Paranoia und der andere Kram
Verfasst: Dienstag 6. November 2018, 16:51
Es war nicht viel, was Trystan bei sich trug, als er übereilt den Ort verließ, den er wagte, für eine Weile Zuhause zu nennen. Nur die Umhängetasche, in der er eilig alles Nötige reingestopft hatte, ehe er sich auf Schusters Rappen abgehetzt auf den Weg machte. Stadtluft macht frei, hatte er vor ein paar Monden noch gedacht, aber so frei dann doch wieder nicht. Allmählich war es wieder in ihm hochgekommen, das Gefühl, verfolgt zu werden und nicht mehr sicher zu sein und mit diesem Gefühl kamen ebenso Erinnerungen auf, die selbst nach gut 12 Jahren schmerzten.
Vielleicht war es auch nur die Paranoia, die ihn antrieb. Da war er sich selber nicht mehr sicher. Hier mal jemand, der ihm länger nachschaute, als nötig, dann ein Knarren der Dielen vor seinem Herbergszimmer, dort ein Priester, der ihn nach seinem Befinden befragte und schon kribbelte es unangenehm in seinem Rücken, als erwarte er schon den Dolch, der zustoßen sollte. Das musste enden!
Als er die Hafenstadt erreicht hatte, hatte er sich gleich erkundigt, ob es bald ein Schiff gäbe, was nach Gerimor in See stechen würde und tatsächlich hatte er Glück. Die Reise war nicht unbedingt günstig und von dem wenigen Geld, was er noch hatte, verschlang es einen großen Teil, was aber auch dem Umstand geschuldet war, dass er eine Einzelkabine vorzog. Hauptsache, es würde keiner auf die Idee kommen, seine Sachen zu durchwühlen.
Bajard hieß das kleine Örtchen, wo das Schiff ihn entließ und von hier aus ging schon bald eine Fähre nach Rahal, deren Überfahrt wieder einen Teil seines Geldes schmelzen ließ, aber immerhin war für diese kurze Reise keine Übernachtung und damit keine Kabine nötig.
Was hatte Trystan nun erwartet, als er den Rahaler Hafen erblickte und dort zum ersten Mal einen Fuß auf alatarischen Boden stellte? Es war kühl, windig, es nieselte etwas und der Hafen war halt einfach nur ein Hafen. Ein paar Soldaten waren zu sehen, die für das nötige Maß an Sicherheit sorgten und auch ihn mit ernster, teils (wohl dem Wetter geschuldet) miesepetriger Miene taxierten. Da er aber keine Waffen und auch keine Rüstung trug, passierte auch nichts weiter.
'Du kannst jetzt im Namen des Herrn grüßen', erinnerte sich Trystan im Stillen selber, aber er wagte es nicht, den Mund zu öffnen. Was man sich einmal angewöhnt hatte, um zu überleben, das legt man eben nicht so schnell wieder ab. Auch dem Versuch, möglichst unauffällig zu erscheinen, gab er weiterhin nach. Egal, er würde sich schon noch einleben und ein etwas optimistisch gestimmter Teil seiner Persönlichkeit jubelte innerlich auf - endlich im alatarischen Reich angekommen!
Der vernünftige Teil in ihm hielt indes Ausschau nach einer Unterkunft. Seine Erfahrung war die, dass man meist in einem Hafen auch leicht etwas finden konnte und da seine Geldkatze nicht mehr viel hergab, musste es etwas sein, was möglichst kostenlos war, zumindest für ein oder zwei Nächte, bis er heraus gefunden hatte, wie man hier schnell zu etwas Geld kam, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu treten.
Die einfachen Häuser im Hafengebiet sahen schon halbwegs vielversprechend aus. Ein geräumtes Lagerhaus würde ihm ja auch reichen. So öffnete er manche Tür, die offenstand, irrte umher, eine Wand bewegte sich, schloss sich, Zwielicht und plötzlich der unerwartete und etwas schmerzhafte Weg eine glitschige, steile Treppe hinab.
Was auch immer ihn dann anfiel, hatte für Trystans Geschmack viel zu viele Beine und war überaus übellaunig. Ein Nest, in das er wohl gefallen war und schon sprangen ihn diese Biester an, bissen zu und mühselig schlug er um sich, erwischte wohl auch ein paar dieser krabbelnden Kreaturen ehe er eilig wieder die Treppe hochkletterte und sein Heil in der Flucht suchte.
Also keine Übernachtung im Hafengebiet.
Müde fühlte er sich, schlapp, als er das Tor zum Hafen passierte. Eine Wache musterte ihn wieder von oben bis unten, doch Trystan ging eilig weiter. Irgendwie war ihm nicht wohl. Paranoia? Vielleicht gab es hier ja doch Temorapriester mit Schwert und Feuer? Unsinn, meldete sich sein Verstand und schärfte ihm ein, dass er jetzt zusehen sollte, dass er erstmal verschwand, denn er merkte selber, dass er langsam auffiel - mehr und mehr geriet er ins Torkeln, musste sich bisweilen an Hauswänden festhalten, um nicht den Halt zu verlieren.
Da - ein Tor und draußen sah es so aus, als wenn es nur die breite Straße und Wiesen gab, keine Wachen, die unangenehme Fragen stellen würden ... und vielleicht doch Temorapriester waren!
'Krieg dich ein, Trystan, krieg dich verdammt nochmal ein! Das ist das Spinnengift, Mistviecher!'
Er bemühte sich, seine Gestalt zu straffen. Im Verstellen war er gut geworden in all der Zeit. Notfalls hatte er sogar ein Gebet zu Ehren irgendeiner temoraseligen Heiligkeit gesprochen, wenn es jemand erwartete. Er würde es auch schaffen, ohne viel Aufsehens die Stadt zu verlassen und sich diese Spinnenbisse in Ruhe anzusehen.
Das Tor war auch bald passiert, aber so wirklich einsam sah es vor dem Tor nicht aus. Einige größere Häuser, wohl Gehöfte oder Handelshäuser standen hier und stöhnend torkelte er weiter. Die ganze Welt schien aus den Fugen geraten zu sein und einen wilden Tanz aufzuführen, dem er nicht folgen konnte. Es war ja nicht so, dass ihm das unbekannt wäre, aber wenn so etwas in der Vergangenheit mal passiert war, war er auf den Schwindel immerhin eingestellt oder hatte ihn sogar willentlich herbeigeführt.
Und Durst hatte er! Irgendwie fand er sich gefühlt wenige Schritte später vor einem Trog liegend wieder vor. Sein Magen fühlte sich flau und angenehm entleert an. Wie das nun kam, konnte er nicht sagen, aber dem Geschmack im Mund nach zu urteilen, musste er sich wohl übergeben haben.
Er trank. Widerlich, aber egal. Irgendein Schaf blökte. Der Himmel war auf einmal dunkler, als hätte jemand plötzlich den Abend auf die Bühne gelassen und den Nachmittag runtergeschubst.
"Und das schmeckt? Wasser aus der Pferdetränke, wo die Gäule schon draus gesoffen haben?"
Irgendeine Stimme drang durch seinen vom Spinnengift vernebelten Geist durch. Irgendwas sagte Trystan. Irgendwie betrat er einen Hof und dann fand er sich in einer Küche wieder, einen Tee vor sich, der ziemlich gesund roch, etwas zu Essen mit Knoblauch drin gegen das Gift.
Langsam klärte sich sein Geist, sein Körper gewann den Kampf und bis auf leichte Schwindelanfälle beruhigte sich alles an und in ihm. Graham hieß jener Mann, ein Knecht, wie sich wenig später herausstellte, der ihn am Trog aufgelesen und ins Haus geholt hatte. Wenig später erschienen noch andere Personen, es gab Gespräche und langsam wurde Trystan wieder klar im Kopf. Auch der Gruß im Namen des Herrn ging ihm erstaunlich leicht von den Lippen, aber wovor sollte er sich schon fürchten, was das anging?
Als die anderen gegangen waren, war er wieder soweit auf dem Damm, dass er sogar Graham eben bei der Obsternte helfen konnte - der Dank und die Wiedergutmachung für die Hilfe, das Essen und der Tee. Innerlich lebte Trystan in dem Moment still auf. Er war wirklich im alatarischen Reich angekommen, wenn sie hier die Gebote schon so pflegten. So sammelte er auch noch zusätzlich die Federn und Eier der Hühner auf, ehe er sich dann aber von Graham verabschiedete. Er wusste eh, dass er bald wieder vorbeischauen würde.
Nicht, dass man sofort alle Gewohnheiten über Bord wirft, aber in den Tagen darauf gewöhnte sich Trystan immer mehr an den Gedanken, am richtigen Ort angekommen zu sein. Ein kleines, einfaches, aber sauberes Zimmer in der Taverne nannte er nun sein eigen - weit genug weg vom Hafen mit seinen vielbeinigen, überaus bissigen Wesen im Untergrund. Auch eine Möglichkeit zum Geldverdienen hatte er schnell gefunden und in einem abendlichen, aus Gewohnheit stummen Gebet an den Herrn dankte er seinen Eltern dafür, dass sie damals, als er noch jünger war, so vehement darauf bestanden hatten, dass er ein ordentliches Handwerk erlernt.
"Sohn, lerne etwas, mit dem du dich ernähren und dich nützlich machen kannst! Zeit für den anderen Kram wirst du dir dann nehmen dürfen, wenn du diese zwei Punkte erfüllt hast!"
Wie er es doch damals immer gehasst hatte, wenn sein Vater solche Ansprachen hielt. Jetzt hinterließ die Erinnerung neben den Schmerz vor allem Dankbarkeit dafür ... und er nahm sich vor, dass er es hier schaffen würde - auch oder vor allem den anderen Kram.
Vielleicht war es auch nur die Paranoia, die ihn antrieb. Da war er sich selber nicht mehr sicher. Hier mal jemand, der ihm länger nachschaute, als nötig, dann ein Knarren der Dielen vor seinem Herbergszimmer, dort ein Priester, der ihn nach seinem Befinden befragte und schon kribbelte es unangenehm in seinem Rücken, als erwarte er schon den Dolch, der zustoßen sollte. Das musste enden!
Als er die Hafenstadt erreicht hatte, hatte er sich gleich erkundigt, ob es bald ein Schiff gäbe, was nach Gerimor in See stechen würde und tatsächlich hatte er Glück. Die Reise war nicht unbedingt günstig und von dem wenigen Geld, was er noch hatte, verschlang es einen großen Teil, was aber auch dem Umstand geschuldet war, dass er eine Einzelkabine vorzog. Hauptsache, es würde keiner auf die Idee kommen, seine Sachen zu durchwühlen.
Bajard hieß das kleine Örtchen, wo das Schiff ihn entließ und von hier aus ging schon bald eine Fähre nach Rahal, deren Überfahrt wieder einen Teil seines Geldes schmelzen ließ, aber immerhin war für diese kurze Reise keine Übernachtung und damit keine Kabine nötig.
Was hatte Trystan nun erwartet, als er den Rahaler Hafen erblickte und dort zum ersten Mal einen Fuß auf alatarischen Boden stellte? Es war kühl, windig, es nieselte etwas und der Hafen war halt einfach nur ein Hafen. Ein paar Soldaten waren zu sehen, die für das nötige Maß an Sicherheit sorgten und auch ihn mit ernster, teils (wohl dem Wetter geschuldet) miesepetriger Miene taxierten. Da er aber keine Waffen und auch keine Rüstung trug, passierte auch nichts weiter.
'Du kannst jetzt im Namen des Herrn grüßen', erinnerte sich Trystan im Stillen selber, aber er wagte es nicht, den Mund zu öffnen. Was man sich einmal angewöhnt hatte, um zu überleben, das legt man eben nicht so schnell wieder ab. Auch dem Versuch, möglichst unauffällig zu erscheinen, gab er weiterhin nach. Egal, er würde sich schon noch einleben und ein etwas optimistisch gestimmter Teil seiner Persönlichkeit jubelte innerlich auf - endlich im alatarischen Reich angekommen!
Der vernünftige Teil in ihm hielt indes Ausschau nach einer Unterkunft. Seine Erfahrung war die, dass man meist in einem Hafen auch leicht etwas finden konnte und da seine Geldkatze nicht mehr viel hergab, musste es etwas sein, was möglichst kostenlos war, zumindest für ein oder zwei Nächte, bis er heraus gefunden hatte, wie man hier schnell zu etwas Geld kam, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu treten.
Die einfachen Häuser im Hafengebiet sahen schon halbwegs vielversprechend aus. Ein geräumtes Lagerhaus würde ihm ja auch reichen. So öffnete er manche Tür, die offenstand, irrte umher, eine Wand bewegte sich, schloss sich, Zwielicht und plötzlich der unerwartete und etwas schmerzhafte Weg eine glitschige, steile Treppe hinab.
Was auch immer ihn dann anfiel, hatte für Trystans Geschmack viel zu viele Beine und war überaus übellaunig. Ein Nest, in das er wohl gefallen war und schon sprangen ihn diese Biester an, bissen zu und mühselig schlug er um sich, erwischte wohl auch ein paar dieser krabbelnden Kreaturen ehe er eilig wieder die Treppe hochkletterte und sein Heil in der Flucht suchte.
Also keine Übernachtung im Hafengebiet.
Müde fühlte er sich, schlapp, als er das Tor zum Hafen passierte. Eine Wache musterte ihn wieder von oben bis unten, doch Trystan ging eilig weiter. Irgendwie war ihm nicht wohl. Paranoia? Vielleicht gab es hier ja doch Temorapriester mit Schwert und Feuer? Unsinn, meldete sich sein Verstand und schärfte ihm ein, dass er jetzt zusehen sollte, dass er erstmal verschwand, denn er merkte selber, dass er langsam auffiel - mehr und mehr geriet er ins Torkeln, musste sich bisweilen an Hauswänden festhalten, um nicht den Halt zu verlieren.
Da - ein Tor und draußen sah es so aus, als wenn es nur die breite Straße und Wiesen gab, keine Wachen, die unangenehme Fragen stellen würden ... und vielleicht doch Temorapriester waren!
'Krieg dich ein, Trystan, krieg dich verdammt nochmal ein! Das ist das Spinnengift, Mistviecher!'
Er bemühte sich, seine Gestalt zu straffen. Im Verstellen war er gut geworden in all der Zeit. Notfalls hatte er sogar ein Gebet zu Ehren irgendeiner temoraseligen Heiligkeit gesprochen, wenn es jemand erwartete. Er würde es auch schaffen, ohne viel Aufsehens die Stadt zu verlassen und sich diese Spinnenbisse in Ruhe anzusehen.
Das Tor war auch bald passiert, aber so wirklich einsam sah es vor dem Tor nicht aus. Einige größere Häuser, wohl Gehöfte oder Handelshäuser standen hier und stöhnend torkelte er weiter. Die ganze Welt schien aus den Fugen geraten zu sein und einen wilden Tanz aufzuführen, dem er nicht folgen konnte. Es war ja nicht so, dass ihm das unbekannt wäre, aber wenn so etwas in der Vergangenheit mal passiert war, war er auf den Schwindel immerhin eingestellt oder hatte ihn sogar willentlich herbeigeführt.
Und Durst hatte er! Irgendwie fand er sich gefühlt wenige Schritte später vor einem Trog liegend wieder vor. Sein Magen fühlte sich flau und angenehm entleert an. Wie das nun kam, konnte er nicht sagen, aber dem Geschmack im Mund nach zu urteilen, musste er sich wohl übergeben haben.
Er trank. Widerlich, aber egal. Irgendein Schaf blökte. Der Himmel war auf einmal dunkler, als hätte jemand plötzlich den Abend auf die Bühne gelassen und den Nachmittag runtergeschubst.
"Und das schmeckt? Wasser aus der Pferdetränke, wo die Gäule schon draus gesoffen haben?"
Irgendeine Stimme drang durch seinen vom Spinnengift vernebelten Geist durch. Irgendwas sagte Trystan. Irgendwie betrat er einen Hof und dann fand er sich in einer Küche wieder, einen Tee vor sich, der ziemlich gesund roch, etwas zu Essen mit Knoblauch drin gegen das Gift.
Langsam klärte sich sein Geist, sein Körper gewann den Kampf und bis auf leichte Schwindelanfälle beruhigte sich alles an und in ihm. Graham hieß jener Mann, ein Knecht, wie sich wenig später herausstellte, der ihn am Trog aufgelesen und ins Haus geholt hatte. Wenig später erschienen noch andere Personen, es gab Gespräche und langsam wurde Trystan wieder klar im Kopf. Auch der Gruß im Namen des Herrn ging ihm erstaunlich leicht von den Lippen, aber wovor sollte er sich schon fürchten, was das anging?
Als die anderen gegangen waren, war er wieder soweit auf dem Damm, dass er sogar Graham eben bei der Obsternte helfen konnte - der Dank und die Wiedergutmachung für die Hilfe, das Essen und der Tee. Innerlich lebte Trystan in dem Moment still auf. Er war wirklich im alatarischen Reich angekommen, wenn sie hier die Gebote schon so pflegten. So sammelte er auch noch zusätzlich die Federn und Eier der Hühner auf, ehe er sich dann aber von Graham verabschiedete. Er wusste eh, dass er bald wieder vorbeischauen würde.
Nicht, dass man sofort alle Gewohnheiten über Bord wirft, aber in den Tagen darauf gewöhnte sich Trystan immer mehr an den Gedanken, am richtigen Ort angekommen zu sein. Ein kleines, einfaches, aber sauberes Zimmer in der Taverne nannte er nun sein eigen - weit genug weg vom Hafen mit seinen vielbeinigen, überaus bissigen Wesen im Untergrund. Auch eine Möglichkeit zum Geldverdienen hatte er schnell gefunden und in einem abendlichen, aus Gewohnheit stummen Gebet an den Herrn dankte er seinen Eltern dafür, dass sie damals, als er noch jünger war, so vehement darauf bestanden hatten, dass er ein ordentliches Handwerk erlernt.
"Sohn, lerne etwas, mit dem du dich ernähren und dich nützlich machen kannst! Zeit für den anderen Kram wirst du dir dann nehmen dürfen, wenn du diese zwei Punkte erfüllt hast!"
Wie er es doch damals immer gehasst hatte, wenn sein Vater solche Ansprachen hielt. Jetzt hinterließ die Erinnerung neben den Schmerz vor allem Dankbarkeit dafür ... und er nahm sich vor, dass er es hier schaffen würde - auch oder vor allem den anderen Kram.