- Mut findet Hilfe.
Alter Spruch
Ich war überrascht, als mich der Landsknecht holte. Überrascht mehr ob des Grundes, als der Tatsache an sich geholt zu werden, weil es was zu entscheiden gab. Also ließ ich mich von ihm zum Ort des Geschehens bringen und staunte nicht schlecht, dass dort tatsächlich eine völlig verstörte und apathische Lethrusae saß, die ich glaubte sehr gut zu kennen. Bei ihr hielten sich noch Aschengardt und der Wachtmeister auf. Ich bemühte mich einen Überblick zu gewinnen, so rasch als möglich. Das was mir der, wie ich immer dachte, starke Geist der Lethra da zeigte, war erschreckend. Sie sah ausgemergelt und völlig zerlumpt aus, und wirkte mehr als verloren.
Ich hatte meine liebe Mühe eine neutrale Miene zu waren und gefasst zu bleiben. Wo ich mir bei den Krallenspuren, auf die die Lethra nun starrte, schon Sorgen machte, fand ich diese nun begründet, und ich fragte mich, was noch folgen würde.
Nach einer kurzen Besprechung mit Korlay brachen wir sie dann ins Gemeinschaftshaus der Prätorianer, als Gefangene. Wie gut würde sie das verkraften? Einerlei. Es war erst einmal eine Lösung, die gangbar war. Alles Weitere musste sich noch finden. Es brauchte eine Weile, bis sie ihre Sprache soweit wiederfand und ich erfuhr, was vorgefallen war. Und das was ich hörte, sorgte für einen äußerst dicken Klumpen in der Magengegend. Der Bericht war nur lückenhaft, klang genauso verstörend, wie die Lethrusae wirkte. Teilweise schien sie sich an gewisse Dinge auch nicht zu erinnern, aber das Gravierendste war die Tatsache, dass sie behauptete, der All-Eine wäre von ihr gegangen und dass der Axorn eingestürzt war.
Sie schien darüber hinaus verwirrt, unsicher, ängstlich, hielt es für einen Fehler den eigenen Höheren zu folgen, hielt das Verhalten des Allmächtigen für eine Strafe für die Führung in eine falsche Richtung, und beschloss im gleichen Augenblick mir zu folgen. Alatar, ich hoffte, ich machte es besser, aber irgendwo ganz hinten meldeten sich die verbannten Zweifel wieder, ganz leise und hartnäckig. Einerlei, ich würde sie nicht äußern, oder gar nach außen tragen. So schloss ich sie wieder ein und gab mich zuversichtlich. Weit zuversichtlicher, als ich mich fühlte.
Für mich stellten sich daraus zwei Fragen, die es zügig zu beantworten galt. Wir hatten Hilfe zugesichert, wenn es notwendig war. Hier war es eine Notwendigkeit, die sich für mich nicht von der Hand weisen ließ. Es galt zweifelsfrei zu schauen, ob weitere Letharen überlebt hatten und wie ihnen geholfen werden konnte. Dabei war das derzeitige politische Desaster als zweitrangig einzustufen. Darüber konnte sich danach unterhalten werden, und damit meinte ich reden und nicht angreifen, denn wenn ich die Strafe des All-Einen recht verstand (und das hoffte ich inständig, dass ich mich nicht irrte), war es bitterlich erforderlich, dass wir wenigstens wieder zu einer Art Bündnis fanden, zumindest aber zunächst einmal zu einem Waffenstillstand, der Verhandlungen für Weiteres ermöglichte.
Die zweite Frage, die ich mir stellte und auf die ich keineswegs so schnell eine Antwort fand: Wann folgte die Strafe für uns? Immerhin hatten wir uns der Zusammenarbeit ebenso verweigert. Die Provokationen, die zu der gewaltvollen Auseinandersetzung führten, waren meinem Erachten nach von beiden Seiten gekommen, ungeachtet dessen, wer nun mehr dafür geleistet hatte, dass es eskalierte.
Es schmerzte allein die Tatsache, dass das Zeichen vor der Stadt, das der All-Eine hinterlassen hatte, zumindest von mir erst so spät eine brauchbare Deutung fand, aber offensichtlich war es nicht nur mir so ergangen. Seit mehr als zwei Wochen warnten die Gräben, die die Krallen des Allmächtigen hinterlassen hatten, vor weiteren Fehltritten. Mir war erst kürzlich aufgefallen, dass ich nichts mehr von den Letharen gehört oder gesehen hatte in all der Zeit. So lange waren sie schon eingeschlossen gewesen? Verschüttet. Es musste so sein.
Einmal mehr flackerte das Bild vor meinen Augen auf, als Er Tiarnarch vor unseren Augen regelrecht zerschlagen hatte. Ich schmeckte fast im gleichen Augenblick bittere Galle, während sich mir alles zuschnürte.
Es war Zeit zu handeln, die Hand zu reichen, mochte es auch als Schuldeingeständnis von der Gegenseite gesehen werden. Das spielte augenblicklich zumindest für mich eine geringfügige Rolle. Den Einzigen, denen dabei wohl nicht so einfach vergeben würde, waren die unter den Menschen, die all zu laut die Trommeln des Verrats schlugen. Ohne Sühne, kein Erlass. Manch lästiges Geschmeiß wollte selbst ich trotz aller drohenden Konsequenz nicht zurück haben.
Ich fragte mich, was mit den Höheren der Letharen war. Konnten sie Ihn ebenfalls nicht mehr wahrnehmen? Wenn es die kleine unbedeutende Heilerin schon derart niederriss, wie mochte es ihnen ergangen sein? Ließ Er sie weiter führen? Besaß er doch so etwas wie Gnade und ließ ihnen eine Gelegenheit sich erneut zu beweisen? Ließ Er sie uns?
So versuchte ich Antwort zu finden, indem ich den Tempel aufsuchte, schon früh am nächsten Morgen, die Stunden bevor die Sonne über den Horizont hinauf zog. Ich ging in einer einfachen Robe und Sandalen, auch wenn ich diese Klamotten unglaublich furchtbar fand, nach wie vor. Vor dem Altar ließ ich mich zunächst auf die Knie sinken, beugte mich vorn über bis die Stirn den kalten Marmor am Boden berührte und verharrte so, Stunde über Stunde.
Allmächtiger, in Ehrfurcht knie ich vor Dir nieder.
Erhöre Deinen Diener, ich bitte Dich.
Strafe mich, wenn es in Deinem Sinne ist,
denn ich weiß, ich habe versagt.
Leite mich, denn ich benötige deine weisende Pranke,
um den weiteren Weg zu erkennen.
Eines Deiner Kinder hat zu mir gefunden,
ließ mich Zeuge dessen sein, was für eine Strafe Du für sie ersonnen hast.
Unsere Aufgabe ist es Dein Reich zu stärken,
uns gelang es nur es zu schwächen.
Darin haben wir alle gefehlt.
Schenke uns Einsicht in Deinen Plan,
um unser aller Versagen in einen gemeinsamen Weg zu wandeln.
Führe mich, Allmächtiger,
führe uns,
leite mich, Allmächtiger,
leite uns,
Deine Vision, mein Ziel,
Deine Vision, unser aller Ziel.
Allmächtiger, in Ehrfurcht knie ich vor Dir nieder,
und erwarte deinen Befehl.
So harrte ich vor dem Altar in der Hoffnung eine Eingebung, Leitung und Führung zu erhalten, nahm die Schmerzen, die irgendwann die Glieder hinaufkrochen in Kauf und wagte es nicht einmal annähernd mich zu rühren.
Ich fürchtete mich noch immer vor der Strafe, die da kommen mochte, und in dem Wissen ihr sowieso nicht entgehen zu können, nahm ich all meinen kümmerlichen Mut zusammen und stellte mich Ihm in Seinem Tempel, im Gebet und stiller Zwiesprache. Ich hoffte inbrünstig, er gab mir Anleitung, irgendein Zeichen, irgendeine Weisung, einen Befehl, irgendetwas.
Den Blick zu Boden gerichtet, zusammengekauert vor dem Altar, liefen mir die Tränen vor Schmerzen, vor Furcht und Ehrfurcht, der Hoffnung und dem Bangen wegen, und der Einsicht selbst versagt zu haben. Hier, wo ich nur den Blick des All-Einen auf mich wähnte, brauchte ich keine Geheimnisse zu wahren und ließ mich gehen, solange ich nur sicher war, dass nur Er es sah.
Zweifellos, ich wusste, in dem Moment war ich schwach, doch ich begann im gleichen Augenblick diese in Stärke zu wandeln, indem ich mich all dem stellte in aller Konsequenz.
- Leg an die Hand, so ruhet Gottes Hand auf dir.
Jeremias Gotthelf