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Episoden

Verfasst: Sonntag 23. Juli 2006, 12:49
von Beldan Scherenbrueck
Vergangenheit

Die Frau ist vielleicht 25 oder 30 Jahre alt und nicht viel jünger als der Mann, der einige Schritte von ihr entfernt am Hafen steht, die Hüfte an einen Stapel schwerer Kisten gelehnt und die Ärmel seines abgewetzten Leinenhemdes hochgekrempelt. Sein Körper ist der eines einfachen Arbeiters und Tagelöhners: Kräftig und eher wuchtig als geschmeidig; große, schwielige Hände und grob behaarte Unterarme. Sein Gesicht ist schwerer einzuordnen. Schon im jungen Alter starke Falten, die ihm einen verkniffenen Gesichtsausdruck geben, schmale, angegriffene Wangen, eine aristokratisch-knochige Nase und die ausgeprägten Geheimratsecken, die sein kurzes Haar dominieren, lassen die stumpfe Schlichtheit und Genügsamkeit vermissen, wie sie bei einfachen Menschen so oft vorkommt. Kann man seinen Zügen auch einen gewissen Schneid nicht absprechen, hübsch oder ansehnlich ist er nicht.
Die Frau bietet einen deutlich anderen Anblick. Ihre äußere Erscheinung erhebt sie spürbar über den Mann. Die Kleidung ist zwar gleichermaßen schlicht, aber der Rock ordentlich, die Bluse sauber und die Schuhe kein Vergleich zu den schmutzigen, rissigen Stiefeln des Mannes. Sie ist nicht wirklich schön. Ihre Wangen sind zu weich, ihre Lippen zu unentschlossen. Alles an ihr wirkt irgendwie glatt und nachgiebig, als hätten die Götter sich nicht entscheiden können, was für ein Mensch einmal aus ihr werden sollte. In ihren Augen liegt ein großes Staunen, ein Staunen über die Welt.

Sie stehen sich gegenüber und schweigen sich an. Sie, die ihn aufgesucht hat, sieht verzagt zu Boden und er, um dessentwillen sie gekommen ist, spricht kein Wort. Es dauerte lange bis er die Lippen öffnet und die befangene Stille rau durchbricht. „Was willst Du ?“ Und nachdem er sich einmal umgeblickt hat: „Wo ist dein Mann ?“
Ihr Leib erschaudert als sie seine Stimme zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vernimmt. „Er ist verstorben. Ich bin jetzt Witwe.“ Scheu hebt sie den Kopf, sucht plötzlich seinen Blick mit ihren Augen, fordernd, bittend, unmissverständlich. Ihre Worte, bedeutungsschwanger wie sparsam, sehr viel trächtiger und weitgehender als es einem außenstehenden verständlich sein könnte, suchen sich zaghaft ihren Weg zu seinem Ohr, dringen in ihn ein, öffnen sich, werden ihm klar, verstummen. „Was geht mich das an ?“
Ihre Lippen zittern. Ihre Stimme ist erstickt, Verwirrung breitet sich aus. „Deine Kinder ?“, fragt er. Nervös sieht sie sich um, betrachtet ihre Kinder, die schüchtern abseits stehen, lächelt in einer verklärten Anwandlung von Mutterliebe und nickt. Seine Stimme dringt unnachgiebig in sie. Sie nimmt den Blick nicht mehr von den Kindern. „Dachtest Du, Du kommst einfach zu mir, ich warte auf dich und nehme dich in die Arme, nachdem wir uns fast zehn Jahre nicht mehr gesehen haben ?“
Sie schweigt. Was sie bewegte klingt so lächerlich in seinen Worten.
„Ja, Du musstest ihn heiraten. Es ist nicht deine Schuld. Es ist zu viel Zeit vergangen.“ Sie sieht ihre Kinder nicht. Sie hört nur zu. „Geh wieder. Ich habe jetzt keine Zeit für dich.“ Warum ist sie hier ? Sie geht zu ihren Kindern, sie stolpert. Scham. Sie schämt sich. Ihre Kinder laufen ihr entgegen, aber sie dreht sich noch einmal um. Er hat ihr den Rücken zugekehrt, trotzdem spricht sie: „Aber ich liebe dich.“
Wahnwitzig. Er sieht zu ihr zurück, ihre Blicke treffen sich. Ein zaghaftes Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen, verrückt vor Hoffnung. Wie lange hat sie es eingegraben, versteckt gehalten in ihrem Herzen. Für diesen Augenblick ? Wenn er es gewusst hätte. Oder hat er es gewusst ? Ein paar Münzen fallen achtlos auf den Boden. „Für die Kutsche.“
Zaudernd hebt sie die Münzen auf, auch wenn sie ihr immer wieder durch die Hand rutschen. Ihre Fingerkuppen sind schmutzig von der Erde. Sie klagt nicht und begehrt nicht auf. Sie ist jetzt ganz still. Die Welt ist heute zu groß für sie.

Verfasst: Dienstag 25. Juli 2006, 18:23
von Beldan Scherenbrueck
Rote See

Aufmerksam betrachtete er das Blau des Meeres, das sich in scheinbar endloser Weite vor ihm erstreckte. Sein Blick galt dabei aber weder der Pracht des Himmels noch dem sanften Spiel der Wellen, vielmehr schien nur ein einzelner, schwarzer Punkt seine Aufmerksamkeit zu fesseln, der sich am äußersten Horizont abzuzeichnen begann und langsam aber stetig an Größe und Kontur gewann.
Um ihn herum hörte man das Treten nackter Füße und aufgeregte Rufe, die abwechselnd von Deck zum Mastkorb hinauf oder vom Mastkorb nach unten gellten. Die meisten Matrosen hatten schon ein Entermesser, einen Haken oder ein anderes Werkzeug in der Hand, mit dem man im Notfall nicht nur nützliche Arbeiten verrichten, sondern auch hässliche Wunden reißen konnte. Der Bootszimmermann glänzte mit einem Hammer in der linken Hand und einer Zimmermannsaxt in der rechten, während der Kapitän des Schiffes ein Rapier führte. Unter dieser bunten Mischung aus einem guten Dutzend Matrosen und anderen Schiffsleuten stachen vier Männer zwischen 25 und 30 Jahren hervor. Einer davon war Beldan, der, während er den Horizont im Auge behielt, damit beschäftigt war eine Panzerschiene aus Eisen an seinem rechten Arm anzubringen. Ein zweiter, der mit seinem langen Schnurrbart und seinen buschigen Augenbrauen etwas luchsartiges an sich hatte, stand hinter ihm und zog an den Verschnürungen einer beschlagenen Lederweste, die sich wie ein Korsett um seine Brust schlang. Die beiden anderen knieten an Deck und arbeiteten konzentriert an der Spannvorrichtung einer schweren Armbrust. Auffällig war an diesen Männern nicht nur, dass sie als einzige wirkliche Waffen bei sich trugen, die zu keinem anderen Zweck als zum Töten eingesetzt werden konnten, sondern auch, dass sie - im Gegensatz zu den Matrosen und Schiffsleuten - Rüstzeug anlegten.

Die Aufgabe, die sie auf dem Handelsschiff erfüllten, war zweifelsohne einträglicher als das Schuften an den Piers und Lagerhäusern. Ganz ohne Zweifel war sie auch weitaus gefährlicher. Das Tragen der Rüstungen und die exzellentere Bewaffnung brachten den Seesöldnern ihren entscheidenden Vorteil und rechtfertigten ihren Sold. Auf der anderen Seite geriet man durch die Belastung der Rüstung leichter aus dem Gleichgewicht, vor allem an der Reling. Einen Gang über Bord zu überleben stand bei dem Metall und Leder außer Frage. Insgesamt ein heikler Tausch, der einen gewissen Fatalismus in sich trug, da, wie immer man es auch drehen und wenden wollte, nahm man nun Rüstzeug hinzu oder fort, eine der beiden Todesgefahren, die auf See drohten, stets anstieg und die andere hoch genug blieb, um einem die Knie weich zu machen. Die vier Kämpfer nun wählten nicht die goldene Mitte, sondern übersteigerten die eine Bedrohung, um ihre Chancen bei der anderen zu verbessern. Ein gefahrenvolles Spiel, das in der Seefahrt, wo Schicksal und Glück ohnehin bedeutsamer sind als irgendwo sonst, aber nicht weiter verwundern kann. Zumindest war die See halbwegs ruhig, das verbesserte die Chancen. Für heute jedenfalls.

*****

Der erste Freibeuter, der ihm gegenüber stand, war ein junges Mädchen, kaum im Erwachsenenalter. Mit ihren weit aufgerissenen Augen und wütender Angst stürmte sie auf den erfahreneren Kämpfer zu, trotzdem zögerte sie im letzten Moment. Der erste Schlag traf sie in die Seite. Erschrocken und verständnislos starrte sie ihn an. Mit dem zweiten Schlag war sie tot.
Zwischen dem geharnischten, stählernen Leib des Mannes und dem mageren, in Leinentuch gekleideten Mädchenkörper, der zu seinen Füßen nieder fiel, klang eine seltsame Dissonanz auf. Ein Widerspruch, der die Grenzen zwischen Angreifer und Verteidiger, zwischen Täter und Opfer zu verwischen drohte. Braunes Haar in Blut getränkt. War das das Böse ? Sicher war es das nicht. Es war die Unschuld, die ihre Erlösung im kalten Stahl gefunden hatte, bevor sie sich hatte verlieren können. Eine freilich künstliche Betrachtungsweise, die keine Entsprechung in den Gefühlen der Kämpfenden fand, die den erschlagenen Körper genauso zurückließen wie jeden anderen, sei er alt oder jung. Vielleicht waren es aber auch nur das ewig gleiche Rot vergossenen Blutes und die verzweifelte Uniformität der Todesschreie, die den irrigen Eindruck erweckten, zwischen Recht und Unrecht sei hier keine Unterscheidung mehr zu treffen. Schließlich gab es auch die andere Seite, die sterbenden Matrosen und Bootsleute, die unter den Säbeln und Entermessern der Kaperfahrer fielen oder sich wie wahnsinnig vor Angst in die See stürzten, oft einen Peiniger dabei mit sich mitreißend; in einer Tat, die sich jenseits der Grenzen des Verstandes abspielte, in ihrer ganz eigenen Welt.

Der Enterversuch konnte und sollte nicht lange dauern. Die Enge des Raumes und die geringe Zahl der Männer und Frauen, die sich auf dem Schiffsdeck das Leben nahmen, bedingten, dass bald floh wer noch fliehen konnte, meist mit einem sinnlosen Sprung ins Meer, der keine Hoffnung auf Überleben versprach, und sich zurückzog, wer sich noch zurückziehen konnte. Unter den Toten und Verletzten suchte man die eigenen heraus, um sie zu pflegen oder in den heimatlichen Hafen zurück zu bringen. Die Freibeuter, die an Deck liegen geblieben waren, warf man über Bord, ohne Acht darauf zu geben, ob sie nur ohnmächtig oder tot waren. Regten sie sich noch und bestand die Chance, dass sie überleben würden, dann bewahrte man sie auf, um sie später zu hängen. Ihr Tod war so noch einige Stunden aufgeschoben, allein um eines bizarren Rituals willen.
Von den vier Seesöldnern war einer gestorben, der Rest hatte überlebt. Über die Zahl der gefallenen Matrosen machten diese sich keine Gedanken. Für den toten Kameraden aber würde der Kapitän ihnen eine Prämie zahlen müssen, das war Teil des Vertrages. Insgesamt kein schlechter Tag. Mit Verlusten musste man immer rechnen und ein Viertel war eine gute Quote. Zum Glück war er an Deck gestorben, so ging nichts von der Ausrüstung verloren.

*****

Die schwieligen Hände auf die Reling gestützt nahm er den Anblick der Leichen auf, die im Meer trieben. Eine Weile blieb sein Blick dabei an der mageren Leiche eines jungen Mädchens hängen, die leicht auf den Wellen schwamm. Das Wasser hatte ihr braunes Haar durchweicht und spülte das Blut in sanften Wolken fort, die sich in der klaren See verloren. Noch so jung. Hatte er sie getötet ? Er wusste es nicht mehr. Mit einem Achselzucken wand er sich um und betrachtete die Matrosen an Deck. Einer hatte schon damit begonnen die Planken zu schrubben. Der Lappen schäumte von Blut. Stillschweigend begann er damit seine Pfeife zu stopfen.

Verfasst: Mittwoch 2. August 2006, 22:34
von Beldan Scherenbrueck
Die weiße Rose - 10. Ashatar 240
[enthält Schilderungen, die das sittliche Empfinden verletzen können]

Er schlang die Zügel seines Pferdes um den tiefhängenden Ast einer Birke und zurrte sie fest. Es hatte sich nicht als besonders schwer herausgestellt die Fährte der Räuber aufzunehmen, welche den Handelswagen überfallen und einen der Kutscher getötet hatten. Das Land war zwar eigentlich nicht sein bevorzugtes Terrain, aber seine Gefährten und er brauchten dringend Gold und die Auftragslage auf See war schlecht – die Seewege erwiesen sich als (un-)erfreulich sicher. Also waren sie gezwungen gewesen andere Aufträge anzunehmen.
Aus einer Satteltasche zog er einen zerknitterten Pergamentstreifen hervor und faltete ihn auf, sich der knappen Anweisungen noch einmal versichernd: „ ... eine der Räuberinnen trug eine gestickte, weiße Rose auf dem Kleid. Bringt mir die Rose als Beweis, dass ihr den Auftrag erledigt habt.“ Er reichte ihn an seine beiden Gefährten weiter. Während sich auch diese die spärlichen Informationen ins Gedächtnis riefen, nahm er bereits seine Handschuhe aus dem Gürtel und zog sie über. Die glänzenden Metallplättchen auf dem Handrücken und über den Fingerpartien waren freilich reine Zierde, der Beschlag machte nichts aus. Wichtiger war die Taubheit, welche das feste Leder der Hand gewährte. Durch den groben, harten Stoff spürte man die Schwingungen des Schwertgriffes kaum, alles übertrug sich nur gedämpft auf die Haut, auch der Widerstand, wenn man durch Fleisch und Knochen schlug. Man nahm es weniger stark zur Kenntnis. Das machte das Töten leichter. Aus einer Schlaufe am Sattel löste er seine Waffen, einen gezahnten Streitkolben und ein Schwert. Werkzeug.

Er versicherte sich mit einem Blick seiner Gefährten. Der eine, ein schlanker, junger Bursche, trug einen Bogen, der andere, ein älterer Kumpane, einen Säbel in der Rechten und einen Dolch in der Linken. Als Rüstungen trugen sie nur Westen aus gehärtetem Leder und Armschienen. Niemand rechnete hier mit großer Gegenwehr. Die Räuber und Wegelagerer waren meist arme Burschen. Mit einem stillschweigenden Nicken machten sie sich auf den Weg. Niemand wollte in diesem Augenblick viel sprechen, dafür war die Lage zu ernst und das Handwerk zu zwiespältig. Dass sie hier weder Reichtum noch Ehre holen würden, das wussten sie alle drei. Es ging um ein bisschen weniger Stolz, ein wenig mehr Schande, darum ein paar Lumpen zu erschlagen für eine Handvoll Silber. Eine Sache, die man besser mit sich selbst ausmachte.
Die Hütte der Wegelagerer lag noch fünfzig Schritt entfernt. Es war ein einfacher Holzbau, etwas morsch und vielleicht nicht einmal von ihnen selbst errichtet. Der Größe nach mochte er für 3 oder 4 Personen Platz bieten, vermutlich beherbergte er also 5 oder 6. Es war früher Morgen und das Haus lag noch ganz verschlafen da, so dass sie sich unbekümmert nähern konnten. Eine Fensterluke an der Seitenwand bot einen guten Einblick, so dass Beldan zielstrebig darauf zuhielt, während sein Gefährte mit dem Bogen zurückblieb und der andere das Haus umkreiste. Hinter der Luke schliefen zwei Männer. Mühsam reckte er den Hals und spähte sich weiter um, dann blinzelte er. Mitten im Raum stand ein Junge von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren. Rasch zog er den Kopf zurück. Hatte ihn gesehen ? Er presste seinen Rücken gegen das Holz und hielt die Luft an, sich ruhig stellend. Es war ihm als hörte er ein Trippeln von Schritten, ein Kratzen an der Wand, nahe der Luke, aber dann nichts mehr. Gespannt blieb er stehen, einige Sekunden. Nichts tat sich. Schon wollte er durchatmen und noch einen Blick durch das Fenster wagen, als er das Knarren der Türscharniere an der daneben liegenden Hauswand hörte. Die Eingangstüre. Mit einem raschen Schritt war er an der Hausecke, sah seinen Gefährten mit dem Bogen auf die Türe zielend. Er hob die Hand und schüttelte rasch den Kopf, aber es war zu spät. Genau als die Türe aufsprang hörte er das vertraute Summen der Bogensehne und kurz darauf ein hässliches Geräusch. Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann hörte er ein widerliches Schreien und das plumpe Zusammensacken eines Körpers. Der Pfeil, welcher der Brust eines erwachsenen Mannes gegolten hatte, war dem Knaben unterhalb des Auges eingetreten und hatte den Wangenknochen zersplittert. Der Tag begann.
Für Überlegungen blieb jetzt keine Zeit. Im Inneren des Hauses hörte man das schlaftrunkene, dann aufgeregte und hastige Gepolter von sich erhebenden und zu den Waffen greifenden Männern. Beldan trat hinter die offene Tür und warf einen Blick auf seinen Gefährten. Der hatte bereits einen neuen Pfeil auf der Bogensehne aufliegen und starrte gespannt auf den Eingang. Durch die Tür hörte Beldan das Treten von Füßen als der erste der beiden Männer aus der Hütte lief. Wieder das Summen der Sehne, wieder das unschöne Geräusch als die eiserne Pfeifspitze auf menschliches Fleisch traf. Kurz darauf stürmte der zweite aus der Hütte. Noch an der Türschwelle schlug ihm die Tür entgegen, die Beldan mit einem Stoß zugerammt hatte, und brachte ihn ins Taumeln. Er lief genau in sein Schwert.
Nachdem sie einige Augenblicke gewartet hatten, betraten sie das Haus. Die enge Schlafkammer war leer, niemand mehr da. Mit dem Kopf deutete er auf die Schlafstellen, fünf an der Zahl. „Wir teilen uns auf.“ Ein knappes Nicken, dann hatten sie das Haus bereits wieder verlassen. Während seine beiden Gefährten schon in den umliegenden Wald streunten, fiel sein Blick auf den auf der Türschwelle liegenden, blutenden Jungen. Er hatte vor Schmerzen das Bewusstsein verloren und wirkte fast friedlich, nur dass der Schaft der abgesplitterte Schaft des Pfeils aus seiner Wange ragte und sein Gesicht rot von Blut war. Beldan holte mit dem Streitkolben aus.

Er war bestimmt eine Viertelstunde oder länger durch den Wald geirrt, hatte aber niemanden aufstöbern können und auch keine Spuren mehr entdeckt. Also ging er zurück. Ein Fuchs lief von der Knabenleiche fort, als er zum Haus kam. Seine Gefährten waren noch nicht zurück. Er schulterte den Streitkolben und ließ das Schwert hängen und wartete. Der Erste war sein alter Kumpan. Er schied gerade seinen blutigen Säbel und hob in seine Richtung die Mundwinkel, die freie Hand hebend und einen Finger abspreizend. Auf ihren jüngeren Gefährten mussten sie länger warten, dafür brachte er die erhoffte Beute mit sich: Eine junge Frau mit blutrotem Haar und einem moosgrünen Kleid auf das eine weiße Rose gestickt war, so wie geschildert. Zufrieden nickten sie sich zu. Sie gingen ihnen ein Stück entgegen, um das Haus herum. Sie wusste vermutlich noch nicht, was mit den anderen geschehen war, aber das Blut auf den Waffen nahm sie unruhig zur Kenntnis. Er steckte Schwert und Streitkolben in den Gürtel und nickte seinem jüngeren Gefährten zu. „Gut gemacht. Wo hast Du sie gefunden ?“ Der Jüngere hob deutend eine ihrer nassen Locken an und musste Lächeln. „Unten am Fluss.“ Beldan zog seinen Dolch und ging auf sie zu. Sie starrte ihn nur schweigend an, aber ihr Blick war hart und willensstark. Ohne sich auf einen direkten Zweikampf einzulassen griff er an ihre Brust, den Stoff packend und schnitt mit dem Dolch das Rosenemblem aus dem Kleid. Dabei sah er ihr nicht einmal in die Augen. Mit einem aufgeregten, leidenschaftlichen Bäumen befreite sie sich ein Stück von ihrem Widersacher und trat nach Beldan, schrie ihn an. Er verstand nicht was sie sagte, aber ihre Worte klangen hässlich und schrill. Vermutlich waren sie jetzt einfach nur ängstlich. Ihre Stimme überschlug sich. Nach einem kurzgezogenen Faustschlag brach sie zusammen und hielt sich leise wimmernd ihren Bauch. Mürrisch wand er sich um und stopfte die weiße Rose in seinen Gürtel.

„Sollen wir sie nicht umbringen ?“, drang es fragend an sein Ohr. Einen Moment lang stockte er und sah sich mit gerunzelter Stirn um. Der Alte hatte gesprochen. Er betrachtete still das am Boden kauernde Mädchen, ihre schmale, zerbrechliche Gestalt, das feuerrote, eigenwillige Haar ...„Doch, tötet sie.“ Dann kehrte er sich wieder von ihnen ab. „Beldan...?“ Gereizt wand er sich abermals um. „Was ist denn noch ?“, fuhr es ihm genervt von den Lippen. Sie hatten das Mädchen wieder aufgerichtet und hielten sie fest. „Schon gut, geh ruhig schon mal...“ Er zog matt irritiert die Brauen empor, dann gerieten seine Züge seltsam in Bewegung und verharrten in einer skeptischen, verzogenen Fassade. Er kannte den Blick, den sie ihm zuwarfen. Unbehaglich rieb er sich das Handgelenk und betrachtete sie. Die Peinlichkeit, die zwischen ihnen aufkam, musste auf einen Außenstehende einen seltsam befremdenden, zynischen Eindruck machen. Knapp nickte er. „Aber beeilt Euch.“ Sie zogen das Mädchen hinter die Hütte und Beldan ging weiter zu den Pferden. Nur diesmal blieb er nach wenigen Schritten von alleine stehen, ohne dass ihn jemand aufgehalten hätte. Nachdenklich betrachtete er den Ort. Er konnte auf dem Boden vor der Tür den toten Knaben sehen. Um die Ecke der Hütte blitzte ein nackter Fuß des Mädchens hervor und zog mit seinem regen Zappeln und Bäumen seine Aufmerksamkeit auf sich. Gerieten die Dinge heute außer Kontrolle, ging etwas schief oder war es immer so gewesen ? Die Situation kam ihm komisch vor. Das verzweifelte Zappeln des Mädchenfußes hatte etwas komödiantisches an sich. Im gleichen Augenblick als er diesen wirren Gedanken fasste zog sich eine unangenehme Gänsehaut seinen Nacken empor und ein flaues Gefühl überkam ihn. Irgend etwas war verkehrt. Er kam sich vor wie in einem Schauspiel, wie ein fremder Beobachter in einer bizarren Groteske, nur dass das Blut an seinen Waffen und das hilflose Schreien, welches das Tanzen des Fußes begleitete, sehr real waren. Und dass es ihm so vorkam als würde er das alles schon kennen, als hätte er es schon tausendmal erlebt. Mühsam versuchte er sich zu lösen und trat einen Schritt zurück, aber immer wieder glitt sein Blick zurück, es war ihm unmöglich sich zu befreien. Er atmete tief ein, presste die Augen zusammen. Er musste Ruhe gewinnen, sich nicht überwältigen lassen. Er hatte schon so oft getötet, so oft grausame und menschenverachtende Szenen gesehen, warum sollte er ausgerechnet jetzt die Nerven verlieren. Er musste sich beruhigen. Er musste. Entnervt riss er sein Schwert aus dem Gürtel und schleuderte es gegen den nächsten Baum. Ihr Schreien machte ihn wahnsinnig. Das musste aufhören. Alles musste aufhören. Er nahm seinen Streitkolben in die Hand und ging zurück zur Hütte.

Er trug die drei Leichen in die Hütte, sie in die Schlafkammer werfend ohne einen Unterschied zwischen Peiniger und Opfer zu machen. Den Knaben und die beiden erschlagenen Räuber legte er dazu. Dann ging er zurück und holte Zaumzeug und Sättel von den Pferden seiner Gefährten, sie ebenfalls in die Hütte werfend. Die Pferde trieb er davon, die Hütte zündete er an. Das Holz brannte nicht gut, es brauchte einige Versuche bis die Flammen sich verselbstständigten. Er kam sich vor wie ein Irrer und in den Augen eines jeden anderen wäre er das auch gewesen. Stillschweigend nahm er die weiße Rose aus seinem Gürtel und betrachtete sie. Kurz zögerte er, dann warf er sie ins Feuer und ging davon.

Ein tiefes, dunkles Befremden blieb ihm von diesem Tag zurück und er mied fortan jeden Ort wo sie wuchsen:
Weiße Rosen.

[img]http://files.myopera.com/E.%20Driver/albums/34898/Francis%20Bacon.jpg[/img]

Verfasst: Dienstag 7. August 2007, 02:01
von Beldan Scherenbrueck
In der Ferne, ein anderes Leben - 06. Ashatar 250

Das Leben Beldan Scherenbruecks war seit seiner Abreise zweifellos ein gänzlich anderes geworden. Die Küstensiedlung in der er sich niedergelassen hatte war beim besten Willen nicht mit Bajard zu vergleichen. Hier gab es keinen Strom an unberechenbaren Schwergepanzerten, keine Diener Kra’thors, keine betrunkenen Söldnerscharen, keine Schergen Rahals und schon gar keine Letharen. Im Königreich selbst war es doch deutlich ruhiger als in der Provinz Hohenfels und den umliegenden Territorien Gerimors. Sah man von der penetranten Religiosität und Frömmigkeit, die auch hier verbreitet war, ab, dann ließ sich das Umfeld durchaus ertragen.
Aber es war nicht nur das Umfeld, das sich verändert hatte. Er bewohnte nun ein wirkliches Haus mit allen dazu nötigen Beigaben: Einem Vorgarten, mehreren Zimmern und einem Balkon mit Blick auf den Hafen. Sogar Personal beschäftigte er, das er von seinem Vorpächter übernommen hatte. Eine alte Gevatterin und eine Küchenmagd mit einem kleinen Buben wohnten mit ihm gemeinsam unter einem Dach. Einen Burschen bezahlte er ebenfalls, aber dieser war nur an zwei oder drei Tagen der Woche im Haus. Freilich verdankten sich diese Änderungen weniger einem aristokratischen Umschwung in seinem Gemüt oder einem neuen Hang zur Selbstdarstellung als vielmehr dem stetigen Verfall seiner Gesundheit, der ihn mehr und mehr in Abhängigkeit von der Hilfe und Unterstützung durch Andere brachte. Als alleinstehender Witwer, der keine Kinder und Enkel aufweisen konnte, war er dabei ganz und gar auf bezahltes Gesinde angewiesen.

Zweimal in der Woche besuchte ihn der Heiler. Eine drahtige Person, die etwas von einem Käfer an sich hatte. Da er nicht einmal halb so goldgierig war wie Herr Goldheilung, sein Handwerk aber anscheinend verstand, kamen sie gut miteinander aus. Die relative Verlässlichkeit und Anständigkeit der Menschen war etwas das er am Königreich durchaus zu schätzen wusste.
Der Bürgermeister des Ortes stattete ihm gelegentlich einen Besuch ab seit er spitzbekommen hatte, dass sie gewissermaßen Amtskollegen waren bzw. gewesen waren, aber da sie sich nicht sehr ähnlich waren beschränkte sich der Austausch auf Höflichkeitsbezeugungen. Überhaupt waren die Menschen alle sehr höflich und zuvorkommend, aber es fiel ihm schwer sich wirklich zu akklimatisieren. Wie schon in Bajard blieb er auch hier eher für sich, halb weil er es vorzog und ihn Gesellschaft langweilte, halb weil er immer noch zu unbeholfen war wenn es darum ging sich auf die Menschen einzulassen.

Sein Alltag beschränkte sich dementsprechend darauf Rechnungen abzusegnen oder Absagen für Einladungen und andere Nichtigkeiten zu diktieren. Da die Gevatterin jedoch sehr gewissenhaft war blieb für ihn kaum etwas zu tun. Die Küchenmagd, die sich wegen ihres unehelichen Kindes schämte und keine größere Sorge kannte, als dass der Knabe ihn stören könnte, bekam er kaum zu Gesicht und selbiges galt auch für den Buben. So herrschte im Haus das drückend förmliche Verhältnis von Hausherr und Gesinde vor, das zwar keinem der Beteiligten besondere Freude bereitete, aber auch von keinem durchbrochen wurde.
Ein gewisser Lichtblick war der Bursche den er bezahlte. Ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren, den er am Hafen aufgelesen und in seine Dienste genommen hatte. Anfangs hatte es ein paar Schwierigkeiten gegeben als Geschirr, Kerzenleuchter oder Schinkenkeulen nicht an ihrem Platz geblieben waren, aber seit die Gevatterin ihn erwischt und einmal ordentlich durchgeprügelt hatte standen sie auf gutem Fuß miteinander. Er hatte etwas von dem Rotzbengel Marvin an sich, der ihm in Bajard regelmäßig auf die Nerven gefallen war, den er aber trotzdem in guter Erinnerung behalten hatte.
Den Burschen schickte er üblicherweise für Einkäufe und Briefe aus, die er weder der Küchenmagd noch der Gevatterin überlassen wollte, aber seine eigentliche Hauptaufgabe bestand darin sich herumzutreiben und Neuigkeiten aufzuschnappen, die er seinem Herrn dann berichten musste. Sein besonderes Augenmerk hatte dabei den Schiffen zu gelten, die den Hafen der Siedlung anliefen. Befand sich unter den Reisenden ein Mann oder eine Frau aus Bajard oder hatte eines der Schiffe auf seiner Fahrt in Bajard Halt gemacht, dann wurden die Reisenden oder der Kapitän des Schiffes umgehend in das Haus Beldan Scherenbruecks eingeladen. Man konnte zwar nicht behaupten, dass er so auf dem Laufenden blieb, aber das ein oder andere drang doch zu ihm durch.

So ganz ließ der Ort ihn offensichtlich nicht los, aber das war entschuldbar zog man in Betracht wie lange er dem Dorf als Bürgermeister gedient hatte. Zog man fürderhin in Betracht, dass er eigentlich noch Bürgerpflichten hatte, dann erschien es sogar angemessen. Hier hatte er ausreichend Zeit und Muße über die Versäumnisse der Vergangenheit nachzudenken und über die Menschen, mit denen er sein Leben in Bajard geteilt hatte. Dazu gehörten Fräulein Leanne und Fräulein Lairja, deren Hof genauso wenig wegzudenken war wie der Hafen selbst. Da waren Männer wie Arias Lasanar, Kassius oder Loran Darragon, die für das Bajard standen, wie es sich auf der Straße und in der Taverne präsentierte, mit all seinen Gefahren und Spannungen. Schlussendlich und in der Mehrheit Personen wie Fräulein Alin, Fräulein de Lopasz, Fräulein Nuala, Ortus oder Herr Novaire, die irgendwo zwischen all diesem standen und ihr eigenes Leben lebten. Dass es ihm nie gelungen war all diese Interessen zu vereinen war das große Manko seiner Amtszeit gewesen und ließ Erfolge auf anderen Gebieten blass erscheinen. Ein Umstand der ihn auch persönlich viel Kraft gekostet hatte, erschwerten die gespaltenen Interessen die Arbeit eines Bürgermeisters doch ungemein. Schwerer wog vermutlich, dass er nie seinen Platz zwischen all diesen Interessen gefunden hatte und dadurch nie richtig heimisch geworden war. Im Grunde war er mit allen Bajardern zufrieden gewesen, sie dann so weit voneinander entfernt zu sehen war stets ein schwerer Schlag für ihn gewesen.

Hier in der Ferne verblassten diese Eindrücke und Sorgen zum Glück etwas. Zum Glück, weil es um Beldan Scherenbrueck nicht gut stand und das Leben, das er geführt hatte, seinen Tribut forderte. Sah man ihn jedenfalls so auf seinem Balkon sitzen, eine Wolldecke über den Beinen und den Blick auf den Hafen gerichtet, beobachtete man wie der Wind sein schütteres, ergrautes Haar aufwarf und sein faltiges, zerfurchtes Gesicht dabei regungslos und schlaff blieb, dann erkannte man deutlich wie alt der Mann in den letzten Jahren geworden war und wie vertraut ihm die Gesellschaft des Todes schon geworden sein musste.

Verfasst: Donnerstag 30. August 2007, 01:02
von Beldan Scherenbrueck
Altes Leben, neues Leben

Seltsame Angewohnheiten waren es, die ihn dieser Tage umtrieben: Spaziergänge und Bücher. Der Heiler, der in seinem Hause ein und aus ging, hatte ihm angeraten gelegentlich einen Gang ins Freie zu unternehmen und einige Schritte zu tun. Seiner Gesundheit sei dies zuträglicher als die Bewegungslosigkeit und lethargische Starre, in die er verfallen war. Also sah man Beldan Scherenbrueck von Zeit zu Zeit sein Haus am Hang verlassen. Eingehüllt in einen weiten Mantel, mit einem Gehstock in der Hand und dem Küchenhund im Gefolge bestritt er diese kleinen, gesundheitsfördernden Ausflüge, die ihn eine Menge Kraft kosteten. Dass es in dem Ort wenig zu sehen gab, hatte er schnell festgestellt. Auf kluge Anordnung hin sollte er die Tavernen meiden und auch wenn es ihn gelegentlich juckte, hielt er an dieser Vorgabe vorsichtigerweise fest. Am liebsten verließ er sein Haus zu den Markt- und Festtagen oder wenn ein Schiff in den Hafen eingelaufen war. Sich unbescholten unter den Menschen bewegen zu können, gelegentlich den Hut zu ziehen oder ein freundliches Wort zu wechseln, ohne dass man ihn aufhielt oder etwas von ihm wollte, gefiel ihm. Genauso machte es ihm Freude den Matrosen beim Entladen der Schiffe zuzusehen, den Marktfrauen beim Sortieren der Kartoffeln und Rüben oder den Kindern bei ihren Spielen.

Diese Kleinstadt spiegelte in etwa das wieder, was er sich ursprünglich erhofft hatte als er sich entschlossen hatte sich in Bajard niederzulassen. Vermutlich gab es Dutzende solcher Orte, aber Bajard hatte bedauerlicherweise nicht dazu gehört. Ein Reisehafen, in dem man immer wieder fremde Gesichter zuordnen musste und etwas aufpassen mit wem man es gerade zu tun hatte, war kein guter Platz gewesen um eingeübte Instinkte und Reflexe zu unterdrücken. Richtig zur Ruhe gekommen war er dort jedenfalls nicht und so hatte er auch als Bürgermeister seine alte Haut nicht ganz abstreifen können. Ob das nützlich oder nachteilig gewesen war mochten die Götter beurteilen, auf jeden Fall hatte er sich nie ganz wohl dabei gefühlt und sich vermutlich auch zu einigen Torheiten verleiten lassen. Hier trugen die Menschen keine Waffen und verhüllten ihre Gesichter nicht. Während er sich in Bajard jedes Mal neu dazu hatte entscheiden müssen sein Schwert zu Hause zu lassen, was durchaus ein Wagnis gewesen war, wusste er hier gar nicht wo er seine Waffen eigentlich verstaut hatte. Seit dem Tag seiner Ankunft hatte er sein Rüstzeug nicht mehr in der Hand gehabt. Im schlechtesten Fall setzte es schon Rost an. Dieses Gefühl der Ruhe und Sicherheit war eine neuartige Erfahrung aus der er Kraft schöpfte. Mit dem Gedanken seine Bürgerschaft aufzugeben und sich hier endgültig niederzulassen trug er sich freilich nicht und wirklich besser ging es ihm auch nicht. Sein Aufenthalt in diesem Ort blieb weiterhin zeitlich beschränkt, nur war es immer noch nicht klar wohin es danach gehen würde: zurück nach Bajard oder unter die Erde? Das war das Problem.

War er nicht auf einem seiner Spaziergänge unterwegs, dann verbrachte er seine Zeit weiterhin im Haus. Aus Mangel an Beschäftigung hatte er begonnen sich Bücher und Schriften auszuleihen und diese zu lesen. Er war eigentlich kein sehr geübter Leser und da er auch nicht wusste was ihn interessieren könnte, nahm er einfach zur Hand was er bekommen konnte. Das Fehlen eines mit dem Laden von Fräulein de Lopasz vergleichbaren Schriftenhändlers schränkte die Auswahl ohnehin ein. So lagen auf seinem Tisch Bücher über Heil-, Pflanzen- und Tierkunde, die er vom Medicus erhalten hatte und deren Inhalt er nur verstand, wenn es um Knochenbrüche, Wundbrand oder andere vertraute Themen ging. Wurden dagegen Krankheiten oder Arzneien erläutert, dann verstand er kein Wort. Dafür gefielen ihm die Beschreibungen von exotischen Pflanzen und Tieren. Vom Bürgermeister des Ortes hatte er ein paar Schriften über Landeskunde und Recht geborgt, die ihn allerdings kaum fesselten. Interessanter waren die Abhandlungen über Ackerbau und Gutswirtschaft, die ihm ein (in mehrfacher Hinsicht) kleiner Landadliger, welcher den Ort oft besuchte, gegeben hatte. Auch hier kam ihm allerdings vieles kryptisch und seltsam vor und er hätte gerne Fräulein Lairja oder Fräulein Leanne zur Seite gehabt, damit sie ihm einige Fragen hätten beantworten können. Zumindest hegte er nun das Ansinnen auch irgendetwas in seinen Garten zu pflanzen und grübelte darüber nach, ob sich sein Hausstand nicht besser ordnen ließe. Freilich blieb es bei guten Absichten.
Der sinnvollste Fund, den er bisher getan hatte, war vermutlich eine alte Versreihe die einen seemännischen Bestattungsbrauch schilderte, den er zwar sehr gut kannte, über den er jedoch lange nicht mehr nachgedacht hatte. Die Zeilen lauteten etwa wie folgt: Drum, o Schiffer, versag’ nicht unmild meinem Gebein und Haupt, das grablos modert, ein wenig flüchtigen Sands! Wenn du auch eilst, bald ist’s ja geschehn: dreimal eine Handvoll Staub, dann magst du den Anker erheben. In den Genuss dieses Brauches zu kommen würde ihm zum Glück erspart bleiben. Keine schöne Vorstellungen irgendwo tief im Ozean zu versinken, drei Handvoll Erde hin oder her. Wer schon einmal eine Wasserleiche gesehen hatte wusste, dass etwas modrige Erde sowie ein paar Würmer und Maden dem aufgedunsenen Fleisch, den Aalen und den Krebsen vorzuziehen waren. Richtig schön war der Tod vermutlich nie. Dass er sich selbst auf bestem Weg dorthin befand, stimmte ihn nicht unbedingt euphorischer.

So pendelten seine Gedanken, je nach Vorgabe des Lesestoffes und seiner eigenen Laune, zwischen melancholischen Eingebungen, den Vorteilen des Aderlasses und der Dreifelderwirtschaft hin und her, unterbrochen nur durch die gelegentlichen Besuche, das geschäftige Wirtschaften der Gevatterin und das Greinen des Säuglings, den die Küchenmagd einfach nicht ruhigstellen konnte. Denn tatsächlich war die Magd, das arme Geschöpf, schon wieder niedergekommen und man munkelte, dass der Gehilfe eines Krämers etwas damit zu tun hatte. Da er aber irgendwie das Gefühl hatte, dass all das wenig mit ihm zu tun hatte und die Ursachen ohnehin vor seiner Zeit lagen, gab er dem Drängen der Gevatterin nicht nach und beschäftigte die Küchenmagd weiterhin, auch wenn jetzt schon zwei Kinder durch sein Haus krabbelten. Lauter als in Bajard konnte es ohnehin nicht werden und zum Glück entpuppten sich die kleinen Triefnasen als umgängliche Hausgenossen, da sie nicht nach Bürgerschaftsbriefen fragten und auch keine diplomatischen Gespräche führen wollten, sondern einfach nur ein wenig herumkrakeelen, was man ihnen kaum verdenken konnte. So hatte das Nachsinnen über den Tod und das sinnlose Dahinwelken auch etwas Versöhnliches, denn während er langsam an Kraft und Ausdauer verlor, wuchs das Leben um ihn herum umso rascher und unkonventioneller heran.

Verfasst: Dienstag 20. November 2007, 02:19
von Beldan Scherenbrueck
Rückkehr?

Die schweren Arme in die Höhe gehoben, stand er nur mit einer Kniebundhose bekleidet im Schlafzimmer des Hauses. Ein verwachsenes Männchen klopfte mit einem kleinen Bleihämmerchen seine Brust ab. Von Zeit zu Zeit drückte es auch die Öffnung eines seltsam verschlungenen Trichters auf seine Haut. Dann bat es ihn zu husten oder einzuatmen und hielt das Ohr an das andere Ende der Apparatur. Solange diese Aufgaben fehlerfrei erfüllt wurden, war das geschäftige Männchen ganz in das Studium des Körpers vertieft und schien den darin steckenden Menschen gar nicht wahrzunehmen.
Statt der Gevatterin, die sich nie etwas fragte und nie etwas sagte, stand die junge Küchenmagd im Türrahmen und war ebenfalls in das Studium des Patienten vertieft. Sie betrachtete voller Unbehagen den zernarbten Oberkörper des Hausherrn, der sie an eine grausame Welt gemahnte, die sie aus aufgebauschten Geschichten kannte, welche die Wanderlust unterbinden und ihr das eigene Elend schmackhaft machen sollten. In den Händen trug sie ein Tablett und darauf eine Schale mit dampfendem Wasser und ein Tuch; beides war für die täglichen Atemübungen bestimmt.

Weil die Natur ihn mit einem kräftigen Knochengerüst ausgestattet hatte und ihn nicht zu einem geschmeidigen, sondern zu einem klobigen Mann bestimmt hatte, sah man es ihm nicht so stark an, aber seit Ausbruch der Krankheit hatte er deutlich an Gewicht und an Kraft verloren. Spaziergänge ersetzten weder Arbeit noch Leibesübungen, die verordnete Bettruhe dämpfte seinen Hunger. Bald würde er fast ein halbes Jahr nichts anderes getan haben, als den Anweisungen des Medicus Folge zu leisten. Das bedeutete im Wesentlichen, sich zu schonen und nichts zu tun, keine Belastungen, kein Luxus. Die Maserung der Zimmerdecke und die Wege um das Haus kannte er wie seine Westentasche, dafür war er kaum jemals ins Umland gekommen und nur gelegentlich ins Dorf. Ob es wirklich eine gute Idee war, schon wieder nach Bajard zurückzukehren? Ein gewisses Unbehagen drängte ihn dazu. Die friedliche Atmosphäre hatte ihn anfangs beschwichtigt und ihm gut getan, aber mittlerweile bekam er auch die Enge zu spüren, die das Leben in einem Dorf mit sich brachte. Ein Umstand den er schon aus Bajard kannte, der dort jedoch durch die vielen Reisenden gemildert wurde. Hier, in einer der abgelegenen Provinzen des Reiches, war der dörfliche Charakter sehr viel ausgeprägter und brachte in einer Mischung aus religiöser Borniertheit und bäuerlicher Stumpfsinnigkeit einen unerträglichen Menschentypus hervor. Nicht dass sein eigener Charakter höher einzuschätzen gewesen wäre, aber man verstand sich eben nicht.

Mittlerweile hatte die Magd über das Waffenbündel geplaudert, das seit seiner Ankunft in der Besenkammer des Hauses verstaubte, hatte sich herumgesprochen, dass er aus Bajard stammte, und war er demnach Ziel der Gerüchte und schlechten Meinungen geworden, die in den Adels- und Klerikerkreisen des Reiches über Bajard kursierten und natürlich auch auf die einfache Bevölkerung abfärbten: Man betrachtete ihn jetzt mit mehr Misstrauen. Besucher empfing er deshalb kaum mehr. Der Bürgermeister, der sich ihm immer noch durch ein seltsames Standesbewusstsein verbunden fühlte, hatte sich zwar ausgiebig entschuldigt, wollte seinen Ruf aber nicht aufs Spiel setzen. Gäste und Einladungen blieben aus. Mit seinem von der Straße aufgelesenen Burschen, der Magd und ihren unehelichen Kindern, sowie der alten, knochigen Vettel, die sein Haus bewirtschaftete, hatte er so eine seltsame Sammlung randständiger Personen unter seinem Dach versammelt, in die er sich nun selbst gut einfügte. Der Heiler, für den alle Menschen nur mechanische Körper waren, die aus Säften und Därmen bestanden, komplettierte dieses Kuriositätenkabinett. Denn da ihn Menschen nur aus medizinischer Sicht interessierten, kümmerte er sich nicht um die Gerüchte und bösen Blicke, die ihm seine Besuche einbrachten.

In Bajard würde es nicht unbedingt einfacher werden. Den Fehler, sich zu sehr in die Belange des Dorfes einzumischen, wollte er vermeiden. Er war kein Bürgermeister mehr und hatte nicht vor, den Anderen das Leben unnötig schwer zu machen. Ganz vermeiden würde es sich allerdings nicht lassen, denn man wurde in Bajard oft schneller in den Strudel der Ereignisse gezogen als einem lieb war. Aber auch auf persönlicher Ebene standen einige Unwägbarkeiten an. Da war nicht zuletzt der Umstand, dass das Fräulein Lairja ihn auf den Hof eingeladen hatte, was er kaum würde abschlagen können. Nur erinnerte er sich daran, dass das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Fräulein Leanne und ihm bei seiner Abreise nicht im besten Zustand gewesen war, was sich den Streitigkeiten um Herrn Lasanar verdankte. Seine fehlende Parteinahme in diesem Streit und die folgende Verkettung von Missverständnissen und Übereiltheiten, die niemanden – einschließlich der Menekaner - ausgelassen hatte, waren in die unglückliche Verhandlung gemündet, die Bajard zwar die Befreiung beschert hatte, aber für alle sehr unangenehm gewesen war und tiefe Brüche offenbart hatte. Aus der Distanz war es ihm unmöglich einzuschätzen, welche Bedeutung diesen Ereignissen noch beigemessen wurde und wie Leanne auf ihn reagieren würde.

Sich selbst befragte er natürlich ebenfalls zu diesen Dingen, aber im Allgemeinen versagte seine Selbstkenntnis in solchen Angelegenheiten. Für ihn waren die Menschen alle sehr ähnlich und das verdankte sich weniger völliger Gleichgültigkeit als seiner emotionalen Unbeholfenheit. Gemessen an der Unvollkommenheit seines eigenen Charakters fiel es ihm nicht schwer, die meisten Menschen irgendwie zu schätzen und für gut zu befinden. Einzelne Handlungen, Eigenheiten und Neigungen beurteile er dabei eher nach pragmatischen, wertfreien Gesichtspunkten, wie ihrer Nützlichkeit oder Zweckmäßigkeit, zog sie für persönliche Betrachtungen aber nicht heran, so dass er selten zu sagen wusste, was er unterbewusst für einen einzelnen Mitmenschen empfand. Diese grundlegenden menschlichen Fähigkeiten, die ihm lange nicht von Nutzen gewesen waren, begannen sich erst langsam wieder auszubilden und wahrscheinlich war er schon etwas zu alt dafür, um in dieser Hinsicht völlig zu genesen. Eines stand zumindest fest: Es würde wohl keine ungetrübte Rückkehr werden und die Wiedersehensfreude eher gemischt ausfallen.

Verfasst: Samstag 3. September 2011, 19:26
von Beldan Scherenbrueck
Die Welt von morgen?

Wie fast jeden Tag ging er vor dem Frühstück auf die Veranda und zündete sich eine Pfeife an. Es war ganz früh am Morgen, die Zeit gleich nach Sonnenaufgang wenn es am Kältesten war und dünne Nebelschwaden über der Uferböschung lagen. Das Gesicht noch knitterig vom Schlaf, von der erst langsam abebbenden Müdigkeit fröstelnd, stand er dort und rauchte. Seine Frau war bereits eine halbe Stunde vor ihm aufgestanden und kümmerte sich um das Vieh. Erst die Tiere, dann die Menschen, so lautete die alte Bauernregel. Er hätte sich gerne hingesetzt, aber er fürchtete die bleierne Schwere in den Beinen und so zwang er sich, einige Schritte auf der Veranda auf und ab zu gehen. Es war gespenstisch ruhig um diese Zeit und man ahnte nichts von den Dingen, die in Bajard vor sich gingen. Später würde er, wenn die See nicht zu unruhig war, eine halbe Stunde in der Bucht schwimmen und dann in die Küche zu seiner Frau gehen, die schon mit dem Frühstück wartete. Normalerweise sprachen sie dann rasch einige Dankesworte an Eluive und an Horteras; in letzter Zeit übernahm das ihre junge Tochter, die noch die eifrige und begeisterte Frömmigkeit an den Tag legte, wie man sie in dieser Eigenheit – zumal in Bajard - nur bei Kindern findet. Je nach Laune und Hunger waren die Gebete lang oder kurz, beschränkten sich auf die Kernfamilie (den Hund Kassius eingeschlossen) oder strapazierten die elterliche Geduld wenn jeder Bürger und jedes Stück Vieh einzeln bedacht wurde, auch konnten Ameisen, Käfer, Schnecken, Wichtel, Zwerge und andere irdische und unterirdische Bewohner auf eindringliche Fürbitte hoffen. Dass die Worte heute ausbleiben würden und dass der Platz am Tisch leer bliebe, auch keine Tasse und kein Gedeck aufgetragen wären, war ein erstes Indiz dafür, dass etwas in Bajard nicht stimmte. Bei genauerem Hinsehen und Hinhören wären einem vielleicht auch die Gesichter schattiger, die Stimmen belegter und die Gespräche ernster und wortkarger vorgekommen als sonst.

Dass der Alltag trotzdem seinen Lauf nehmen würde, die Läden aufgeschlossen, das Feld bestellt, die Obstbäume gewässert, lag vielleicht in der Macht der Gewohnheit begründet, nicht nur des regelmäßigen Tagesablaufs, sondern auch der gefahrenvollen Umstände. Und so verwunderte es auch nicht, dass gerade Bajard – eine Gemeinschaft die nie ein Schwert erhoben hatte, außer um sich zu verteidigen – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner sturen Friedfertigkeit von allen Seiten mit Argusaugen betrachtet wurde. Hatten sie es sich nicht bequem gemacht in ihrer Neutralität? Waren sie nicht die heimlichen Nutznießer des Götterkrieges? Prinzipienlose Kriegsgewinnler und Ketzer? Bekamen sie jetzt nicht ihre gerechte Strafe? Die meisten Bajarder beschäftigen solche Fragen und Vorwürfe wenig. Es gab keinen Ort auf Gerimor der öfter bedroht, überfallen, besetzt, niedergebrannt und wiederaufgebaut worden wäre als Bajard, keine Gemeinschaft die so viele ernannte und selbsternannte Oberherren und Unterdrücker gekannt hätte, keinen Fischer, Bauern oder Handwerker in diesem Dorf der nicht einmal ausgeraubt, verschleppt oder aus dem Dorf vertrieben worden wäre, der nicht einmal sein Haus verloren hätte, der nicht irgendwo eine Narbe am Körper oder in der Seele trug, von der er seinen Enkeln - falls er sie erlebte – einmal mit belegter und mahnender Stimme würde erzählen können, und der manche Dinge gesehen und miterlebt hatte, von denen er niemals jemandem berichten würde. Mit den Jahren war ihnen vieles Einerlei geworden, verlorene manche ihre Prinzipien und wurden zu Grenzgängern zwischen den Welten, während andere ihren Glauben an die Welt verloren, hinter jeder gereichten Hand und jedem gesprochenen Wort eine Hinterlist wähnten, hinter jedem Fremden eine mögliche Bedrohung. Und wäre einem ein Zwerg in Gesellschaft eines Letharen oder ein Pirat an der Seite eines Ritters begegnet, man hätte sich nicht weiter verwundert, so sehr war das Dorf seiner stumpfen Gleichgültigkeit und seinem Pessimismus verfallen und so wenig glaubte man letztlich daran, dass alles – der Götterkrieg und die Religionen, die Tugenden, Gesetze und Prinzipien, die Titel und Stände – mehr als Fassade war. Kurzum: Hier war tatsächlich ein Ort ohne Glaube; nicht ohne Glaube an die Götter, denn wer zur See fuhr, der fürchtete die Naturgewalten, aber ohne Glaube an die Menschen und die Völker Alathairs. Und das war seine eigentliche Unverschämtheit, dass er mit jeder Geste, jedem Blick, gleich ob Baron, Emir oder Graf, gleich ob Ritter, Magier oder Priester, gleich ob Jünger Alatars oder Jünger Temoras, gleich ob Rabendiener oder Edelmann, zu bedeuten schien: „Nimm Deine Waffen, Deine Zauber, Deine Gebetsbücher, Deinen Titel und Deine Ämter und geh fort, Deine Worte sind Lüge und wir glauben Dir nicht.“

Während er auf der Veranda stand und seine Pfeife rauchte, fragte er sich, wie es wohl so weit gekommen war, mit Bajard, mit ihm selbst. Seit er in Bajard lebte waren viele Jahre ins Land gezogen. Er hatte viele Enttäuschungen erlebt, viele Niederlagen erduldet und wenige Erfolge gezählt. Er hatte eine Frau, ein Kind und ein zu Hause, mehr Aufgaben und Pflichten als ihm lieb waren und mehr Narben am Körper als er für seinen Ruhestand eingeplant hatte. Wenn es wirklich der Wahrheit entsprach, dass Heimat der Ort wäre, den man verlassen will, wenn man jung ist, und an den es einen zurückzieht, wenn man alt geworden ist, dann war er sich nicht sicher, ob Bajard wirklich seine Heimat war. In Bajard zu leben bedeutete ein beständiges Ringen mit der Welt und mit sich selbst, bedeutete stets Ungewissheit, Unsicherheit und Sorge, ein Leben in zermürbender Bedrücktheit und Ohnmacht. War es wirklich ein Ort an den es einen zurückzog? Wenn er die vielen leeren Häuser betrachtete, den Staub auf den Fensterbrettern und die Flechten an den Wänden, dann fragte er sich, ob all diese Menschen einmal zurückkommen würden? Waren das nur die jungen Leute, die fortzogen zu neuen Abenteuern, oder würde die Welt von heute auch die Welt von morgen sein? Und welche Hoffnung gab es dann noch - für ihn, für seine Frau, für seine Kinder?

Er war noch ganz in Gedanken und bemerkte den leisen Schatten nicht, der sich unbeobachtet an seine Seite gesellt hatte. Erst der leichte Druck der schwieligen Hand, die sich in seine Armbeuge legte, und die Wärme der Wange, die sich an seinen Arm schmiegte, machte ihn darauf aufmerksam, dass er nicht allein war. Die Frau dort neben ihm roch nach Erde und nach Meer und betrachtete ihn aus sorgenvollen braunen Augen. Aber was hatte er ihr schon zu sagen?

Verfasst: Freitag 16. September 2011, 22:19
von Beldan Scherenbrueck
Im Kloster

Als er am Morgen durch den Klostergang schritt, fiel eine gewisse Last von seinen Schultern. Die Welt hier war so einfach und klar wie die Architektur die ihn umgab. Alles war geordnet und ohne Widersprüche: Es gab Essensräume, Lernräume, Leseräume, Schlafräume, es gab einen Garten für Gemüse, einen Garten für Kräuter und eine Weide für das Vieh. In der Mitte stand die Kirche und all das war von hohen Mauern eingefasst. Ein schweres Tor mit einem Torwächter regelte wer hinein durfte und wer nicht. Es war eine geschlossene heile Welt. Er konnte ein wenig verstehen, weshalb die Hohenfelser waren wie sie waren und weshalb es manchmal so schwer war mit ihnen zu sprechen, ihnen eine andere Welt begreiflich zu machen, eine die weniger klar war, die keine Mauern und keine Tore hatte, keinen Torwächter der einfach ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ sagen konnte. Hier war alles so offensichtlich: Es gab eine Ordnung und diese musste verteidigt werden. Und man musste sie nicht einmal verstehen, diese Ordnung, denn sie war einfach da, lag so offensichtlich vor Augen, dass überhaupt kein Zweifel bestehen konnte. Jeder der wollte konnte sie sehen.

Aber er spürte auch, dass er hier nicht hergehörte. Sein Platz war dort draußen, zwischen Ebbe und Flut, auf den schmutzigen Straßen eines kleinen Fischerdorfes. Es waren die alltäglichen Sorgen und Nöte der Menschen dort, die ihn beschäftigten und die seinem Leben einen Sinn gaben. Und es gefiel ihm dort. Er mochte es wenn seine Haut nach Leder und Tabak roch, wenn er frische Erde an den Stiefeln hatte und eine steife Brise wehte. Er hörte gerne das Kreischen der Möwen und sah ihnen gerne zu, wie sie sich vom Himmel ins Meer stürzten, um einen Fisch zu fangen. Und er hörte gerne das Gewäsch der Fischer und Fischersfrauen und er sah ihnen gerne zu, wie sie ihre Netze von Unrat säuberten oder die Fische der Größe und Sorte nach in Eimer sortierten. Es war ein Ort wo die Menschen in dürren Bretterhäusern lebten, wo sie im Winter froren und im Sommer lachten und wo man nie wusste wer abends noch an die Türe klopfen würde, ob es ein Nachbar wäre, ein Dieb, ein Händler oder nur ein verirrter Reisender. Das war seine Welt. Eine Welt der kleinen Dinge, der Zweifel und der Hoffnung. Sie war wie ein liebgewonnener alter Mantel mit vielen Flicken, wie ein paar durchgelaufener Stiefel, die man einfach immer wieder in die Hand nimmt, obwohl die neuen längst im Schrank stehen.


Wieder schreckte ihn diese Frau aus seinen Gedanken auf, die die nach Meer und Erde roch und die dahergelaufen kam, um ihm von dem Garten zu erzählen, den sie gefunden hatte. Er hörte ihr nicht wirklich zu, aber ihm gefielen die schmutzigen nackten Füße, die sie hatte, und das krause schwarze Haar, an dem man riechen konnte. Das alles erinnerte ihn an seine Heimat.

Verfasst: Freitag 23. September 2011, 15:04
von Beldan Scherenbrueck
Sitze im Kloster fest, Bajard von Kannibalen erobert, Berchgard von Untoten bestürmt, Ehefrau beleidigt und flüchtig. Menekaner und Tiefländer entscheiden derweil über die Zukunft Bajards. Alles zum Kotzen. - So oder so ähnlich hätte sein heutiger Tagebucheintrag gelautet, aber er führte kein Tagebuch.

Die Tage zogen sich schleppend dahin und all der Enthusiasmus, der sich um ihn herum auszubreiten schien – Siran emsiges Treiben, des Professors Gedudel und Raindris Entschlossenheit, die Besuche der Tiefländer, der Druiden -, prallte an ihm ab und hinterließ keinen bleibenden Eindruck. Er war nicht mit der ganz großen Zuversicht an die Sache herangegangen und eigentlich war es eher überraschend, wie viel sich tatsächlich tat. Viele Dinge blieben natürlich wie immer: dass die Planungen ohne Bajard stattfanden, dass man zwischen den Mächten hin und her geworfen wurde, ohne zu wissen, wo man am Ende landen würde. Er wollte nicht undankbar sein, die Lage war so miserabel, dass es nur besser kommen konnte. Aber im Herzen war er immer noch viel zu sehr Idealist, um mit der Situation wirklich zufrieden zu sein. Es war ihm zu wenig Ruhe darin, zu wenig Kameradschaft und gegenseitiger Respekt. Es war alles ein ziemliches Durcheinander. Auf den Versammlungen kam man spät oder ging früh, jeder brachte seinen Vorschlag vor und wenn dieser keine Mehrheit fand, zog er sich zurück und überließ den anderen das Feld. Keine gegenseitige Unterstützung. Dass nun ausgerechnet die Menekaner das Heft in die Hand nahmen, verwunderte ihn umso mehr, immerhin war man vor Wochen noch brüsk abgewiesen worden. Überhaupt traute er den Menekanern nicht so recht über den Weg, aber das war eine lange Geschichte, die tief in der Vergangenheit wurzelte.

Wer ihnen in Stunden der Besinnlichkeit und Freundschaft Hilfe und Beistand zugesprochen hatte, der schwieg hingegen eisern. Es war bezeichnend, dass seine Frau - die die Sache bisher halbwegs tapfer ertrug - nur ein einziges Mal geweint hatte: als er ihr von der Reaktion, bzw. der fehlenden Reaktion, der Khaz-Aduir berichtet hatte. Das wäre das Schlimmste an allem, hatte sie gesagt. Und die Götter? Die Bajarder waren nicht so ungläubig und ketzerisch wie man es ihnen gerne vorwarf. Sie trugen ihren Glauben nicht auf die Straße und beantworteten nicht gerne aufdringliche Fragen, das war alles. Vielleicht gefiel den Göttern das nicht. Nur einmal in seinem Leben hatte er das Gefühl gehabt, den Göttern wirklich nahe zu sein. Das war irgendwo tief in den Kavernen einer Katakombe gewesen, fern jeder Hoffnung, als ihn plötzlich ein warmer Frühlingswind umgab, und die ihn lauernd umkreisenden Bestien jaulend flohen. Aber hier im Kloster fühlte er nichts dergleichen. Sein Schwertarm war bleiern und diejenigen, an deren Seite er Mut gefunden hätte zu kämpfen, ließen ihn im Stich. Auch um seine Frau musste er sich insgesamt mehr sorgen und kümmern als dass sie ihm Kraft hätte geben können: sie war eben keine unerschütterliche Festung, sondern immer schnell aufgeregt und nervös. So fühlte er sich etwas einsam und er mochte die Mauern nicht, die ihn wie ein Gefängnis umgaben. Freiheit fühlte sich anders an.


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Verfasst: Samstag 24. September 2011, 17:03
von Beldan Scherenbrueck
Er hatte einen Spaziergang nach Berchgard gemacht – ja, einen Spaziergang! Seine Frau würde den Kopf schütteln, aber vielleicht konnte man es ihr verheimlichen. Als alleinige Begleitung hatte er die dürre Windhündin mitgenommen. Selbige war zum Glück nicht allzu gesprächig, sondern stellte immer nur die Nase in den Wind. Vermutlich imitierte sie für komödiantische Zwecke einen Vorstehhund. Jedenfalls würde sie ihn nicht verraten. Überhaupt sprach seine Frau zwar mit Blumen, aber so oft wie sie über die Hühner, Schweine und Ziegen schimpfte, musste man hier kein besonderes diplomatisches Geschickt befürchten, mit dem kleine Geheimnisse an die Oberfläche hätten gelockt werden können. Auf dem Weg nach Berchgard ereignete sich nicht viel. Die Windhündin widmete ihm von Zeit zu Zeit teils bettelnde, teils herausfordernde Blicke, manchmal schmeichelte sie ihm auch. Offensichtlich war sie darauf aus, dass er sie doch wenigstens ein bisschen irgendetwas würde hetzen lassen. Bei jedem Hasen, der sich am Waldrand tummelte, wurden die Ohren angelegt und sie betrachtete ihn mit großen, erwartungsvoll aufgerissenen Augen, vergeblich auf das Kommando wartend. Es lag ihr eben im Blut. Aber weil ihm nicht danach war, begnügten sie sich damit, still nebeneinander her zu trotten.

In Berchgard begegneten ihm dann auch Menschen. Darunter ein Raindri Katuri, der interessante Ratschläge gab, wie man die hiesigen Waffengesetze würde umgehen können: „Unter der Robe verstecken!“ Aber da er nur einen Dolch mit sich trug, machte er sich die Mühe nicht. Auf dem Rückweg vergaß er den Dolch dann prompt, weil er die Stadt durchs andere Tor verließ. Eigentlich hatte er nur einmal schauen wollen, immerhin rechnete er mit Scharen an verwesenden Kadavern, kriechend, laufend, wankend, die von waffenstarrenden lebenden Rüstkammern durch die Straßen gejagt würden. Aber es war alles ruhig und kein Mensch, ob lebend, ob tot, war zu sehen. Nur der Schmiedemogul Kanok reparierte mit Eselsgeduld und Affenstärke das stark beschädigte Eingangstor, unerschütterlich all der Massen an Untoten harrend, die sich draußen im Wald versteckt hatten. Freilich versteckten sich dort gar keine Untoten, er ging ja selbst dort entlang. Sicherlich war diese begnadete Untotenkämpferin hier am Werk gewesen, die er den Tag vorher am Kloster kennengelernt hatte und die allerhand interessante Geschichten zu erzählen gewusst hatte, unter anderem wie sie fast von Letharen gekocht und verspeist worden wäre.

Wieder am Kloster angekommen, musste er feststellen, dass alles wie vorher war und sich nichts verändert hatte. Eine eher deprimierende Einsicht. Weil sich spontane Überfalle auf die in Bajard gastierende Rahaler Wachmannschaft in seinem Alter nicht mehr schickten, ging er stattdessen in die Klosterbibliothek. Die Klosterbibliothekarin, ein gealtertes Fräulein das den Namen des Ozeans – passend zu ihrer blauen Robe – an sich trug, zeigte sich zwar etwas erstaunt über den Besucher, ging ihrer Pflicht aber gewissenhaft nach und verwehrte ihm vehement den Zugang zu den sehr verbotenen Schriften. An diesen hegte er nun wiederum kein Interesse, praktischen Anschauungsunterricht in Rahalscher Theologie konnte man schließlich jederzeit haben und brauchte nicht auf gelehrte Schriften auszuweichen, so dass er sich ungetrübter Stimmung den übrigen Beständen der Bibliothek zuwenden konnte. Hier zog er zuerst ein halbes Dutzend Bücher der Reihe nach aus dem Regal, die immer je einen anderen Einband und immer einen anderen Autor zeigten, aber seltsamerweise immer den gleichen Inhalt hatten, so dass er sich nach einer Weile irritiert abwand und eine andere Bücherreihe in Augenschein nahm. Zunächst stolperte er dann über die Schöpfungsgeschichte in 37 Bänden sehr zähen Tobaks. Aber weil er Einiges daraus bereits kannte, verzichtete er auf diese Art des frommen Studiums.

Hier entdeckte er dann das Lehrlingswerk einer später sehr bekannten Persönlichkeit, das über diverse Bücher hin das ganze Elend der eigenen Lebensgeschichte ausbreitete und lose mit den Tugenden der Temora verknüpfte. Im Kern schien es bei der Sache um die von anderer Seite in Frage gestellte, adelige Herkunft besagter Person und die Rechtfertigung ihres Standes zu gehen, aber er schaffte es nicht ganz bis zum Ende. Für einen Bajarder – denen Standesdenken im Allgemeinen etwas fremd war – war das alles ein wenig irre und verrückt. Jedenfalls konnte er keinen rechten Zusammenhang herstellen. Zum Abschluss genehmigte er sich noch eine ganz interessant geschriebene Geschichte von einem Mann der von einem Berg fiel und dafür in den Himmel kam. Eher miserabel hingegen das Los seiner Weggefährten, denen der den Auftrag gegeben hatte, derweil auf seine Rüstung aufzupassen. Dies erledigten sie so gewissenhaft, dass sie darüber alt und senil wurden (Temora brauchte ein wenig, um festzustellen, dass der Mann vom Berg gefallen war, und niemand gab ihnen Bescheid). Natürlich kamen sie nicht in den Himmel. Das Fazit der Geschichte (nach Bajarder Auslegung): „Tu nicht jeden Unsinn, den man dir sagt, und sei’s auch ein Paladin oder Priester.“ Das klang vernünftig. Trotzdem verließ er die Bibliothek ein wenig umnachteten Geistes, was auch an der späten Stunde gelegen haben mochte.


Was für ein Tag. Er musste dringend etwas an seinem Leben ändern.

Verfasst: Mittwoch 23. November 2011, 15:29
von Beldan Scherenbrueck
Vorwinter

Es war nicht viel los in Bajard. Kaum jemand passierte das Tor. Das bedeutete, wenn jetzt etwas geschah, dann würde er allein sein. Vielleicht gelänge es ihm noch, jemanden herbei zu rufen, aber das war unsicher. Im Militärjargon nannte man so jemanden eine verlorene Schildwache. Der Ausdruck schien ihm passend.

Den Speer hatte er nur lose gegen die Schulter gelehnt, um die Hände aneinander wärmen zu können. Vom Meer her zog es ihm kühl in den Nacken. Es war kalt geworden in den letzten Tagen. Man konnte den Schnee förmlich riechen. Er dachte daran, dass er lieber in der Küche säße und warmen Tee tränke, oder bei Grog in der Taverne. Seine Frau würde es ihm nicht vorwerfen, auch sonst keiner. Es würde ihm auch niemand danken, dass er hier stand. Es war wie Schnee schaufeln oder den Müll heraus bringen, nichts wirklich Glorreiches. Aber man hatte den Müll eben lieber vor der Türe als im Haus, also stand er hier und wartete. Wenn es gut ausging, würde nichts passieren. Eine Sisyphusarbeit.

Die letzten Tage war es halbwegs ruhig geblieben, wenn auch immer auf Messers Schneide. Ab und an tauchte ein einzelner Rahaler auf, wohl um auszuprobieren, wie weit man gehen konnte. Aber es war nichts Ernstes, auch wenn Siran alles daran legte, es dazu zu machen. Er schätzte Sirans Ausdauer und Hartnäckigkeit, aber mit seiner lauten Rede wusste er nichts anzufangen. Ihm selbst gefiel es eher, wenn es ernst und feierlich war. Wenn man schon Leib und Leben aufs Spiel setzte, dann wenigstens in Würde.

Fünfzig Jahre war er jetzt alt und hatte es bis zur Schildwache am Bajarder Tor gebracht. Es grämte ihn nicht. Für ihn war das nur ein weiteres Leben, das eines Tages vorübergehen würde. Er hatte viele Leben gelebt, war Tagelöhner und Seefahrer gewesen, Söldner und Raufbold, hatte Göttern gedient und Götter verworfen, war Bürgermeister, Hauptmann und Richter geworden, Ehemann und Vater. Mehr als zehn Jahre lebte er jetzt in diesem Dorf, Jahre die ihn alt und krank, aber auch ausgeglichener und stärker gemacht hatten. Er hatte Schönes und Hässliches erlebt in dieser Zeit. Manches hatte er vergessen und bei anderem gelang es ihm trotz aller Mühen nicht. Zahlreiche Menschen hatte er kennengelernt, gute und schlechte, hatte Herrscher aufsteigen und fallen sehen, Wünsche sich erfüllen und Träume zerplatzen. Er hatte unendliche Gespräche geführt, über Geschichte und Geographie, über Diplomatie, Politik und Staatsführung, über Häuser- und Festungsbau, über Taktik und Strategie, über Gesetze und Verordnungen, wahre und falsche Götter. Ein ganzes Leben hatte er Bajard und seinen Geschicken gewidmet.

Aber das alles war Schall und Rauch. Jetzt war nur die grimme, kalte Einsamkeit eines kühlen Novembertages. Von der Palisade aus konnte er das ganze Land übersehen. Weit ausgebreitet lagen die Elemente da: Stein, Erde, Luft, Wasser. Die See, die Hügel und Wälder, die Gletscher über Varuna am Horizont und die übereinandergetürmten Wolkenungetüme, dahinschwimmend in den blauen Meeren des Himmels. Unbeirrbar schaute der Alte in dieses sich unaufhörlich ändernde Wetter des Vorwinters. Er dachte sich, dass man eine Statue sein müsse, eine aus alter Zeit, die irgendwo hoch droben stünde, in die Ferne schauend, und die der Alltag der Menschen nichts angeht. Seufzend zog er den Schal enger. Er überlegte sich, ob er nach Hause gehen sollte. Dort wartete sicher seine Frau auf ihn. Allein dieses Warten machte ihm immer ein schlechtes Gewissen. Sie sagte ja nichts und sie machte ihm auch keine Vorwürfe mehr. Aber allein dieses Warten.

Der Wind peitschte ihm durchs Gesicht und wie er so die Schultern anzog und sich an seinem Speer festhielt, bemerkte man, dass er alt geworden war. Als er den Horizont betrachtete überkam ihn plötzlich ein tiefes Fernweh.

Verfasst: Mittwoch 30. November 2011, 20:42
von Beldan Scherenbrueck
Das Ende einer Reise oder ihr Anfang

Die Tage vergingen und irgendwie hatte er das Gefühl, sich immerfort im Kreis zu drehen. Nicht erst seit gestern, sondern vermutlich schon seit seiner Rückkehr nach Gerimor. Sicher, er hatte geheiratet, war sesshafter geworden. Aber das konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass einiges in seinem Leben schief lief. Familie und Freunde allein machten keinen Mann glücklich. Ein Mann brauchte Aufgaben die er bewältigen, Herausforderungen die er meistern konnte. Die letzten Jahre hatte er als Lückenbüßer verbracht, hatte fehlende Bürgermeister und Hauptleute ersetzt, war in Zeiten der Not Wehrsoldat gewesen, wurde um seiner Frau zu helfen Bauer, Viehzüchter und Marktweib. Kurz: Er mühte sich die meiste Zeit über jemand zu sein, der er nicht war.

Im neuen Bajard einen Platz zu finden, fiel ihm offensichtlich schwer. Während seiner Zeit als Bürgermeister hatte man ihn zwar manchmal einen guten Krieger gescholten, aber das meiste davon beruhte auf Hörensagen. Genau genommen war er, selbst als er den Posten des Bürgermeisters und den des Hauptmanns vereint bekleidet hatte, lieber ohne Waffe aus dem Haus gegangen. Er hätte obendrein nur eine klapprige alte Eisenrüstung, geschmiedet von Meister Freerk, besessen. Die hatte ihm zwar andernorts gute Dienste geleistet, hätte ihm auf den Straßen Bajards aber kaum Anerkennung eingebracht. Wie ein etwas füllig geratener Don Quijote hätte er ausgesehen.

Mittlerweile fand sich in einem Schrank all das, was zu einer guten Kriegsgarderobe gehörte: Harnisch und Kettenhemd aus glänzendem Diamantstahl, Äxte, Schwerter und Streitkolben aller Fassungen und Formen, Phiolen mit alchemistischem Hokuspokus. All das was er früher nie so richtig gebraucht hatte. Auch weil Veteranen wie Morgen, Kassius, Arias oder Loran den Kopf für Bajard hingehalten hatten. Aber nicht nur. Die Schärfe des Verstandes, Autorität, Durchsetzungsvermögen, Respekt, das waren damals alles Dinge, die man nicht einfach mit einem Schwert hatte beiseite fegen können. Vielleicht war er auch einfach nur ein guter Spieler gewesen. Er hatte diese Jahre nicht als glückliche in Erinnerung. Es waren Jahre gewesen, in denen er kaum Zeit zum Luftholen gehabt hatte, aber auch keine um trüben Gedanken nachzuhängen. Es gab immer etwas zu tun, und meist klappte auch alles irgendwie.

Ihm fehlten die einfachen Raufbolde, die Wüteriche, Schlachtenbummler, Trunkenbolde. Jetzt war nichts mehr einfach. Es war eine Welt voller Zauberer und Schwarzmagier, Kleriker und Gotteskrieger, Schwarzelfen, Kultisten und Geisterbeschwörer, die sich alle irgendwie nach Bajard verirrten. Feinde die eigentlich viel zu mächtig für ihn waren und auch zu unberechenbar. Es gab kein vorsichtiges Austarieren mehr, kein sorgfältiges gegenseitiges Beobachten. Disziplinen auf die er sich verstand, die jeder ausüben konnte, gleich welchen Standes und welchen Glaubens. Die große Zeit der Diplomatie war vorbei, aus Scheingefechten waren echte geworden.

Als die Piraten alten Schlages noch durch Bajard geisterten – Männer mit Holzbein, schlechtem Atem und noch schlechteren Manieren – wurde er von ihnen halb scherzhaft, halb respektvoll ‚altes Schlachtschiff‘ gerufen. Er hatte tatsächlich etwas Patina angesetzt und taugte vielleicht eher für Rundfahrten und Jubiläen. Neben den frisch vom Stapel gelassenen Galeonen und Karavellen der Reiche musste er eher schmuddelig und knarzig wirken. So war aus ihm irgendwie doch noch ein Don Quijote geworden. Mit der neuen Ordnung der Dinge kam er letztlich nicht zurecht. Und in manchen Augenblicken bereute er es, nach Bajard zurückgekehrt zu sein. Wäre er irgendwo, einsam aber von der Welt unbehelligt, gestorben, wäre das so schlimm gewesen? Hatte ihn das Schicksal nicht gerade zur rechten Zeit gerufen gehabt und hatte er den Absprung nun verpasst? Oder war es einfach nur höchste Zeit? Er hatte es ja eigentlich klug angestellt gehabt, im rechten Augenblick den Hut gezogen, hatte das ganze darauffolgende Elend nicht mehr mit ansehen müssen. Und dann hatte ihm dieser übereifrige Medicus einen Strich durch die Rechnung gemacht, ihn kuriert, obwohl er längst totgesagt worden war.

Während er so grübelte, hörte er es in der Küche klappern und dachte an seine Frau. Wäre sie ohne ihn glücklicher geworden? An Verehrern hatte es nicht gemangelt. Sie war ein wenig wie ein Schwan, der sich aus unerfindlichen Gründen in ein im Hafen zurückgelassenen, vor sich hin moderndes Schlachtschiff verguckt hatte. Welche Perspektiven gab es da? Er wusste nur, dass er das Gefühl hatte, fortgehen zu müssen. Fort aus Bajard, fort aus Gerimor. Noch ein letztes Mal die Segel setzen vor der endgültigen Verschrottung. Aber er wusste auch, dass sie nicht mit ihm kommen würde, sondern ihm – hilflos am Ufer stehend – nur traurig hinterher sehen würde. Sie war eben kein Seevogel. Und wenn er in Bajard bliebe, gab es irgendeine andere Möglichkeit, als dass sie gemeinsam unglücklich würden?

Nachdenklich betrachtete er den Horizont und die sich ballenden Wolken. Es würde bald Schnee geben, keine gute Zeit zum Reisen. Noch hatte er also etwas Zeit, sich Gedanken zu machen. Aber auch dieser Winter würde vorübergehen. Und dann?

Verfasst: Montag 2. April 2012, 21:20
von Beldan Scherenbrueck
In Bajard hatte sich wieder einmal viel verändert. Und im Grunde war doch alles beim Alten geblieben. Die Zacs waren Geschichte, sowohl was die Führung Bajards als auch was ihre Ehe anbelangte. Vermutlich hing beides zusammen, über die ursächliche Reihenfolge konnte man streiten. Zusätzlich hatte Rothran den Posten des Hauptmanns niedergelegt, so dass der Freihafen erneut einen Führungswechsel erlebte: Zwei weitere Namen auf einer langen Liste derjenigen, die sich vergeblich um Bajard bemüht hatten.

Er selbst hatten die letzten Tage in Adoran und Berchgard verbracht, die Städte und das Umland erkundet. Wie die meisten Mitglieder der Gesellschaft plante er, Bajard zu verlassen. Siran hatte es bereits vorgemacht, freilich überhastet und mit ungewissem Ziel. Für den Rest stand erst einmal das restliche Gerimor auf dem Programm. In Berchgard hatte ihn Thancred durch die Straßen geführt und mögliche Bauplätze ausgewiesen – die Häuser waren alle besetzt. Aber er musste doch zugeben, dass hier kein Platz für 5 oder 6 Bajarder war, geschweige denn für zwei Bauernhöfe samt Gesellschaftshaus, und man bestenfalls außerhalb der Stadt würde siedeln können. Entweder im Hinterland im Norden oder östlich der Stadt am Sumpf, aber letztlich fernab vom Geschehen. Keine allzu rosigen Aussichten für Händler und Handwerker, die das Stadtleben gewohnt waren. Auch in Adoran sah es nicht besser aus. Bis auf zwei oder drei kleine abgelegene Eckbauten war hier nichts zu holen, vor der Stadt war alles recht dicht bebaut und hinter die Stadt zu ziehen käme einem Abschied in die Bedeutungslosigkeit gleich.

Waren das Aussichten die besser oder schlechter als diejenigen waren, die sich derzeit in Bajard boten? Er war sich nicht sicher. Eigentlich mochte er das Leben zu sehr, um den Rest davon in ländlicher Idylle vor sich hin vegetierend zu verbringen. Aber er mochte es auch zu sehr, um den Rest davon damit zu verbringen, vor den Großreichen zu buckeln. Es war wie zwischen Pest und Cholera wählen zu dürfen. Oder gab es noch eine dritte Möglichkeit, die er bisher übersehen hatte?

Verfasst: Donnerstag 1. November 2012, 21:45
von Beldan Scherenbrueck
Der Mann der nie da war

Recht entspannt schlenderte er zu später Stunde entlang der von trübem Laternenlicht durchfluteten Straßen des Freihafens. Jetzt, wo die Tage kürzer und das Wetter rauer wurde, war auch im Hafen nicht mehr viel Betrieb. Bald, wenn der erste Schnee fiel und die Straßen mit schwerem Fuhrwerk nur mehr schlecht zu befahren waren, würde der Seehandel fast ganz zum Erliegen kommen und die winterliche Ruhe in Bajard Einzug halten.

Ihm kam das ganz gelegen. Seit Wochen feilte er an einer Definition seines Amtes, die so verblüffend einfach war, dass man sie doch als genial bezeichnen musste. Er fragte sich oft weshalb er diese Idee nicht schon früher gehabt hatte. Vielleicht hatte er sich auch nur gesträubt, weil es im Grunde auf das hinauslief, was die Reiche erwarteten und nahelegten, wenn man Ärger mit ihnen vermeiden wollte. Aber er musste zugeben, es klappte verblüffend gut. Bisher jedenfalls war nicht feststellbar, dass es in Bajard bedeutend unruhiger geworden wäre. Insgeheim wusste man ja immer schon, dass die Wehr mehr Ärger angezogen als beseitigt hatte. Die Definition also lautete: Möglichst nie da zu sein. Es gab einige Unterprämissen, z.B.: viel zu beschäftigt zu sein; von nichts zu wissen; sich um nichts von sich aus zu kümmern. Sehr hilfreich auch: vergesslich zu sein. Die Vorteile des „Möglichst nie da zu sein“ waren offensichtlich: Wer sich dieser Strategie bediente konnte weder in einseitige diplomatische Gespräche verstrickt werden; noch musste er sich die Klagen und das Leid derer anhören, die orientierungslos auf Gerimor herumirrten, von einem Fettnäpfchen ins nächste stiefelten und eine der Bedeutung ihrer Personen völlig unangemessene Aufmerksamkeit erwarteten. Wer „möglichst nie da war“ vermied die klägliche Peinlichkeit, Gesetze und Ordnungen zu repräsentieren, an die sich ohnehin niemand hielt. Wer nie da war konnte nicht angegriffen, beleidigt oder provoziert werden. Und weil er – das war der Kniff an der Sache – für die Ausübung seines Amtes ohnehin kein Gehalt und keinerlei Würden in Anspruch nahm, konnte man ihn auch nicht wirklich verantwortlich für die Dinge machen, die in der Zeit passierten, in der er nicht da war. Man könnte ihn natürlich absetzen, allerdings bedingte das vorher gesagte natürlich, dass er dadurch nichts verlieren würde. Kurzum: Er hatte eine Definition gefunden, die der Bedeutungslosigkeit der Bajarder Ämterhierarchie vollends gerecht wurde.

Als jemand der „möglichst nie da war“ konnte er seine Zeit mit allerhand Vergnügungen verbringen, etwa in alten Katakomben nach Artefakten zu schürfen oder aus alten Schatzkammern säckeweise das Gold zu tragen. Dinge die nicht nur unterhaltsamer und lohnender waren, sondern neuerdings auch zu den vornehmsten Aufgaben der Bajarder Obrigkeit gehörten. Während er für diese Dinge früher ob hunderter von Stunden, die er mit diplomatischen Verhandlungen, Bürgergesprächen, Planungen, Wachgängen oder in der Rolle als Gerimorianischer Fremdenführer verbracht hatte, einfach keine Zeit gefunden hatte, waren sie heute seine größte politische Verpflichtung. Denn sie trugen erheblich dazu bei, dass er nie da war.

Bei genauerem Hinsehen mochte das etwas zynisch erscheinen. Aber ihm hatte sein Amt nie mehr Freude bereitet. Außerdem verdiente man mit dieser Auslegung deutlich besser.

Verfasst: Mittwoch 5. Dezember 2012, 13:01
von Beldan Scherenbrueck
Alltag

Märkte, Feste, Märkte, Feste und dazwischen stundenlang über Bauplänen brüten. Irgendwie war es immer das gleiche. Er hatte mittlerweile gut zehn Jahre Erfahrung mit solchen Dingen und sie gingen ihm eher leicht von der Hand. Aber der immer gleiche Trott zehrte aus. Seine eigentliche Profession, die ja wenig mit Schreibtischen und Tintenfässchen zu tun hatte (schließlich war er nicht in ein Adelshaus und auch nicht in eine Kaufmannsfamilie geboren, sondern 20 Jahre lang als Söldner über das Land bzw. die Meere gezogen), kam in Bajard kaum zum Zug. Auch das frustrierte ihn, wie alle ungenutzten Talente. Er hatte zwar ein paar Ideen überschlagen, um das auszugleichen. Unter anderem, den Professor und den Graulisten für eine kleine Fechtschule weichzuklopfen. Aber der Professor befand sich ohnedies auf Reisen, und im Grunde konnte man alles, was sie anderen beibringen könnten, auch so lernen. Wer mehr wollte, der musste sich eben in einer der großen Städte auf Knappschaft und magische Rüstung bewerben. So hatte er die Idee recht schnell wieder verworfen.

Mit seinem Austritt aus der Gesellschaft hatte sich ein weiteres Betätigungsfeld erübrigt. Ironischerweise hatten sie noch vor Monaten geplant, Bajard gemeinsam zu verlassen. Jetzt hatte er die Gesellschaft doch um Bajards willen verlassen müssen. Die Geschichte mit dem Kunsthaus war auch einfach zu dämlich. Zwar hatten die Täter fast alles richtig gemacht und vermutlich würde der Fall nie vollständig aufgeklärt werden – er hatte auch keinen echten Ansporn dazu und die Ermittlungen weitestgehend eingestellt. Aber es gab immer ein Detail, das man übersah. In diesem Fall einen Wappenschild, den er leider – trotz aller Versuche, ihn vom Gegenteil zu überzeugen – schon bei der ersten Beschreibung blind hatte zuordnen können. Und während man den Verdacht vielleicht noch hätte umlenken können, machte das sture Leugnen des Besitzes die Sache doch nur zu einer für alle Beteiligten peinlichen Angelegenheit. So konnte er zwar nichts nachweisen, aber er musste doch Konsequenzen ziehen. Und die bestanden erst einmal in seinem Austritt aus der Gesellschaft. Als Verwalter Bajards konnte er keiner Gesellschaft angehören, deren Mitglieder Angriffe auf Bajarder Eigentum und Bürger verübten. Das hatte er so zwar nicht bekannt gemacht, und er hatte seine Beobachtungen bezüglich des Schildes auch für sich behalten, so dass kein öffentlicher Druck bestand, aber den Schritt schien er sich doch schuldig zu sein, wollte er seine Position als Verwalter nicht noch lächerlicher machen als sie es ohnehin schon war. Mit dem Austritt hatten sich die Marktplanungen für ihn erst einmal erübrigt. Auch der Abenteurer war Geschichte. Viel Zeit hatte er in die Gesellschaft investiert. Zeit die nun verloren war. Zeit die sich allerdings auch in Bajard selten bezahlt machte.

So war er wieder einmal bei der Frage angelangt, die ihn das ganze Jahr über verdächtig häufig beschäftigt hatte und ihn in den trüben Wintermonaten regelmäßig einholte. War es nicht doch an der Zeit, Gerimor zu verlassen?