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Spuren im Sand

Verfasst: Dienstag 1. März 2022, 23:08
von Ferun Yazir
Eisbruch, 262

"Es war eine schöne Rede. Genug Details um Interesse zu wecken, aber nicht zu viele, um die Aufmerksamkeit wieder abzustumpfen. Ich mochte die Sinnbilder, auch wenn am Ende nicht alles so blumig war, wie du es dargestellt hast."

Die bröckelnden Mauern in deren Mondlichtschatten Ferun nun ausruhte, waren in keiner ihm bekannten Karte eingezeichnet. Flankiert von zwei schräg ansteigenden Felsgraten war es leicht die einstige Ansiedlung zu übersehen - einige hundert Schritt weiter südlich oder nördlich und die ganze wandernde Gruppe hätte die eingesunkenen Grundmauern, die schon lange toten, versteinert wirkenden Palmstämme und den geborstenen, mit Sand und Skorpionen gefüllten Brunnen niemals erblickt.
Auch so hatte es Stimmen gegeben, die sich gegen den Halt ausgesprochen hatten, abergläubisches Gemurmel, das von ruhelosen Geistern sprach, von rachsüchtigen Schemen und vergiftetem Glück, das jedes Geschenk mit einem horrenden Preis bestrafte, aber letztlich hatte der Jijikban ein Machtwort gesprochen. Alle waren erschöpft und nahezu alle hatten Wunden davongetragen - einige auf der Haut, andere in der Seele.

Und dann waren auch jene, die für immer verstummt waren.
Sie alle würden ein Begräbnis erhalten, wie es die Tradition verlangte: Beklagt und betrauert, aber auch empfohlen für das nächste Leben, für die nächste Speiche des sich stetig drehenden Rades der All-Mara. Alles kommt vom Sand. Alles geht zum Sand. Und der Wind formt die Dünen jeden Tag neu - in der Veränderung liegt die grosse Konstante.

Zu einer anderen Zeit, entfernt von den kalten Mondlichtschatten dieser vergessenen Ruinen, hatte das hübsch geklungen, abstrakt und entfernt genug, um die Poesie des Gleichnisses schätzen zu können. Jetzt, nach einer Woche auf der Flucht, blutend aus einer in das Herz geschlagenen Wunde, schmeckte jeder Trost nach Asche und nach Asche schmeckten auch die eigenen Worte.

"Warum bist du hier?"

Die Frauenstimme zerschnitt die Stille nach der ersten Frage so mühelos, wie der Mond das Firmament überstrahlte: Getragen von einer bleichen Majestät, die das Edelsteinleuchten der Sterne zu einem matten, billigen Funkeln reduzierte. Selbst der Sand erhielt einen Anflug von Silber, umrahmt von tieferen Schatten überall dort, wo die Pracht letztlich versagte.

"Willst du dass ich gehe?"

Zu anderen Zeiten hätte Ferun es nicht geduldet eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet zu bekommen, aber jetzt ließ er es durchgehen, wandte einfach nur den Blick, um die Frau eingehender zu betrachten.

'Ihre Schönheit ist dabei zu verblassen.'

Das Mondlicht betonte manche Details, andere, die in Schatten getaucht waren, füllte die Erinnerung des Mannes ohne jede Mühe mit Form und Farbe - er erinnerte sich an all die Verehrer, die versucht hatten ihre Hand zu erhandeln oder zu erkämpfen. Gewöhnlich waren jene Gedanken mit Freude, Stolz und Erheiterung gefüllt, aber nicht heute, nicht hier um Schatten der schweigenden Ruinen.

"Nein, bleib."

Die Forderung kam mit einem Flut von schlechtem Gewissen, getragen von der kalten Sicherheit, dasss diese Worte Tradition und Recht gleichermaßen in Frage stellten, dass sie einen allzu berechtigten Zorn auf sein Haupt herabrufen würde, erführe auch nur eine Menschenseele davon. Wie um diesen Moment zu ertränken, sprach er eilig weiter.

"Ich kann die Trauer deines Vaters nicht ertragen, nicht das Klagen deiner Brüder und ihre Versuche mir Trost zu geben. Ein Mann, so sagen sie mir, sollte sich nicht von seiner Frau verabschieden müssen und wenn doch, sollte er sie doch nach all unseren Traditionen den Flammen übergeben, damit ihre Seele frei fliegt. Sie brüten über halbausgegorenen Plänen von Rache und Wahnwitz um den Körper ihrer Schwester aus den Händen der Feinde zu befreien, aber sie wissen so gut wie ich, dass es keinen Weg gibt. Wir sollten Verbündete sein in diesem Schmerz, aber wir sind es nicht. Ich bin ein Verräter."