Tempus fugit - labor manet.
Es vergeht die Zeit - die Arbeit bleibt.
-frei nach Vergil
... und mit der untergehenden Sonne sollten sich auch lange Monate der Arbeit endlich einem erfolgreichen Ende zuwenden.
Es war nicht übertrieben, als Alec der Gardistin Bretalis am gestrigen Abend noch mitteilte, dass es noch vieles zu tun gibt und ihn noch viel Arbeit in der Werkstatt erwarten würde.
Denn umgehend, als seine Schritte ihn durch die nun wieder früher erdunkelnden Straßen Adorans zurück in sein Heim führten, wurde er von seinem königlichen Gast begrüßt. Wie an jedem Abend seit dem 26. Cirmiasum diesen Jahres, als eine kleine Armee von Mutigen, Berherzten und Treuen aufbrach, um dieses Kunstwerk aus der Stadt Varuna zu befreien und sicher nach Adoran zu bringen.
Königin Anara begleitete Alec nun schon den Sommer hindurch, seit die Sonne sich auf ihrem höchsten Stand befand und die Natur in voller Blüte stand bis zum jetzigen Zeitpunkt, als der kommende Herbst sich langsam aber sicher durch kühlere Winde, kürzere Tage und mit Laternen erleuchteten abendlichen Straßen zu erkennen gab.
Und die Zeit brachte tatsächlich vieles an Arbeit mit sich. Lange Studien ungezählter Bücher über Konstruktionen, Materialkunde, Bildhauertum, Kunstwerke, ja selbst Werke über die Einflüsse anderer Kulturen auf die Kunst Lichtenthals zu den unterschiedlichen Jahren blieben nicht verschont. Vermutlich war es ein Wink des Schicksales, dass die Bücherei der Stadt Adoran sich nur über die Straße hinweg befand und der junge Ingenieur sich oftmals noch zu den absonderlichsten Zeiten, egal ob früh oder spät, noch dort aufhielt und Laurel, den Gelehrten der Bücherei, belagerte, ob er denn noch etwas wüsste oder eine weitere Quelle ausfindig machen könne.
Fast ein ganzer Monat ging für die Recherche einer richtigen Formel zur Restauration der durch Witterung, Verderbnis und andere unbeschreibliche Einflüsse entstandenen Schäden ins Land. Denn es konnte ja nicht irgend etwas sein. Und so war es dann letzten Endes eine faszinierende Mixtur aus mit gereinigtem Quellwasser angereicherter Bruchsteinmasse unterschiedlichster Gesteinsarten, kombiniert mit gereinigtem Baumharz und Honig, die die einzelnen Bruchstellen und gar fehlenden Teile des Meisterwerkes wieder zu einem Ganzen machten.
Auch seiner Verlobten waren die Strapazen anzumerken, die während der gesamten Zeit mit ihrem natürlichen Eifer an seiner Seite stand und die Arbeit in Richtung Erfolg vorantrieb. Denn etwas anderes wäre kein akzeptables Ergebnis gewesen. Nicht für die Nachkommen der Familien Vvolfenrath und Valmanay. Während Alec experimentierte, mischte, feilte, hämmerte, schliff, schimpfte, manchmal wieder von neuem begann und nächtelang nach den besten Möglichkeiten suchte, war auch Sinjah stets an seiner Seite. Mit ihren Kenntnissen der Alchemie waren ganz andere Ergebnisse als bisher gedacht plötzlich möglich und auch die Reinigung der Statue war durch ihre geniale Planung um ein Vielfaches einfacher geworden.
Auch die Rekonstruktion des Gesichtes der Statue der Königinmutter konnte durch Sinjahs Recherchearbeit und Zeichnungen deutlich vereinfacht werden. Zwar waren viele Überstunden im Rathaus hierfür vonnöten, um die Zeichnungen nach einiger Zeit zu vervollständigen, doch am Ende zählt das Ergebnis. Und dieses konnte sich durchaus sehen lassen.
Der fehlende Arm
Einen fehlenden Arm für eine Statue anzufertigen und wieder an einem Bruchende anzubringen stellte nun wirklich kein Hexenwerk dar: Wichtig war, dass das Material sich nicht sonderbar unterschied und die Schnittstelle bei einer Abweichung von vorgeschätzten 25° am Ankerrastpunkt eingehalten war.
Der völlig fehlende rechte Arm der Statue wurde somit aus drei Elementen einzeln gefertigt und zusammengefügt. Natürlich war es eine sehr diffizile Arbeit, eine Verankerung am Torso der Statue anzubringen, ohne diese dabei zu beschädigen oder empfindliche Fissuren zu erweitern, doch nach etwa drei Tagen Arbeit war diese angebracht und auch sicher einsatzbereit. Denn nachdem die letzten kleinen Steinschrauben angebracht wurden, hielt die Verankerung bombenfest und der Oberarm konnte im wahrsten Sinne des Wortes eingerastet werden. Dem Oberarm folgte der Unterarm und auch an diesen konnte wiederum die Hand regelrecht spielerisch angebracht werden.
Eine Mischung aus Bruchsteinmasse und geflammtem Milchharz sorgte in Folge dann für eine relativ schnelle und auch nahezu rückstandslose Abdeckung der Verbindungsrillen.
Das Gesicht der Statue
Anders verhielt es sich nun tatsächlich bei dem Gesicht der Statue. Denn es handelte sich nicht um irgendeine x-beliebige Person, nein, es handelt sich hier um niemand anderen als die Königinmutter, Anara I. von Hohenfels.
Den Büchern und Bildern nach war sie von ausgesuchter Schönheit, und diese galt es nun auch wiederherzustellen. Denn ein halbes Gesicht war nunmal ein halbes Gesicht, egal, wie schön es ist.
Als erster Schritt musste erst einmal der herausgebrochene Teil des Gesichtes mit einer Rundkopffeile vom Untergrund her mit höchster Vorsicht ausgefeilt, ja schon fast ausgefräst, und mit Sandleder weiterbearbeitet werden um eine glatte Fläche für das einzulegende neu-gefertigte Gesicht zu schaffen. Alleine für diese Arbeit ging fast eine Woche ins Land, doch am Ende wartete eine symmetrische Fläche, auf der selbst Wassertropfen nicht lange verweilen konnten.
Die Ausarbeitung des Gesichtes war wieder eine völlig neue Herausforderung. Denn wie alle großen Werke begann auch das liebreizende Gesicht von Königin Anara als etwas einfaches: Ein Granitquader in den Händen eines Künstlers.
Mit ausgesuchten Feinschmiedewerkzeugen wie beispielsweise einem Flach- und einem Spitzmeißel wurden die groben Erstschritte begonnen, nur um dann zu dem kleineren Stechmeißel in Verbindung mit einem Weichmetallhammer aus Kupfer ein genaueres Ergebnis zu erzielen. Unter Zurhilfenahme immer kleinerer Werkzeuge und dem langsamen Ansatz von Feilinstrumenten konnte immer genauer ein grober Weg erkennbar werden bis die Arbeit am Ende des Tages nur noch aus einer Vergrößerungsbrille, einem Meißel in der Länge eines kleinen Fingers, einem Weichmetallhammer mit Lederummantelung, einem winzigen Diamantstahlhammer, einem Zeichenstift, einem Portrait der Königinmutter und natürlich Schleifleder. Viel. Schleifleder.
Auch diese Arbeit zog mehr als eine Woche Zeit und Mühe auf Präzisionsgrad mit sich, doch dann war es endlich so weit. Auf dem stabilen Gerüst des Schreinermeisters Jenner Armus, welches die Statue in den letzten Wochen Tag und Nacht sicher hielt, wurde die Fläche vorbereitet, indem eine Bohrung mit etwa 15% Senkung in die breitere Fläche der ausgefeilten Gesichtshälfte getrieben und eine Haltestrebe aus Diamantstahl mit farblosem Knochenleim darin befestigt wurde.
Nun musste alles schnell gehen: Die glattgefeilten Flächen wurden hauchdünn mit dem gereinigten Harz bestrichen und die vorbereitete Gesichtshälfte der Statue mit entsprechender Bohrung auf die Haltestrebe gesenkt. Hierbei gab es höchstens eine Spielraumtoleranz von nicht einmal einem Millimeter, daher war die Zeit hierbei der größte Konkurrent.
Tief Luft geholt, den Atem bestmöglichst angehalten und es konnte losgehen. Nach fünf Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, war das Gesicht der Statue wieder an seinem Platz und vereint. Und es sah gut aus!
Um keine Verfälschung zu erhalten, wurde der neue Teil des Gesichtes der Statue nochmals mit höchster Vorsicht auf die vorgesehene Aussparung gedrückt um mögliches überschüssiges Harz sofort zu erkennen und zu entfernen.
Nun galt es nur noch, den Kopf der Statue von Ausseneinflüssen geschützt einzukleiden und den Materialien eine Nacht zu geben um vollends zu wirken.
Der Korpus der Statue
Mit dem Ende des Monat Ashatar fanden auch die Arbeiten an der Statue langsam ihren Abschluss.
Zwei Wochen vergingen seit der Beendigung der Arbeiten am Gesicht der Statue und die Arbeiten am Korpus konnten nun tatsächlich als eine vergleichbar entspanntere Arbeit als das bisherige gesehen werden.
Entspannter, aber nicht einfacher.
Denn die gesamte Schadensanalyse sah nicht rosig aus, eher katastrophal. Aber nichts, was nicht durch gewissenhafte Arbeit im Dienst für Krone und Reich geschafft werden konnte.
Es war eigentlich "nur" das selbe wie bisher, nur in vervielfachter Form. Und genau das würde die Zeitplanung auf eine interessante Probe stellen. Nun galt es nicht nur, einen einzelnen Bereich mit der Rundkopffeile auf ein passgenaues Einzelstück vorzubereiten, sondern dies gleich in etwa dutzendfacher Ausführung zu tun. Und das würde nur die größten Schäden beziffern.
Und so wurden in einem weiteren Wochenlauf die einzelnen Pass-Stücke für die Schäden am Korpus ausgemessen, ausgefeilt, nach Bedarf mit Haltestrebe versehen, erneut ausgemessen, katalogisiert, bereit gelegt und schließlich in, manchmal fummeliger Kleinstarbeit, manchmal als simple Passform, unter Verwendung von Brandharz, Knochenleim und Bruchsteinmasse eingefügt.
Langsam aber sicher nahm die Statue der Königinmutter eine Form an, in der man sie als neuwertig bezeichnen kann. Kleine Unebenheiten wurden glattgeschliffen, mögliche Risse oder Kleinstkavitäten mit Bruchsteinmasse aus Granit und Kohle ausgefüllt.
Somit wurden immer weniger Arbeitsschritte nötig, immer weniger Material gebraucht und auch immer weniger noch zu korrigierende Details gefunden.
Und so begab es sich, dass am Abend des 06. Searum des Jahres 262 ein Werk vollendet wurde, das vor fast zwei Monaten begann. Endlich.
"Sunrise through the Window"
Shelby L. Bell