bluterbes. Schon bald prangte dieses Symbol auf dem Heck, denn ihre Vorfahren vermochten ihnen auf dieser Jagd den Rücken stärken, mit den Lebenden Seite an Seite gegen den schwarzen Drachen ziehen.
Nur kurz verzog er das Gesicht als das Messer schließlich nicht über grobes Holz kratzte, sondern eine klare Linie durch die Haut seiner rechten Hand zog. Als das dunkle Blut an die Oberfläche sickerte, wie aus der Quelle eines Brunnens, wob er Fäden in den Wind, flüsterte eine Bitte an die Geister der aufkommenden Wellen. Ein dichtes Geflecht aus Gefühlen und Bildern, aus lockenden Melodien und raunendem Flüstern, dass er, als er seinen eigenen Lebenssaft sorgsam auf alle drei Runen verteilte, an das Holz des Schiffes band. Neugierige, willige Geister mochte er an die magischen Zeichen knüpfen, immer in dem Wissen, dass seine Bemühungen gleichzusetzen waren mit dem Schöpfen von Wasser in einer hohlen Hand. Seine Magie hatte keine Permanenz, schon bald würden sich die Wogen des Liedes wieder glätten…doch die Ahnenruferin hatte damals davon gesprochen, dass er zumindest ein paar Stunden, ein paar Tage erkämpfen konnte. Mehr war nicht nötig, denn er selbst würde durch seine Anwesenheit dafür Sorge tragen, dass die Macht der Runen hin und wieder aufgefrischt werden konnte.
Kurze Zeit später, mit einem frischen Verband um die rechte Hand gewickelt, schaffte der Geisterwächter es endlich ins Reich der Träume einzuziehen. Ein großer Tag stand bevor, eine Unternehmung, von der die Skalden noch lange singen mochten - egal, wie sie ausgehen würde.