(So rot wie Mohn)
Einst werd ich die letzten Schritte gehen, vor die Pforten Anundrafs, klopfe an die Eichentore, auf dass ertönt ein lauter Schall. Schieb sanft beiseite jenen Hünen, der knurrend mich von dannen weist. Auf seine Worte "nur für Krieger!" nicke ich und lache dreist. "Hör mir zu du tapfrer Claner, spar dir deinen Spott un' Hohn, mach frei den besten Platz der Tafel, sitzen will ich bei Thrails Thron. Du lebtest für den Geist der Ahnen, hast das Feld in Blut getränkt, als du kämpftest für die Freiheit, warst mit Narben reich beschenkt. Die von deinem Mute zeugen, selbst an diesem heil'gen Ort, doch von Kriegerstolz geblendet, schickst du deine Schwester fort. Ich bin nicht wie du gezeichnet, von Axtstreich und von Feindeshand. Doch sehr wohl bin ich ein stolzer Kämpfer, der den Weg hier zu euch fand. Und wenn du meinen Worten nicht traust, mit eigenen Augen es sehen musst, dann beug dich hier zu mir hinab und reiß mir auf die heile Brust, um mein geschunden Herz zu sehen, das sich pochend dort befindet, doch unter brennend heißer Narben, ungezählter Zahl verschwindet. Die Schlachten die ich überlebte, hätten dich sofort zerstört. Der Krieg des Herzens und des Schmerzes, hast du je davon gehört? Du hast die Sträuße ausgefochten, von denens heut noch Lieder gibt, doch nicht einmal in kühnsten Träumen, hast du so wie ich geliebt."
Zwei Jahre war es her, dass ich Wulfgard das letzte Mal betreten hatte. Vierundzwanzig Monde waren vergangen, seitdem ich das Dorf zusammen mit dir verlassen hatte, seitdem wir das Totem auf dem Marktplatz aufgebaut hatten. Verlassen hatten wir Sturmouve nur, um deinen alten Clan zu besuchen - angekommen war ich allerdings allein. Meterhohe Wellen waren über unsrem Schiff gebrochen, hatten nicht nur die Schilde von der hölzernen Reling gerissen sondern auch einige unserer Brüder und Schwestern mit sich fortgezogen. Mit diesen hilflosen Seelen warst auch du hinaus getrieben und nur kurze Zeit später hatte ich mich atemlos und verzweifelt deinen Namen rufen hören, vergebens. Niemand war im Stande das Meer zu bezwingen, wenn es darum ging ein neues Opfer in seinen Bann zu schlagen, Raugaroth zu besänftigen und ausgewählte Wesen in seinen Schlund zu ziehen. Einige Wochen hatte ich Tag um Tag im feuchten Sand gesessen und auf den tiefblauen Fjord hinausgesehen, in der Hoffnung, dass nur einer von euch seinen Weg an Land finden würde - tot oder lebendig. Heute und hier weiß ich, dass meine Hoffnung an das gar Unmögliche umsonst gewesen waren, damals allerdings verblieb ich viele Monde dort, wo du einst Zuhause warst. Sie alle waren freundlich, liebevoll umsorgt, doch nicht einen Moment unter vielen fühlte ich die Zugehörigkeit wie Daheim. Heimat, dort wo ich noch vor greifbaren Momenten mit dir gelacht und gescherzt hatte, dort wo du dein Met mit mir und ich mein Essen mit dir geteilt hatte. Wo du mich auf dem Felde fandest um bei Rätselstunden die Zeit der Arbeit zu vertreiben oder das Bett mit mir teiltest, nur um auf mich Acht zu geben.
Als es mich dorthin zog wo ich schon immer am liebsten war, dort wo ich bereits als Kind meine Zuflucht gefunden hatte, überquerte ich einige Feldwege und Wiesen, die zu meiner Überraschung etwas trugen, dass du lange Zeit in meinen Haaren gesehen haben musstest. Mohnblumen in voller Blüte, die prachtvollen, blutigen Blätter weit zur Sonne gereckt, bereit ihr Saatgut vom Winde über die saftigen Wiesen wehen zu lassen. Wie oft du mir von ihnen erzählt hattest, wenn dein Finger eine lose meiner Haarsträhnen aufgefangen hatte um daran zu zupfen. So hattest du mich also irgendwann einmal gesehen - doch hier und jetzt schien es eine Ewigkeit entfernt, wie nie wirklich dagewesen. Weit hinaus war ich gegangen, um in den dichten Wald zu gelangen, der schon bald schützend seine Baumkronen über mir ausbreitete. An einem riesigen Eichenbaum war ich hinabgesunken und hatte mich auf dem laubbedeckten Boden niedergelassen. Jetzt wo ich darüber nachdachte hallte ein stummer, nicht mehr wirklich vorhandener Schmerz in meiner Brust nach, eine Wehklage die keine Melodie mehr besaß, da dieses Lied bereits sein Ende gefunden hatte. Der Trommelschlag war noch nicht ganz abgeklungen, doch galt dieser Rhythmus nun nicht mehr dir, sondern der Erinnerung an meine Begegnung mit der Dame im Wind. Ein nervöses, aufregendes Gefühl, wie ein schnell flatternder Vogel in meiner Brust. Ein Nachhall, der noch heute die Erinnerung an schlechte Gefühle vergessen lässt. Dort hatte ich also gesessen und die müden, brennenden Augen für einen kurzen Moment geschlossen. Selten hatte ich die Ruhe so nötig gehabt wie an diesem Tage, müde Glieder, träge Lider, geschundener Geist. Doch nur Momente später hatte das Blattwerk um mich herum zu rascheln begonnen und sich rasch zu einem Windstreich um die Baumkrone verdichtet. Zuerst war mir nicht bewusst gewesen was um mich herum geschieht, doch als ich das starke Gefühl hatte in den Böen ein warmes und irgendwie bekanntes Frauenlachen zu vernehmen, hatte die Dame meine Aufmerksamkeit restlos erlangt. In dem Moment als ich die Augen wieder öffnete, konnte ich bereits erkennen, dass die Blätter, Eicheln und die kleineren Stöckchen zu meinen Beinen sich in die Luft erhoben hatten und in gewellten Kreisen um den Stamm der Eiche und um mich herum tänzelten wie kleine Waldgeister, die an Beltaine an den Bändern festhielten. Erhoben vom schützenden Wind, wie die Kerle die Weiber hinaufhoben und sie auf ihren Schilden trugen. Das Lachen blieb schallend zurück, als trüge ein Echo das Geräusch durch eine Höhle fort, doch als es verstummte, rieselten die Blätter zu Boden und zu meinem Schoß hinab. Ehe alles ganz still wurde, fiel ein einzelner, dünner Ast zu mir hinab und landete auf meinen Schenkeln. Noch Stunden hatte ich an diesem Platz gesessen und darüber nachgedacht, dass wir eigentlich nie wirklich allein waren, weil die Dame im Wind auf uns Acht geben würde und unser Schicksal bestimmte. Gedankenverloren hatte ich meinen Dolch aus dem Gurt gezogen und begonnen am heruntergefallenen Ast zu schnitzen. Als es mehr und mehr Form annahm begriff ich auf einmal, dass ich meinen neuen Weg bereits in diesem Moment dankbar angenommen hatte. Viele Jahre meines Lebens hatte ich das Rudel mit allem versorgt, was ihr Herz begehrte. Fressen, Met und Whisky, Kaltblütern und anderen Dingen, die der fruchtbare Boden Wulfgards zu geben hatte - nun aber, würde ich an anderer Stelle von den Geistern nehmen und auch an völlig anderer Stelle geben.
Vier weitere Monde später hatte ich die übrig gebliebenen Claner davon überzeugt das Schiff wieder auf Kurs zu bringen und unsere Rückreise anzutreten. Es war Zeit gewesen in mein altes Leben zurückzukehren, auch wenn es ein gänzlich anderes sein würde. Ehe wir die Reise antraten, hatte ich mich nochmals auf den Weg hinaus aus dem Dorf gemacht, um einen Blick auf die weite Wiese zu werfen. Die Mohnblumen hatten ihre fragilen Blütenblätter abgelegt und waren verblüht - ihre und auch unsere Zeit war vorüber. Sie würden eine neue Zeit, einen Neuanfang erhalten, ihre Saat würde an anderer Stelle von neuem blühen und gedeihen, ehe sie abermals in prächtigem Rot zur Sonne empor blicken würden, hoffnungsvoll, wunderschön, lebensspendend - jedoch würden weder du noch ich es miterleben. Die Gezeitenmühlen würden ewiglich weiterdrehen, dies hattest du schon früher immer zu mir gesagt. Im Hier und Jetzt, in meiner neuen Hütten mit meiner neuen Aufgabe und dem bald eintretenden Frühling, würde es allerdings nicht weiter um dich gehen, sondern nur noch um mich und das Rudel.
Den Ahnen zur Ehr.