Kraft… es hatte sehr viel Kraft gekostet. Nicht etwa körperliche Kraft. Nein, nein… es war die geistige Kraft, welche in den letzten Tagen und Wochen an ihr gezerrt und ihr jegliche Energien geraubt hatten. Doch nun, ja nun, konnte das große Unterfangen beginnen. Blut, Knochen, der Kristall, alle Reagenzien, perfekt vorbereitet. Ja, es war waghalsig und auch nicht ungefährlich. Jedoch… sollte die entstehende Waffe eines Gottes würdig sein, was Opferbereitschaft hieß. Eine Waffe für ihren Herren, geschmiedet in den Flammen des ewigen Kreises. Und dieses mal… würde sie mitten in eben jenen verweilen. Mit gemischten Gefühlen begab sie sich in den Kreis. Es war eine gute Entscheidung am Vorabend im Blutbad ihre Kraftreserven auszubessern, auch wenn es noch immer zu wenig war. Ein tiefes Ein- und Ausatmen folgte dem Schnitt, als Victoria die scharfe Klinge etwas tiefer durch ihre Hand zog und das Blut bereits wie ein winziger See ihre Handfläche füllte. Als die Hand sich drehte floss der triefrote Lebenssaft hinab, benetzte die Knochen, den Kristall und vermischte ich mit dem Blut des Dämonen. Die Worte die an Kra‘thor gerichtet wurden, fanden langsam Gehör. Beinahe… das Ritual war beinahe Perfekt. Alles stimmte bisher, bis auf das Opfer. Der Kristall forderte viel.. sehr viel. Deutlich mehr als sie erwartet hatte. Ein leichter Schwindel überkam sie, nachdem sie doch mehr Blut von sich preisgeben musste als gedacht. Am Ende zahlte es sich aber doch noch aus. Denn das Werkzeug das daraus entstand, war wahrlich ein Meisterwerk.
Nachhallend erklang ein leises Kratzen nach dem Ritus, wieder und wieder. Diesmal anders als sonst. Fast schon zärtlich, als würde man ein Messer mit aller Sorgfalt wetzen. Sorge machte sich bei den älteren breit, ehe die Gebete an ihren Herren von einem verhöhnenden, tonlosen Lachen unterbrochen wurden. In Victoria zog sich mit einem mal alles zusammen, denn ihr Gefühl hatte sich bewahrheitet. Sie kam… und wollte einfordern, was sie als ihres zu glauben schien. Beständig segelte sie von der Klippe zu ihnen herab, wobei der Fokus deutlich auf der blonden Dienerin, inmitten des Kreises, lag. Mit einem hatte die Blutfeder recht. Heute würde ihnen.. oder viel mehr ihr, Kra‘thor nicht zur Seite stehen. Sie hatte es sich selbst eingebrockt und gegen die Regeln verstoßen. Nun hatte sie die Konsequenzen zu tragen.
Als das Blutfederchen ihren Bruder angreifen wollte, konnte sie gerade noch und im letzten Augenblick das Sensenblatt zwischen sie bringen. Klirrend stießen ihre Krallen gegen das frisch geschmiedete Metall aus kristallenen Blut. Stark schwingend erhob sich die Bestie in die Luft, brachte so die Luft auf der Plattform zum schwingen und sorgte dafür, dass ihre Geschwister allesamt an den äußersten Rand getrieben, gar gepresst wurden, was zur Folge hatte, dass auch der Bannkreis gesprengt wurde. Gerade als sie sich auf Victoria stürzen wollte, holte sie ein weiteres mal mit der Sense aus, bereit zum finalen Schlag und ließ die Blutrote Klinge niedersausen.
Ein letzter Schwung mit ihrer Blutsense sollte das Ende des Blutfederchens bestimmen, während ihr innerer Pfad ihr die nötige, letzte Kraft gab. Ein heftiger Impuls den ihre Schwestern und Brüder spüren konnten. Knackend und reißend zerteilte sich der Körper und legte den Brustkorb frei, ehe auch schon ein leises zischen von ihr ausging und sich die Gestalt langsam aufzulösen begann.
Den sanften Kratzer, den die schwarz geflügelte Bestie dabei auf ihrem Handrücken hinterließ, spürte sie erst, als sie höhnend und mit ihrem zittrigen Arm auf sie zeigte.
‘‘D… Derrrr…. Leeetttzzzttteee Ttttaaannnnzzz… Herrrrrzzzzcchhheeeen… Ddduuuuu uuuund iiiiccch...‘‘
Mit einem mal flackerte eine eisige Kälte durch die Wunde, als würden winzige Eissplitter durch ihre Gefäße wandern, ganz anders wie bei Brand, der ihr das Siegel auf ihre Seele brannte, arbeitete sich rasant durch ihr innerstes, bis sie es spürte… Ihr Siegel bekam Risse, begann zu bersten und zu brechen. Mit einem lauten Klirren fiel die Sense zu Boden. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen, schnell, gewaltig, bis sich schließlich verschiedene Sphären vor ihren Augen überlagerten.
Kälte ummantelte sie wie bei einem Eisbad, wog den zierlichen Körper mit einem sanften Zittern und ein leiser, ironischer, höhnender Laut kam wie ein Flüstern im Wind über ihre Lippen. Sie wusste schon lange welchen Tribut die schwarze Bestie von ihr fordern würde. Und nun… tja, nun hatte sie sich geholt was sie wollte. Dunkelheit legte sich wie eine schwere, erdrückende Decke auf die blondhaarige Rose, raubte ihr jegliche Sinne bis das Zittern schlussendlich aufhörte. Was um sie herum geschah, bekam sie nicht länger mit. Alle Geräusche wurden dumpf, der Körper träge und taub. Die Essenz löste sich langsam auf.
Der Mantel des Todes…
Schwer lastete er auf den eigenen Schultern, wenn er einen erst mal eingeholt hatte und die letzten Körner der inneren Sanduhr langsam durch den Drehpunkt rieselten, als würde die Zeit doch noch für einen oder zwei Herzschläge stehen bleiben.
Der Schlummer legte sich zunächst lastend und mit Eiseskälte auf ihr nieder, ehe sie das Gefühl von Leichtigkeit überkam. Schlaff lag nun ihr Körper da. Das letzte was sie spürte, war ein zarter, sündhafter Kuss, der wie ein tiefroter, schwerer Rotwein das blasse Lippenpaar benetzte.
Langsam öffneten sich die schweren Augenlider und das grelle grün ihrer Augen blickten einem trostlosen Himmel in bläulich, petrolgrün und gräulichen Farben entgegen. Der Himmel hatte etwas nebliges an sich, so wie der Rest ihrer Umgebung. Alles wirkte surreal und doch irgendwie der Realität so nahe. Zumindest schien es sich nicht um die Geisterwelt zu handeln. Tot war sie schon mal nicht. Denn da wo sie noch eben, am höchsten Punkt der Nimmerruh lag, war Victoria nun auf einem Grund von Rosen und Dornenranken gebettet. Die spitzen Stacheln hinterließen überall ihre Spuren und überall stach es auf ihrer milchigen Hülle. Zarte Blutäderchen bahnten sich ihren Weg über ihren Körper und bildeten ein groteskes Mosaik auf der Haut, trennten sich und fanden schließlich an einer anderen Stelle wieder zusammen. Eine seltsame Vorahnung machte sich in dem blonden Gift breit, als sie mit Mühe das Bett aus Dornen verlassen hatte. Alles um sie herum war verwachsen und verwoben von meterhohen Gestrüpp, ragten so weit hinauf, als würden sie den Himmel berühren wollen. Und zwischen all den tief dunklen Grün-, Schwarz- und Grautönen stachen blutrote und dunkle, edel matte, rosa Rosenblüten heraus. Langsam drehte sich die zierliche Gestalt einmal im Kreis, alles in Augenschein nehmend. Es war als hätte die Welt all ihre Farben und ihre Wärme verloren, bis auf die Rosen. Nachdem sie mehrere Stunden, zumindest fühlte es sich danach an, durch die Gänge irrte, bekam sie ein beklemmendes Gefühl und rannte durch den Irrgarten. Eine Sackgasse nach der anderen kreuzten ihren Weg, befremdliche Geräusche scheuchten sie auf wie ein scheues Reh. Hier und da hätte man meinen können, irgendwelche Gestalten huschten nahe an ihr vorbei, streiften ihre Kleidung und blickten sie mit ihren seltsamen Fratzen aus dem Gestrüpp heraus an. Oder waren all das vielleicht doch nur Hirngespinste?
Erst das Krächzen von Raben, welche am Himmel ihre Kreise zogen, hatten ihre Aufmerksamkeit gewonnen und sie von ihrer Umgebung abgelenkt. Wie einem Licht am Ende eines langen Tunnels folgte Victoria ihnen. Am anderen Ende des Weges erkannte sie eine kleine Gestalt, die sich suchend umblickte und ihren Weg fortsetzte. So schnell Victoria auch der Gestalt nacheilte, so schnell war sie auch verschwunden, als sie am Ende des Weges ankam. Die Gestalt war ihr nicht fremd, denn sie trug die Robe ihres Herren. Eine schmale Schleifspur zeugte von einem schweren Gegenstand, den sie hinter sich herzog. Vermutlich war es die Sense der kleinen Schwester. Irgendwann hatte sich die Spur verwischt, ehe sie jemand anderen, am nächsten Wegrand erkennen konnte. Die Statur war groß, männlich und doch nicht zu breit gebaut. Der zarte Nebel verweigerte ihr zu erkennen, um wen es sich handelte. Erneut eilte sie los und wieder war die Gestalt wie vom Erdboden verschluckt. Egal wie schnell sie ihre Füße trugen, sie war nie schnell genug. Einige Wege weiter liefen leise fiepsen Ratten, aus Schatten bestehend, an ihr vorbei, die eindeutig ihrem Bruder, dem Rattenfänger gehörten. Mit langsamen Schritten folgte sie den Ratten die sie durch das seltsam anmutende Labyrinth führten, bis sie schließlich und in weiter Ferne einige, einzelne Bäume erkannte. Ihre Kraft reichte kaum, um wieder loszustürmen. Alles zerrte an ihr und wieder kam Müdigkeit in ihr auf.
Der Wald wirkte noch seltsamer als das Labyrinth, während der Nebel etwas dichter wurde und alle möglichen Geräusche dämpfte, gar verschluckte, falls es hier überhaupt welche gab. Wie die Wege des Irrgartens taten sich schmale und breitere Wege in verstreuter Natur auf, wie das feine Geäst toter Bäume, ähnlich einem Netz aus Adern. Und egal für welchen dieser Pfade man sich entschied… so war es wie im wahren Leben. Niemand würde wissen wohin die Wege führten, wenn man nicht einen von ihnen wählte.
Langsam durchschritt Victoria die Pfade, einen nach den anderen, wich hier und da niedrig hängenden Ästen aus, schob sie beiseite und kam schließlich an einer kleinen Lichtung zum halten. Inmitten dieser Lichtung ragte ein großer, moosbedeckte Fels aus der Erde, auf welcher, erhaben wie eine Königin, eine weibliche Silhouette saß. Ihr Kopf ragte empor zum Himmel, als würde dieser auf einen nicht vorhandenen Vollmond blicken. Tiefrote Schleier schlangen sich nebelhaft wie ein Kleid um ihren Leib, verdeckten ihr Gesicht und ließen nur einige Haarsträhnen, die so schwarz wie Ebenholz waren, herausragen.
Eine wahrhafte Sünde in weiblicher Form. Verruchtes, verführerisches Verlangen strömte aus jeder ihrer Poren, welcher sich nicht einmal Victoria entziehen konnte.
‘Wer… bist du?‘, kam es wie ein zärtliches Hauchen über ihre Lippen, während sich die Umrisse der Frau in ihren intensiv grünen Augen widerspiegelten.
Sanft drehte sich der Kopf, welcher noch immer in Richtung des Himmels gereckt war, Victoria zu. Zu sehen waren nur die vollen, süffisant lächelnden Lippen, welche die Farbe eines tiefen Karminrots trugen.

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