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Verfasst: Montag 4. Mai 2015, 16:40
von Dazen Wolfseiche
  • Ein Trick ist die praktische Anwendung von List.
    Prof. Dr. med. Gerhard Uhlenbruck

Wie so oft überschlugen sich die Ereignisse mal wieder. Zores hier, kleine Streitigkeiten da, ein bis zwei Überläufer, und zu allem Überfluss erhielt ich noch die Nachricht vom Verbleib der Lethrusae in Feindeshand. Nichts, wirklich nichts von all dem wollte mir gefallen, das Letzte am allerwenigsten. Der Dämon allein wusste, wie lange sie sie schon hatten und was sie mit ihr anstellten. Sie war immerhin kein Mensch, sie war in ihren Augen nicht zu retten und es war die Frage, war sie für uns noch zu retten?
Dass die Letharen die ihren nicht aus der Gefangenschaft befreiten, war mir nur zu klar. So konnte man sich auch den Schwachen entledigen. Ich wollte sie allerdings zurück haben. Nach kurzem Hin und Her und einigen Überlegungen holte ich den Gaul, eine Begleitung und machte mich auf den Weg zur Grenze Schwingensteins. Ich sorgte dafür, dass der Oberst eine Nachricht erhielt, dass ich mich dort befand, und die Zeit des Wartens setzte ein. Erfahrungsgemäß konnte das eine Weile dauern. Manchmal aber hielt das Leben ja auch Überraschungen bereit. Die Wartezeit hielt sich recht kurz, dafür folgte hiernach das Übliche. Also erfreute ich mich zumindest an der kurzweiligen kleinen Überraschung und widmete mich ansonsten der Verhandlung.
An und für sich war auch diese schnell vonstatten gegangen, und da wir ohnedies noch Zeit benötigten den gewünschten Lumpen zu besorgen, wollte ich mich gar nicht beschweren – auch wenn es mich nach wie vor immens störte die Lethra noch immer dort zu wissen. Ganz im Stillen schwor ich mir eine kleine Quittung dafür parat zu halten.

Nun, was sich der Herr Oberst wünschte: Ein Banner der Letharen aus alter Schlacht, um sich daran zu ergötzen. Nein, ich stellte mir nicht bewusst vor, wie er sich daran ergötzen würde. Wirklich nicht! Dieses unverschämte Bild drängte sich von ganz alleine auf. Und mit ihm die gewünschte herzerwärmende Idee der Romantik, die dieser Drecksack sich vorstellte.
Das Resultat daraus folgte auf dem Fuße. Kaum dass wir in Rahal angekommen waren, erhielt meine Begleitung den Auftrag zwei Dinge zu besorgen:

Ein Wandteppich mit dem Abbild Ahad Christophs und seiner Metze. Das zum einen.
Zum anderen eine kleine Herausforderung an den Schneider: Ich zeichnete aus einem der alten Nachrichten von Letharf zu Lethra oder umgekehrt, die sich noch im Haus befanden, einige Runen ab, ziemlich wahllos herausgegriffen. Was das Auge eben so als ‚nett‘ befand. Diesen Zettel gab ich mit.
Der Auftrag lautete: Fertigt ein Banner an, das möglichst letharisch wirkt, angekohlt ist, bestenfalls erfranzt und zerfressen, nutzt von mir aus auch marode Materialien dafür und bringt darauf unter allen Umständen diese Runen an.
Nun, die Ergebnisse, die man mir am Ende vorlegte, ließen sich sehen und taugten. Dass die Letharen kein Stück dafür herausgaben, war ein Umstand, der eigentlich auch dem gefallenen Templer klar sein musste. Eigentlich. Aber was scherte es mich, dass er daran vielleicht nicht einmal dachte.

Mit dem Objekt der offenkundigen Begierde, der Dreingabe aus reiner Nickeligkeit und dem Sinne für Romantik des Oberst, machen wir uns auf den Weg die Lethrusae abzuholen. Wir, das waren in dem Fall einige Prätorianer und ein Lethrixor, der ein reges Interesse daran hatte, die Lethra heim zu schleifen. Mir sollte es recht sein.
Als er sich die beiden Stücke zeigen ließ, die völlig sinnbefreite Runenaneinanderreihung sah, wurde mir auch gleich bestätigt, dass die Runen jeden Inhalts entbehrten. Ja, es wärmte mir schon jetzt das Herz.

Die Übergabe verlief wie erwartet. Es wurde sich ein wenig aufgeplustert, die Sachen übergeben, die Lethra übernommen, es wurde sich noch mehr aufgeplustert, die Wege trennten sich. Was mir zusätzlich eine Wonne war: Salberg kochte vor Zorn. Was auch immer vorgefallen war, dieser Zorn sorgte dafür, dass ich mich zu einem Lächeln hinreißen ließ.
Weniger erheiternd war dieser ganze rosa Firlefanz mit der die Lethra geschmückt worden war. Vermutlich sollte es eine Demütigung darstellen, für mich hatte es eher etwas von spielenden Kindern, die sich einmal an einem Kind des All-Einen austoben durften. Wer zur Hölle konnte so etwas als ernsthafte Demütigung sehen? Sei’s drum. Vielleicht fehlte mir dazu auch der nötige Humor oder die entsprechende Feinsinnigkeit, um diese Handlungsweise zu begreifen.
Wenn der Feind sich lächerlich machen wollte, bitte! Mir sollte es nur recht sein.

Ich hielt also fest: Wir tauschten erfolgreich eine hervorragende Heilerin gegen ein paar wertlose Lumpen, die nicht einmal annähernd das waren, wofür sie gehalten wurden. Wenn das mal nicht in Alatars Sinne war. Eines seiner Kinder gerettet, das obendrein noch nützlich war, und mit List und Tücke dem Feind das angedreht, was sie verdienten: Einen Fetzen von Nichts. Ein stiller, ganz leiser Triumpf, aber sicher nicht die Rechnung des Ganzen.

Und wie das Schicksal es manchmal eben so wollte, spielte es dem Guten in die Hände, dieses Mal in Form einer Forderung zu einem Duell. Ob dem Kerl bewusst war, dass er unter Stand war und Dinge heraufbeschwor, die er besser hätte ruhen lassen?
Diese Zahnkette hatte für mich keine Bedeutung, wohl aber für Je’yuxalae, die diese Dinger in mühsamer Arbeit zusammengetragen hatte; eine kleine Trophäensammlung, wenn man so wollte. Im Grunde handelte es sich hier also um eine Auseinandersetzung zwischen diesen beiden, denn sie besaß da noch ein Schild und Schwert, die ihm gehörten. Wieso er mich nun in diese Händel hineinzog, war mir schleierhaft. Es stellte sich auch die Frage, ob er sich überhaupt annähernd bewusst war, was er sich damit einbrockte. Vermutlich… nicht.
Weder war ich im Besitz der Dinge, die er erringen wollte, noch konnte ich sie von der Lethra einfordern. Ach was, ich wollte es nicht einmal. Und bitte, was war wohl nützlicher? Diese verdammte Kette fauliger Zähne oder ein Schwert und ein Schild? Trotzdem zauberte mir die Forderung schon wieder ein Lächeln ins Gesicht, während ein Plan in mir reifte. Ein Plan, mit dem der Kerl sicher nicht rechnete.
Ich warf den Pergamentbogen auf den Tisch, suchte einen sauberen und schrieb nur ein paar Zeilen darauf. Diese Nachricht sollte er erhalten. Alles Weitere? Würde sich zeigen, ob es sich umsetzen ließ.
  • List und Tücke gehören zusammen wie Zwillinge.
    Tücke führt aus, was List ersann.
    Waltraud Puzicha

Verfasst: Mittwoch 6. Mai 2015, 17:37
von Dazen Wolfseiche
  • Zorn ist göttlich. Gott zürnte schließlich und schickte
    deshalb die Sintflut, Soddom und Gomorrha…
    Erhard Blanck

Es reichte!

Das Maß war inzwischen voll. Es stank mir bis zum Himmel und ich schwor bei Alatar, ich würde für einen Ausgleich sorgen. Ja, ich schwor Rache. Sicherlich mussten wir uns alle damit abfinden Verluste hinzunehmen. Die gehörten zum Krieg dazu. Aber genug war irgendwann genug. Dieser Zeitpunkt war bei mir nun gekommen Ich hatte genug davon.

Es reichte!

Erst kam der Hosenscheißer mit einer Forderung zum Duell, zu der er nicht stand und sich stattdessen hinter den Röcken einer Frau versteckte, die Haaren auf den Zähnen hatte, und nun brachte er es tatsächlich fertig, einer Anwärterin meiner Gemeinschaft das Leben zu nehmen!

Es reichte!

Oh, ich schäumte über vor Zorn! Ich war zornig genug, um mir direkt die Rüstung anzulegen und dann loszuziehen, diese kleine Ausgeburt aus einer Kreuzung von Hase, Maus und Mimose zu suchen und ihm den Garaus zu machen! Die Welt gehörte einfach von diesem Leiden, dieser Warze auf der Erdenkruste, erlöst! Ein für alle Mal!

Es reichte!

In Bajard angekommen, wo das Desaster wohl seinen Anfang und auch Keyllas Ende genommen hatte, war dieser Salberg allerdings nicht mehr aufzutreiben gewesen. Zunächst stand die Überlegung im Raum, den direkten Weg nach Kronwalden einzuschlagen – nein, nicht allein, aber die Menge an Kampfkraft waren wir dennoch nicht. Das Überraschungsmoment wäre da gewesen. Mit voranschreitender Zeit aber reifte langsam aber sicher ein anderer Plan, just in dem Moment, als der Zornpegel für einen kurzen Moment nur ein klein wenig abflaute und Platz für Überlegungen ließ.

Es reichte!

Kurz darauf begegneten uns Hochnäsigkeit und Grenzdebilität in Person. Beiden wurde klar gemacht, worum es ging, beide bekamen den formschönen Auftrag diesem Daumenlutscher mitzuteilen, dass er, seine Familie, seine Frau, sein Haus, oder was auch immer sonst noch da war an dem er hing, brennen würde. Zeitnah. Danach suchten die Grazien lieber das Weite und kehrten dorthin zurück, wo sie hingehörten. Ins eigene Reich und Land.

Rache!

… genießt man am besten kalt. Und wie hatte ich vor sie zu genießen. Der Plan, der da reifte, würde ein wenig längere Vorbereitung benötigen. Aber ich wollte und würde ihn durchführen. Ob nun mit Hilfe oder ohne. Und dieser kleine, elendige Feigling würde lernen, was es hieß um jemanden zu fürchten, den er liebte. Er würde zusehen, wie jemand den er liebte, litt. Und danach, das schwor ich mir, sah er zu, wie jemand den er liebte, verreckte. Und wenn er glaubte, dass es dann zu ende wäre, dann sollte er kurz darauf schon feststellen, dass es damit erst begann. Hier würde ein neuer Akt für das Theaterstück geschrieben: Das Leiden des Keylon Salberg.

Rache!

„Du wirst sterben, Salberg. Stück für Stück. Erst im Innern, dann erst langsam die äußere Hülle. Stück für Stück. Und kurz bevor du verreckst, bereits bettelst, dass es vorüber sein möge, wirst du die Bekanntschaft mit den Raben machen, mit ihnen und ihrem Dämon. Du bezahlst mir für all das, was du und andere von deiner Art den meinen und mir angetan haben. Das schwöre ich.“
Eindeutig, dieser Mann hatte die falsche Zeit, die falsche Tat und den falschen Ort für sich gewählt. Ganz und gar.

Und so schickte ich am Folgetag einen Boten los, der nur eine Zeile am Haus Keylons hinterließ, durchgeschoben unter den Türschlitz:
  • Ich werde über dich kommen, stets dann, wenn du es nicht erwartest,
    stets so, wie du es nicht erwartest.


Mehr stand dort nicht geschrieben. Kein Name. Kein Siegel, nichts. Nur ein Streifen billigstes Pergament. Sollte der Bote gesehen und abgefangen werden zur Befragung, wer ihn schickte, hatte der nicht viel zu berichten. Ihm war nur ein Mann in einfacher, abgetragener Kleidung begegnet, dessen Gesicht mit Verbänden bedeckt gewesen war. Nur die Augen hatte er sehen können. Kalte, zornige graublaue Augen. Und groß war der Mann gewesen. Die Stimme hatte belegt geklungen, zornig, leise. Es war schwer gewesen zu verstehen, wohin die Nachricht gebracht werden sollte. Seinen Namen hatte er nicht genannt, und in Bajard war er ihm begegnet.
Damit erschöpften sich die Kenntnisse des Boten über den Absender.
  • Furcht hat ihren besonderen Sinn.
    Gotthold Ephraim Lessing

Verfasst: Montag 22. Juni 2015, 15:14
von Dazen Wolfseiche
  • Krieg und Hetzerei jeglicher Sorte
    ist Heimweh nach dem Wüsten.
    Peter Hille

Ich stand eine Weile schon vor einem der Schmierblätter. Aus dem Kopfschütteln kam ich nicht mehr heraus. Wäre das alles nicht so zum Schreien,  hätte ich vermutlich gelacht. Das Ganze nahm allmählich Züge  an, die an ein aufstampfendes kleines Kind erinnerte. Etwa an Phee, wenn sie etwas unbedingt wollte, aber gerade nicht bekam – und selbst die  kleine Kröte benahm sich in solchen Momenten deutlich reifer mit ihren drei bis vier Jahren.
Vermutlich war das aufstampfende kleine Kind als Bild sogar noch zu gering gewählt. Es wirkte eher wie eines, das sich auf den Boden warf, brüllte, schrie bis sich die Stimme überschlug und das Gesicht knallrot anlief, und gleichzeitig wild mit allen Vieren um sich schlug und trat. Der Bericht des Landsknechts unterstrich es noch auf eine sehr würzige Art und Weise.

Ich schämte mich. Ich schämte mich in Grund und Boden. Dieses Gebaren, das da jemand zeigte, der eine ganze Zeit lang den gleichen Stand innehatte wie ich, trieb mir wirklich die Röte ins Gesicht. Noch war mir nicht klar, ob ich mich deshalb schämte, weil ich mich über diese Zeit, die ich ihn kannte, stets vor ihn stellte, wenn der Feind oder sonst jemand über ihn herzog, ob ich sein Handeln nun für Idiotie hielt oder nicht, oder eben weil er auch das repräsentieren sollte, was die Bruderschaft  ausmachte und nicht nur in meinen Augen dabei auf ganzer Linie versagte. Wäre ich bei Letzterem alleinig der Meinung, hätte ich sicherlich noch weiter überlegt, ob diese Ansicht nur aus Antipathie zueinander geboren war, aber inzwischen stand die Bruderschaft geschlossen hinter dieser Meinung, ohne dass ich dafür irgendeinen Handschlag an Überzeugungsarbeit getan hätte. Das hatte er allein erreicht, oder eben dieses wütende Kind in ihm.

Es war mir nicht mal möglich darüber Zorn zu empfinden. Es war nur Scham vorhanden, davon reichlich. Das Schmierblatt vor mir nahm ich ab und drückte einem Burschen, der in der Nähe stand, eine Anzahlung in die Hand mit der Bitte sämtliche Aushänge abzunehmen und mir zu bringen, die er im Reich finden konnte. Für jeden Aushang bekam er eine feste Anzahl an Münzen. Ein kleiner Verdienst für seine Mühe, der sich lohnen würde.
  • Wer übler Nachrede lauscht,
    ist nicht besser als der Verleumder selbst.
    Aus Pakistan

Während ich das Pamphlet zusammen faltete, fragte ich mich wer dieser Hetzschrift Glauben schenken würde, ohne zu hinterfragen.

Genauso musste ich mich wohl fragen, was wir als Rat generell falsch gemacht hatten, bevor es zu der Eskalation kam. Die Antwort war denkbar einfach: Wir waren konsequent vorgegangen. Es war an und für sich unabwendbar gewesen, dass sich das Reich spaltete, sobald die von jedem geforderte Konsequenz tatsächlich auch erfolgte und die Größe an mancher Stelle fehlte sich ihr zu stellen. Ebenso wenig war es unabwendbar gewesen, da das Reich, dass sich einer Hierarchie verschrieben hatte, nicht bereit war dieser zu folgen und die daraus belegten Strukturen befolgte. Und das galt nicht nur für Einzelne, das galt fast für jeden zweiten und zog sich bis ganz oben hin durch wie ein roter Faden. Wenn es schon an guten Vorbildern fehlte, wie sollte der „kleine“ Bürger es dann besser wissen? Immerhin geriet ich selbst schon manches Mal ins Straucheln deshalb.
 
Vielleicht war es an der Zeit an dieser Hierarchie etwas zu rütteln und eine ganz klare Strukturierung zu schaffen, die keinen Zweifel mehr zuließ, und bei der auch niemand einfach reinfuschen konnte, der nicht reinzufuschen hatte. Vieles war auf ein Kompetenzgerangel zurück zu führen, das nicht aussterben und bereinigt werden wollte, weil sich ständig irgendwer stur stellte, sich für befugt hielt, und gewisse Grundsätze  nicht akzeptieren wollte – sei es aus Sympathiefragen heraus oder eben einem tatsächlichem Eingriff in die Befehlsstruktur von außen, der weder nötig noch berechtigt war.

Ich konnte zumindest vor mir behaupten, dass der Rat, so wie er da stand, für sich den Anspruch hatte, den Stimmen des Volkes unter dem Aspekt der Gebote und Gesetze gerecht zu werden. Dass wir vier uns dafür gelegentlich verbal regelrecht die Köpfe einschlugen, bekam niemand mit – was auch bei Licht besehen gut so war. Dass es nicht leicht war diesem Anspruch gerecht zu werden, stand auch außer Frage.
Wir taten uns nie leicht mit der Entscheidungsfindung, auch dann nicht, wenn diese im Grunde noch so gering war. Eine klare Einigkeit herrschte selten unter uns. Irgendwer hielt immer dagegen und wurde entweder überstimmt oder mit sinnvollen Argumenten überzeugt. Und dieser Jemand wechselte von Mal zu Mal, es war nicht so, wie viele vielleicht glaubten, immer die gleiche Person, die aufstand und aufbegehrte. Es war auch nicht immer leicht seine eigene Meinung zu vertreten, seine Bauchschmerzen kundzutun, seine Bedenken zu äußern, oder gar auf den Tisch zu hauen, wenn es zu weit ging. Noch schwieriger wurde es, wenn sich eine Situation derart zugespitzt hatte, da noch den Bogen zurück zum Ursprung zu finden – so wie dieser Versuch auch an dem Tag der Eskalation gescheitert war.

Als ich meine Schreibstube im Gemeinschaftshaus erreichte, setzte ich mich hinter den Schreibtisch und zog ein leeres Pergament hervor, nahm den Kohlestift zur Hand und begann mit einer freien Skizze der Hierarchie, und stellte Überlegungen an, wo es an Klarheit fehlte.
Fakt war, dass der Rat und die Ratsmitglieder als Einzelne in die Befehlsstruktur eingriffen, aus welchen Gründen auch immer, hatte für Unmut gesorgt. Dafür waren sogar Strafen verhängt worden. Das war klar ein Punkt, den es zu besprechen und ein für alle Mal klarzuziehen galt. Das Intervenieren in die Befehlsstruktur vor Ort musste aufhören. Einerlei welcher Grund vorherrschte. Der einzige Grund durfte sein, dass die Befehle das Reich sehr eindeutig in den Abgrund führten. Wann dies gegeben war, sollte vorher ebenfalls festgesetzt werden. Aber wie duldsam war der Mensch, wenn er ein ums andere Mal derart provoziert, gegängelt und herausgefordert wurde? Irgendwann würde selbst der lahmste Esel auskeilen und sich zur Wehr setzen. Bei dem Alter, den das Volk hatte, fehlte mir im Nachhinein die nötige Weitsicht das zu erkennen. Es fehlte mir die Weisheit im Umgang. Etwas, was unweigerlich dazu führte, dass hier von ihren Höheren nicht erkannt worden war, dass ein Volk wie die Menschen auf diese Weise nicht anzuführen war; schon gar nicht das alatarische Volk, das viel wert darauf legte, das Erreichtes die nötige Anerkennung fand, und das nicht nur vorm All-Einen selbst. Mochten sie sich für etwas Höheres halten, ihre eindeutige Fehlbarkeit war damit allzu offensichtlich geworden.

Mein Blick kehrte zu dem Pergament zurück, auf dem ich die Hierarchie grob skizziert hatte, genauso auch meine Gedanken. Es musste wohl an den Strafen gearbeitet werden. Es war nicht gut, die Öffentlichkeit dabei auszuschließen. Diesen Eindruck hatte ich schon das letzte Mal gehabt und ich fand ihn inzwischen mehrfach bestätigt. Wer Fehler beging, gerade auch die Höheren unter uns, musste in der Öffentlichkeit dafür gerade stehen, damit alle sahen, dass auch da nicht geschont wurde, dass es eben jeden treffen konnte. Dies war nun bei einem – ich muss wohl sagen ehemaligen – aus der Bruderschaft offen geschehen. Es war in meinen Augen nötig diesen Kurs fortzusetzen, auch wenn das am Ende des Tages vielleicht hieß, dass auch der Rat die Köpfe öffentlich hinhalten musste, wenn all das, wofür wir uns gerade versuchten stark zu machen, scheiterte.

Vielleicht war es auch eine Option die Öffentlichkeit mit hinein zu holen ins Boot und sie zu befragen, was für Ansätze sie sich vorstellen konnten, oder wie es vorangehen konnte. Mit Sicherheit wurden Stimmen laut, die dann riefen, wir täten es nur, weil wir nicht weiter wüssten, aber die gab es so oder so, und leise waren sie obendrein auch nicht. Vielleicht aber gab es auch die Sorte von Stimmen, die sich dadurch wahrgenommen fühlten, denen bewusst wurde, dass es uns um sie ging, nicht um uns selbst.

Ganz vielleicht sollte das Denken sich allgemein mehr auf das Volk konzentrieren, im Volk und vom Volk. Zweifelsfrei war es an der Zeit die Führung nicht nur als Aufgabe zu sehen, sondern sie auch zu leben. Ein Unterfangen, das mir vorkam wie eine sogenannte Balronaufgabe , so monströs, dass sie allein nicht zu bewältigen war – aber ich war ja nicht allein. Da waren einige, nicht nur der Rat, auch darüber hinaus, die das sicher mit unterstützten.
Mochte der All-Eine uns beistehen und uns leiten. Mochte er einen Ausweg aufzeigen aus dem Dilemma, denn gefallen wollte es keinem. Weder den Verbannten, noch uns. Und zu gewinnen hatte daran auch niemand etwas. Wirklich niemand.
  • Nachrede ist der Tribut,
    den man der Öffentlichkeit zollt,
    wenn man sich hervortut.
    Jonathan Swift

Verfasst: Donnerstag 2. Juli 2015, 14:24
von Dazen Wolfseiche
  • Ohne Zweifel keine Sicherheit.
    Jüdisches Sprichwort

Schwere Vorwürfe, mindestens ebenso schwere Selbstzweifel. Ich konnte die Bedenken zu meiner Tat nachvollziehen, hatte aber irrwitzigerweise bei dieser getroffenen Entscheidung bis dahin keine Zweifel gehabt. Und weil sie nun aufkamen, wurden sie zu einem Problem. Gut, die allein waren nicht das eigentliche Problem, sondern auch die, die mich ständig und immer wieder begleiteten. Natürlich kostete das Kraft, und das nicht nur mich.
Ich musste etwas daran ändern, und ich war darüber hinaus auch fest entschlossen dazu das zu tun. Natürlich änderte es nichts an meiner Furcht, versagt zu haben und dafür die Konsequenzen zu spüren zu bekommen. Das Mal vor den Stadttoren war Mahnung genug für mich. Ich hatte zwar die vage Hoffnung, dass es dabei blieb, glaubte aber nicht wirklich daran.
Reflektierte ich all das, was in den letzten Wochen vorgefallen war, konnte ich die Schuld an der Misere nicht allein den Kindern zuschreiben. Mittlerweile befand ich es allerdings für müßig, in der Vergangenheit herumzukrautern und zu schauen, was ich wo hätte anders machen können oder müssen. An den Fakten änderte es nichts mehr.
Mit dem neugefassten Entschluss die Zweifel bestmöglich hinter mich zu, entstand auch ein weiterer: Es war an der Zeit zu schauen, was in der Zukunft möglich war. Der Konflikt musste beigelegt werden. Hier war das „wie“ die Frage, und auch das „wer“. Wer war in der Lage die ersten Schritte in die richtige Richtung zu gehen – und was genau war die richtige Richtung für uns und das Reich?

Der Graben war tief, aber ich hielt ihn dennoch nicht für völlig unüberwindbar. Der letzte Angriff auf die Angurenfeste seitens der Kinder stand dem Ansinnen eine Brücke zu bauen entgegen. Damit war der Krieg im Grunde ausgebrochen, den wir angeblich begonnen hatten laut ihren Schmierblättern. Wieder waren die Aggressoren die Kinder gewesen. War das vielleicht der Grund für das Mal vor der Stadt? Eine Gänsehaut überzog meinen Rücken bei dem Gedanken. Was folgte erst, wenn der All-Eine seine Kinder schon zurechtgewiesen haben sollte?
Ich rief mir den Abend der Eskalation noch einmal ins Gedächtnis. Mein Handeln war ein Resultat der von mir geleisteten Eide. Ob sie nun gut und richtig waren, mochte der All-Eine entscheiden, aber ich hatte unter anderem geschworen mich um den Schutz der Templer zu bemühen, also war ich eingeschritten, als der Letharf die Clerica angriff. Ich bereute diesen Schritt nicht, denn ich hatte ebenso geschworen das Reich zu schützen. Gleichsam folgte ich dem Schwur die Gebote und Gesetze ein- und hochzuhalten, so gut ich es vermochte. Ja, ich hatte auch bekundet, die Kinder zu respektieren und zu achten. Tatsächlich war ich davon überzeugt genau das auch getan zu haben, auch wenn ich in dem Moment die Templerin zu schützen versucht hatte. Respekt und Achtung waren allerdings auch eine zarte Pflanze. Beides verlor sich schnell, wenn das Gegenüber nur darauf aus war, selbiges auszunutzen und mit Füßen zu treten.
Und die Frage, die ich mir dahingehend gestellt hatte, war eine sehr simple: War mein Gegenüber Achtung und Respekt wert, wenn er selbiges nicht zurück zu geben verstand und meine Bekundung mit Füßen trat? Der Mensch konnte einiges an Langmut an den Tag legen, doch wenn es ihm an die Existenz ging, endete jedes Entgegenkommen. Ich verbuchte mein Verhalten, meine Tat, als Überlebenswille für mich und für die Clerica, auch für die übrigen Altruisten. Und daran konnte ich nichts Falsches finden, denn die Gebote lehrten uns schon, dass wir uns im Kampfe schulen sollten. Nicht nur, um zu siegen, sondern auch zum Überleben. Denn nur wer überlebte, erhielt eine weitere Gelegenheit Sein Werk zu vollbringen.
Stellen wir doch einmal eine Tatsache fest: Seine Kinder waren längst nicht mehr. Seine Kinder waren Seine ersten Erwählten. Ihre Nachfahren waren das, womit wir es nun zu tun hatten. Und einerlei wie alt sie wurden: Sie waren genauso wenig fehlerlos wie die Menschen. Mochten sie noch so sehr von sich und der Tatsache überzeigt sein, mehr Einsicht in die Wünsche des Allmächtigen zu haben, so war ich mir nach all dem keineswegs mehr so sicher, dass die Behauptung stimmte.

Was also war die richtige Richtung? Wahrscheinlich nicht, ihnen diese Ansichten lauthals unter die Nase zu reiben. Es gab Wahrheiten, die wollten weder gesehen noch gehört werden. Und wenn es um Wahrheiten ging, verschlossen sie nur allzu gern die Augen davor und schoben die selbsterdachten und für sie vorteilhafteren „Wahrheiten“ nach vorne.
Es war schon amüsant, wie menschlich sie sich benahmen, wenn sie versuchten ihre eigenen Vorteile hervorzukehren und andere zu benachteiligen. Diese Art Egoismus gab es gar nicht so selten, egal, wohin man schaute.
Was also war die richtige Richtung? Vielleicht irgendwann ein Bündnis. Eines, das Sonderprivilegien zusprach, aber nicht in einem solchen Übermaß, wie vor dem Bruch. Eines, das uns selbige Sonderprivilegien vergönnte, ohne zurück zu stecken. Eine Begegnung auf Augenhöhe, mochten sie es für sich auch anders sehen – ich war mir sicher, das tat der ein oder andere auch für uns.
Welche Forderungen, damit es zu dem Bündnis kam, konnten durchgesetzt werden? Weder die Auslieferung, noch der Tot der Aggressoren, noch die Auslieferung der von der anderen Seite für schuldig befundenen Altruisten.  Es konnten nicht einmal Strafen gefordert werden, ohne dass die eine die andere Seite vor den Kopf stieß. Die Angelegenheit unter den Tisch fallen zu lassen, war aber ebenso wenig möglich. Eine Absetzung der aktuellen Altruisten und im Gegenzug des Meisters des Axorns? Brachte das eine Besserung, wenn die Posten neu besetzt wurden? Da stellte sich vermutlich die Frage, durch wen sie besetzt wurden.
Traurig am Ganzen war, dass ein jeder von uns an unseren Fehlern bemessen wurde, aber zu keiner Zeit mehr an dem, was Sinnvolles oder Gutes für das Reich auf den Weg gebracht wurde. Und damit meinte ich nicht nur die Altruisten, sondern auch die Letharen und die, die sich ihnen angeschlossen hatten, wer auch immer das alles sein mochte. Dankbarkeit war ein rares Gut, das niemals lange anhielt, wenn der eigene Egoismus mit den Entwicklungen nicht einverstanden war und diese obendrein nicht in den eigenen, beschränkten Horizont passten.

Was mich darauf brachte, wie feige diese Menschen doch waren, die sich auf ihre Seite schlugen. Sie hatten das Rückgrat einer Nacktschnecke, schafften sie es doch nicht offen zu ihrer Entscheidung zu stehen. Tatsächlich betrachtete ich diese Menschen mehr als Verräter, als die Letharen selbst. Verräter am Reich, am Glauben, am All-Einen und an sich selbst. Das waren in meinen Augen wirklich die niedersten Kremlinge, die ich mir vorstellen konnte. Aber auch für dieses verlotterte Pack musste eine Lösung her. Die Frage war nur, ob wir uns damit befassen mussten oder nicht? Nun, ja, mussten wir. Zumindest insoweit, dass wir nach wie vor eruieren sollten, wer alles dazu zählte.

Umso stolzer machten mich die, die Farbe bekannten – also all jene, die geblieben waren und für das Reich eintraten, nach wie vor. Tatsächlich auf all jene, die wacker die Fahne hochhielten, ausharrten, mit mehr oder weniger Geduld, die unterstützen, versuchten zu helfen, Vorschläge anbrachten, Ratschläge gaben, Ansichten mitteilten, aus denen etwas Neues erwachsen konnte. Ganz bei mir weilend, war ich besonders stolz auf meine Frau, die wirklich viel ertragen hatte bis hierher, mich nämlich neben allen weiteren Rückschlägen und Stolpersteinen.
Ja, es war an der Zeit an mir etwas zu ändern, ohne sie auszuschließen deshalb. Es würde mir gelingen, und wenn es das Letzte war, was ich tat. Ich tat es immerhin nicht nur für mich, sondern auch für den All-Einen, das Reich, und ja, auch für sie.
  • Stärke ist:
    -        zu seinen Schwächen zu stehen,
    -        an ihnen zu arbeiten,
    -        und sie zum eigenen Vorteil zu wandeln.
    unbekannt

Verfasst: Mittwoch 8. Juli 2015, 17:45
von Dazen Wolfseiche
  • Erst unser Herz gibt den Fügungen des Schicksals ihren Wert. Wirklich gewandt sein, heißt den Preis der Dinge kennen.
    François VI. Duc de La Rochefoucauld

Drei. Und genau diese Zahl gab mir Recht. Ich sollte stets auf meinen Bauch und meine Instinkte hören. Dort fand ich selten Zweifel. Wenn ich es recht betrachtete, waren es oftmals Einflüsse von außen, die die Zweifel mit sich trugen. Ich Narr hatte es stets zugelassen, dass sie sich einnisteten, wenn ich auf sie traf. Die Personen, die sie sähten, waren vielfältig. Die Gründe warum sie es taten, ebenso. Und je länger ich mich darauf konzentrierte und versuchte zu hinterfragen, gefielen mir die Gründe immer weniger.

Dazen, was warst du schwach gewesen dadurch. Du solltest dich was schämen.

Drei. Die Zahl gab mir Recht. Es gab Tage in der Vergangenheit, da waren es noch mehr in kürzester Zeit gewesen. Überraschend viele. Zwei davon waren just erst gegangen. Die Begründungen der einen brachten mich zur Weißglut. Es war für mich nichts anderes als fadenscheiniges Gewäsch, das die Wahrheit hinter diesen Worten verbarg. Allerdings fehlte es mir an Zeit und Muße die Wahrheit herauszufinden.

Du wirst sicher enttäuscht sein.

Das war ich. Sehr sogar. Aber ich hatte weder Lust noch Zeit mich damit zu befassen. Es würde neue Zweifel bedeuten und denen hatte ich abgeschworen. Mochte sie zur Hölle fahren mit ihrer Begründung und den Zweifeln, die sie hinter sich herschliff. Vorbei eine märchenhafte Zeit. Was auch immer ich an Empfindungen hatte, sie nahm sie an dem Abend mit, als sie den Eid brach und ging. Ich verzichtete darauf mich dazu irgendwem mitzuteilen. Überflüssig. Zeitverschwendung. Haken dran.

Keine Zweifel mehr, Dazen. Keine.

Drei. Die Zahl gab mir Recht. Die zweite, sie ging ohne ein Wort, ohne eine Ahnung zu hinterlassen, was nicht passte. Sie war noch keine Geweihte gewesen. Ihr Recht und ihre Entscheidung für sich festzustellen, dass sie kein Teil der Gemeinschaft mehr sein wollte. Enttäuscht war ich selbstredend auch hier. Aber ich war bei ihr genauso wenig bereit dazu mehr Zeit darauf zu verwenden, außer den einen Moment, in dem ich registrierte, dass ihre Entscheidung vermutlich am Ende auch meine gewesen wäre. Es war von Anfang an nicht viel Wille da gewesen. Zumindest wirkte es auf mich so. Ob es sich tatsächlich so verhielt, wusste sie allein. Kein Grund für mich da noch Rechenschaft zu fordern oder ähnliches. Wie dem auch war: Reisende hielt ich nicht auf.

Drei. Die Zahl gab mir Recht. Ich war gespannt auf den Abend, ob aus Dreien vielleicht sogar Viere wurden. Wobei eigentlich Nummer Vier bereits im Gemeinschaftshaus herumlief und still Arbeiten verrichtete, die ihr zugeteilt worden waren. Nur war sich mein Bauchgefühl da noch nicht so sicher, ob es sich ausging. So jung, die gute Seele. Dafür aber immerhin erträglich und verträglich. Ich sollte mich mit ihr mal in Ruhe unterhalten. Nicht heute, auch morgen nicht, aber bei nächster Gelegenheit. Es eilte nicht.

Wir hatten uns an einer Neustrukturierung versucht in der Gemeinschaft, oder nein, wir versuchten uns noch daran. Eine merkliche Änderung oder Veränderung nahm ich für mich nicht wahr – was mich i übrigen kein Stück überraschte. Eigentlich hing die meiste Arbeit nach wie vor bei mir. Allerdings musste ich mir dazu eingestehen: Ich konnte es ja auch nicht lassen. Es schien mir oftmals müßig die Leute weiterzuschicken, wenn sie mit Fragen kamen, weil die Tribune nicht da waren, ob nun wegen anderer Pflichten oder aus Privatvergnügen. Den Fragenden das Leben damit unnötig schwer machen und Dinge zu verzögern, die direkt erledigt werden konnten, wenn es nur einer einfachen Antwort bedurfte, fand ich blödsinnig. Sie dafür extra zu einem der beiden heim schicken, um nachzusehen, ob sie dort hockten, fand ich so umständlich wie unsinnig, wenn ich doch vor ihnen stand.
Trotzdem war ich nicht unzufrieden. Wenn sich eine von beiden zeigte, kümmerten sie sich auch, klaglos, direkt, ohne Umschweife, ohne Aufforderung, ohne murren und knurren. Sollte mir reichen, wenn es ihnen auch reichte. Die getroffenen Absprachen klappten, und wenn es in die Tiefe ging, kam auch kein Fragesteller um den Weg drum herum, der eben nötig war zu gehen. Und, toi toi toi, Entscheidungen stellten wir gegenseitig derzeit nicht in Frage.
Was ich allerdings nicht sah, war die Tatsache an dieser Gestaltung der internen Hierarchie irgendwas zu ändern, oder gar, die beiden direkt neben sich zu platzieren. Dafür taten sie mir dann doch zu wenig. Und bei aller Forderung, die vor kurzem dazu noch da war: Irgendwie glaubte ich nicht, dass die zwei das wirklich wollten. Denn dann wären sie eifriger dabei ihrer angedachten Aufgabe nachzukommen. Mir sollte es nur Recht sein. Ich hielt nach wie vor nichts von einer Führung zu dritt. Das Angebot es zu überdenken, wenn es gut lief, war von meiner Warte aus nur ein Schachzug gewesen, um erst einmal Ruhe zu haben. Ich ging sogar davon aus, dass die zwei das durchaus wussten, aber mittlerweile störte ich mich auch daran nicht mehr.

Interessanterweise sah ich alles deutlich entspannter, seit dem letzten Gespräch mit meiner Frau. Dafür war ich ihr äußerst dankbar. Vermutlich war ich sogar deutlich entspannter, weil ich mir nicht ständig Zweifel einreden ließ, oder auch selbst einredete.
Ich hatte mir einen ziemlich einfachen Plan gemacht:
Zu allem, was sich vor mir ausbreitete, wo ich Entscheidungen zu treffen hatte, oder wo ich begann mich unwohl zu fühlen, ging ich Folgendes durch:

Mochte ich das, was ich sah? Wenn ja, gut.
Wenn nein, wollte oder konnte ich daran etwas ändern? Wenn ja, gut, dann ging ich es an.
Wenn nein, wollte ich es so hinnehmen oder verließ ich die Situation? Wenn ja, nahm ich es hin.
Wenn nein, verließ ich die Situation und kehrte ihr den Rücken zu, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
Ich begann folglich damit für mein eigenes Wohlbefinden zu sorgen und zwar in einer durchaus egoistischen Art und Weise, die eben nur mich und mein Wohlbefinden betraf. Natürlich wägte ich bei möglichen Veränderungen, die nötig waren, ab, ob andere sich damit auch wohlfühlen konnten und für alle Betroffenen ein Gewinn dabei herauskam. Fand ich keine Lösung, die der Mehrheit zusprach, verließ ich die Situation. So einfach war das. Aber in erster Linie dachte ich dabei an mich. Es gab keine Lösung, der ich zustimmte, wenn ich mich selber unwohl fühlte. Und damit ging es mir deutlich besser.

Noch etwas änderte ich: Wenn ich ernsthaften Rat suchte, blieb ich bei einer Person, meiner Frau nämlich. Je mehr ich dafür hinzugezogen hatte in der Vergangenheit, desto größer waren die Zweifel am Ende gewesen. Das war nicht mal die Schuld derer, die mir Rat gegeben hatten, sondern ganz allein meine eigene. Ich hatte mir oft genug und nur zu bereitwillig damit die Zügel aus der Hand nehmen lassen, den Rat nicht als solchen genommen, sondern als etwas gesehen, dass so getan werden sollte, ohne dass ich diese Überzeugung innerlich selber teilte. Gefällig sein, nannte sich das wohl. Ich schätze, damit hatte ich zwar den anderen einen Gefallen getan, aber mir selbst nicht.
Selbstkritisch betrachtet war ich mir selbst nur auf halbem Wege treu geblieben, und ich befand, es war an der Zeit das zu berichtigen.
So rückten einige Personen, die ich vormals höher stellte (ob sie dort hingehörten oder nicht), auf Augenhöhe zurück. Manche rückte ich auch zum ersten Mal seit ich sie kannte auf eben diese Position und stellte für mich fest, dass das langsam aber sicher mehr als angebracht war.

Ich hielt mich nach wie vor nicht für perfekt, hatte noch genug zu lernen, aber ich war bei weitem nicht mehr der naive Bauernjunge, der vor Jahren hierher gefunden hatte. Inzwischen hatte ich in vielem genug Erfahrungen gesammelt, hatte ein solides Netz gespannt, dass mich informiert hielt (manchmal sogar ungewollt) und hatte mich zweifelsfrei verdient gemacht. Denn wäre dem nicht so, säße ich wohl nicht da, wo ich saß. Ich hielt mich deshalb nicht für etwas Besseres, oder gar Wichtigeres, Titel und Status hin oder her, aber es zeigte mir dennoch, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Wäre dem so, hätte seine Heiligkeit anders gewählt. Ich begann darauf zu vertrauen, dass die Entscheidungen diesbezüglich nach Befähigung getroffen worden war. Was noch viel wichtiger war, ich begann mir selbst zu trauen.
  • Wer zur Gemeinschaft unfähig ist, der ist es auch zur Freundschaft.
    Platon

Verfasst: Mittwoch 22. Juli 2015, 16:06
von Dazen Wolfseiche
  • Die Bande des Lebens sind Bande der Tugend,
    und sie zerreißen, wo der Mensch Gottes nicht achtet.
    Johann Heinrich Pestalozzi
Die Beben ließen den Landstrich nicht los. Inzwischen war der Ursprung herausgefunden worden und die Evakuierung Düstersees eingeleitet. Ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn das einträte, was Muireall so schwarz in den Raum gemalt hatte. Allerdings weigerte ich mich zu glauben, dass der All-Eine dieses Ende für uns alle vorgesehen hatte. Wenn, warum dann die Strafe? Oder war es nur ein Vorgeschmack darauf, ein Einläuten des tatsächlichen Endes gewesen? Nein, dann hätte Er nichts gewonnen, wir auch nicht. Das würde bedeuten Temora und ihrem Anhang das Feld zu überlassen. Ich weigerte mich, es zu glauben.

Ich erinnerte mich an die Zeit zurück, wo ich die ersten Beben auf Gerimor miterlebte. Es war kurz nach meiner Ankunft hier gewesen, oder nicht allzu lang danach jedenfalls. Seit etwa zwei Monden hatte ich meinen Platz in der Gemeinschaft behauptet und war damit höchst zufrieden. Ich ließ mich manchmal mehr und manchmal weniger bereitwillig führen und fühlte mich sicher. Daran trug auch die Führung einen sehr großen Anteil. Ich traute Cha’xyrol zu den richtigen Weg zu wählen. Genauso verhielt es sich mit einigen anderen, die mir bis dahin begegnet waren.
Dann kam der Tag an dem der Alka vom All-Einen hingerichtet wurde. Ein Bild, das mich niemals mehr loslassen sollte, bis heute nicht. Vermutlich würde es mich noch begleiten, bis ich starb. Es war eine stete Mahnung, was geschah, wenn wir fehlgingen.
In den Jahren hatte sich viel getan. Sehr viel. Mittlerweile war ich nicht mehr der unbescholtene und unerfahrene Bauernlümmel, sondern Ritter des All-Einen. Ich war Ritter und vom Alka in den Rat berufen worden. Ich führte die Gemeinschaft, die einst dem Clericus gehörte, das sogar schon lange bevor ich irgendwelche Würden erlangte. Die Sicherheit, die ich in der Führung anderer fand, rückte nach und nach immer weiter in den Hintergrund in all der Zeit und füllte sich damit, dass ich anderen versuchte diese Sicherheit zu geben. Alatar wusste, wie schwer das war. Er wusste auch, wie schwer es mir fiel, vor mir selbst dieser Rolle gerecht zu werden. Trotzdem versagte ich mir inzwischen jeden Zweifel an meinen Entscheidungen. Daran hielt ich auch weiterhin fest. Was mir diese Wahl indes schwerer machte, als ich dachte, war die Tatsache, dass der All-Einen sich nach wie vor distanziert hielt. Inzwischen ging ich dazu über das, was ich von ihm erbat, anderweitig zu erreichen. Stärke, Schutz, den Segen für die Waffe. Es gab für alles einen Ersatz, wenngleich auch unzulänglichen. In der gegenwärtigen Situation konnte ich mir die Konzentrationsschwäche einfach nicht leisten, wenn ich es doch wagte, mich in ein tieferes Bittgebet zu begeben. Und die Stoßgebete erreichten Ihn zuweilen gar nicht. Dass es mich noch immer aus der Bahn warf, wenn ich es doch versuchte, merkte ich an dem Bittgebet auf dem Marktplatz.
Danach fühlte ich mich ausgelaugt, mir war zum Kotzen übel und auf den Beinen konnte ich mich auch nur mäßig halten. Aber ich war es eben nun, der Sicherheit geben sollte, also hatte ich das Gebet angestimmt.

Am gleichen Abend, als ich das getan hatte, lag ich im Bett, dämmerte irgendwann auch in den Halbschlaf hinein, und die Erinnerungen, die wieder aufstiegen, lagen bestimmt schon zehn ohne ein paar Jahre mehr zurück. Ich durchträumte Erlebtes noch einmal, so wie es eben im Gedächtnis geblieben war.
  • Der Dorfplatz bestand aus einem Brunnen und festgetretener harter Erde, wenn es trocken war. Regnete es, stand der halbe Platz unter Wasser und Schlamm. Heute war einer der guten Tage. Die Sonne ging gerade auf, der Himmel war klar, und in ein paar Stunden würde es einen Markt hier geben, zu dem auch die Leute aus den Nachbardörfern herkamen. Manche waren dann bereits zwei oder drei Tage unterwegs, um hier ihre Ware anzubieten.

    Mit ihnen kamen auch die Kinder. Jungs, Mädels, vom Krabbelalter bis zum Jugendalter hin. Für uns Jungs hieß das, das Revier verteidigen. Bis dahin beschäftigten wir uns aber anderweitig. Einer der Burschen hatte eine Mulde mit einem Stock in die Erde gekratzt und etwas weiter weg befand sich eine Linie hinter der nun Jonas stand und versuchte mit seiner Holzmurmel möglichst die Mulde zu treffen. Zu beiden Seiten am Rand standen etwa acht bis zehn Jungs und ein Mädchen, die ihn entweder anfeuerten oder mit Schmährufen versuchten abzulenken. Oben an der Mulde stand ich und behielt im Auge, dass niemand schummelte.
    Unter den Kindern gehörte ich nicht zu den Ältesten. Es gab zwei drei Jungs, die mindestens ein oder zwei Jahre älter waren als ich. Mein jüngerer Bruder war auch darunter und fieberte gerade für Jonas. Wir waren so vertieft ins Spiel, dass wir gar nicht mitbekamen, wie eine alte Vettel mit ihrem Eselskarren auf dem Dorfplatz eintraf und dort mit Hilfe eines Knechts aus unserm Ort ein Zelt aufbaute. Es war nicht groß, dafür aber unsagbar bunt. Erst als das Zelt aufgebaut war und der Knecht einen Tisch und zwei Stühle hineintrug, fiel es einem von uns auf. „Eine Wahrsagerin!“

    Damit war jedes Murmelspiel gestorben. Wir sammelten alle unsere Holzknicker auf und steckten sie in die Hosentaschen. Das einzige Mädchen im Bunde stand zwischen Jonas und mir und starrte mit großen Augen zum Zelt rüber. So groß, dass ich fast schon lachen musste.
    Ana war anders. Sie wollte eigentlich lieber ein Bursche sein. Sie fand Mädchensein doof und hing sich deshalb regelmäßig an unseren Hosenbund. Das störte uns nicht weiter, außer wenn mal wieder zwei oder mehr der Hand voll Älteren ein Auge auf sie geworfen hatte. Dann gab es ungeschönte Keilerei, meistens mit herber Enttäuschung im Anschluss, weil Ana einen Dreck auf den Sieger dabei gab, auf den Verlierer übrigens auch. Sie hatte da ganz eigene Ansichten zu.
    Ich ging das anders an. Da sie mir gefiel, sorgte ich eben dafür, dass ich sie allein traf, bewies Geduld, die ich nicht hatte, und wurde irgendwann sogar belohnt. Jetzt stand sie neben mir und rüttelte an meiner Schulter und wiederholte aufgeregt und zugleich ehrfürchtig: „Eine Wahrsagerin!“
    „Ja, die vermutlich ungeheuer viel Münzen will, bevor sie dir überhaupt was sagt. Soviel haben wir doch gar nicht.“ – „Du bist so ein Spaßverderber.“
    Irgendwer, ich glaube, es war sogar mein Bruder, traute sich etwa zwei drei Stunden später die Alte zu fragen, was sie für ihre Künste verlangte. Drei Silberlinge. Für so einen Bauernbursche eine Menge Holz. Und ob die Eltern sich erweichen ließen, das stand auf einem ganz anderen Blatt. Wie Kinder aber so sind, stoben wir alle auseinander, verabredeten uns am gleichen Ort in einer halben Stunde, und versuchten unser Glück. Da waren sogar die Kinder aus den anderen Dörfern vergessen – und die vergaßen darüber auch uns. Plötzlich herrschte eitle Einigkeit. Erst die Zukunft, dann die Keilerei!

    Es musste an der Sonne gelegen haben. Unsere Eltern waren gnädig. Nur zwei hatten nichts bekommen und hatten Pech. Für die beiden legten wir unsere letzten Ersparnisse zusammen, so dass wir alle gehen konnten. Was verdiente sich diese alte Vettel an diesem Tag eine goldene Nase an uns.
    Wir aus Meran, wir waren schon ein abergläubisches Völkchen. So eine Gelegenheit wollte sich hier eigentlich keiner entgehen lassen. Selbst die Erwachsenen zeigten ein reges Interesse, hielten sich aber zurück und trauten dem Braten nicht. Kinder waren da naiver und unbedarfter.
    Da wir mit den Nachbardorfkindern doch einige waren, holte uns die Alte immer in Dreiergrüppchen rein. Natürlich waren wir aufgeregt. Ich glaub, unser Jüngster, Pitju, gerade mal sechs, machte sich vor Aufregung sogar in die Hosen, was natürlich für reichlich Gelächter sorgte.

    “Du bist zum Führen geboren. Aber hüte dich fehlzugehen, denn das wird dein Ende sein.“

    Natürlich verstand sich die Alte darauf sich allgemein zu halten. Das ging uns als Kinder aber nicht auf. Das war sogar etwas, was mir heute noch abging bei diesen Kartenlegern und Wahrsagern. Ihre Botschaft für mich ließ mein Herz wie wild pochen.

    Stunden später versuchte meine Mutter mir das auszureden, mir die Aufregung zu nehmen, mich zu beruhigen. Aber für mich gab es von diesem Tag an kein Halten mehr. Ich prügelte mich um die Vorherrschaft in der eigenen Bande, ich setzte mich mit aller Sturheit überall durch, wo es mir gestattet wurde, und irgendwann, einige Jahre später, packte ich die Sachen und ging.
„Diese verfluchte Alte hat mich auf den Weg gebracht, den ich dann in aller Sturheit weitergegangen bin.“ Als ich die Augen aufschlug, fragte ich mich, wer sie war.
  • Kein Mensch, kein Gott löset die Bande,
    mit denen die Untat sich selber umstrickt.
    Franz Grillparzer

Verfasst: Freitag 11. September 2015, 15:43
von Dazen Wolfseiche
  • An jedem Eingang steht die Ehrfurcht.
    Hans Much

Nach dem Gespräch im Gemeinschaftshaus, am Ende mit Laurus, also bereits spät in der Nacht, beschloss ich noch eine Runde durch die Stadt zu gehen. Schlaf hätte ich eh nicht so bald finden können und ein paar Momente ganz allein zu sein, schien mir just in dem Augenblick, als mich die kühle Nachtluft empfing, wie ein unermesslicher Schatz.
Auf Grund der Umstände vor der Ankunft des zurückgekehrten Alkas hatte ich darauf verzichtet das Petrol der Bruderschaft anzulegen und mich für meine eigene Farbe, das Grün, entschieden. Darüber war zu keiner Zeit ein Wort verloren worden, worüber ich im Nachhinein vermutlich sogar dankbar sein konnte. Dass in so kurzer Zeit sich so viel auf einmal ereignete, gab erstmal  zu denken.

Ich nahm den Orden ab und rieb das Metallstück mit den Fingern, drehte es etwas und schlenderte weiter durch das gerade erreichte Tempelviertel. Es war still, die Bewohner schliefen bereits, vermutlich seit Stunden.
Der Rat war leicht umstrukturiert worden, war zum Beraterstab seiner Heiligkeit geworden, wobei wir alle noch nicht wussten, wie sich das nun darstellen würde. Es hatte mir nicht zugesagt, dass es wirken musste, als hätte er den Schatten des Panthers Recht gegeben, was die Hauptmann betraf. Da er diese Entscheidung für einen notwendigen Schritt erachtete, war ich ein getreulicher Ritter, der das Urteil dazu hinnahm, aber ich persönlich hätte einen anderen Zeitpunkt gewählt und eine ehrenhafte Entlassung angestrebt. Nun ja, wer oder was war ich schon, die Entscheidung anzuzweifeln. Wer war mein Knappe, das zu tun, denn genau das war sein Signal gewesen, als er sich Scarlett anschloss. Verdammt sollte der Sturkopf sein! Und wer hatte damit jetzt die Arbeit? Sein Ritter.

Ich blieb auf dem Friedhof stehen und sah zu den beiden Grabstätten vor mir hinunter. Wie brachte ich also einem Mann bei, dass seine Entscheidung nicht sehr glücklich gewählt gewesen war? Selbst Scarlett hatte das erkannt und ihm zu schweigen geboten, aber wie Korlay nun einmal war, setzte  er seinen Sturschädel ohne weitere Gedanken daran zu verschwenden durch. Sein Gerechtigkeitsempfinden war so übermäßig ausgeprägt, dass es ihm nicht gelang zumindest für den Moment darüber hinwegzusehen und die Situation noch einmal in Ruhe und sehr gründlich zu überdenken.
„Gut, Dazen, dann bring ihn dazu – aber wie?“
Dieser Holzkopf. Er stand kurz vor der Schwertleite. Ich wusste nur zu gut, was ihn getroffen hatte, konnte es aufzählen, nachvollziehen, wenn nicht gar verstehen. Trotzdem war er eben mehr als nur Gardist und hatte diversen Pflichten für das Reich angenommen, mehrere – nein, sogar sehr viele. Seine Handlung war ein offener Affront, den er sich nicht erlauben durfte. Als derzeitiger Statthalter nicht, als Knappe nicht, als Gardist an sich ebenso wenig, aber darüber sah seine Heiligkeit noch drüber hinweg. Noch. Eigene Befindlichkeiten zählten in solchen Momenten nicht. Das hatte Korlay  noch nicht gelernt und würde es nun verinnerlichen müssen, wenn er nicht scheitern wollte.

Ich zog aus meinem Beutel einen ziemlich ramponierten Zettel heraus, riss ein sauberes Stück ab und nahm einen Kohlestift zur Hand, schrieb nur eine kurze Notiz darauf:

Erwarte dich am Abend zu einem Gespräch bei mir zuhause, Knappe. D.W.

Savars Grabstätte taugte als Schreibunterlage nur mäßig, aber mehr gab es hier eben nicht, das wenigstens annähernd eignete. Nachdem die Zeile wenigstens einigermaßen leserlich auf das Stück Pergament gebracht worden war, machte ich mich auf den Weg zu seiner Bleibe und war die kleine Nachricht selbst dort ein. Es war zwar nicht die übliche Art und Weise eine Nachricht zukommen zu lassen, aber für Übliches war ich ja sowieso selten zu haben.

Ich setzte meinen Spaziergang weiter fort, ließ mir Zeit und hing meinen Gedanken weiter nach. Es hatte viele Differenzen mit ihr in der Vergangenheit gegeben, genug Wut, Ärger und Ernüchterung. Manches war aber auch gut gelaufen, oftmals zunächst unbemerkt und erst bei näherer Betrachtung zu erkennen. Ich hatte mir schwer auf die Zunge beißen müssen, als seine Heiligkeit die Amtsenthebung bekannt gab. Der gewählte Zeitpunkt war mir völlig unverständlich, die Beweggründe zur Absetzung kannte ich nicht. Ich zweifelte Entscheidungen nicht grundsätzlich an, hatte aber wie stets den Drang zu verstehen. Genauso ging es mir auch bei der Wahl, die Elegida im Beraterstab zu behalten. Da hatte ich mich nur einmal gewagt nachzuhaken, weshalb, denn mir waren die Berichte der vergangenen Tage durchweg bekannt und verstand nicht. Ich erhielt sogar eine Erklärung – dummerweise machte sie mich kein Stück schlauer, ich verstand folglich noch immer nicht, nahm es aber als gegeben hin. Wer war ich schon, dass ich mir erlauben konnte an den Entscheidungen seiner Heiligkeit zu zweifeln? ‚Immerhin, du bist verdammt gut darin, dir genau diesen Satz immer wieder vorzusagen und es zu verinnerlichen, bis du es selbst glaubst.‘

Wer war ich schon? Ab jetzt einer der Berater. Immer noch Altruist, irgendwie. Leibwächter. Eigentlich hatte ich gehofft, mit seiner Rückkehr wäre das Kapitel Altruist geschlossen und vorbei. Tja, geschnitten, Dazen. Trotzdem hatte sich inzwischen eine gewisse Erleichterung eingestellt. Für mich fühlte es sich nicht mehr so an, als müsste der Rat die Entscheidung am Ende treffen, wie in seiner Abwesenheit. Diese Last abgenommen zu bekommen war eine regelrechte Erlösung für mich. Alles andere konnte bei weitem nicht so schlimm sein oder werden. Egal, was da noch kam.

Er hatte sich verändert in seiner Abwesenheit. Soviel hatte ich feststellen können. Mehr als ein Jahr war die letzte Begegnung nun her. Kurz vor meiner eigenen Schwertleite war das gewesen, zur Eröffnung der großen Arena. Seither schien mir so unendlich viel passiert zu sein. Mit Sicherheit hatte das auch mich verändert, warum also sollte es sich bei ihm anders darstellen? Trotzdem hatte es mich irgendwie überrascht.

Meine Gedanken kehrten zu meiner Aufgabe zurück, die vor mir lag. Wie überzeugte ich einen Mann seine Prinzipien über Bord zu werfen und nicht gegen die Entscheidung seiner Heiligkeit aufzuwiegen? Schwierig. Ich gab es für heute auf und sah die eigene Haustür überrascht an, vor der ich stand. Mein Blick fiel auf den Orden, den ich noch immer in der Hand hielt. Im ersten Moment fragte ich mich, ob ich ihn wirklich verdient hatte. Da war er wieder, der verdammte Zweifler in mir. Dabei hatte ich gedacht ihn verbannt zu haben. Gleichzeitig hörte ich schon im Geiste Fanns Worte zu dem Krallenorden. Das war nicht erbaulich.
Ich steckte die Auszeichnung in meinen Beutel und trat ein. Vielleicht unterschlug ich die Neuigkeit einfach erst einmal. Manchmal wollte auch ich diese Destruktivität, die sie manchmal an den Tag legte, nicht hören, auch wenn ich wusste, dass sie das zumeist ja nur tat, um mich anzuspornen und es gar nicht übel mit mir meinte – und um meinen Zweifel gehörig in den Sack zu treten.
Keine Zweifel. Verdient ist verdient. Kneif die Arschbacken zusammen, du Jammerlapp.

  • Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im Bettelkleid.
    Johann Christoph Friedrich von Schiller

Verfasst: Montag 14. September 2015, 14:09
von Dazen Wolfseiche
  • Gemeinwohl nennen wir den kleinsten gemeinsamen Nenner,
    auf den sich skrupellose, beutegierige Lobbys und feige, um ihre Posten und Pfründen
    besorgte Politiker einigen.
    Prof. Querulix

Ich hatte gehofft, das niemals zu erleben, dieses Gefühl der Ohnmacht, diese heiß glühende Wut, die aufstieg, wenn das eigene Gerechtigkeitsempfinden sich in vollem Umfang Gehör verschaffen wollte.
Ich hatte gehofft, niemals in die Situation zu geraten, in der ich mich entscheiden und meine Loyalität gegenüber jemandem in Frage stellen musste.
Ich hatte gehofft, es würde sich alles zum Besseren wenden, wenn er zurückkehrte.
Ich hatte gehofft, ich müsste nichts davon mehr tragen müssen.

Ich stelle fest, diese Hoffnungen waren auf ganzer Linie gnadenlos und elendig verreckt.

Er hatte sich verändert. Diese Feststellung traf ich schon am Tag der Ankunft. Dennoch verlief es dort noch erträglich, auch wenn ich mich über einiges ärgerte – und ich eben einiges anders gemacht hätte. Am zweiten Tag hielt es sich auch  noch im Rahmen des Erträglichen. Am dritten Tag stellte mich die zu meinem Knappen getroffene Entscheidung hingegen enorm auf die Probe.
Ich schwankte. Ich zweifelte an der Entscheidung, an der Strafe und der Forderung dahinter. In meinen Augen hatte der Knappe genug geleistet, um sich die Schwertleite verdient zu haben, auch wenn er zwei Tage zuvor einen Fehler begangen hatte. Nun wurde ihm buchstäblich das Schwert an die Brust gesetzt mit einer Forderung, die seinem Ansinnen völlig entgegen lief.
Was mich aber schwanken ließ, war die Tatsache der Härte bei der Strafvergabe. Für seinen Fehler, der in meinen Augen deutlich geringfügiger war, als der so manch anderer in den vergangenen Wochen, traf es ihn seit den vergangenen Tagen bislang mit am Härtesten. Und das war etwas, das ich nicht begreifen konnte, in dem gleichen Moment sogar wusste, ich wollte es auch nicht begreifen. Es war mir so zuwider, dass der Befehl zwar nicht ungehört verhallte, aber eben dieses Gefühl der Ohnmacht so vehement hervorrief, dass ich mich nicht vom Fleck rührte, bis ich nur in der Lage dazu war einen Schritt zurück zu treten und die Hände auf dem Rücken zusammen zu legen und den Blick zu Boden zu senken, in dem Versuch meine Wut zumindest so einigermaßen zu verbergen. Eine Wut, die drauf und dran war mich zu einem Aufbegehren anzutreiben, zu ungehorsam und der Forderung nach Gerechtigkeit. Eine Wut, die die Zweifel an dieser Strafe laut kundtun wollte. Und im nächsten Moment dämmerte mir: Eine Wut, die mich selbst das Leben kosten konnte, wagte ich es ihr nachzugeben.

Dies allein führte dazu, dass ich die Frage, ob ich den Befehl verweigern wollte, verneinte und am Ende der war, der den Knappen in den Pranger stellte und das Eisengitter hinter ihm schloss und verriegelte. Ich fühlte mich elend, feige und von der eigenen Wut betäubt.
Ich rief mir meine eigene Predigt ins Gedächtnis, dass unser eigen Wohl niemals über das aller stünde, dass wir dahingehend zurückstecken mussten. Bis zu diesem Moment schien mir das so ungemein leicht gewesen zu sein an diesem Grundsatz festzuhalten.
Es sollte mich nicht wundern, dass seine Heiligkeit mir nochmal in aller Deutlichkeit klar machte, dass der Rat der Altruisten nicht mehr war. Natürlich musste er davon ausgehen, dass ich das nicht verstanden hatte. Aber er wusste nichts von meinen stillen, einsam verreckten Hoffnungen. Und ich äußerte sie auch nicht. Ich nahm hin.
Ich nahm hin, dass er Fenia so hart schlug, dass sie zu Boden ging. Ich nahm hin, dass sie meine Hilfe abwehrte. Ich nahm hin, was entschieden wurde. Ich nahm hin, was geschah, obwohl ich bittere Galle schmeckte.
Ich nahm wahr, wie sich sowohl Muireall und Fenia für den Knappen und auch für mich einsetzten. Ich schuldete ihnen etwas. Wenn nicht gar mein Leben. Und ich fragte mich, wie ich das wieder gut machen konnte.

Betäubt und doch unendlich wütend verließ ich den Palast nach der Entlassung für diesen Tag. Irgendwann hätte ich nicht einmal mehr sagen können, auf wen ich mehr Wut verspürte. Auf ihn, seine Strafen oder auf mich, mit all meinen Unzulänglichkeiten.
Er hatte meinen Fehltritt geduldet, scheinbar, eher noch als alles andere an dem Tag. Vielleicht hatte er gerade deshalb Fenia geschlagen. Verdammter Ogerflitz mit Bröckchen!
Mir kam der Beginn der Audienzzeit in den Sinn. Ästhetik. Herumgeschubst wie Püppchen hatte er die zwei Frauen. Das hatte mich schon kochen lassen. Ich fragte mich ernsthaft, warum er es bei mir nicht auch versucht hatte. Meines Zornes wegen? Sicher nicht. Ich glaubte nicht, dass ihn das wirklich beeindruckte. Was also war der Grund für diese Erniedrigung gewesen? Sie hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen, das dies rechtfertigte.

Ich erinnerte mich an meine Worte zu Alreidis, der ich gesagt hatte, dass ich niemanden hasste, dass ich glaubte, dazu nicht wirklich fähig zu sein und mich allein auf den Zorn berief. Es war keine Lüge gewesen. Selbst die, denen es fast gelungen war mir das Leben zu nehmen, kamen allein mit meinem Zorn davon. Ich hasste sie nicht, denn sie alle befolgten nur Befehle.
Jetzt allerdings war ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht war ich doch in der Lage abgrundtief zu hassen. Aber es schien mir unmöglich daraus die richtige Essenz zu ziehen und sie in die Bahnen zu lenken, in die der All-Eine sie gelenkt sehen wollte.

Als ich zum Pranger kam, standen sie schon da, wie die Aasgeier der Sensationsgeilheit. Alatar, wie ich sie verabscheute dafür. Wie ich diese scheinheilige Freundlichkeit und deren Zuspruch verabscheute und nicht ein Wort davon als ehrlich oder wahr annehmen konnte. Wie ich mich verabscheute dafür, dass ich wie befohlen schwieg und es einmal mehr insoweit hinnahm, dass ich nicht verbal dagegen aufbegehrte, und mich stattdessen nur zu Kyron stellte, vor den Pranger, ein wenig der Sicht damit verwehrend. Wie ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich Fenia bewundern oder für ihren gewählten Schritt verachten sollte. Letztlich entschied ich mich für die Bewunderung, denn was hätte sie auch sonst tun können als genau das?

Die Gespräche mit meiner Waffenschwester und meiner Frau im Anschluss halfen mir. Mäßig zwar, aber immerhin ein Stück weit. Der Schlaf blieb die Nacht weitestgehend aus, und als er mich doch fand, nun ja, es war am nächsten Tag nicht anders als am Abend zuvor. Die Wut war noch immer da als dumpfes Gefühl in der Magengegend.
Wie oft in der Vergangenheit hatte ich mir gepredigt, höre auf dein Bauchgefühl? Oft genug. Aber ratsam war das nun nicht. Wenn auch die Wut nicht fort war, die Sache an sich gewann an Klarheit, je länger die Gedanken darum kreisten.

„Tja, um deine eigenen Prinzipien zu wahren, Dazen, wirst du wohl zunächst in den sauren Apfel der Politik beißen müssen, um zu überleben. Letztlich verfolgen wir ja sogar das gleiche Ziel: Einigkeit, Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Möge ihm gelingen, woran andere gescheitert sind bislang. Ob ich dafür die Tyrannei gewählt hätte? Nein. Das nicht. Er hingegen schien sich daraus nichts zu machen. Letztlich folgte er dem Leitsatz, dem einen von vieren, damit. Was zweifele ich hier also an? – Ach ja, wie immer mich selbst. Verzeih’s mir, Fann. Ich fürchte, diese Eigenart werde ich im Leben nicht mehr los, egal wie sehr ich darum kämpfe.“

Was bedeutete, dass ich weitermachen würde, irgendwie. Bestmöglich und mit dem Ziel den Kopf auf den Schultern zu bewahren. Ich hatte einfach zu viel zu verlieren, und dabei dachte ich am wenigsten an Titel und Würde. Die Würde hatte er uns sowieso schon genommen, uns zu Marionetten gemacht in einem äußerst bizarren Puppenspiel.

Ich musste lernen meine Gefühle einzupferchen, wegzusperren und zu ignorieren, egal, wer dort stand und Abbitte leisten wollte. Egal, was für eine Strafe er erhielt. Egal, was ich davon hielt. Mochte Alatar meine Frau schützen, und die, die mir teuer waren. Mochte er meine neue Hoffnung erhalten, dass keiner von denen je vortreten musste, außer vielleicht zu irgendeiner Ehrung, die verdient war.

Als Knappe hatte ich ihn bewundert und zutiefst vertraut. Inzwischen dachte ich nur noch ans Überleben. Sowohl an das der Meinen, als auch an mein eigenes. Eine Schande. Ich wünschte mir inständig, das Vertrauen würde wieder wachsen. Im Augenblick hatte ich meine liebe Mühe damit es mir zu erhalten.
  • Die Wahrung des Gemeinwohls steht vor der Beachtung des
    privaten Nutzens.
    Corpus juris Justinians
    vorbildliche Gesetzessammelung
    Kaiser Justinians des Großen.
    Quelle: Paulus, Lehrsäte II., 19.2

Verfasst: Dienstag 15. September 2015, 16:38
von Dazen Wolfseiche
  • Verzeihen ist das beste Schwert.
    Kurt Haberstich

Es war ein langer Abend gewesen, ein langer Abend des Schwankens zwischen Unglauben, Wut, Gehorsam und dem abermaligen Gefühl einen gezielten Schlag in die Fresse erhalten zu haben. Ich fragte mich, ob das ein Ende finden würde, irgendwann, und was der Lohn am Ende dafür sein würde. Ich fragte mich, ob der Lohn nicht einen sehr bitteren Beigeschmack tragen musste, wenn ich denn jemals einen solchen dafür erhalten sollte. Gleichzeitig glaubte ich nicht daran.
Ich hatte seine leisen Worte zu Fenia gehört zu den zu treffenden Vorbereitungen für das Ereignis in drei Wochen. Mir war völlig klar, dass dies nicht mir galt. Ich neidete es ihr nicht. Im Augenblick noch weniger, als sowieso schon. Mehr Verantwortung, mehr Pflicht, mehr „Friss oder Stirb“.
Im Stillen begann ich mich zu fragen, ob ich das noch Loyalität nennen konnte, was mich hier stehen ließ und fürchtete mich vor ebenso stillen Antwort, die im Augenblick „Nein“ lautete. Eigentlich hielt mich allein der Überlebenswille dazu an. Mit Loyalität hatte das nichts mehr zu tun.

So zumindest meine Gedanken, als die Maga den Saal verließ. Die hätte ich am liebsten unangespitzt in den Boden gerammt für ihre Unverschämtheiten, vielleicht aber auch deshalb, weil sie ein hervorragendes Ventil für meinen angestauten Frust und meine angestaute Wut hätte hergeben können. Ihre grenzenlose Vermessenheit, der Hochmut, die Arroganz kotzten mich an. Buchstäblich. Ihre gesamte Haltung drückte aus, dass sie sich für etwas Besseres hielt. Den Alka direkt anzusehen nahm sich keiner heraus, nicht einmal wir, aber dieses Stück tat es mit einer arroganten, selbstherrlichen Verständlichkeit, dass mir die Galle hochkam. Und aller Maßregelung zum Trotz, die sie dafür erfuhr, tat sie es bevor sie ging noch einmal. Ehrfurcht war ihr Fremd. Und der Versuch hier eine Intrige zu spinnen, und zwar gegen ihre eigene Ordensschwester, war so schlecht aufgebaut, dass ich die Galle sogar schmeckte.

Die Entscheidung ihr zum Dienst in der Garde zu raten, war etwas, das mich tatsächlich sogar mit gelinder Erheiterung erfüllte. Die Aussage dahinter war ein lautes: Lerne dich unterzuordnen und zu gehorchen. Verlerne zügig deinen Hochmut und deine Arroganz. Lerne Kameradschaftlichkeit und Zusammenarbeit. Lerne schnell. Ich fürchtete allerdings, dass diese Frau diesen zarten Wink nicht mal begriff, wenn er mit einem soliden Kantholz erfolgte.
Ihre sogenannte Treue zu Reich und Alka war ohnehin nur eine Farce in meinen Augen. In der Zeit wo das Reich und der Alka ihre Treue gebraucht hätte, war sie nicht da gewesen. Jetzt, wo er zurückkehrte, kam sie, wie so viele angekrochen zum Speichellecken.

Was bei mir, und ich war mir sehr sicher, nicht nur bei mir allein, für das Gefühl sorgte, als hätte mir jemand wiederholt ins Gesicht geschlagen, war die Tatsache, was aus der Strafe für eine Reichsverräterin geworden war. Es gab in meinen Augen Leute, die es weit mehr verdienten eine Beförderung dieses Ausmaßes zu erfahren. Jene nämlich, die die Fahne der Garde zum Beispiel über die Tage hochhielten, in der diese führungslos war. Das hier, das war in meinen Augen keine Verbesserung. Es war eine Katastrophe. Weder besaß dieses Frauenzimmer den nötigen Respekt, noch die entsprechende Einsicht, um das zu verdienen, noch würde sie an ihrem Verhalten je etwas ändern oder lernte gar etwas daraus. Und für den Rest der Bevölkerung war es ein Zeichen, das folgende Sprache von sich gab: „Verrate das Reich und du erhältst die besten Positionen.“
Ich war wirklich versucht der Überlegung zu folgen, ebenfalls Verrat zu üben, um dafür dann die Ahadwürde zu erhalten. Aber das widersprach meinem Wesen derart, dass mir die Vorstellung allein schon zu absurd und ehrlos vorkam, mir eine solche Position mit Verrat und nachfolgender Kriecherei zu erschleichen.

In Folge meiner Verfehlung bei der Abstrafung meines Knappens blieb ich auch nach der Entlassung des neuen Hauptmanns und der Ajudantin. Zwar stellte er frei, dass wir gehen könnten, wenn wir unsere Gedanken ordnen müssten, aber das konnte ich hier wie andernorts. Gesprochen wurde ohnehin nicht viel. Das änderte sich tatsächlich erst, als ich am Ende allein dort stand, mit zweifellos schmerzenden Knochen, denn die Rüstung war nun einmal nicht leicht, damit auch nicht dafür angetan lange herumzustehen und auszuharren.
Erst da fragte er mich, wie es um den Knappen stünde, und nach meiner Erläuterung dazu, den nachfolgenden durchaus positiven Worten seinerseits, wagte ich  mich weiter vor. Ich hatte angenommen, dass ich mir vielleicht zu viel herausnahm, aber hatte wohl einen der wenigen Momente erwischt, in denen er zu reden bereit war. Also nahm ich den ganzen Mut zusammen, den ich in den letzten Winkeln meiner selbst finden konnte, sprach offen, wie gewünscht und ließ mir die vergangenen Entscheidungen erläutern. Ich sprach aus, wie es sich für mich anfühlte und hörte mir an, wie es tatsächlich gemeint war. Das Problem, dass das Volk es nicht als das erkannte, was Isidor dahinter sah, war ein ganz eigenes Ding für sich. Auch, dass wir uns fühlten, als hätte man uns in die Eingeweide umgedreht für einen treuen Dienst, als wären wir eben bestraft worden dafür, milderte sich durch die Worte sicherlich ein Stück weit ab, wenn auch nicht ganz.
Denn das Problem mit der Sicht des Volkes blieb ja nach wie vor bestehen. Wer sollte es ihnen denn deutlich machen, wie es gemeint war, wenn nicht er selbst. War das wirklich unsere Aufgabe? Und selbst wenn wir es zu unserer machten – es würden nur die die Wahrheit annehmen, die zu uns standen und nicht gegen uns. Denn eines war sicher: Auch wenn seine Heiligkeit befahl Einigkeit zu zeigen, die Kluft zwischen den Parteien würde es im Grunde nur mit feinster, durchsichtiger Gaze überdecken, nicht mit eine soliden Brücke.

Das Volk bekam vermittelt: Wer nur laut genug schreit, bekam Recht. Wer nur laut genug hier rief, bekam einen guten Posten. Wer Verrat übte auch. Dass seine Heiligkeit mit seinen Entscheidungen aber eine ganz andere Denke anstrebte, würde keinem davon aufgehen. Er dachte langfristig, dachte an die Stärke des Reichs, an die Einheit, an das was es sein könnte und sollte, nicht das was es war. Der Taktiker in mir verstand diese Vorgehensweise sogar. Der Mensch Dazen allerdings war zutiefst gekränkt und verletzt davon.

“Ihr müsst verzeihen, Ritter.“

Die Worte hallten mir noch immer nach. Musste ich das? Wollte ich das? Konnte ich das überhaupt noch? Die ganze Zeit, seit ich hier eingetroffen war, war ein ewiger Kampf gewesen. Ich hatte wirklich versucht Zusammenarbeit und Zusammenhalt zu fördern. Sicherlich nicht immer auf die beste Art und Weise,  ich war ja nicht fehlerlos, aber mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln eben. Ich hatte auch die Prätorianer stets dazu angehalten. Fenia und Muireall zogen am gleichen Strang. Allerdings hatten wir das Ganze nicht um jeden Preis gefördert. Wer Verrat übte wurde wie ein Verräter behandelt, denn uns war auch wichtig zu zeigen, dass Handeln Konsequenzen nach sich zog. Mir war das sehr wichtig. Diese Konsequenzen vermisste ich, vermissten sicherlich auch wir. Ich glaube nicht, dass ich mich irrte, wenn ich behauptete, Fenia und Muireall ging es ähnlich wie mir.

“Denkt Ihr, er hat ein Leberecht?“

So in etwa lautete die Gegenfrage auf eine weitere Frage meinerseits, ob die offensichtliche Konsequenz für das Volk auch dort fehlen würde. Meine Antwort lautete nein, ebenso wie ich anfügte darin nicht objektiv zu sein. Das wiederholte ich sogar noch ein zweites Mal.

Im Nachhinein gab es nur eines, was mich noch mehr irritierte als alles andere Gesagte zuvor.

“In gewisser Weise sind wir uns gar nicht so unähnlich.“

Allein diese Aussage hinterließ wirklich ein redlich beklemmendes Gefühl. Waren wir das? Ich konnte das nicht einschätzen. Das, was ich von ihm die letzten Tage zu sehen und zu hören bekommen hatte, ließ mich innerlich aufschreien und mit Händen und Füßen dagegen wehren.
Erst nach tieferem Durchatmen, einem Moment des Nachdenkens, konnte ich dann doch nicken, denn, wenn ich nach diesem Gespräch unter vier Augen eines begriffen hatte, dann dies: Er sah durchaus, wer inwiefern fehl gegangen war. Er schien sogar den Zorn über seine getroffenen Entscheidungen nachvollziehen, wenn nicht gar verstehen, zu können, vertrat aber vehement und konsequent seinen Standpunkt und die Handhabe darüber.
War ich von etwas absolut überzeugt, konnte ich genauso ein konsequentes Arschloch sein. Passte in den meisten Fällen keinem. Komisch, dass mir das noch gar nicht so extrem bewusst geworden war bis jetzt. Fast hätte ich bei dieser verdammten Erkenntnis gelacht. Das war schon eine gewisse Ironie in sich. Eigentlich sollte ich mich nicht so sehr ärgern, wenn er solche Entscheidungen traf, ob sie nun widersinnig wirkten oder nicht.

Wenn das nur nicht so verdammt ärgerlich wäre! Und nicht so verdammt ungerecht daher kommen würde! Und nicht so verflucht falsch verstanden würde! Hätte, könnte, würde, wenn…

“Ihr müsst verzeihen, Ritter.“

Ich musste wohl lernen manchen zu verzeihen, denen ich lieber das Fell über die Ohren ziehen würde. Dieser Arsch machte mich tatsächlich noch zu einem verfluchten Opportunisten. Mochten ihn die Pocken holen!
  • Verzeihen heißt nicht vergessen,
    und vergessen heißt nicht verzeihen.
    unbekannt

Verfasst: Montag 21. September 2015, 16:08
von Dazen Wolfseiche
  • Das uneingeschränkte, exakte Befolgen aller Normen und Vorschriften
    der Staatsgewalt macht den Menschen zu einer Marionette,
    die – überdrüssig – irgendwann ihre Fäden abschneidet und
    sich entweder Schlaftabletten oder eine Schrotflinte kauft – Amok.
    Arthur Schopenhauer
“Die Angelegenheiten der Vergangenheit sind geregelt, von jetzt an werdet ihr mir beratend zur Seite stehen.” Sinngemäß.

Fast hätte es mich zum Lachen gebracht. Ein einziges Mal hatte er in all der Zeit auch nur annähernd unsere Worte ernst genommen und umgesetzt, ein einziges Mal bei durchaus mehrfacher Nachfrage unserer Meinung zu diesem oder jenem Thema. Die Worte wirkten auf mich wie Hohn, denn wenn ich eines inzwischen begriffen hatte, dann war sein Beraterstab für ihn nichts anderes als ein kurzweiliges Puppenspiel, die Marionetten die Berater selbst.
So wurde der Rat, der eine Zeit lang den Apparat Reich verwaltet und nach bestem Wissen und Gewissen versucht hatte zu führen, zu Statisten seiner Heiligkeit. Der Dank ein Orden, also nichts als schnöder Tand, der mich keineswegs so sehr mit Stolz erfüllte, wie es der Silberkrallenorden seinerzeit tat.
Vielleicht tat ich dem Ganzen, vielleicht auch ihm, Unrecht. Das mochte zweifelsfrei sein. Die Frustration ließ sich mit dieser Möglichkeit allerdings nicht mehr niederkämpfen. Ich eignete mich nicht zum Statisten. Gut, mittlerweile hatte ich gelernt, den Ärger runterzuschlucken. Ich gehorchte, ich funktionierte, aber es füllte mich weder aus, noch fühlte ich mich damit nützlich. Es war in meinen Augen verschwendete Zeit, die ich dem Reich sinnvoller widmen konnte, als im Palast herumzustehen und Löcher in die gegenüberliegende Wand zu starren.

Dennoch, ich hatte seine Worte am gestrigen Tag gehört. Ich würde abwarten, was nun folgte, und sollte sich dieses Puppentheater fortsetzen, meine Konsequenzen daraus ziehen. Mit dieser Art Behandlung war ich weder einverstanden, noch hatte ich vor sie mir über Gebühr gefallen zu lassen. Wenn er uns seine Treusten nannte, dann schrie meine innere Erwartungshaltung danach so behandelt zu werden. Bislang war das nicht der Fall gewesen, nicht in meinen Augen zumindest. Wenn er dachte, der Orden oder der Posten als Berater sorgten dafür, irrte er. Dieser Beraterposten, den wir nicht einmal ausfüllen konnten und durften, weil er auf unsere Vorschläge, unseren Rat oder auch unsere Meinung schiss, war für mich im Augenblick der Hohn schlechthin, ebenso der goldene Tand, den wir erhalten hatten.
Beides diente nicht dazu mich zu motivieren, noch war das ein Aufruf an meinen Wunsch mich zu engagieren. Es bremste mich aus, es zog mich fort von anderen Aufgaben und Pflichten, es hielt mich fern für das Reich nützlich zu sein, es war schlicht und ergreifend Verschwendung meiner Kraft und Zeit. Noch. Vielleicht mochte sich das nun ändern. Ich hoffte es inständig, denn sonst sah ich mich gezwungen zurückzutreten, den Platz für irgendwen zu räumen, der glaubte, dass er dort mehr bewirken konnte und als Marionette dienen.
Gut, noch war es nicht soweit. Mochte Alatar geben, dass sich meine Befürchtungen nicht bestätigten und das eigentliche Amt in Zukunft auch seine Berechtigung fand. Abwarten und sehen, was kam.

Generell – da hatte Fann Recht – gehörten wir zu den Menschen, die mit so gut wie nichts oder nur sehr schwer zufrieden zu stellen waren. Daraus anderen einen Vorwurf zu machen war ein Fehler, also behielt ich meine Bedenken und meine Frustration für mich, tat meinen Dienst so wie vorgesehen und unterließ es mich offen darüber zu beklagen. Was hätte es auch gebracht, außer vielleicht in Schimpf und Schande vor die Tür getreten zu werden. Auch wenn sich das Ganze im Augenblick alles andere als befriedigend für mich darstellte, ich holte meine übliche Sturheit hervor und bemühte mich darum, mich durch diese dreckige Zeit zu beißen, die dreckigste Zeit seit ich auf Gerimor angekommen war.
Erstaunlicherweise stellte ich fest, dass die Letharenaufstände und der Aufstand der Schattenpanther mich dagegen weniger frustriert hatten, oder aber es trat schon so sehr in den Hintergrund zu all dem anderen Mist, der mir nicht gefiel, dass es keinen Unterschied mehr machte. Mir fehlte die Konsequenz, die ehrliche Konsequenz bar jedem Opportunismus. Hatte ich gehofft, diese zu finden, war die Hoffnung totgeschlagen worden, bevor sie auch nur quietschen konnte.

Die Entscheidungen und das Wirken trugen Früchte, ich sah das. Ich bekam es mit. Ich musste davor mein Knie beugen – und das war mir durchaus ernst. Es war ihm in Kürze gelungen alles wieder in die Reihe zu bringen auf die eine oder andere Weise. Mit Sicherheit bewundernswert, mit Sicherheit gut für das Reich, das nagende Gefühl im Bauch blieb trotzdem.

Natürlich blieb es, weil ich mich persönlich ungerecht behandelt fühlte – und das Gefühl darüber hinaus noch für meine Freunde teilte, die mit mir dort standen, auf Position gezerrt und stoßen wurden, damit die Ästhetik ja stimmte. Ein Haufen auf sein Empfinden für Ästhetik. Zeit wurde es, dass seine Empathie Einzug hielt und er die Augen öffnete, wie sehr uns das alles anging.

Kritik zu üben würde nichts bringen, davon war ich überzeugt, denn dafür war er zu sehr von sich überzeugt – und was zählte das persönliche Empfinden des Einzelnen im Gegensatz zum Großen und Ganzen: Nichts. Das war mit Sicherheit gut so, aber Treue hielt man sich, genauso wie Loyalität und Gehorsam, indem jene, die einem Nahe waren und sein sollten, entsprechend behandelte.
Ich hoffte inständig, dass diese Erkenntnis irgendwann aufkeimte und fruchtete. Da ich selbst dafür ziemlich lange gebraucht hatte, manchmal sogar selbst noch daran scheiterte gegenüber den eigenen Leuten in der Gemeinschaft, blieb mir nur zu hoffen.

Es war unglaublich schwer für mich zu begreifen, dass jemand so wenig offen für Kritik, Meinung und Stimmung war. Mochte daran liegen, dass ich die Meinen regelmäßig fragte, was sie störte, was sie gerne anders sähen, was sie ändern würden, was ihnen gefiel. Natürlich konnte ich nicht allem gerecht werden, aber ich konnte dann wenigstens erklären, warum ich was wie anging, mich möglichst verständlich machen, und manches aus dem Gehörten für mich ziehen, um auch mich zu perfektionieren.
Und damit war auch die Erwartungshaltung da, dass auch andere dergestalt selbstkritisch mit sich umgingen – blöde Idee, das wusste ich, denn nicht jeder war dazu in der Lage, noch wollte sich jeder den Spiegel selbst vorhalten. Und ich? Ich übertrieb es zuweilen genau damit.

Natürlich hatte er mir versucht nahezubringen, warum er sich wie entschieden hatte. Natürlich konnte ich das nachvollziehen, manchen aber tat er damit keinen Gefallen. Denn letztlich war das, was das Volk in allem sah, das was das Reich trug und bewegte und nicht die Ansichten eines Einzelnen, mochten sie noch so hehr und wohlwollend für das Reich selbst sein.

Die eine Gemeinschaft hatte derzeit den schlechtesten Ruf aller Zeiten weg durch minderwertige Strafen für hochrangige Vergehen. Das Volk zeigte durchgängiges Unverständnis zu mancherlei verhangener Strafe und Besetzung. Laut beschweren wagte sich allerdings keiner, könnte ja sein, dass eben diese schlecht berufene Gemeinschaft wieder draufdrosch und erneut Recht bekam, obwohl sie sich gegen das Reich und eine dem Alka unterstellte Institution wandte. Alles in allem war die Stimmung im Reich mit nichts anderem als Frust zu bezeichnen.

Der Zulauf bei der Garde sprach für sich. Wenn ich bedachte, wer dort plötzlich alles aufschlug, war auch das der blanke Hohn. Die Städte sollten sich sicher fühlen unter dem Schutz derer, die willkürlich auf alles draufschlugen, was ihnen nicht in den Kram passte? Ich fühlte mich nicht mehr sicher in diesem Reich, zu keiner Zeit. Das war vorbei.

Die Schützen glaubten, sie könnten ihren Weg weitergehen wie bislang und würden dann später als Scharfschützen respektiert und akzeptiert werden, und alles in allem sollten alle wieder Friede, Freude und Eierkuchen tanzen für ein geeintes, starkes Reich. Alles sagte Ja und Amen, alles dachte: Leck mich. Und früher oder später, das war so sicher wie das „So sei es“ im Tempel würde die Situation wieder eskalieren, alles zusammenbrechen und die Worte, die gestern noch mit einem Ja und Amen abgenickt wurden, waren vergessen, und zwar von genau den gleichen Leuten, die es sich schon einmal herausgenommen hatten, die es sich immer wieder herausnehmen würden, in all ihrer eigenen Vermessenheit.

Es war nur zu deutlich, wen er wirklich protegierte. Alle anderen bekamen Dämpfer und Strafe, bei dieser Gemeinschaft wurde einfach durchgewunken, abgewunken, weggewunken. Was waren fünf Peitschenhiebe gegen ein Leben? Was waren fünf Peitschenhiebe gegen drei Tage Pranger und öffentliche Erniedrigung? Was waren fünf Peitschenhiebe gegen zwei Wochen in eingestürzter Höhle ohne Kontakt zum All-Einen, denen nochmals drei unnötige Tage Pranger folgten?

Ich nahm hin, was er entschied, aber ich teilte diese Ansichten nicht, würde es nie, befohlen oder nicht. Das Einzige, was ich befolgen würde, war Frieden im Reich zu halten. Trauen und Vertrauen war da nicht, und es würde Arbeit bedeuten derartiges wieder zu erlangen, und das nicht von meiner Seite, denn ich hatte es nicht missbraucht, nicht Verrat geübt, nicht gegen das Reich gehandelt.
Und ich war mir sicher die andere Seite würde dafür einen Dreck tun in ihrer Selbstherrlichkeit. Tatsächlich konnte ich nicht einmal mehr von zweierlei Maß sprechen, es war derer schon fünferlei. Es machte mich noch immer wütend. Mein Gerechtigkeitsempfinden rebellierte weiter, der Zorn blieb, Befehl hin oder her, mochten ihn die Pocken holen. Das Einzige, was ich nicht mehr tat, ist ihn zu zeigen, denn es führte zu nichts. Kritik führte zu nichts. Meinungen interessierten nicht, das Volk und seine Ansichten interessierten nicht. Für das Reich und den All-Einen!
Ziehen wir dem neuen Spaltung des Reichs in einigen Jahren entgegen! Mochten die Treusten die Treusten bleiben, gedankt würde es ihnen nicht wirklich. Ein feuchter Händedruck, ein wenig Tand, ein wenig Augenwischerei. So sei es!

Mochten ihn die Pocken holen! Und trotzdem würde ich weiter zur Seite und zum Reich stehen, all meine Kraft opfern, um es voran zu bringen und Seinen Zielen zu dienen, meiner Pflicht nachkommen und sei es als schnöde Marionette – bis der Langmut ein Ende fand und ich die Schnüre kappte, dann wohl endgültig.
Und die Kraft dafür zog ich aus meinem Glauben, aus dem Rückhalt von Freunden und Gemeinschaft, sowie meiner geliebten Frau, von der ich hoffte, sie mochte die Audienz zuträglich für sie hinter sich bringen, wohlwollend, endlich mal honorierend und das nicht nur mit schnödem Tand.
Wie stets wünschte ich mir natürlich für die Eigenen nur das Beste, ganz objektiv und ungerecht allem Rest gegenüber. Aber das tat ja jeder so. Warum sollte ich mir darum also ein schlechtes Gewissen machen?

Bei Alatar, wenn der ganze Scheißdreck rum war, hatte ich mir eine Belohnung verdient, eine, die mehr war als ein verfluchter Orden und ein warmes Danke!
  • Die Marionette schüttelte den Kopf:
    „Es ist kaum vorstellbar, was aus mir geworden wäre,
    wenn man nicht an mir gezogen hätte!“
    Michail Genin

Verfasst: Dienstag 22. September 2015, 15:57
von Dazen Wolfseiche
  • Oft ist ein Rücktritt auch ein Fortschritt.
    Lothar Peppel
Ungeschickt. Das musste ich mir zweifelsfrei auf die Fahne schreiben. Ungeschickt, undiplomatisch, unbedacht. Jetzt, wo sich der Zorn legte, hätte ich es anders angegangen als ich es noch gestern tat. Das Ergebnis wäre nach wie vor der Rücktritt gewesen, aber vielleicht wäre es nicht so ungnädig ausgefallen. Hätte, könnte, würde, wenn. Drauf geschissen. Vorbei war vorbei und die Erleichterung darüber war enorm.
Die Marionette hatte die Schnüre gekappt, die Unzufriedenheit war etwas leichter geworden. Mochte er den Posten einem Anderen seiner Wahl geben. Ich war für diese Art von Opportunismus nicht geschaffen und nicht gewillt meinen Namen dafür herzugeben.
Es genügte, dass ich mich der Zusammenarbeit und dem Zusammenhalt verschrieben hatte, aber ich musste dieses ganze Drum und Dran wirklich nicht tag täglich um mich haben. Genauso wenig wie ich meine Kräfte daran vergeuden wollte, mich bei einer Audienz nach der Nächsten zu langweilen, mich zu ärgern und mir so unnütz vorzukommen wie ein Kropf.
Mein Wunsch war es, dem Reich sinnvoll und nutzbringend zu dienen.

„Ich habe mich mit meinem Stab beraten..“

Das war eine aalglatte Lüge gewesen, die sich erneut wie ein Hieb in die Magengegend anfühlte. Genau danach hatte ich meinen Entschluss gefasst mich aus diesem Amt befreien zu lassen.
Ich gab den Orden zurück, weil ich mich nicht so fühlte, als hätte ich ihn verdient. Für was auch? Es war ja deutlich gemacht worden, dass der Altruistenrat nicht geschafft hatte die Einheit des Reiches herbei zu führen und damit versagt hatte. Folgerichtig entsprach der Orden keiner wahren Ehrung, erfüllte mich keineswegs mit Stolz, sondern war nur ein Vor-Augen-Halten unserer Unzulänglichkeit. Und genau das drückte auch seine ganze Haltung seinem treuen Beraterstab gegenüber aus. Meinungen, Ratschläge, Vorschläge, Ideen interessierten ihn nicht. Auch das hatte er gestern einmal mehr bewiesen.

Gut, sein Recht, er war der Alka. Das was dort zu tun war, verstand ich allerdings nicht darunter dem All-Einen aufrichtig dienlich zu sein.
Trotzdem könnte ich mir nachhaltig in den Arsch beißen. Wäre ich es geschickter angegangen, hätte ich mir nicht seinen Zorn in der Form zugezogen und vielleicht wäre ich mit einem besseren Stand davon gekommen, als ich es war. Nun war es zu spät und ich war mir eindeutig zu sehr selbst im Weg, um den Weg erneut dorthin von mir aus zu suchen.

Entweder der All-Eine würde mich sehen und meine Leistung anerkennen in dem was ich wirklich leisten konnte, wollte und würde, oder ich blieb eben, das was ich war. Wahlweise entzog er mir seine Gunst, nun, auch das würde ich überleben und nicht aufhören weiterzumachen.

Diese ewige Bettelei darum gesehen zu werden, die Gunst zu erhalten, erkannt und anerkannt zu werden, Achtung zu erfahren, für das, was man leistete, ich war es leid.
Die Schmarotzer des Reiches widerten mich an, und ich hatte keine Lust mehr mich mit ihnen auf eine Stufe stellen zu lassen. Die Macht, die ein solches Amt augenscheinlich mitbrachte, war mir gleichgültig. Wahre Macht, das hatte ich erkannt, lag woanders und war nicht dort zu finden.

Da ich nun viel Zeit hatte, wirklich viel Zeit, brachte ich zunächst die Akte für meinen Knappen auf Vordermann und schloss sie dann zur Vorlage. Ich würde sie Muireall mitgeben zur Vorlage. Eigentlich war Korlay mit der Ausbildung fertig. Ich konnte ihm nichts mehr beibringen. Der Einsatz als Hauptmann bis zur Schwertleite war so eine Sache, die die Schwertleite unnötig nach hinten verschieben würde. Aber nun, daran konnte ich sowieso nichts ändern. Ein Jahr war er bald Knappe. Länger als Kava und ich es gewesen waren. Und der junge Mann nahm es eben so hin wie es kam.

Danach wollte ich mich darum bemühen, uns auf die kommenden Kriege vorzubereiten. Immerhin war ich für eine Gemeinschaft verantwortlich und nun auch die Zeit dieser Verantwortung gerecht zu werden. Ich glaubte nicht, dass ich allzu bald irgendeinen weiteren Posten von oben bekäme. In mir weigerte sich alles den Weg in den Palast erneut von mir aus zu suchen. Sollte er mich als seine Leibwache sehen wollen, würde er nach mir schicken lassen, da war ich mir sicher. Würde er mich irgendwo einsetzen wollen, ebenso. Hatte er vor eine Strafe folgen zu lassen für den gestrigen Abend, hörte ich sowieso ganz bestimmt davon. Solange hielt ich mich dort fern.

Und genau mit diesen Gedanken setzte ich einen Haken an die vergangenen Wochen, an gehobene Ämter für meine Person und war erstaunt über die monströse Erleichterung einfach nur noch Ritter, Präfekt und Ehemann sein zu können. Ich ließ Frust, Enttäuschung, Demütigung, Erniedrigung und Wut hinter mir, atmete tief durch und wandte mich dem zu, was mich wirklich erfüllte und auszufüllen vermochte: Gemeinschaft, Freunde, Familie, sowie die alltäglichen Aufgaben, die für das Reich und den Tempel zu verrichten waren.

Ich nahm mir vor mit Fann noch einmal alles in Ruhe zu besprechen, durchzugehen, ob ich sie vielleicht auch irgendwo unterstützen konnte. Untätigkeit lag mir schließlich nicht sonderlich, auch wenn ich mich in seiner Heiligkeit Augen garantiert zu einem Bauern gemacht hatte – was er in den letzten Tagen so oft so abfällig sagte, dass es meinen Zorn nur noch mehr geschürt hatte. Ich war verdammt nochmal an von Geburt an ein Bauer und daran war nichts Schlechtes zu finden. Da kam die Herkunft seiner Hülle womöglich überragender Art und Weise durch: Arrogant, überheblich, verschnöselt und verzogen, ganz der gebürtige Adel.

Auf Fann war ich sehr stolz. Sie hatte sich hervorragend geschlagen, sogar weit besser als ich in den vergangenen Wochen, und das nur an einem Abend. Mir würde sie vermutlich den Kopf schrubben, einmal mehr. Der Gedanke brachte mich wieder zum Lächeln.
Ab jetzt konnte es nur besser werden, zumindest wenn ich mich auf das konzentrierte, was wichtig war, was nützlich war, was voranbrachte. Ich würde meinen Teil leisten, nach wie vor, so konsequent und ordentlich wie möglich. Aber höhere Positionen innerhalb des Palastes, die mich dorthin zwangen und dort hielten, mich von allem anderen ab- und fernhielten wollte ich nicht wieder haben.
Es gab die, die dafür gemacht waren. Ich war das nicht. Nicht für Diplomatie, nicht als Berater, ich hatte mich ja selbst als Altruist nicht für geeignet gehalten – und Recht hatte ich behalten. Da war der Gedanke wieder: Hör endlich auf dein Bauchgefühl! Nimm deine Talente und richte darauf deine Aufgaben aus, such sie dir selbst, schaff dir einen eigenen Raum damit, verrichte diese Aufgaben vollständig und sorgfältig, mach deine Arbeit gut, und du wirst darin Zufriedenheit finden, einerlei ob es von oben anerkannt wird oder nicht. Wenn du mit deiner Leistung zufrieden bist, dann erst ist die Welt in Ordnung. Die Meinung anderer zählt da nichts. Vor dir selbst bestehe, nicht vor anderen.
  • Wo deine Gaben liegen, da liegen deine Aufgaben.
    Deutsches Sprichwort

Verfasst: Freitag 2. Oktober 2015, 13:55
von Dazen Wolfseiche
  • Mäßigkeit macht die Seele stark, Selbstbeherrschung erleuchtet sie.
    Pythagoras von Samos
Als ich von den Eltern zurückkehrte, wusste ich bereits, was die Aushänge über mich zu berichteten hatten.

Die Nachricht war mir hinterher galoppiert, wenn man so wollte. Meine Wut darüber hatte ich an dem alten vertrockneten Pflaumenbaum auf dem Hof meiner Eltern bis zur eigenen Erschöpfung herausgelassen. Er hatte eh gefällt werden müssen, so tot und verdorrt wie er war. Als ich mich vollständig an ihm ausgelassen hatte, lag das Holz aufgeschichtet unterm Vordach zum Trocknen, und ich saß auf schwer atmend und völlig durchgeschwitzt auf dem Hackklotz, die Axt noch in der Hand. Während des Prozesses den Baum zu fällen und zu Kleinholz zu verarbeiten, war ich zu Anfang noch bei ganz klaren Mordgedanken in den vielfältigsten Ausführungen und Farben. Ich malte mir aus, wie dieser aufgeblasene kleine adelige Fatzke verreckte und ließ wirklich keinerlei Möglichkeit oder auch Fassung aus, wie dies vonstatten ging. Natürlich ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Die Gedanken sind frei.
Als der Baum lag, ich ihn hinter meinem Gaul anschirrte und zum Haus schaffte, war die Wut in mir noch immer mehr als präsent, richtete sich in den Augenblicken der körperlichen Erholung aber mehr gegen mich selbst. Mir war durchaus klar, warum die Strafe meiner getroffenen Entscheidung auf dem Fuße folgte. Ich war wieder so diplomatisch in meiner Wortwahl gewesen, wie ein Kropf nützlich. Ganz vielleicht hätte ich ihm nicht an den Kopf werfen sollen, dass ich meine Zeit besser zu verbringen wüsste, als Püppchen für ihn zu spielen. Aber nur ganz vielleicht. Nein, ich bekam es nicht hin Reue darüber zu empfinden. Meines Erachtens hatte er diese unbequeme Wahrheit zu hören verdient, und wäre er nicht der, der er war, ich hätte auch nichts dagegen gehabt, sie ihm mit der Faust noch zusätzlich in der Erinnerung fest zu zimmern. Bei dem Gedanken kamen mein Gaul, der Baum und ich gerade am Haus des Hofes an. Ich zog das Geschirr vom Stamm ab, brachte den Gaul weg und übergab ihn meinem Bruder für Weiteres. Wir redeten nicht viel, zumal er nur zu gut wusste, wo das endete, wenn er mich in meiner derzeitigen Verfassung ansprach.
Ich begann damit die kleineren Äste abzuschlagen und den gefällten Baum systematisch zu bearbeiten. Eigentlich wäre so etwas eher Garvins Ding, aber er ließ es mir, ahnte, dass ich diese Betätigung gerade brauchte.
Während der ganzen Arbeit pflegte ich meine Wut, auf ihn, auf mich, auf die Welt, auf jeden, der mir gerade einfiel, auf den ich wütend sein konnte – und das waren eine Menge. Dazu vermischten sich Enttäuschung, Resignation und Frustration. Ich ließ wirklich alles an dem Pflaumenbaum aus.

Danach saß ich bestimmt zwei Stunden da, kühlte aus und hing dabei weiter meinen Gedanken nach. Mein Vater hatte inzwischen eine Schüssel mit warmer Brühe hinaus gebracht, ebenso ein Bier, und sich dazu gesetzt. Wir schwiegen einträchtig, aßen, tranken. Er drängte mich nicht und für den Augenblick war ich darüber mehr als dankbar.
Es kam selten genug vor, dass ich keinen Drang dazu verspürte über etwas zu reden. Das aber war so ein Moment und er wusste darum. Das erste, was ich dann nach der ganzen verstrichenen Zeit sagte, war „Ich werde mich entschuldigen müssen.“ Und es klang mehr nach „Das passt mir nicht“.
„Das wirst du“, lautete seine Antwort. Danach schwiegen wir erneut einträchtig eine ganze Zeit lang und vernichteten unser Bierchen.
Irgendwann gesellten sich meine Mutter und mein Bruder ebenfalls dazu. Sie hatten eine Holzbank dafür hinaus getragen, und noch etwas zu trinken mitgebracht. In aller Fürsorge wurde mir ein Umhang umgelegt. „Bevor du dich erkältest, Sohn.“
Der Abend sollte friedlich ausklingen. Wir sprachen über dies und das, lachten und tranken zusammen.

Was ich meinen Eltern und meinem Bruder zugute hielt, war die Tatsache, das keiner von den dreien versucht hatte, mich zu maßregeln, mich mit Vorwürfen überlud, sondern in ihrer ureigenen Art eben einfach da gewesen waren. Das änderte sich mit meiner Rückkehr in Rahal selbstredend.
Die Vorwürfe seitens meiner Frau waren verständlich und auch etwas, was ich erwartet hatte. Wäre es nicht so gekommen, wäre ich vermutlich sogar enttäuscht gewesen. Ich nahm es ihr weiß Alatar nicht übel. Es war nun einmal etwas anderes, wenn ich Mist baute, der nur mir anzulasten war, weil ich alleine war. So verhielt es sich aber nicht mehr, und das bereits seit mehr als einem halben Jahr. Ich war verheiratet, und alles was ich tat, konnte sich auch negativ auf Fann auswirken. Sie hatte jedes Recht dazu auf mich zornig zu sein.

Am Tag meiner Rückkehr noch suchte ich bereits die Lethrusae auf für die gewünschte Untersuchung. Ebenso sprach ich mit der Clercia, um den zweiten Teil des Ganzen hinter mich zu bringen. Nicht, dass es das gebraucht hätte. Mir ging es sowohl geistig als auch körperlich hervorragend. Das musste auch die Lethrusae am Ende feststellen, zur Zufriedenheit aller.
Das Gespräch mit der Clerica war nicht ganz das, was ich eigentlich zu erwarten gehabt hätte, es ging eher darüber hinaus. Es beinhaltete Maßregelung, Ratschläge, in gewisser Weise auch Vorwürfe, auch wenn diese zu keiner Zeit klar formuliert wurden, sondern sich mehr als Gefühl einstellten, als stünden sie im Raum. Dennoch tat das Gespräch wohl, half, und es folgte ein Entschluss auf dessen Umsetzung ich nach wie vor wartete. Da ich ohnedies Geduld und Selbstbeherrschung üben musste, war der Auftakt damit wohl getan.

Es folgte eine Versammlung der Gemeinschaft, wo sich weitere Tatsachen auftaten, die alles andere als angenehm waren. Das Endresultat des Abends gefiel mir nicht sonderlich, aber nun, wenn es so gewünscht war, würde ich es wohl oder übel so halten in Zukunft. Auch hier erfolgte ein Rat der Clerica an alle gerichtet, explizit ging dieser aber an mich, davon war ich überzeugt. Es schlug zu sehr in die bereits tiefe Kerbe meiner mangelhaften Selbstbeherrschung.
Kaum ausgesprochen, setzte ich diesen um. Nicht, weil es mir gefiel – denn das tat es ganz und gar nicht, gab ich damit doch einmal mehr ein Stück meiner selbst auf. Ich tat es, weil es von mir erwartet wurde. Ich biss in den sauersten und bittersten Apfel, den ich mir für mich vorstellen konnte. Sämtliche Leute um mich herum behaupteten, ich tat es für mich, den Respekt, den ich verdiente, und so weiter und so fort. Ich tat es für ihre Überzeugung und damit für sie, nicht für mich.
Es fühlte sich an wie der so oft beschrieene goldene Käfig. Nein, es fühlte sich an wie die sich schließende Türe des Käfigs.

Bis hierher war ich zumeist sehr selbstbestimmt unterwegs gewesen. An diesem Abend erfüllte mich das Gefühl, dass diese Selbstbestimmung verloren gegangen war, und zwar genau in dem Augenblick, als mir die taktlos gewählten Worte gegenüber seiner Heiligkeit über die Lippen gekommen waren. Diese Erkenntnis brach mit aller Gewalt über mich zusammen und ich kämpfte schwer gegen ein weiteres Gefühl an, das sich ankündigte: Einsamkeit.

Dass ich noch den Willen hatte weiterzumachen, zu leben und zu überleben, das erkannte ich erst nach der Begegnung am letzten Abend mit meinem Erzeuger, just in dem Augenblick, als er mich angriff, um sich für den vergifteten Pfeil meiner Frau für ihn zu rächen.
Letztlich endete das kleine Spektakel mit einem Kratzer am Hals, nichts also, was mich wirklich beeinträchtigte. Diese Tatsache war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass er mich nicht hatte umbringen wollen, und Alreidis darüber hinaus ebenso eingriff, um ihn an Weiterem zu hindern. Mir war aufgefallen, dass er seine magischen Fähigkeiten dafür nicht einsetzte.

Erst als ich auf dem Heimweg, viel später in der Nacht, Zeit fand für mich meine Gedanken zu sortieren, stellte ich fest, dass die Selbstbestimmung etwas war, das mir keiner nehmen konnte, wenn ich es nicht zuließ. Neben all den Veränderungen, die also die lose Klappe mir eingebracht hatte, war diese Tatsache eine, die ich mir von nun an ebenso stets vor Augen halten wollte.
Ich war es, der festlegte, was ich tat, was mit mir passierte, welchen Weg ich ging. Ich alleine, niemand sonst, egal wie laut sie aufbegehrten, maßregelten, vorwarfen, zu lenken versuchten. Mein Fehler, denn ich hatte es bis hierher oft genug nur zu bereitwillig zugelassen, wollte mich führen lassen, es mir manches Mal nur zu gerne bequem machen.
„Zeit, das zu ändern.“
Ekelhaft. Jetzt machte sich doch glatt das Gefühl von Dankbarkeit gegenüber meinem Erzeuger breit. Mochten ihn die Pocken holen!
  • Du willst in Freiheit vor dem Menschenbruder stehen –
    und darum musst du seine Selbstbestimmung achten.
    Fernöstliche Weisheit

Verfasst: Freitag 23. Oktober 2015, 14:40
von Dazen Wolfseiche
  • Der Wohlwollende fürchtet Missgunst nicht.
    Marie Freifrau von Ebener-Eschenbach
Ich hatte ihr bereits bei dem Gespräch vorab die Sinnlosigkeit aufgezeigt, mich aufstellen zu lassen. Erstaunlich, wie vorhersehbar und berechenbar diese sogenannte Elite-Gruppe in ihrer Interaktion miteinander und auch jede Person für sich genommen für mich inzwischen war. Und das galt für jeden Einzelnen darin.
Sie war der Ansicht, ich verschätzte mich, was meinen Stand in der Gesellschaf t anging. Ich stellte fest, dass ich das keineswegs tat. Mir war klar, dass ich in dieser nicht so übel dastand, wie sie vielleicht annahm, dass ich es vermutete. Allerdings wusste ich auch, wie solche Wahlen verliefen mit genau diesen Personen in einer Runde.
Tatsächlich hatte ich damit gerechnet, dass irgendwer die Wahl monierte, wenn das Ergebnis nicht schmeckte, obwohl vorher schon alles klar dargelegt und zunächst auch so akzeptiert worden war. Genauso vorhersehbar war es gewesen, dass auch die zweite Wahl zu weitere Diskussion führen würde, als sie noch immer nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Es fiel auch das Umschwenken und das gezielte Taktieren einiger sehr wohl auf, ebenso wie die Vorschläge sich sehr gezielt darauf richteten den eigenen Wunsch in irgendeiner Form durchpressen zu können.
Hier wurde einmal mehr nicht an das Wohl des Reiches gedacht, nicht an Zusammenarbeit, Zusammenhalt oder auch nur annähernd das, was der Alka sich im Grunde wünschte. Ich sah genau das, womit die Rückkehr seiner Heiligkeit eingeläutet worden war wieder vor mir. Hier hatte niemand auch nur irgendetwas von dem begriffen, was er wollte. All sein Vorgehen, die Demütigungen, Schläge und Strafen waren einfach nur verhallt ohne jede Nachhaltigkeit. Sie machten weiter wie bisher.

Ich hatte genug Zeit gehabt, schon im Vorfeld, um darüber nachzudenken, wie ich damit umgehen wollte. Die Zeit wurde von mir auch wohl genutzt, ganz im Stillen. Tatsächlich sprach ich nicht einmal mit meiner Frau darüber. Nicht mit Muireall, nicht mit dem Tempel, mit niemandem. Mit mir, und mit dem All-Einen, das war es schon. Ich stellte fest, diese Art von Zwiesprache war tatsächlich alles, was ich benötigte, denn ich wusste im Grunde sehr genau, was zu tun war. Da gab es keinen Zweifel. Und das erfüllte mich mit einer Zufriedenheit, die ich schon lange nicht mehr verspürt hatte.

Ich gebe meine Stimmen zum Wohle des Reiches und dem Wunsch seiner Heiligkeit entsprechend ab.

Ich sah es an den Gesichtern. Damit hatte ich einige überrascht, mich einmal mehr als unberechenbar für sie gezeigt. Die Achtung, die mir einige entgegen brachten, die nicht für mich gestimmt hatten, nahm ich ohne große Reaktion entgegen. Auch dabei stellte ich einmal mehr fest, dass sie diese Geste nicht verstanden hatten.

Nein, mir ging es nicht um Rücksichtnahme auf „Jüngere“, damit die sich beweisen konnten.
Die Aufgabe des Hauptmanns war keine Belohnung, sie war nichts anders als Verpflichtung, Arbeit und Ärgernis, und wurde in aller Offensichtlichkeit völlig unterschätzt. Sie wurde als Bonbon gesehen, aber sie war keine Süßigkeit, und wenn, dann eher eine mit einem sehr giftigen Kern.
Mir ging es auch nicht darum mich vor diesem Gift zu verstecken, oder vor Pflicht, Arbeit und Ärger zu fliehen.
Sympathie oder Antipathie spielten dabei genauso wenig eine Rolle. Ich hatte kein Problem mit dem Letharfen, sah ihn nicht als Konkurrenz oder Gegner. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich kannte ihn kaum gut genug, um auch nur annähernd beurteilen zu können, ob er dem Ganzen überhaupt gewachsen war.
Und mir war es scheißegal, ob andere meine Entscheidung für ehrenhaft hielten, oder nicht. Erst recht, wenn es Leute aussprachen, die in meinen Augen jeden Anspruch auf Ehre durch ihr Handeln verspielt hatten.
Ob ich jemand war, weil ich Ehre im und am Leibe hatte, oder nicht, das hatte am Ende des Tages der All-Eine zu entscheiden und nicht ein einziger der Anwesenden.

Mir ging es tatsächlich nur um das, was ich gesagt hatte. Zusammenarbeit, Zusammenhalt, für das Reich, dem Alka und dem All-Einen. Der zweite Grund war, dass ich ein deutliches Zeichen setzen wollte, dass hier eine Einheit gefragt war und nicht ein zweigeteiltes Lager, und versuchte so zu verhindern, wozu die ganze Diskussion um die Wahl des Hauptmanns geradezu antrieb: Ein Zerwürfnis vom ersten Tag der Einheit an. Denn die sogenannte Elite zerfleischte sich schon bei der Vergabe um einen Posten, der nichts anderes war als Arbeit, noch mehr Arbeit, sehr viel Arbeit. Weshalb? Das persönliche Empfinden ungerechte Behandlung zu erfahren, was eine ganz und gar menschliche Regung war – und offenkundig auch eine sehr letharische Regung, und das obschon der All-Eine mit Gerechtigkeit nicht viel im Sinn hatte. Es war schon eine etwas ironisch anmutende Situation gewesen.

Ich seufzte innerlich und fragte mich, ob irgendwann jemand kommen würde, der es schaffte diesen verdorbenen Haufen, zu dem ich genauso zählte, wirklich überzeugend zu einen.

Nun, was den Posten des Hauptmanns anging, trauerte ich ihm nicht nach. Wer sich beweisen wollte, hatte jede Chance dazu, wenn er sie zu nutzen wusste. Egal, ob er einen zusätzlichen Posten belegte oder nicht. Das war eine Tatsache, die ich schon bei meiner Ankunft gelernt hatte. Eine Tatsache, die in manchen Köpfen noch immer keinen Platz gefunden hatte über die Jahre hinweg.

Für mich bedeutete der „Verlust“ des Postens nur, dass ich dem Ganzen deutlich entspannter entgegen sehen konnte und ich Muireall alles Glück der Welt wünschte mit ihrer monströsen Aufgabe als General. Sie würde keine Freude am Ganzen haben und garantiert mehr als einmal fluchen, schimpfen, wettern und toben, wenngleich auch nur still für sich oder hinter sehr dicken und gut verschlossenen Türen und Wänden.
Ich wollte mich bemühen, dann, wenn es für sie von Nöten war, da zu sein und zu unterstützen, wenn gewünscht, und das mit der Gewissheit, dass ich diese Tatsache in ihre Richtung nicht aussprechen musste. Sie wusste es auch so.
Dem Letharfen würde ich es vielleicht klarmachen müssen. Vielleicht darüber hinaus noch die Tatsache, dass mich der „Verlust“ des Postens nicht sonderlich schmerzte und bei Fragen oder Weiterem zur Verfügung stand, denn nicht für jeder sah meine empfundene Selbstverständlichkeit auch als eine solche an.

Inzwischen hoffte ich inständig, dass die, die gestern am lautesten gewettert hatten über die empfundene Ungerechtigkeit, dass diejenigen, die vorbildlich schlecht versucht hatten eine Intrige vor meiner Nase zu spinnen, irgendwann lernten, dass es weniger darauf ankam den Posten zu ergattern, als vielmehr darauf welchen Eindruck man mit seinem Auftreten bei der ganzen Gruppe hinterließ. Bittere Beigeschmäcker bei einer solchen Angelegenheit schmälerten nur allzu schnell bei so einigen die Motivation und den Willen sich vollwertig einzubringen. Und das war nicht zielführend, konnte und sollte vor allem niemals das Mittel sein, das eine gute Führung für seine Zwecke nutzen sollte. So zumindest sah ich das.

Ich wusste also, wo meine Arbeit in dieser Gruppe in erster Linie lag: Einige meiner Stimmen davon zu überzeugen vollwertig mitzuarbeiten. Denn bei allem, was nun kommen mochte, ging es um unser aller Leben. Schlamperei und Uneinigkeit würden eben diese Leben unnötig kosten. Das konnte und wollte ich kaum zulassen. Wohin Uneinigkeit führte, hatte Schwingenstein in aller Deutlichkeit gezeigt. Eine Wiederholung davon brauchte und wollte auch keiner haben.
Ein gutes Gelingen war nicht nur von dem Führenden abhängig, sondern maßgeblich von denen, die zu folgen hatten. Arbeiteten sie nicht mit, war die Führung von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Und die, die sich am Ende für alles würde verantworten müssen, waren nicht die, die die vier Einheiten führten, sondern der General. Nein, ich wollte mit ihr wahrlich nicht tauschen. Und ich wollte gerade sie nicht im Stich lassen zum Preis eigener Befindlichkeiten.
  • Und Gott ist an Deiner Seite
    Unterscheide Gegenwart von Geschichte
    Beobachte die ganze Zeit
    Unterscheide taube Männer von den Hörenden
    Wolfsheim – The Sparrows and the Nigthingales