Mit Bogen und Korsett
Verfasst: Donnerstag 10. Februar 2022, 14:32

Der Tisch rumpelte im gleichen Takt gegen die Wand. Die roten Haare hüpften wild umher, während ein angestrengter Gesichtsausdruck über dem Rotschopf schwebte. Den Anblick würde sie nie vergessen. Es war der Moment, in dem ihr klar wurde, wie nutzlos ihr bisheriges Leben eigentlich war. Beschränkt auf eine einzige Sache: Kinder gebären. Aber was, wenn dieser Nutzen sich nicht einstellte? Offenbar wurde es dann bei der Magd versucht. Sie war nicht einmal wütend auf ihren Ehemann in diesem Moment. Sie war voller Abscheu vor sich selbst. Zu lange hatte sie sich dieser Scheinwelt hingegeben. Schönes großes Haus, einen offenbar doch nicht so verständnisvollen Mann, zwei Mägde, die ihr zur Hand gingen, einen Stallburschen und ein Stückchen Wald, indem sie ausreiten konnte. Schicke Bälle und Freundinnen die genau in das gleiche Leben geboren wurden. Während sie im Küchenbogen stand und über ihr bisheriges Leben sinnierte, sah er auf, blickte ihr direkt entgegen – aber hörte nicht auf. Da sah sie das erste Mal die Verurteilung in seinem Blick „Du bist schuld daran“, sagte er ihr mit dem Blick. „Schau dir an, an was du schuld bist. Zu was du mich zwingst.“ Sie hörte auf sich zu malträtieren und ließ den wackelnden Tisch hinter sich.
Im nächsten Moment fand sie sich in ihrem Schlafzimmer wieder. Die große Reisekiste, mit der sie vor zwei Jahren nach der Hochzeit hierherkam, wurde aus der Ecke gezerrt und geöffnet. Die schicken Kleider ließ sie hängen, es waren eh allesamt Geschenke von ihm. Ihre schlichten Kleider und ihre Jagdausrüstung wurden zusammen geräumt. Sie ergriff ihren Bogen und führte die Hand fester um das Holz. Zu lange hatte sie ihn nicht mehr in der Hand gehalten, sich in eine heile Hausfrauenwelt geträumt. Die Tür ging auf und Viktor, ihr Ehemann, stand in dieser. „Was denkst du, was du da tust?“, waren seine ersten Worte. Die Fingermuskeln spannten sich an, als sie ihre Hand noch ein Stück enger um das Holz schloss. „Wo willst du hin? Hä?“, er durchschritt mit zwei schweren Schritten den Raum und griff in ihre Kiste, um ihre Kleider wieder herauszubefördern. „Lass‘ das.“, zischte Avia und in ihren Augen funkelte nun das erste Mal die Wut ihm gegenüber auf. „Du bist meine Frau!“ – „War deine Frau.“, stellte sie sofort klar. Der Bogen landete auf dem Bett, sie zog den Ehering von ihrem Finger und warf ihn Viktor entgegen. „Da!“, verdeutlichte sie ihren Wurf noch. Als wäre es ein schwerer Stein, der seine Brust traf, ging Viktor einen Schritt zurück und stierte sie entsetzt an. „Dauert keine Woche, dann hat mein Vater das hier…“, sie deutete zwischen den Beiden herum. „annulliert. Versuche doch dagegen vorzugehen.“ Sie beugte sich hinab und begann ihre Kleider aufzusammeln. Da griff er nach ihr und zerrte sie beiseite. „Du hast mich doch dazu gezwungen!“, rief er ihr entgegen: „Du kannst mir keinen Sohn schenken!“ Der Stich saß. Auch sie erwünschte sich Kinder. Sie blieben kinderlos. Sie hatte sich damit jedoch langsam abgefunden, offenbar im Gegensatz zu ihm. „Und wenn es nicht an mir liegt?!“, ließ sie sich diese Anschuldigungen nicht auf die Schultern hieven. Sein Blick entglitt. Daran hatte er offenbar noch nie gedacht, ging immer von seiner Unschuld an dieser Sache aus. Sie entwand sich in seiner Verwunderung aus seinem Griff und schmiss ihre restlichen Kleider hinein. „Natali!“, rief sie die Magd. Die rothaarige kam sehr schnell, offenbar war sie in Hörreichweite zum Streit. Ihre Bäckchen waren noch gerötet, ein paar rote Haarsträhnen fielen aus ihrer Haube. „J-Ja?“, stockte sie und sah ängstlich zu Avia. Offenbar dachte sie, dass sie nun dran sei. Doch dieses arme Geschöpf war nur eine Schachfigur in Viktors perfiden Plan. Was hätte sie tun sollen? Bestimmt hatte er ihr schon seit Wochen Honig um den Mund geschmiert, ihre Naivität ausgenutzt. „Die Kiste muss in die Reisekutsche.“ Avia griff links zu, die Magd an der rechten Seite. „Nichts dergleichen passiert hier!“, polterte Viktor erneut los und trat die Kiste, welche gerade hochgehoben werden sollte. Somit flog sie aus den Händen der Frauen. Ein tiefer Atemzug füllte Avias Lungen, bemüht ruhig sah sie zu ihm: „Viktor. Da was jetzt passieren wird, kannst du nicht aufhalten, egal wie sehr du dich sträubst. Entweder sperrst du mich hier ein – was jedoch spätestens bei Haminas Geburtstag am Wochenende auffallen würde – oder du lässt mich nun ziehen und machst es nicht noch schlimmer.“ Er drehte sich herum, streifte wie ein gefangener Tiger auf und ab, trat gegen die Schlafzimmerkommode. Ein Ruf der Verzweiflung folgte, während er sich das braune, halblange Haar raffte. Dann verließ die Anspannung den Körper. Er gab auf. Mit den Rücken zum Raum, winkte er einfach nach hinten ab. „Geh.“, kam es schließlich von einem Mann, der plötzlich doch nicht mehr die Kontrolle über alles hatte.
Nachdem er sie nicht mehr aufhielt, konnte sie in Ruhe noch ihre wichtigsten Dinge zusammen räumen. Der Stallbursche zäunte ihre Stute Finja an die Kutsche. Die Reisekutsche fuhr sie selbst, die Kiste ins innere geschoben, nahm sie einfach auf dem Kutschblock platzt. „Frau Auenstätt…“, kam es leise von der Rothaarigen. Avia sah von der Kutsche hinab und lächelte ihr zu: „Alles gut, Natali. Ich gebe dir einen Rat: Wechsle die Stelle. Er wird dich nur für seine Zwecke gebrauchen.“ Das junge Ding nickte langsam. Doch Avia wusste, dass sie es nicht tat. Sie sah in ihren Blick Liebe. Beim Herrn, was er ihr wohl alles versprochen hatte. Dann trieb sie die Tiere voran und ließ das schicke Haus und das große Grundstück hinter sich. Die Kirschblüte war traumhaft, während sie die Allee hinab sauste, tanzten lose Blüten um sie. Sie bemerkte gar nicht die heißen Tränen auf ihren Wangen. Diese kamen einfach. Denn auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, war sie verletzt. Natürlich war sie das, es war ja doch ihr Mann. Ihr Leben. Der Vertrauensbruch schnitt tief.
Verwunderung stand im Blick ihrer Mutter, während zwei Angestellte die Reisekiste aus der Kutsche luden. Dann entdeckte sie den Schmerz im Gesicht ihres Kindes und nahm Avia in den Arm. „Komm‘ erstmal rein, trinken wir ein Tee mit Schuss.“, sprach sie sanft, ganz ohne zu wissen um was es ging. In der warmen Stube, mit einem Tee in der Hand, berichtete sie ihrer Mutter von dem Vorfall. Erst später am Abend kam ihr Vater aus dem Rathaus. Er war seit Jahren Statthalter in Halfjard, ging früh und kam spät nach Hause. Erst freute ihn der Besuch seiner Tochter, doch dann hörte er von dem Vorfall. Wut stieg in sein Gesicht auf. Bellend ging er in der Stube auf und nieder. Die Mutter war bemüht ihn zu beruhigen, doch er spie Worte aus wie „Hurenbock“ oder „lynchen sollte man ihn!“. Noch am selben Abend setzte ihr Vater Papiere auf, ersuchte die Annullierung, die Wiederannahme des Familiennamens für Avia und versicherte seiner gebrochenen Tochter, dass alles gut werden würde.
Zumindest die Verwaltungsarbeit konnte zügig, natürlich zügiger als bei normalen Bürgern, abgehandelt werden. Problematischer wurde es bei den Besitzansprüchen. Avia wollte gar nichts haben, ihr Vater bestand jedoch auf eine Auszahlung des gemeinsamen Hausstandes. Diesen Kampf überlies sie ihn, denn sie hatte dafür keine Kraft. Sie genoss den Frühling im elterlichen Garten und ließ sich von ihren Schwestern und Freundinnen von dem Geschehen – meist erfolgreich – ablenken. Ihr Pferd, das die Kutsche zog, behielt sie ebenso. Die Ausritte taten ihr gut. Ebenso die Jagten. Ihr Vater nahm sie nun wieder regelmäßig mit. Die gemeinsame Zeit im Wald war wie Balsam für ihre geschundene Seele. Sie hatte in ihrem Hausfrauendasein ganz vergessen, wie schön es im Wald war. Als Wildfang der vier Schwestern war sie es, die beständig durch die Wälder zog. Immer zum Ärger der Mutter, die das verdreckte, teilweise bis zu den Knien mit Matsch vollgesaute Kind, im Empfang nahm. Irgendwann gab ihre Mutter es auch auf, ihr die Fingernägel sauber zu schruppen. Es dauerte keinen Tag und sie waren wieder voll mit Dreck. Ihre Schwestern waren anders, liebten es den ganzen Tag sich über die neueste Mode zu unterhalten, fingen früh an mit dem Sticken und Nähen, frisierten sich Stundenlang, während sie über den neusten Tratsch kicherten. Natürlich saß Avia ab und an dabei, ließ sich ihr helles Haar auch flechten und hörte sich dies alles an. Immerhin waren sie ihre Schwestern. Doch wo sie im Damensattel ausritten, preschte sie mit Hose und im Männersattel an ihnen vorbei. Wo sie ihre Haare beständig ordentlich hielten, fielen ihr die hellblonden Strähnen doch immer wieder ins Gesicht. Wo ihre Haut frei war von jeglichem Makel, zog sie sich mit sechs schon eine Narbe ein, als sie stolperte und ein Ast ihr das Bein aufschrammte. Nichtsdestotrotz liebten sie sich. Für ihren Vater war es zwar schwierig, dass er nie einen Sohn bekommen hatte. Doch er hatte genug Gold, um sie in gute Familien zu heiraten und hoffte nun auf erste Enkel. Das würde wohl auch bald passieren, denn ihre große Schwester Chloe trug einen ordentlichen Bauch zur Schau. Trotz der Fürsorge, die um sie herum aufkeimte, merkte Avia jedoch in diesen Monaten, dass sie ruhelos wurde. Auch die Ausritte in den Wald gaben ihr nicht mehr den nötigen Ausgleich. Ihre gute Freundin Hamina war die erste, die ihr einen Flo ins Ohr setzte: „Vielleicht benötigst du einmal eine Reise. Raus aus Halfjard.“ Diese Idee brannte sich immer tiefer in sie, je mehr Zeit verging…