Na lû e-govaned vîn
Unerwartet war das Treffen in den dunklen Kavernen dieser Lande. Und noch unerwarteter, dass ihm das Gesicht des Bruders, der da wie aus dem Nichts erschienen, mit einem Male vor ihm stand, gänzlich unbekannt war. Wohl möglich die Ahnung einer Erinnerung, die Sicherheit, dass ein Bruder seines Volkes vor ihm stand, doch wer jener war, vermochte die Erinnerung nicht zu offenbaren.
Dennoch , als die beiden auf einander trafen, war da die übliche Vertrautheit im Umgang, die alle Eledhrim mit einander verband.
Gerüstet in feine Schuppen und kunstvoll geschwungene Lamellen, war unbestreitbar, dass hier ein Behüter und Verteidiger des Elfenvolkes vor ihm stand, verwandt im Geiste und im Pfad, den das Leben ihnen beiden auferlegt hatte.
Und so zauderte Findúath auch nicht, dem Gwador zu folgen, als selbiger ihm jenes gebot und einfach tiefer in die Kavernen ging, zuversichtlich und unbeeindruckt von den Gefahren, die darin lauern mochten.
„Warum widmest du dich der Kunst der Klinge, Gwador?“
Eine gute Frage, die ihn beschäftigte, seit er den Pfad des angehenden Nestor verlassen hatte, um sich der Kunst des Kampfes, des Krieges und der Klinge zu widmen. Die Antwort auf jene Frage war mannigfaltig, nicht jeder Aspekt davon so strahlend und rein, wie man es für einen Elfen wohl erwartet hätte. Zweifelsohne war es damals auch Verachtung und Zorn gewesen, der Wille, sich an jenen redlich zu halten, die ihr Volk verraten, der Dunkelheit Vorschub geleistet, und das Lied der geliebten Mutter zu frühzeitig beendet hatten. Und doch war es mehr als das. Rache stand nicht , nicht mehr vielleicht, im Vordergrund. Nun, da er den Griff der eigenen, geschwungenen Elfenklinge in der Hand fühlte, das Gewicht des Harnischs auf den Schultern, da wollte er lediglich, dass dergleichen keinem anderen geschah. Dass die eigene Familie, das Volk, Bruder und Schwester, befreit waren von dem Makel, der sie bedrohte.
So sprach er es auch, als der Bruder danach fragte. Ob er denn versucht hätte, die Geschwister anzuspornen, auch jene, deren Streben mehr den Künsten, dem Frieden, der Sanftmut galt.
„Nicht jede Rose ist auch dazu angetan, Dornen zu entwickeln. Und manche ist zu unschuldig, um auf dem Schlachtfeld zertrampelt zu werden“
Ja, es war nicht einem jedem der Eledhrim gegeben, sich den Anforderungen des Kampfes zu stellen. Manche seiner Geschwister wollten, sollten, andere, schönere Dinge anstreben. Die Freiheit des Geistes, des Strebens nach Perfektion und Ästhetik, erkauft durch den Mut, das Blut und den Willen jener, die den Pfad der Maethyr beschritten.
Sein Wille also war es, Unheil abzuwenden, das Schild im Dunkeln zu sein und der Hoffnungsschimmer am Morgen, damit seinen Brüdern und Schwestern erspart blieb, was ihm selbst widerfahren war.
So sollte es sein. Verständnis in den Augen, in den Worten des unbekannten Bruders, der all die Zeit über beobachtete, den Ausführungen Findùaths lauschte und seine eigenen Weisheiten dazwischen sponn. Erfahrung der Jahrhunderte, gewonnen , so wurde es immer deutlicher, in einer Zeit lange vergangen, zumeist vergessen.
Im Angesicht Elentaris war er gewandelt, einer der 22 , die gemeinsam so großes vollbracht und dabei so viel von sich selbst gegeben hatten.
Alagos'encrist Hwiniol - den Windsturm der wirbelnden Schwerter
Mai acáriel!
Hantanyel órenyallo!
Stolz und Ehrfurcht , Enpfindungen, die einem der Eledhrim nicht fremd waren, die aber dennoch stets in Maßen genossen wurden. Dennoch empfand er beides nun, in der Anwesenheit des Ahnen zu stehen. Zuversicht darin, den Beistand des Vorfahren sicher zu wissen, das Versprechen, dass sie stets gemeinsam, Seite an Seite der Dunkelheit trotzen würden.
„Wirst du weiterhin beistehen, gwador? Oder ward dies das erste und letzte Mal, dass wir uns begegnen?“
„Ich werde an deiner Seite sein ... wir sind verbunden, Gwador, von diesem Moment.“
Ein Versprechen, besiegelt in Wort und Tat. Das Siegel dieser Verbindung lag nunmehr vor ihm, zeitlos alt und dennoch so glanzvoll, als wäre es frisch aus der Meisterhand der Rhoedain in seinen Besitz gelangt.
Die elfische Klinge fein geschwungen, präzise ausbalanciert und scharf genug, selbst die Stille eines winterlichen Waldes zu durchtrennen.
Viel bedeutsamer aber die Runen der Erinnerung, noch unklar und bar jeder Erkenntnis für den Moment, aber eine sichtbare Pforte in eine andere Zeit, bereit, entschlüsselt und verstanden zu werden.
Der Weg war weit, die Bürde schwer, soviel war gewiss. Aber ebenso sicher war auch, dass es sein Weg geworden war. Ein Weg, den viele vor ihm beschritten hatten. Und viele nach ihm beschreiten würden. Aber dieser kurze Spann, ein geflüstertes Wort nur in den Erzählungen ferner Nachfahren, dieser war der seine.
Le hannon , Alagos'encrist.
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