Verfasst: Mittwoch 15. Juli 2015, 14:16
- Weil ihr den Herrn verlassen habt,
wird er euch verlassen.
Bibel, 2. Buch der Chronik 24.20
Noch in der Nacht hatte ich bemerkt, dass sich etwas veränderte, ohne dass ich es hätte wirklich greifen können. Die Erkenntnis traf mich erst beim morgendlichen Gebet, auch wenn ich die halbe Nacht deshalb nicht hatte schlafen können.
Es ist erstaunlich, wie sehr es uns trifft, wenn plötzlich etwas fehlt, abhanden kommt oder sich von uns entfernt, was wir schon als Gewohnheit und Selbstverständlichkeit in unser tägliches Leben eingefügt hatten, weil es eben immer da war.
Mein Bemühen Ihn um Seinen Segen für den Tag zu bitten scheiterte kläglich und ließ mich entsetzt vor dem Altar zurück. Das einzige, was ich vernahm, der Stille im Tempel entgegen gesetzt, war ein sehr fernes… Rauschen? Grollen? Ich konnte es nicht einmal zuordnen, und es war nur kurz da, um mich besser darauf einstellen, um es genauer definieren zu können.
Ich kniete weiter vor dem Altar, starrte die Statue an und kämpfte schwer mit mir, meiner Furcht, dem Entsetzen, der Übelkeit und der in aller Deutlichkeit aufgezeigten Tatsache, dass wir wirklich versagt haben mussten.
In meiner vorhandenen Unbeholfenheit widmete ich mich zweifelsfrei wesentlich inbrünstiger dem nächsten Gebet, das ich dem ersten hintenanstellte aus meiner stillen Verzweiflung heraus, Er könnte sich ganz und gar zurück ziehen, so wie er es bei der Lethrusae bereits getan hatte.
Ich hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren, während ich dort kniete, fast schon bäuchlings vor dem Altar lag und mich mühte, Ihn zu erreichen, als ich wenigstens ein leises, kleines Quäntchen von dem mit meinem Geist zu fassen bekam, das für mich vorher schon zur Selbstverständlichkeit, ja, Gewohnheit geworden war. Auch hier musste ich erkennen, dass es alles andere als das war. Es war ein verfluchtes Privileg, das hohe Pflicht und Verantwortung mit sich brachte. Bei aller Bürde, die ich dadurch, wie jeder andere aus der Bruderschaft, oder gar von den anderen Höheren zu tragen hatte: Ich wollte dies unter keinen Umständen verlieren. Und so erwuchs aus dem anfänglichen Gefühlschaos Entschlossenheit.
Allerdings erschöpfte die Mühe mich genug, dass ich fast aus dem Sinn verloren hatte, worum ich gebeten hatte. Und als ich einige Zeit später ungelenken Schrittes den Tempel verließ, hatte ich bereits am Ausgang wieder vergessen, wo ich eigentlich hinwollte, und musste es mir erst mühsam in Erinnerung rufen.
Als ich am frühen Abend kurz mit Muireall darüber sprach und sie die Veränderung offenbar ebenfalls wahrgenommen hatte, war ich mir zumindest in einem sicherer geworden: Es würde nicht nur Je’yuxalae betreffen, sondern auch die anderen Kinder, genauso wie es nicht nur mich betraf, sondern die gesamte Bruderschaft und vermutlich auch noch Weitere.
Wie stets machte meine Waffenschwester einfach weiter, als hätte sich nichts verändert, auch ich verlor kein Wort darüber ansonsten. Erst beim kurzen Austausch mit Je’yuxalae erwähnte ich, dass die Veränderung nicht nur sie betraf, und hielt an meinem Entschluss fest, dass etwas getan werden musste, um die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen den Kindern und dem Reich gebildet hatte.
Fann erzählte ich noch davon, die daraufhin direkt die Bereitschaft zeigte, ihre eigenen Sorgen zurückzustellen, meine Seele. Ich war fraglos mehr als dankbar dafür, aber ändern konnten wir daran beide nichts für den Augenblick. Also hörte ich mir ihre Sorgen an, auch wenn sie diese herunterspielte und sehr verkürzt wiedergab.
Als wir zu Bett gingen, hatte ich für mich beschlossen all das ebenfalls mit ins Gespräch mit der Clerica zu nehmen, das ich am nächsten Tag mit ihr führen wollte. Wenn ich schon beginnen wollte den Hader mit den Letharen irgendwie auf ein gangbares Niveau zu bringen, dann konnte ich ebenso gut auch den beiseite schaffen, den ich sonst mit mir rumtrug und mit allem, was mich ärgerte aufräumen und von vorne anfangen. Warum also nicht auch dort.
- Die Illusionen verlassen nur langsam in einzelnen Tropfen das Herz.
Johann Nepomuk Nestroy