Westwind
Verfasst: Mittwoch 19. September 2018, 18:46
Seed – Wonderful Life
Der Morgen graute und Mathilda stand am Ufer des großen Meeres ganz im Westen Gerimors. Der Wind wehte durch das offene blonde Haar und die Augen waren geschlossen. Immer mehr glich sich ihr Atem dem regelmäßigen Rauschen der Brandung an und ihr Sein verwob sich mit dem, was sie umgab. Es waren der Geschehnisse so vieler, dass sie das Bedürfnis spürte, zu sich selbst finden zu müssen…
The Common Linnets – Calm after Storm
Zuhause
Wie im Nebel waren die Bilder und Erinnerungen, die doch kaum einen Wochenlauf her waren, da sie Ivit und den Gläubigen der Temora verließ. Sie hatte Ivit versprochen, sich alle Seiten anzuhören, bevor sie sich einem Glauben oder einer Seite zusprach. Doch als sie dort ankam, sicher, dass ihr eigenes Herz noch offen und ihre Gedanken frei waren, merkte sie schnell, dass jedes missachtende Wort über die Menschen im Westen ihre Wege deutlicher sichtbar machte. Das Gespräch hatte tatsächlich zu einer Klarheit geführt, wenngleich Mathilda der Abschied von Ivit schmerzte. Ihr Herz schlug zuerst für den Menschen. Sie waren für sie greifbar und das wahre Lebenselixier. Da Ivits Herz mehr für das göttliche denn das menschliche Sein zu schlagen schien, mussten sich ihre Wege hier wohl trennen. Wut, Trauer und Zweifel kamen in ihr hoch und überwältigten das sonst so sonnige Gemüt. Mathildas ersten Schritte auf westlichen Boden beruhigten sie zu ihrem eigenen Erstaunen und das Lächeln und die Leichtigkeit ihres Seins kehrten mit jedem Fußabdruck auf dem weichen Waldboden mehr und mehr zurück. Lächelnd hielt sie inne, zog die Stiefel aus und als ihre nackten Füße den moosbedeckten Waldboden berührten, erfüllte sie ein Strom der Energie und eine Sicherheit, die ihr zuvor nicht aufgefallen war. Ihre Schritte wurden schneller und schon lief sie, rannte gar. Äste streiften ihre Arme, Farne umschmeichelten ihre Beine und ihr Atem wurde immer schneller. Hier und da übersprang sie über einen umgefallenen Baum, wich einer Felsengruppe aus, scheuchte einige Rehe auf und erst als sie Höhe Düstersees war, verlangsamte sie ihren Lauf und fiel rücklings auf eine Lichtung. Es dauerte eine Weile ehe sich ihr Atem wieder besänftigt hatte und sie drehte den Kopf. Durch die Bäume konnte sie die Lichter Düstersees sehen und die Wut hatte sich in eine neue Kraft gewandelt. Als sie noch immer nackten Fußes durch das Tor trat und den Wachen zunickte, die sie mittlerweile meistens erkannten, führte ihre Wege lächelnd an der Statthalterin Amtsstube, auf leisen Sohlen an Demians Haus vorbei, in welchem kein Licht mehr brannte und gen Hof. Die bekannten Geräusche beruhigten sie zunehmend und sie sah nochmal nach den Tieren. Ja, hier war sie Zuhause!
Mathilda öffnete die Augen und sah auf die See hinaus. Die kalte Meeresbrise hatte ihre ohnehin stets rosigen Wangen rot gefärbt und die grünen Augen leuchteten mit den saftigen Wiesen um die Wette.
Lia- Fair Game
Irrungen und Wirrungen
Ohne großartig nachzudenken, führte sie ihren jungen Hengst Rimus gen Bajard. Er musste kräftiger werden, bevor sie ihn an Sattel und Gewicht gewöhnen wollte. Doch kurz vor Bajard entdeckte sie Seyar, der in angespannter Haltung und mit düsteren Absichten, wie es schien, eine Freundin der Merats in der Mangel hatte. Mathilda wusste nicht damit umzugehen. Sie hatte mittlerweile viel über die Rabendiener gelesen, aber es war etwas anderes, den meist charmanten jungen Mann in solch Zustand zu sehen. Befremdlich erschien er ihr in jenem Moment, hätte sie sich nie wirklich vorstellen können, dass er jemanden Schaden zufügen würde. Würde er ihr auch so wehtun können? Selten hatte Mathilda mit ihrer Art die schweren Panzer der Menschen nicht zu durchbrechen gewusst und selbst, wenn es so nicht ging, hatte sie oft einen Keim in ihre Herzen gesetzt, der eines Tages aufblühte und ihr Eintritt verschaffte. Natürlich hatte sie das nicht absichtlich gemacht… es war immer so geschehen. Menschen, die sich verschlossen, zogen Mathilda magisch an, weil sie irgendetwas Unbestimmtes in ihr auslösten. Und Seyars Verhalten führte nun unweigerlich zum Handeln. Mathildas Zunge war wieder nicht zu bändigen und sie mischte sich ein… natürlich. Und sie wusste, dass es Ärger geben würde und wenngleich sie die meisten Konsequenzen meist erahnte, konnte sie zu oft in ihrem Leben nicht anders, als es dennoch zu tun. Es war der blinde Fleck. Mathilda wollte nicht mal unbedingt die Frau beschützen, sondern sich und ihr Bild von Seyar und womöglich sogar Seyar selbst. Und Seyar ließ tatsächlich ab. Vermutlich, weil sich sein Zorn nun gegen Mathilda selbst wenden würde. Eine Merat kam hinzu und beleidigte Mathilda zutiefst und wieder kam der meratsche Schmerz, der es schaffte, Wut, Zorn und Zweifel in das sonnige Gemüt zu pflanzen. Das, wovor Ivit sie bewahren wollte, hatte bereits die zweite Merat in wenigen Tagen erreicht. Ironie des Schicksals. Seyar riss sich vermutlich sehr zusammen, aber die Wut war augenscheinlich. Mathilda war natürlich kleinlaut, aber auch ein wenig Stolz. Der Keim war bereits unter seinem Panzer gesät und er ahnt es wohl nicht mal. Mathilda war es gewohnt, dass Menschen sauer auf sie waren. Es würde entweder vergehen oder sie würde die Menschen nie mehr wiedersehen. Das war schon immer so und vermutlich der Grund, warum Mathilda so sehr an eben den Menschen hing, die sie so nahmen, wie sie war. Es gab nicht viele Zuhause in einem Leben. Und so sehr es sie schmerzte, dass Seyar einfach davon ging und sie nicht wissen konnte, ob sie ihn jemals wiedersah, führten sie ihre Füße wieder zu jenem Ort zurück, der die Ruhe nach jedweden Sturm bedeutete. Mathilda legte ihre Stirn gegen die weichen Nüstern ihres noch jungen Pferdes und fühlte das weiche Fell unter ihren Fingern. Jeder Sturm legte sich… irgendwann.
Gerade wollte sie sich abwenden und nach Hause zurückkehren, als sie spürte, dass dort noch mehr schlummerte, das sich aber anders anfühlte. Also setzte sich an den Rand der Klippe und ließ die Beine baumeln.
Once upon a time in the west – Ennio Moccicone (Django Unchained)
Bierelementare, Whiskey und….
Terren hatte sie, zu ihrer Überraschung, eingeladen, um ihn in die Taverne in Rahal zu begleiten, die er öffnen wollte. Lingor, der Knecht der Frau Verrar, der sich soeben bei Mathilda wegen der guten Nachbarschaft vorgestellte hatte, begleitete die beiden. Mathilda war erst wenige Male in der für sie riesigen Stadt gewesen und wieder versetzten sie die Bauwerke in Erstaunen. Die Taverne war so, wie sie sich immer eine vorgestellte hatte. Statthalterin Crain und Shianna erschienen und die Vicaria kam und noch eine Fanras, die scheinbar nicht mit dem Merat-Fanras-Clan allzuviel zu schaffen hatte. Wirklich vertrauen konnte Mathilda ihr nicht, da sie aber in Begleitung der Statthalterin von Düstersee kam, wollte sie zumindest jener vertrauen. Es wäre sicher ein geselliger Tavernenabend gewesen, aus welchem Mathilda sichtlich betrunken nach Hause getorkelt wäre…. Hätte…könnte..wäre da nicht dieser Lethar gewesen! Mathildas erster Kontakt mit einem Letharen und er würde sie lehren, Respekt zu zeigen. Mathilda missachtete wieder einmal mehr ihre eigene Naivität. Es endete, wie Mathildas loses Mundwerk manchmal endete. Sie hatte ihren Zeigefinger behalten, aber die nächsten Nächte waren geprägt von wirren Träumen über Bier, welches wie ein Geist aus der Flasche tritt, von loderndem Feuer, welches das gesamte Hafenviertel niederbrennen wollte und stinkenden Donnerbalkenwesen, die sich in jede Nische der Nase festsetzten. Ein wenig viel für sie.
Wieder ließ sie den Blick über das Meer schweifen und betrachtete, wie sich das Spiel der Farben veränderte, nachdem in ihrem Rücken die Sonne aufging und das glitzernde Wasser in verworrene Bilder wandelte. Sie ging die Klippen hinab und sprang das letzte Stück zum schmalen Sandsteinstreifen.
My way – Elvis Presley
……und ein Handel
Der letzte Abend stahl ein Lächeln von ihren Lippen und sie dachte an den Tee mit verheerender Wirkung, an das Haus von Enomis, welches so heimisch auf sie wirkte, an die kurzen Haare von Auri und welche Dramen sich demnächst wieder zwischen ihr und Demian abspielen würden und sie dachte an Terren und Zukunftsdeutungen. Der Liebestee, den Simona mutig und vielleicht ein wenig naiv getrunken hatte, verfehlte seine Wirkung nicht und Mathilda spürte, dass es sie verunsicherte. In dieser Hinsicht war sie noch ein Kind und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass sich das ändern würde. Terren, als einziger Mann im Raum, wurde zum Objekt der Begierde Simonas und Mathilda beobachtete die Situation mit gemischten Gefühlen. Es öffnete eine Tür, die vorher noch fest verschlossen war. Sie hatte noch nicht so viel Kontakt zu Männern gehabt und der allererste Kuss schien auch in weiter Ferne. Die Männer, die sie umgaben, hatten diese Tür jedenfalls bisher nicht geöffnet. Demian war wie ein Vater, Seyar verschloss sich vor der Welt der Gefühle, dass daran nicht zu denken war, Verol schien hauptsächlich am Handel interessiert zu sein… Und mit viel mehr Männern hatte sie keinen längeren Kontakt gepflegt. Und das sollte auch so bleiben. Die Tugendhaftigkeit und Ehrlichkeit waren Güter, die einem Menschen wie ihr, die sonst nichts vorzuweisen hatte, alles waren. Wer war sie noch, wenn sie selbst jene verlöre? Terren verstand sie! Und sie fühlte sich nicht nur deswegen sehr wohl in seiner Nähe. Von ihm hatte sie nichts zu befürchten und so kam es zu jenem Handel, der beiden einen Schutz bieten sollte, derer andere vielleicht nicht mal bedurften. Da aber nicht nur der Wunsch nach Sicherheit in ihrer beiden Herzen schlug, sondern auch das Feuer des Abenteuers, gingen sie noch spät am Abend an den Waldrand – natürlich in Sichtweite der Wachen des Anstands wegen – und Terren zeigte ihr den ersten Umgang mit Pfeil und Bogen. Im Fackellicht schaffte es Mathilda irgendwann auch tatsächlich den Baum zu treffen – meisterlich, nicht! Terren lobte sie brav und seine Kommentare machten die Schießübungen, die ihre ganze Aufmerksamkeit forderten, nicht einfacher, da er sie des Öfteren zum Lachen brachte. Als sich Mathilda gewahr wurde, wie spät es schon war, brachte Terren sie heim und sie verabschiedeten sich. Mathilda lag kurze Zeit später im Bett und sah in den fast klaren Sternenhimmel. Es war der Anfang einer wunderbaren Abenteuerreise und eines sehr beruhigenden Handels…
Mathilda musste unweigerlich Lachen, schlüpfte aus den Stiefeln – sah sich kurz um und als keiner da war – auch aus der Hose und sprang ins kalte Nass. Die Brandung empfing sie eisig und als sie immer noch lächelnd aus dem Meer stieg, freute sie sich auf den Morgen auf dem Hof und rannte zurück, auf dass die goldene Mähne ein wenig trocknen würde.
Der Morgen graute und Mathilda stand am Ufer des großen Meeres ganz im Westen Gerimors. Der Wind wehte durch das offene blonde Haar und die Augen waren geschlossen. Immer mehr glich sich ihr Atem dem regelmäßigen Rauschen der Brandung an und ihr Sein verwob sich mit dem, was sie umgab. Es waren der Geschehnisse so vieler, dass sie das Bedürfnis spürte, zu sich selbst finden zu müssen…
The Common Linnets – Calm after Storm
Zuhause
Wie im Nebel waren die Bilder und Erinnerungen, die doch kaum einen Wochenlauf her waren, da sie Ivit und den Gläubigen der Temora verließ. Sie hatte Ivit versprochen, sich alle Seiten anzuhören, bevor sie sich einem Glauben oder einer Seite zusprach. Doch als sie dort ankam, sicher, dass ihr eigenes Herz noch offen und ihre Gedanken frei waren, merkte sie schnell, dass jedes missachtende Wort über die Menschen im Westen ihre Wege deutlicher sichtbar machte. Das Gespräch hatte tatsächlich zu einer Klarheit geführt, wenngleich Mathilda der Abschied von Ivit schmerzte. Ihr Herz schlug zuerst für den Menschen. Sie waren für sie greifbar und das wahre Lebenselixier. Da Ivits Herz mehr für das göttliche denn das menschliche Sein zu schlagen schien, mussten sich ihre Wege hier wohl trennen. Wut, Trauer und Zweifel kamen in ihr hoch und überwältigten das sonst so sonnige Gemüt. Mathildas ersten Schritte auf westlichen Boden beruhigten sie zu ihrem eigenen Erstaunen und das Lächeln und die Leichtigkeit ihres Seins kehrten mit jedem Fußabdruck auf dem weichen Waldboden mehr und mehr zurück. Lächelnd hielt sie inne, zog die Stiefel aus und als ihre nackten Füße den moosbedeckten Waldboden berührten, erfüllte sie ein Strom der Energie und eine Sicherheit, die ihr zuvor nicht aufgefallen war. Ihre Schritte wurden schneller und schon lief sie, rannte gar. Äste streiften ihre Arme, Farne umschmeichelten ihre Beine und ihr Atem wurde immer schneller. Hier und da übersprang sie über einen umgefallenen Baum, wich einer Felsengruppe aus, scheuchte einige Rehe auf und erst als sie Höhe Düstersees war, verlangsamte sie ihren Lauf und fiel rücklings auf eine Lichtung. Es dauerte eine Weile ehe sich ihr Atem wieder besänftigt hatte und sie drehte den Kopf. Durch die Bäume konnte sie die Lichter Düstersees sehen und die Wut hatte sich in eine neue Kraft gewandelt. Als sie noch immer nackten Fußes durch das Tor trat und den Wachen zunickte, die sie mittlerweile meistens erkannten, führte ihre Wege lächelnd an der Statthalterin Amtsstube, auf leisen Sohlen an Demians Haus vorbei, in welchem kein Licht mehr brannte und gen Hof. Die bekannten Geräusche beruhigten sie zunehmend und sie sah nochmal nach den Tieren. Ja, hier war sie Zuhause!
Mathilda öffnete die Augen und sah auf die See hinaus. Die kalte Meeresbrise hatte ihre ohnehin stets rosigen Wangen rot gefärbt und die grünen Augen leuchteten mit den saftigen Wiesen um die Wette.
Lia- Fair Game
Irrungen und Wirrungen
Ohne großartig nachzudenken, führte sie ihren jungen Hengst Rimus gen Bajard. Er musste kräftiger werden, bevor sie ihn an Sattel und Gewicht gewöhnen wollte. Doch kurz vor Bajard entdeckte sie Seyar, der in angespannter Haltung und mit düsteren Absichten, wie es schien, eine Freundin der Merats in der Mangel hatte. Mathilda wusste nicht damit umzugehen. Sie hatte mittlerweile viel über die Rabendiener gelesen, aber es war etwas anderes, den meist charmanten jungen Mann in solch Zustand zu sehen. Befremdlich erschien er ihr in jenem Moment, hätte sie sich nie wirklich vorstellen können, dass er jemanden Schaden zufügen würde. Würde er ihr auch so wehtun können? Selten hatte Mathilda mit ihrer Art die schweren Panzer der Menschen nicht zu durchbrechen gewusst und selbst, wenn es so nicht ging, hatte sie oft einen Keim in ihre Herzen gesetzt, der eines Tages aufblühte und ihr Eintritt verschaffte. Natürlich hatte sie das nicht absichtlich gemacht… es war immer so geschehen. Menschen, die sich verschlossen, zogen Mathilda magisch an, weil sie irgendetwas Unbestimmtes in ihr auslösten. Und Seyars Verhalten führte nun unweigerlich zum Handeln. Mathildas Zunge war wieder nicht zu bändigen und sie mischte sich ein… natürlich. Und sie wusste, dass es Ärger geben würde und wenngleich sie die meisten Konsequenzen meist erahnte, konnte sie zu oft in ihrem Leben nicht anders, als es dennoch zu tun. Es war der blinde Fleck. Mathilda wollte nicht mal unbedingt die Frau beschützen, sondern sich und ihr Bild von Seyar und womöglich sogar Seyar selbst. Und Seyar ließ tatsächlich ab. Vermutlich, weil sich sein Zorn nun gegen Mathilda selbst wenden würde. Eine Merat kam hinzu und beleidigte Mathilda zutiefst und wieder kam der meratsche Schmerz, der es schaffte, Wut, Zorn und Zweifel in das sonnige Gemüt zu pflanzen. Das, wovor Ivit sie bewahren wollte, hatte bereits die zweite Merat in wenigen Tagen erreicht. Ironie des Schicksals. Seyar riss sich vermutlich sehr zusammen, aber die Wut war augenscheinlich. Mathilda war natürlich kleinlaut, aber auch ein wenig Stolz. Der Keim war bereits unter seinem Panzer gesät und er ahnt es wohl nicht mal. Mathilda war es gewohnt, dass Menschen sauer auf sie waren. Es würde entweder vergehen oder sie würde die Menschen nie mehr wiedersehen. Das war schon immer so und vermutlich der Grund, warum Mathilda so sehr an eben den Menschen hing, die sie so nahmen, wie sie war. Es gab nicht viele Zuhause in einem Leben. Und so sehr es sie schmerzte, dass Seyar einfach davon ging und sie nicht wissen konnte, ob sie ihn jemals wiedersah, führten sie ihre Füße wieder zu jenem Ort zurück, der die Ruhe nach jedweden Sturm bedeutete. Mathilda legte ihre Stirn gegen die weichen Nüstern ihres noch jungen Pferdes und fühlte das weiche Fell unter ihren Fingern. Jeder Sturm legte sich… irgendwann.
Gerade wollte sie sich abwenden und nach Hause zurückkehren, als sie spürte, dass dort noch mehr schlummerte, das sich aber anders anfühlte. Also setzte sich an den Rand der Klippe und ließ die Beine baumeln.
Once upon a time in the west – Ennio Moccicone (Django Unchained)
Bierelementare, Whiskey und….
Terren hatte sie, zu ihrer Überraschung, eingeladen, um ihn in die Taverne in Rahal zu begleiten, die er öffnen wollte. Lingor, der Knecht der Frau Verrar, der sich soeben bei Mathilda wegen der guten Nachbarschaft vorgestellte hatte, begleitete die beiden. Mathilda war erst wenige Male in der für sie riesigen Stadt gewesen und wieder versetzten sie die Bauwerke in Erstaunen. Die Taverne war so, wie sie sich immer eine vorgestellte hatte. Statthalterin Crain und Shianna erschienen und die Vicaria kam und noch eine Fanras, die scheinbar nicht mit dem Merat-Fanras-Clan allzuviel zu schaffen hatte. Wirklich vertrauen konnte Mathilda ihr nicht, da sie aber in Begleitung der Statthalterin von Düstersee kam, wollte sie zumindest jener vertrauen. Es wäre sicher ein geselliger Tavernenabend gewesen, aus welchem Mathilda sichtlich betrunken nach Hause getorkelt wäre…. Hätte…könnte..wäre da nicht dieser Lethar gewesen! Mathildas erster Kontakt mit einem Letharen und er würde sie lehren, Respekt zu zeigen. Mathilda missachtete wieder einmal mehr ihre eigene Naivität. Es endete, wie Mathildas loses Mundwerk manchmal endete. Sie hatte ihren Zeigefinger behalten, aber die nächsten Nächte waren geprägt von wirren Träumen über Bier, welches wie ein Geist aus der Flasche tritt, von loderndem Feuer, welches das gesamte Hafenviertel niederbrennen wollte und stinkenden Donnerbalkenwesen, die sich in jede Nische der Nase festsetzten. Ein wenig viel für sie.
Wieder ließ sie den Blick über das Meer schweifen und betrachtete, wie sich das Spiel der Farben veränderte, nachdem in ihrem Rücken die Sonne aufging und das glitzernde Wasser in verworrene Bilder wandelte. Sie ging die Klippen hinab und sprang das letzte Stück zum schmalen Sandsteinstreifen.
My way – Elvis Presley
……und ein Handel
Der letzte Abend stahl ein Lächeln von ihren Lippen und sie dachte an den Tee mit verheerender Wirkung, an das Haus von Enomis, welches so heimisch auf sie wirkte, an die kurzen Haare von Auri und welche Dramen sich demnächst wieder zwischen ihr und Demian abspielen würden und sie dachte an Terren und Zukunftsdeutungen. Der Liebestee, den Simona mutig und vielleicht ein wenig naiv getrunken hatte, verfehlte seine Wirkung nicht und Mathilda spürte, dass es sie verunsicherte. In dieser Hinsicht war sie noch ein Kind und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass sich das ändern würde. Terren, als einziger Mann im Raum, wurde zum Objekt der Begierde Simonas und Mathilda beobachtete die Situation mit gemischten Gefühlen. Es öffnete eine Tür, die vorher noch fest verschlossen war. Sie hatte noch nicht so viel Kontakt zu Männern gehabt und der allererste Kuss schien auch in weiter Ferne. Die Männer, die sie umgaben, hatten diese Tür jedenfalls bisher nicht geöffnet. Demian war wie ein Vater, Seyar verschloss sich vor der Welt der Gefühle, dass daran nicht zu denken war, Verol schien hauptsächlich am Handel interessiert zu sein… Und mit viel mehr Männern hatte sie keinen längeren Kontakt gepflegt. Und das sollte auch so bleiben. Die Tugendhaftigkeit und Ehrlichkeit waren Güter, die einem Menschen wie ihr, die sonst nichts vorzuweisen hatte, alles waren. Wer war sie noch, wenn sie selbst jene verlöre? Terren verstand sie! Und sie fühlte sich nicht nur deswegen sehr wohl in seiner Nähe. Von ihm hatte sie nichts zu befürchten und so kam es zu jenem Handel, der beiden einen Schutz bieten sollte, derer andere vielleicht nicht mal bedurften. Da aber nicht nur der Wunsch nach Sicherheit in ihrer beiden Herzen schlug, sondern auch das Feuer des Abenteuers, gingen sie noch spät am Abend an den Waldrand – natürlich in Sichtweite der Wachen des Anstands wegen – und Terren zeigte ihr den ersten Umgang mit Pfeil und Bogen. Im Fackellicht schaffte es Mathilda irgendwann auch tatsächlich den Baum zu treffen – meisterlich, nicht! Terren lobte sie brav und seine Kommentare machten die Schießübungen, die ihre ganze Aufmerksamkeit forderten, nicht einfacher, da er sie des Öfteren zum Lachen brachte. Als sich Mathilda gewahr wurde, wie spät es schon war, brachte Terren sie heim und sie verabschiedeten sich. Mathilda lag kurze Zeit später im Bett und sah in den fast klaren Sternenhimmel. Es war der Anfang einer wunderbaren Abenteuerreise und eines sehr beruhigenden Handels…
Mathilda musste unweigerlich Lachen, schlüpfte aus den Stiefeln – sah sich kurz um und als keiner da war – auch aus der Hose und sprang ins kalte Nass. Die Brandung empfing sie eisig und als sie immer noch lächelnd aus dem Meer stieg, freute sie sich auf den Morgen auf dem Hof und rannte zurück, auf dass die goldene Mähne ein wenig trocknen würde.