Ein Gesicht - Zwei Namen
Verfasst: Freitag 8. Februar 2019, 13:10
Irgendwo tief in der neutralen Zone auf dem Festland...
Kleine Perlen der herrschenden Taunässe rinnen an einer Felswand herab. In einer Kuhle vor dem Vorsprung vereinen sie sich zu einer kleinen Lache. Einzelne, gewitzte Perlen suchen sich den Weg über eine kleine Spalte, um über den Abgrund kullern zu können. Ein leises Tropfgeräusch ertönt, als jene Perlen auf die kleinen Holzscheite eines erloschenen Lagerfeuers vor dem Höhleneingang schlagen. Das Echo jenes Geräusches dringt leise in die schmale, schulterhohe Höhle hinein.
Ab und an vernimmt man ein leises Schnaufen in der sonst sehr ruhigen Nacht. Eingekuschelt in einem großen weichen Pelzmantel liegt die junge, rothaarige Frau, ein wenig verdreht vor einer vollgestopften Tasche. Ein kleines, ziemlich mitgenommenes, altes Lederbuch schmiegt sich sanft zwischen ihrem Körper und den Unterarmen.
Die geschlossenen Augenlider flackern ab und an wie wild hin und her, dabei umklammert sie das Büchlein umso mehr. Die wilden Träume gönnen ihr anscheinend nicht viel Erholung. Ihre Gestalt wirkt ebenso leicht abgemagert, das Gesicht von Dreck und Staub benetzt.
Ein blechernes Quietschen ertönt. Die junge Frau, wohl völlig erschöpft, verengt nur kurz die Augen unter den geschlossenen Lidern.
„Haben wir Sie!“ Die Stimme tief, brummend. Die Geräuschkulisse nimmt allmählich immer mehr zu. Das Klirren von sich übereinander reibenden Kettengliedern schallt in der Höhle umher.
Die junge Frau zuckt mit ihrem Kopf immer mehr umher, ehe sich die Augenlider langsam öffnen. Sie vermag es, drei dunkle Gestalten direkt vor sich wahrzunehmen.
Die Männer stehen in der sehr niedrigen Höhle gebeugt um sie herum.
Sie blinzelt vermehrt, die Schlaftrunkenheit scheint ihr noch die Sinne zu rauben. Ein hässliches, schmales Gesicht, leicht in einer Kapuze gehüllt nähert sich, die kratzige Stimme schallt in der Höhle umher.
„Seinen Segen Nemia Werheim, das Spiel ist vorbei.“
Die hässliche, drahtige Fratze grinst ihr dabei diabolisch, siegesgewiss entgegen. Im gleichen Augenschlag zieht er dabei das Büchlein sanft aus ihrem Griff heraus. Nemia blinzelt erneut, der Blick scheint klarer zu werden. Die Konturen schärfen sich, diese Fratze, sie kommt ihr irgendwie bekannt vor. Ein kleines Medaillon baumelt an seinem Hals herunter. In der Mitte prangt das Symbol einer Sumpfechse.
Ihre Augen weiten sich ruckartig, wohl erst jetzt realisierend, was um sie herum passiert. Noch bevor der spitze Schrei ihre Kehle verlässt, umschließt ein alter Lumpensack ihren Kopf, sie spürt nur einen kurzen Schlag, dann wird alles wieder dunkel.....
Es war vorbei, sie wurde ergriffen. In der Benommenheit huschten immer wieder Fragmente ihrer Vergangenheit durch den Kopf.
Sie, als kleines Mädchen ihrem Vater beim Bestellen des Feldes zuguckend, huscht sie zwischen den Salatköpfen flink wie ein kleines Kätzchen hin und her. Recht tollpatschig zertritt sie dabei einige der Köpfe.
Viele Male wurde sie von ihm getadelt. Sie solle sich benehmen, lernen zu arbeiten. Wem nützt dieses ständige Katz und Mausspiel mit den Nagern, wenn man sie sowieso wieder frei lässt. Auch wenn die Eltern an die heilige Mutter Eluive glaubten, gegen die Feldmäuse hatte der Vater immer etwas.
Sie, als heranwachsendes Mädchen, alleine an der Grenze des Waldes hockend. Um sie herum, allerlei skurrile, einfache, teils nicht identifizierbare Schnitzereien. Ein kleiner, wohl selbst gebauter Zedernbogen, hängt starr an ihrer kleinen Schulter herab. In etwas weiterer Entfernung steht auf einer Lichtung eine verlassene Eiche. Die Rinde jenes Baumes ist an einigen Stellen zerfetzt. Pfeile stecken, teilweise abgebrochen, in willkürlich wirkenden Abständen, in dem Fleisch des Baumes. Die Rinde hängt an einigen Stellen wie vermoderte Haut schlaf herab.
Erneut klingt ihr die Stimme des Vaters im Kopf. „Nemia, was hast du wieder angestellt?! Die Eiche stand bereits zu meiner Jugend. Um schmeiß diesen Krempel endlich weg. Keiner möchte Schnitzereien eines untalentierten Bauernmädels. Ab mit dir aufs Feld! Und pack den Bogen weg!“
Sie, als heranwachsende junge Frau, zusammengekauert in einem tiefen Dickicht aus Sträuchern, alleine in der tiefen Nacht. Alleine im Unbekannten, nur einen treuen Begleiter bei sich habend, ihren Bogen. Es war jene Nacht, indem sie die fremde Frau kennen lernte. Zwei Augen funkelten ihr in der klaren Nacht entgegen. Sie war es, die sie fand, alleine, weit weg von zuhause. Die Augen kamen Nemia so bekannt vor, als hätte sie die letzten Nächte bereits von ihnen geträumt. Doch anscheinend waren dies nie Träume und der Besuch war nicht der Erste.
Sie, als junge Erwachsende, der Bogen war nicht länger ihr einziger Begleiter. Zusammen streiften sie durch Wälder, Gebirge, Städte und Dörfer. Was ihr Ziel war, wusste Nemia nie genau, aber sie wusste was ihre Aufgabe war. Jagen, Feuerholz sammeln, beobachten und zuhören. Die Frau sprach nicht viel, doch waren die wenigen Worte immer wohl überlegt. Unterschwellig lehre sie Nemia in verschiedenen Dingen. Der Glaube wurde nie direkt angesprochen, aber Nemia erkannte wem sie ihr leben widmete. Öfters saß sie alleine am Feuer, dort wartete sie auf die Frau, die eine Freundin geworden war, deren Rat man sich stets zu Herzen nehmen sollte.
Der Schädel dröhnt.
Sie liegt zusammengekauert auf einem polternden Wagen. Ihre Augen schlagen benommen wirkend immer mal wieder auf. Allerlei Wortfetzen vernimmt sie dabei. Schließlich vermag sie die Worte immer besser zu verstehen.
„Woher genau habt ihr ihren Namen?“ Es ist die selbe brummende, tiefe Stimme aus der Höhle. „Warum ist sie alleine und verflucht nochmal, wo ist die eigentliche Zielperson?“ „Wir brauchen den Namen und ihre Aufzeichnungen!“
Ihre Augen flackern unter dem übelriechendem Lumpen noch leicht benommen hin und her.
„Sie war bereits alleine in Kaltenbeck, das sagen zumindest meine Quellen. Meine Quelle beschrieb die Frau recht zutreffend, dort konnte ich auch den Namen erfahren. Der Hunger und der ständige Stress treiben sie irgendwann immer in die Arme von anderen Menschen.“ Die kratzige Stimme scheint amüsiert. „Habt ihr alles eingepackt?“ Raunzt er nur.
Eine weitere Stimme ertönt, welche Nemia bislang noch nicht vernahm. Sie scheint viel jünger, klar, direkt über ihr. Anscheinend schiebt jener den Karren. „Na klar, hab alles zusammengepackt! Liegt alles neben dem hübschen Ding! Erzählt mal, was hat sie überhaupt mit der ganzen Sache zu tun? Mittlerweile sind wir doch bestimmt über einen kompletten Mondzyklus hinter denen her.“
„Hast dich verliebt oder was, Bürschchen? Das Ganze geht dich auch nichts an, nur weil du seit einigen Zyklen die Anwärterzeit überstanden hast, mit Biegen und Brechen, dazu angemerkt.“ Zischt es aus dem Hässlichen nur so heraus, bis die laute brummige Stimme ermahnend das Wort erhebt.
„ Ruhe jetzt! Ihr Beide treibt mich seit Wochen in den Wahnsinn oder soll ich Euch das Zweite Gebot der Gehorsamkeit verdeutlichen?“ Die Stimme wirkt ernst, bedrohlich, bestimmend.
Eine kurze Zeit vernimmt man nur das leise Zirpen der Heuschrecken, der Karren knautscht dabei klagend in der sonst ruhigen Nacht. Nemia rührt sich kaum und wartet gebannt ab.
„Also Rogan, erzähle es ihm schon. Schließlich muss ich auch wissen, wie mein zukünftiger Knappe mit so etwas umgeht.“
„Na gut, na gut. Die Kurzfassung.
Ihr wisst, dass ich im Dienste des Glaubensbewahrer Durak stehe? Und ihr wisst, dass jener den Platz vom verstorbenen Lanto übernommen hat?
Es ist nicht nur eine andere Person im Amt, sondern unsere Machtstellung innerhalb des Tempels wird dadurch gestärkt. Unsere Gilde besitzt nun mehr und höhere Position als die Schatten der Nachtruhe. Wie dem auch sei, ihr wisst das Lanto keinen natürlichen Tod gestorben ist. Es war Mord. Besser gesagt Gift. Eine Probe dessen wurde seiner Wunde entnommen und eingelagert. Die Täter werden so überführt, es gibt ein Buch, welches als einziges Beweismittel dient, weil es nur einem Mann gelang jenes Gift herzustellen und nieder zu schreiben. Natürlich müssen wir den Verdacht ausräumen, etwas damit zu tun zu haben. Und hier haben wir die mutmaßliche Begleitung der Mörderin.“
Nemia wusste das dies gelogen war, Durak selbst hat seinen Kollegen ermordet. Aus reinem Machthunger, nicht für den All-Einen und dem vorankommen der Sache.
„Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen, der Tag bricht in wenigen Augenblicken herein. Sofern wir die Hafenstadt überwunden haben, sind wir schon fast wieder im Alatarischem Reich.“ Wirft die brummige Stimme ein.
Der Karren wendet sich ein wenig hin und her, sie scheinen die Richtung leicht zu ändern, die sonst so ruhige Fahrt wird rauer. Der Karren klappert plötzlich auf, gerät ins Schwanken, wohl ist der Weg kaum passierbar. Da passiert es, Nemia entweicht ein kurzes, leises Keuchen.
Ertappt, ein erneuter Schlag auf den Kopf lässt sie wieder in die Träume entschwinden.
Sie blinzelt, es ist immer noch dunkel, aber ihr kam die Umgebung bekannt vor, die Kapuze wurde von ihrem Kopf entfernt. Die Augen wanderten über den kahlen Felsboden. Abgenagte Knochen und Exkremente verteilten sich durch die ganze Höhle. Jene Höhle sollte ihr erster Schlafplatz werden, doch geschult von ihrer Begleiterin wusste sie, dass sie hier jederzeit Besuch bekommen könnte.
Der hässliche Stand in unmittelbarer Nähe vor ihr, das kleine lederne Büchlein in der Hand haltend. „Dann wollen wir mal sehen, das müsste es sein. Unsere Reise ist von Erfolg gekrönt.“
Kurze Zeit herrscht Stille, man hört nur das leise knistern der Pergamentseiten.
„Deine ruhige, abwartende Art hält mich von dummen Taten ab.“ Hört man es nur murmelnd, wieder knistert das Pergament.
„Dein herzhaftes Lachen, lässt mich vor Freude strahlen...?“ Es knistert hörbar schneller, anscheinend blättert er wie wild in dem Büchlein umher.
„Mein Glück fand ich in der Nacht, als ich dich zum ersten Mal sah...?“
„Was ist das hier?! Schlechte Poesie?! Das kann nicht das Buch sein, kein Siegel, keine Rezepte. Verdammt wir stecken in der Klemme!“
Das Knistern verstummt plötzlich, anscheinend war er auf der letzten Seite angekommen.
„Hört Euch das an, Moment...
Meine Dummheit war es, die dir das Leben stahl. Deine starren, leeren Augen sind das Letzte was ich von dir sah.“
Der Schmerz, der durch Nemia's Leib fährt, wurde unerträglich. Schlimmer als jede Verletzung, als jede Folter.
„Das heißt, sie ist tot? Wo ist dann das Buch des Glaubensbewahrers Durak!?“ Die von Kettengliedern belegte Rückhand des Hässlichen trifft klatschend auf ihre Wange. Nemia keucht aus, kleine Fäden aus Blut laufen ihr den Mundwinkel herunter, sie spuckt seitlich aus.
Schließlich hört man es, das leise Knurren, der Grund warum sie diese Höhle gemieden hat. Es war das Rudel, rückkehrend aus der nächtlichen Jagd. Alles ging ganz schnell, tumultartig erklang das klirrende Geräusch der gezogenen Schwerter.
Die Geräuschkulisse war extrem. Es herrscht völliges Chaos, es regnet Blut. Schmerzhafte Schreie und das wehklagende Jaulen verletzter Wölfe durchzogen die Höhle.
Das war die Chance, ihr Büchlein lag am Boden, rasch ergriff sie es, dabei huscht sie schnell zwischen den Gestalten voran.
Katz und Maus, sie war schon immer flink.
Als sie durch den Ausgang der Höhle tritt, verklingen die Geräusche langsam, sie weiß nicht wer den Kampf gewonnen hat. Haben die Wölfe gewonnen, so könnte sie ihr Leben fortführen wie bisher. Sollten die Wölfe verloren haben, würde sie auf ewig die Gejagte sein. Sie selber ist ausgehungert, verletzt und immer noch leicht benebelt, nachsehen kann sie in diesem Zustand nicht.
Die Flucht war die einzige Möglichkeit und jene ergriff sie. Stundenlang rennt sie durch die Wildnis, bis sie am Hafen angekommen ist. Völlig erschöpft schleicht sie sich auf eines der größeren Schiffe und lässt sich zwischen einigen Fässern und Tauen nieder, die Augen schließen sich.
Die junge Frau steht an der Reling, sie hat es geschafft den Kapitän zu überzeugen, sie nicht von Bord zu schmeißen. Sie konnte nicht das Risiko eingehen noch irgendjemanden ihren Namen zu sagen, nicht solange die Lüge des Gilde nicht offen gelegt wurde.
Sie konnte sich noch genau an diese Nacht erinnern. Nemia wusste wie so oft nicht, warum sie dort waren, oder was ihre Aufgabe war. Es war das erste Mal das Nemia mitgenommen wurde. Sie sollte im Falle, dass ihre Freundin entdeckt wird, einen Gegenstand entgegennehmen und schnell in die Nacht entschwinden.
Die Begleiterin entschwand in der Dunkelheit, sie wollte das Buch des Alchemisten aus der Bibliothek des dieser verräterischen Sumpfechsengilde entwenden. Dieses Buch würde beweisen, dass das Gift, welches für die Ermordung des Glaubensbewahrers Lanto genutzt wurde, von ihnen selbst entwickelt wurde.
Auf einmal herrschte Hektik, Gardisten rannten in den Straßen umher, ihre Begleiterin wurde anscheinend entdeckt. Eine Dunkle Gestalt näherte sich schnellen Schrittes, es war ihre Freundin. „Hier nimm, schnell“ Sie drückte ihr das Buch in die Hand und rannte die Straßen entlang, in einiger Entfernung kamen die Gardisten auf sie zu. Nemia kauerte sich in ihr Versteck, die Gardisten stürmten an ihr vorbei. Sie schlich zwischen den Gassen hin und her, einige Gardisten hatte sie bereits ausgetrickst. Aber auf einmal schlug ihr Kopf gegen etwas Hartes. Ehe sie sich versah, griff eine Hand nach ihr. Doch die Begleiterin war plötzlich dort, sie nahm es mit dem Mann auf. Es war das erste mal, dass sie ihre Begleiterin den Tanz der Klingen vollführen sah. Doch nur eine kurze Unaufmerksamkeit reichte aus, das massive Schwert des Gardisten streifte an ihrem Becken entlang, eine tiefe Wunde hinterlassend. Im selben Moment vergrub Sie doch auch ihren Dolch im Auge des Gardisten, welcher leblos zu Boden sank. Diese Verletzung, es war Nemia's Schuld. Sie hatte eine Abzweigung falsch genommen. der Plan, meisterhaft von ihrer Begleiterin geschmiedet, doch die unerfahrene Nemia macht mit einem Fehler alles zunichte. Sie schafften es aus der Stadt zu fliehen. Trotz das die Verletzung gut versorgt wurde, fing sie an zu eitern. Das war das Ende ihrer Begleiterin, sie hatte nur eine Bitte. Erledige die Aufgabe, überbringe das Buch, sodass der Verrat aufgedeckt wird. Die letzten Worte klingen immer noch in Nemia's Kopf. „Nileth Azur“
So wurde der letzte Wille vollbracht, das Buch wurde abgegeben, nun konnte sie nur noch hoffen das jenes weiter getragen wird und die Verbrecher ihre Strafe erfahren.
Nemia's Augen wandern langsam über die See, dabei hält sie das Büchlein offen in den Händen. Mit einem Kohlestift tippt sich die junge Frau immer mal wieder gegen die Schläfe, ehe sie jenen ansetzt und auf der letzten Seite etwas hinzufügt.
„Nymeria... dein Name soll nun der meine sein, damit mir jeden Tag bewusst wird, wer du für mich warst.“
Es war zu gefährlich ihre Geschichte zu erzählen, ihren Namen zu nennen. Sie musste zuerst herausfinden ob die Verräter hier auch ihr Unwesen treiben. Ihr Weg soll ein Neuer werden, angekommen auf Gerimor würde sie sich im Kampf üben, mehr beobachten und aufmerksamer sein.
Eines Tages wäre Nymeria hoffentlich stolz auf sie.
Sie klappt das Buch schließlich zu und verstaut es in ihrer Tasche.
Kleine Perlen der herrschenden Taunässe rinnen an einer Felswand herab. In einer Kuhle vor dem Vorsprung vereinen sie sich zu einer kleinen Lache. Einzelne, gewitzte Perlen suchen sich den Weg über eine kleine Spalte, um über den Abgrund kullern zu können. Ein leises Tropfgeräusch ertönt, als jene Perlen auf die kleinen Holzscheite eines erloschenen Lagerfeuers vor dem Höhleneingang schlagen. Das Echo jenes Geräusches dringt leise in die schmale, schulterhohe Höhle hinein.
Ab und an vernimmt man ein leises Schnaufen in der sonst sehr ruhigen Nacht. Eingekuschelt in einem großen weichen Pelzmantel liegt die junge, rothaarige Frau, ein wenig verdreht vor einer vollgestopften Tasche. Ein kleines, ziemlich mitgenommenes, altes Lederbuch schmiegt sich sanft zwischen ihrem Körper und den Unterarmen.
Die geschlossenen Augenlider flackern ab und an wie wild hin und her, dabei umklammert sie das Büchlein umso mehr. Die wilden Träume gönnen ihr anscheinend nicht viel Erholung. Ihre Gestalt wirkt ebenso leicht abgemagert, das Gesicht von Dreck und Staub benetzt.
Ein blechernes Quietschen ertönt. Die junge Frau, wohl völlig erschöpft, verengt nur kurz die Augen unter den geschlossenen Lidern.
„Haben wir Sie!“ Die Stimme tief, brummend. Die Geräuschkulisse nimmt allmählich immer mehr zu. Das Klirren von sich übereinander reibenden Kettengliedern schallt in der Höhle umher.
Die junge Frau zuckt mit ihrem Kopf immer mehr umher, ehe sich die Augenlider langsam öffnen. Sie vermag es, drei dunkle Gestalten direkt vor sich wahrzunehmen.
Die Männer stehen in der sehr niedrigen Höhle gebeugt um sie herum.
Sie blinzelt vermehrt, die Schlaftrunkenheit scheint ihr noch die Sinne zu rauben. Ein hässliches, schmales Gesicht, leicht in einer Kapuze gehüllt nähert sich, die kratzige Stimme schallt in der Höhle umher.
„Seinen Segen Nemia Werheim, das Spiel ist vorbei.“
Die hässliche, drahtige Fratze grinst ihr dabei diabolisch, siegesgewiss entgegen. Im gleichen Augenschlag zieht er dabei das Büchlein sanft aus ihrem Griff heraus. Nemia blinzelt erneut, der Blick scheint klarer zu werden. Die Konturen schärfen sich, diese Fratze, sie kommt ihr irgendwie bekannt vor. Ein kleines Medaillon baumelt an seinem Hals herunter. In der Mitte prangt das Symbol einer Sumpfechse.
Ihre Augen weiten sich ruckartig, wohl erst jetzt realisierend, was um sie herum passiert. Noch bevor der spitze Schrei ihre Kehle verlässt, umschließt ein alter Lumpensack ihren Kopf, sie spürt nur einen kurzen Schlag, dann wird alles wieder dunkel.....
Es war vorbei, sie wurde ergriffen. In der Benommenheit huschten immer wieder Fragmente ihrer Vergangenheit durch den Kopf.
Sie, als kleines Mädchen ihrem Vater beim Bestellen des Feldes zuguckend, huscht sie zwischen den Salatköpfen flink wie ein kleines Kätzchen hin und her. Recht tollpatschig zertritt sie dabei einige der Köpfe.
Viele Male wurde sie von ihm getadelt. Sie solle sich benehmen, lernen zu arbeiten. Wem nützt dieses ständige Katz und Mausspiel mit den Nagern, wenn man sie sowieso wieder frei lässt. Auch wenn die Eltern an die heilige Mutter Eluive glaubten, gegen die Feldmäuse hatte der Vater immer etwas.
Sie, als heranwachsendes Mädchen, alleine an der Grenze des Waldes hockend. Um sie herum, allerlei skurrile, einfache, teils nicht identifizierbare Schnitzereien. Ein kleiner, wohl selbst gebauter Zedernbogen, hängt starr an ihrer kleinen Schulter herab. In etwas weiterer Entfernung steht auf einer Lichtung eine verlassene Eiche. Die Rinde jenes Baumes ist an einigen Stellen zerfetzt. Pfeile stecken, teilweise abgebrochen, in willkürlich wirkenden Abständen, in dem Fleisch des Baumes. Die Rinde hängt an einigen Stellen wie vermoderte Haut schlaf herab.
Erneut klingt ihr die Stimme des Vaters im Kopf. „Nemia, was hast du wieder angestellt?! Die Eiche stand bereits zu meiner Jugend. Um schmeiß diesen Krempel endlich weg. Keiner möchte Schnitzereien eines untalentierten Bauernmädels. Ab mit dir aufs Feld! Und pack den Bogen weg!“
Sie, als heranwachsende junge Frau, zusammengekauert in einem tiefen Dickicht aus Sträuchern, alleine in der tiefen Nacht. Alleine im Unbekannten, nur einen treuen Begleiter bei sich habend, ihren Bogen. Es war jene Nacht, indem sie die fremde Frau kennen lernte. Zwei Augen funkelten ihr in der klaren Nacht entgegen. Sie war es, die sie fand, alleine, weit weg von zuhause. Die Augen kamen Nemia so bekannt vor, als hätte sie die letzten Nächte bereits von ihnen geträumt. Doch anscheinend waren dies nie Träume und der Besuch war nicht der Erste.
Sie, als junge Erwachsende, der Bogen war nicht länger ihr einziger Begleiter. Zusammen streiften sie durch Wälder, Gebirge, Städte und Dörfer. Was ihr Ziel war, wusste Nemia nie genau, aber sie wusste was ihre Aufgabe war. Jagen, Feuerholz sammeln, beobachten und zuhören. Die Frau sprach nicht viel, doch waren die wenigen Worte immer wohl überlegt. Unterschwellig lehre sie Nemia in verschiedenen Dingen. Der Glaube wurde nie direkt angesprochen, aber Nemia erkannte wem sie ihr leben widmete. Öfters saß sie alleine am Feuer, dort wartete sie auf die Frau, die eine Freundin geworden war, deren Rat man sich stets zu Herzen nehmen sollte.
Der Schädel dröhnt.
Sie liegt zusammengekauert auf einem polternden Wagen. Ihre Augen schlagen benommen wirkend immer mal wieder auf. Allerlei Wortfetzen vernimmt sie dabei. Schließlich vermag sie die Worte immer besser zu verstehen.
„Woher genau habt ihr ihren Namen?“ Es ist die selbe brummende, tiefe Stimme aus der Höhle. „Warum ist sie alleine und verflucht nochmal, wo ist die eigentliche Zielperson?“ „Wir brauchen den Namen und ihre Aufzeichnungen!“
Ihre Augen flackern unter dem übelriechendem Lumpen noch leicht benommen hin und her.
„Sie war bereits alleine in Kaltenbeck, das sagen zumindest meine Quellen. Meine Quelle beschrieb die Frau recht zutreffend, dort konnte ich auch den Namen erfahren. Der Hunger und der ständige Stress treiben sie irgendwann immer in die Arme von anderen Menschen.“ Die kratzige Stimme scheint amüsiert. „Habt ihr alles eingepackt?“ Raunzt er nur.
Eine weitere Stimme ertönt, welche Nemia bislang noch nicht vernahm. Sie scheint viel jünger, klar, direkt über ihr. Anscheinend schiebt jener den Karren. „Na klar, hab alles zusammengepackt! Liegt alles neben dem hübschen Ding! Erzählt mal, was hat sie überhaupt mit der ganzen Sache zu tun? Mittlerweile sind wir doch bestimmt über einen kompletten Mondzyklus hinter denen her.“
„Hast dich verliebt oder was, Bürschchen? Das Ganze geht dich auch nichts an, nur weil du seit einigen Zyklen die Anwärterzeit überstanden hast, mit Biegen und Brechen, dazu angemerkt.“ Zischt es aus dem Hässlichen nur so heraus, bis die laute brummige Stimme ermahnend das Wort erhebt.
„ Ruhe jetzt! Ihr Beide treibt mich seit Wochen in den Wahnsinn oder soll ich Euch das Zweite Gebot der Gehorsamkeit verdeutlichen?“ Die Stimme wirkt ernst, bedrohlich, bestimmend.
Eine kurze Zeit vernimmt man nur das leise Zirpen der Heuschrecken, der Karren knautscht dabei klagend in der sonst ruhigen Nacht. Nemia rührt sich kaum und wartet gebannt ab.
„Also Rogan, erzähle es ihm schon. Schließlich muss ich auch wissen, wie mein zukünftiger Knappe mit so etwas umgeht.“
„Na gut, na gut. Die Kurzfassung.
Ihr wisst, dass ich im Dienste des Glaubensbewahrer Durak stehe? Und ihr wisst, dass jener den Platz vom verstorbenen Lanto übernommen hat?
Es ist nicht nur eine andere Person im Amt, sondern unsere Machtstellung innerhalb des Tempels wird dadurch gestärkt. Unsere Gilde besitzt nun mehr und höhere Position als die Schatten der Nachtruhe. Wie dem auch sei, ihr wisst das Lanto keinen natürlichen Tod gestorben ist. Es war Mord. Besser gesagt Gift. Eine Probe dessen wurde seiner Wunde entnommen und eingelagert. Die Täter werden so überführt, es gibt ein Buch, welches als einziges Beweismittel dient, weil es nur einem Mann gelang jenes Gift herzustellen und nieder zu schreiben. Natürlich müssen wir den Verdacht ausräumen, etwas damit zu tun zu haben. Und hier haben wir die mutmaßliche Begleitung der Mörderin.“
Nemia wusste das dies gelogen war, Durak selbst hat seinen Kollegen ermordet. Aus reinem Machthunger, nicht für den All-Einen und dem vorankommen der Sache.
„Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen, der Tag bricht in wenigen Augenblicken herein. Sofern wir die Hafenstadt überwunden haben, sind wir schon fast wieder im Alatarischem Reich.“ Wirft die brummige Stimme ein.
Der Karren wendet sich ein wenig hin und her, sie scheinen die Richtung leicht zu ändern, die sonst so ruhige Fahrt wird rauer. Der Karren klappert plötzlich auf, gerät ins Schwanken, wohl ist der Weg kaum passierbar. Da passiert es, Nemia entweicht ein kurzes, leises Keuchen.
Ertappt, ein erneuter Schlag auf den Kopf lässt sie wieder in die Träume entschwinden.
Sie blinzelt, es ist immer noch dunkel, aber ihr kam die Umgebung bekannt vor, die Kapuze wurde von ihrem Kopf entfernt. Die Augen wanderten über den kahlen Felsboden. Abgenagte Knochen und Exkremente verteilten sich durch die ganze Höhle. Jene Höhle sollte ihr erster Schlafplatz werden, doch geschult von ihrer Begleiterin wusste sie, dass sie hier jederzeit Besuch bekommen könnte.
Der hässliche Stand in unmittelbarer Nähe vor ihr, das kleine lederne Büchlein in der Hand haltend. „Dann wollen wir mal sehen, das müsste es sein. Unsere Reise ist von Erfolg gekrönt.“
Kurze Zeit herrscht Stille, man hört nur das leise knistern der Pergamentseiten.
„Deine ruhige, abwartende Art hält mich von dummen Taten ab.“ Hört man es nur murmelnd, wieder knistert das Pergament.
„Dein herzhaftes Lachen, lässt mich vor Freude strahlen...?“ Es knistert hörbar schneller, anscheinend blättert er wie wild in dem Büchlein umher.
„Mein Glück fand ich in der Nacht, als ich dich zum ersten Mal sah...?“
„Was ist das hier?! Schlechte Poesie?! Das kann nicht das Buch sein, kein Siegel, keine Rezepte. Verdammt wir stecken in der Klemme!“
Das Knistern verstummt plötzlich, anscheinend war er auf der letzten Seite angekommen.
„Hört Euch das an, Moment...
Meine Dummheit war es, die dir das Leben stahl. Deine starren, leeren Augen sind das Letzte was ich von dir sah.“
Der Schmerz, der durch Nemia's Leib fährt, wurde unerträglich. Schlimmer als jede Verletzung, als jede Folter.
„Das heißt, sie ist tot? Wo ist dann das Buch des Glaubensbewahrers Durak!?“ Die von Kettengliedern belegte Rückhand des Hässlichen trifft klatschend auf ihre Wange. Nemia keucht aus, kleine Fäden aus Blut laufen ihr den Mundwinkel herunter, sie spuckt seitlich aus.
Schließlich hört man es, das leise Knurren, der Grund warum sie diese Höhle gemieden hat. Es war das Rudel, rückkehrend aus der nächtlichen Jagd. Alles ging ganz schnell, tumultartig erklang das klirrende Geräusch der gezogenen Schwerter.
Die Geräuschkulisse war extrem. Es herrscht völliges Chaos, es regnet Blut. Schmerzhafte Schreie und das wehklagende Jaulen verletzter Wölfe durchzogen die Höhle.
Das war die Chance, ihr Büchlein lag am Boden, rasch ergriff sie es, dabei huscht sie schnell zwischen den Gestalten voran.
Katz und Maus, sie war schon immer flink.
Als sie durch den Ausgang der Höhle tritt, verklingen die Geräusche langsam, sie weiß nicht wer den Kampf gewonnen hat. Haben die Wölfe gewonnen, so könnte sie ihr Leben fortführen wie bisher. Sollten die Wölfe verloren haben, würde sie auf ewig die Gejagte sein. Sie selber ist ausgehungert, verletzt und immer noch leicht benebelt, nachsehen kann sie in diesem Zustand nicht.
Die Flucht war die einzige Möglichkeit und jene ergriff sie. Stundenlang rennt sie durch die Wildnis, bis sie am Hafen angekommen ist. Völlig erschöpft schleicht sie sich auf eines der größeren Schiffe und lässt sich zwischen einigen Fässern und Tauen nieder, die Augen schließen sich.
Die junge Frau steht an der Reling, sie hat es geschafft den Kapitän zu überzeugen, sie nicht von Bord zu schmeißen. Sie konnte nicht das Risiko eingehen noch irgendjemanden ihren Namen zu sagen, nicht solange die Lüge des Gilde nicht offen gelegt wurde.
Sie konnte sich noch genau an diese Nacht erinnern. Nemia wusste wie so oft nicht, warum sie dort waren, oder was ihre Aufgabe war. Es war das erste Mal das Nemia mitgenommen wurde. Sie sollte im Falle, dass ihre Freundin entdeckt wird, einen Gegenstand entgegennehmen und schnell in die Nacht entschwinden.
Die Begleiterin entschwand in der Dunkelheit, sie wollte das Buch des Alchemisten aus der Bibliothek des dieser verräterischen Sumpfechsengilde entwenden. Dieses Buch würde beweisen, dass das Gift, welches für die Ermordung des Glaubensbewahrers Lanto genutzt wurde, von ihnen selbst entwickelt wurde.
Auf einmal herrschte Hektik, Gardisten rannten in den Straßen umher, ihre Begleiterin wurde anscheinend entdeckt. Eine Dunkle Gestalt näherte sich schnellen Schrittes, es war ihre Freundin. „Hier nimm, schnell“ Sie drückte ihr das Buch in die Hand und rannte die Straßen entlang, in einiger Entfernung kamen die Gardisten auf sie zu. Nemia kauerte sich in ihr Versteck, die Gardisten stürmten an ihr vorbei. Sie schlich zwischen den Gassen hin und her, einige Gardisten hatte sie bereits ausgetrickst. Aber auf einmal schlug ihr Kopf gegen etwas Hartes. Ehe sie sich versah, griff eine Hand nach ihr. Doch die Begleiterin war plötzlich dort, sie nahm es mit dem Mann auf. Es war das erste mal, dass sie ihre Begleiterin den Tanz der Klingen vollführen sah. Doch nur eine kurze Unaufmerksamkeit reichte aus, das massive Schwert des Gardisten streifte an ihrem Becken entlang, eine tiefe Wunde hinterlassend. Im selben Moment vergrub Sie doch auch ihren Dolch im Auge des Gardisten, welcher leblos zu Boden sank. Diese Verletzung, es war Nemia's Schuld. Sie hatte eine Abzweigung falsch genommen. der Plan, meisterhaft von ihrer Begleiterin geschmiedet, doch die unerfahrene Nemia macht mit einem Fehler alles zunichte. Sie schafften es aus der Stadt zu fliehen. Trotz das die Verletzung gut versorgt wurde, fing sie an zu eitern. Das war das Ende ihrer Begleiterin, sie hatte nur eine Bitte. Erledige die Aufgabe, überbringe das Buch, sodass der Verrat aufgedeckt wird. Die letzten Worte klingen immer noch in Nemia's Kopf. „Nileth Azur“
So wurde der letzte Wille vollbracht, das Buch wurde abgegeben, nun konnte sie nur noch hoffen das jenes weiter getragen wird und die Verbrecher ihre Strafe erfahren.
Nemia's Augen wandern langsam über die See, dabei hält sie das Büchlein offen in den Händen. Mit einem Kohlestift tippt sich die junge Frau immer mal wieder gegen die Schläfe, ehe sie jenen ansetzt und auf der letzten Seite etwas hinzufügt.
„Nymeria... dein Name soll nun der meine sein, damit mir jeden Tag bewusst wird, wer du für mich warst.“
Es war zu gefährlich ihre Geschichte zu erzählen, ihren Namen zu nennen. Sie musste zuerst herausfinden ob die Verräter hier auch ihr Unwesen treiben. Ihr Weg soll ein Neuer werden, angekommen auf Gerimor würde sie sich im Kampf üben, mehr beobachten und aufmerksamer sein.
Eines Tages wäre Nymeria hoffentlich stolz auf sie.
Sie klappt das Buch schließlich zu und verstaut es in ihrer Tasche.