Momentaufnahmen
Verfasst: Montag 2. September 2019, 11:33
Ein helles Rufen lag in der klaren Luft, noch bevor die breiten Schwingen des Adlers ihre Schatten über den Gebirgszug hinweggleiten ließ, um die Ausläufer der Wüste zu beobachten. Der starke Kontrast zwischen Gebirge und Einöde faszinierte. Ein weiterer Ruf war zu hören und zum ersten Adler gesellte sich ein Zweiter, der in einer weiten Spirale den Sinkflug anging, um auf einem der letzten Felsvorsprünge des Gebirges zu landen.
Das Tier, welches in den Lüften blieb, zog einen weiteren Kreis und beobachtete die Sande. Beute. Auch hier gab es reichlich an Leben und es verspürte Hunger. Bei einem weiteren Blick zurück zum Felsvorsprung stand er da. Hochgewachsen, das lange weiße Haar offen, und wie immer wirkte alles so akkurat an ihm, als wäre er gerade aus einem Ei geschlüpft.
Die amethystfarbenen Augen folgten dem majestätischen Vogel einen Moment lang bei seinem Beuteflug, während die Verbindung zu seinem Seelentier langsam schwand und die Gefühle wieder zu den eigenen wurden, das drängende Gefühl Beute zu schlagen nachließ. Ein tieferes Durchatmen trotz der heraufbrandenden Hitze auf der Wüstenseite des Gebirges folgte.
Die Reise war lang gewesen. Ein wenig Verwunderung begleitete ihn dabei, dass sein Freund zum Weggefährten geworden war und er seine alte Heimat mit ihm verlassen hatte. Sein Freund war eben jener Adler, der sich gerade die auf Beutefang begab. Es hatte sich wie von selbst so entwickelt, als der Greifvogel gerade sein Nest verlassen hatte.
Er hatte viel Zeit damit verbracht den Horst zu beobachten, seine Bewohner, wie die Kleinen heranwuchsen, das Fliegen lernten. Offenbar war er aber nicht der Einzige Beobachter gewesen. Ein feines, sehr seltenes Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen. „Mae faras, mellon.“
Nach diesen Worten suchte er sich zu Fuß den Weg hinab vom Gebirge, hin zu dem Weg, der sich durch selbiges schlängelte. Es war nicht mehr weit, was weniger das Wissen um die geografischen Verhältnisse war, sondern vielmehr das Gespür, das ihn vorantrieb und lenkte. Sein Freund Peg würde ihm folgen, sobald er sich den Bauch vollgeschlagen hatte.
Während er sich seinen Weg fernab von Siedlungen und Ansammlungen, also die Stille und Einsamkeit der Natur suchte, hing er für eine Weile den Erinnerungen nach. Die Anreise über das weite Meer war lang gewesen. Lang genug, um ein Schiff dafür zu wählen, auf dem sie beide mitgefahren waren. In der Zeit musste sich sein Freund zeitweise mit Zufütterung begnügen, auch wenn er sonst ein sehr wählerischer Geselle war, was seinen Speisenplan anging.
Getrieben von Wissensdurst, Neugier und einem für ihn unbekannten Gefühl war er aus der einstigen Heimat aufgebrochen. Nicht zum ersten Mal.
Für einen Edhil war seine Haut ziemlich dunkel geraten, was nicht zuletzt an der Sonne lag, der er über viele Jahre ausgesetzt war. Mit nur einer kleinen Gruppe seines Volks war er durch ferne Ödnis gestreift, hatte dort gelebt, gelernt und war einst dort geboren worden. Die schroffen Lande waren oftmals eine Herausforderung gewesen, aber sie waren nie ein Grund gewesen zu gehen für ihn. Er liebte es dort. Der Klang seines Namens im Lied spiegelte es wider: Amrûn Or’eru.
Die meiste Zeit seines bescheidenen, noch kurzen Lebens nach den Maßstäben der Eledhrim hatte er dort verbracht. Nun war es an der Zeit auch die restliche Natur kennenzulernen, andere Widrigkeiten zu erproben und sich mehr zu öffnen. Also war er dem inneren Drängen nachgegangen und hatte seinen Weg hierher in Angriff genommen. Wo die Reise genau endete, wusste er nicht, er wusste nur, dass er es spüren würde, wenn er da war.
Anfangs war es ihm schwergefallen weiterzugehen. Er vermisste schnell die seinen, die Nähe zu ihnen und die engen Bande. Irgendwann aber fing er an die Einsamkeit erstmals zu genießen, sie zu atmen und zu spüren, in dem sicheren Wissen irgendwann wieder auf welche aus seinem Volke zu treffen. Es war weniger die Suche nach anderen seiner Art, als das Wissen sie zu finden.
Auf seinem Weg lernte er, dass die Edain viele Sprachen innehatten und er machte sich ein paar Dialekte und Spracharten davon zu eigen. Es eilte ihn ja nicht voranzukommen. Zeit war etwas sehr Relatives für ihn. Aus Konflikten der Edain hielt er sich fern und schöpfte Mut und Kraft aus ihrer offenen Art auf ihn zuzugehen, wenn sie ihm denn freundlich gesinnt waren. Es war eine Reise des Lernens, Lehrens und Erfahrens.
Mit Interesse beobachtete er aus sicherer Entfernung zusammen mit Peg ihre Auseinandersetzungen, ihre Kämpfe, ihr Blutvergießen, aber auch ihr friedfertigeres Zusammenleben, die gegenseitige Unterstützung und all das, was die Edain offenbar so ausmachte. Manches davon verstand er nicht, anderes war ihm nahe. Vieles hinterfragte er, anderes wiederum gar nicht, und beobachtete lieber nur. Zumeist begann es mit Beobachtungen, schweigen und zuweilen dem kläglichen Versuch sich einen Reim aus diesem oder jenem zu machen. Erst nach einer Weile zeigte er sich selbst offen genug für Fragen. Denn auch das hatte er gelernt: Zu schnelles Vertrauen konnte ihm auf den Reisen gefährlich werden.
Dennoch, er kam ohne große Zwischenfälle voran, schaffte es gut, seinen eigenen Frieden zu wahren und weitgehend sicher voranzukommen. Schien es ihm zu unsicher, blieb er weit oben in den Lüften, in Gesellschaft bei seinem Freund Peg, wo ihm weniger Gefahr drohte.
Zuweilen fühlte er sich wie ein neugieriges Hên, ein Kind, das die Welt neu für sich entdeckte. Immer, wenn er dies für sich feststellte, lachte er innerlich auf.
Was er unter den Edain jedoch nicht tat: Er gab nicht viel von sich Preis. Aus irgendeinem Grund befremdete ihn das. Gelegentlich hörte er sie auch über ihn sprechen. Sie beschrieben ihn gerne schon mal als kühl, unnahbar und distanziert, und waren immer überrascht, dass er dennoch hier und da freundliche Worte fand. Oftmals aber, das merkte er auch, verwirrte sein Rat sie, wenn sie dann schon mal nach einem fragten.
Die Wirklichkeit holte ihn zurück, als er die Wahl hatte den Weg zwischen Wagenrund und Kutsche zu nehmen, oder hinter das große Gebäude durch die Wälder zu ziehen. Ein Blick zu seinem Freund hinauf, der ihn inzwischen wieder eingeholt hatte und über ihm kreiste, ließ ihn die Wälder wählen. Wieder war es mehr ein Gefühl, dem er folgte. Kaum, dass er in den Waldrand eingetaucht war, den Blick zurückwarf, sah er sie. Es waren nicht viele, aber von Größe, Statur und Äußerem unverkennbar. Er hatte auf dem Festland von ihnen nicht viele gesehen, aber auch dort waren sie vertreten, hier und dort. Diese verirrten und auf immer erkrankten Seelen. Kein rühmlicher Strang in der Geschichte der Schöpfung, wie er fand. Da er allein war, von Peg einmal abgesehen, verhielt er sich ruhig, blieb versteckt und begnügte sich damit zu beobachten. Tatsächlich nahm er sich heraus ihnen ein Stück weit lautlos zu folgen, eins zu sein mit dem ihm fremden Wald, in dem er sich bewegte. Falls sie den falschen Weg einschlugen, auf ihn zukamen, würde sein Freund ihn schon warnen, so hoffte er.
Auf seiner Verfolgung erblickte er es dann, das Gebilde am Boden, das einer riesenhaften Tatze gleichkam. Das Gefühl, dass ihn hier überwältigte, ließ ihn einen Moment lang taumeln, bevor er floh. Vorbei war es mit der Neugier fürs erste. Nur fort von hier.
Fort in Richtung Osten, fort über das Gebirge mit ausholenden Flügelschlägen, der untergehenden Sonne abgewandt. Sein Gespür zog ihn unweigerlich weiter, bis er die Grenzen des Nebelwalds erblickte. Erst da verließ ihn das grauenhafte Gefühl, das ihn unerbittlich weitergetrieben hatte. Dort spürte er sie. Die anderen, und darüber hinaus unendliche Erleichterung.

Das Tier, welches in den Lüften blieb, zog einen weiteren Kreis und beobachtete die Sande. Beute. Auch hier gab es reichlich an Leben und es verspürte Hunger. Bei einem weiteren Blick zurück zum Felsvorsprung stand er da. Hochgewachsen, das lange weiße Haar offen, und wie immer wirkte alles so akkurat an ihm, als wäre er gerade aus einem Ei geschlüpft.
Die amethystfarbenen Augen folgten dem majestätischen Vogel einen Moment lang bei seinem Beuteflug, während die Verbindung zu seinem Seelentier langsam schwand und die Gefühle wieder zu den eigenen wurden, das drängende Gefühl Beute zu schlagen nachließ. Ein tieferes Durchatmen trotz der heraufbrandenden Hitze auf der Wüstenseite des Gebirges folgte.
Die Reise war lang gewesen. Ein wenig Verwunderung begleitete ihn dabei, dass sein Freund zum Weggefährten geworden war und er seine alte Heimat mit ihm verlassen hatte. Sein Freund war eben jener Adler, der sich gerade die auf Beutefang begab. Es hatte sich wie von selbst so entwickelt, als der Greifvogel gerade sein Nest verlassen hatte.
Er hatte viel Zeit damit verbracht den Horst zu beobachten, seine Bewohner, wie die Kleinen heranwuchsen, das Fliegen lernten. Offenbar war er aber nicht der Einzige Beobachter gewesen. Ein feines, sehr seltenes Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen. „Mae faras, mellon.“
Nach diesen Worten suchte er sich zu Fuß den Weg hinab vom Gebirge, hin zu dem Weg, der sich durch selbiges schlängelte. Es war nicht mehr weit, was weniger das Wissen um die geografischen Verhältnisse war, sondern vielmehr das Gespür, das ihn vorantrieb und lenkte. Sein Freund Peg würde ihm folgen, sobald er sich den Bauch vollgeschlagen hatte.
Während er sich seinen Weg fernab von Siedlungen und Ansammlungen, also die Stille und Einsamkeit der Natur suchte, hing er für eine Weile den Erinnerungen nach. Die Anreise über das weite Meer war lang gewesen. Lang genug, um ein Schiff dafür zu wählen, auf dem sie beide mitgefahren waren. In der Zeit musste sich sein Freund zeitweise mit Zufütterung begnügen, auch wenn er sonst ein sehr wählerischer Geselle war, was seinen Speisenplan anging.
Getrieben von Wissensdurst, Neugier und einem für ihn unbekannten Gefühl war er aus der einstigen Heimat aufgebrochen. Nicht zum ersten Mal.
Für einen Edhil war seine Haut ziemlich dunkel geraten, was nicht zuletzt an der Sonne lag, der er über viele Jahre ausgesetzt war. Mit nur einer kleinen Gruppe seines Volks war er durch ferne Ödnis gestreift, hatte dort gelebt, gelernt und war einst dort geboren worden. Die schroffen Lande waren oftmals eine Herausforderung gewesen, aber sie waren nie ein Grund gewesen zu gehen für ihn. Er liebte es dort. Der Klang seines Namens im Lied spiegelte es wider: Amrûn Or’eru.
Die meiste Zeit seines bescheidenen, noch kurzen Lebens nach den Maßstäben der Eledhrim hatte er dort verbracht. Nun war es an der Zeit auch die restliche Natur kennenzulernen, andere Widrigkeiten zu erproben und sich mehr zu öffnen. Also war er dem inneren Drängen nachgegangen und hatte seinen Weg hierher in Angriff genommen. Wo die Reise genau endete, wusste er nicht, er wusste nur, dass er es spüren würde, wenn er da war.
Anfangs war es ihm schwergefallen weiterzugehen. Er vermisste schnell die seinen, die Nähe zu ihnen und die engen Bande. Irgendwann aber fing er an die Einsamkeit erstmals zu genießen, sie zu atmen und zu spüren, in dem sicheren Wissen irgendwann wieder auf welche aus seinem Volke zu treffen. Es war weniger die Suche nach anderen seiner Art, als das Wissen sie zu finden.
Auf seinem Weg lernte er, dass die Edain viele Sprachen innehatten und er machte sich ein paar Dialekte und Spracharten davon zu eigen. Es eilte ihn ja nicht voranzukommen. Zeit war etwas sehr Relatives für ihn. Aus Konflikten der Edain hielt er sich fern und schöpfte Mut und Kraft aus ihrer offenen Art auf ihn zuzugehen, wenn sie ihm denn freundlich gesinnt waren. Es war eine Reise des Lernens, Lehrens und Erfahrens.
Mit Interesse beobachtete er aus sicherer Entfernung zusammen mit Peg ihre Auseinandersetzungen, ihre Kämpfe, ihr Blutvergießen, aber auch ihr friedfertigeres Zusammenleben, die gegenseitige Unterstützung und all das, was die Edain offenbar so ausmachte. Manches davon verstand er nicht, anderes war ihm nahe. Vieles hinterfragte er, anderes wiederum gar nicht, und beobachtete lieber nur. Zumeist begann es mit Beobachtungen, schweigen und zuweilen dem kläglichen Versuch sich einen Reim aus diesem oder jenem zu machen. Erst nach einer Weile zeigte er sich selbst offen genug für Fragen. Denn auch das hatte er gelernt: Zu schnelles Vertrauen konnte ihm auf den Reisen gefährlich werden.
Dennoch, er kam ohne große Zwischenfälle voran, schaffte es gut, seinen eigenen Frieden zu wahren und weitgehend sicher voranzukommen. Schien es ihm zu unsicher, blieb er weit oben in den Lüften, in Gesellschaft bei seinem Freund Peg, wo ihm weniger Gefahr drohte.
Zuweilen fühlte er sich wie ein neugieriges Hên, ein Kind, das die Welt neu für sich entdeckte. Immer, wenn er dies für sich feststellte, lachte er innerlich auf.
Was er unter den Edain jedoch nicht tat: Er gab nicht viel von sich Preis. Aus irgendeinem Grund befremdete ihn das. Gelegentlich hörte er sie auch über ihn sprechen. Sie beschrieben ihn gerne schon mal als kühl, unnahbar und distanziert, und waren immer überrascht, dass er dennoch hier und da freundliche Worte fand. Oftmals aber, das merkte er auch, verwirrte sein Rat sie, wenn sie dann schon mal nach einem fragten.
Die Wirklichkeit holte ihn zurück, als er die Wahl hatte den Weg zwischen Wagenrund und Kutsche zu nehmen, oder hinter das große Gebäude durch die Wälder zu ziehen. Ein Blick zu seinem Freund hinauf, der ihn inzwischen wieder eingeholt hatte und über ihm kreiste, ließ ihn die Wälder wählen. Wieder war es mehr ein Gefühl, dem er folgte. Kaum, dass er in den Waldrand eingetaucht war, den Blick zurückwarf, sah er sie. Es waren nicht viele, aber von Größe, Statur und Äußerem unverkennbar. Er hatte auf dem Festland von ihnen nicht viele gesehen, aber auch dort waren sie vertreten, hier und dort. Diese verirrten und auf immer erkrankten Seelen. Kein rühmlicher Strang in der Geschichte der Schöpfung, wie er fand. Da er allein war, von Peg einmal abgesehen, verhielt er sich ruhig, blieb versteckt und begnügte sich damit zu beobachten. Tatsächlich nahm er sich heraus ihnen ein Stück weit lautlos zu folgen, eins zu sein mit dem ihm fremden Wald, in dem er sich bewegte. Falls sie den falschen Weg einschlugen, auf ihn zukamen, würde sein Freund ihn schon warnen, so hoffte er.
Auf seiner Verfolgung erblickte er es dann, das Gebilde am Boden, das einer riesenhaften Tatze gleichkam. Das Gefühl, dass ihn hier überwältigte, ließ ihn einen Moment lang taumeln, bevor er floh. Vorbei war es mit der Neugier fürs erste. Nur fort von hier.
Fort in Richtung Osten, fort über das Gebirge mit ausholenden Flügelschlägen, der untergehenden Sonne abgewandt. Sein Gespür zog ihn unweigerlich weiter, bis er die Grenzen des Nebelwalds erblickte. Erst da verließ ihn das grauenhafte Gefühl, das ihn unerbittlich weitergetrieben hatte. Dort spürte er sie. Die anderen, und darüber hinaus unendliche Erleichterung.


