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Verfasst: Donnerstag 30. Oktober 2014, 16:46
von Dazen Wolfseiche
  • Die Neugier lehrt reden, die Wissbegier schweigen.
    Georg (Karl Friedrich Theodor Ludwig) Baron von Örtzen
Ich konnte mir nicht helfen. Auch nachdem der Besuch gegangen war, fühlte ich mich angestrengt. Das mochte an der Erkältung liegen, die mich redlich Nerven kostete, es mochte aber auch an dieser Einsilbigkeit des Gesprächspartners liegen.
Eine meiner gehässigsten Stimmen fragte sich im Stillen, ob sie sich deshalb so auftakelte und mit Farbe beschmierte, weil sie hoffte wenigstens darüber interessant zu wirken, wenn schon nicht über eine gelungene anspruchsvolle Unterhaltung. Vermutlich aber verkannte diese gehässige Stimme die Situation völlig und ich schob sie beiseite. Zudem tat ich dieser Frau ebenso vermutlich einfach Unrecht und verlor mich in meiner eigenen Überheblichkeit, nur weil ich mit ihrer Einsilbigkeit nichts anzufangen wusste. Ich konnte sie immerhin nicht als unhöflich, unfreundlich oder gar abweisend einstufen, und getan hatte sie mir auch nichts. Sie gehörte nur nicht unbedingt zu der Art Mensch, zu denen ich übermäßigen Kontakt suchte, da sie durch ihre Schweigsamkeit ziemlich ungesellig und wie eine graue Maus im viel zu schrillen Federkleid wirkte.

Wie ich die scheinbar nicht bewusste Aufdringlichkeit von ihr werten sollte, war mir allerdings auch nicht klar. Irgendwas warnte mich davor die Rothaarige als naiv und völlig unbedarft einzustufen, auch wenn sie es offensichtlich sein wollte. Was genau mich warnte, wusste ich nicht. Vielleicht die Tatsache, dass jederzeit ein Drachen in der Tür hätte stehen können und das für die Rothaarigen so faszinierende Feuer spie. Trüge ich nicht die Befürchtung, dass mich dieses Feuer selbst treffen könnte, hätte ich mir fast schon gewünscht, es wäre passiert, einfach nur um zuzusehen, was passiert.

Die Eigenschaften, die sie glaubte erkannt zu haben, fand ich bei aller leisen Gehässigkeit interessant:
Bedacht, interessiert, pragmatisch, zielorientiert, unnahbar… und noch etwas, was ich schon wieder vergessen hatte. An und für sich war bei all den getroffenen und doch vermuteten Feststellungen nichts Schlechtes, vom letzten vielleicht einmal abgesehen. Wobei auch diese Eigenschaft eine positive Seite an sich hatte. Es kam nur darauf an, wer es war, der diese bei einem zu erkennen glaubte und sie benannte. Sie war auch nicht die erste, die das feststellte.

Die Zeit, bis der Drachen dann tatsächlich heimkam, nutzte ich mir zu überlegen, welchen Eindruck diese Studierende noch auf mich hinterlassen hatte.

Wie bereits ausgeführt war da die Wirkung der grauen Maus in dem bunten Pfauengewand. Diese Art des Auftretens, oder auch Zurschaustellung wirkte nicht echt und aufgesetzt, vordergründig. Die wortkarge Art tat ihr übriges dazu sie uninteressant zu finden. Es gab genug Menschen, die gerade diese Paarung an Äußerem und Oberflächlichkeit mysteriös fanden und deshalb ihre Neugier weckte. Mich strengte es eher an und zerrte an meiner Geduld. Lex schien das fasziniert zu haben. Mir war es lästig gewesen. Auch die Überforderung, die plötzlich auftrat, als die zwei Kinder des All-Einen mit am Tisch platzgenommen hatten, wirkte falsch. Am Lagerfeuer hatte sie selbiges Verhalten nicht gezeigt.
Auch wenn ich dies als Spielchen ihrerseits einstufte, um sich mit mir allein unterhalten zu können, ging ich darauf ein. Immerhin hatte ich ihr die Zeit zugesprochen. Also saßen wir wenig später im eigenen Heim, das sie studierte, zumindest den Teileindruck, den sie davon gewinnen konnte. Sie spielte offensichtlich gern mit dem Feuer, auch als sie das Stückchen glühende Holzkohle aus dem Feuer klaubte. Zwar hielt sie es mit den langen Fingernägeln, das täuschte aber nicht darüber hinweg, dass sie offensichtlich keinen Schmerz verspürte. Weder war das der Fall, als sie es aus der Hitze herausholte, noch als sie es die ganze Zeit so vor meine Nase hielt. Auch als sie es einige Zeit später erst auf dem Tisch ablegte, wo das kleine glühende Stück fast umgehend zu Asche zerfiel waren keine Anzeichen davon zu finden. Liedkundig also. Eine andere Erklärung für solche Phänomene kannte ich nicht. Es passte außerdem zu der Aussage, sie studiere und lerne. Bei Alatar, ich fand sie genauso staubig wie die Bücher, die solche Leute so gerne wälzten.
Immerhin machte sie mir deutlich, dass ich eine gepflegte Unterhaltung durchaus schätzte und Eigenmonologe nicht so meins waren, auch wenn ich bisweilen gerne und viel redete. Aber da ging mir irgendwann sogar der Stoff zum Reden aus.
Bestimmt war die Aussage richtig, dass Freunde es verstanden auch gemeinsam zu schweigen, aber hier handelte es sich weder um eine Freundin, noch war mir nach tiefgründigem Sprachlosigkeit. Die Frage, weshalb sie das Gespräch gesucht hatte, war ebenfalls nur dürftig beantwortet worden. Neugier. Das konnte nun alles und nichts bedeuten. Sehr sinnbehaftet schien mir unsere etwas einseitige Unterhaltung nicht gewesen zu sein. Und an der Stelle führte ich meine Gedanken wieder zum Ausgangspunkt zurück. Was für Eigenschaften hatte sie mir eigentlich von sich gezeigt?

Ich stellte erneut fest, dass ich es nicht in kurze Sammelbegriffe packen konnte. Zu jedem Wort, das mir einfiel, benötigte ich eine endlose Erklärung. Die Quintessenz des Ganzen aber war am Ende: Ich fand sie nichtssagend, bunt verfärbt, oberflächlich. Damit gab ich es dann auch auf mehr draus gewinnen zu wollen. Einzig die Einsicht blieb, dass ich ihr damit vermutlich Unrecht tat, aber das schlechte Gewissen stellte sich deshalb  nicht ein.

Vielmehr schweiften die Gedanken ganz von ihr ab zu meiner Waffenschwester, denn wie das so ist, wenn man Zeit hat und mal keine Pflichten, denen es nachzugehen galt, kehrten auch schon mal Erinnerungen zurück, die zurückgestellt worden waren auf Grund eigenem Aktionismus.

Es dämmerte mir, dass die Kleine etwas von einem bedrohlichen Fremden berichtet hatte. Ich maß dem Ganzen an dem Abend gar nicht soviel Bedeutung bei, da sich meine Waffenschwester darum gekümmert hatte. Nun aber fiel mir auf, dass ich dazu gar nichts weiter mehr gehört hatte, weder von der Kleinen, noch vom Wissenschaftler, auch nicht von der Nervensäge oder meiner Waffenschwester selbst.
Da ich mir aber nicht vorwerfen lassen wollte, mich nicht zu interessieren, nichts zu tun oder mich gar überhaupt nicht darum zu scheren, was vor sich ging, stellte ich ein Nachhaken dazu auf meiner ‚Zu erledigen‘-Liste ganz nach oben. Vor allem fiel mir ein, dass sie beiläufige Bemerkungen machte, die mich damals schon stutzig machten und zudem auch neugierig. Genau die waren es, die eigentlich nur zu deutlich aufzeigten, wie wenig wir uns eigentlich kannten, aber doch gut zu kennen glaubten. Nicht, dass ich davon ausging, dass sich das jemals wirklich änderte. Dafür hielt sie sich viel zu fern von mir und ich mich mittlerweile wohl auch von ihr. Aber auch das war ja kein Umstand, der nicht änderbar war. Dem stand nur die Tatsache im Weg, dass wir beide kaum das Verlangen verspürten uns übermäßig mit den jeweiligen Partnern des anderen zu befassen, außer es ergab sich eben mal so. Das wiederum barg in sich schon eine gewisse Ironie, die von außen betrachtet auf die ganze Angelegenheit einen völlig falschen Eindruck erwecken konnte. Dieser Eindruck sorgte zumindest bei mir für enorme Belustigung.

Außerdem musste ich… nein, ich wollte mich mit ihr abstimmen, was die Knappen anging. Das hieß,  ich konnte womöglich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
  • Bestimme ich die Stärke des Feindes,
    während meine Gestalt nicht wahrnehmbar erscheint,
    so kann ich meine Stärke konzentrieren,
    während der Feind unvollständig ist.
    Der Höhepunkt militärischer Entfaltung findet sich im Formlosen:
    Weiset keine Form auf und sogar der sinnestiefste Spion suchet Euch vergebens
    und der Weise kann keine Pläne gegen Euch schmieden.
    Sunzi

Verfasst: Freitag 31. Oktober 2014, 16:32
von Dazen Wolfseiche
  • Liebe und Hass sind sich näher miteinander verwandt als uns lieb ist.
    Stefan Wittlin
Unsäglich.

Ich hielt es nicht aus in dem gleichen Haus zu bleiben, in dem ich sie wusste. Nicht heute. Mir war danach sie zu erschlagen. Sehr. So war es nicht verwunderlich, dass ich auch nicht genug Ruhe fand, um zu schlafen. Aufgewühlt, voller Zorn und sogar Hass, zog ich mich wieder an und verließ das Haus. Unter der Tür zum Schlafzimmer verriet der schwache, warme Lichtschimmer, dass die Kerze darinnen noch brannte und sie wach war.
Ich zögerte nur einen Moment, bevor ich das Haus endgültig verließ und die Nacht über und auch am Morgen nicht zurückkehren sollte.

Die Worte, die sie in der Taverne hatte fallen lassen, trafen. Sie waren gänzlich aus dem Zusammenhang gerissen hingeworfen worden, geifernden Hunden, die sich nur darum prügelten solche Brocken hingeschmissen zu bekommen, um sich dann das Maul darüber zu zerfetzen. Alatar, ich hasste sie so abgrundtief dafür. Warum sie das tat, spielte für mich in dem Moment keine Rolle. Weder wollte ich das hinterfragen, noch tat ich es.
Als sie kurz darauf heimkam und den nächsten Fetzen hinwarf, nämlich den, dass einer der Köter natürlich gefressen hatte, was sie von sich gab, war mir wirklich inständig danach aufzuspringen und meinem Zorn mit Gewalt Ausdruck zu verleihen. Es fiel mir so unsäglich schwer weiterhin ganz ruhig zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass wir stritten. Grundsätzlich fühlte ich mich in solchen Momenten von ihr an meine Grenzen der Selbstbeherrschung getrieben. Ob sie sich dessen bewusst war, wusste ich nicht. Was mich davon abhielt, wusste ich für mich allerdings sehr gut. Bei aller Lehre, die ich durchgemacht hatte bis zum Ritterschlag - ich hatte Skrupel.
Eigentlich wusste ich nur sehr wenig über das, was sie durchgemacht hatte, bis sie vor einer geraumen Weile nun schon nach Rahal fand. Allerdings war mir nicht entgangen, dass sie auf manches sehr empfindlich, manchmal sogar angriffslustig reagierte. In der Regel vermied ich genau das zu provozieren, wenn ich mich beherrschen konnte. Ich stellte fest, dass es mir zunehmend schwerer fiel, bei allem Wollen und Wünschen sie nicht über Gebühr zu verletzen. Allerdings war ich mir mittlerweile meiner selbst nicht mehr sicher genug, um zu sagen, dass es mir auch in Zukunft noch gelänge.

Ich hatte also auch jetzt mein Heil in der Flucht gesucht, das Ziel war der Tempel, wo ich die Nacht verbrachte, teils kniend, teils sitzend auf der harten Bank. Dort war es still, so still, dass ich eine Nadel hätte fallen hören können. Normalerweise half mir genau das meine innere Ruhe wiederzufinden.
Irgendwann stand ich auf, ging die Treppen hinauf auf die Balustrade und setzte mich dort oben zusammengekauert auf den Boden in eine der dunkleren Ecken und zwang meine Gedanken in die Reflektion der gesamten Situation.

Ich suchte nach dem Punkt, an dem ich sie verloren hatte, an dem ich sie einfach nur noch getroffen hatte, ohne dass sie verstand, wieso ich wann wie wo handelte oder wann und wo ich was gesagt hatte, das traf, ohne dass ankam, warum ich es ihr hinwarf. Genauso bemühte ich mich darum zu begreifen, wo ich vielleicht selbst etwas verpasst oder nicht verstanden hatte.

Gib ihm ein oder zwei Tage, dann hat er sich beruhigt und genug damit beschäftigt, um es einzusehen.
 
Die Worte waren auch irgendwann einmal von ihr gesagt worden, zumindest sinngemäß. Warum sie mir ausgerechnet jetzt in den Sinn kamen, wusste ich nicht, aber ich spürte, wie sich schon wieder ein heißer Wutball in meinem Magen bildete.

Klugscheißer mag keiner.

Eines war mir bewusst geworden an diesem Abend. Sie hatte nicht begriffen, dass ich mich nicht für unfehlbar hielt. Ihr unterkühlter Blick in der Kampfschule hatte auch deutlich gemacht, dass sie nicht begriff, warum ich ausgerechnet sie ständig zurecht stutzte, wenn mir auch nur eine Kleinigkeit auffiel, die nicht so ganz rund lief.
Aber wollte ich es ihr denn auf die Nase binden, oder wollte ich, dass sie selbst darauf kam? Vielleicht spielte es keine Rolle, dass ich sie für klug genug hielt, selber darauf zu kommen. Vielleicht musste ich ihr verdeutlichen, dass ich es nur tat, um sie zu fördern, sie anzutreiben, dazu zu bringen durchaus auch mal Zorn darauf zu verspüren und diesen in die rechte Bahn zu lenken. Es waren nichts weiter als kleine Prüfungen. Natürlich, ganz nebenbei unterstützte es sicherlich irgendwann auch Ruf und Stand zu wahren, nicht nur meinen, ihren genauso. Das aber war nur ein Nebeneffekt - bestimmt ein Willkommener, aber kein Essentieller für mich, denn ich konnte auch gut für mich stehen und das auch gerade.

Gleichzeitig aber schwor ich mir auch, sie nicht zu bestärken in ihrer Ansicht die Beste zu sein, für die sie sich auch gestern wieder ausgab. Sie war gut. Sie war nicht perfekt. Sie war folglich nicht die Beste. Sie hatte noch genug zu lernen und genug Ecken und Kanten zum Schleifen, um die Beste zu werden. Natürlich trug sie im Hafen noch einmal extra auf. Aber ich sah keinen Grund das zu unterstützen. Es entsprach einfach nicht mir an dieser Stelle.

Ich stieß einen Seufzer aus und lehnte den Kopf an die kalte Tempelwand hinter mir, schloss die Augen und versuchte einige Atemzüge lang einfach gar nichts zu denken, aber so ganz wollte es mir einfach nicht gelingen.

Nichts ohne Hintergedanken. Zu keiner Zeit.

Du läufst schnell? Du kannst noch schneller. Du triffst meistens das Ziel? Du kannst es noch öfter treffen! Du kennst dich im Wald aus? Es gibt noch immer etwas, was du darüber nicht weißt und lernen kannst. Du magst die Bessere von euch beiden sein, aber die Beste bist du nicht. Es wird immer wen geben, der besser ist als du. Aber halte daran fest, dass du die Beste werden willst und ich helfe dir, so gut ich kann.

Ich hatte es ihr einmal gesagt. Ein einziges Mal. Eine Antwort darauf war bis heute von ihrer Seite aus ausgeblieben. Allein hier daran zu denken, im Tempel, ließ mich in Erwartung eines Schlags den Blick zum Gewölbe hinaufblicken.

Die Erinnerung an den Ritterschlag kehrte zu mir zurück, an das Gespräch davor, die Zeremonie, all das, was gesagt wurde. Unter anderem auch daran, dass ich nie wieder Zweifel hegen sollte, denn die würde ich durch die Stimme des Herrn auszuräumen wissen.
Ich glaubte, die Worte sollten damals Mut machen. Heute, jetzt, ließen sie einen bitteren Beigeschmack in mir zurück. Ich stellte viel zu oft fest, wie sehr ich manches Mal zweifelte an den Entscheidungen, die ich traf.
Gleichzeitig erinnerte ich mich der Lehre, mir Unsicherheiten nicht anmerken zu lassen.
Ich stellte fest, mir ging es nicht alleine so. Das beruhigte mich ein wenig. Vielleicht bürdeten wir uns alle viel zu viel auf. Vielleicht war das aber noch immer nicht genug. Einmal mehr hoffte ich auf irgendeine Weisung durch den All-Einen. Vermutlich würde ich auch darauf, wie zuvor schon, vergebens warten, wollte er doch, dass wir unserem freien Gedanken folgten. Auch wenn ich gerade dies zu schätzen wusste, so wünschte ich mir bisweilen doch auch selbst geführt zu werden.

Mit einem leisen Seufzen drückte ich mich von der Wand ab und hoch, verließ nach der Respektsbekundung gegenüber dem All-Einen leise den Tempel und schlug den Weg zum Friedhof direkt daneben ein. Dort blieb ich bis zum Morgengrauen, vor den beiden Gräbern, die ihren Platz mittlerweile nebeneinander gefunden hatten. Ich zog etwas Unkraut heraus, fegte das heruntergefallene Laub fort und unterhielt mich leise mit den beiden. Ein heimlicher Lauscher hätte vermutlich seine helle Freude an mir gehabt. Ich kam mir selbst ein wenig dämlich vor dabei. Aber es lenkte ab. Es lenkte vor allem vor dem Knoten in der Brust ab, der sich dort mittlerweile eingenistet hatte.
Einmal mehr stellte ich fest, dass ich so in der Vergangenheit noch nicht empfunden hatte. Nicht so. Und hätte mir vor ein bis zwei Jahren jemand gesagt, dass ich an einem Menschen jemals so hängen würde, ich hätte es resolut abgelehnt, verneint und denjenigen zum Dämonen gejagt.
Heute würde ich ihn ebenfalls zum Dämonen jagen, aber allein dafür, weil er Recht hatte.
  • Liebe hat viele Gesichter.
    Napoleon I. Bonaparte

Verfasst: Montag 24. November 2014, 17:35
von Dazen Wolfseiche
  • Man kann nicht zusammenhalten,
    was auseinander gehen will.
    unbekannt
Ich vermutete, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wieder etwas in die Brüche ging. Als Optimist mit Erfahrung, im Volksmund auch Pessimist genannt, folgte ich der festen Überzeugung, dass auf eine Zeit der Ruhe, so ganz ohne Zwist und Hader, die Katastrophen gehäuft folgten.
Und am Vorabend begann es, schätzte ich. Dabei hatte der Tag schon recht vielversprechend begonnen. Ein Anwärter hatte zu uns zurück gefunden nach längerer Reise, die Gespräche im Gemeinschaftshaus waren soweit friedlich verlaufen, außer den üblichen kleinen Rangeleien zwischen Letharen, denen ich kaum noch Beachtung schenkte, es denn es wurde zu wild.
Der Besuch der Waffenschwester überraschte mich etwas, aber durchaus positiv. Der Austausch tat gut, auch wenn es in unserem Gespräch zwischendrin weniger angenehm zuging. Ja, ich erhielt mal wieder hinreichende Kritik an meinen Ansichten und für die Vertretung meines Standpunktes. Erstaunlicherweise empfand ich nichts als Gleichgültigkeit für die Einstellung Durions, der offenkundig während meiner Gefangenschaft verdeutlichte, dass ich kein Waffenbruder wäre. Ich schätze, es kam hier auf die eigene Definition des Waffenbruders an, und so selten wie unter uns Einigkeit vorkam, so ich sah das dieses Mal gar nicht unähnlich mit dem „sein oder nicht sein". Das brachte mir eine Kopfwäsche ein, die es durchweg in sich hatte und nun, da es im Haus still war, auch die Zeit das Ganze nochmal zu durch- und überdenken.

Natürlich hatte sie Recht, wenn sie sagte, der All-Eine hatte so entschieden und es stünde uns nicht zu anzuzweifeln. Allerdings hatte er nicht entschieden, dass wir Waffenbrüder waren, sondern eben Ritter. Der Eid band uns an gewisse Umstände, die wir einzuhalten hatten. Das aber machte uns auch nicht unbedingt zu Waffenbrüdern.
Natürlich hatte sie Recht, wenn sie sagte, wir könnten es uns nicht aussuchen, mit wem wir zusammen zu arbeiten hatten. Und eines unterschied sich auch ganz sicher zwischen uns. Während er sich in seinem Egoismus suhlte, bemühte ich mich doch das große Ganze zu sehen und zu fördern und stellte meine persönlichen Belange nach hinten. Ich stellte mich sogar vor seine Selbstherrlichkeit mit Gossenschnauze und verteidigte ihn als das, was er eben war - so sehr ich mich bisweilen dafür auch fremdschämte, und so sehr ich wusste, wie Recht sie hatten mit ihren Behauptungen, Schmähungen und Aufzählungen.
Wie gerne ich manches Mal einfach gesagt hätte: „Ja, verdammt! Ihr habt Recht! Ich sehe das genauso!"
Stattdessen waren eher Worte gefallen wie: „Es steht nicht zur Diskussion, wie Ihr zu dem Ritter steht, noch Euch gut zu Gesicht derartige Schmähreden zu führen." Oder wie: „Wir möchten doch bitte die Contenance wahren und nicht üble Nachrede über Abwesende führen."

Seine Äußerung bei meiner Gefangennahme machte aber auch nur zu deutlich, warum er sich über Zuständigkeiten innerhalb der Bruderschaft hinwegsetzte. Die Schützen waren mir unterstellt worden, ich sollte mich kümmern - und er hielt es nicht für nötig Absprachen zu treffen, sondern betrachtete die zwei als sein Privatvergnügen. Nun ja, so gesehen war er damit nicht alleine, auch wenn andere den Anstand hatten, wenigstens kurz zu berichten, was sie taten. Es war zwar der Weg hinten herum durch das Hintertürchen, aber es kam wenigstens irgendetwas an Informationen an.
Eindeutig etwas, was ich Mitte der Woche ansprechen würde. Ich hielt mich schließlich aus den Gardebelangen auch völlig heraus, seit er diese übernommen hatte. Selbstverständlich könnte ich aus Nickeligkeit nun beginnen mich da einzumengen, aber ich hatte auch so genug zu tun und nicht einmal annähernd das Bedürfnis die Aufgabengebiete anderer zu übernehmen oder die Zuständigen zu umgehen. Das wäre ein unnötiges und nicht zielführendes Kräftemessen, das am Ende nur mich am meisten ärgerte. Vom Grad der Albernheit solcher Verhaltensweisen mochte ich nicht mal sprechen.
Also wählte ich den einzig richtigen Weg: Ich würde es ansprechen und ging davon aus, dass es eines der unangenehmen Dinge des Abends sein würde - wie immer, wenn mir etwas nicht passte, und er die Triebfeder hinter dem war, die dafür sorgte, dass mir etwas nicht gefiel, oder auch: Wenn ich weder  seine Meinung, noch seine Ansicht teilte. Was „freute" ich mich doch schon darauf!

Fakt war jedoch, per Definition war ein Waffenbruder ein Kampfgefährte im Krieg. Er sah mich nicht so, weil er sich im Stich gelassen fühlte seit der Belagerung. Ich sah ihn nicht so, weil er wie ein feiger Hase davonlief und den Ahad und mich allein zurück ließ mit einer Horde Regimentler neben einem ziemlich kopflosen Baldur Heyn. Und das war nicht das einzige Mal, wo er sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. Das brachte er dann noch einmal im Feindesland, als die Gegner in Überzahl ihm und der Garde gegenübertraten. Es war auch nicht das letzte Mal von dem ich hörte oder unfreiwillig zu hören bekam. Der Beiname Hasenfuß war ganz sicher nicht von ungefähr gekommen.
Nun könnte man natürlich sagen, dass sich damit ja gleiches mit gleichem verglich, aber ich stand da doch ein wenig anders zu, als der oberflächliche Blick eben gewahr werden ließ. Meine mangelnde Unterstützung lag nicht darin begründet, dass er oder sein Leben mir egal gewesen wären, sondern darin ihm nicht mit widerläufigen Befehlen querschießen zu wollen - die dummerweise ausblieben. Davon, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht gerüstet war, ganz zu schweigen. Letzteres konnte ich mir als Fehler noch ankreiden, ersteres nicht. Weder vor Alatar, noch vor mir selbst. Er war genauso Ritter wie ich auch, er hatte die gleiche Befehlsgewalt wie ich und hatte diesen Dreck gefälligst nicht auf mich abzuwälzen, nur weil er glaubte, so fein aus der Sache rauszukommen. Immerhin führte er den Angriff, also lag die Befehlsvergabe auch bei ihm, nicht bei mir.
Wobei ich da schon fast innerlich lachen muss, denn im Grunde hatte die Hauptmann die Befehlsgewalt an sich gerissen und uns alle damit ganz vorne weg dumm dastehen lassen. Aber darüber sprach niemand, das wurde, wie so manch anderes, gut und gerne mal ignoriert und unter den Tisch gekehrt.
Womit wir beim nächsten Punkt waren, der Mitte der Woche endlich mal geklärt werden sollte. Genauso wie die Aufarbeitung der Belagerung. Es zerrte ungemein, dass alles seit der Belagerung brach lag und sich niemand wirklich kümmerte oder scherte. Zum Erbrechen.

Ich drehte mich auf die Seite, schlang den Arm um die Schlafende und schloss die Augen. Nur mühsam gelang es mir meine Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Noch etwas, worauf sie im Gespräch aufmerksam gemacht hatte. Und genau darin sah ich im Grunde genau die zu Anfang erwähnte Problematik mit den Katastrophen, die das nach sich zog. Nicht, dass ich dem Ganzen viel Bedeutung beimaß, denn letztlich war das ganz und gar nicht meine Angelegenheit, sondern das zweier Menschen unter sich. So wehrte ich die Thematik an dem Abend auch eher ab - ich glaube, sehr zum Unmut der doch etwas besorgt wirkenden Freundin. Wobei ich mich nach wie vor fragte, was ihr mehr Sorgen machte - die Tatsache an sich, dass es nach Trennung roch, oder das, was dieser nachging, Meine Vermutung tendierte eher zu letzterem, denn im Grunde betraf sie die ganze Chose ja indirekt gar nicht wenig. Ich hoffte inzwischen, dass die Gemeinschaft davon nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, denn ich war mir wirklich sicher, dass mir dann jede Selbstbeherrschung würde verloren gehen.
Sie konnten kommen, darüber reden, wenn sie wollten, aber es durfte sicher nicht soweit gehen, dass die Gemeinschaft sich plötzlich nur noch damit befassen musste. Es blieb allerdings auch abzuwarten, ob die Befürchtung eintrat und ich nicht schon wieder Unrecht tat allein schon mit meiner Mutmaßung.

Ich schätzte, mein bekundetes Desinteresse zu dem Thema eine Äußerung zu treffen, brachte mir die Retourkutsche ein, als ich von meiner ganz speziellen Bekanntschaft und ihre Probleme berichtete. An und für sich war das ein guter Moment einmal mehr zuzuschlagen und Keile zu treiben, aber mir flogen direkt Worte um die Ohren, die mehr als Gleichgültigkeit darüber zum Ausdruck brachten. Vielleicht war es aber auch ihrer derzeitigen Situation mit diesem seltsamen Kerl geschuldet, der plötzlich aufgetaucht - und für mich noch immer nur ein Name ohne Gesicht - war.
Mich beruhigte dahingehend allerdings der Gedanke, dass sie selten allein war, auch wenn der Hallodri die Angelegenheit ihren Worten nach das Ganze als billigen Scherz abtat und sich nur darüber lustig machte. Vielleicht aber tat ich auch ihm wieder mal Unrecht und es war einfach nur seine Art damit umzugehen und auf eine Gelegenheit zu warten, dem Kerl den Hintern aufzureißen. Zuzutrauen wäre ihm beides, wie ich fand.

Eine Weile lang drifteten meine Gedanken ins Leere und ich konzentrierte mich nur auf den leisen Atem der Schlafenden, ihren Geruch und der sonstigen Stille im Haus. Das war etwas, worüber ich noch mit ihr sprechen wollte. Wie weiter machen damit? Es wurde stetig leerer.
Adrian war abgereist, Milan zurück zu den Eltern - ich vermutete die Stadt hatte doch zu großen Eindruck und Druck auf den Jungen ausgeübt, Arion war zwar eingezogen, aber seither nicht mehr zu sehen gewesen, Fenia war noch da, manchmal jedenfalls, und Neyla…
Es war mir ein Rätsel, wie sich jemand derart selbst aufgeben und selbst an den Seelenfresser verkaufen konnte, denn nichts anderes hatte sie getan. Eigentlich hatte ich sie für eine gute Gläubige gehalten, der Grund eben, warum sie auch eine Zeit lang zur Gemeinschaft gehört hatte, bevor sie diese aus eigenem Antrieb verlies und sich immer mehr zurückzog. Ich hatte dem gar nicht soviel Bedeutung beigemessen und gedacht, sie brauchte nur ein wenig Zeit für sich. Wie sehr ich mich darin geirrt hatte, stellte ich dann fest, als ich ihren letzten Brief in den Händen gehalten hatte.
Das war etwas, worüber ich nicht sprach, und ich nahm an, Fann hatte ebenfalls eine Nachricht bekommen und verlor keine Silbe dazu. Aus irgendeinem Grund machten wir beide es nicht zum Thema zwischen uns.
Vielleicht hätte ich mir Vorwürfe machen müssen, aber das blieb aus. Letztlich war sie es, die die Entscheidung getroffen hatte, ganz allein für sich und in einem vollen Umfang an Egoismus, der seinesgleichen suchte. Wen sie dabei wie zurück ließ, war für sie nicht wichtig gewesen, denn letztlich mussten stets die Hinterbliebenen damit fertig werden, nicht der, der ging.
Zweifellos hatte ich sie als Lebende gemocht, als eine, die sich selbst aufgegeben hatte, verachtete ich sie am Ende aber nun doch. Natürlich stand mir auch darüber kein Urteil zu, aber Mensch, der ich war, traf ich dennoch eins - und jeder der meinte, er könnte sich freisprechen von solchen Urteilen, log sich ohnehin nur selber an, allenfalls darum bemüht mehr Schein zu sein, als Manns genug dazu zu stehen.

Und in all dem ganzen Reigen fand sich trotzdem ein Quäntchen Ruhe, Halt, manchmal ein bisschen Verständnis, manchmal eben auch nicht, aber immerhin trotzdem jemand, der zuhörte, da war und eine gewisse Beständigkeit darstellte - mittlerweile. Jemand, der es wirklich in aller Regelmäßigkeit schaffte mich sprachlos zu machen, schüchtern werden zu lassen wie ein grüner Junge ohne jede Erfahrung kurz vorm ersten Mal - wobei ich mir die bittere Pille eingestand, dass ich mich selbst vorm ersten Mal nicht so gefühlt hatte, wie.. Zweifelsfrei, sie forderte mich in vielerlei Hinsicht, so manches Mal auch heraus.
Noch im Wegdämmern zog ich sie näher an mich heran und dachte bei mir, dass ich durchaus auch in mancherlei Belang ein Glückspilz war.
  • Ohne Ehrlichkeit - kein Vertrauen,
    ohne Vertrauen - keine Zusammenarbeit.
    Volkmar Frank

Verfasst: Donnerstag 27. November 2014, 19:37
von Dazen Wolfseiche
  • Ruhe ist der Tod für unruhige Geister.
    Almut Adler
Es gab wirklich Angenehmeres als Totenwache halten. Darüber hinaus gab es weit Besseres als so etwas in dieser Gesellschaft anzugehen. Zugegebenermaßen kam ich leicht angetüddelt auf dem Friedhof an, in der Hand ganz unritterlich eine Flasche Schnaps. Anstatt allerdings direkt ins Mausoleum und die Gruft hinabzusteigen blieb ich einige Zeit bei Savar und Alin stehen. Ich ließ die frische Luft meinen Geist beleben und zögerte das Unvermeidliche nur weiter hinaus. Allerdings war mir beileibe nicht danach die Visage schon wieder zu sehen, die unten auf mich wartete.

Die Versammlung war im Grunde genau so verlaufen, wie ich es erwartet hatte. Es gab wirklich nichts mehr, das mich überraschen konnte. Diese Feststellung war genauso ermüdend, wie das einschmeichelnde, triefende Geschwätz meines Gegenübers, das nur dazu diente die eigene Position zu beschönigen und den eigenen Dreck unter den Teppich zu kehren.
Ich hatte mich allein auf die Defizite aus der Belagerung beschränkt, direkte Anschuldigungen vermieden, Aufzählungen geleistet, denen sich niemand bemüßigt sah zu widersprechen. Verbesserungsvorschläge waren gefolgt, würden bald angegangen werden. Soweit so gut. Ich erwähnte zu Anfang direkt, dass ich mich auch allein darauf beschränken wollte, das übrige, was damit einherging unter den Tisch fallen ließe, um voranzusehen und Vergangenes auf sich beruhen zu lassen. Tja, was sollte ich sagen? Es überraschte mich nicht, dass Durion das nicht hinbekam. Genauso wenig überraschte es mich, dass er sich urplötzlich gewählt und höflich ausdrücken konnte. Es fehlten gar ganz solche gossensprachliche Ausbrüche wie „Hurendiener“ oder dergleichen Niveaulosigkeiten in seiner Ausdrucksweise. Gleichwohl wollte gerade er mich ermahnen, meine Worte zu überdenken und gepflegter zu wählen, und so weiter und so fort. Wäre das alles nicht so ausnahmslos peinlich wie traurig gewesen, ich fürchte, ich hätte sogar noch gelacht.
Natürlich unterschlug er seine Fehltritte, natürlich zeigte er keinerlei Einsicht für seine gemachten Fehler, unser aller Held der Perfektion. Großmütig die Hand reichen, das konnte er, Eingeständnisse machen hingegen nicht. Entschuldigung? Was war das? Selbstreflektion? Nur was für angeblich Begriffsstutzige, wie es schien. Da wollte er sich im vierten Leitgedanken üben, durchschaubar und maßlos schlecht ausgeführt, ähnlich einem kleinen Kind, das die Eltern um eine Süßigkeit bestehlen wollte, wovon es nachweislich nur eines gab und der kleine Gauner vorher schon klar sein musste. Was für ein Schwächling vorm All-Einen…

Nein, ich sah es nicht ein dem Hochmut die Hand zu reichen und damit Tür und Tor zu öffnen. Weder in der Bruderschaft, noch sonst irgendwo auf dieser verfluchten Welt. Das verbat sich von selbst, hätte das erste Gebot es nicht schon getan. Ich würde es auch nach dieser Wache nicht einsehen, genauso wenig, wie dieser Laffe dazu im Stande war seine Fehler einzugestehen und Rückgrat zu beweisen. Das Einzige, worin er groß war, war in falsche Reden schwingen, herum zu stolzieren mit angeschwollener Brust, in der nichts als heiße Luft steckte. Wenn es darauf ankam, kniff er ohnehin den Schwanz ein wie der räudige Gossenköter und zog sich fiepsend zurück.

Haltet gemeinsam Wache bei unserem letzten Faustpfand, auf dass Ihr Einsicht findet.

Ich fragte mich, ob überhaupt zugehört wurde, als ich die eigens gemachte Einsicht kundtat, gut hörbar vor allen, zum damit übrigens mindestens zehnten Male. Es folgte also eine Abstrafung zur fehlenden Einsicht auch für den, der sie zeigte, was das Ganze noch mehr zur Farce werden ließ. Sollte er glauben, dass dadurch die Einigkeit wieder hergestellt wurde, musste ich enttäuschen. Sicher nicht im Herzen.
Zwar würde ich weiterhin das tun, was ich seither immer getan hatte – ich würde mich vor diesen hochmütigen Troll stellen, seinen sowieso versauten Ruf so gut es ging richten und schützen, und was auch immer der Eid sonst abverlangte – aber nein, er war noch immer kein Waffenbruder für mich, er war niemand, den ich auch nur annähernd respektierte, und es war weiterhin jemand, der nichts als Scharade erhielt von meiner Seite aus. Nach außen hin vorgetäuschte Höflichkeit, nach außen hin präsentierte Einigkeit. Würde er sich allerdings weitere Fehler leisten, bekam er die genauso weiterhin vorgehalten und hingeschmissen, wie bislang auch. Ich war mir ohnehin sicher, seine Haltung mir gegenüber änderte sich kein Stück.
Es würde bei dem kindischen Betragen bleiben, das er bei der Versammlung schon vorzeigte, als er vor seinen schwachen Versuchen der Beschönigungen seiner selbst, sehr bemüht darum war zu verdeutlichen wie begriffsstutzig Muireall und ich doch sein mussten – ohne Erfolg.

Alatar, ich zweifelte wirklich nicht an Seinem Urteil, Er war auch alles andere als Gerecht, sondern gönnte uns unsere Prüfungen, an denen Er uns maß. Nun, ich dankte Ihm für diese stete und immerwährende bis einer von uns beiden ins Gras biss.
Was mich zu dem Gedanken zurückbrachte, den ich vorher schon hegte: Was würde geschehen, wenn einer von uns während der Wache einschlief?
Ich war müde, sehr sogar. Die schwere Rüstung hatte ich gegen die leichtere Schuppenrüstung eingetauscht bevor ich hergekommen war, gut unterfüttert mit warmer Kleidung, damit ich nicht übermäßig fror. Darin war ich weit beweglicher als in der Plattenrüstung. Wäre es wer anders gewesen, mit dem ich verdonnert worden war, ich hätte sogar ganz auf die Rüstung verzichtet. Kein Zeichen von Vertrauen.

Ich hörte leise Schritte den Weg hinauf kommen und wandte den Blick von den beiden Gräbern vor mir ab, hin zu der sich nähernden Person. Es war Fann, die mir tatsächlich den Kaffee brauchte, in lauwarmer Fassung. Offenbar war er auf dem Weg einfach schon so weit ausgekühlt. Mich störte das weniger, das Zeug sollte mich nur wach halten, nicht wärmen.
Ich unterhielt mich noch ein wenig mit ihr, leise, um die Ruhe der Toten nicht zu stören. Erst dann zog ich langsam ins Mausoleum ein, weil mir klar wurde, dass sich das nicht mehr weiter herauszögern ließ. Unten angekommen, nahm ich den Waffengurt ab, stellt die Kaffeekanne hin und setzte mich an eine Säule angelehnt hin, den Blick auf die Urne, und nur ein knappes Nicken für den anderen übrig habend. Die Tasche platzierte ich ebenso neben mir und holte meine Pflegeutenisilien für das Schwert heraus und machte mich daran die Klinge zu reinigen, zu schärfen und zu ölen. Das leise Schaben des Ölsteins über das Metall wirkte an diesem Ort zu Anfang unnatürlich laut, aber das kümmerte mich nicht. Alles war besser, als das erdrückende Schweigen, denn zu sagen hatte ich nichts. Es war genug gesagt worden. Viel zu viel sogar. Jedes weitere Wort betrachtete ich verschwendeten Atem. Folglich befasste ich mich mit Waffenpflege und damit, wozu ich hier war. Ich überdachte meine Einsicht, die ich schon gezeigt hatte – zum xten Male.

Irgendwann musste mir das Schwert auf den Oberschenkel abgesackt, der Kopf nach vorne und ich eingenickt sein.

Hochgewachsen, eher ein Schemen, schlank von Gestalt. So genau konnte ich sie nicht erkennen, aber ich wusste, dass es eine Frau war. Alsbald wurde ich sogar gewahr, dass es die war, die ich zu bewachen angehalten war.
Bei der Feststellung blieb mir fast das Herz stehen. Wie konnte eine Tote leibhaftig vor mir stehen? War ich eingeschlafen? – Wenn ja, mach die Augen auf, Tölpel!

Diese Augen. Sie glichen denen des Alkas eins zu eins. – Vielleicht bildest du dir das aber auch nur ein, weil du eben nur diese kennst und deren verwandtschaftlichen Verhältnisse, du Esel!
Ich hatte das Gefühl, dass ihr Blick sich in mein Innerstes brannte. Unangenehm, heiß und zugleich herausfordernd. Trotzdem, auch wenn ich gerne dazu neigte Herausforderungen anzunehmen, manches Mal auch unbedacht, konnte ich mich nicht rühren. Ich fühlte mich wie versteinert, wie angekettet, wie.. paralysiert. Doch selbst das Stoßgebet, das ich gen Panther sandte daraufhin, änderte nichts daran.
Vielleicht hörte Er mich nicht? Vielleicht wollte Er mich auch gerade nicht hören.
Nun, was tut man in so einer Situation? Ich zumindest machte mich daran zu überlegen, wohin das alles führen sollte. War das eine Warnung? Wenn ja, vor was?

Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie einfach dort stand und mich ansah. Genauso wenig war mir klar, wann die anderen beiden aufgetaucht waren. Alin, Savar. Neben die Königin trat der ehemalige Alka, Ahad Drugar dicht auf ebenso. Der andere Ahad, zu dem ich an und für sich nie einen Bezug aufgebaut hatte, der hielt sich zur Rechten der Königin. Zum Schluss gesellte sich Neyla dazu, an der Hand irgendein Kind, das ich nicht kannte. Mir wurde immer unbehaglicher zumute. Geisterstunde?
Und da schlug mein mir zu eigener Aberglaube mit aller Macht zu – und ich konnte doch nicht aufstehen und vor den Geistern fliehen. Ich spürte mir die Luft zum Atmen knapp werden. Es wurde unerträglich kalt, kälter noch als im winterlichen Frost und Schnee, und plötzlich war auch die Gruft fort, mein ‚Leidensgenosse‘ ebenso, ich war allein in völliger Schwärze, von den Gestalten vor mir mal abgesehen. Was sie alle gemein hatten: Sie waren mausetot und keiner sprach ein Wort. Ja, wie auch, Tote pflegten nicht mehr zu plaudern!
Die Zeit schien mir unendlich, als ich zu guter Letzt mir selbst ins Gesicht sah und die übrigen verschwunden waren. Das war der Moment, wo mir der Atem ganz ausging und stockte und ich zu fallen begann…


Ich zuckte regelrecht zusammen, ein leises Aufkeuchen nicht unterdrücken könnend. Es blieb zu vermuten, dass ich genauso kalkweiß war, wie die Toten in ihrem Leichentuch. Das Putzzeug ließ ich zurück, nur die Waffe nahm ich mit, als ich eilig auf die Beine kam und erst einmal die Gruft verließ, ohne dem anderen einen Blick zu schenken. Mein Ansinnen war es, nur heraus zu kommen aus diesem nach Moder und Tod riechenden Loch.
Mochte er allein da unten versauern, samt Kaffee und Putzzeug, vor dem Morgengrauen sah er mich dort nicht wieder. Ich suchte Zuflucht im Tempel, vor dem Altar, dort blieb ich knien, bis die ersten es zumindest einen Hauch heller wurde, als der Tag anbrach.
Verfluchte Geister, verfluchte Toten, die keine Ruhe fanden, verflucht, verflucht, verflucht!

Selbst Stunden später noch war mir speiübel, ich fror, als hätte mir jemand den Frost in die Knochen gelegt und ich bekam das Zittern meiner Hände nur dadurch unter Kontrolle, indem ich sie zu Fäusten ballte.
Verfluchter Aberglaube! Verfluchtes Wissen darum! Das machte es nur noch peinlicher!
Der Traum war garantiert ein Hinweis, allerdings wollte mir nicht klar werden worauf. Dafür war alles viel zu… unklar.
Alatar, ich wünschte mich nach Hause in mein Bett.
  • Albträume brauchen keinen Schlaf.
    Gregor Brand

Verfasst: Mittwoch 10. Dezember 2014, 17:30
von Dazen Wolfseiche
  • Länger durchhalten ist das Geheimnis aller Siege.
    Phil Bosmans
Selbstverständlich, es war mit einem Lauf durch den Tiefschnee ganz bestimmt nicht getan. An jedem darauf folgenden zweiten Tag zog ich durch die halbe Stadt und sammelte die Prätorianer erneut ein zu einem Ausflug in den Pulverschnee und in die Eiseskälte. Ich sparte lediglich die Ritterin und die Kinder des All-Einen aus. Nicht, weil ich sie nicht dabei hätte haben wollen, sondern weil die eine mit ihrer Schulter noch genug zu kämpfen hatte, die übrigen im Axorn waren und ich beim besten Willen nicht wusste, wie ich sie effektiv an den spitzen Ohren heraus hätte holen können, ohne das ganze Nest aufzuwecken. Ich rüttelte auch Fann grundsätzlich mit wach, überließ es ihr, ob sie sich anschloss, oder auf Jagd ging. Das bedeutete jedes Mal wieder auf ein Neues Absprache zu treffen, wo ich die Meute entlang trieb, um ihren Wildwechsel nicht zu stören.

Wer glaubte, dass mir die Kälte nichts ausmachte, irrte gewaltig. Es war auch für mich ein steter Kampf in der Kälte. Gewohnheit stellte sich dabei keineswegs ein, und oft genug hatte ich selbst sehr damit zu schaffen alle wieder sicher heim zu bringen. Natürlich bemühte ich mich, dass die anderen nichts davon mitbekamen, war mir indes aber auch nicht immer sicher, ob mir das gelang.
Dieser Lauf, die Übungen, das alles war äußerst Kräfte zehrend, verlangte allen sehr viel ab, und wo zu Anfang noch laute Flüche zu hören waren, wurde es am Ende meistens immer sehr still, weil wir alle unsere Reserven nicht hinausbrüllen wollten.
Zumeist fiel ich an diesen Abenden tot ins Bett und schlief traumlos wie ein Stein. Es war eine Tortur, eine selbstauferlegte zwar, aber es genügte, um mich selbst für solche Einfälle zu verfluchen. Trotzdem, es war zweifellos alatargefällig, allein dafür schon war es die Plackerei wert.
 
Neben dem Tanz in der Kälte führte ich noch einige Gespräche mit einer Hand voll Prätorianer, die sich in ihrer Anwärterzeit mittlerweile gut eingefunden und jeder auf ihre Weise irgendwie bewährt hatten und stellte ihnen die Aufgabe sich ihre Gedanken darüber zu machen, inwieweit sie sich für bereit hielten die Weihe anzutreten.
Bislang hatte ich noch nicht alle erwischt, aber ich war zumindest einmal bemüht sie nach und nach abzugreifen und das Gespräch dazu zu suchen, bevor ich eine Versammlung einberief.

Dann gab es noch den Umzug, der im Raum stand. Es wurde Zeit. Es juckte mir der Pelz bereits deshalb. Ich musste mich darüber hinaus einmal mit Fenia und Fann zusammensetzen für eine weitere Überlegung meinerseits. Unbedingt. Damit war der Gedanke auch schon wieder verflogen.

Ich ging die Unterlagen durch, die Notizen und stellte fest, dass Lex ihrer Aufgabe noch immer nicht nachgekommen war. Ließ ihr anfänglicher Eifer nun doch nach? Ebenso überprüfte ich, wen ich schon länger nicht gesehen hatte. Es war auch da an der Zeit Gespräche zu suchen, sofern es überhaupt möglich war, diese zu führen und die entsprechenden Personen abzugreifen. Es war ein wenig ärgerlich, aber nicht so einfach zu ändern.

Und dann lag da noch der Brief auf dem Tisch. Das sollte bestimmt so ein Gespräch werden, das ganz besonders viel Vergnügen verursachte, aber es war bitter notwendig. Hier war es wohl schlicht erforderlich unter die Arme zu greifen, sofern das überhaupt möglich war. Mal sehen, was sich einrichten ließ. Ich war mir nur noch nicht so ganz sicher, wem ich dafür die Bude einrannte. Der höchsten oder der zweithöchsten Stelle. Vermutlich war letztere Wahl sogar die Bessere.  Aber das würde trotzdem noch müssen. Erst einmal galt es mit der Verfasserin zu sprechen und sich darüber einig zu werden, wie das weitere Vorgehen gemeinschaftlich angegangen werden konnte.
Am heutigen Tag wollte ich etwas besorgen, so müde, wie ich auch vom Lauf durch den Schnee und den Übungen in der Kälte war. Irgendeine Kleinigkeit, etwas, das nützlich war, etwas… nur was?! Vielleicht tat ich auch einfach so, als wüsste ich nicht, was heute für ein Tag war. Wer brauchte das auch schon, diesen sentimentalen Quatsch, der sowieso gegen Sein Gebot verstieß?
Ich blähte die Wangen auf. Trotzdem gab es bestimmt etwas, was ihr nützlich war und ich mit heimbringen konnte, damit gebraucht wurde und eher wie ein beiläufiges nutzbringendes Mitbringsel aussah und nicht gleich wie ein verbotenes Geschenk.

Dazen, du wirst langsam ein sentimentaler, völlig zielverfehlender Trottel. Wenn sie dich mit Romantiker beleidigt, dann zurecht. Unfassbar!
  • Das Beginnen wird nicht belohnt,
    einzig und allein das Durchhalten.
    Katharina von Siena

Verfasst: Montag 22. Dezember 2014, 18:34
von Dazen Wolfseiche
  • Oft ist Kontinuität erst im Rückblick sichtbar.
    Mary Catherine Bateson
Rückblickend war es ein sehr ereignisreiches Jahr gewesen. Erstaunlich genug, dass der Ritterschlag erst letztes Frühjahr erfolgte. Es kam mir vor, als wäre es schon Jahre her. Das war mitunter das Wichtigste an Ereignissen für mich persönlich gewesen. Das, was mir am besten in Erinnerung geblieben war an positiven Geschehnissen. Am allerbesten davon war mir die Backpfeife im Gedächtnis geblieben und noch immer schwor ich mir, diese irgendwann heimzuzahlen, allein nur dafür, weil sie ihr so ein perfides Vergnügen bereitet hatte.
Mit einem leichten Schmunzeln stellte ich fest, dass ich das auch bei niemand anderem in der Art und Weise gebilligt hätte. Wäre da nicht Muireall gestanden und hätte mir eine geschossen, ich fürchtete, das hätte ein Echo gegeben, sehr zur Erheiterung aller Anwesenden.

Irgendwann zu Anfang des Jahres hatten Fann und ich zueinander gefunden. Der Weg dahin war etwas verschlungen und verworren gewesen, nichts desto trotz ein Weg, den ich zweifelsfrei und ungemein genossen hatte, trotz oder gerade wegen der ganzen Gespräche, die auch dazu beigetragen hatten. Der weitere Weg war genauso wenig gerade verlaufen, hatte Höhen und Tiefen gehabt bis zum heutigen Tag und brachte uns hier und da schon mal an unsere Grenzen. Im Grunde führten wir unseren eigenen kleinen Krieg mit etlichen ungezählten Schlachten, mal miteinander und mal gegeneinander, wobei das Miteinander mittlerweile eindeutig und glücklicherweise überwog. Irgendwann waren wir sicher soweit, dass wir die Schlachten fast nur noch gemeinsam schlugen, und ich war mir sicher, an dem Tag fingen alle anderen an uns inniglich zu verfluchen.

Die Fortschritte unserer Auszubildenden bei den Scharfschützen stimmten mich ebenso zufrieden und ich war mir sicher, dass auch diese Hürde bald genommen sein würde. Da Fann die weitere Ausbildung der Neuen übernehmen wollte und auch würde, wurde es ungleich einfacher die Ausbildungen weiter mitzuverfolgen - und ungleich schwieriger wurde es dadurch bestimmt auch die Verbindung  zwischen Bruderschaft und Scharfschützen zu sein. Nicht etwa, weil wir nicht in der Lage waren zusammen zu arbeiten. Das bekamen wir mittlerweile sogar sehr gut hin, wie ich fand. Aber wir beide würden zwangsläufig viel kritischer damit umgehen, als es der Fall wäre, stünden wir uns darüber hinaus nicht so nahe wie wir es taten. Vielleicht aber, so dachte ich bei mir, war gerade das nicht das Schlechteste.

Ich hatte gelernt in manchen Momenten den Mund zu halten und nur stiller Beisitzer zu sein, allenfalls dann und wann mal einen Einwurf zu wagen. Es fiel mir nach wie vor schwer, aber immerhin gelang es mir inzwischen besser, als noch zu Anfang.

"Irgendjemand sollte ihm einen Knebel verpassen und ihm darüber hinaus eine Leine anlegen."

Damals begegnete ich der Aussage Ahad Drugars mit völligem Unverständnis. Heute musste ich darüber schmunzeln. Ich lernte im vergangenen Jahr sehr deutlich am eigenen Leib, wie er unter mir hatte leiden müssen. Sowohl während der Belagerung, als auch davor und danach wurde mir sehr deutlich gemacht, wie anstrengend Klugscheißer und Besserwisser sein konnten.
So ärgerlich manches Handeln auch gewesen war, jede davon war eine Lehre gewesen, für mich und auch für diejenigen, die mir das Leben schwer gemacht hatten. Ob sie allerdings wirklich etwas daraus gelernt und für sich mitgenommen hatten, blieb dahin gestellt. Weder konnte ich das beurteilen, noch wollte ich es. Da war ich mir tatsächlich am nächsten und befasste mich lieber mit den eigenen gemachten Fort- und Rückschritten.

Selbstreflektion war eine unabdingbare Sache für das eigene Vorankommen. Darüber hinaus konnte selbige sehr unangenehm sein, aber auch genauso gute Momente mit sich bringen. Teilweise brauchte es dennoch die Hilfe von anderen, um gewisse Dinge überhaupt reflektieren zu können. Bemüht darum, mich diesem Ganzen zu stellen, verbrachte ich im vergangenen Jahr so manchen Tag und so manche Nacht damit, mir über einiges selbst klar zu werden.

Das letzte Jahr verriet auch wieder einmal nur zu deutlich, wer Rückgrat besaß und wer nicht, wer wohlgesonnen war und wer nicht, wer sich lieber in Intrigen verlief anstatt dem All-Einen, dem Alka und dem Reich anständig zu dienen und wer eher nur an sich dachte und sich selbst die Lorbeeren versuchte zuzuschustern. Ich war mir sicher, es gab unter ihnen auch welche, die glaubten, mir ginge es ebenfalls nur um mich selbst.

Die Gemeinschaft, auch da hatte sich sehr viel getan im letzten Jahr. Ordentlich Zuwachs hatten wir bekommen, vor kurzem war erst der Umzug in ein größeres Gebäude erfolgt und dort war noch immer ein bisschen was zu tun. Aber das würde sich irgendwann auch gefunden haben.
Im Augenblick war ich relativ zufrieden mit der Entwicklung. Es  holperte hier und da schon mal, aber im Großen und Ganzen konnte ich mich nicht beklagen. Manche bekam ich aber seit Wochen schon nicht mehr zu Gesicht und da sah ich dann doch allmählich Bedarf zu handeln. Das allerdings schob ich getrost auf das kommende Jahr.

Und was mich kurz vor Jahresende am meisten erheiterte, war die Tatsache, dass ich meinem Knappen doch ein kleiner Rebell steckte, auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie ich diesen Rebell selbst hervorlocken konnte. Andere schafften es offenbar mit Bravour und ich musste mich doch mal herzlichst dafür im Stillen bedanken. Nun wartete ich ab, ob genau diese rebellische Ader bei mir angemarkert wurde. Wenn ja, freute ich mich schon darauf.

Alles in allem war es ein gutes Jahr gewesen, auch wenn die Tiefen mitunter fast dazu gereicht hätten die Sachen zu packen. Mochten sie von mir halten, was sie wollten. Ich würde ihnen auch im  nächsten Jahr noch in die Suppe spucken, wenn es Not tat.
  • Die Vergangenheit lehrt uns die Zukunft.
    Bernhard Steiner

Verfasst: Montag 29. Dezember 2014, 15:28
von Dazen Wolfseiche
  • Die Wahrheit gibt wohl ein gutes Gewissen,
    aber wenig gute Bissen.
    Sprichwort
Ich fragte mich noch immer, an welcher Stelle die Stimmung derart gekippt war. An und für sich war es ein einfaches Gespräch gewesen, in dem einige Punkte klargezogen wurden von meiner Seite aus. Es gab Anmerkungen dazu seitens meiner Waffenschwester. Es war mehr ein mittlerweile vorhandenes Feingefühl dafür, dass ihr und Fann etwas nicht gefiel, etwas nicht stimmte. Das war der Moment, in dem ich mich völlig aus dem Gespräch zurückzog. Erfahrungsgemäß war es klüger sich da nicht einzumengen und hinterher im Zweifel aufzufegen, was übrig blieb. Alles andere würde nur dafür sorgen, dass ich den Unmut auf mich zog - und dazu war ich wirklich nicht bereit. Nicht unter diesen Umständen.

Es gab Momente, da erwartete ich den nötigen Biss. Wenn jemand etwas wollte, das nicht nur eine fixe Idee war, ließ er sich nicht durch eine oder zwei Personen oder ein paar harschere Worte abschrecken.
Ich vermutete, dass genau das aber passieren würde. Letztlich war das wohl auch der allgemeinen Situation geschuldet, in der sich die junge Frau befand. Nachvollziehbar, denn es war offensichtlich, dass sie der gemachte Schritt belastete. An und für sich, und vielleicht auch nur, wenn sie die zwei anderen Frauen besser gekannt hätte, wäre die Situation leicht zu retten gewesen für sie. Vielleicht konnte sie es aber auch einfach nur deshalb nicht, weil sie noch zu sehr mit sich selbst und den latent chaotischen eigenen Gefühlen beschäftigt war.

Im Grunde geschah das, was so oft passierte. Ich hatte zu sehr fokussiert, das junge Ding war darauf eingegangen, ganz unbewusst und sicherlich nicht einmal mit böswilliger Absicht. Das war durchaus etwas, was mir nicht zum ersten Mal passierte, es würde auch nicht das letzte  Mal sein. Dummerweise ging es auf Kosten des Fräuleins, als meine Waffenschwester hinzukam und sich auch meine Verlobte dazu setzte. Beide hatten dafür gar nichts übrig und es kam, was kommen musste, sie taten es natürlich kund.
Ich wollte darauf wetten, das Fräulein wusste nicht einmal wirklich, wie ihr geschah, als sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie sich mit weiteren Personen am Tisch befand und nicht mehr nur mit mir alleine. Gerettet wäre die Situation gewesen mit einer knappen Entschuldigung und einem geschickten Wechsel auf einen unverfänglicheren Gesprächsfaden, das vor allem nichts mit dem davor aufgenommenen Thema zu tun hatte. (Und ob es einem dann wirklich Leid tat, bliebe ja noch immer dahin gestellt, aber es hätte jeden aufkeimenden Sturm direkt in eine Flaute verwandelt, da war ich mir sicher. Vielleicht wäre sogar die Entschuldigung zu viel gewesen und einfaches „Ihr habt Recht, sprechen wir über etwas anderes" hätte genügt..)
Im eigenen geschaffenen Chaos allerdings war die einfachste Lösung doch die Entfernteste von allen. Es fehlte ihr derzeit an Selbstbeherrschung, an Durchhaltevermögen, an Gelassenheit. Zweifelsfrei war sie enorm angreifbar und sehr leicht zu verletzen. Das war allenfalls auf Grund der eigentlichen Ursache interessant. Alles darüber hinaus wirkte allerdings eher so, als hätte sie wirklich redliche Mühe mit der Situation zurecht zukommen und bei weitem noch nicht bei dem Punkt angekommen wieder ganz und gar voranschauen zu können.

Aber als Außenstehender war so etwas leichter festzustellen, zu reflektieren, zu sehen und natürlich würde es jeder anders machen, der nicht in der Haut desjenigen steckte, den es traf. Tatsächlich war es schon ein wenig fies, aber auch sehr herausfordernd. Letztendlich war das Leben eben kein Wunschkonzert, in dem es stets so verlief, wie ein jeder es für sich erhoffte und erträumte. Dies Ganze war im Grunde genommen nicht mal das Wort Grausamkeit wert. Es war die unschöne, hingerotzte Wahrheit, die wie so oft am ehesten schmerzte, unbequem und unangenehm zu tragen war, und trotzdem darauf erpicht war mit voller Breitseite mitgenommen zu werden.

Am Nachmittag erst hatte ich zur Vicaria gesagt, ich wäre womöglich zu nett. Hier zeigte es sich wieder allzu deutlich. Irgendwo war mir unterwegs das resolute Arschloch verloren gegangen. Die Behandlung war nicht sonderlich freundlich gewesen und ich fragte mich nach der Notwendigkeit dessen. Im Grunde war das Ganze nur daraus geboren, dass andere vor dem Fräulein sich schon gewagt hatten Beisitzende völlig zu übergehen und diese zu Statisten verkommen zu lassen. Es war eine kleine Empfindlichkeit, die ich sicherlich sogar nachvollziehen konnte. Darüber zu stehen fiel nicht leicht - auch  mir nicht, und wäre ich an ihrer Stelle gewesen, hätte ich vermutlich ziemlich ähnlich reagiert. Das bemitleidenswerte Gegenüber war in diesem Fall tatsächlich ein Opfer der Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen und reagierte entweder mit kühlem Kopf oder mit überhitztem Temperament. Wir bekamen letzteres zu sehen - wie vorab schon erwähnt, den Umständen geschuldet.

Für mich war die Sache damit vom Tisch, als das Fräulein die Taverne verließ, reichlich überhastet, als wäre sie auf der Flucht. Nicht ganz so verhielt es sich bei den übrigen, aber auch jetzt hütete ich mich irgendeine Beschwerde dazu vorzubringen. Zum einen würde es wenig nutzen, zum anderen gefiel mir die Harmonie untereinander zu sehr, als dass ich sie aufgeben mochte.
Das wiederum war meinem mangelndem Vertrauen in das Fräulein geschuldet. Stünde es darum anders, hätte ich mich vermutlich in die Bresche gestürzt und die Prügel kassiert, die unweigerlich gefolgt wären - zurecht vermutlich, denn an sich gehörte es sich ja eigentlich, sich eher vor Waffenschwester und Verlobte zu stellen. Meine bisweilen vorhandenen Kurzschlussreaktionen trieben mich aber meist dazu, genau gegenteilig zu agieren, sehr zum Ärgernis von allen am Ende des Tages.
Da kam mir ein Heraushalten gerade recht und schien mir der diplomatischste Weg vom Ganzen zu sein. Manche Dinge mussten die Frauen unter sich klären, wie ich mittlerweile lernen durfte - manchmal ja auch auf eine etwas schmerzhafte Art und Weise (ein Schelm wer böse dabei von meiner Verlobten dachte, hier hielt sich das schmerzhafte in der Art und Weise doch eher verborgen, versteckt, verdeckt oder war eben gar nicht vorhanden. Es zwickte dann und wann bloß, in etwa so wie es einem in den Fingern juckte bei irgendwelchen Leuten, die sich allein für Dummheit schon eine Ohrschelle verdient hätten. Und wenn wir einmal ehrlich waren: Die Dummheit konnte ich auch gut zur Schau tragen an so manchen Tagen.).

Alles in allem überlegte ich nun freundlich an die Türe zu klopfen, oder ob ich wartete, ob das Fräulein doch Biss zu zeigen gedachte oder lieber den Kopf einzog wie eine Schildkröte. Zweifellos war die zweite Option spannender zu beobachten, als ihr den Poppes nachzutragen. Davon einmal abgesehen, was lernte sie daraus, wenn erste Option gewählt würde? Das kam wohl auf das Gespräch drauf an, das sich daraus ergeben könnte. Ich beschloss einfach ein paar Tage abzuwarten und zu sehen, was passierte.

Etwas anderes ließ mich aufatmen. Der geschlossene Waffenstillstand - wenn es denn so bezeichnet werden konnte. Vielleicht war das sogar genau der Begriff dafür. Es war eine Angelegenheit, die mich mehr wurmte, als die beiden Frauen, die ihn dann doch zu guter Letzt geschlossen hatten, so irgendwie. Ich ging nicht davon aus, dass daraus eine Art Freundschaft erwuchs, aber das musste auch nicht sein. Ich war mit diesem Waffenstillstand schon gut zufrieden und dankbar dafür, dass die zwei mir den Gefallen taten, von dem ich wusste, dass es nicht unbedingt ein Kleiner war.

Und dann war da noch die Begegnung vom Nachmittag. Nicht etwa die mit den beiden Gentlemen. Das Ganze verlief wie gewohnt. Viel Getue um wenig Inhalt eben, aus dem ich mir die Quäntchen ziehen konnte, die ich brauchte. Hier noch etwas platziert, da noch etwas hingeworfen und die Wege trennten sich zur Zufriedenheit und Glückseligkeit aller Beteiligten wieder. Nein, um diese Begegnung musste ich mich nicht Sorgen. Die davor war es, die meine Gedanken auf Trab hielt.
Eine Einladung zur Milch. Wann war es das letzte Mal passiert, dass eine solche in der Form ausgesprochen worden war? Da war ich noch  nicht einmal Knappe gewesen. Das war kurz nach meiner Ankunft gewesen? Vielleicht zwei Monde, drei danach? Ein Mond oder zwei bevor diese Verräterin die Seite gewechselt hatte? Es schien mir doch eine Ewigkeit lang zurück zu liegen. An und für sich hatte es fast schon etwas Erheiterndes, nur dass sie mich damit kaum überzeugen würde können die Seiten zu wechseln.
Und mit einer Plötzlichkeit, die mir das Grauen ins Mark jagte, fiel mir die Kartenlegerin wieder ein.

Es wird ein Ereignis eintreten, der Euren Glauben ins Wanken bringt und eine Prüfung für Euch sein wird.

Wenn diese Einladung zwischen Türe und Angel, oder auch mitten im Durchzug ausgesprochen, diese Prüfung darstellen sollte, dann stand mir aber einiges bevor. Auch wenn mir die Übelkeit bis zum Hals stand, aber das ließ ich mir in dem Moment nicht anmerken, sondern spielte das Spiel mit, gab mich abgebrüht und abgeklärt. Innerlich fühlte ich mich alles andere als das. Mir ging es hundselendig. Ganz im Stillen bat ich den All-Einen mir den Beistand weiterhin nicht zu verwehren.
  • Zwei Frauen im Hause - ewiger Zank.
    Altes Testament

Verfasst: Montag 12. Januar 2015, 17:46
von Dazen Wolfseiche
  • Das Leiden aller Schwätzer: Geistige Inkontinenz.
    Lother Peppel
Er hatte einfach Pech. Mit mir war er an einen verflucht nochmal abergläubischen Menschen geraten, der ein paar gelegten Karten mehr beimaß als eine beiläufige Geschichte. Er hatte einfach Pech, dass mir im Goldgrab ein ebensolcher Schwätzer gegenüberstand, dessen Worthülsen mir so vertraut waren, dass ich diese Brücke von den Karten zu dem Seelenfresser schlug. Er hatte einfach Pech, dass ich nur einen weiteren kannte, der so dämlich daher schwafelte, dass es mir jedes Mal die Nerven raubte. Er hatte noch mehr Pech, dass mein Instinkt mir nahezu riet nicht darauf zu vertrauen, dass die zweite Person ein ähnliches Resultat in den Karten erhielt.

Die Frage war, hatte er auch Glück, dass ich ihn damit nicht an die Wand stellte? So ganz persönlich? War es Vorteil oder Nachteil darüber zu schweigen? War es das wert, dem - zugegebenermaßen schwer wiegenden - Verdacht eine Bestätigung abzuringen?

Und was würde es ändern? Die Antwort war relativ einfach: Alles. Derzeit war das Verhältnis von einer, wenn auch vorgetäuschten, Loyalität geprägt, die er bislang nicht offensichtlich enttäuschte. Ich war mir sehr sicher, er zog seinen eigenen Nutzen daraus, was ich als durchaus legitim erachten und respektieren konnte. Vielleicht eine kleine Andeutung? Irgendwie ahnte ich schon jetzt, dass er irgendwann vor mir stand mit den Wort: „Bürge!"
Manchmal war das Leben wirklich der Dämon. Hätte er nicht einfach das sein und bleiben können, was er vorgab zu sein, diese elendige, schlangenzüngige, mochte-ihm-ein-Knoten-in-die-Zunge-wachsen Ausgeburt eines missgebildeten Papageis!

Und nun die Preisfrage: Wäre die Kartenlegerin nicht gewesen, hätte ich diese Verbindung genauso geknüpft? Mit der Antwort darauf ließ ich mir Zeit. Zeit, in der ich gründlich darüber nachgrübelte - ich widmete mich also erstmal anderen Dingen.

Die Versammlung am Vorabend war an sich sehr zufriedenstellend verlaufen, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die ich mir anders gewünscht hätte. Es standen Forderungen im Raum, die mir persönlich ein wenig säuerlich schmeckten, aber dazu hatte ich dort schon genug Worte verloren. Trotzdem, das Gesamtbild, das sich ergab war durchaus in Ordnung, tragbar und stimmte mich vorübergehend zumindest mal zufrieden. Ich war gespannt, wie viel von den gemachten Zusicherungen tatsächlich auch umgesetzt wurden.

Am meisten ärgerte mich eigentlich etwas, was außerhalb der Versammlung stand, eigentlich sogar außerhalb der Gemeinschaft. Ganz offensichtlich war ich nicht mal alleine mit meiner Ansicht, wenn ich das, was ich zu hören bekam, richtig verstand.
Dass sie sich weigerte Hilfe von ihm und mir anzunehmen in einer Form, die eben auch ein wenig Gefahr mit sich bringen konnte, war wirklich etwas, das mich fast schon sprachlos machte. Natürlich hätte es mir schmeicheln können, aber in dem Moment macht es mich eher wütend.

Gedanke 1: Welchen Weg hatten wir beide noch gleich eingeschlagen? War der etwa gefahrenlos?

Gedanke 2 (kurz auf Gedanke 1 folgend): Eine Eine-Frau-Aufführung? Wem wollte sie was beweisen, zur Hölle? Sich selbst?

Gedanke 3 (noch schneller auf die ersten beiden folgend): Blöde selbstgefällige Kuh!

Ich konnte mich an der Stelle dann auch nicht mehr beherrschen und pfefferte ihr beherzt meinen Unmut um die Ohren und ließ sie zunächst stehen, um noch einige Sachen weg zu räumen. In erster Linie, dachte ich zumindest in dem Moment noch, ärgerte ich mich darüber, dass sie für jedes Hilfe-Angebot eine Ausrede suchte, um sie bloß nicht anzunehmen. Im zweiten Moment wurde mir klar, dass ich auch wütend war, weil sie es so darstellte, als wäre dem sowieso gar niemand gewachsen, das was zur Hilfestellung angeboten wurde, zu bewerkstelligen.
An dritter Stelle kam mir die Erkenntnis, die sie wenig später sogar mitteilte: Sie sorgte sich darum, dass gerade denen, die ihr wichtig waren, etwas zustoßen könnte.

Im ersten Moment amüsierte mich das köstlich, denn das konnte es schließlich auch jederzeit hier und jetzt und vor Ort,  nicht wahr?
Im zweiten Augenblick ärgerte es mich schon wieder so sehr, eben weil dies genau dies der Punkt war: Es konnte auch jetzt und hier und überall etwas passieren und die Gefahr war doch sowieso allgegenwärtig!
Der dritte Atemzug brachte Resignation und die Erkenntnis mit, dass ich irgendwann mal genauso gedacht und gehandelt hatte, bis genau SIE mir einbläute, immer wieder, dass wir uns von so etwas nicht behindern lassen durften.
Der vierte Herzschlag ließ mich beschließen ihr das nicht durchgehen zu lassen, und das tat ich dann auch nicht. Erst wurde das eine Problem beseitigt, dann das zweite angegangen. Und ich würde es tun, ob es ihr gefiel oder nicht. Sie hielt es in der Hand, ob ich gut vorbereitet war oder eben nicht.

Gedanke 4 (viel später zuhause im wohlverdienten Bad): Drollig.
  • Der Schmerz ist als Antrieb zum Handeln
    ebenso wirksam und wertvoll wie die Freude,
    denn wir betätigen unsere Kräfte ebenso gern
    zur Vermeidung des ersteren wie zur Erreichung der letzteren.
    John Locke

Verfasst: Montag 19. Januar 2015, 17:47
von Dazen Wolfseiche
  • Fortschritt beginnt mit der Ratlosigkeit
    Alfred Selacher
Es gab wirklich eine Zeit der Ratlosigkeit. Die lag nun schon ein paar Wochenläufe zurück und nun schien wieder alles voranzugehen. Manchmal sogar mit so schnellen Sprüngen, dass ich darüber nur staunen konnte. Wie bei einer Mühle griff die Zahnräder ineinander und begannen zu rattern, zu laufen, die Mühle zu mahlen.

Es gab mir ein unbestimmtes Gefühl der Zufriedenheit zu hören, dass sie zur neuen Diplomatin gewählt worden war und sie es auch angenommen hatte. Ich war überzeugt davon, dass diese Aufgabe bei ihr sehr gut aufgehoben war. Besser jedenfalls als es das schon damals bei mir gewesen wäre. Auch heute hielt ich mich nicht dafür geeignet, auch wenn ich durchaus Bündnispflege betrieb, soweit es mir möglich war. Mir war das Parkett im Allgemeinen trotzdem zu schlüpfrig und zu rutschig. Sie schien sich dort weitaus sicherer zu bewegen und nicht ganz so unwohl zu fühlen, wie ich es getan hätte, damals wie heute. Neidlose Anerkennung dafür. - Und ich hielt sie für weitaus geeigneter, als ihren Vorgänger, aus dessen Zeit sie sicher noch einiges auszubügeln hatte.
Als wäre damals nicht genug gewesen, machte er wieder von sich Reden. Es überraschte mich, aber der Gedankengang, der dahin führte, war nicht dumm. Nur war ich in der Hinsicht vermutlich keine große Hilfe mehr, in der von mir solche erfragt wurde.

Im Grunde ging alles voran. Alles wandte sich dem Fortschritt zu, nur ich fühlte mich gerade, als wäre ich einen Moment lang in meinem Groll stehen geblieben und fand die Tür hinaus nicht. Und weshalb? Wegen dieser blöden Gans und einem störenden Riesen, der zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchte. Was hätte ich dieser überheblichen sich selbstüberschätzenden Schickse gern noch einen oder gleich alle Zähne ausgeschlagen! Und wusste der Dämon, sie hätte sie verloren, wäre diese Ausgeburt eines kleinwüchsigen missgebildeten Trolls nicht aufgetaucht! Und mich nannte sie Schildkröte! Hatte selbst auf dem Rücken herum gekraucht und kam nicht mehr auf die Füße. Pff! Alatar, ich war noch immer so stinkwütend über diesen plumpen Versuch mir den Schild ins Gesicht zu drücken. Hätte ich die Plattenrüstung angehabt, wäre es ihr vielleicht sogar gelungen, dieser Sumpfralle.
Ich merkte tatsächlich erst, wie behände ich ohne dieses sperrige Metall war. Um diese Wendigkeit und Bewegungsfreiheit war ich letztlich auch am Ende dankbar, als ich doch tatsächlich das Weite suchen musste. Ich hatte den Bogen während der Prügelei fallen lassen und er lag außerhalb meiner Reichweite, als dieser Dreckskerl auftauchte. Also blieb mir nichts übrig als der taktische Rückzug aus der Hintertüre hinaus. Das schönste daran aber war: Diese verbohrte Ziege versperrte ihm Weg und Sicht für mich, weil sie offenbar genug abbekommen hatte, dass sie ihn nicht mal richtig erfassen konnte und ihn für einen weiteren Feind hielt. Hätte ich die Zeit gehabt, hätte ich gelacht. Hatte ich nur nicht. Und draußen mit den verdammten jankernden Wölfen war es nicht besser. Ich konnte nur hoffen, dass die sich nicht zu weit von diesem stinkenden Wichteltroll entfernten. Nasses Fell, bah!

Seit dieser Begegnung, seit der mangelnden Möglichkeit sich bis zum Ende und gänzlich revanchieren zu können für die Nettigkeit, trug ich einen Groll mit mir herum, der mir nicht gut bekam - meinem Umfeld auch nicht.
Für den Augenblick gipfelte der in blauen Flecken für die Lethruasae und Liska, sowie einer Platzwunde für Ira. Gut, bei Letzterer tat es mir im Augenblick sogar verflucht gut. Dieses vermessene Rotzgör. Ging nur dummerweise meinen Plänen widerläufig.

Und dann stand noch ein Gespräch an, das am heutigen Abend, spät am Abend. Mit der Vicaria. Es graute mich davor. Irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht nur mir, aber was sein musste, musste wohl sein. Es machte nur allzu deutlich, wie nah der eigentliche Termin rückte und je näher der kam - Tag um Tag - desto nervöser und unruhiger wurde ich. Auch das trug zu meiner Reizbarkeit bei. Ich hasste es. Ich hatte es abgrundtief und fragte mich wiederholt, was ich mir dabei nur gedacht hatte es ihr zu überlassen den Zeitpunkt zu wählen. Mittlerweile war ich soweit, dass ich die Idee, die ich damals bei Alin hatte, wieder hervorkehrte und diese einfach als grandios empfand. Das Problem war nur: Damals war ich noch nicht Ritter des Reiches gewesen, sondern nur ein kleiner unbedeutender Knappe. So still und heimlich konnte ich mich dieses Mal nicht aus der Angelegenheit heraus ziehen.
Nun, es war wie es war. Irgendwie - auch wenn ich keine Ahnung hatte wie - würden wir das auch noch überstehen.

Es gab noch eine weitere Pflicht, die am heutigen Tag auf mich wartete. Die Bestrafung eines Aufwieglers. Eines Kerls, der sich sogar wagte zu äußern, dass er mich umbringen wollte. Es war kein Gang, der mir gefiel. Strafe geben, hieß Strafe erhalten. Ich mochte solche Momente gar nicht, noch weniger diese Zurschaustellungen, auch wenn ich die Notwendigkeit durchaus verstand und einsah. Wie stets stellte ich an solchen Tagen und in solchen Augenblicken fest, dass es mir leichter fiel Strafe zu erhalten, als sie zu verteilen oder dieser beizuwohnen. Das war ganz ohne Frage noch etwas, was meine allgemeine Gereiztheit auf die Spitze trieb. Aber Pflicht war Pflicht. Und dort aufzutauchen, hielt ich für eine solche.
Ich hatte diesem Kerl nichts mehr zu sagen, gleichzeitig ging ich davon aus, dass sein Gesprächsbedarf mit mir sich ebenfalls mehr als in Grenzen hielt. Mir kam es nicht einmal in den Sinn ihn zu hassen. Dafür war er mir nicht wichtig genug. Tatsächlich waren mir nur die und der Grund wofür er diese erhielt wichtig. Er als Person stimmte mich eher gleichgültig. Bei Licht betrachtet, hielt er mit seinen gemachten Fehlern dafür her, für andere eine Warnung zu sein. Sogar mir selbst.
Solche, wie er und sein Dienstherr würden stets sämtliche Pläne des Reiches ruinieren, auf die eine oder andere Weise. Ich vermutete sogar, dass sie nichts aus all dem gelernt hatten. Das wiederum brachte mich tatsächlich dazu genau diesen Umstand zu bedauern.

Ich, für meinen Teil, hatte sehr viel daraus gelernt. Und dafür war ich dankbar. Daran hielt ich fest. Dadurch entwickelte ich mich weiter. Rückgrat beweisen. Zu seinen eigenen Fehlern stehen. Daran arbeiten. Fortschritt und Pflicht.
  • Lass die schwerste Pflicht
    dir die heiligste sein.
    Johann Kaspar Lavater

Verfasst: Montag 23. Februar 2015, 14:21
von Dazen Wolfseiche
  • Näher gerückt ist der Mensch an den Menschen. Enger wird um ihn,
    reger erwacht, es umwälzt rascher sich in ihm die Welt.
    Sieh, da entbrennen in feurigem Kampf die eifernden Kräfte,
    Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund.
    Johann Christoph Friedrich von Schiller
Einige Tage war es nun her und ich hatte das Gefühl die innere Ruhe in weitesten Teilen wiedergefunden zu haben.
Einige Tage war es nun her und es fühlte sich noch immer richtig an.
Einige Tage war es nun her und die Eindrücke hafteten an, als wäre es erst vor einer Stunde gewesen.

Ich verkam noch zu einem hoffnungslosen Fall von Romantiker.

Die Tage bis zur Hochzeit waren nicht nur für mich eine Qual gewesen. Ich musste mir wohl eingestehen, dass ich sie für alle um mich herum zu einer ebensolchen gemacht hatte. Eine Lehre hatten wohl alle daraus ziehen können: Was unkontrollierter Zorn anrichten konnte und auch was es bedeutete dieser ausgesetzt zu sein.
Etwa drei Tage vor der Hochzeit – diese Zahl, ich fange an zu glauben, dass sie ein Omen ist – legte sich diese mangelhafte Kontrolle. Ein Gespräch mit der Clerica, ein weiteres mit der Zukünftigen, danach noch gefühlt unzählige mit Muireall. Aber, ab da ging es bergauf – was am Tag vor der Hochzeit wieder aussetzte.

Es war wie die Generalprobe bei einem Theaterstück. Am Vorabend musste alles schief gehen, was schief gehen konnte. Restlos alles. Nicht nur, dass die Sorglosigkeit dazu führte, dass dem Schnaps zugesprochen wurde (und das nicht nur durch meine Person), nein, zu recht später Stunde ertönten plötzlich die Alarmglocken und wir hatten einen abgehetzten Benjamin in der Türe stehen, der für eine schlagartige Ausnüchterung sorgte.
Natürlich hatte ich gewusst, dass die Templer vorhatten die Schreine aufzusuchen. Ja, mir war auch bewusst gewesen, dass diese Besuche ins Feindesland führten. Meine Pflichten hatten den Tag über Vorbereitungen zum Schutz nicht zugelassen. Also schien das Grüppchen ohne diesen losgezogen zu sein. Es war nicht so, dass ich dies besonders großartig fand. Ganz im Gegenteil. Ein wenig mehr Vorbereitungszeit wäre erforderlich gewesen und wir hätten alles Nötige auf die Beine stellen können. Es ärgerte mich tatsächlich in vielfacher Hinsicht, nicht allein der bevorstehenden Hochzeit wegen. Am meisten ärgerte mich an der ganzen Sache diese Kurzsichtigkeit, die da einige Leute in Gefahr brachte, noch dazu eine Hochrangige, die es hätte besser wissen müssen.
Erst am Folgetag, also am Nachmittag vor der Hochzeitsfeierlichkeit, konnte letztlich ein Duell bestritten werden, um damit die Gefangenen herauszufordern. Und selbst dabei wurden noch Spielchen gespielt.
Was ich von Sir und Sir nach dem Abend und dem Nachmittag hielt, darüber mochte ich nicht mal nachdenken. Meine Achtung war jedenfalls gesunken. Der eine ließ sich von einer Knappin vorbeten, wann er zu reden hatte, der andere hatte keine Ehre am und im Balg, und zeigte in aller Überdeutlichkeit wo er vorher gedient hatte. Interessanterweise ging das keinem von den Alumenern auf. Und zu der gefallenen Pfaffin würde ich mich gar nicht erst äußern. Noch mehr überflüssige Worthülsen als von dort, hatte ich schon ewiglich nicht mehr vernommen.
Generell sagte ich sehr wenig, beschränkte mich in erster Linie auf Anwesenheit, da ich genug mit meinem Zorn zu kämpfen hatte. Und davon hatte ich reichlich in mir.

Der Zorn schwand erst, als ich mich zuhause gewaschen, umgezogen und dann in den Tempel begeben hatte, eine halbe Stunde vor der Hochzeitszeremonie. Viel mehr Zeit war nicht mehr geblieben. Ich nutzte die anfängliche Ruhe für ein stilles Gebet und dafür den Kopf frei von dem ganzen Ärger zu bekommen, den wir alle vorher hatten.
Ich unterhielt mich kurz mit denen, die sehr früh eintrafen, dann als Muireall sich neben mich stellte, tauschten wir noch zwei oder drei Sätze aus, bevor wir uns vorn an den Altar stellten und warteten. Warteten, bis alle Gäste und die Braut samt ihrer Trauzeugin eingetroffen waren. Mit einem kleinen Schwung Gäste kam sie den Mittelgang hinauf, Rayana an ihrer Seite – ich musste gestehen, Rayana hatte ich mir nicht mal angeschaut, ich wusste selbst drei Tage später nicht, was sie an Klamotten getragen hatte. Aber was der Drachen trug, das wusste ich sehr wohl. Grün- und Golddurchwirktes, ein Kleid, und es stand ihr hervorragend. Wenn wir allein gewesen wären…
Was mir auffiel: Die Haare hatte sie nur zusammengebunden. Das Wissen darum, dass sie es hasste, wenn da jemand drin herum friemelte, ließ diesen Umstand einleuchtend wirken, belustigte mich aber auch kurzweilig etwas. Es tat dem Ganzen aber keinen Abbruch. Es war eben einfach Fann und das war für mich genau richtig so. Und wie hätte ich mich gerne in dem Augenblick unsittlich verhalten, aber nein, ich benahm mich natürlich vorbildlich, von dem Geflüsterten vielleicht mal abgesehen. Aber das galt eh nur Fann und der Rest bekam es nicht mit – die Trauzeugen mussten das aushalten, da kam aber kein Protest und es fehlte auch an jeder Empörung. Ich schätzte, in solchen Momenten machten sie alle so ihre Abstriche.
Die Zeremonie gefiel mir gut. Sie enthielt einige gängige Elemente, aber sie war neu, anders, und – Alatar sei’s tausendfach gedankt – ohne Ahad Christoph verlaufen. Ich konnte den Kerl nicht leiden und die Geschichte nicht mehr hören. Wäre dieser Versager mal nie gewesen. Was ginge es uns allen besser!

Ich war stolz auf Fenia. Wenn ich mir manchmal die älteren Geschichten von Fann anhörte, das betrachtete, was ich selbst bei der damaligen Schneiderin noch mitbekommen hatte, dann war das, was aus ihr geworden war, wirklich beachtlich. Und sie machte es hervorragend.

Ich war stolz auf Muireall. Ohne sie hätte die Zeremonie nicht an diesem Tag stattgefunden. Das war etwas, was ich ihr nie vergessen würde und ihr auf eine ganz eigene Weise meine Loyalität zusicherte, mochte kommen, was wollte. Ich hoffte inständig, dass Alatar alsbald sein Augenmerk auf sie warf und sie zu dem erhob, was sie in meinen Augen schon längst verdiente.

Ich war auch stolz auf die Prätorianer. Bran hatte es tatsächlich noch hinbekommen sie alle in eine Uniform zu stecken und ordentlich aufzustellen. Sie hatten zwar ansonsten keine großen Aufgaben erhalten für’s erste, aber der Anfang war da und es war ganz ordentlich verlaufen.

Ich war stolz auf unsere Trauzeugen, die uns zur Seite standen in dem Augenblick ausschließlicher Nervosität – zumindest ging es mir so.

Fann wirkte wie meist ruhig und gefasst. Ich hatte sogar einen Bock geschossen noch vor der Zeremonie und musste unser Opfertier – den Platzhirsch – noch heranschaffen, weil ich versäumte ihn gleich mitzubringen. Das war der Moment, in dem ich am liebsten im Boden versunken wäre. Aber der tat sich zu meinem Ärger nicht unter mir auf und verschlang mich.

Nach der Zeremonie verließen wir den Tempel und sollten ein Spalier der Garde durchlaufen, gleichzeitig begann das Feuerwerk, das die Garde organisiert hatte – das selbst Fann ein Überraschungsmoment bescherte. Mich belustigte es, denn an sich war uns das schon bekannt, sie hatte es nur völlig vergessen. Und ich dachte in dem Augenblick bei mir, dass sie eben doch nervös war, auch wenn sie gefasst wirkte.

Nach dem Feuerwerk machten wir uns auf den Weg zum Hafenviertel. Als wir dort ankamen, wurde ein Salut seitens der Garde gebrüllt und dann kam etwas gänzlich Unerwartetes. Die erste Kanone rotzte mit einem mörderischen Radau die erste Kanonenkugel ins Meer hinaus. Ich fuhr zusammen, nur am Rande bekam ich mit, dass der Mael’Qil schon einen Angriff befürchtete – und ich musste darüber schon wieder innerlich grinsen wie ein kleiner dummer Junge, dabei war nicht mal mir der Streich gelungen, sondern den Cabezianern und der Garde zusammen, wie ich dann erfuhr. Vier Kanonenschläge, vier Saluts der Insel für uns.

Ich war stolz auf unsere Gäste. Die Überraschung war gelungen, auch die danach noch folgenden Überraschungen. Wir nahmen die Glückwünsche und die Gaben entgegen, die unseren Bund unterstützen sollten. Bei der Kuh fiel mir fast alles aus dem Gesicht, der dazu gemachte Vers und die dazugehörigen Gaben hatten allesamt ihre Zweideutigkeit nicht verfehlt und ich musste zugeben, es gefiel mir außerordentlich, was sich hier für Gedanken gemacht worden waren, um das Ganze zu etwas Besonderem zu machen. Das war aber auch bei all den anderen Gaben so, die wir erhielten. Ja, ich war stolz auf unsere Gäste – alle.

Ich war stolz auf Fann, meine Frau. Sie hielt all die Gratulationen tapfer mit mir durch, verlor nur einmal ein wenig die Contenance, und ich für meinen Teil fand, wir verbrachten einen durchweg angenehmen Abend. Es fehlten sicherlich einige geladene Gäste, das war mir nicht entgangen, aber ich weigerte mich mir den Abend damit zu verderben darüber nachzudenken.

Irgendwann war auch der Moment da, dass wir uns klammheimlich ohne ein „Auf bald und seinen Segen“ verdrückten, heimwärts, da wo es ruhig war, wo wir unter uns waren – und wo alle hofften, dass wir den ersten Nachwuchs in Produktion gaben. Wir allerdings überlegten uns erstmal noch zu üben, der Nachwuchs musste noch warten – ein oder zwei Jahre.

Ein zwei Tage später, während der Sichtung der ganzen Gaben, stellte ich fest, dass ich in der Zeit kurz vor der Hochzeit und auch währenddessen einiges hatte lernen können. Über Fann, über mein Umfeld, über mich. Ich war durchaus dankbar dafür, auch wenn nicht jeder Moment ein Schöner war, sondern einige viele davon sogar recht furchtbar ausgefallen waren (und das nicht nur oder auch gar nicht für mich).
  • Innere Stärke ist leise – gebrüllte Stärke ist Schwäche.
    Dr. med. Ebo Rau

Verfasst: Dienstag 10. März 2015, 16:01
von Dazen Wolfseiche
  • Wenn du dich selber machst zum Knecht,
    Bedauert dich niemand, geht's dir schlecht.
    Machst du dich selber zum Herrn,
    Die Leute sehn es auch nicht gern;
    Und bleibst du redlich, wie du bist,
    So sagen sie, dass nichts an dir ist.
    Johann Wolfgang von Goethe
Ich stellte fest, dass ich von so manchem und an einigen Stellen zu viel verlangte und erwartete. Genauso aber verhielt es sich offenkundig auch umgekehrt. Im Grunde tat es gut zu sehen, dass ich nicht allein damit stand. Umso erschreckender war es allerdings für mich, dass ich so manches Mal den einen oder anderen dabei ertappte, wohin seine oder ihre Erwartungshaltung hinwies. Tatsächlich gingen manche davon aus, dass ich bereits fehlerlos und perfekt zu sein hätte. Das, obwohl es allen bewusst sein musste, dass wir nach wie vor daran arbeiteten diesem Ziel wenigstens nahe zu kommen. Wer auch immer von sich behauptete perfekt zu sein, zeigte seinen eigenen größten Fehler auf, den ein Mensch haben konnte: Die völlige Fehleinschätzung der eigenen Person und die mangelhafteste Selbstreflektion, die die Welt zu bieten hatte.

Vermutlich aber - zumindest hatte ich für mich oft genug das Gefühl - war ich der mit den meisten Fehlern, Macken und Schrullen, die meine Umwelt zu ertragen hatte. Ich schätzte, es gab vielleicht ein oder zwei, die auch genug davon mitbrachten. Die, die von außen drauf schauten, abwägen konnten, welche nun die für sie unerträglicheren Fehler waren, fällten ihre Entscheidung und ihre Urteile darüber, wem mehr Vertrauen entgegen gebracht wurde. Recht und billg.
Im Grunde hatte ich es damals auch nie anders gehandhabt - eigentlich hielt ich es sogar noch immer so, auch wenn ich mittlerweile gelernt hatte, nicht überall mitzuteilen, bei wem ich es wie sah.

Es war nichts, was ich irgendwem übel nehmen konnte. Dass der eigene Blick auf die Dinge dann gelegentlich ein „Wo hat dieser oder jener den Verstand nur liegen lassen?" dabei herauskam, war eine - für mich - ganz menschliche Geschichte. In den vergangenen Tagen begegnete mir genau diese Frage öfter einmal, das allerdings als zweischneidiges Schwert und mitnichten als einseitigen Betrachtungsfokus. In den letzten Wochen musste ich mich sogar fragen, wo ich meinen zuweilen liegen lassen hatte.

So kam die Kritik, die ich erhielt an und für sich weder unerwartet, noch war sie unberechtigt. Es gab sicherlich Tage, da konnte ich derartiges gut aufnehmen und reflektieren, und es gab die, an denen ich die Kritik nahm und meinem Gegenüber links und rechts um die Ohren schlug. Schlechte Tage hatte jeder mal. Manchmal häuften sie sich auch, je mehr Kritk - berechtigt oder nicht - auf einen einprasselte. Obacht sollte dann ein jeder geben, dass er sich in diesem Kreislauf nicht festlief und nicht mehr herausfand.
An und für sich hatte ich gedacht, aus diesem Strudel gut wieder weg gekommen zu sein. Das Gespräch mit dem Anwärter belehrte mich eines Besseren. Die zweite Sphäre, um die eigene erste Sphäre, nahm das offenbar ganz anders wahr.

Was ich noch immer nicht einleuchten wollte, war die Tatsache, was ich bei der Belagerung genau anders gemacht hatte. Gut, es fehlte an Lob - das war das, was gesagt wurde. Ja, das war richtig. Mit Lob ging ich spärlich um, besonders in ruhigen Tagen.
Noch während ich mich zurücklehnte in meinen Sessel und den Stapel unberührten Pergaments ansah, überlegte ich, wie es mir in meiner Zeit, seit ich  herkam ergangen war damit. Ich erinnerte mich gut, dass ich selten ein Lob erhalten hatte, sehr selten sogar. Es fraß damals an mir, säte Zweifel an Stellen, an denen ich mir gewünscht hätte, irgendwer nähme sie mir, und so manches Mal sorgte es sogar für schiere Verzweiflung. Ich verstand das Gefühl nicht zu genügen, das dadurch entstand, also sehr gut. Auch war mir klar, dass ein Lob dieses Gefühl manchmal kleiner werden lassen konnte und neuen Auftrieb und Antrieb gab. Vielleicht also sollte ich zumindest ein wenig mehr davon parat haben. Ich erinnerte mich gut, dass ich selten ein Lob erhalten hatte, sehr selten sogar.

Das wiederum brachte mich gedanklich zu meinem Bruder. Ich blähte die Wangen auf und hätte am liebsten schon wieder losgetobt, nahm aber nur einen Pfefferbeißer aus dem bereitstehenden Korb und inspizierte die Wurst kritisch. Immerhin war mir klar, woher die kam. Dann aber beschloss ich einfach hineinzubeißen und es zu riskieren, dass dieser vermeintliche Pfefferbeißer mit Maden durchsetzt war. Zu meinem Glück schmeckte die Wurst so, wie sie schmecken sollte, so dass ich die Vorurteile dem Essen gegenüber  rasch wieder vergaß.
Ja, meinem Bruder schuldete ich eines an Lob. In den letzten zwei Jahren hatte ich eigentlich gar keines für ihn übrig gehabt. Würde die Menge als Bildnis herhalten müssen, würde der Seemann stehend ersaufen. Nicht, dass ich eine Ahnung hätte, wofür er sich Lob verdiente. Das wiederum war uns wohl beiden geschuldet. Sowohl dem, der nichts erzählte, als auch dem, der nicht mehr fragte. Trotzdem funktionierte die nonverbale Kommunikation noch immer hervorragend. Es war alles „nichtgesagt" worden und soweit im Reinen, wie es sein konnte. Alles Weitere musste sich entwickeln. Natürlich stieß das auf völliges Unverständnis bei der Schwägerin, die die Worte hören musste, um zu verstehen. Unnötiger quatsch.

Tja, und dann gab es etwas, was mich ebenfalls völlig unvorbereitet traf und überraschte, dieses Mal tatsächlich im positiven Sinne, auch wenn die Umstände eigentlich keine glücklichen waren. Ein Mann, den ich einst an den Tempel verwies, da er mir von den Erzählungen her den Eindruck vermittelte, dass der All-Eine einen durchaus schweren, aber auch besonderen Weg für ihn bereit hielt. Das Bedauerliche daran war, dass er daran scheiterte. Ich empfand es als Verlust für die Gläubigen, nicht nur für ihn selbst, als ich davon erfuhr.
Was mich aber wirklich daran überraschte, waren seine gewählten Worte. Offenbar hatte er nicht vergessen, dass ich ihn damals zum Tempel brachte. Zwar verfolgte ich seinen Werdegang gar nicht mehr so aufmerksam weiter mit, aber dennoch schien er der Auffassung, dass ich ihn besser kannte, als sonst jemand im Reich. Dabei, das war mir direkt bewusst, hätte ich nicht einmal viel über ihn zu sagen vermocht. Kennen war da wirklich zu viel gesagt, aber es weckte den Beschluss in mir daran nach und nach etwas zu ändern.
Das, worüber er mit mir sprach, war ein schweres Thema. Nicht einmal, als es um das Scheitern am Wege ging. Das Schwere an dem Ganzen war eine Sache für sich. Ich bemühte mich ein Ratgeber zu sein, so gut ich es halt vermochte, aber ich führte - davon war ich überzeugt - keine gewöhnliche Ehe, so dass es mir nach wie vor schwer fiel zu sagen, was Frau gefiel und was nicht.
Genauso fiel es mir schwer, ihm das zu verschweigen, was ich wusste, und mich nur auf das zu konzentrieren, was er wissen wollte - und worüber ich nicht viel zu sagen hatte. Mir war nicht daran gelegen, dem, was sich da entwickelte, Steine in den Weg zu legen. Ich hing der Überzeugung nach, dass es für beide eine gute Sache war, etwas zu haben, woran sie gemeinsam arbeiten, glauben und Halt aufbauen konnten. Und ich hoffte inständig, der All-Eine würde es einst genauso sehen.

„Wenn sie wirklich so gläubig ist, wie Ihr sagt, dann führt sie auf den richtigen Weg, und hofft, dass sie ihn nicht noch einmal verlässt für einen Verräter und Frauenschänder."
Worte, die mir auf der Zunge lagen, aber nicht ausgesprochen werden sollten.
  • Du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen.
    Bibel, 3. Mose, 19.17

Verfasst: Mittwoch 11. März 2015, 17:38
von Dazen Wolfseiche
  • Den ohne Wurzeln wird der Wind davontragen.
    Unbekannt

Tja, die Wurzeln. Vor allem die eigenen. Die beschäftigten mich dieser Tage ebenfalls zunehmend. Es standen Äußerungen im Raum, die erschreckend zueinander passten, in etwa so wie ein Puzzlestück zum anderen passte. Nahtlos, ohne kleinste Ritze dazwischen. Und sie fügten sich ganz langsam zu einem Bild zusammen. Ob dem Betrachter das Bild gefiel blieb dahingestellt.

So ein Puzzle versuchte ich gerade zu lösen. Dass meine Vorstellungskraft mir dabei im Weg stand, stellte ich nur allzu oft selber fest. Nun hatte sie allerdings ihre Grenzen erreicht und die neugewonnen Informationen hatten die Welt für einige Tage tatsächlich diesbezüglich ungemütlich still stehen lassen. Nun nahm ich mir Pergament, Feder und Tintenfass zur Hand, legte das Säckchen mit dem Löschsand, Siegelwachs und Ring bereit und begann zu schreiben – ein Brief an meine hohe Frau Mutter. Diese Ungewissheit machte mir schwer zu schaffen. Es wurde nicht besser, wenn ich nur daran dachte, dass der Brief und die Antwort darauf Wochen brauchen würden, bis der Empfänger die jeweilige Schrift erhalten hatte.

Nein, Geduld war noch immer nicht meine Stärke. Trotzdem bemühte ich mich außerordentlich sauber zu schreiben – vielleicht den Erinnerungen geschuldet, was Unordentlichkeit bei meiner hohen Frau Mutter damals für Konsequenzen hatte.
  • Geschätzte Frau Mutter,

    es ist wohl einmal wieder an der Zeit, Euch einige Zeilen zukommen
    zu lassen und darüber in Kenntnis zu setzen, wie die Dinge hier stehen.
    Vorab möchte ich Euch aber wissen lassen, dass es einen Grund hat,
    warum ich diese Zeilen direkt und nur an Euch richte.

    Ich will Euch folglich bitten, die kommenden Zeilen zunächst einmal in
    Ruhe und allein zu lesen, bevor Ihr diese mit meinem hohen Herrn  Vater
    teilt und austauscht. Seht es als Vertraulichkeit zwischen Frau Mutter und
    Eurem Sohne an.

    Zunächst einmal möchte ich berichten, dass sich bei Garvin und
    mir alles zum Besten befindet. Auch Eure beiden Schwiegertöchter sind
    wohlauf und bringen sich mit ganzer Kraft zum Wohlgefallen des All-Einen für
    Ihn und sein irdisches Reich ein. Wir bedauern es noch immer, dass Ihr und
    unser hoher Vater nicht zur Bundschließung kommen konntet, gleichwohl wir
    natürlich verstehen, dass der Hof nicht verlassen zurückbleiben kann.
    Von sich ankündigendem Nachwuchs wissen wir indes noch nicht zu berichten.

    Der eigentliche Grund, weshalb ich Euch schreibe, sind zum einen die
    zu entrichtenden Grüße seitens des Herrn Arenvir T. Ich bin mir sicher, Ihr
    werdet wissen, wer gemeint ist und versteht, weshalb ich mich weigere den
    vollen Namen auszuschreiben. Wenn Ihr denn dann wüsstet, was aus ihm
    geworden ist, Eurem teuren damaligen Freund, werdet Ihr es noch besser
    verstehen. Inzwischen zählt er zu den Freiherren des alumenischen Reiches
    und leitet – wenn mein Kenntnisstand mich nicht trüg – die in Adoran
    ansässige Akademie der Liedwirker.

    Euch wird klar sein, dass die Frage, die mir auf der Seele brennt,
    keine ist, die ich einfach so stellen kann, bin mir aber sicher, dass Ihr
    Euch dennoch darauf versteht mir eine Antwort zu geben. Er ging, unsere Heimat
    gehört nunmehr dem alatarischen Reiche an, Ihr seid danach den Bund mit
    meinem hohen Vater eingegangen. Was allerdings im Dunkeln liegt, nun,
    Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wohin dieser Gedanke führen soll.
    Bei aller mir zu eigenen Direktheit, fehlt mir an dieser Stelle doch der Mut
    die doch sehr indiskrete Frage frei heraus zu stellen (oder Euer Sohn hat
    noch ein paar Reste von Anstand in sich gefunden, wählt aus, wie es
    Euch genehm ist).

    Ich erhoffe mir eine ehrliche Antwort von Euch dazu, immerhin geht es
    um meine Wurzeln. Wie diese erfolgen sollte, möchtet Ihr die Diskretion
    darüber weiterhin wahren, ist selbstverständlich ganz Euch überlassen.
    Gleichwohl will ich Euch bitten, sollten sich meine Befürchtungen
    bewahrheiten, mir mitzuteilen, ob diese Tatsache an sein Ohr dringen
    oder weiterhin verschwiegen werden sollen.

    So verbleibe ich ergebenst mit den besten Segenwünschen im Namen
    des Allmächtigen,

    Euer Sohn

    Dazen


Als der Brief letztlich mit Sand abgelöscht war, die Tinte trocken, das Wachs den Umschlag versiegelte, lehnte ich mich schwer seufzend zurück. Ich hatte es vermieden ihn noch einmal durchzulesen, weil ich nur zu genau wusste, ich würde ihn entweder verbrennen oder korrigieren. Der Siegelring, den ich zum Verschließen benutzt hatte, war blank. Kein Symbol darin, nichts. Nur die Wachsfarbe wies auf die Familie hin – hätte aber auch jede andere sein können, die ein Grün bei der Wahl bevorzugt hatte.

Ich raffte mich auf, nahm den Brief und ließ einen Boten kommen, dem ich das Schriftstück und einige Kronen in die Hand drückte. Die Auflage war klar und deutlich für den jungen Mann. Aushändigung nur an meine Frau Mutter, niemandem sonst. Und als er fort war, blieb nur warten und sich in der nicht vorhandenen Geduld üben.
  • Ein Baum ohne Wurzeln – ein Mensch ohne Familie.
    Till Brendel

Verfasst: Freitag 20. März 2015, 15:22
von Dazen Wolfseiche
  • Macht denn nur das Blut den Vater?
    Gotthold Ephraim Lessing

Ich hielt den Brief meiner Frau Mutter in den Händen. Fünf Seiten hatte sie beschrieben, in denen sie geradezu in minuziöser Präzision schilderte, welche Neuigkeiten es zuhause in Meran gab. Fast hätte ich den einen Satz übersehen, der sich noch darin versteckte. Dieses kurze: Du liegst richtig.
Das Irritierende war, dass dieser eine kleine Satz gar nicht in den Kontext passte und mir wirklich und nur allein deshalb aufgefallen war. Andernfalls hätte ich ihn einfach überlesen. Und war dieser Satz, der einen Eisklumpen in meiner Magengegend entstehen ließ.

Ich zwang mich dazu ruhig durchzuatmen und murmelte mir fast schon mantra-artig vor: „Das ändert gar nichts“. Im Grunde tat es das auch nicht, nur die Tatsache des Erzeugers und dass dieser ehrlose Bastard eine Schwangere hatte sitzen lassen, ihr Ruf darunter gelitten haben musste und mein Vater diesen zu schützen verstanden hatte.
Unser Vater zog uns auf, nach bestem Wissen und Gewissen, mit aller nötigen Strenge, erzog uns mit unserer Mutter zusammen im Glauben und allen wichtigen Grundlagen, die wir für unser späteres Leben brauchten. Es gab sicher Momente, da hasste ich sie beide, es gab Momente, da bewunderte ich sie und ihre Stärke, es gab sogar Momente, da liebte ich sie – und zwar alle beide.
Von meinem Vater hatte ich gelernt, mich vor die meinen zu stellen, sie zu schützen, mich für sie einzusetzen, aber auch hart zu fordern, wenn ich das Gefühl bekam, sie taten für den All-Einen, sich und andere zu wenig. Ich übte allerdings noch immer daran den Grat dessen, wann Lob und wann Tadel erforderlich waren, ohne Abstürze zu bewandern. Und bei ihm schien es stets so mühelos gewesen zu sein. Ich bekam allerdings eine Ahnung davon, dass ich mich dahingehend stets geirrt hatte. Vermutlich zweifelte er ebenso oft an seinen Entscheidungen, wie ich es tat, auch wenn er es besser verstand für sich zu behalten, als ich.

Ich trug das Herz auf der Zunge, wie es so schön hieß. Wo Vater Geduld bewies, verlor ich sie. Wenn mir etwas nicht passte, polterte ich nicht selten damit heraus, mein Vater schwieg und ging das deutlich subtiler an. Meine Mutter war ihm da sehr ähnlich in der Handhabung so mancher Dinge. Vielleicht hatten sie sich über die Jahre angeglichen. Das konnte ich nicht beurteilen, denn ich kannte sie nicht anders.
Gemeinsamkeiten in Temperament und vorschnellen Entschlüssen fand ich eher woanders, und das erschreckte mich wirklich zutiefst. Du liegst richtig.

Sie hatte sich ausnahmsweise keine Mühe gegeben, ihm etwas behutsam beizubringen, sondern es schonungslos zwischen die anderen Zeilen geschrieben, so dass es ihn treffen konnte.  „Das ändert gar nichts“, murmelte ich erneut. Ich ging rüber ins Gemeinschaftshaus, setzte mich dort hin, zog das einzelne Pergament hervor, auf dem ich diesen einen Satz wiederfand, und las erneut. Meine Schwägerin war kurz da, dann wieder fort. Ich holte Pergament und Tinte, setzte mich wieder und fing an zu schreiben. Sie kehrte zurück. Es war ein Elend, dass mir immer anzusehen war, wenn mich was beschäftigte. Aber ich bemühte mich dennoch wenigstens ruhig zu bleiben und es nicht an irgendwem sonst auszulassen. Denn es änderte gar nichts.
Natürlich bohrte sie nach, ich legte ihr daraufhin das Schreiben hin, das ich verfasst hatte.  Es war keines meiner besten, sondern gespickt mit Anschuldigungen und angefüllt mit dem was ich empfand im Augenblick: Hass.
Der Brief wanderte in einen Umschlag, den ich mit Wachs und Siegel verschloss, dann machten wir uns auf den Weg nach Bajard. Ich wollte sehen, ob ich einen fähigen Boten fand für diesen Brief. Der Bote allerdings sollte sich heute nichts verdienen, denn der Empfänger kam höchstpersönlich, wenn auch unerwartet.

Ich drückte ihm den Brief in die Hand, verschränkte die Arme und wartete. Die ganze Zeit über, in der er las, ließ ich ihn nicht aus den Augen, und plötzlich fühlte ich mich einfach nur müde und ausgelaugt. Hass konnte wirklich verzehrend sein, stellte ich im Stillen fest. Für mich war der offenbar nicht der rechte Antrieb. Zumindest nicht in diesem Augenblick. Womit ich nicht rechnete, war die Tatsache, dass er meine Worte zu seinen Gunsten versuchte zu verdrehen und mich forderte – und das so energisch, dass eine Ausflucht gar nicht möglich war. Die brachte eine zweite mit sich. Ich spürte sie im Nacken, den Blick der Schwägerin. Und dann legte sie sich auch schon mit ihm an. Giftzwerg gegen Giftzwerg. Ein Traum! Ich hätte bestimmt gelacht, wenn mir danach zumute gewesen wäre. Amüsieren tat es mich dennoch. Das wurde noch die ganz große Hassliebe, oder sowas. Beides kleine sture Eselchen, die mit den Hufen scharrten.
Und da griff auch wieder die Erziehung bei mir. Ich scheuchte die Giftzwergin zurück und folgte dem Giftzwerg. Besser ich, als sie.

Eine geraume Weile später fand ich mich in der Arena vor Rahal wieder, und fragte mich noch immer, was ich  mir dabei gedacht hatte. Er war noch nicht da. Giftzwergin und für diesen Moment Weggefährtin rätselten, ob er kniff. Ich hielt das für sehr unwahrscheinlich, hoffte es im Stillen aber inständig. Ansonsten beachtete ich die Frauen nicht weiter, fürchtete ich doch, dass sie mich zu sehr ablenkten.
Dann stand er da, nur in einfachen Stoffklamotten, dieser Goldhahn. Ich spottete noch darüber, als er schon anfing im Lied herum zu fuschen, um sich besseren Schutz zu verschaffen. Für mich hieß das, nicht länger zu zögern. Ich setzte den Helm auf, nahm Schild und Frostklinge in die Hand und hielt auf ihn zu. Ich trödelte nicht, ich sparte mir den Gruß eines anständigen Duellanten, ich schlug direkt zu – und damit begann es.

Ich konnte mich nicht mehr an alle Einzelheiten des Kampfes erinnern, wohl aber an die verdammte Todesangst. Wer glaubte, die jemals überwinden zu können, war ein Meister darin sich selbst zu belügen. Ich fürchtete, zu diesem Meistertitel fehlte es mir noch mehr als nur ein wenig. Als mir die Luft dünn wurde, ich in Folge dessen keine mehr bekam – und das gleich zwei Mal – war ich drauf und dran die Nerven zu verlieren und in Panik zu verfallen. Alatar allein wusste, wie ich es schaffte, dem noch etwas entgegen zu setzen. Das Ende dieser Inszenierung war für keinen von uns beiden rühmlich. Ein begrabener Liedwirker unter einem kurzweilig bewusstlosen Ritter in voller Plattenrüstung.

Als ich zu mir kam, war das erste, was ich spürte, unsägliche Schmerzen. Das zweite, das ich wahrnahm,  waren Stimmen, die ich im ersten Moment nicht zuordnen konnte. Erst einige Augenblicke später wusste ich, wer da sprach und mir auf die Beine half. Wie ich es indes noch schaffte, ihn energisch nach Hause zu schicken. Erst viel später beschlich mich deshalb ein reichlich eigentümliches Gefühl, den eigenen Erzeuger heimgeschickt zu haben wie einen unmündigen trotzigen Bengel.

Einige Zeit später lag ich bei meiner Frau, erschöpft, die Schmerzen ließen sich noch immer nicht leugnen, aber sie waren erträglich. Sie schlief schon längst, während ich noch grübelte. Viele Gemeinsamkeiten – dazu gehörte auch eindeutig die mangelnde Geduld.
Erschreckend. Zumal er keinerlei Anteil daran hatte, wie ich aufgewachsen war. Gab es das? Sorgte das Blut dafür? „Das ändert gar nichts“, murmelte ich zum wiederholten Male und schloss die Augen. Ich versuchte wenigstens etwas Schlaf zu finden, trotz der Schmerzen, versuchte die Angst zu vergessen, die mich brutal heimsuchte, kaum dass ich nichts mehr sah. Fünf Anläufe, sage und schreibe, brauchte ich, bis ich die Augen geschlossen halten konnte, ohne eine beklemmende Enge um den Hals zu spüren und noch Luft bekam.
Was war ich froh und dankbar, dass sie schlief. Was verfluchte ich ihn innerlich dafür. Und das, obschon ich irgendwie ahnte, dass er nicht mal ernsthaft versucht hatte, mich umzubringen. Denn, so musste ich mir eingestehen, dann wäre ich es vermutlich.
  • Wie der Vater, so der Sohn.
    unbekannt

Verfasst: Freitag 27. März 2015, 00:30
von Dazen Wolfseiche
  • Jeder, der Verantwortung trägt,
    ist einem Höheren Antwort schuldig.
    Dr. Carl Peter Fröhling
Mein erster Weg führte mich in den Tempel nach dem Besuch im Palast. Nun ja, von Besuch konnte ich da wohl kaum noch sprechen. Es war selten geworden, dass ich dieses monströse, respekteinflößende Gebäude betreten hatte. Noch länger war es her, dass ich es regemäßig aufgesucht hatte, so oft, dass es fast schon den erhabenen Eindruck in Gewohnheit verwandelte. Mittlerweile war der Alka wie lange fort? Bald ein ganzes Jahr. So lang war es auch her, dass wir die Schwertleite erhielten zum Ritter.
Ich hatte mich damals dazu entschieden nicht den Weg des Diplomaten einzuschlagen. Diese Entscheidung war mehr als gesund, denn ich hatte es damit nicht allzu sehr gehabt damals. Auch heute fehlte es mir daran zuweilen, auch wenn ich das Gefühl hegte, dass es besser geworden war damit. Sicher noch weit entfernt von ‚Perfekt‘ oder gar ‚Brauchbar‘, aber besser als noch vor einem Jahr oder gar vor zweien.
Was mir das bewies? Ich glaubte, das Gespräch mit Tzion am Vortag. Vielleicht sogar auch die Versammlung und der doch unerwartet ruhige Ausgang, auch wenn an beiden auch die Mitwirkenden bei den Gesprächen ihren Anteil daran hatten – und ich zugeben musste, dass sowohl Durion, als auch Tzion mich positiv überraschten. Sehr positiv sogar. Auch wenn ich nicht allein dafür verantwortlich war, so hinterließ genau das trotzdem ein sehr gutes Gefühl bei mir. Auch mit der Hauptmann hatte sich das miteinander auskommen deutlich gebessert.
Mochte Alatar geben, dass es weiterhin anhielt, denn letztlich konnte uns allen damit nur gedient sein. Uns, und dem Reich allen voran.

Nun kniete ich vor dem Altar, den Blick in Ehrfurcht zu Boden gesenkt und dankte dem All-Einen für die Chance, die mir gewährt wurde. Zweifelsfrei eine Ehre, aber auch eine immense Bürde. Ich hatte gesehen, was es mit dem Ahad angestellt hatte, was es ihn kostete, solange er den Platz ausfüllte. Mir fehlte es nicht an dem Bewusstsein, dass genau diese Aufgabe für mich mitunter die härteste Prüfung sein würde, wenn ich sie gut erfüllen wollte. Gut, im Sinne des alatarischen Volks, im Sinne des Reichs, nicht zuletzt auch im Sinne seiner Heiligkeit und des Herrn.

Vor zwei Jahren, einem Mond und elf Tagen genau war ich nach Düstersee gekommen. Ich war nicht mehr als ein Flegel, der seine Fähigkeiten an der Waffe verbessern und Erfahrungen sammeln wollte, um zu sehen, wohin mich der Weg, den der All-Eine für mich ersonnen hatte, führte. Zwei Monde darauf stellte ich mich der ersten, für mich monströsen und durchaus angsteinflößenden Aufgabe, die Gemeinschaft der Prätorianer zu führen.
Ich stolperte oft, legte mich buchstäblich auf die Nase und suchte mir so oft Hilfe bei meiner Waffenschwester, beim Tempel, bei.. ich wusste schon teilweise nicht mehr bei wem, dass ich mich allzu oft fragte, warum sie mir weiterhin so bereitwillig folgten. Selbst jetzt war ich gelegentlich noch durchsetzt von Unsicherheit und – wie meine Frau so schön sagte – kehrte dann den Kotzbrocken heraus. Sie hatte Recht damit. Und ich wusste sogar sehr genau, wieso ich das tat und woher diese Marotte kam. Ich nahm mir vor das zu ändern, wusste zugleich, dass es schwer werden würde mir angewöhntes wieder abzugewöhnen. Einmal mehr stellte ich dabei fest, dass ich nicht mein Vorbild war. In mancherlei Hinsicht war das vielleicht gut, aber überwiegend hatte eben dieses Idol die Haltung, die ich mir nur allzu oft für mich selbst wünschte, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Irgendwann wurde ich zum Knappen erwählt, von seiner Heiligkeit, zusammen mit Deavon und Kava. Kava war geblieben, Deavon fiel dem Verschleiß zum Opfer. Ich lernte im Laufe der Zeit nach der Schwertleite, dass Verschleiß wohl öfter vorkam, als dass wer durchhielt. Knappenzeit war keine leichte Zeit. Es war eine Lehre, den ganzen Weg hin bis zur Schwertleite.
Ich konnte mich gut an meinen eigenen Übereifer dabei erinnern, aber auch an meine ungemeinen Mängel, die ich dabei zeigte. Wie oft hatte ich vom Ahad die Worte zu hören bekommen: „Legen wir ihm einen Maulkorb und eine Leine an.“
Er hasste mich vermutlich für meine allzu schnelle Zunge, die gelegentlich mehr herausbrachte, als sie in manchen Situationen sollte. Und ich musste schwer daran knacken, dass ich zum einen zwar führte – bei der Gemeinschaft – zum anderen aber Gefolgschaft leisten sollte, und hatte meine liebe Mühe das überein zu bringen. Selbstüberschätzung, etwas, was mir in der Zeit sehr oft vorgeworfen wurde. Vermutlich hatten sie sogar Recht damit.

Wie bei der Gemeinschaft, stolperte ich auch am Anfang nach der Schwertleite. Die Feuerprobe war für mich Schwingenstein. Noch immer hatte ich diesen eisigen Klumpen im Bauch versagt zu haben, auch wenn er inzwischen etwas geschmolzen war. Schlachten konnten gewonnen und verloren werden. Nun, diese hatten wir verloren, hatten aber, das musste auch beachtet werden, nicht die volle Kampfkraft vor Ort gehabt. Hinzu kam mangelhafte Disziplin an manchen Ecken und daran musste gearbeitet werden. Es war ein Probelauf gewesen. An und für sich war ja genau das passiert, was ich erwartete, denn ich wollte sehen – im Feld – wie es stand um das Reich. Es war nicht sonderlich schön, was ich stellenweise zu sehen bekam, aber mir ging tatsächlich bei der Gruppe das Herz auf, bei der es wieder einmal am wenigsten zu erwarten war: Dem Pack.
So versoffen, verhurt, so schnoddrig sie sonst unterwegs sein mochten, sie besaßen die nötige Disziplin und zeigten sie von vorne bis hinten ohne nennenswerte Ausnahmen. Ja, auch sie hatten ihr schwarzes Schaf im Gepäck, aber das war rückblickend wirklich Makulatur.

Ich nahm viel für mich mit aus Schwingenstein. Es gab vieles, das ich seither überdachte, noch einmal überarbeitete und mir vornahm beim nächsten Mal besser zu machen. Ob es mir gelang, würde sich dann aber erst zeigen. Was ich noch mitnahm war der Respekt vor unserem Feind, sowohl der, den ich entgegen brachte, als auch der, den ich erhielt – alles natürlich bis zu einem gewissen Grat.
Es gab da durchaus Ausnahmen in den gegnerischen Reihen, die derlei weniger verdienten. Nichts desto trotz hielt ich mir vor Augen, dass sie ihr Leben für ihre Sache genauso hingaben, wie wir für die unsere. Ob wir am Ende etwas gewannen, wussten die Götter allein – vielleicht aber an dieser Stelle auch nicht, denn woher schon sollten sie selbst wissen, wie der Krieg letztlich ausging.
Die ganzen Quärelen danach – nach Schwingenstein – gingen mir an die Nieren. Es machte mich wütend, gar zornig, auch angreifbar. Selbstredend wurde mir an mancher Stelle Schwäche unterstellt. Nun, das mochte so sein, aber nicht in jedem Duell lag Ehre und nicht immer war das Schwert, mit dem ein Duell ausgefochten wurde, um den Schwächeren auf seinen Platz zurückzuweisen. Dass dies nicht in allen Köpfen so ankam, oder gar gedacht wurde, war bedauerlich, aber nicht zu ändern.
Ich lernte mit dem ‚Makel‘ schwach zu sein zu leben, und dennoch schienen die Menschen gewillt zu folgen.
Vielleicht war es das, was die Bruderschaft als Ganzes ausmachte. Wir hatten in dieser Gemeinschaft wirklich alles vertreten. Die mit Muskelkraft und Kampfgeschick an erster Stelle, und die, die sich in erster Linie auf ihren Kopf verließen als Gegensatz dazu. Schwer, wenn man diesen in einem Duell unnötig verlor. Das hatte Heyn ja bewiesen seinerzeit. Und ein Duell untereinander, Alatari gegen Alatari, einerlei welcher Berufung folgend, oder ob Würdenträger oder nicht, konnte das Reich nur schwächen. Dabei war es tatsächlich egal, wie schwach der andere war. Ein wenig Selbstironie: Er konnte noch immer als Kanonenfutter herhalten im passenden Moment und so für Verzögerung sorgen.

Und nun war das eingetreten, womit ich niemals gerechnet hätte. Offenbar hielt man mich für fähig – wenngleich nicht alleine – ein ganzes Volk zu führen und Entscheidungen zu fällen, die am Ende unumstößlich ihren Gang nahmen, in voller Konsequenz und in ganzem Ausmaß – und gelegentlich ohne jeden Einfluss darauf zu haben, wohin sich die Entscheidung entwickelte.

Führen wir Krieg? – Immer. Ziehen wir in die nächste Schlacht? Eure Stimme bitte, Ritter.

Ritter hin oder her. Meine Risikobereitschaft hatte erhebliche Grenzen. Das musste ich in den letzten Monden immer wieder feststellen. Ich ahnte schon jetzt, dass mir das entsprechend ausgelegt würde mit der Zeit. Es war aber mit einem „Ja“ oder „Nein“ an der Stelle niemals getan. Es ging um das Leben der Menschen, die wir auch zu schützen hatten. Wo alles Volk starb, war niemand mehr, der den Boden bewirtschaften oder halten konnte, den wir besaßen.
Stets war sich die Frage zu stellen, ob es die Opfer wert war und damit das Ziel des Herrn auch erreicht werden konnte, ohne zu große Verluste hinnehmen zu müssen. Ein Krieg war das Theaterstück, die Schlachten waren die Szenen, die Planung die Akte. Gewinnen konnten nur die, die seine Planung sinnbringend anging und umsetzte.
Allzu oft kam es aber vor, dass Schnellschüsse abgegeben wurden und damit alles den Bach runterging, oder es an der Zusammenarbeit haperte, oder… es gab so viele „oder“.
Andererseits, gab es hier noch eine Wahl? Vermutlich nicht, nicht nachdem unsere Kriegstreiber und ihre Kriegstreiber alles daran gesetzt hatten, dass es mehr als ein Scharmützel würde. Ich empfand für diese Kurzsichtigkeit keine Dankbarkeit.

Nun kniete ich noch immer vor dem Altar, bemühte mich meinen Geist zu lehren, um einmal innerlich durchatmen zu könne, tief, und mich für Ihn zu öffnen im Gebet.
    • Dir mein Streben,
      Dir mein Denken,
      Dir mein Gehorsam,
      Dir meine Gefolgsamkeit
      Dir meine unerschütterliche Treue und Loyalität.

      Dennoch knie ich in Ehrfurcht vor Dir,
      um zu bitten.
      Führe mich,
      Stärke mich,
      Schütze mich,
      Weise mir den Weg zu den von Dir gebilligten Entscheidungen.
Ich endete und begann erneut den Schwur der Schwertleite aufzusagen, denn ich hatte in alles andere als vergessen. Es fühlte sich richtig an, dies zu tun und so versank ich ganz darin, ohne noch auf mein Umfeld für den Moment zu achten. Auch die Schmerzen in den Knien, die sich allmählich bemerkbar hätten machen sollen, spürte ich nicht.
    • Im Angesicht Deiner schwöre und gelobe ich ewigen Dienst in den Reihen der Ritter Alatars.
      Ihre Tugenden seien mein Geleit durch diese Welt und über den Tod hinaus.
      Möge gereichte Blutklinge meinen unbändigen Zorn leiten und das Fleisch der Ungläubigen spalten, auf dass sie ein für alle Mal getilgt werden.
      Getragene Rüstung sei dabei die Manifestation meines Glaubens,
      der Schild Symbol für dessen unbändige Kraft und Unverwundbarkeit.
      Nie werde ich Ruhe finden, nie wird mein Wille versiegen,
      ehe nicht letztes Blut geflossen und die Welt unter Deinem Banner geeint ist.
      Kein Mitleid, keine Gnade, keine Furcht -
      Dein Reich komme!
Erst Stunden später verließ ich den Tempel, steifbeinig und bemüht nicht bei jedem Schritt aufzustöhnen vor Schmerzen – ich fühlte mich wie ein alter Tattergreis mit Gicht, was die Knochen anging, aber ansonsten frisch und voller Kraft, sowie innerer Ruhe. Ich hoffte, der Tattergreis zog irgendwann weiter und die Kraft und Ruhe blieben mir eine ganze Weile.
  • Geben und Nehmen, ein Gesetz der Entwicklung.
    Christian Morgenstern

Verfasst: Samstag 4. April 2015, 14:11
von Dazen Wolfseiche
  • Jeder Mut bedarf der Angst.
    Anke Maggauer-Kirsche
Ich war nervös, unbeschreiblich nervös. Zwischendrin hatte ich sogar das Gefühl noch aufgeriebener zu sein, als vor der ersten Schlacht oder gar vor der Hochzeit mit Fann. „So fühlt sich garantiert Vater werden an“, brummte ich nicht das erste Mal vor mich her. Ich bemühte mich mit allem möglichen abzulenken und zu beschäftigen, bis Fenia reinschneite und wir den Weg nach Düstersee anbrachen. Die Liste dessen, was ich bereits abhaken konnte, war länger als ich mir ursprünglich überhaupt vorgenommen hatte zu erledigen. Vermutlich nahm ich irgendwelchen treuen Seelen die Arbeit damit auch noch weg. Und eine davon würde garantiert durch das gesamte Gemeinschaftshaus schreien deshalb. Ich sah auf die Liste der erledigten Punkte und seufzte. Eigentlich wäre Nathaniel auch wunderbar im Gemeinschaftshaus untergebracht, um es in Ordnung zu halten. Der Gedanke verflog so schnell, wie er auftauchte und ich setzte mich in die kleine Kapelle im Haus.

Tatsächlich lag vor mir der für mich derzeit schwerste Gang, den ich mir vorstellen konnte. Vermutlich kamen in Zukunft noch unendlich schwere, aber das schien mir im Augenblick eher utopisch. Seit zwei Tagen überlegte ich daran herum, wie ich Muireall das alles verkaufen sollte, ohne dass sie sich vor den Kopf gestoßen fühlte.
„Bitte sie“, lautete die Antwort. Ja, das klang sehr einfach. War es aber nicht. Zumindest nicht für mich. Dabei ging es weniger darum, die Bitte zu äußern. Das hemmte mich keineswegs. Es war mehr die Formulierung dieser verfluchten Bitte, denn um nichts in der Welt wollte ich sie verprellen.
Ich stellte für mich fest, dass ich an sich schon seit anderthalb Wochen damit haderte sie aufzusuchen. Jedes Mal, wenn ich etwas Luft hatte, beschloss dorthin zu reiten, verließ mich der Mut wieder und ich wandte mich lieber anderem zu. Genau das war auch der Grund, weshalb ich mir selbst die Pistole auf die Brust setzte, und Fenia fragte, ob sie was dagegen hatte, dass ich mitkam. Damit wurde es mir unmöglich zu kneifen.

Es mangelte mir in der Regel ja nicht an Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein, aber in diesem speziellen Fall verließen sie mich. Diese ganze Situation war zum Mäuse melken. Wer war ich, dem Alka zu widersprechen? Das war ein Punkt, an dem würde sie konform gehen. Aber unser Verhältnis zueinander war ein wenig anders gelagert, als das zu den übrigen in der Bruderschaft. Tatsächlich war sie die einzige, bei der ich dank der Ernennung wirklich Magengrimmen hatte, zumindest, wenn ich es personenbezogen betrachtete.
Rein von der Verantwortung, die ich damit mitzutragen hatte, fühlte ich mich sogar, als wäre ich kurz vorm Ersticken. Es fiel verdammt schwer Haltung zu bewahren, leichter, wenn ich nicht daran dachte und mich niemand darauf ansprach, ich es selbst nicht erwähnte und mich bemühte einfach ich zu sein.

Was Muireall betraf, so stand ich plötzlich über meiner Mentorin – und ja, ich betrachtete sie noch immer so, vermutlich würde ich das sogar ewig tun – und einer wirklich guten Freundin und Ratgeberin. An und für sich wollte ich alles davon nicht verlieren, aber mir ging ganz allmählich auf, dass diese Mentorensache ein Ende finden musste. Ich hatte nur keine Ahnung, wie ich, oder besser wir, das angehen sollten, ohne den Rest zu gefährden.
Ich schätzte, dass sich heute zeigen würde, ob unsere gute Beziehung zueinander diese Kapriole auch noch aushalten würde, und vermutlich damit auch nicht zum letzten Mal, wenn sie es denn aushielt, sondern ein jedes Mal aufs Neue, wenn wir an einem Tisch saßen, an dem es politisch zuging. Mir graute unendlich davor, auch davor, was geschah, wenn wir mal nicht einer Meinung waren.
„Alatar, was hast du dir bei dieser Prüfung für uns eigentlich gedacht?“

Ich fand die Frage an den All-Einen mehr als berechtigt. War das die Feuerprobe für uns beide zum nächsten Schritt? Es fühlte sich fast so an. Nach ein wenig mehr noch vielleicht. Etwa wie der Höllenschlund, der sich unter einem öffnete.

Keine Zweifel, mahnte ich mich selbst zum gefühlten tausendsten Mal, aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen, mir selbst Mut zu sprechen und selbst über den Weg zu trauen.
  • Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft.
    Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach