Glaubst du an ein Leben vor dem Tod?
Verfasst: Donnerstag 19. März 2020, 16:31
Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.
(Shakespeare)
Ich hasste es, wenn der Schnee schmolz. Ich liebte dieses glitzernde, blendende Weiß. Ich mochte die Abdrücke der festen Winterstiefel nicht, die die perfekte Decke durchbrachen und ihre Spuren hinterließen, doch ich nutzte sie, damit ich es nicht selbst sein musste, die sie setzte und das Bild somit zerstörte. Jetzt war er weg und mir wurde einmal mehr bewusst, dass schon wieder ein Jahr vergangen war. Ich richtete mich nicht nach den Daten, die den Jahreswechsel vorgaben. Ich richtete mich nach dem Schnee. Es war das dritte Jahr, das wir ohne ihn verbrachten. Es war das dritte Jahr, das ich ohne sie beide verbrachte. Und das sechste, in dem ich nicht wusste, wie es ihm ging. Das wurde mir erst jetzt wirklich bewusst. Wie viel Zeit schlichtweg vergehen konnte, dass man es überhaupt nicht merkte. Und wenn man sich bewusst daran erinnerte, wie viel länger es einem selbst vorkam.
Ich setzte mich ganz bewusst auf den kalten Steinboden inmitten des Raumes, ließ mich langsam nach hinten fallen und streckte dann Arme und Beine von mir. Die Kälte half ein wenig, den Winter noch etwas bei mir zu behalten, als ich ganz bewusst, die sorgsam verwahrten Stimmen in meine Erinnerung rief.
„Du siehst scheiße aus, Mairi.“
„Du musst da selber raus wollen, ich kann dich da nicht rauszerren.“
Ich atmete tief durch. Das war die eine Stimme, die ich vermutlich nie wieder hören würde. Es gab sicherlich Mittel und Wege. Aber wenn es doch ein Nileth’Azur gab, sollte er dort seine Frieden finden. Er war der Ritter. Der Freund. Er war der große Bruder. Ein Stück Familie.
Beinahe genauso lange wie Dazen, hatte ich die ganz ähnliche Stimme nicht gehört. Doch anders als sein großer Bruder, lebte er. Nicht mehr hier auf Gerimor, sondern zuhause auf dem Hof, den auch ich als ein Stück Heimat betrachtete. Vielleicht war Fann auch da und sie standen zusammen, eine Zigarette rauchend an eine Mauer gelehnt. Natürlich alles verborgen vor den Augen von Aalya und Iydia. Garvin. Den Namen zu denken, versetzte mir immer noch einen kleinen Stich. Doch so lange ich wusste, dass er in Sicherheit war und es ihm gut ging, war meine eigene Welt ein Stück weit in Ordnung. Die Briefe hatten nie aufgehört, auch wenn sie unregelmäßig kamen.
„Ich liebe dich, Mairi Wolfseiche.“
Der Klang seiner Stimme, auch wenn sie nur in meiner Erinnerung war, ließ mich unweigerlich schmunzeln. Das Versprechen, das wir uns vor einer gefühlten kleinen Ewigkeit gegeben hatten, war ungebrochen. Doch auch wenn ich ihn vermisste, war mein Platz hier. Für jetzt.
Hier warteten genug Aufgaben auf mich. Ich fühlte, dass die beiden, die meinen Geschwistern und mir am letzten Abend in Nimmerruh Gesellschaft geleistet hatten, nicht die einzigen waren, die sein Mal trugen. Es war schon eine Weile her, seit so etwas das letzte Mal passiert war, aber es war ähnlich und es war kein Einzel- oder in dem Falle Zweierfall. Ich wusste nicht, wie viele noch genau kamen. Allerdings bereitete es mir auch ein wenig Kopfzerbrechen. Die älteren Brüder waren alle weg. Den Wanderer hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen. Drakhon, wie vom Erdboden verschluckt und auch die letzte Begegnung mit Fames lag nun schon wieder ein paar Wochen zurück. Es blieben am Ende nur ich und die jüngeren Geschwister, die ihren Teil dazu zu tragen hatten. Auf die eine oder auf die andere Art und Weise.
„Finde deinen Weg, Mairi.“
Es war die dritte Stimme und jene, die am meisten verblasst war im Laufe der Zeit. Das sechste Jahr. Ob er noch immer auf der Flucht war? Ob er eine Möglichkeit gefunden hatte, sie los zu werden? Ich ging davon aus, dass er noch existierte. Seit damals schon hatte ich mir eingeredet, dass ich merken würde, wenn dem nicht mehr so war. Die Kälte kroch mir langsam in die Knochen, doch noch einen Moment wollte ich ausharren und meine Erinnerungen schweifen lassen.
Der Wanderer. Der Soldat. Der Leidende. Das fühlende Herz. So hatte er uns genannt. Passende Namen und keiner von ihnen war mehr hier. Bis auf mich. Sollte er am Ende doch recht behalten?
„Deine Stärke erwächst daraus es zu fühlen und es trotzdem zu tun.“
Ich hatte die Gezeichneten am gestrigen Abend beobachtet. Hatte ihren Worten gelauscht. Rache war etwas Giftiges.
„Jeder Tote viele Bücher voller Geschichten, jeder ruhelose Geist eine tiefe Tragik. Es ist nichts, woran wir etwas ändern können, doch wir können den Hauch von Achtung bewahren.“
Ich hatte meine Abscheu gegenüber der Kälte und vermeintlichen Emotionslosigkeit nicht gezeigt.
„Du musst mit dir und deinen Taten leben können.“
Ob sie es auch konnten, wenn sie in vielen Jahren noch hier waren? Ich machte ihnen keinen Vorwurf. Sie wussten es schlichtweg nicht besser. Hatten es nie erlebt. Niemand von denjenigen, die am Tisch gesessen hatten, verstanden, was wirkliche Emotionslosigkeit bedeutete. Niemand hatte es gefühlt. Und ich wünschte es niemanden von ihnen. Doch ich erinnerte mich. An die Stille. An die allumfassende Leere, die mir auch nach so langer Zeit noch immer die Kehle zuschnürte
„Du weißt nicht, wie schön es ist etwas zu spüren.“
„Doch.“ antwortete ich laut, ohne dass mich jemand hören konnte „Doch, ich weiß es.“
(Shakespeare)
Ich hasste es, wenn der Schnee schmolz. Ich liebte dieses glitzernde, blendende Weiß. Ich mochte die Abdrücke der festen Winterstiefel nicht, die die perfekte Decke durchbrachen und ihre Spuren hinterließen, doch ich nutzte sie, damit ich es nicht selbst sein musste, die sie setzte und das Bild somit zerstörte. Jetzt war er weg und mir wurde einmal mehr bewusst, dass schon wieder ein Jahr vergangen war. Ich richtete mich nicht nach den Daten, die den Jahreswechsel vorgaben. Ich richtete mich nach dem Schnee. Es war das dritte Jahr, das wir ohne ihn verbrachten. Es war das dritte Jahr, das ich ohne sie beide verbrachte. Und das sechste, in dem ich nicht wusste, wie es ihm ging. Das wurde mir erst jetzt wirklich bewusst. Wie viel Zeit schlichtweg vergehen konnte, dass man es überhaupt nicht merkte. Und wenn man sich bewusst daran erinnerte, wie viel länger es einem selbst vorkam.
Ich setzte mich ganz bewusst auf den kalten Steinboden inmitten des Raumes, ließ mich langsam nach hinten fallen und streckte dann Arme und Beine von mir. Die Kälte half ein wenig, den Winter noch etwas bei mir zu behalten, als ich ganz bewusst, die sorgsam verwahrten Stimmen in meine Erinnerung rief.
„Du siehst scheiße aus, Mairi.“
„Du musst da selber raus wollen, ich kann dich da nicht rauszerren.“
Ich atmete tief durch. Das war die eine Stimme, die ich vermutlich nie wieder hören würde. Es gab sicherlich Mittel und Wege. Aber wenn es doch ein Nileth’Azur gab, sollte er dort seine Frieden finden. Er war der Ritter. Der Freund. Er war der große Bruder. Ein Stück Familie.
Beinahe genauso lange wie Dazen, hatte ich die ganz ähnliche Stimme nicht gehört. Doch anders als sein großer Bruder, lebte er. Nicht mehr hier auf Gerimor, sondern zuhause auf dem Hof, den auch ich als ein Stück Heimat betrachtete. Vielleicht war Fann auch da und sie standen zusammen, eine Zigarette rauchend an eine Mauer gelehnt. Natürlich alles verborgen vor den Augen von Aalya und Iydia. Garvin. Den Namen zu denken, versetzte mir immer noch einen kleinen Stich. Doch so lange ich wusste, dass er in Sicherheit war und es ihm gut ging, war meine eigene Welt ein Stück weit in Ordnung. Die Briefe hatten nie aufgehört, auch wenn sie unregelmäßig kamen.
„Ich liebe dich, Mairi Wolfseiche.“
Der Klang seiner Stimme, auch wenn sie nur in meiner Erinnerung war, ließ mich unweigerlich schmunzeln. Das Versprechen, das wir uns vor einer gefühlten kleinen Ewigkeit gegeben hatten, war ungebrochen. Doch auch wenn ich ihn vermisste, war mein Platz hier. Für jetzt.
Hier warteten genug Aufgaben auf mich. Ich fühlte, dass die beiden, die meinen Geschwistern und mir am letzten Abend in Nimmerruh Gesellschaft geleistet hatten, nicht die einzigen waren, die sein Mal trugen. Es war schon eine Weile her, seit so etwas das letzte Mal passiert war, aber es war ähnlich und es war kein Einzel- oder in dem Falle Zweierfall. Ich wusste nicht, wie viele noch genau kamen. Allerdings bereitete es mir auch ein wenig Kopfzerbrechen. Die älteren Brüder waren alle weg. Den Wanderer hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen. Drakhon, wie vom Erdboden verschluckt und auch die letzte Begegnung mit Fames lag nun schon wieder ein paar Wochen zurück. Es blieben am Ende nur ich und die jüngeren Geschwister, die ihren Teil dazu zu tragen hatten. Auf die eine oder auf die andere Art und Weise.
„Finde deinen Weg, Mairi.“
Es war die dritte Stimme und jene, die am meisten verblasst war im Laufe der Zeit. Das sechste Jahr. Ob er noch immer auf der Flucht war? Ob er eine Möglichkeit gefunden hatte, sie los zu werden? Ich ging davon aus, dass er noch existierte. Seit damals schon hatte ich mir eingeredet, dass ich merken würde, wenn dem nicht mehr so war. Die Kälte kroch mir langsam in die Knochen, doch noch einen Moment wollte ich ausharren und meine Erinnerungen schweifen lassen.
Der Wanderer. Der Soldat. Der Leidende. Das fühlende Herz. So hatte er uns genannt. Passende Namen und keiner von ihnen war mehr hier. Bis auf mich. Sollte er am Ende doch recht behalten?
„Deine Stärke erwächst daraus es zu fühlen und es trotzdem zu tun.“
Ich hatte die Gezeichneten am gestrigen Abend beobachtet. Hatte ihren Worten gelauscht. Rache war etwas Giftiges.
„Jeder Tote viele Bücher voller Geschichten, jeder ruhelose Geist eine tiefe Tragik. Es ist nichts, woran wir etwas ändern können, doch wir können den Hauch von Achtung bewahren.“
Ich hatte meine Abscheu gegenüber der Kälte und vermeintlichen Emotionslosigkeit nicht gezeigt.
„Du musst mit dir und deinen Taten leben können.“
Ob sie es auch konnten, wenn sie in vielen Jahren noch hier waren? Ich machte ihnen keinen Vorwurf. Sie wussten es schlichtweg nicht besser. Hatten es nie erlebt. Niemand von denjenigen, die am Tisch gesessen hatten, verstanden, was wirkliche Emotionslosigkeit bedeutete. Niemand hatte es gefühlt. Und ich wünschte es niemanden von ihnen. Doch ich erinnerte mich. An die Stille. An die allumfassende Leere, die mir auch nach so langer Zeit noch immer die Kehle zuschnürte
„Du weißt nicht, wie schön es ist etwas zu spüren.“
„Doch.“ antwortete ich laut, ohne dass mich jemand hören konnte „Doch, ich weiß es.“