Verfasst: Mittwoch 11. November 2009, 00:30
Der Morgen fing ja gut an. Sie wusste, was Adrian zu schaffen machte und machte sich bereit, gleich nach dem Morgengebet die Küche aufzusuchen und möglichst unauffällig dafür Sorge zu tragen, daß man ihm nicht arglos auch noch Essen mit Apfelanteilen aufnötigte und beleidigt war, wenn er sie unerwartet heftig ablehnte. Äpfel gänzlich aus seinem Umfeld zu verbannen, gerade jetzt zur Erntedankzeit, war so gut wie unmöglich, darüber war sie sich im Klaren. Und es gab eine Grenze, ab wann Adrian dann der Grund wäre, warum wiederum seine Umgebung zu leiden hätte... nein. Ein bißchen musste er sich schon zusammenreißen. So war sie dankbar, daß Viola von ihm übernommen wurde und sie einen guten Grund hatte, dieser Szenerie fern zu bleiben. Der kurze Blickwechsel reichte, um zu verdeutlichen, daß von Versöhnlichkeit zwischen ihr und Vio weiterhin nicht wirklich die Rede sein konnte. "Gossenfurie", schoß es ihr zum wiederholten Mal verächtlich und verärgert durch den Kopf. Ob Adrian Vio erklären konnte, was sie wirklich an dem Ganzen nachhaltig aufregte? Es ärgerte Darna schon, daß es einer Erklärung überhaupt bedürfte. Sie schob die Gedanken beiseite. Das Letzte, was sie hier im Haus wollte, war, die familiären Streitigkeiten und dicke Luft hier mit her zu schleppen. Von früher war ihr der Eindruck zurück geblieben, daß es nicht immer alles friedlich war - aber wenn es mal gewittert hatte, war es danach auch gut gewesen. Man hatte die Auflagen befolgt, und nie hatte es etwas gegeben, dessen Sinn man nicht wenigstens später begriffen hätte. Bei sich selber hatte sie mehrfach den Eindruck, sie konnte predigen, reden und schelten, soviel sie wollte... früher oder später stand sie vor einer Wand, und selbst wenn sie von dieser Stückchen einriß, baute sie sich wieder auf.
Schluß jetzt! Nochmal schob sie dieses Paket beiseite und suchte sich auf anderes zu konzentrieren.
Die Wurzeln
Auf dem Weg zum kleinen Hausaltar hielt sie vorne in der Diele inne. Sie hatte gestern bei der Ankunft gar nicht so sehr darauf geachtet, aber sie waren noch immer da: Das etwas wuchtig gerahmte Bild ihres Großvaters Leonbrand und seine aufgestellte Ritterrüstung. Sie sah das Bild an. Es hatte immernoch den gleichen Effekt: nach wenigen Lidschlägen zog sich ein Schauer von Ehrfurcht über Schultern und Rücken und das Kinn hob sich in Stolz und dem Willen, im Angesicht dieses Mahnmals ihrer Familienehre würdig zu sein. "Irgendwann soll da meine Rüstung hin." Eine Absicht, die sie fast so lange hatte, wie sie sich erinnern konnte. Verbunden damit war auch seit geraumer Zeit das Bewusstsein, daß dies erst nach ihrem Tod der Fall sein würde. Es tat gut, Vaters Bild nicht hier zu sehen, gleichzeitig fragte sie sich, ob von ihm eines existierte - bestimmt. Als sie sich umsah, stellte sie fest, daß etwas fehlte und eine gewisse Sorge beschlich sie, ob er weg gekommen war.
In einem der Flure dann Erleichterung: nein, hier stand er jetzt also; der hüfthohe sitzende Holzlöwe mit... sie stutzte. Dann musste sie lächeln. Nach wie vor hielt der Löwe unter einer Pranke ein unterarmlanges Wappenschild. Früher war es länger blank gewesen, bis ihr Vater sich nach seinem eigenen Ritterschlag entschlossen hatte, als Zeichen der Verbundenheit das Wappen von Schwertbergen darauf malen zu lassen. Nun hatte es dem Wappen der Freiherrschaft Elbenau Platz machen müssen. Darna sah den Flur längs und entdeckte mehrere Bilder: Ihr Vater, Siglinde, selbst eines von Veltin als erwachsenem Mann mit seinen Ritterinsignien war vertreten. In einem größeren Rahmen war ein Pergament sorgsam eingefasst, auf das der Stammbaum der Familie aufgemalt war. Darna trat näher, studierte es. Dieses Werk war ihr ebenso neu. Selbst Dinge, die sie selber nur eher flüchtig kannte, wie die Großeltern ihrer Mutter, waren darauf verzeichnet. Der eigentlich namhafte Teil ihrer Familie war eher klein und ein wenig musste sie über den Gedanken schmunzeln, daß hier der Eindruck einer großen, weit verzweigten Sippschaft erweckt wurde. Jedoch: Es waren Tatsachen, und die Bürger auch als Bürger kenntlich. Winzige Wappen waren bei den Rittern verzeichnet. Sie entdeckte unten ihren eigenen Namen. Ihr Wappen daneben. Durch einen leichten Unterschied in den Färbungen der Tinte ließ sich erkennen, daß Adrians Name nachträglich hinzugefügt wurde. Ein wenig auffälliger gestaltet, Zeichen von Anerkennung und Stolz. Das Pergament musste nach ihrer Adelung, aber vor ihrer Heirat gefertigt worden sein. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie und warum "alter Adel" die Familie von Elbenau als Emporkömmlinge betrachten musste. Mit nachdenklicher Mimik richtete sie sich wieder auf und sah erneut die Gemälde an. Ihres fehlte, und sie bedauerte, mit Estrella entsprechende Fertigungen zwar begonnen, aber nicht hartnäckig genug weiter verfolgt zu haben. Die Frage, ob sie noch rechtzeitig für all solches Sorge tragen würde, begleitete sie endlich zum Hausschrein.
Schrein, Altar... naja, fast jede Bezeichnung drohte hier übertrieben zu wirken, aber es war eben der Platz im Haus, den man nicht minder liebevoll wie alles der Herrin Temora gewidmet hatte: Auf einem Tisch ein penibel weißes Tuch mit von ihrer Mutter gefertigten Stickereien, die aus den Symbolen von Ankh, Adler und Schwert die Zier bildeten. Eine schmale Vase mit blauen Blumen aus Stoff, auf denen kein Stäubchen geduldet wurde und die zu passender Jahreszeit durch echte ersetzt wurden. Links schräg neben der Vase lag in feines Lammleder eingeschlagen ein schmaler Buchband, in dem der gesamte Kodex der Tugenden enthalten war. Dahinter die Statue aus fast weißem Steingut, die Temora darstellen sollte: Ein Frau mit Brünne und rockartigen wehenden Stoffbahnen - wie genau das Kleidungsstück beschaffen war, ließ sich kaum deuten, da die Figur einen bis zu ihrer Hüfte hochragenden Drachenschild mittig vor sich gestellt hielt, die linke Hand am oberen Rand. Stundenlang hatte Darna früher vor dieser Figur gehockt und gerätselt, ob das wirklich ein richtiger Rock war und sie deswegen weiter ihr Kleid tragen musste. Sie hatte sich nicht getraut, die Statue anzufassen und zu verschieben und sich fast den Hals verrenkt, um einen Blick auf die Rückseite zu erhaschen. Ein Rand aus Adlerfedern säumte die Arme der Figur, als wären die Arme fast Flügel, und die rechte Hand streckte schräg vor sich das Schwert in die Höhe. Auch die Haarpracht faszinierte dadurch, daß sie wie eine lose Haarmähne aussah, aber an der Oberfläche Gefieder zeigte. Fast wie ein Helm, aber auch wallend und schön.
Darna entrang sich ein leiser, andächtiger Seufzer, als sie dieses weitere Objekt ihrer kindlichen Bewunderung betrachtete. Sie wollte gerade ansetzen, niederzuknien, als sie innehielt - ihr Instinkt wies auf die Anwesenheit einer weiteren Person hin, welche sich auch bemüht gedämpft und unaufdringlich zu erkennen gab, noch bevor sie sich umdrehte:
Großer Bruder, kleine Schwester
"Darna? Darf ich an deinem Gebet teilhaben?" Lächelnd drehte sie den Kopf und sah ihren Bruder in der üblich ordentlich geschneiderten Kleidung, die ihm inzwischen wie ihrem Vater etwas edelmännisches verlieh, mit ein bißchen militärischer Steifheit. "Himmel, er sieht gut aus."
Es war ihr inzwischen fast selbstverständlich, daß ihr mit einem gewissen Respekt begegnet wurde, gleichzeitig war es gänzlich seltsam, daß ihr älterer Bruder sie in dieser Weise etwas fragte. Als stünde sie vorne. "Ich stehe vorne", machte sie sich selber nachdrücklich die Fakten klar. "Ich bin Paladin, es geht um's Gebet." Es konnte nicht lange dauern, doch für einen Moment verselbstständigten ihre Gedanken sich schon wieder:
"In was hab ich ihn eigentlich nicht überflügelt?
Ob er eifersüchtig ist?" Nein. Diese Frage konnte sie sich sofort selbst beantworten. Vielleicht unsicher gegenüber dieser Person, zu der sie sich entwickelt hatte und die er nicht mehr kannte, aber da ging es ihr genauso. Nichts an ihm deutete auf Neid hin. "Der Panther hat hier keinen Platz. Es geht auch ohne. Das ist die wahre Größe unserer Familie. Und ich bewunder ihn immer noch. Großer Bruder..."
"Du tust mir einen großen Gefallen damit", erwiderte sie und fragte sich, wie lange ihr diese Milde und Ehrlichkeit in der eigenen Stimme gefehlt hatte oder nicht so aufgefallen war. Sie fühlte sich wohl. Nach einem stummen bedächtigen Nicken beider beugten sie vor der kleinen Statue stellvertretend für die Göttin das Knie, schweigend besann sich Darna auf die Quelle des gerade vorherrschenden warmen Gefühls. "Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit knie ich nieder, um zu bitten um alles, was gut ist." Sie ließ wie gewohnt eine kurze Stille und vernahm, wie Veltin mit einem Atemzug Pause die Worte wiederholte. Es war nicht die Form eines Gebetes, wie sie hier gepflegt wurden, sondern sie hatte dieses Gebet einst während ihrer Knappschaft auf Felsenstein gelernt, doch ihr Bruder wiederholte ohne Zögern, im Einklang, vertrauend und andächtig. Sie waren eins, immernoch, wieder, und sie hatte Mühe, Tränen der Rührung zurückzuhalten. So klang ihre Stimme noch etwas tiefer, als sie fortfuhr - ob er es merkte? Sie holte Luft nach dem zweiten Vers, nach seiner Wiederholung, sie sah auf die Statue, doch glitt der Blick wesentlich weiter weg. "Für diese Menschen würde ich sterben. Hier bin ich Schild, kein sperrendes Ding. Daß ich das sein darf, dank ich dir."
Dem Hier und Jetzt ein Stück entrückt sprach sie mit traumwandlerischer Sicherheit weiter und griff zu dem Schwert, das da war und auch nicht. "Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit entbiete ich mein Schwert, um zu streiten für alles, was recht ist."
Veltin richtete seinen Blick auf den Ursprung, als es vor dem Altartisch etwas heller wurde. Was dort geschah, sah er in dieser Form zum ersten Mal in seinem Leben - Paladinen war er bereits begegnet, doch das Erscheinen eines Teiles ihrer wundersamen Rüstung... aus dem Nichts, ganz wie es tatsächlich das Gerede der Leute erzählte... das sah er hier wahrhaftig und so ganz wollte es ihm noch nicht in den Schädel, daß es irgendwo immernoch bloß seine kleine Schwester war, die dies war und sowas vollbrachte. "Ob Vater das je gesehen hat?", fragte er sich. Sein Blick fuhr über den mit silbriger dünner Kette umwickelten Griff, über die Adlerschwingen, die die Parierstangen bildeten und blieb auf der milchig hell schimmernden Klinge ruhen. Sie wirkte unendlich glatt, nur gewann er für einen Moment den flüchtigen Eindruck, als würden hauchdünne Linien Bilder auf der metallenen Fläche formen. Oben am Heft eine Menschengruppe, ein Bild der Familie... und er spürte mehr, als er erkennen konnte, daß auch er dabei zu sehen war. "Wir sind ein Teil von dem." Mit einem trägen Blinzeln war es vorbei, das Bild verschwunden, und er hörte sich selber, wie er erneut die Gebetsverse seiner Schwester wiederholte. Kurz fürchtete er, daß er nicht mal wusste, was er da sagte, aber er wusste es. Für alles, was recht war, ja.
Der Rest des Gebetes zog an ihm vorbei, auch wenn er hinter jedem Wort, das Darna sprach, mit ganzem Herzen stehen konnte - er hatte nichts anderes erwartet und schon seit Tagen dem entgegen gefiebert, sie so zu erleben. Die Gläubigkeit eines Paladins zu erfahren. Beide senkten sie den Kopf, bevor sie sich erhoben. Die stille Übereinkunft ließ sie dem Ort noch einen Moment Respekt zollen und sich still und bedächtig zur nächsten Flurecke begeben, ehe er wieder zu Worten fand. Worte, die ihm ebenso bereits seit Tagen auf der Zunge brannten und ihn sowohl unsicher dreinschauen wie auch spitzbübisch schmunzeln ließen. Durfte er hoffen?
Geschwisterstreit
"Ich hatte mich darauf gefreut, mit dir endlich einmal die Klingen zum Test kreuzen zu können. Allerdings weiß ich nun nicht, ob sowas einer Paladina auch erlaubt ist? Darfst du das Schwert nur zum Kampf ziehen?"
Darna nickte leicht und drohte damit fast seine Befürchtung zu bestätigen, doch konnte sie lediglich den Gedanken, der ihn bewegte, gut nachvollziehen. "Ich vermag es wohl nicht und würde niemals in meiner Rüstung und mit diesem Schwert zu einem Freundschaftsstreit antreten, aber mit passender Ausrüstung bin ich dabei." Sie lachte etwas und grinste dann selber: "Ich fürchtete schon, du würdest dich nicht trauen, zu fragen und ich müsste es."
"Ich glaube nur, deine Sachen von damals, die hier noch liegen, werden dir dafür nicht passen." Er legte den Kopf schief und erlaubte sich ein Necken: "Oder nur knapp..."
Knapp passen?! Als sie Elbenau verließ, war sie acht! Sie boxte freundschaftlich nach ihm und lachend gingen sie Sachen suchen. Zum Glück scheute sie sich in keiner Weise, Männersachen zu tragen und die flexibel verstellbaren Riemen erleichterten die Sache. Stumpf geschiffene Metallschwerter zum Üben sowie Schilde waren ohnehin genug vorhanden.
Vom Innenhof der Gutsgebäude klang Waffenlärm, der nach und nach die Bewohner anlockte. Waffengänge war man gewöhnt, auch wenn es länger keine gegeben hatte, aber daß dort Darna und Veltin miteinander stritten, machte wie ein Lauffeuer auf dem Gut die Runde. Selbst Siglinde ließ die Stickarbeit erst sinken und eilte schließlich nach unten, als sie ihre Kinder dabei ausmachte. Allerich stand schräg neben einer der beiden Säulen vor der Haustür und beobachtete das Ganze mit einer Miene überwachenden Ernstes wie auch väterlichem Stolz und einer Spur Wißbegier. Mit seinem Sohn hatte er sich früher schon gemessen, doch bei Darna wäre es ihm nie in den Sinn gekommen. Daß sie sich gut gelaunt an Veltin maß, bot die Gelegenheit der Beobachtung.
Auf eine der Halbtüren zu den Pferdeboxen gelehnt stand Hinrich und erweckte wie schon am Abend zuvor den Eindruck eines stummen aber aufmerksamen Beobachters aus der dritten Reihe. Obwohl sie in Kindertagen befreundet gewesen waren, hatte sie ihn noch nicht mal direkt begrüßt oder scheinbar nach ihm gefragt. Vermutlich hatte sie ihn vergessen. Oder über all den Trubel noch nicht daran gedacht, was er nicht einmal verübeln könnte. Er würde sich auch nicht aufdrängen - da vorne tauchte gerade ihr Mann, des Königs Onkel auf... und wer war er schon? Ein Kuchen klauender Stallbursche. Und sie, Darna, die kleine Ritterin, das Mädchen, das mit dem Schwert umgehen konnte... sich an die alte Bewunderung erinnernd, grub sich ein feinsinniges Schmunzeln in seine Mimik, das die Bewohner des Rittergutes schon lange an ihm kannten.
Der Kampf verlangte Hinrich Respekt ab - nach ersten testenden Schlagabtauschen wurden die Schwünge härter, für den Halblaien vollständig ausgeführt und laut krachten ein weiteres Mal die Schwerter aufeinander. Die Kämpfenden wirkten gelassen, doch konzentriert und ganz bei der Sache. Oh ja, das war ein schöner Anblick, der Herrin würdig. Als Darnas Waffe in einer Finte knapp vor Veltin durch die Luft sauste und nach einer Wende wieder mit stählernem Klang von seinem Schwert gestoppt wurde, der Rittersmann die Mühe das erste Mal mit einem hörbaren Keuchen quittierte, da ging ein Raunen durch die Zuschauer. Siglindes Miene wurde besorgt. Allerich blieb scheinbar gelassen.
Darna genoß den Kampf in vollen Zügen, auch wenn es allmählich anstrengend wurde. Veltin hatte mehrere Versuche darin investiert, sie zu entwaffnen und auf diese Weise zu gewinnen, und bei einem Quentchen weniger Kenntnis wäre es ihm gelungen. Gerade "rächte" sie sich dafür und setzte ihn unter Druck, wie sie Adrian unter Druck setzte, wenn er seine Scherze mit ihr zu treiben versuchte. "Wag es nicht, mit mir zu spielen." Sie spürte, wie ein Teil von ihr wieder drohte, sich in den Kampf zu verbeißen, und sie setzte die alte Übung dagegen, die Lockerheit zu bewahren, indem sie betete - nicht mehr laut, wie früher, bei Aradan... es hätte alleine diesem freundschaftlichen Wettstreit etwas zu rituelles, ernstes in den Augen der anderen gegeben... aber im Stillen nahm sie dem Kampf damit die tödliche Schärfe.
In einem Anflug von Wehmut hallten ihr Aradans ehemalige Worte durch die Gedanken und ein weiteres Mal empfand sie Dank dafür, daß er ihr überhaupt die Möglichkeit verschafft hatte, so heute hier mit dieser Gelassenheit kämpfen zu können; im Stillen widmete sie ihrem früheren Lehrer diese Augenblicke.
"Es war… eine sehr schöne Erfahrung, mit Eurem reinen Geist zu streiten, Knappin.“
"Danke, Sir."
Schluß jetzt! Nochmal schob sie dieses Paket beiseite und suchte sich auf anderes zu konzentrieren.
Die Wurzeln
Auf dem Weg zum kleinen Hausaltar hielt sie vorne in der Diele inne. Sie hatte gestern bei der Ankunft gar nicht so sehr darauf geachtet, aber sie waren noch immer da: Das etwas wuchtig gerahmte Bild ihres Großvaters Leonbrand und seine aufgestellte Ritterrüstung. Sie sah das Bild an. Es hatte immernoch den gleichen Effekt: nach wenigen Lidschlägen zog sich ein Schauer von Ehrfurcht über Schultern und Rücken und das Kinn hob sich in Stolz und dem Willen, im Angesicht dieses Mahnmals ihrer Familienehre würdig zu sein. "Irgendwann soll da meine Rüstung hin." Eine Absicht, die sie fast so lange hatte, wie sie sich erinnern konnte. Verbunden damit war auch seit geraumer Zeit das Bewusstsein, daß dies erst nach ihrem Tod der Fall sein würde. Es tat gut, Vaters Bild nicht hier zu sehen, gleichzeitig fragte sie sich, ob von ihm eines existierte - bestimmt. Als sie sich umsah, stellte sie fest, daß etwas fehlte und eine gewisse Sorge beschlich sie, ob er weg gekommen war.
In einem der Flure dann Erleichterung: nein, hier stand er jetzt also; der hüfthohe sitzende Holzlöwe mit... sie stutzte. Dann musste sie lächeln. Nach wie vor hielt der Löwe unter einer Pranke ein unterarmlanges Wappenschild. Früher war es länger blank gewesen, bis ihr Vater sich nach seinem eigenen Ritterschlag entschlossen hatte, als Zeichen der Verbundenheit das Wappen von Schwertbergen darauf malen zu lassen. Nun hatte es dem Wappen der Freiherrschaft Elbenau Platz machen müssen. Darna sah den Flur längs und entdeckte mehrere Bilder: Ihr Vater, Siglinde, selbst eines von Veltin als erwachsenem Mann mit seinen Ritterinsignien war vertreten. In einem größeren Rahmen war ein Pergament sorgsam eingefasst, auf das der Stammbaum der Familie aufgemalt war. Darna trat näher, studierte es. Dieses Werk war ihr ebenso neu. Selbst Dinge, die sie selber nur eher flüchtig kannte, wie die Großeltern ihrer Mutter, waren darauf verzeichnet. Der eigentlich namhafte Teil ihrer Familie war eher klein und ein wenig musste sie über den Gedanken schmunzeln, daß hier der Eindruck einer großen, weit verzweigten Sippschaft erweckt wurde. Jedoch: Es waren Tatsachen, und die Bürger auch als Bürger kenntlich. Winzige Wappen waren bei den Rittern verzeichnet. Sie entdeckte unten ihren eigenen Namen. Ihr Wappen daneben. Durch einen leichten Unterschied in den Färbungen der Tinte ließ sich erkennen, daß Adrians Name nachträglich hinzugefügt wurde. Ein wenig auffälliger gestaltet, Zeichen von Anerkennung und Stolz. Das Pergament musste nach ihrer Adelung, aber vor ihrer Heirat gefertigt worden sein. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie und warum "alter Adel" die Familie von Elbenau als Emporkömmlinge betrachten musste. Mit nachdenklicher Mimik richtete sie sich wieder auf und sah erneut die Gemälde an. Ihres fehlte, und sie bedauerte, mit Estrella entsprechende Fertigungen zwar begonnen, aber nicht hartnäckig genug weiter verfolgt zu haben. Die Frage, ob sie noch rechtzeitig für all solches Sorge tragen würde, begleitete sie endlich zum Hausschrein.
Schrein, Altar... naja, fast jede Bezeichnung drohte hier übertrieben zu wirken, aber es war eben der Platz im Haus, den man nicht minder liebevoll wie alles der Herrin Temora gewidmet hatte: Auf einem Tisch ein penibel weißes Tuch mit von ihrer Mutter gefertigten Stickereien, die aus den Symbolen von Ankh, Adler und Schwert die Zier bildeten. Eine schmale Vase mit blauen Blumen aus Stoff, auf denen kein Stäubchen geduldet wurde und die zu passender Jahreszeit durch echte ersetzt wurden. Links schräg neben der Vase lag in feines Lammleder eingeschlagen ein schmaler Buchband, in dem der gesamte Kodex der Tugenden enthalten war. Dahinter die Statue aus fast weißem Steingut, die Temora darstellen sollte: Ein Frau mit Brünne und rockartigen wehenden Stoffbahnen - wie genau das Kleidungsstück beschaffen war, ließ sich kaum deuten, da die Figur einen bis zu ihrer Hüfte hochragenden Drachenschild mittig vor sich gestellt hielt, die linke Hand am oberen Rand. Stundenlang hatte Darna früher vor dieser Figur gehockt und gerätselt, ob das wirklich ein richtiger Rock war und sie deswegen weiter ihr Kleid tragen musste. Sie hatte sich nicht getraut, die Statue anzufassen und zu verschieben und sich fast den Hals verrenkt, um einen Blick auf die Rückseite zu erhaschen. Ein Rand aus Adlerfedern säumte die Arme der Figur, als wären die Arme fast Flügel, und die rechte Hand streckte schräg vor sich das Schwert in die Höhe. Auch die Haarpracht faszinierte dadurch, daß sie wie eine lose Haarmähne aussah, aber an der Oberfläche Gefieder zeigte. Fast wie ein Helm, aber auch wallend und schön.
Darna entrang sich ein leiser, andächtiger Seufzer, als sie dieses weitere Objekt ihrer kindlichen Bewunderung betrachtete. Sie wollte gerade ansetzen, niederzuknien, als sie innehielt - ihr Instinkt wies auf die Anwesenheit einer weiteren Person hin, welche sich auch bemüht gedämpft und unaufdringlich zu erkennen gab, noch bevor sie sich umdrehte:
Großer Bruder, kleine Schwester
"Darna? Darf ich an deinem Gebet teilhaben?" Lächelnd drehte sie den Kopf und sah ihren Bruder in der üblich ordentlich geschneiderten Kleidung, die ihm inzwischen wie ihrem Vater etwas edelmännisches verlieh, mit ein bißchen militärischer Steifheit. "Himmel, er sieht gut aus."
Es war ihr inzwischen fast selbstverständlich, daß ihr mit einem gewissen Respekt begegnet wurde, gleichzeitig war es gänzlich seltsam, daß ihr älterer Bruder sie in dieser Weise etwas fragte. Als stünde sie vorne. "Ich stehe vorne", machte sie sich selber nachdrücklich die Fakten klar. "Ich bin Paladin, es geht um's Gebet." Es konnte nicht lange dauern, doch für einen Moment verselbstständigten ihre Gedanken sich schon wieder:
"In was hab ich ihn eigentlich nicht überflügelt?
Ob er eifersüchtig ist?" Nein. Diese Frage konnte sie sich sofort selbst beantworten. Vielleicht unsicher gegenüber dieser Person, zu der sie sich entwickelt hatte und die er nicht mehr kannte, aber da ging es ihr genauso. Nichts an ihm deutete auf Neid hin. "Der Panther hat hier keinen Platz. Es geht auch ohne. Das ist die wahre Größe unserer Familie. Und ich bewunder ihn immer noch. Großer Bruder..."
"Du tust mir einen großen Gefallen damit", erwiderte sie und fragte sich, wie lange ihr diese Milde und Ehrlichkeit in der eigenen Stimme gefehlt hatte oder nicht so aufgefallen war. Sie fühlte sich wohl. Nach einem stummen bedächtigen Nicken beider beugten sie vor der kleinen Statue stellvertretend für die Göttin das Knie, schweigend besann sich Darna auf die Quelle des gerade vorherrschenden warmen Gefühls. "Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit knie ich nieder, um zu bitten um alles, was gut ist." Sie ließ wie gewohnt eine kurze Stille und vernahm, wie Veltin mit einem Atemzug Pause die Worte wiederholte. Es war nicht die Form eines Gebetes, wie sie hier gepflegt wurden, sondern sie hatte dieses Gebet einst während ihrer Knappschaft auf Felsenstein gelernt, doch ihr Bruder wiederholte ohne Zögern, im Einklang, vertrauend und andächtig. Sie waren eins, immernoch, wieder, und sie hatte Mühe, Tränen der Rührung zurückzuhalten. So klang ihre Stimme noch etwas tiefer, als sie fortfuhr - ob er es merkte? Sie holte Luft nach dem zweiten Vers, nach seiner Wiederholung, sie sah auf die Statue, doch glitt der Blick wesentlich weiter weg. "Für diese Menschen würde ich sterben. Hier bin ich Schild, kein sperrendes Ding. Daß ich das sein darf, dank ich dir."
Dem Hier und Jetzt ein Stück entrückt sprach sie mit traumwandlerischer Sicherheit weiter und griff zu dem Schwert, das da war und auch nicht. "Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit entbiete ich mein Schwert, um zu streiten für alles, was recht ist."
Veltin richtete seinen Blick auf den Ursprung, als es vor dem Altartisch etwas heller wurde. Was dort geschah, sah er in dieser Form zum ersten Mal in seinem Leben - Paladinen war er bereits begegnet, doch das Erscheinen eines Teiles ihrer wundersamen Rüstung... aus dem Nichts, ganz wie es tatsächlich das Gerede der Leute erzählte... das sah er hier wahrhaftig und so ganz wollte es ihm noch nicht in den Schädel, daß es irgendwo immernoch bloß seine kleine Schwester war, die dies war und sowas vollbrachte. "Ob Vater das je gesehen hat?", fragte er sich. Sein Blick fuhr über den mit silbriger dünner Kette umwickelten Griff, über die Adlerschwingen, die die Parierstangen bildeten und blieb auf der milchig hell schimmernden Klinge ruhen. Sie wirkte unendlich glatt, nur gewann er für einen Moment den flüchtigen Eindruck, als würden hauchdünne Linien Bilder auf der metallenen Fläche formen. Oben am Heft eine Menschengruppe, ein Bild der Familie... und er spürte mehr, als er erkennen konnte, daß auch er dabei zu sehen war. "Wir sind ein Teil von dem." Mit einem trägen Blinzeln war es vorbei, das Bild verschwunden, und er hörte sich selber, wie er erneut die Gebetsverse seiner Schwester wiederholte. Kurz fürchtete er, daß er nicht mal wusste, was er da sagte, aber er wusste es. Für alles, was recht war, ja.
Der Rest des Gebetes zog an ihm vorbei, auch wenn er hinter jedem Wort, das Darna sprach, mit ganzem Herzen stehen konnte - er hatte nichts anderes erwartet und schon seit Tagen dem entgegen gefiebert, sie so zu erleben. Die Gläubigkeit eines Paladins zu erfahren. Beide senkten sie den Kopf, bevor sie sich erhoben. Die stille Übereinkunft ließ sie dem Ort noch einen Moment Respekt zollen und sich still und bedächtig zur nächsten Flurecke begeben, ehe er wieder zu Worten fand. Worte, die ihm ebenso bereits seit Tagen auf der Zunge brannten und ihn sowohl unsicher dreinschauen wie auch spitzbübisch schmunzeln ließen. Durfte er hoffen?
Geschwisterstreit
"Ich hatte mich darauf gefreut, mit dir endlich einmal die Klingen zum Test kreuzen zu können. Allerdings weiß ich nun nicht, ob sowas einer Paladina auch erlaubt ist? Darfst du das Schwert nur zum Kampf ziehen?"
Darna nickte leicht und drohte damit fast seine Befürchtung zu bestätigen, doch konnte sie lediglich den Gedanken, der ihn bewegte, gut nachvollziehen. "Ich vermag es wohl nicht und würde niemals in meiner Rüstung und mit diesem Schwert zu einem Freundschaftsstreit antreten, aber mit passender Ausrüstung bin ich dabei." Sie lachte etwas und grinste dann selber: "Ich fürchtete schon, du würdest dich nicht trauen, zu fragen und ich müsste es."
"Ich glaube nur, deine Sachen von damals, die hier noch liegen, werden dir dafür nicht passen." Er legte den Kopf schief und erlaubte sich ein Necken: "Oder nur knapp..."
Knapp passen?! Als sie Elbenau verließ, war sie acht! Sie boxte freundschaftlich nach ihm und lachend gingen sie Sachen suchen. Zum Glück scheute sie sich in keiner Weise, Männersachen zu tragen und die flexibel verstellbaren Riemen erleichterten die Sache. Stumpf geschiffene Metallschwerter zum Üben sowie Schilde waren ohnehin genug vorhanden.
Vom Innenhof der Gutsgebäude klang Waffenlärm, der nach und nach die Bewohner anlockte. Waffengänge war man gewöhnt, auch wenn es länger keine gegeben hatte, aber daß dort Darna und Veltin miteinander stritten, machte wie ein Lauffeuer auf dem Gut die Runde. Selbst Siglinde ließ die Stickarbeit erst sinken und eilte schließlich nach unten, als sie ihre Kinder dabei ausmachte. Allerich stand schräg neben einer der beiden Säulen vor der Haustür und beobachtete das Ganze mit einer Miene überwachenden Ernstes wie auch väterlichem Stolz und einer Spur Wißbegier. Mit seinem Sohn hatte er sich früher schon gemessen, doch bei Darna wäre es ihm nie in den Sinn gekommen. Daß sie sich gut gelaunt an Veltin maß, bot die Gelegenheit der Beobachtung.
Auf eine der Halbtüren zu den Pferdeboxen gelehnt stand Hinrich und erweckte wie schon am Abend zuvor den Eindruck eines stummen aber aufmerksamen Beobachters aus der dritten Reihe. Obwohl sie in Kindertagen befreundet gewesen waren, hatte sie ihn noch nicht mal direkt begrüßt oder scheinbar nach ihm gefragt. Vermutlich hatte sie ihn vergessen. Oder über all den Trubel noch nicht daran gedacht, was er nicht einmal verübeln könnte. Er würde sich auch nicht aufdrängen - da vorne tauchte gerade ihr Mann, des Königs Onkel auf... und wer war er schon? Ein Kuchen klauender Stallbursche. Und sie, Darna, die kleine Ritterin, das Mädchen, das mit dem Schwert umgehen konnte... sich an die alte Bewunderung erinnernd, grub sich ein feinsinniges Schmunzeln in seine Mimik, das die Bewohner des Rittergutes schon lange an ihm kannten.
Der Kampf verlangte Hinrich Respekt ab - nach ersten testenden Schlagabtauschen wurden die Schwünge härter, für den Halblaien vollständig ausgeführt und laut krachten ein weiteres Mal die Schwerter aufeinander. Die Kämpfenden wirkten gelassen, doch konzentriert und ganz bei der Sache. Oh ja, das war ein schöner Anblick, der Herrin würdig. Als Darnas Waffe in einer Finte knapp vor Veltin durch die Luft sauste und nach einer Wende wieder mit stählernem Klang von seinem Schwert gestoppt wurde, der Rittersmann die Mühe das erste Mal mit einem hörbaren Keuchen quittierte, da ging ein Raunen durch die Zuschauer. Siglindes Miene wurde besorgt. Allerich blieb scheinbar gelassen.
Darna genoß den Kampf in vollen Zügen, auch wenn es allmählich anstrengend wurde. Veltin hatte mehrere Versuche darin investiert, sie zu entwaffnen und auf diese Weise zu gewinnen, und bei einem Quentchen weniger Kenntnis wäre es ihm gelungen. Gerade "rächte" sie sich dafür und setzte ihn unter Druck, wie sie Adrian unter Druck setzte, wenn er seine Scherze mit ihr zu treiben versuchte. "Wag es nicht, mit mir zu spielen." Sie spürte, wie ein Teil von ihr wieder drohte, sich in den Kampf zu verbeißen, und sie setzte die alte Übung dagegen, die Lockerheit zu bewahren, indem sie betete - nicht mehr laut, wie früher, bei Aradan... es hätte alleine diesem freundschaftlichen Wettstreit etwas zu rituelles, ernstes in den Augen der anderen gegeben... aber im Stillen nahm sie dem Kampf damit die tödliche Schärfe.
In einem Anflug von Wehmut hallten ihr Aradans ehemalige Worte durch die Gedanken und ein weiteres Mal empfand sie Dank dafür, daß er ihr überhaupt die Möglichkeit verschafft hatte, so heute hier mit dieser Gelassenheit kämpfen zu können; im Stillen widmete sie ihrem früheren Lehrer diese Augenblicke.
"Es war… eine sehr schöne Erfahrung, mit Eurem reinen Geist zu streiten, Knappin.“
"Danke, Sir."