Seite 1 von 1

Homines sumus, nun dei

Verfasst: Mittwoch 20. März 2019, 12:08
von Alexander van Bernau
[...]

"Und wie weiß man denn, für welchen Erdkloß man geboren,
wenn man’s für den nicht ist, auf welchem man geboren?”


steht es in einem der weniger Bücher, das ich auf meine Reise mitnahm.
Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Königreich? Muss das Zuhause in der Heimat liegen? Darf die Heimat einem fremd sein? Das sind Fragen, die ich mir an manch langem Tag, nach langem Ritt, stellte. Heute kenne ich die Antworten auf all diese Fragen…

Die erste Heimat, in die man geboren und wo man aufgewachsen ist, erhält man geschenkt.
Und in diese kehrte ich nach dem Fall des Ordens zurück, in der Hoffnung dort etwas von dem zu finden, was mir nun fehlte.
Heimat ist schwarz-weiß, und sie ist grau, aber sie ist nicht dieses Grau, das aus der Mischung von Schwarz und Weiß entsteht.
Das Schwarz-Weiß ist die Birkenrinde, ein eingeprägtes Bild von früher, das die romantische Seele zu ersinnen versucht. Das Grau ist das der Mauern und Befestigungen in der Ferne, ein Symbolbild der menschlichen Natur. Um die Bedeutung dieser Bilder weiß ich nun. Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit und Geborgenheit. Heimat ist also ein Gefühl, das darf man sagen. Das Gefühl ist subjektiv, es ist intim, individuell ist es auch. Es hat eine Farbe, einen Geruch und es hat Bilder, die keines Malers bedürfen.

So fahre ich am Wegesrand mit den Fingern über schwarz-weiße Rinde, und spüre Geborgenheit, wenn ich gen Himmel blicke und an früher denke.
Ich schaue in die Ferne und erblicke die graue, alte Festung.
Lange hielt ich inne, denn ich war fast in meiner Heimat angekommen.
Aber ist Heimat wirklich, wenn Erinnerungen das Jetzt überlagern?
Und je näher ich kam, desto mehr waren es nur Erinnerungen. Es war nicht mehr viel da. Das Dorf verlassen, die Festung verfallen. Etliche Jahre muss hier niemand mehr gewohnt haben. Keine Spur mehr von den ehemaligen Bewohnern, keine Spur mehr von dem, was es zur Heimat machte. Genau so wie dort, wo ich herkam.
Die Sehnsucht nach der heilen Welt trieb mich hierher, nach der verlorenen Zeit eines ungefähren Früher. Aber so ist die Welt nicht.
Ich war verloren auf dem Weg, zu suchen und zu finden.

Vielleicht gibt es für mich keine Heimat mehr? Diese Frage stellte nun plötzlich die Frage nach der eigentlichen Heimat in den Schatten. Aufgewühlt war die Seele, zerrüttet war das Herz. Wo war noch mein Platz in dieser Welt, wenn nicht hier?
Oft versank ich dieser Tage im Gebet, denn immerhin der Glaube war mir noch geblieben.

[...]

Verfasst: Mittwoch 20. März 2019, 13:16
von Alexander van Bernau
[...]

“Denn unsere Heimat ist im Glauben. Von dorther erwarten wir auch den Segen Temoras, der Schwertmaid, der uns stets spenden wird Kraft und Trost.”

Ich hatte mein Lager am Wegesrand aufgeschlagen, eingebettet in das Schwarz-Weiß der Birken. Der rötliche Schimmer des Feuers gesellte sich dazu und es herrschte fast schon eine andächtige Ruhe, als sich jener Greis langsam näherte. Mit müden Schritten trat er heran und bat darum, sich mit an das wärmende Feuer setzen zu dürfen. Alt und gebrechlich sah er aus, gezeichnet von der Zeit. Natürlich entsprach ich seinem Wunsch, war er doch sichtlich erschöpft von der Reise. Ich blickte in sein eingefallenes Gesicht, während wir uns ein wenig austauschten und er erzählte, dass er auf einer Pilgerreise sei. Er kam von einem Heiler in der Nähe. Seine Gesundheit hatte ihn schon vor Jahren verlassen und jener Heilkundige war seine letzte Hoffnung. Aber auch dieser konnte ihm nur Linderung, keine Besserung verschaffen. Und nun legte er, wie sich in seinen bedachten Worten herausstellte, seine ganze Hoffnung in seinen Glauben.
Er zog mit seinen knorrigen Händen kleines Gebetsbuch hervor, als sich das Gespräch weiter auf dieses Thema verstrickte, und wedelte damit nahezu euphorisch herum. Er berichtete mir, wie er es stets mit sich getragen habe und sein Leben lang darin gelesen habe. Dann zitierte er den Vers, der zu Beginn dieses Eintrags niedergeschrieben wurde.
Ich fragte ihn, wie er trotz seiner Krankheit immer noch so zuversichtlich sein konnte.
Seine schmalen, bleichen Lippen formten ein warmes Lächeln und er sprach zu mir die Worte, die mich seitdem nicht mehr losließen:
“Glaube ist mehr als das Wissen und Fürwahrhalten von Dogmen und Glaubenssätzen. Glaube ist das, was uns wie eine unsichtbare Hülle umgibt. Wie das Wasser die Fische. Die Luft für alles, was lebt auf Erden.
Glauben ist das Geschenk dessen, der sich um unser Leben sorgt, der unser Leben hält. Glaube ist Heimat, Hafen und Zuflucht. Nicht dass wir von den Erschütterungen des Lebens damit befreit wären, nein: Aber der Glaube ist wie eine warme Decke, die vor eisigen Temperaturen der Umwelt schützen und bergen kann.”

Eine solch tiefgreifende Ausführung hatte ich nicht erwartet. Auch nicht, dass sie mich so sehr treffen und beeindrucken würde. Lange Zeit darüber nachdenken konnte ich jedoch nicht, da sich der Alte nach diesen Worten erhob und seinen beschwerlichen Weg fortsetzen wollte. Und nachdem ich ihn verabschiedete zog er auch schon von dannen. Langsam, aber stetig. Jetzt erst saß ich da und dachte immer wieder über seine Worte nach. Die Flammen des Feuers wurden langsam weniger und mein Blick hing nur noch an der übrig gebliebenen Glut.
Und in ihrem sanften Schein sah ich den verwitterten Gebetsband auf dem Stamm liegen, der dem alten Wanderer gehörte und wohl vorher von den Flammen verdeckt war. Ich sprang sofort auf, trat mit den schweren Reiterstiefeln die Glut aus und griff nach dem Buch. Ich erklomm den Sattel meines Pferdes und ritt den Weg entlang, den der greise Pilgerer nahm.
Im schnellen Galopp hätte ich ihn eigentlich rasch einholen müssen, konnte ihn aber nirgendwo erblicken. In der gefrorenen Erde waren keine eindeutigen Spuren auszumachen. Es gab auch keine Abzweigung, die der alte Mann hätte nehmen können. Frustriert gab ich die Hoffnung auf, dem Gläubigen seinen wertvollen Besitz wieder überreichen zu können.
Ich sah mich immer wieder suchend um, konnte den Reisenden jedoch nicht erblicken.
Das Pferd wurde gewendet und schützend hielt ich die Hand mit dem Buch in die Luft, um die Strahlen der tiefstehenden Sonne vor meinen Augen zu verbergen. Erst als dieser Schein von einem Adler durchbrochen wurde, der hinter der gereckten Hand hervorstach, nahm ich diese herunter und folgte ihm gebannt mit meinem Blick. Dann senkten sich die Augen auf das kleine Buch, dessen Einband ich in dem hellen Schein zum ersten Mal betrachtete: Die Prägung zeigt einen Baum umschlossen von zwei Adlerschwingen.

[...]

Verfasst: Donnerstag 21. März 2019, 10:36
von Alexander van Bernau
[...]

Herrin Temora,
Dein Strahlen erhellt die Lande,
Dein Auge erkennt jeden Fehl, jede Lüge,
Dein allsehender Blick dringt tief in die Herzen.

Herrin Temora,
Wenn du siehst, dass ich zage, gib mir Zuversicht.
Wenn du siehst, dass ich fehle, weise mir den Weg.
Wenn du siehst, dass ich wanke, gib mir die Kraft, deinen Willen zu
tun.

Herrin Temora,
Du hast mich gerufen, in deinem Licht zu wandeln,
Du hast mich an meinen Platz gesetzt, deiner Ordnung zu dienen,
Du hast den Funken geschlagen, der in meinem Herzen leuchtet.
Dein Wort will ich verkünden,
Deinen Lehren will ich folgen,
Deiner Ordnung will ich dienen,
Dein Licht sei stets in mir.


Diese Worte, die ich zuvor noch in keinem der gerimorianischen Gebetsbücher las, öffneten mir endlich die Augen. Es stimmt, die Welt bedarf der Ordnung, um zu bestehen. Die Schöpfung, das wunderbare Werk Eluives, ist vom geifernden Chaos der Anhänger Alatars und Krathors umgeben, und Tag für Tag branden die formlosen, vielgestaltigen und verderbten Kräfte der dunklen Sphäre gegen die schimmernde Wehr Temoras.
Jene Kräfte, die auch dem Orden einen Schlag versetzten, von dem er sich nicht mehr erholte. Meine oberste Pflicht musste es sein, mich dieser Bedrohung entgegenzustellen und das zu verteidigen, was wir den Lehren Temoras zu verdanken haben – die Tugenden und damit die ewige Ordnung der Welt. Ich konnte nicht weiter umher irren mit dem Gefühl, ich hätte alles verloren, wo doch eigentlich alles so offensichtlich vor mir lag.
Was durch Hass, Zorn und Verbitterung über die Niederlage und den Niedergang des Ordens meinen Augen versperrt geblieben war, war nun endlich wieder sichtbar.
Die Tugenden der Lichtherrin sind mehr als Pflicht und Bürde: Sie schenken einem jeden Wesen und einer jeden Seele einen Platz in der Welt, sie geben uns Halt, Zuversicht und Sicherheit. Durch sie können wir uns aufeinander verlassen, und durch sie erkennen wir unsere Aufgabe, ohne zweifeln zu müssen.
Ohne sie wäre das Leben ein stetiger Kampf, in dem jeder gegen jeden stünde und nichts wachsen, nichts gedeihen könnte.
Aber diese Ordnung heißt nicht Erstarrung: Alles in der Welt ist dem
Wandel unterworfen, und auch dies gehört zum Wunder der
Schöpfung. Einem Wandel, den ich nun endlich akzeptieren konnte.
Denn die Ordnung soll diesen Wandel nicht ersticken, sondern ihn in Bahnen lenken, so dass er sich segensreich entfalten kann. Das was passiert war, war kein Ende, sondern ein neuer Anfang. Ihr Licht brannte immer noch in mir.

[...]