„Sei vorsichtig, Anneen. Du erwürgst das Kaninchen noch, wenn du es so weiter drückst.“ Kaleyas Nase wackelte wie von selbst bei dem Anblick ihrer Ältesten. Und heute am 30. Schwalbenkunft... aye, da war wieder ein Jahreslauf vergangen. Einer, in dem so viel passiert war. Und jedes Mal, wenn sie Anneen ansah, dann wusste der Eisdrache unweigerlich, wie die Zeit voranschritt. Einst hatte sie das kleine Würmchen mit den babyblauen Augen in den Armen gehalten, und nun sah ein Paar grüngelber Augen so neugierig in der Welt umher und sie rannte über die Wiesen von Argantfels mit den Kaninchen um die Wette. Fast fühlte es sich an, als wenn sie der Mutterliebe entrann, und doch war ihre Bindung immer da, unsichtbar für andere. Anneens Kaninchenverfolgung nahm alsbald ein Ende und sie flitzte wieder zu Kaleya hin. „Ich mag nicht mehr! Die rennen alle davon, wenn sie mich sehen!“ Mit einem empörten Aufblitzen der Augen sah das blonde Mädchen zu ihrer Mutter. „Ach was, sie haben nur Angst, dass sie als Mittagessen im Suppentopf enden. Aber für dich gibt es heute Erdbeerkuchen, aye? Dafür müssen wir aber nach Hause, auch wenn ich noch gerne den ganzen Tag mit dir im Wald von Argantfels verbringen würde.“ Anneen nickte und erwidert dann leise. „Elian hat auch Hunger? Bekommt er Erdbeerkuchen?“ Da lachte Kaleya nur heiter und wuschelte ihrer Ältesten durch die blonden Haare. Sie hatten mittlerweile die gleiche Färbung angenommen wie das Haar von ihr selbst. „Oh nein, mo chridhe... er ist dafür noch viel zu klein.“ Anneen nickte nur und griff suchend nach Kaleyas Hand. Und so flogen der Eisdrache und das Würmchen wieder zum Familienanwesen und beendeten für den heutigen Tag eine Tradition, die nur ihnen beiden gehörte.
Als sie ankamen, wuselten Yvaine und Earon schon im Wohnzimmer herum. Laidir rief seinem Schwiegersohn wie immer Ratschläge zu, wie man den jüngsten Spross von frühster Kindheit an zu einem passablen Handwerker heranziehen konnte. Die Ratschläge hörten erst auf als Anneen auf ihren Großvater zu rannte und dieser sich von dem Geburtstagskind ablenken ließ. Mit einem koboldhaften Grinsen wuselte Kaleya still und heimlich in Richtung des Kaminstübchens, um dort nach Elian zu sehen. Doch jenen Gedanken hatte zweifelsfrei noch jemand anderes gehabt, denn Anchia hielt das Flämmchen bereits behütend in ihre Armen. Kaleya trat neben ihre Mutter und legte eine Hand auf ihre Schulter, dabei Elian betrachtend, der friedlich schlief. „Mo nighean, er ist so ein hübsches Kind geworden. Mutter muss ihren Segen wahrlich gegeben haben, um so ein wundervolles Geschöpf entstehen zu lassen.“ Der Eisdrache konnte nicht anders als liebevoll auf Elians Nase zu stupsen, um ihm nahe zu sein. „Aye, er ist ein Segen. So wie Anneen und Yvaine es sind. Und wie all die guten Dinge, die uns noch zuteilwerden. Ganz gleich, ob es die Liebe der Gemeinschaft der Hüter ist, oder die Ehre dem Hort des Wissens dienen zu können, oder auch nur für mich zu sein und im Raum der Träume die zauberhaftesten Werke entstehen zu lassen, die meine Feder und mein Geist zustande bringen.“
Anchia drückte das schlafende Bündel unvermittelt in Kaleyas Arme bei jenen Worten, ehe sie dann leise zwitscherte. „Und weil du so viel wuselst und in 10 Tagesläufen dein eigener Geburtstag ansteht, kündige ich dir schon einmal dein Geschenk an. Dein Vater und ich sind der Meinung, dass du und Earon einmal etwas Zeit für euch braucht, im Ashatar solltest du dich auf eine Reise auf das Festland vorbereiten. Und die Kinder bleiben hier bei uns. Ich habe für euch eine Amme ausfindig gemacht, die Elian versorgen wird.“ Kaleya schnappte gerade mit dem Mund, so als wolle sie etwas sagen, doch Anchia kam ihr zuvor. „Keine Widerrede, und außerdem ist es besser, wenn du endlich eine Amme hast. Du kannst nicht zwischen all deinen Pflichten und den Jagdausflügen auch noch regelmäßig das Flämmchen an die Brust nehmen.“ Durchaus überrollt wie von einem Kutschenrad sah der Eisdrache auf ihre Mutter. Es gab selten Momente, in denen Kaleya sprachlos war, heute jedoch war einer dieser Momente. „Mathair... das ist wirklich eine wunderbare Idee. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich die Kinder solange bei euch allein lassen kann… und Elian ist noch so klein.“ Anchia zwinkerte und hauchte ihrer Tochter dann leise etwas zu. „Das wirst du, und du wirst die Zeit am Festland genießen.“ Es folgte ein Blinzeln und die Eisaugen sahen lange in das Gesicht von Anchia. „Genug davon, nun lass uns Anneens Geburtstag weiter feiern. Ich habe ein besonderes Geschenk für sie genäht... sie wird es lieben. Es ist ein großes weißes Stoffkaninchen mit Schlappohren.“ Und ob jener Verkündung wackelte Kaleyas Nase wieder einmal. Die Zeit rannte und die Älteste wurde noch zu einer wahren Kaninchenfängerin. Yvaine folgte ihr wohl bald, wenn auch noch mit unkoordinierten Schritten. Und Elian... aye, er hatte noch lange Zeit. Mit einem Seufzen ging Kaleya ihrer Mutter hinterher in das Wohnstübchen. Doch während sie sich zu ihrer Familie gesellte, merkte sie eines ganz besonders: Sie war im letzten Jahr um so vieles reifer und verantwortungsvoller geworden. Der Schabernack saß noch immer in ihr, ohne jeden Zweifel... doch er wusste sich im Zaum zu halten, wenn es darauf ankam.