Von Rosen und Raben
Verfasst: Sonntag 25. Juni 2006, 12:55
Vor einigen Wochen:
Der schwere Jungvogel bewegte sich vorsichtig die Brüstung entlang, ein Auge immer auf ihn gerichtet. Cyrion verhielt sich ruhig; der Fleischbrocken flach auf seiner Hand, welche er auf den ausgestreckten Arm gelegt hatte. Der Blick des grossen Mannes lag entspannt auf dem Vogel. Er würde kommen. Er wurde gerade flügge und flog schon kurze Strecken. Er kannte Cyrion. Jeden Tag war er hier oben, manchmal mit Leckerbissen für die Rabenfamilie, manchmal auch nicht. Sie sollten sich an ihn gewöhnen, ihm Vertrauen schenken, aber nicht anfangen zu betteln. Schon lange gaben sie keinen Alarm mehr, wenn er nach Hause kam, oder gar zur Turmspitze hoch. Statt dessen wurde er mit Vogellauten begrüsst, die er als freundlcih erkannte. Und Solveigh? Sie hatten sie von Anfang an begrüsst.
Der Vogel zögerte immer noch. War er zu weit weg? Nein, diese Strecke konnte er gut überbrücken. Gut, er konnte hier nicht von seiner Hand das Fleisch wegschnappen und weghüpfend verschlingen. Er würde auf ihm landen müssen. Eine schwere Aufgabe. Cyrions Mundwinkel zog sich amüsiert nach oben. „Komm, Munin. Das Fleisch wird nicht frischer.“ Im Anschluss fügte er einige Krählaute hinzu, mit welchen Rabeneltern ihre Küken riefen. Ein zufälliger Bobachter wäre wohl überrascht gewesen, wie realistisch die Laute aus der Kehle des Kriegers klangen. Der Jungvogel legte den Kopf schief, beobachtet ihn neugierig und krächzte leise. Noch ein Blick, dann sprang er auch schon in die Luft und flatterte die drei, vier Schritte hinüber. Umständlich landete er, verfehlte den Arm fast und schlug heftig mit den Flügeln, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Cyrion beobachtete mit leuchtenden Augen, wie der Kolkrabe sich das Fleisch schnappte. Doch sprang er nicht soleich weg, wie Cyrion es erwartet hatte, sondern hielt Ausschau nach weiterem Fleisch. Das verlief besser, als Cyrion erwartet hatte! Bemüht hielt er den Arm ruhig, auch wenn der Drang, den Jungraben näher zu sich zu ziehen in ihm brannte. >Nur Geduld...< Der Vogel wog noch nicht viel, aber dennoch könnte es durchaus anstrengend werden, den Arm gerade ausgestreckt zu halten. Munin liess es nicht dazu kommen. Sobald er sich überzeugt hatte, das es kein Fleisch mehr gab, flatterte er wieder zur Brüstung. Ein Lächeln zeigte sich auf Cyrions Anlitz, als der Vogel anfing sich zu putzen. Es war ein Zeichen des Wohlbehagens, ein Zeichen der Gelassenheit. Er störte sich nicht wirklich an Cyrion – blickte nur kurz auf, als der Mann an die Brüstung trat und hinunter sah. Von hier oben konnte er gut sehen, wie sich die Rosen machten, die sich, dornig wie sie waren, an seinem Turm hochrankten. Noch waren sie nicht sehr hoch, doch wuchsen sie schnell, legten einen dornigen Schutz um den Turm. Zufriedenheit malte sich auf seine Züge. Wildrosen... er hatte sie vor Monaten gepflanzt. Sie fassten schwer Fuss, aber hatten sie sich festgewurzelt, waren sie so gut wie unmöglich auszurotten. Raben und Rosen... Damit hatte er hier wirklich ein Heim errichtet. Nun würde er eine Familie gründen können, hatte er den Traditionen seiner Heimat genüge getan. Der wache Blick wanderte weiter, ging von den Rosen zu dem Wald ringsum. Er suchte eine schlanke Gestalt in apricofarbenen Kleid, doch zeigte sich diese nirgends. >Hmm...< Falten bildeten sich auf seiner Stirn. >Sie geht in letzter Zeit immer häufiger alleine in den Wald.< Er machte sich Gedanken um sie. Was machte sie da? Suchte sie den Kontakt zur Erde? Suchte sie den Kontakt zu einer ihrer früheren Gefährtinnen? Wollte sie feststellen, wieviel sie verloren hatte? Solveigh war von Natur aus von sonnigem Gemüt, aber seit dem Bruch zu ihren Freundinnen fand er manchmal einen Zug um ihren Mund, der von Trauer sprach, Wehmut mit sich führte. Sie hatte mehr verloren, als er je ermessen konnte. Und er konnte ihr in diesem einen Punkte nicht helfen. Gewiss, er konnte allerlei in Gang setzen, Zeit mit ihr verbringen, sie fordern, dass sie sich nicht nutzlos vorkam – aber die Leere füllen, die in ihr sein mochte – diesen Ausdruck aus ihrem schönen Gesicht verjagen? Der junge Mann seufzte schwer und lehnte sich an einen steineren Pfosten. Das war der einzige Punkt, der noch eine Unklarheit in sein Leben brachte. Möglich, das es die Nähe zu dieser Landzunge war, auf der er mal das Feuer gesehen hatte, welche seine Frau umtrieb. Doch was konnte er dagegen tun? Er konnte keine Landzunge verschwinden lassen. Aber... vielleicht würde eine Landveränderung ihnen beiden gut tun. Ein Picken riss ihn aus seinen Gedanken. Munin war neben seine Hand gehüpft. 'Pick!' schlug der Schnabel erneut leicht gegen seinen Siegelring. Mit einem Schmunzeln entzog er dem Vogel seine Hand und rieb seinen Ring. Das Siegel der Sha'Ar. Fast zwei Jahre hatte er keinen seiner Familie gesehen. Hatten sie die Nachicht von seinem Erfolg erhalten? Wussten sie, das er noch lebte? Eine Gefährtin hatte? Er würde sie gerne Wiedersehen... Des Mannes Anlitz wandte sich um – dem Meer entgegen. Vielleicht war es ja wirklich an der Zeit – Sol würde das gewiss auf andere Gedanken bringen. Er könnte ihr das wunderbare Tal zeigen, in dem er aufgewachsen war. Sie seinen Eltern vorstellen, seinen Geschwistern, seinen Freunden... Mit seiner Familie feiern... erfahren, was sich in den zwei Jahren ereignet hatte, die er fort war. Und Abschied nehmen... Abschied von Eireen, seiner Herrin, deren Tod der Grund für seine Reise nach Gerimor gewesen war. Was mochte sich ereignet haben, nachdem das Bündnis durch Heirat nicht zustande gekommen war? Hatte Eireens geplanter Ehemann einfach eine ihrer Cousinen geheiratet? Gedankenvoll fiel sein Blick wieder auf Munin, der von sich aus Flugübungen nachging. Ein geräuschvolles Flügelschlagen, dann war auch Munins Mutter wieder da und beäugte den Krieger streng. Cyrion nickte ihr kurz zu, eine Geste, die er bei seinen Leuten üblich war, dann wanderte der Blick wieder zu Munin herüber, welcher erneut in seiner Nähe landete. „Würde dir das gefallen, Munin? Über das Meer segeln? Das Tal der Rosen und Raben sehen?“ Wieder beäugte der Rabe ihn von der Seite, dass Cyrion lächeln musste. Er würde den Raben mitnehmen, wenn es denn zur alten Heimat ging – es wäre sicher eine gute Gelegenheit, den Raben an ihn und ans Reisen zu gewöhnen. Wieder schweifte sein Blick zu den Wäldern. Wenn Sol nach Hause kam, würde er ihr seine Gedanken mitteilen.
Wieder daheim... Staub hatte sich auf den Tüchern gesammelt, mit denen sie die Möbel abgedeckt hatten. Doch Licht und Leben kehrte in den Turm wie auch in das Haus zurück, sobald sie die Zeichen der Zeit beseitigt hatten. Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Erneut auf der Spitze des Turmes zu verweilen und Ausschau zu halten nach den Sternen und Städten. Wieder mit Solveigh alleine zu sein. Wunderbare Stille... In der alten Heimat war es hoch her gegangen, ungewohnt nach all der Zeit in ihrem abgelegenen Haus samt Turm. Aber dennoch... Herrlich war es gewesen, wieder bei seinen Leuten zu sein. Wieder den süssen Duft der Rosen wahrzunehmen, die allenthalben wuchsen. Wieder mit seinem Vater einen Übungskampf zu führen. Mit Solveigh durch die warmen dichten Wälder zu wandern und ihr all die Orte zu zeigen, die ihm etwas bedeuteten. Es war so schön gewesen, die ersten Landmarken zu sehen, die ihm sagten, das er wieder in der alten Heimat war. Die Hügelkette, welche das Tal begrenzte... Die Steinmarkierungen, die alte Mühle... Der Bach, in dem er als Knabe geschwommen war... Und schliesslich die ersten Gesichter, die er kannte. Aufregung hatte ihn erfasst, wie bei einem kleinem Jungen, dass sein Pferd ohne jegliches Zutun seinerseits in Gallop übergegangen war, so unruhig war es von seiner Anspannung gewesen. Menschen, die er kannte, waren ihnen zu Fuss und zu Pferde hinterher gelaufen und deren Rufe hatten seine Eltern aus dem Haus gelockt, noch bevor er aus dem Wald heraus geritten war und im Endspurt über den Zaun setzte. Fassungslos waren sie gewesen, vor Unglauben und Freude – seine Mutter hatte geweint vor Glück, ihren Sohn gesund wieder zu sehen. Ian hatte ihn fast umgeworfen – wie gross sein Bruder doch geworden war, ein Mann war er geworden! Als Cyrion auf die Reise gegangen war, war er noch mehr Knabe denn Mann gewesen. Nun hatte er die Schwertweihe erhalten und war Leibwächter eines der Wildrose-Sprösslinge. Seine Eltern und Verwandten hatten ihm eine herzliche Willkommensfeier gegeben. Auch die Familie Wildrose hatte ihn feierlich begrüsst. Und erzählen musste er ihnen, von seiner Reise, seiner Jagd nach Smith, seiner Wahlheimat. Und von Solveigh, wie er sie kennen gelernt hatte. Solveigh... seine Familie war zuerst etwas erschrocken gewesen, dass sie Narben am Körper trug, doch hatten sie bald erkannt, warum er sie zur Gefährtin erwählt hatte. Ihre Art hatte sie verblüfft, doch waren sie bald von ihr genauso in den Bann gezogen worden, wie es ihm ergangen war. Herrliche Tage in der alten Heimat.
Mit wehmütigen Gedanken packte er die Geschenke aus, die er von Familie, Freunden und auch der Familie Wildrose erhalten hatte. Geschirr aus Gold und Silber, mit dem Siegel der Familie Sha'Ar geschmückt. Ein feingearbeiteter schwarzer Bogen, Kleidung aus edlem Material... Ein Lederaufsatz für seine Schulter, das sein Rabe dort landen und sitzen konnte. Dinge die er in seiner Wahlheimat noch nicht hatte und gebrauchen konnte. Auch Solveigh war beschenkt worden mit Dingen, die eine Frau brauchen konnte – Kleidung, Schmuck... viele mit einem Muster, das an wildwachsende Rosen und Vögel erinnerte. Dinge, die ihr eigentlich nicht viel bedeuteten, aber es war die Geste, die ihr Freude bereitet hatte. Der Heilkundige des Dorfes hatte mehr ihren Geschmack getroffen, wusste dieser doch aus endlosen Gesprächen mit ihr, was sie wirklich interessierte. Getrocknete Kräuter waren sein Geschenk gewesen, etwas, was Solveigh sehr zu schätzen gewusst hatte. Mit Ruhe räumte er seine Tragetaschen leer und die diversen Dinge ein. Zuhause... Ein Ort der Ruhe nach dem Trubel der letzten Wochen. Und sie waren zur rechten Zeit zurück gekehrt. Alles war in voller Blüte, auch die Rosen, die die Turmwand und die Hecke besiedelte. Kräuter konnten gesammelt werden, waren diese im dunkleren Wald noch nicht zur Blüte gekommen. Und auch hier hatte sich etwas in ihrer Abwesentheit getan – Tirell bestand nicht mehr. Statt dessen gab es dort Wesentheiten, die man am besten für sich liess. Und auch hatte er von einem neuen Eiland gehört, welches in aller Munde war. Wenn möglich, würde er diese alsbald besuchen, war doch seine Neugier geweckt worden. Nun er würde sehen, was die nächsten Tage ihm bringen würden...
Alltag war wieder eingekehrt. Cyrion verbrachte die Tage mit Solveigh oder war unterwegs, auskundschaften, was sich so getan hatte, während sie beide fort waren. Wirklich viel hatte sich nicht verändert. Sicher, es gab die eine oder andere Überraschung, aber nichts, was das Leben der Leute grundlegend veränderte. Alles ging seine gewohnten Bahnen. Auch Solveigh verbrachte wieder viel Zeit im Wald, versuchte sie doch einzuholen, was sie an Sammelzeit verloren hatte durch die Reise. >Schön ist sie...< dachte sich der Krieger, während er sie betrachtete. Seit dem Urlaub war sie gelöster. Es war nichts, was fremden Leuten auffallen mochte, aber er kannte sie inzwischen gut genug, um die feinen Unterschiede zu erkennen. Vielleicht aber war es auch er, der entspannter war – wer wusste es schon. Solveigh, seine kleine Wildrose, hatte es bisher immer geschafft, sich einen geheimnissvollen Wesenszug zu bewahren – selbst nach der langen Zeit, die sie schon zusammen waren. Sich aus der Betrachtung reissend, wischte er sich den langen Zopf hinter den Rücken. Es gab einiges zu Tun für ihn und die Sonne neigte nicht dazu, auf ihn zu warten. Mit ausgreifenden Schritten ging er zu seinem Pferd Casca. „Solveigh, brauchst du etwas aus der Stadt? Ich geh ein paar Sachen besorgen und komm dran vorbei.“ rief der hochgewachsene Mann, während er Casca losband. Doch seine Frau winkte ab, sie hatte alles, was sie brauchte. „Ich geh nachher in den Wald. Der Bärlauch geht mir langsam aus.“ Geschäftig nickte er und gab ihr im vorbeigehen einen Kuss. „Na dann... Ich bin in ein paar Stunden wieder zurück. Bis später, meine Wildrose.“ Mit einem letzten Wink sass er auf und ritt davon. Rasch verlor sich seine Gestalt in der Ferne.
Der schwere Jungvogel bewegte sich vorsichtig die Brüstung entlang, ein Auge immer auf ihn gerichtet. Cyrion verhielt sich ruhig; der Fleischbrocken flach auf seiner Hand, welche er auf den ausgestreckten Arm gelegt hatte. Der Blick des grossen Mannes lag entspannt auf dem Vogel. Er würde kommen. Er wurde gerade flügge und flog schon kurze Strecken. Er kannte Cyrion. Jeden Tag war er hier oben, manchmal mit Leckerbissen für die Rabenfamilie, manchmal auch nicht. Sie sollten sich an ihn gewöhnen, ihm Vertrauen schenken, aber nicht anfangen zu betteln. Schon lange gaben sie keinen Alarm mehr, wenn er nach Hause kam, oder gar zur Turmspitze hoch. Statt dessen wurde er mit Vogellauten begrüsst, die er als freundlcih erkannte. Und Solveigh? Sie hatten sie von Anfang an begrüsst.
Der Vogel zögerte immer noch. War er zu weit weg? Nein, diese Strecke konnte er gut überbrücken. Gut, er konnte hier nicht von seiner Hand das Fleisch wegschnappen und weghüpfend verschlingen. Er würde auf ihm landen müssen. Eine schwere Aufgabe. Cyrions Mundwinkel zog sich amüsiert nach oben. „Komm, Munin. Das Fleisch wird nicht frischer.“ Im Anschluss fügte er einige Krählaute hinzu, mit welchen Rabeneltern ihre Küken riefen. Ein zufälliger Bobachter wäre wohl überrascht gewesen, wie realistisch die Laute aus der Kehle des Kriegers klangen. Der Jungvogel legte den Kopf schief, beobachtet ihn neugierig und krächzte leise. Noch ein Blick, dann sprang er auch schon in die Luft und flatterte die drei, vier Schritte hinüber. Umständlich landete er, verfehlte den Arm fast und schlug heftig mit den Flügeln, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Cyrion beobachtete mit leuchtenden Augen, wie der Kolkrabe sich das Fleisch schnappte. Doch sprang er nicht soleich weg, wie Cyrion es erwartet hatte, sondern hielt Ausschau nach weiterem Fleisch. Das verlief besser, als Cyrion erwartet hatte! Bemüht hielt er den Arm ruhig, auch wenn der Drang, den Jungraben näher zu sich zu ziehen in ihm brannte. >Nur Geduld...< Der Vogel wog noch nicht viel, aber dennoch könnte es durchaus anstrengend werden, den Arm gerade ausgestreckt zu halten. Munin liess es nicht dazu kommen. Sobald er sich überzeugt hatte, das es kein Fleisch mehr gab, flatterte er wieder zur Brüstung. Ein Lächeln zeigte sich auf Cyrions Anlitz, als der Vogel anfing sich zu putzen. Es war ein Zeichen des Wohlbehagens, ein Zeichen der Gelassenheit. Er störte sich nicht wirklich an Cyrion – blickte nur kurz auf, als der Mann an die Brüstung trat und hinunter sah. Von hier oben konnte er gut sehen, wie sich die Rosen machten, die sich, dornig wie sie waren, an seinem Turm hochrankten. Noch waren sie nicht sehr hoch, doch wuchsen sie schnell, legten einen dornigen Schutz um den Turm. Zufriedenheit malte sich auf seine Züge. Wildrosen... er hatte sie vor Monaten gepflanzt. Sie fassten schwer Fuss, aber hatten sie sich festgewurzelt, waren sie so gut wie unmöglich auszurotten. Raben und Rosen... Damit hatte er hier wirklich ein Heim errichtet. Nun würde er eine Familie gründen können, hatte er den Traditionen seiner Heimat genüge getan. Der wache Blick wanderte weiter, ging von den Rosen zu dem Wald ringsum. Er suchte eine schlanke Gestalt in apricofarbenen Kleid, doch zeigte sich diese nirgends. >Hmm...< Falten bildeten sich auf seiner Stirn. >Sie geht in letzter Zeit immer häufiger alleine in den Wald.< Er machte sich Gedanken um sie. Was machte sie da? Suchte sie den Kontakt zur Erde? Suchte sie den Kontakt zu einer ihrer früheren Gefährtinnen? Wollte sie feststellen, wieviel sie verloren hatte? Solveigh war von Natur aus von sonnigem Gemüt, aber seit dem Bruch zu ihren Freundinnen fand er manchmal einen Zug um ihren Mund, der von Trauer sprach, Wehmut mit sich führte. Sie hatte mehr verloren, als er je ermessen konnte. Und er konnte ihr in diesem einen Punkte nicht helfen. Gewiss, er konnte allerlei in Gang setzen, Zeit mit ihr verbringen, sie fordern, dass sie sich nicht nutzlos vorkam – aber die Leere füllen, die in ihr sein mochte – diesen Ausdruck aus ihrem schönen Gesicht verjagen? Der junge Mann seufzte schwer und lehnte sich an einen steineren Pfosten. Das war der einzige Punkt, der noch eine Unklarheit in sein Leben brachte. Möglich, das es die Nähe zu dieser Landzunge war, auf der er mal das Feuer gesehen hatte, welche seine Frau umtrieb. Doch was konnte er dagegen tun? Er konnte keine Landzunge verschwinden lassen. Aber... vielleicht würde eine Landveränderung ihnen beiden gut tun. Ein Picken riss ihn aus seinen Gedanken. Munin war neben seine Hand gehüpft. 'Pick!' schlug der Schnabel erneut leicht gegen seinen Siegelring. Mit einem Schmunzeln entzog er dem Vogel seine Hand und rieb seinen Ring. Das Siegel der Sha'Ar. Fast zwei Jahre hatte er keinen seiner Familie gesehen. Hatten sie die Nachicht von seinem Erfolg erhalten? Wussten sie, das er noch lebte? Eine Gefährtin hatte? Er würde sie gerne Wiedersehen... Des Mannes Anlitz wandte sich um – dem Meer entgegen. Vielleicht war es ja wirklich an der Zeit – Sol würde das gewiss auf andere Gedanken bringen. Er könnte ihr das wunderbare Tal zeigen, in dem er aufgewachsen war. Sie seinen Eltern vorstellen, seinen Geschwistern, seinen Freunden... Mit seiner Familie feiern... erfahren, was sich in den zwei Jahren ereignet hatte, die er fort war. Und Abschied nehmen... Abschied von Eireen, seiner Herrin, deren Tod der Grund für seine Reise nach Gerimor gewesen war. Was mochte sich ereignet haben, nachdem das Bündnis durch Heirat nicht zustande gekommen war? Hatte Eireens geplanter Ehemann einfach eine ihrer Cousinen geheiratet? Gedankenvoll fiel sein Blick wieder auf Munin, der von sich aus Flugübungen nachging. Ein geräuschvolles Flügelschlagen, dann war auch Munins Mutter wieder da und beäugte den Krieger streng. Cyrion nickte ihr kurz zu, eine Geste, die er bei seinen Leuten üblich war, dann wanderte der Blick wieder zu Munin herüber, welcher erneut in seiner Nähe landete. „Würde dir das gefallen, Munin? Über das Meer segeln? Das Tal der Rosen und Raben sehen?“ Wieder beäugte der Rabe ihn von der Seite, dass Cyrion lächeln musste. Er würde den Raben mitnehmen, wenn es denn zur alten Heimat ging – es wäre sicher eine gute Gelegenheit, den Raben an ihn und ans Reisen zu gewöhnen. Wieder schweifte sein Blick zu den Wäldern. Wenn Sol nach Hause kam, würde er ihr seine Gedanken mitteilen.
Wieder daheim... Staub hatte sich auf den Tüchern gesammelt, mit denen sie die Möbel abgedeckt hatten. Doch Licht und Leben kehrte in den Turm wie auch in das Haus zurück, sobald sie die Zeichen der Zeit beseitigt hatten. Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Erneut auf der Spitze des Turmes zu verweilen und Ausschau zu halten nach den Sternen und Städten. Wieder mit Solveigh alleine zu sein. Wunderbare Stille... In der alten Heimat war es hoch her gegangen, ungewohnt nach all der Zeit in ihrem abgelegenen Haus samt Turm. Aber dennoch... Herrlich war es gewesen, wieder bei seinen Leuten zu sein. Wieder den süssen Duft der Rosen wahrzunehmen, die allenthalben wuchsen. Wieder mit seinem Vater einen Übungskampf zu führen. Mit Solveigh durch die warmen dichten Wälder zu wandern und ihr all die Orte zu zeigen, die ihm etwas bedeuteten. Es war so schön gewesen, die ersten Landmarken zu sehen, die ihm sagten, das er wieder in der alten Heimat war. Die Hügelkette, welche das Tal begrenzte... Die Steinmarkierungen, die alte Mühle... Der Bach, in dem er als Knabe geschwommen war... Und schliesslich die ersten Gesichter, die er kannte. Aufregung hatte ihn erfasst, wie bei einem kleinem Jungen, dass sein Pferd ohne jegliches Zutun seinerseits in Gallop übergegangen war, so unruhig war es von seiner Anspannung gewesen. Menschen, die er kannte, waren ihnen zu Fuss und zu Pferde hinterher gelaufen und deren Rufe hatten seine Eltern aus dem Haus gelockt, noch bevor er aus dem Wald heraus geritten war und im Endspurt über den Zaun setzte. Fassungslos waren sie gewesen, vor Unglauben und Freude – seine Mutter hatte geweint vor Glück, ihren Sohn gesund wieder zu sehen. Ian hatte ihn fast umgeworfen – wie gross sein Bruder doch geworden war, ein Mann war er geworden! Als Cyrion auf die Reise gegangen war, war er noch mehr Knabe denn Mann gewesen. Nun hatte er die Schwertweihe erhalten und war Leibwächter eines der Wildrose-Sprösslinge. Seine Eltern und Verwandten hatten ihm eine herzliche Willkommensfeier gegeben. Auch die Familie Wildrose hatte ihn feierlich begrüsst. Und erzählen musste er ihnen, von seiner Reise, seiner Jagd nach Smith, seiner Wahlheimat. Und von Solveigh, wie er sie kennen gelernt hatte. Solveigh... seine Familie war zuerst etwas erschrocken gewesen, dass sie Narben am Körper trug, doch hatten sie bald erkannt, warum er sie zur Gefährtin erwählt hatte. Ihre Art hatte sie verblüfft, doch waren sie bald von ihr genauso in den Bann gezogen worden, wie es ihm ergangen war. Herrliche Tage in der alten Heimat.
Mit wehmütigen Gedanken packte er die Geschenke aus, die er von Familie, Freunden und auch der Familie Wildrose erhalten hatte. Geschirr aus Gold und Silber, mit dem Siegel der Familie Sha'Ar geschmückt. Ein feingearbeiteter schwarzer Bogen, Kleidung aus edlem Material... Ein Lederaufsatz für seine Schulter, das sein Rabe dort landen und sitzen konnte. Dinge die er in seiner Wahlheimat noch nicht hatte und gebrauchen konnte. Auch Solveigh war beschenkt worden mit Dingen, die eine Frau brauchen konnte – Kleidung, Schmuck... viele mit einem Muster, das an wildwachsende Rosen und Vögel erinnerte. Dinge, die ihr eigentlich nicht viel bedeuteten, aber es war die Geste, die ihr Freude bereitet hatte. Der Heilkundige des Dorfes hatte mehr ihren Geschmack getroffen, wusste dieser doch aus endlosen Gesprächen mit ihr, was sie wirklich interessierte. Getrocknete Kräuter waren sein Geschenk gewesen, etwas, was Solveigh sehr zu schätzen gewusst hatte. Mit Ruhe räumte er seine Tragetaschen leer und die diversen Dinge ein. Zuhause... Ein Ort der Ruhe nach dem Trubel der letzten Wochen. Und sie waren zur rechten Zeit zurück gekehrt. Alles war in voller Blüte, auch die Rosen, die die Turmwand und die Hecke besiedelte. Kräuter konnten gesammelt werden, waren diese im dunkleren Wald noch nicht zur Blüte gekommen. Und auch hier hatte sich etwas in ihrer Abwesentheit getan – Tirell bestand nicht mehr. Statt dessen gab es dort Wesentheiten, die man am besten für sich liess. Und auch hatte er von einem neuen Eiland gehört, welches in aller Munde war. Wenn möglich, würde er diese alsbald besuchen, war doch seine Neugier geweckt worden. Nun er würde sehen, was die nächsten Tage ihm bringen würden...
Alltag war wieder eingekehrt. Cyrion verbrachte die Tage mit Solveigh oder war unterwegs, auskundschaften, was sich so getan hatte, während sie beide fort waren. Wirklich viel hatte sich nicht verändert. Sicher, es gab die eine oder andere Überraschung, aber nichts, was das Leben der Leute grundlegend veränderte. Alles ging seine gewohnten Bahnen. Auch Solveigh verbrachte wieder viel Zeit im Wald, versuchte sie doch einzuholen, was sie an Sammelzeit verloren hatte durch die Reise. >Schön ist sie...< dachte sich der Krieger, während er sie betrachtete. Seit dem Urlaub war sie gelöster. Es war nichts, was fremden Leuten auffallen mochte, aber er kannte sie inzwischen gut genug, um die feinen Unterschiede zu erkennen. Vielleicht aber war es auch er, der entspannter war – wer wusste es schon. Solveigh, seine kleine Wildrose, hatte es bisher immer geschafft, sich einen geheimnissvollen Wesenszug zu bewahren – selbst nach der langen Zeit, die sie schon zusammen waren. Sich aus der Betrachtung reissend, wischte er sich den langen Zopf hinter den Rücken. Es gab einiges zu Tun für ihn und die Sonne neigte nicht dazu, auf ihn zu warten. Mit ausgreifenden Schritten ging er zu seinem Pferd Casca. „Solveigh, brauchst du etwas aus der Stadt? Ich geh ein paar Sachen besorgen und komm dran vorbei.“ rief der hochgewachsene Mann, während er Casca losband. Doch seine Frau winkte ab, sie hatte alles, was sie brauchte. „Ich geh nachher in den Wald. Der Bärlauch geht mir langsam aus.“ Geschäftig nickte er und gab ihr im vorbeigehen einen Kuss. „Na dann... Ich bin in ein paar Stunden wieder zurück. Bis später, meine Wildrose.“ Mit einem letzten Wink sass er auf und ritt davon. Rasch verlor sich seine Gestalt in der Ferne.