Warnung: Diese Geschichte behandelt ausgeprägte Thematiken zu Suizid und Gewalt. Weiterlesen auf eigene Verantwortung. Empfindliche Gemüter sollten bitte nicht weiterlesen. Danke.
K A T H A R S I S
Teil I
Wie man Geister macht
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*KLICK*
Ein Moment der Klarheit.
Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate... sie flossen einfach so vorbei. Wie ein Strom. Und mit ihm die Erinnerungen.
Ich fühle mich leer, leicht und doch irgendwie traurig. Heute ist ein schöner Tag. Irgendetwas wundervolles ist geschehen. Nur was?
Und... wo bin ich?
Ich stehe in einem kleinen Raum. Der Raum wirkt sehr gepflegt, nahezu hübsch. Auf den sauberen Möbeln liegen kleine Zierdeckchen und auf der großen Spiegelkommode steht seitlich eine Blumenvase mit einer Stoffblume darin. Auf den Lehne des Stuhles liegt ein sorgfältig zusammengefaltetes hübsches Reisekleid. Es ist weiß, grün und erdbraun.
Die Mitte des Raumes stellt ein akkurat gelegter runder Teppich dar. Er ist rot, gelb und dunkelblau und wirkte sogar gebürstet. Wie penibel.
Ein kleines Bett steht in der Ecke des Raumes, das Bettzeug wirkt dabei kaum angerührt. Ein kleines Schälchen mit bedufteten Stoffstreifen steht am Kopfende des Bettes, scheinbar um dem Schlafenden wohle Träume zu bescheren.
Kerzenlicht erhellt den Raum. Wobei erhellt das falsche Wort ist. Ein kleiner geschmolzener Wachsstumpen hielt noch eine winzig kleine Flamme und es würde nur noch wenige Herzschläge dauern, bis sie erlischt.
Vor der Tür ist eine Kommode quer gestellt. Es soll scheinbar niemand herein kommen. Warum...?
Wie bin ich?
Ich stehe auf einem wackeligen Tisch und sehe vor mich. Vor mir steht ein junges Mädchen mit blonden Haaren und zerrissenen, verschlissenen Kleidern. Ich höre leises Schluchzen, welches in der Dunkelheit des kleinen Raumes von den immer dunkler werdenden Schatten verschlungen wird und niemals gehört werden wird. Nicht in dieser Nacht, nicht in diesem Moment. Nie mehr. Nur von mir.
Wer bin ich?
Ich... kann mich nicht erinnern...?
Doch... halt! Ich weiß es! Ich bin Hermina. Hermina Morwied!
Das ist mein Name. Warum habe ich Angst davor, ihn auszusprechen?
Ich... nein! Ich darf ihn nicht aussprechen! Nicht einmal daran denken! Mein ganzer Körper zittert, als ich daran denke, den Namen auszusprechen.
Ich... bin Emma. Ja! Das ist mein Name... Emma. Aber warum...?
Wie eine untrennbare Begleitung zu dieser Frage wird alles dunkel. Schwarz.
Als ich die Augen wieder öffne stehe ich auf einer einsamen Lichtung mitten im Wald. Ich muss kurz die Augen zugemacht haben. Es war wohl nur ein Traum. Mein kleiner Korb voller Pilze ist noch da. Stimmt, ich wollte in den Wald gehen und Pilze sammeln. Die schmecken zu dieser Jahreszeit einfach am besten. Die Bäume legen langsam ihre Herbsttracht an und heute ist ein wunderschöner Tag. Ich werde nun nach Hause gehen! Ich rücke nur noch eben meinen Blumenkranz aus Schafgarbe und Flachs zurecht und dann kann es losgehen.
Oh, da ist jemand!
Eine blonde Frau kommt aus dem Wald. Sie trägt ein Reisekleid in weiß, grün und erdbraun. Ich habe sie gar nicht gesehen. Sie kommt direkt auf mich zu, warum hält sie nicht an? Ich will ihr ausweichen, aber im letzten Moment kommt sie zum stehen.
Sie ist seltsam. Sie deutet nur auf mich, scheint mit sich selbst zu sprechen und sagt, dass ich perfekt bin und nun dem Meister gehöre. Was auch immer das bedeuten mag.
Sie läuft um mich herum. Irgendwie albern. Aber ich kann ihre Blicke auf mir spüren. Immer wieder sagt sie leise
"Perfekt!". Nun fasst sie mich auch noch an! Wie... merkwürdig! Irgendwie kitzelt es, als sie mich mit ihren komischen langen Fingernägeln streichelt. Hihi!
"Der Name nimmt sie mit... Meister" sagt sie und läuft weiter um mich herum. Ich kann sehen, wie sie mich immer weiter ansieht. Fast schon abschätzend.
"Bin ich etwa nicht fesch genug?" frage ich amüsiert. Irgendwie ist das lustig.
Autsch! Ich spüre nur einen schneidenden Schmerz am Hinterkopf als alles um mich herum dunkel wird. Ich höre im Dunkel nur noch folgende Worte...
"Ja Meister... der Name folgt... es wird auch bald vorbei sein..."
Erneut öffne ich die Augen. Ich bin in einem dunklen Raum. Ein Kerker? Ein Gewölbe? Ich will hier raus! Aber ich kann nicht. Ich bin angekettet. Und nackt.
Als ich an mir herabsehe, erkenne ich, dass mein Körper von Narben und Verletzungen überzogen ist. Und ich erinnere mich... an so vieles... an den Schrecken... die Schreie... das Flehen... und die Schmerzen.
Ich erinnere mich wieder. Ich habe diese blonde Frau nicht mehr gesehen. Nur noch eine dunkelhaarige Wahnsinnige, deren Glieder so dürr sind, dass sie manchmal aussehen wie Zweige.
Sie hat mir weh getan. Sehr. Ich kenne nun Teile meines Körpers, die ich zuvor nicht kannte. Und auch, dass man dort und überall Schmerzen empfinden kann.
Sie sagte, dass es bald vorbei sein wird, wenn ich artig sein werde. Also tat ich alles, was sie von mir verlangte. Und doch tat sie mir weh. Aber nicht mehr so sehr... wie zuvor.
Ich wollte nur, dass es vorbei ist. Ich habe schon vergessen, welcher Tag es ist. Welcher Monat? Ich... weiss es nicht mehr. Ich hörte nur jeden Tag ihre helle Stimme, weich wie Samt aber voller abgrundtiefer Bosheit, wie sie mich fragte, wie mein Name sei.
Sie bestrafte mich, egal, ob ich antwortete oder nicht. Mit Nägeln. Klingen. Zangen. Hämmern. Sägen. So vielem, mit dem man Dinge erschaffen und reparieren kann. Oder zerstören... wie mich.
Irgendwann sagte sie mir, dass ich nun einen Namen habe. Ich bin Emma.
Ich habe sie nicht weiter gefragt, ich habe getan, was sie verlangt hat. Und es war gut, denn sie schien zufrieden zu sein, als ich ihr mit dieser Antwort auf ihre Frage antwortete und einmal wieder wirkte es, als würde sie mir nicht so sehr weh tun, wenn ich alles so tue, wie sie es will.
Ich scheine nun den Verstand zu verlieren, denn manchmal... vermisse ich die Schmerzen, die sie mir zufügt. Tut sie es aus Spaß? Oder um mich gefügig zu machen? Ich bin bereit für alles, was sie tut... denn ich will ihr gefallen. Ich bin Emma.
Ich konnte es spüren, als sie jeden Buchstaben meines Namens aus mir heraus schnitt, bis nur noch das übrig war, was sie sagte.
Ich bin Emma.
Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Ich stehe auf der Straße. Ich trage ein weiß, grün und erdbraunes Reisekleid. Und meine Haare sind blond. Ich weiß nur, dass mir jemand furchtbar wehgetan hat. Und dass ich Hilfe brauche. Da ist eine große Stadt. Bekomme ich dort Hilfe? Ich werde zu den Wachsoldaten gehen...
Warum bin ich?
Ich bin Emma. Ich weiß nicht, warum sie mich festnehmen als sie mich sehen. Sie halten mich fest wie ein wildes Tier. Und manche von ihnen sehen mich so hasserfüllt an. Warum nur...? Was habe ich ihnen getan?
Sie werfen mich in eine Zelle. Niemand sagt etwas, alle sehen mich nur wütend an. So viele fremde Gesichter und Menschen kommen und gehen. Sie stellen Fragen... so viele. Und ich weiß keine Antwort auf sie.
Selbst ein Priester ist hier. Er ist nett. Aber sehr streng. Warum tun sie das...?
Ich bin Emma. Und ich habe Angst.
Wann werde ich sie wiedersehen?
Ich werde freigelassen. Sie haben nichts gefunden, was meine Schuld beweist. Für was? An was bin ich schuld? Ich bin alleine in der Fremde. Ich habe Rahal einmal aus der Ferne gesehen, doch mehr nicht. Und nun... bin ich im Osten, dem Land der lichten Götter. Keiner spricht mit mir, jeder meidet mich.
Ich... vermisse den Schmerz ihrer Berührungen auf meiner Haut. Das Gefühl, dass sie mir weniger weh tut, wenn ich etwas gut mache. Ich gehöre ihr. Doch wo ist sie...?
Wozu bin ich gut?
Die Zeit vergeht. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate... sie flossen einfach so vorbei. Wie ein Strom. Und mit ihm die Erinnerungen.
Ich fühle mich leer, leicht und doch irgendwie traurig. Heute ist ein schöner Tag. Irgendetwas wundervolles ist geschehen. Nur was?
Ich stehe auf einem wackeligen Tisch und sehe vor mich. Vor mir steht ein junges Mädchen mit verwaschen blondgefärbten Haaren und zerrissenen, verschlissenen Kleidern. Ich höre leises Schluchzen, welches in der Dunkelheit des kleinen Raumes von den immer dunkler werdenden Schatten verschlungen wird und niemals gehört werden wird. Nicht in dieser Nacht, nicht in diesem Moment. Nie mehr. Nur von mir.
Das Mädchen trägt eine Schlinge um den Hals. Ein robustes Hanfseil. Es ist über den Dachbalken geworfen und sie hat sich das Ende des Seiles um die Hüfte gebunden. Was hat sie vor? Sie will doch nicht etwa...?
Das Mädchen dreht sich zu mir um. Dieses Mädchen...
bin ich!
Sie, nein, ich!, lächle mich bitter an und ich kann ihre, nein, meine! leeren, trauererfüllten Augen sehen. Ich will nicht mehr. Sie kann nicht mehr. Ich höre ein leises Flüstern in meinem Ohr. Es ist die Stimme meiner Peinigerin.
"Es wird bald vorbei sein..."
Sie, nein, ich, drehe mich wieder fort von mir.
Bei allen Göttern, sie wird doch nicht! Ich werde doch nicht!
NEIN! NICHT!
Sie springt von der Tischkante. Ich will mich aufhalten.
Doch meine Hand gleitet durch mich hindurch, als ich zusehen muss, wie ich mich mit der Schlinge um den Hals vom Tisch stürze. Im selben Augenblick erlischt die winzige Flamme der kleinen Kerze in der Ecke und ein grausiges knackendes Geräusch gefolgt von einem kaum wahrnehmbaren Röcheln ist der letzte lebendige Laut, den dieser Raum für lange Zeit hören wird.
Vielleicht sehe ich dieses Zweigmädchen ja dort wieder, wo ich nun hingehe. Ich glaube... ich liebe sie.
Was bin ich?
Ich bin Hermina Morwied. Und ich... bin nicht mehr.
Es war in der Nacht zum 21. Lenzing als die Berührung des Wahnsinns ein weiteres Opfer forderte. Vielleicht würde sie ja gefunden und jemand erinnert sich an die Zeit des Jahres 262, als der Sommer dem Herbst wich und Junkersteyn der Schauplatz einer sinnlosen Gewalttat wurde, die niemals vollständig aufgeklärt wurde.