Wie ein junges Reh... oder die Suche nach ein wenig Reife
Verfasst: Sonntag 23. September 2018, 09:59
Als ich nach zwei Tagesreisen endlich das Schiff verließ, atmete ich erleichtert auf. Die See war stürmisch zu dieser Jahreszeit und erinnerte mich an Dinge, die ich vergessen haben wollte. Das erste und bisher einzige Mal, dass ich eine "Seereise" getätigt hatte, war... ja, damals als man mich auf eben jene See zwang, fort, weg, von dem Land, welches ich meine Heimat nannte. Fort von Familie und Freunde, fort von dem Ort, wo ich geglaubt hatte, dass es mein Platz gewesen war... auch wenn ich mit dem Älterwerden immer mehr jenes Bauchgefühl entwickelt hatte, welches mir sagte: Auriane, deine Reise ist hier noch lange nicht zuende.
Der Wind am Hafenbecken frischte auf und ich zog mein geliebtes Schultertuch enger zusammen. Dabei berührte meine Rechte jene Wunde, die sich im Verlauf der Reise zu einer Narbe entwickelt hatte; ich seufzte auf. Jene Narbe war Zeugnis dafür, welche Entscheidung ich getroffen hatte und damit auch, wem ich meine Treue darreichen wollte. Ich schluckte schwer als ich an jenen Moment der Klarheit im Lager dachte, als ich mir dessen bewusst geworden war; als mir bewusst wurde, dass alleine die Entscheidung, zur Heerschau zu erscheinen, ein Schritt getan wurde, der mit einem Teil meiner Vergangenheit endgültig abschließen würde. Niemand hatte es verstanden und auch niemand hatte es verstanden, warum es für mich so wichtig gewesen war, mir das Haar zu schneiden; jenes, was die Menschen in dem Land kannten, aus dem ich stammte. Niemand wollte es offenbar auch verstehen, sie sahen nur das "verschandelte" Haar und interessierten sich nicht wirklich dafür, was ich zu meiner "Verteidigung" zu sagen hatte. In fast schon maßloser Ungläubigkeit schüttelte ich mein Haupt, während ich da so am Hafenbecken stand, mich an Demians Ächtung erinnerte und einige Male die bekannte Bajarder Luft einatmete. Auch Tillys Worte klangen mir im Ohr nach.
Langsam setzte ich meine Schritte in Bewegung und musste an jene verhängnisvolle Gebäckstange denken, die man mir, vertrauensselig, wie ich meinen Leuten gegenüber doch war, zu essen gegeben hatte und das Haar so lang hat wachsen lassen, dass es am Ende gar länger war als vorher. Noch immer kam ein gewisser Zorn in mir deswegen auf, dessen Begründung viel vielschichtiger war. Es gab nur sehr, sehr wenige Menschen, mit denen ich mich über so etwas unterhalten konnte und mit denen man... in einen "Diskurs" über solche Themen gehen konnte. Es waren weniger als Finger an meiner Hand. Unweigerlich zuckten mussten meine Mundwinkel amüsiert aufzucken, als der Begriff in meinem Geist aufkam. Ich kannte ihn vom Hören und die Bedeutung hatte ich ebenso erst hier auf Gerimor kennengelernt. Und es war eine Wohltat für meinen Geist gewesen, auch wenn es erschöpfend war, in solche Sphären eintauchen und die Gedanken herausfordern zu können... mit Worten zu hantieren. Still dankte ich der Clerica in Gedanken, dass sie diese Seite in mir wachgekitzelt zu haben schien, eine Seite, für die ich immer größeres Interesse und immer größere Leidenschaft entwickelte und die ich auch begann, auszuprobieren... und sei es auch nur, den Fokus zu bewahren oder die Argumentations...Argu... eben das, was ich in einer Unterhaltung verloren hatte.
In den Ausschweifungen des Geistes versunken, hatte ich gar nicht bemerkt, wie meine immer leichter werdenden Schritte mich zu Fays und Goswins Haus verbracht hatten. Ein aufmerksamer Blick zu den Fenstern, doch kein Licht war zu sehen. Wie eine angenehme Sommerbrise stahl sich ein Lächeln in meine Mundwinkel als ich mir bewusst wurde, dass ich von ganz alleine den Weg hierher gefunden hatte. Dieser Ort bedeutete so viel für mich. Es war diese kleine Kostbarkeit der "Offenheit", die ich mir hier leisten konnte, wo man mir keinen Strick daraus drehen oder man mich verurteilen würde. Hier würde niemand Gerüchte nur aufgrund einer einmal unbedachten, unbedarften Äußerung in die Welt setzen. Nein, hier... konnte ich ein wenig mehr ich selbst sein, auch wenn das nach den Schlachten, den Wirrungen des Krieges, wieder zurückerobert werden musste. Langsam kramerte ich in meinem Reisebeutel umher und suchte nach dem stillen Gruß, den ich beizeiten im Kasten meiner Freundin zurückließ, um zu zeigen, dass ich an sie dachte oder auch da gewesen war. Tatsächlich, einige letzte Stücke fanden sich und ich warf sie ein. Ob sie überhaupt wusste, dass ich es war? Vermutlich.
Es war schon später Abend und es würde bald dunkel werden. Nein, nein, ich wollte nicht schon wieder in Dunkelheit den Weg nach Hause suchen. Und so eilte ich schnelleren Schrittes gen Heimat. In die vertraute Umgebung. In jenes Dorf, wo mein Herz schlug und jenen Ort, den ich mit voller Überzeugung, aus tiefstem Herzen heraus auch Heimat schimpfen konnte. Dies war der Ort, wo man mich empfangen und aufgenommen, wo man mich vieles gelehrt hatte... und wo man mich stets dazu angehalten hatte, selber nachzudenken. Wo man mir ein wenig gezeigt hatte, wie ich mir selbst helfen konnte. Doch ein jeder Schritt, der mich näher an Düstersee heranbrachte, ließ ein mir vertrautes Bauchgefühl hochschlagen. Irgendetwas... würde anders sein. Irgendetwas würde passieren. Bald. Ich spürte es so deutlich wie ich die Bäume um mich herum sah. Das Gefühl war so deutlich wie damals, als... und auch als... 'Nein! Ruhe jetzt!', rief ich mich still zur Besinnung. In diesem Augenblick wollte ich mir den Luxus gönnen, mir selber etwas einreden zu können. 'Lass die Heimkehr nicht von so etwas trüben. Du hast dich doch mit jedem Tag darauf gefreut, wieder heimkehren zu können.' Allerdings kannte ich mich auch zu gut... erst einmal ein Gedanke gefasst, ein Entschluss oder auch eine Entscheidung, ich verfolgte sie immer mit sturer Entschlossenheit bis zum Schluss. Dickköpfig hatte man mich deswegen schon bezeichnet, stur und dumm. Oh ja, wie oft hatte man mir das vorgeworfen, dass ich dumm sei. So manches Mal glaubte ich sogar daran. Wieder keimte leiser Zorn in mir auf bei diesen Erinnerungen... und erstaunlicherweise verwandelte sich jener in eine gewisse Stärke. Das irritierte mich. Stärke und umso größere Entschlossenheit, aber für den Moment schüttelte ich jene Gedanken ab. Nein, alles mit seiner Zeit.
Während ich so die Tore durchschritt, fiel mir durchaus auf, dass Düstersee eine neue Bewohnerin besaß, aber das war das, was jeder erkennen konnte, der das Dorf kannte. Nichts, was mein Bauchgefühl erklären würde. In der Dorfmitte blieb ich stehen und schaute mich einige stille Momente um. Es war niemand zu sehen und es war für die Verhältnisse in Düstersee erstaunlich ruhig. Nein, damit wollte ich mich nicht beschäftigen. Nicht heute. Morgen war vielleicht Zeit dafür und ich ahnte mit nahezu tödlicher Sicherheit, dass das, diese Ahnung, die sich in mir ausbreitete, so gar nicht gefallen würde. Endlich kam ich an meinem kleinen Haus an, steckte stumm den Schlüssel ins Schloss und stieß die Türe auf. Irgendwer war hier gewesen und hatte saubergemacht und gelüftet. Überrascht hielt ich inne. War es das gewesen, was mir mein Bauch mit ohrenbetäubender Lautstärke hatte mitteilen wollen? Mit einem ergebenen Seufzer horchte ich hinein und fand keine Bestätigung. Nein, das war es nicht, aber das Geschrei entwickelte sich zu Bauchschmerzen, die sich in meinem ganzen Körper fast wie ein Feuer ausbreiteten, was mich verzehrte. Die Augen verdrehend, trat ich ganz ein und schob die Türe wieder ins Schloss. Offenbar duldete mein Bauch dieses Mal keinen Aufschub, zumindest nicht... einen so großen, wie ich es mir gewünscht hatte. Inbrünstig verfluchte ich diese "Gabe", die ich besaß und mich vor manchen Menschen und auch Ereignissen gewarnt hatte. Der prallvolle Reisebeutel wanderte in eine Ecke meiner Küche, wo ich mich sodann auch an den Küchentisch niederließ und mit einem leisen Grummeln die Auftragsarbeit besah, die sich dort befand. Irgendwie machte ich jene für die kleinen, unmerklichen Veränderungen verantwortlich, die ich verspürt hatte. Es war meine erste Auftragsarbeit, was mich nicht ganz ohne Stolz ließ, doch... wenn ich an andere Dinge dachte, dann...
Ein verzweifelter Seufzer entfloh meinen Lippen, während ich die Augen schloss und mir mit meiner linken Hand an die Stirn fasste. Diese verdammten Gedankensprünge machten mich manchmal noch wahnsinnig. Was hatte Fiete gesagt? "Wie ein junges Reh", seien meine Gedanken, man könne ihnen nicht immer folgen, so schnell sprangen sie umher. Dann verfluchte ich ihn genauso inbrünstig wie meine Gabe. 'Verdammter Kerl, wieso musstest du da Recht behalten?'
Wieder stiegen Erinnerungen in mir auf und ich wischte voller Wut die Bücher vom Tisch, die ich dort vor meiner Abreise habe liegen lassen; Werke über Dinge, die ich studieren sollte und welches ich gehorsam getan hatte. Dann kam mir die andere Arbeit in den Sinn, die als Tausch oder auch Bezahlung für etwas dienen sollte, dessen Wert ich vermutlich bis heute nicht erkannt hatte. 'Verdammt, das muss ich auch noch erledigen.' Ich öffnete wieder die Augen und griff auf das Aquarium hinter mir, dort, wo ein mit rotem Seidenband verschlossener Korb stand. Langsam und bedächtig öffnete ich ihn und betrachtete das Werk. Behutsame Fingerspitzen fuhren die Stickerei entlang, die ich am Saum eingearbeitet hatte und ließen die Gedanken wieder mal in ganz andere, dieses Mal klarere Bahnen schweifen. Das sorgfältig angefertigte Schreiben war fertig, es lag mit ihm Korb und wartete nur darauf, mitgenommen zu werden. Lediglich eine kleine freie Stelle konnte man erkennen, wo das Datum ausgelassen worden war. Oh, ich erinnerte mich sehr gut an die unzähligen Ansätze für das Schreiben, ich wollte, dass es fehlerfrei und frei von Makeln war, angemessen eben, doch als mir gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die meine eigene Person betroffen hatten, verließ mich der Mut, den Schrieb auch einem Boten mitzugeben. Tief in Gedanken versunken nahm ich nicht einmal war, dass das Herdfeuer brannte, welches ich nicht einmal entzündet hatte. Ich hatte große Angst, dass die Gerüchte auch jene Person erreicht haben könnten und mir unweigerlich Fragen stellen würde, denen ich mich erst später stellen wollen würde; dann, wenn andere Dinge erledigt sein würden und ich auch die Klarheit dafür besitze, mich mit ihnen zu beschäftigen. Es würde aber nichts helfen, nein. Was aber helfen würde, wenn ich dieses Mal keinen Boten beauftragen würde sondern ich meine eigenen Füße benutzte, um das Schreiben abzugeben. Keine Ohren, die wussten, wer der Absender war, kein Mund, der die Kunde, mit wem sie verkehrte, weitertragen und somit noch mehr Gerüchte entfachen konnte. Genauso sorgfältig, wie ich das Werk herausgeholt hatte, verstaute ich es wieder und nahm dabei den Brief heraus. 'Erst ankommen, dann kannst du ihn abgeben.', sprach ich mir entschlossen zu und legte ihn doch wieder in den Korb und verschloss ihn.
In dieser Nacht wie auch den mittlerweile gefühlt unzähligen Nächten zuvor würde ich kaum Schlaf finden können. Erinnerungsfetzen und Albträume holten mich noch immer ein und ließen mich jene Momente durchleben, die ich langsam begraben haben wollte.
Der Wind am Hafenbecken frischte auf und ich zog mein geliebtes Schultertuch enger zusammen. Dabei berührte meine Rechte jene Wunde, die sich im Verlauf der Reise zu einer Narbe entwickelt hatte; ich seufzte auf. Jene Narbe war Zeugnis dafür, welche Entscheidung ich getroffen hatte und damit auch, wem ich meine Treue darreichen wollte. Ich schluckte schwer als ich an jenen Moment der Klarheit im Lager dachte, als ich mir dessen bewusst geworden war; als mir bewusst wurde, dass alleine die Entscheidung, zur Heerschau zu erscheinen, ein Schritt getan wurde, der mit einem Teil meiner Vergangenheit endgültig abschließen würde. Niemand hatte es verstanden und auch niemand hatte es verstanden, warum es für mich so wichtig gewesen war, mir das Haar zu schneiden; jenes, was die Menschen in dem Land kannten, aus dem ich stammte. Niemand wollte es offenbar auch verstehen, sie sahen nur das "verschandelte" Haar und interessierten sich nicht wirklich dafür, was ich zu meiner "Verteidigung" zu sagen hatte. In fast schon maßloser Ungläubigkeit schüttelte ich mein Haupt, während ich da so am Hafenbecken stand, mich an Demians Ächtung erinnerte und einige Male die bekannte Bajarder Luft einatmete. Auch Tillys Worte klangen mir im Ohr nach.
Langsam setzte ich meine Schritte in Bewegung und musste an jene verhängnisvolle Gebäckstange denken, die man mir, vertrauensselig, wie ich meinen Leuten gegenüber doch war, zu essen gegeben hatte und das Haar so lang hat wachsen lassen, dass es am Ende gar länger war als vorher. Noch immer kam ein gewisser Zorn in mir deswegen auf, dessen Begründung viel vielschichtiger war. Es gab nur sehr, sehr wenige Menschen, mit denen ich mich über so etwas unterhalten konnte und mit denen man... in einen "Diskurs" über solche Themen gehen konnte. Es waren weniger als Finger an meiner Hand. Unweigerlich zuckten mussten meine Mundwinkel amüsiert aufzucken, als der Begriff in meinem Geist aufkam. Ich kannte ihn vom Hören und die Bedeutung hatte ich ebenso erst hier auf Gerimor kennengelernt. Und es war eine Wohltat für meinen Geist gewesen, auch wenn es erschöpfend war, in solche Sphären eintauchen und die Gedanken herausfordern zu können... mit Worten zu hantieren. Still dankte ich der Clerica in Gedanken, dass sie diese Seite in mir wachgekitzelt zu haben schien, eine Seite, für die ich immer größeres Interesse und immer größere Leidenschaft entwickelte und die ich auch begann, auszuprobieren... und sei es auch nur, den Fokus zu bewahren oder die Argumentations...Argu... eben das, was ich in einer Unterhaltung verloren hatte.
In den Ausschweifungen des Geistes versunken, hatte ich gar nicht bemerkt, wie meine immer leichter werdenden Schritte mich zu Fays und Goswins Haus verbracht hatten. Ein aufmerksamer Blick zu den Fenstern, doch kein Licht war zu sehen. Wie eine angenehme Sommerbrise stahl sich ein Lächeln in meine Mundwinkel als ich mir bewusst wurde, dass ich von ganz alleine den Weg hierher gefunden hatte. Dieser Ort bedeutete so viel für mich. Es war diese kleine Kostbarkeit der "Offenheit", die ich mir hier leisten konnte, wo man mir keinen Strick daraus drehen oder man mich verurteilen würde. Hier würde niemand Gerüchte nur aufgrund einer einmal unbedachten, unbedarften Äußerung in die Welt setzen. Nein, hier... konnte ich ein wenig mehr ich selbst sein, auch wenn das nach den Schlachten, den Wirrungen des Krieges, wieder zurückerobert werden musste. Langsam kramerte ich in meinem Reisebeutel umher und suchte nach dem stillen Gruß, den ich beizeiten im Kasten meiner Freundin zurückließ, um zu zeigen, dass ich an sie dachte oder auch da gewesen war. Tatsächlich, einige letzte Stücke fanden sich und ich warf sie ein. Ob sie überhaupt wusste, dass ich es war? Vermutlich.
Es war schon später Abend und es würde bald dunkel werden. Nein, nein, ich wollte nicht schon wieder in Dunkelheit den Weg nach Hause suchen. Und so eilte ich schnelleren Schrittes gen Heimat. In die vertraute Umgebung. In jenes Dorf, wo mein Herz schlug und jenen Ort, den ich mit voller Überzeugung, aus tiefstem Herzen heraus auch Heimat schimpfen konnte. Dies war der Ort, wo man mich empfangen und aufgenommen, wo man mich vieles gelehrt hatte... und wo man mich stets dazu angehalten hatte, selber nachzudenken. Wo man mir ein wenig gezeigt hatte, wie ich mir selbst helfen konnte. Doch ein jeder Schritt, der mich näher an Düstersee heranbrachte, ließ ein mir vertrautes Bauchgefühl hochschlagen. Irgendetwas... würde anders sein. Irgendetwas würde passieren. Bald. Ich spürte es so deutlich wie ich die Bäume um mich herum sah. Das Gefühl war so deutlich wie damals, als... und auch als... 'Nein! Ruhe jetzt!', rief ich mich still zur Besinnung. In diesem Augenblick wollte ich mir den Luxus gönnen, mir selber etwas einreden zu können. 'Lass die Heimkehr nicht von so etwas trüben. Du hast dich doch mit jedem Tag darauf gefreut, wieder heimkehren zu können.' Allerdings kannte ich mich auch zu gut... erst einmal ein Gedanke gefasst, ein Entschluss oder auch eine Entscheidung, ich verfolgte sie immer mit sturer Entschlossenheit bis zum Schluss. Dickköpfig hatte man mich deswegen schon bezeichnet, stur und dumm. Oh ja, wie oft hatte man mir das vorgeworfen, dass ich dumm sei. So manches Mal glaubte ich sogar daran. Wieder keimte leiser Zorn in mir auf bei diesen Erinnerungen... und erstaunlicherweise verwandelte sich jener in eine gewisse Stärke. Das irritierte mich. Stärke und umso größere Entschlossenheit, aber für den Moment schüttelte ich jene Gedanken ab. Nein, alles mit seiner Zeit.
Während ich so die Tore durchschritt, fiel mir durchaus auf, dass Düstersee eine neue Bewohnerin besaß, aber das war das, was jeder erkennen konnte, der das Dorf kannte. Nichts, was mein Bauchgefühl erklären würde. In der Dorfmitte blieb ich stehen und schaute mich einige stille Momente um. Es war niemand zu sehen und es war für die Verhältnisse in Düstersee erstaunlich ruhig. Nein, damit wollte ich mich nicht beschäftigen. Nicht heute. Morgen war vielleicht Zeit dafür und ich ahnte mit nahezu tödlicher Sicherheit, dass das, diese Ahnung, die sich in mir ausbreitete, so gar nicht gefallen würde. Endlich kam ich an meinem kleinen Haus an, steckte stumm den Schlüssel ins Schloss und stieß die Türe auf. Irgendwer war hier gewesen und hatte saubergemacht und gelüftet. Überrascht hielt ich inne. War es das gewesen, was mir mein Bauch mit ohrenbetäubender Lautstärke hatte mitteilen wollen? Mit einem ergebenen Seufzer horchte ich hinein und fand keine Bestätigung. Nein, das war es nicht, aber das Geschrei entwickelte sich zu Bauchschmerzen, die sich in meinem ganzen Körper fast wie ein Feuer ausbreiteten, was mich verzehrte. Die Augen verdrehend, trat ich ganz ein und schob die Türe wieder ins Schloss. Offenbar duldete mein Bauch dieses Mal keinen Aufschub, zumindest nicht... einen so großen, wie ich es mir gewünscht hatte. Inbrünstig verfluchte ich diese "Gabe", die ich besaß und mich vor manchen Menschen und auch Ereignissen gewarnt hatte. Der prallvolle Reisebeutel wanderte in eine Ecke meiner Küche, wo ich mich sodann auch an den Küchentisch niederließ und mit einem leisen Grummeln die Auftragsarbeit besah, die sich dort befand. Irgendwie machte ich jene für die kleinen, unmerklichen Veränderungen verantwortlich, die ich verspürt hatte. Es war meine erste Auftragsarbeit, was mich nicht ganz ohne Stolz ließ, doch... wenn ich an andere Dinge dachte, dann...
Ein verzweifelter Seufzer entfloh meinen Lippen, während ich die Augen schloss und mir mit meiner linken Hand an die Stirn fasste. Diese verdammten Gedankensprünge machten mich manchmal noch wahnsinnig. Was hatte Fiete gesagt? "Wie ein junges Reh", seien meine Gedanken, man könne ihnen nicht immer folgen, so schnell sprangen sie umher. Dann verfluchte ich ihn genauso inbrünstig wie meine Gabe. 'Verdammter Kerl, wieso musstest du da Recht behalten?'
Wieder stiegen Erinnerungen in mir auf und ich wischte voller Wut die Bücher vom Tisch, die ich dort vor meiner Abreise habe liegen lassen; Werke über Dinge, die ich studieren sollte und welches ich gehorsam getan hatte. Dann kam mir die andere Arbeit in den Sinn, die als Tausch oder auch Bezahlung für etwas dienen sollte, dessen Wert ich vermutlich bis heute nicht erkannt hatte. 'Verdammt, das muss ich auch noch erledigen.' Ich öffnete wieder die Augen und griff auf das Aquarium hinter mir, dort, wo ein mit rotem Seidenband verschlossener Korb stand. Langsam und bedächtig öffnete ich ihn und betrachtete das Werk. Behutsame Fingerspitzen fuhren die Stickerei entlang, die ich am Saum eingearbeitet hatte und ließen die Gedanken wieder mal in ganz andere, dieses Mal klarere Bahnen schweifen. Das sorgfältig angefertigte Schreiben war fertig, es lag mit ihm Korb und wartete nur darauf, mitgenommen zu werden. Lediglich eine kleine freie Stelle konnte man erkennen, wo das Datum ausgelassen worden war. Oh, ich erinnerte mich sehr gut an die unzähligen Ansätze für das Schreiben, ich wollte, dass es fehlerfrei und frei von Makeln war, angemessen eben, doch als mir gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die meine eigene Person betroffen hatten, verließ mich der Mut, den Schrieb auch einem Boten mitzugeben. Tief in Gedanken versunken nahm ich nicht einmal war, dass das Herdfeuer brannte, welches ich nicht einmal entzündet hatte. Ich hatte große Angst, dass die Gerüchte auch jene Person erreicht haben könnten und mir unweigerlich Fragen stellen würde, denen ich mich erst später stellen wollen würde; dann, wenn andere Dinge erledigt sein würden und ich auch die Klarheit dafür besitze, mich mit ihnen zu beschäftigen. Es würde aber nichts helfen, nein. Was aber helfen würde, wenn ich dieses Mal keinen Boten beauftragen würde sondern ich meine eigenen Füße benutzte, um das Schreiben abzugeben. Keine Ohren, die wussten, wer der Absender war, kein Mund, der die Kunde, mit wem sie verkehrte, weitertragen und somit noch mehr Gerüchte entfachen konnte. Genauso sorgfältig, wie ich das Werk herausgeholt hatte, verstaute ich es wieder und nahm dabei den Brief heraus. 'Erst ankommen, dann kannst du ihn abgeben.', sprach ich mir entschlossen zu und legte ihn doch wieder in den Korb und verschloss ihn.
In dieser Nacht wie auch den mittlerweile gefühlt unzähligen Nächten zuvor würde ich kaum Schlaf finden können. Erinnerungsfetzen und Albträume holten mich noch immer ein und ließen mich jene Momente durchleben, die ich langsam begraben haben wollte.






