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Verfasst: Dienstag 18. Juni 2013, 13:09
von Malaika Leyla Ifrey
Vernunft. Verwirrung. Verzweiflung.
Verdammung.

    • Die Hände liegen still vor meinem Gesicht und verbergen meine Züge.
      Züge, die zerrissen und voller Reue durch die dunkle Nacht blicken –
      wären da nicht die Hände.
      Zitternd nehme ich die Hände in Richtung meiner Wangen und bette sie dort.
      Meine Wangen glühen. Und nicht nur die. Meine Lippen brennen.
      Dieser zuckersüße Geschmack des Verbotenen liebkoste sich mit tiefer Verzweiflung.
      Und Verwirrung. Ich weiß gar nicht, wohin zuerst mit all meinen Gedanken.
      Ich zerbreche innerlich.


Ich sah ihm entgegen. Er verbarg etwas vor mir, das zeigte allein die Haltung seines Gesichts. Er war komplett verhüllt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Was bei allem in der Welt war passiert? Er wich mir aus, meinem Blick, meinen Fragen. Als ich ihn bat, mich anzusehen, wendete er sich mir zu, allerdings mit gesenktem Haupt, was die Kapuze tief in sein Gesicht sinken ließ und ein tiefer Schatten sich darüber legte. Ich schob meine Hände zwischen Kapuze und Gesicht. Und was ich sah, schockierte mich zunehmend. Er hatte mit Zafer über alles geredet. Über... alles. Und das hatte er als Belohnung darauf kassiert. Ich fühlte mich hilflos und so schuldig. Immerhin war ich geblieben, ich war in seinem Arm eingeschlafen, weil es sich gut angefühlt hatte. Ich sah zu Gassur, ich wollte zu Zafer. Es musste gerecht sein. Wenn er Gassur ein blaues Auge verpassen konnte, dann sollte ich mindestens das Gleiche erfahren. Als ich zurück rutschen wollte, hielt er mich fest. Er wollte nicht, dass ich Zafer aufsuchte. Er wollte nicht, dass Zafer mir irgendetwas tat. „Falls ich dich mit einem Veilchen oder sonst etwas sehen muss, werde ich ihm dies mehrfach zurückzahlen.“, ich musste ihm versprechen, Zafer in den nächsten Tagen nicht alleine zu sehen. Nicht ohne ihn.

Was auch immer er mir sagte, wie sehr er mich auch besänftigen wollte: mein Gewissen plagte mich. Wäre ich nicht, wäre es nie soweit gekommen. Ich sah ihm wieder entgegen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie ich mich fühlte. „Wärst du nicht würde ich immer noch ohne Sinn durch das Land ziehen.“ - aber welchen Sinn konnte ich haben, wenn ich ihn nur zu Unsinn trieb? Und ihm dadurch Schmerz und Leid zufügte? Er beteuerte, dass er durch seine Fragerei alles noch viel schlimmer gemacht hatte. Fragen, die er nicht hätte fragen dürfen. Fragen, die ihm im derzeitigen Zustand nicht einmal in den Sinn hätte kommen dürfen. Fragen, die uns betrafen. Er wollte nicht mehr sagen, aber in der Hinsicht kannte er mich einfach noch viel zu schlecht. Ich sagte ihm, dass ich ihm gerade mein unverhülltes Gesicht anvertraute. Ich sagte ihm, dass er mich früher oder später heiraten würde. Er erwiderte daraufhin, dass er genau das mehr denn je wolle. Und er wiederholte die Frage, die er Zafer stellte. Wie es wäre, wenn wir uns küssen würden, war eine der vielen Fragen. Ich war nicht wirklich überrascht davon. Ich war bereits verheiratet gewesen, ich wusste, was eine Ehe bedeutete. Dennoch erkundigte ich mich nach der Antwort Zafers. „Wie soll ich es sagen... sieh in mein Gesicht.“ - Das sollte also die Antwort darauf gewesen sein. Ich schüttelte den Kopf. Nein, ein Kuss fühlte sich so viel schöner an als ein blaues Auge. Ich sah ihm wieder entgegen und mein schlechtes Gewissen holte mich erneut ein. Es war so unbeschreiblich, was diese Situation in mir auslöste. Er tat mir so leid, so furchtbar leid und ich hasste mich dafür. Für all das, was ich ihm antat. Nicht nur diese merkwürdige Situation zwischen uns, nein. Er musste wegen mir auch noch all das einstecken. Und das nur... weil ich egoistisch war. Ich war so hilflos, wie ich dort saß und nichts tun konnte. Ich wollte ihn umarmen, aber ich wollte ihm nicht noch mehr Ärger bereiten. Als ich ihm dies sagte, legte er seine Arme um mich. Und ich meine um ihn. Ich fühlte mich in diesem Moment wieder geborgen. Und all die Verzweiflung ließ für diesen Moment von mir ab. Und ich wusste wieder einmal mehr, warum ich ihm vertrauen konnte. Warum er hier war. „Ich muss dir auch noch etwas gestehen. Und es wird dich nicht freuen.“, sprach ich leise und ich wusste, wenn ich ihm davon erzählen würde, dass ich alleine hinter der Gebirgskette war, er würde toben. Aber stattdessen wurde er vollkommen emotionslos. „Warum? Bist du deines Lebens satt? - Ich bin es nicht.“
Ich wusste nicht, wie ich mit dieser Reaktion umgehen sollte. Es tat mir so unendlich leid, ihn enttäuscht zu haben, ich wich erschrocken zurück. Ich wollte ihn nicht verärgern, ich war mir nur immer noch nicht so recht darüber im Klaren, dass es wieder jemand gab, der auf mich achtete. Dem ich wichtig war. Er sah mich wieder an und ich spürte, dass ihm sein schroffer Ton gleich wieder Leid tat. „Ich bitte dich nur zur Vorsiht. Was soll ich ohne dich denn tun?“ Ich zählte ihm auf diese Frage hin auf, dass er auch ohne mich weiterhin für seine Familie da sein würde. Und für die Stadt. Es würde ihm ohne mich aber nicht mehr gelingen. Er hatte mich, wie hatte er es ausgedrückt?, zu schätzen gelernt. Würde er es jemals schaffen mich zu lieben? Ich wollte ihn genau das fragen, aber... ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

„Wie soll es nun weitergehen?“
Wenn ich das wüsste. Alles, was ich in der Hinsicht sagen würde, wäre falsch. Ich antwortete ihm auf seine Frage ganz professionell: Er würde mit Zafer zu Saman gehen und hoffen müssen, dass er einen erträglichen Preis für mich nennen würde. Dann würden wir, wenn alles gut ging, feiern können. Er würde den Brautpreis sammeln, wir würden uns weiter kennenlernen. Weiter Zeit miteinander verbringen. Irgendwann würden wir dann noch zu Nazeeya gehen müssen wegen der Zeremonie. Und bis dahin hätten wir Zeit aneinander und miteinander zu wachsen, uns aneinander zu gewöhnen. Das war das, was ihm jeder gesagt hätte, wie es weitergehen sollte. „aber wenn du mich direkt fragst, wie ich mir wünsche, dass es weitergehen soll...“
Ich sprach weiter und weiter. Ich war so verwirrt von alledem. Von ihm, von mir, von uns. Von der Situation und wie sie sich entwickelt hatte. Umso weiter ich sprach, desto mehr spürte ich diese Zerrissenheit meiner Gedanken und meiner Gefühle. Ich spürte diesen inneren Kampf von Herz und Verstand. Ich spürte, wie er seine Hände an meine Wangen legte und ich musste meine Augen schließen. Aus Verzweiflung, aus Angst, aus alldem, was sich Verwirrung nannte. Wie konnte es sein, dass er all das in mir auslöste? Wie nur? Wie hatte er es nur geschafft, meine Welt so durcheinander zu bringen? Auf diese... positive Art und Weise. Ich spürte, dass er sich mir näherte. Und niemand, wirklich niemand auf ganz MenekUr, hatte sich in dem Moment auch nur im Ansatz vorstellen können, was in mir vorging. Das Blut raste nur noch durch meine Adern und benebelte meine Sinne. Das Herz in meiner Brust begann zu rasen, der Puls schnellte in Windeseile empor. Und was sich durch meinen letzten Schritt so schön angefühlt hatte, zerstörte im Nachhinein so viel. Ich bemerkte, wie er zurück zuckte. Dann jedoch spürte ich das sanfte Streicheln meiner Wange. Und dieser kurze, intensive Moment endete abrupt. Das rasende Blut in meinen Adern beruhigte sich immer noch nicht. Er sprang auf und ich bemerkte erst jetzt, was passiert war. Und dabei wollte ich ihn nicht noch einmal in eine solche Situation bringen. Er hielt sich krampfartig am Regal, ich fürchtete schon, er würde es umreißen, weil seine Knie irgendwann nachgeben würden. Vorsichtig streckte ich die Hand nach ihm aus. Im Stehen würde die Situation nun auch nicht besser werden. Gassur entschuldigte sich eintausend Mal bei mir. Aber ich wusste nicht, wofür. Den letzten Schritt war ich gegangen. Doch das wollte er nicht einsehen. Wie immer nahm er all die Schuld auf sich. Ich resignierte innerlich. Er würde mich auch weiterhin beschützen und lieber alles auf sich nehmen. Bedauerlich, dass er da die Rechnung nicht mit mir gemacht hatte. Denn ich wollte nicht, dass ihm noch einmal so etwas zustoßen würde. Ich sagte ihm, wenn er all das vor Zafer wieder auf sich nehmen würde, ich würde hingehen und ihm bei allem, was mir lieb war, schwören, dass es dieses Mal definitiv mein Verschulden war. Meines allein. „Nein, ein paar Schläge oder sonst etwas ist erträglich. Aber dir sollte er nichts tun. Du bist das Beste für mich. Aber ich würde nun gerne gehen, ansonsten werden wir morgen wahrscheinlich beide ausgepeitscht.“
Ich wollte ihn nicht verlieren. Ich hatte gerade begonnen, all das zuzulassen, wogegen ich so sehr kämpfte. Ich fing an, in ihm weitaus mehr zu sehen als nur einen Freund. Ich fing an... Gefühle für ihn zu entwickeln. Nein, ich fing nicht damit an. Ich steckte mittendrin. Er durfte dieses Mal unter keinen Umständen mit Zafer reden. Unter keinen. Er durfte ihm nicht wieder etwas tun. Das würde ich nicht noch einmal aushalten. Ich brachte ihn zur Tür und wir umarmten uns. Dann ging er. Und ich war allein mit all meiner eigenen Wut, der Verwirrung, den brennenden Lippen und dem rasenden Blut in meinen Adern.

Verfasst: Mittwoch 19. Juni 2013, 11:08
von Malaika Leyla Ifrey
„Kann in deinen Augen überhaupt irgendwer gut genug auf mich aufpassen? Abgesehen von dir selbst?“
Ich schmunzelte, weil ich wusste, dass ich mit meinen Worten Recht gehabt hatte. Es würde in seinen Augen kaum jemanden geben, der auf mich aufpassen konnte. Ich hatte ihm auch angesehen, dass es ihm niemals wirklich Recht gewesen wäre, wenn ich mit Marek mitgegangen wäre. Deswegen blieb ich zuhause. Ich wollte ihn nicht noch einmal verärgern.

Wir waren an der abgelegenen Ruine angekommen. Ich hatte sie entdeckt, als ich am Nachmittag am Strand entlang gelaufen war und meinen Gedanken freien Lauf ließ. Da Gassur ein Mann war und Männer grundsätzlich neugierig waren, wollte natürlich wissen, woran ich gedacht hatte. Ich konnte das Thema allerdings äußerst erfolgreich umgehen, indem ich die Strickleiter emporklettern wollte. Eine wahre Herausforderung mit dem langen Rock und wie ich schnell feststellte, scheiterte die Herausforderung kläglich. Gassur hatte mir zwar Hilfe angeboten, aber ich würde mir im schlimmsten Fall den Rock zerreißen und dann würde es peinlich werden – für mich und für ihn. Also zog ich es vor, mich ans Meer in den Sand zu setzen. Er erzählte mir davon, dass sowohl Zahra wie auch Marek sein Gesicht gesehen hatten. Weil er unaufmerksam war. Bei Zahra erwähnte er, er habe sich an einer Tür gestoßen. Ich musste trotz der unangenehmen Umstände ein wenig lachen. Auf so etwas konnte auch nur er kommen. Marek hingegen hatte er gesagt, er wäre beim Üben unachtsam gewesen. Diese Version war wenigstens ein bisschen glaubwürdiger. Und die Wahrheit konnte er ja kaum erzählen. Für einen kurzen Moment trübte sich mein Blick wieder. Wir kamen kurz wieder auf Zahra und ihr Interesse an Amar. Weder Gassur noch ich konnten es nachvollziehen. Nicht bei ihm. Er konnte doch nicht eine liebevolle Seite an sich haben? Aber vielleicht kannte ich ihn auch zu wenig. Allerdings war eines ziemlich sicher: Die Sache mit dem Respekt anderen gegenüber klappte bei ihm nicht so. Dank dem Thema Amar kamen wir wieder auf meine Familie zurück und auch auf den Abend, als sie mich zurückbrachten. Ich hatte Gassur hier zum ersten Mal anvertraut, dass ich an dem Abend Angst hatte, dass Saman zuschlagen würde und vermutlich Jalilah und die Anwesenheit von Zafer und ihm meine Rettung gewesen war. Er sah zu mir. „Das hätte er auf jeden Fall nicht machen sollen, solange wir dabei waren.“; ich musste ehrlich gestehen, ich liebte es, wenn er so etwas sagte. Wenn er mich mit allen Mitteln verteidigte. „Ich würde nicht tatenlos zusehen, wenn er dich schlagen würde.“ Ich legte meinen Blick wieder hinaus aufs Meer, während ich den Kopf an seine Schulter legte. Abhalten konnte er ihn aber nicht, immerhin war er noch mein Oberhaupt. „Aiwa, ich weiß. Aber spätestens bei der nächsten Übung würde ich ihn in den Staub schicken.“ - Da. Da war es wieder. Dieses zufriedene Gefühl, wenn man wusste, dass man in guten Händen war. „Du bist so absolut...“, begann ich „...absolut? Verrückt nach dir und nicht mehr mit klaren Gedanken versehen würde Zafer sagen.“, er lächelte. „Neda, wundervoll, einzigartig, liebenswert.“, ich pausierte kurz. „Und vielleicht auch ein bisschen verrückt.“ Er lachte daraufhin und meinte, der erste Teil seiner Ausführung wäre gar nicht so verkehrt. Und er wäre auch nicht die einzige Person, auf die diese von mir erwähnten Attribute gepasst hätten. Aber was wollte ich mit anderen? Ich wollte nur... ihn. Ich wollte ihn? Unterbewusstsein? Ich runzelte kurz die Stirn und er sprach weiter. „Ich meinte auch nicht irgendwelche anderen. Sondern dich.“; aiwa, mit dem verrückt hatte er bei mir tatsächlich recht. Ich musste lachen. Er erwiderte nur, dass einzigartig, wundervoll und liebenswert auch alles gut zu mir passen würde. Und verrückt auch, immerhin hatte ich ja versucht, ihn gestern zu küssen. Ha! Ich sah sein freches Grinsen und ich grinste ebenfalls, triumphierend. „Na, wenigstens siehst du ein, dass es meine Schuld war gestern. Und.. ich hab es nicht nur versucht.“ und ich entschuldigte mich im gleichen Zuge nochmals bei ihm, rechtfertigte mich dafür, warum das passiert war. „Neda, da gibt es nichts zu bedauern. Das Einzige, was zu bedauern wäre, dass es nur ein kurzer Moment war.“ Der Moment war tatsächlich kurz gewesen, aber wunderschön. Und er hatte den letzten Teil meiner Mauer einreißen lassen. Gassur sah mir vorsichtig entgegen. „Den letzten Teil deiner Mauer? Wie soll ich das denn verstehen?“
Ich erklärte ihm, dass meine Mauer bisher jegliche Art von aufkeimendem Gefühl aufgehalten hatte. Und dass das jetzt nicht mehr so wirklich klappen wollte. „Ist es denn so schlimm, Gefühle für mich zu entwickeln?“ Ich musste lachen. „Sehr schlimm, aiwa. Weil ich den ganzen Tag an dich denke. Deine Nähe genieße. Und dich in Schwierigkeiten bringe.“
Es hatte sich alles so schnell verändert. Was am Anfang mehr ein Gefallen war, um mich aus meiner Situation befreien sollte, wurde nun zu dem, was ich mir nicht hatte vorstellen können. Ich griff das Thema vom Vortag noch einmal auf, wegen dem schätzen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass er rot wurde. Er wusste nicht, wie er es sagen wollte. Und das es klar sein sollte, dass es mehr als schätzen war. Aber er wusste nicht, was es war, was er fühlte. Denn die Gefühle, die er mir entgegenbrachte, kannte er zuvor nicht. Ich erzählte ihm von dem, was Mara einmal zu mir meinte. „Man kann erst dann von Liebe sprechen, wenn man ohne den anderen nicht mehr kann. Und nicht mehr will. Und bedingungslos beinahe alles für ihn tun würde.“
- „Wenn ich ehrlich bin... treffen die Aussagen deiner Mara ziemlich gut.. auf meine Gefühle.“
All das, all die Gespräche und dieses Wissen, machte die Situation nicht leichter. Er flüsterte leise zu mir, dass wir das auch noch aushalten würden. Und irgendwie kamen wir wieder auf meine Familie. Er meinte lachend, ich konnte so viel nicht wert sein, immerhin war ich doch geisteskrank. Ich musste selber lachen und stellte fest, dass ich vielleicht noch ein wenig mehr anstellen sollte. Aber er riet mir davon ab, nicht, dass doch noch irgendwer die Hand gegen mich erhob. Das wäre mir sogar lieber gewesen. Eine Ohrfeige und die Gewissheit, dass ich meine Familie wieder an meiner Seite hatte. Ich vermisste sie. Nach einer Weile brachen wir dann auf. Er streckte mir die Hand entgegen und ich stand auf. Sofort legte er die Arme um mich. Es fühlte sich so überwältigend an. Ich seufzte. Er flüsterte mir wieder leise ins Ohr, dass wir uns bis dahin noch ein wenig zusammenreißen müssten und ich schmunzelte. Aiwa, das hatten wir gestern auch so grandios geschafft. Und nicht nur gestern. „Ich sag doch, ich bin eine Gefahr für dich.“

- „Die beste Gefahr, die ich kennengelernt habe.“

Wir liefen zurück nach Hause.

Malaika Leyla Yazir: [menek] [leise] Ich will die Zeit vordrehen... *nörgelnd*
Gassur Farees Ifrey: [menek] [leise] da hätte ich auch nichts dagegen.
Malaika Leyla Yazir: [menek] [leise] Das ist doch... Mhmpfhf.
Gassur Farees Ifrey: *schmunzelt ihr zu, nimmt ihre Hand und führt sie aus der Ruine*
Malaika Leyla Yazir: [menek] Da schmunzelt er!
Gassur Farees Ifrey: [menek] [leise] Deine Wortwahl hat mich so überrascht.
Malaika Leyla Yazir: [menek] Wiesooo?
Gassur Farees Ifrey: *meint er mit einem leichten lachen*
Malaika Leyla Yazir: [menek] Es ist nunmal mhmpfhf!
Malaika Leyla Yazir: [menek] Kannst du drehen und wenden wie du willst.
Malaika Leyla Yazir: *sie gluckst leise*
Gassur Farees Ifrey: *fängt nun an zu lachen und schüttelt den kopf*
Malaika Leyla Yazir: [menek] Geisteskrank. Denk dran. *sie nickt eifrig*
Malaika Leyla Yazir: [menek] Vollkommen geisteskrank.

Ich liebte genau diese Gespräche. Einfach, weil sie so unbeschwert waren. Er begleitete mich natürlich noch bis zu mir nach Hause. Kurz sah ich zu meinem neuen Nachbarn. „Wir könnten klopfen und kichernd wegrennen! Oder ich lege ein paar Leinentücher von Jalilah vor seine Tür. Als morgendliche Begrüßung.“
Gassur musste lachen, meine zweite Idee fand er gut. Ich verabschiedete ihn und wünschte ihm einen guten Heimweg. Und ich bedankte mich für den wundervollen Abend. Er erwiderte dies und ich flüsterte, dass er gehen sollte, bevor ich irgendetwas Unüberlegtes tat. Er umarmte mich wieder. “Zu spät.“ Ich schmunzelte auf die leisen Worte und vergrub meine Nase an seinem Hals. „Du bist verrückt... aber das ist ja nichts Neues.“
Und er bewies einmal mehr, wie verrückt er war. Und auch, wenn es wieder nur ein kurzer Moment war, war mein ganzer Körper wieder in Alarmbereitschaft. Das Blut raste von meinem Kopf in meine Zehen und wieder zurück und mein Herz überschlug sich. Als er sich von mir löste, zog ich meine Unterlippe zwischen meine Zähne und gab sie kurzerhand wieder frei. Er verschwand in der Nacht. Und ich stand hier und sah ihm nach. Und ich vermisste ihn schon jetzt.

Verfasst: Donnerstag 20. Juni 2013, 10:04
von Malaika Leyla Ifrey
    • Um Hass gehts hier, doch mehr um Liebe noch.
      Zänkische Liebe, Liebe voller Hass,
      du alles aus dem nichts zu erst erschaffen.
      Oh schwere Leichtigkeit, oh ärmste Tendelei.
      Entstelltes Chaos, scheinbar wohlgeformt.


      (aus „Romeo und Julia“)

Ich hasste alles, was mit dem Namen „Yazir“ zu tun hatte. Endlich hatte Saman es geschafft. Es war schlimm genug, dass die Verhandlungen nicht so gelaufen waren, wie sie hätten laufen sollen. Aber mir gleich ein Verbot auszusprechen, keinen Ifrey mehr sehen zu dürfen – ganz gleich, um wen es sich handle – das war zu viel. In den nächsten Tagen...
Das war eine Zeitspanne, die nur heute und morgen betreffen konnte. Oder länger dauern konnte. Oh ja, wenn ich mir bei irgendwas sehr sicher war, dann bei meinem unerträglichen Hass. Vielleicht hätte ich Aaminahs Rat von Anfang an annehmen sollen und zum Emir gehen sollen. Eine Schande, wirklich eine Schande, was seit Rasins Tod in dieser Familie passierte.

    • Ach dass die Liebe, die so lieblich scheint,
      es doch so grausam und tyrannisch meint.
      Ach dass die Liebe, deren Augen blind,
      um an ihr Ziel zu kommen immer wieder Wege find'.


      (aus „Romeo und Julia“)

Ich wartete auf einen Moment, an dem ich mir sicher sein konnte, dass keiner anwesend war. Immerhin hatten sie darauf verzichtet, eine Wache an mein Haus zu stellen. Schlimm genug, dass mein liebreizender Cousin Amar neben mir eingezogen war. Ein Grund, um Jalilah länger lauthals durch die Nacht brüllen zu lassen, wenn sie Hunger hatte. Neuerdings brauchte ich doch ein paar Lidschläge mehr, um ihre Milch zu erwärmen. Ich packte nichts weiter zusammen, als ich das Haus verließ. Ich wollte eigentlich nur einen ruhigen Ort für mich. Fernab dieses Horrors.

Ich hatte vielleicht einen halben Stundenlauf für mich alleine gehabt, ehe ich spürte, dass ich in den Arm genommen wurde. Ich saß zusammengekauert an der Mauer, fernab jeglicher Wachen. Ich spürte, dass er da war. „Was ist passiert, außer der gescheiterten Verhandlung?“
Ich erzählte es ihm. Ich erzählte ihm, dass ich weder ihn noch all die anderen Ifrey sehen durfte. Keine Aaminah, keine Hazar, keine Zahra, keine Asiya, keinen Haroun. Niemanden. Mein Blick legte ich auf das Meer hinaus. Ich wollte nicht, dass er mich weinen sah. „Vielleicht sollte ich lieber gehen, nicht, dass man uns hier antrifft.“ Aber neda, das wollte ich nicht. Ich versicherte ihm, dass ich mich lieber schlagen lassen würde, als auf ihn zu verzichten. Ich fragte Gassur, was bei allem in der Welt ich verbrochen hatte. Ich spürte, wie er mir über den Oberarm streichelte. Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass sie mich noch mehr zerstören konnten, als eh schon. Ich hatte meinen Mann verloren. Meinen Mann, den ich auch bis zum heutigen Tage liebte. Und ich hatte Zuflucht gesucht bei einer Familie, die so viel mehr Herzlichkeit unter der Seele trug als meine eigene. Und dann kam da diese Idee der Gefälligkeitsehe, Gassur und ich hatten uns von Anfang an verstanden. Es wäre für uns niemals schlimm geworden, weil wir schon zu diesem Zeitpunkt freundschaftliche Gefühle füreinander hegten. Doch umso mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto intensiver wurde das, was zwischen uns passierte. Umso öfter er bei mir gewesen war, nach mir gesehen hatte, mir gezeigt hatte, wie sehr er sich um mich sorgte, was ich ihm bedeutete, desto glühender wurde mein Herz, desto mehr brannte das Gefühl der Zuneigung in meinem Herz.
„Hat er dir heute schon etwas getan?“, fragte er mich. „Ich muss dich zum zweiten Mal dort zurück lassen, obwohl ich genau weiß, dass es dir dort schlecht geht und dich alle meiden. Obwohl ich vorher versprochen hatte, dich dort zu befreien.“
Aber weder er noch ich konnten wirklich etwas dafür. Es lag an Saman und Zafer. Der eine sprach nur leere Worte, der andere wollte mehr und mehr. Und keinem war bewusst, was sie zerstörten. Gassur meinte leise, dass sie bis jetzt doch noch nichts zerstört hatten, seine Gefühle hatten sich nicht verändert. Meine auch nicht, aber es fühlte sich dennoch an, als würde ich wieder irgendetwas verlieren. „Es war so knapp davor, du hättest...“, er pausierte. Ich hätte was? Er sprach nicht weiter, weil er mir nicht noch mehr Kummer bereiten wollte. Aber ich blieb hartnäckig. „Du hättest heute noch zu uns ziehen können.“ Ich ließ meinen Kopf an die Mauer sinken und stieß ihn mir. Ich hätte heute meine Sachen packen und gehen können. Das durfte alles nicht wahr sein. Das Gefühl, einfach weglaufen zu wollen, wurde intensiver und intensiver. Aber so einfach war es leider nicht.

„Ich werde Zafer sofort zu Zahra schicken. Und dann zu Saman.“ Er ging sogar soweit, dass er von seinem Freund verlangen würde, ein paar Dinge zu verschieben. Aber ich versicherte ihm, dass das nicht passieren würde. Sie waren zwar Freunde, aber es ging hier nicht um Zafer, nicht in dem Sinne um seine Belange. Es ging um Gassur und mich. Zafer fühlte nicht das, was wir fühlten.
„Was schlägst du vor?“, was sollte ich schon groß vorschlagen. Ich konnte nichts vorschlagen. Ich wusste nur, dass ich niemanden von ihnen jemals wiedersehen wollte. Ich überlegte sogar, ob ich sowohl Saman wie auch Amar etwas ins Essen mischen sollte. Aber Gassur erinnerte mich daran, dass ich auf kurz oder lang dann vermutlich alleine bei den Yazir war. Und damit hatte er irgendwie auch wieder recht. Er meinte, er würde sich in den nächsten Tagen als Bashir verkleiden. Oder als Hausloser. Dann konnten wir uns sehen. Aber ich nahm es in Kauf, dass ich ihn sah. So, wie er war. Selbst wenn sie mich dafür auspeitschen ließen. Denn ich hatte im Grunde nichts mehr zu verlieren. „Aber sag so etwas nicht. Du hast deine Prinzessin. Mich. Und Freunde in anderen Familien.“, aiwa, das hatte ich, aber genau zwischen uns beide stellten sie sich gerade. Zwischen uns und zwischen die Familien. Ich legte meine Arme um ihn, ich hatte das Bedürfnis danach. Ich fühlte mich als würde ich zerbrechen und er musste das ganze Konstrukt zusammenhalten. Ich würde ihn nicht gehen lassen und wenn es das Letzte war, worum ich kämpfen würde. „Wo sollte ich ohne dich schon hin...“, das war das Schöne daran. Umso mehr sie sich gegen uns stellten, umso intensiver wurden all die Gefühle, die ich mir nie erträumt hätte.
Ich war so froh, ihn heute noch getroffen zu haben. Wäre er heute Abend nicht noch gewesen, hätte ich nicht gewusst, ob ich in meiner Verzweiflung nicht doch noch irgendetwas Dummes getan hätte. Er sah erschrocken zu mir. „Wie kannst du nur an solche Gedanken eine Sekunde verschwenden?“
Ich streichelte seine Wangen sanft weiter und beruhigte ihn. Ich dachte nicht an so etwas, nur daran, einfach fort zu gehen. Aber alleine das wäre eine Dummheit gewesen. Er wusste, dass ich ihm und Jalilah nie angetan hätte, den Freitod zu wählen. „Aiwa, aber mit dem weglaufen hättest du mir auch Schmerz zugefügt.“
Aber ich war hier. Und ich würde nicht gehen. Ich würde kämpfen, aber auch das machte ihm Angst. Er wollte nicht, dass sie mir etwas taten. Ich streichelte seine Wangen sanft und behutsam weiter. Seine Züge wurden weicher unter diesen Berührungen. „Die Situation hier, nur wir zwei.. ist sehr angenehm.“

Angenehm war gar kein Ausdruck, denn in mir keimte das Gefühl auf, dass ich ihm noch näher sein wollte. Für einen klitzekleinen Moment war mir auch alles um uns herum egal. Ich sah zu ihm, ich wollte und ich konnte nicht anders. Ich musste etwas nachholen. Ich fragte ihn, ob ich etwas nachholen durfte. Ich streichelte, berührte weiter seine Wange mit meiner Hand. Und bat ihn, die Augen zu schließen. Er war so hübsch, wie er dort vor mir saß. Und er strahlte diese Stärke aus. Ich schmunzelte wieder und zeichnete den Weg von seinen Wangen- und Kieferknochen bis zu seinem Kinn hinab und neigte mich zu ihm, um ihn sanft zu küssen. Unsere Lippen berührten sich kaum, sie hatte sich das ein oder andere Mal zuvor für einen kurzen Moment deutlich intensiver berührt. Er erschrak kurz, zuckte jedoch nicht zurück. Stattdessen begann auch er sanft, mein Gesicht zu streicheln. Dennoch, ich zögerte einen Augenblick und brachte vielleicht ein oder zwei Haaresbreiten zwischen unsere Lippen. Aber er kam diesen sofort nach, er wollte den Kontakt nicht verlieren. Ich bettete meine Hände an seinen Wangenknochen. Die Intensität des Kusses machte meine Knie weich. Aber er hatte gestern noch gesagt, dass Einzige, was er bereute war, dass der erste Kuss zwischen uns beiden viel zu kurz war.
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Und so hatte ich das nachgeholt. „Es war auch dringend nötig.“, antwortete er leise und ich wollte schon jetzt eine Wiederholung. Nachdem wir nochmal ein wenig über den Abend gesprochen hatten, half er mir auf und nahm mich wieder in seine Arme. „Ich werde heute darauf verzichten, dich nach Hause zu bringen.“ und das war eine sehr weise Entscheidung. Ich konnte froh sein, wenn sie mich nicht entdecken würden. Ich versprach, ihm zu schreiben, wenn ich sicher zuhause angekommen war. Und wir verabredeten uns für die morgige Nacht. Er küsste mich nochmal. Dann erst huschte ich davon durch die kalte Nacht – zurück in mein Haus. Es war still im Viertel, was gut für mich war. Ich konnte mich zurück in mein Haus schleichen, ohne gesehen worden zu sein.

Schnell setzte ich zwei Schreiben auf und ließ sie mittels eines Botens zu Gassur und Aaminah bringen.

Ich bin gut und wohlbehalten in meinem Haus angekommen, mach dir also hudad keine Sorgen. Ich vermisse dich. Malaika

Aaminah hingegen bekam ein etwas längeres Schreiben.

Aaminah, ich darf vorerst nicht zu euch kommen. Saman hat mir verboten, auch nur irgendeinen Ifrey zu sehen. Ich darf nicht einmal zu dir. Ich hoffe, dass der Spuk bald ein Ende hat. Ich vermisse euch alle jetzt schon. Malaika.

Als die Briefe verschickt waren, ging ich noch kurz zu Jalilah. Ich schickte die junge Natifah, die auf Jalilah aufgepasst hatte, wieder weg und drückte meiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Es wird alles gut werden, Prinzessin.“
Dann ging ich in mein Schlafzimmer und legte mich in die Hängematte. Meine Lippen brannten noch immer unter der süßen Frucht der Versuchung und des Verbotenen. Aber ich begann schon jetzt, dieses Gefühl zu lieben.

Verfasst: Freitag 21. Juni 2013, 15:09
von Aaminah Faghira Ifrey
Der Brief wird an sie weiter gereicht und als sie jenen öffnet und die Zeilen zu lesen sind schüttelt sie lediglich das Haupt.

Wie sehr musste man einen Menschen nicht mögen das man ihm und dem Herzen soviele Steine in den Weg legt....wie sehr musste man ihn hassen. Sie sehnte jeden Tag näher heran ab dem sie wusste das Malaika endlich frei war und ihre Entfaltung und Muse wieder finden würde.

Lange noch hatte sie cor einem Tag mit ihrem Ranim gesprochen, lange noch hatte sie seinen Worten gelauscht und auch ihre Meinung geäußert. Die Yazir's wollten Zahra und gleichsam sagten diese das Zahra wohl den Wunsch geäußert hatte zu ihnen zu gehen. Auch wenn sie in letzter Zeit wegen des Konfliktes wohl eher nicht allzu oft aufeinander trafen würde sie Zahra sehr vermissen und hätte es nicht gut gefunden wenn man einfach über ihren Kopf hinweg entschieden hätte. Sie soll ihren Wunsch äußern, wenn es ihr Wunsch war das Haus und ihre Familie zu verlassen um sich neuem zu öffnen dann sollten ihr keine Steine in den Weg gelegt werden.

Nein Zahra sollte die Wahl haben selbst zu entscheiden ob sie gehen möchte oder nicht, ob sie lieben möchte und wen sie lieben möchte. Auch wenn es heisst das sie dadurch in eine andere Familie rutscht, wenn es ihr Wunsch ist so soll es so sein. Vermissen würde sie ihre Cousine trotzdem, denn sie wünschte sich nicht mehr als das der Streit endlich geklärt werden könnte der immernoch wie ein Klotz an ihrem Bein hing.

Doch hatte sie auch Angst, die Angst das ihre Cousine zwar am Anfang dort glücklich schien und dann nur noch traurigkeit empfinden würde.... Die Männer des Hauses Yazir sprachen über alle Nathifas als wären sie Vieh und so behandelten sie diese mit großer Sicherheit auch und die ein oder andere Nathifa des Hauses Yazir hatten innere Dämonen die sie zerfraßen... Arme Zahra....an ihrer Stelle würde sie sich bei der Frage die sie gestellt bekommen würde überrumpelt fühlen, aber wie die Familie Yazir wohl verlauten ließ hat sie selbst sich wohl geäußert und den Wunsch ausgesprochen. Oder war es nur eine Lüge und sie wollten lediglich das man ihnen der Familie ein Mitglied raubte? Neda...so Falsch schätzte sie die Yazir nicht ein, Khalida würde sich in Grund und Boden schämen wenn ihre Familie so wäre....immerhin war sie eine Nathifa mit Herz, Verstand, geschickten Kampfhänden und vorallem eine Nathifa der Ehre.

Verfasst: Freitag 21. Juni 2013, 16:37
von Malaika Leyla Ifrey

    • Daraufhin sagte Almira: " Sprich zu uns über die Liebe." Und er erhob sein Haupt
      und schaute auf das Volk, und eine Stille kam über sie. Und mit mächtiger Stimme sprach er:
      Wenn euch die Liebe ein Zeichen gibt, dann folgt ihr, mögen ihre Pfade auch beschwerlich sein
      und steil. Und wenn sie euch mit ihren Schwingen umarmt, dann gebt euch ihr hin, auch wenn
      euch das Schwert verletzt, das sie darunter verbirgt. Und wenn sie zu euch spricht, dann glaubt
      an sie, mag ihre Stimme auch eure Träume zunichte machen, gerade so, wie der Nordwind den Garten
      zuschanden macht. Denn so, wie die Liebe euch krönt, wird sie euch ans Kreuz schlagen. So, wie sie
      euch wachsen lässt, wird sie euch zurück schneiden. Und so, wie sie sich zum höchsten Wipfel
      erhebt und eure zerbrechlichsten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, so wird sie
      hinabsteigen zu euren Wurzeln, die sich in der Erde festklammern und an ihnen rütteln.
      Wie Ähren bündelt sie euch um sich. Sie drischt euch, um euch zu entblößen. Sie siebt euch,
      um euch von euren Hülsen zu befreien. Sie mahlt euch, bis ihr weiß seid wie Mehl. Sie knetet euch,
      bis ihr geschmeidig werdet; und dann übereignet sie euch ihrem heiligen Feuer, auf dass ihr heiliges
      Brot werdet für Eluives heiliges Mahl. All dies wird die Liebe mit euch anstellen, damit ihr
      die Geheimnisse eures Herzens erfahrt und in dieser Erkenntnis ein Teil vom Herzinnersten
      des Lebens werdet. Falls ihr aber in eurer Furcht nur Ruhe und Lust in der Liebe sucht, dann ist es
      besser für Euch, eure Blöße zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen in eine
      Welt ohne Sommer und Winter, wo ihr lachen werdet, jedoch nicht eures ganzes Lachen, und weinen,
      aber nicht all eure Tränen. Liebe gibt nichts, als sich selbst und nimmt nichts, es sei denn von
      sich selbst. Liebe nimmt nicht in Besitz, noch lässt sie sich besitzen; denn Liebe genügt sich selbst.
      Wenn ihr liebt, solltet ihr nicht sagen: "Eluive ist in meinem Herzen" sondern eher
      "Ich bin in Eluives Herz". Und denkt nicht, ihr könnt den Lauf der Liebe lenken. Denn sie wird
      euren Lauf lenken, wenn sie euch für würdig hält. Liebe hat hat kein anderes Verlangen
      als sich selbst zu erfüllen. Wenn ihr liebt und dabei Begierden habt, dann lasst dies euer
      Verlangen sein: Werdet weich und seid wie ein rieselnder Bach, der sein Lied der Nacht singt.
      Wisst vom Schmerz allzu großer Zärtlichkeit.
      Seid verwundet vom eigenen Verständnis der Liebe; und blutet willig und freudig.
      Erwacht des Morgens im Herzen beflügelt und sagt Dank für einen neuen Tag des Liebens;
      Ruht zur Mittagsstunde und sinnt nach über die Wonnen der Liebe;
      Kehrt heim am Abend mit dankbarem Herzen;
      dann geht zur Ruh mit einem Gebet für den Liebsten im Herzen
      und einem Loblied auf den Lippen.
Ich sah hinauf zur Decke. Die unendliche Stille war ein Geschenk, ein so wundervolles Geschenk. Ein Geschenk, welches ich umgehend für ein stilles Gebet zu nutzen vermochte. Dann erst setzte ich mich auf und trank das Glas Kokoslikör leer. „Ich würde es nun sicherlich anders machen als an diesem Abend. Ich würde es nicht in der Ecke in unserem Empfangsraum machen, eher in einer ruhigen Umgebung wie hier. Hier sind wir allein und es sitzt niemand in fünf Metern Entfernung und wartet nur darauf. An dem Abend war es kein Antrag aus Liebe.“

Doch das war es jetzt. „Da ich dich in den letzten Tagen und Wochen schätzen und... lieben gelernt habe, möchte ich um deine Hand anhalten und jeden erdenklichen Preis bei deinem Oberhaupt für dich aufbringen.“
Ich drehte das Glas in meinen Händen. Jeden Abend hatte ich Zeit, über alles nachzudenken. Und so langsam bekam alles noch weiter einen tieferen Sinn. Die fortschreitenden Tage zeigten mir immer mehr, zu was ich in der Lage war. Sie zeigten mir, dass es kein Schicksal war, sondern eine Fügung. Eine Fügung der Göttin. Und nicht nur von ihr.

Ich sammelte die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden. Ich hatte mich nicht umsonst komplett aus dem Familienleben zurückgezogen. Aber egal, was ich tat: Es würde immer der falsche Weg sein. Ich goss ein wenig Kokoslikör nach und benetzte meine Lippen damit. Der süße Geschmack ließ alle meine Geschmacksknospen aufblühen. Ich stellte das Glas zurück auf den Boden. Und ich begann zu schreiben.



Mara, meine geliebte und verehrte Mara,

ich schicke euch eine Zeichnung des kleinen Feneks. Sie ist groß geworden, sie lächelt und strahlt. Und es geht ihr gut. Ich hoffe, ich kann euch bald, ganz bald wieder in meine Arme schließen. Ich vermisse euch in solch schweren Zeiten so sehr. Vor über einem halben Jahreslauf war ich zuletzt bei euch und hab bei euch meinen kleinen Engel, meine Prinzessin, mein Liebstes geboren. Sieben Monate ist es nun her – bei Eluive, wie die Zeit vergeht. Sieben Monate, die ich ohne Rasin bin. Mehrere Wochen, in denen die Gewissheit mich überkam, dass er tot ist. Bis zum heutigen Tage erfüllt sich ein Teil meines Herzens mit Trauer. Und ein Teil davon mit weiter andauernder Liebe. Wie eine verdorrte Blume in der Wüste verbrachte ich die Tage in Trauer. Wenn ihr wüsstet, was mir hier widerfährt. Ihr könntet nur den Kopf schütteln.
Ich habe mein Haus verlassen, um Trost und Halt im Hause Ifrey zu finden. Ich wollte nur zwei Tage von ihnen, um meinen Mann als das zu beerdigen, was er war: Als Oberhaupt der Familie. Aiwa, vielleicht war es egoistisch von mir. Vielleicht kann auch keiner meine Worte und mein Handeln nachvollziehen. Aber all das, all das was passiert – das habe ich nicht verdient. Ich habe für meine Familie immer alles getan. Meine Familie war mir immer wichtig. Die Harmonie und die Stärke, der Zusammenhalt. Und nun sitze ich hier in meinem Haus mit meiner kleinen Tochter und halte nichts mehr in der Hand. Nichts mehr außer eine Hand, die mich hält und mir Kraft gibt. Eine Hand, die mich nach dem Verlust von Rasin aufgefangen hat. Arme, die mich und mein wackelndes Konstrukt festgehalten haben. Was anfangs ein Gefallen war, um mich aus den Armen meiner Familie zu holen, um mir die nötige Kraft und Stärke für meinen Weg zu geben, wurde zu etwas ganz Besonderem. Aus dem Gefallen wurde so viel mehr, Mara. Kannst du verstehen, wie sehr mich all das zerrissen hat? Da ist doch Rasin, den ich so sehr geliebt habe und den ich auch auf ewig lieben werde. Und dann, auf einmal, taucht da dieses Geschöpf auf – so wunderschön und strahlend und bringt meine Welt durcheinander. Was Anfangs ein Gefallen war, wurde zu tief verankerten Gefühlen. Als wäre auf einmal die Wolkendecke aufgebrochen und die Lichtstrahlen fanden ihren Weg zu mir. Mara, du und Radeh, ihr habt mir immer gelehrt, dass ich weiter nach vorne schauen soll. Du hast gesagt, ich darf mich von nichts einschüchtern lassen. Du hast gesagt, ich hab das Blut der Yazir, ich würde immer für das kämpfen, was mir wichtig war. Aber Mara, ich habe keine Kraft mehr. Ich möchte fort, weg aus der Familie. Ich will frei sein. Stattdessen werden mir lyrische Fesseln angelegt, Drohungen geäußert, um mich klein zu halten. Um mich hier zu behalten. Warum können sie mich nicht einfach gehen lassen? Warum fügen sie mir erneut Schmerz zu, obwohl sie mich meiden? Niemand war mehr hier. Nicht einmal Khalida.
Ich bete jeden Abend für sie. Für alle. Damit sie wieder klar denken können und mich gehen lassen. Sie müssen doch erkennen, dass der neue Weg gut für mich ist. Stattdessen behandeln sie mich, als wäre ich eine Schande für das Haus. Mara, ist es eine Schande, eine helfende Hand anzunehmen? Eine starke Hand? Ist es eine Schande, weiterzumachen? Meine Mauer bröckeln zu lassen und einem so wundervollen Geschöpf die Möglichkeit geben, mein Herz zu erobern? Mara, sag du es mir. Ich bin verzweifelt. Zwei Seelen, die gemeinsam in so einem Glanze erblühen werden bitterlich voneinander getrennt. Ich weine innerlich und schreie nach einem Ausweg. Aber ich weiß, was du sagen wirst. „Malaika,“ wirst du sagen. „Malaika, du wirst deinen Weg gehen und du wirst dich neu entfalten, wie ein Schmetterling in der aufgehenden Sonne MenekUrs.“
Und ich hoffe, dass deine Worte auch dieses Mal zutreffen. In Liebe, deine Malaika.



    • [img]http://24.media.tumblr.com/6a6514606cdf80392242b80ce9d7c8d3/tumblr_mor694brAj1sspmgko1_500.gif[/img]
Ich wischte mir die Tränen von den Wangen, ein paar perlten noch an meinen Lippen ab und landeten auf dem Pergament. Ich ließ es durch die Dunkelheit hinfort bringen. Auf die weite Reise zu meiner Mara, die immer einen guten Ratschlag für mich hatte. Ich hatte dem Boten nachgesehen, wie er durch die kühle Nacht hinfort geritten war.

Ich ging die Stufen wieder hinab, bürstete meine Haare und kleidete mich in meine Nachtgewandung. Ich sah in den Spiegel. Was sah ich dort? Malaika, das bist du. Du stehst da im Spiegel, meine Augen waren müde und wenn man einen tiefen Blick hinein wagte, würde man sehen, wie zerbrochen ich innerlich war. Wie sehr mich all das schmerzte. Aber anstatt sich meiner anzunehmen, traten sie viel lieber nach. Noch einmal und noch einmal. Dieses sinnlose Verbot...

Ich legte mich in meine Hängematte und schloss meine Augen. Wie jeden Abend betete ich. Für Saman und Amar, dass sie merken würden, dass man Natifahs so nicht behandelte. Für Zia, dass sie lernen würde, was Verständnis war und was Liebe bedeutete. Für Khalida, dass sie trotz allem so blieb, wie ich sie immer in meiner Erinnerung hatte. Für meine Familie, dass sie irgendwann wieder die waren, die ich kannte. Für..., ich war eingeschlafen.



Die Sonnenstrahlen wanderten langsam über meinen Körper. Ich öffnete meine Augen, kniff sie allerdings schnell wieder zusammen ob der beißenden Intensität. Wo war ich? Ich hörte das Rauschen des Meeres und spürte den aufkommenden Wind um meinen Körper. Ich sah jemanden weggehen, sanfte Schemen, die sich entfernten. Ich ging hinterher. Ohne mich umzusehen, ging ich diesen Schemen nach. Sie führten mich durch Dornbüsche, die meine Beine zerschnitten. Sie führten mich über brennende Steine, die meine Füße verbrannten. Sie führten mich durch eisige Kälte, die meinen Körper erzittern ließ. Sie führte mich durch grenzenlose Dunkelheit. Aber auch dieser gab es wieder einen Weg. Ich wusste nicht, wohin mich die Schemen führen wollten. Ich hörte einen rauschenden Wasserfall und spürte, wie sich die Schmetterlinge auf meine Haut setzten. Ich spürte die Sonnenstrahlen wieder, wie sie meinen Körper wärmten. 'Du kennst den Weg...'
Ich verstand nicht. Ich sah mich um, sah über all die Wege, die ich gegangen war. 'Du bist den steinigen Weg bis hier gegangen. Du musst ihn weitergehen.' Ich verstand immer noch nicht. 'Du wärst nicht meine Amali, wenn du das nicht annehmen würdest, was ich dir geschickt habe.'


Mit rasendem Herzen wachte ich auf und wischte mir über die Stirn. Ich hatte Gänsehaut, am ganzen Körper. Ich spürte, dass er hier war, irgendwo. Du wärst nicht meine Amali, wenn du das nicht annehmen würdest, was ich dir geschickt habe.

Ich begann zu weinen. Bitterlich zu weinen, bevor ich mich zu Jalilah ans Bett setzte und ihr beim Schlafen zu sah. In mir krampfte sich alles zusammen. Die Sehnsucht vermengt mit der aufkeimenden Trauer zog mich für einen Moment zurück in dieses tiefe Loch. Du musst annehmen, was ich dir geschickt habe.
Hatte er wirklich gewusst, was für eine schwere Zeit auf mich zukommen würde? Mir liefen weitere Tränen über die Wangen. Ich war dankbar. Aus tiefstem Herzen dankbar und ich würde jeden Schritt gehen. Ich würde kämpfen, um wieder ein Leben fernab jeglicher Diskriminierung halten zu können. Ich würde um ihn und unsere Zukunft kämpfen, der Liebe wegen.

Verfasst: Samstag 22. Juni 2013, 13:12
von Malaika Leyla Ifrey
    • Lebewesen, die keine Liebe empfinden können,
      kann man nur bedauern.
      Ihr Herz – so kalt wie kühlstes Eis.
      Ihre Seele – so schwarz wie die Nacht.
      Ihre Feinfühligkeit – so hart wie ein Nagelbrett.

      Wer ohne Liebe durch dieses Leben streift,
      der weiß nicht, was Zuneigung bedeutet,
      was Glück für einen Namen hat,
      was Sehnsucht für einen Geschmack hinterlässt,
      was das Herz ertragen muss, wenn man sie hindert.




„Meine liebe Malaika,

wir entsenden Jalilah und dir eintausend Küsse. Natürlich freuen wir uns darüber, wenn du uns wieder einmal besuchen kommst. Aber dies hat Zeit.
Von Mutter zu Tochter gebe ich dir einen Rat: Du weißt, das Leben ist nicht immer einfach. Du weißt auch, mit Geduld und festem Willen kommst du an dein Ziel. Nicht jeder muss deinen Weg gehen, den du gehst. Und nicht jeder muss ihn verstehen. Deine Cousins und Cousinen sehen in dir vielleicht die Schande, die du derzeit in ihren Augen über ihr Haus, unsere Familie, bringen magst. Aber wisse, Eluive denkt sich etwas dabei. Bei allem, was in deinem Leben passiert, hat die Göttin ihre Hand im Spiel. Dir wurde jemand geschickt, der dich unterstützt. Der dir Kraft und Halt gibt. Und wie ich meinen kleinen Fenek kenne, auch Liebe schenkt. Du hast Rasin verloren, du hast ihn über ein halbes Jahr missen müssen und du hast in dieser Zeit unterbewusst gewusst, dass er nicht wiederkommen wird. Du musst auf dich achten und auf deine Tochter. Nicht darauf, was andere meinen, was gut für sie oder für dich ist. Du gehst deinen Weg, mein Engel. Ich schicke dir all die Kraft, all die Stärke, die du benötigst. Damit dein eigener, kleiner Traum wahr werden kann. Öffne dein Herz. Lebe. In Liebe, Mara.“


Meine Füße berührten den lauwarmen Sand. Den Brief hielt ich fest in meinen Händen. Langsam setzte ich meinen Weg fort. Allein. Das Wasser streichelte immer wieder meine Füße. Mein Weg führte mich am Familienhaus vorbei. Es war dunkel. Um die Zeit schliefen vermutlich alle. Leise trugen mich meine Füße weiter, die sanften Wellen verwischten meine Fußspuren im Sand. Jalilah schlief fest in meinen Armen. Mit meinen Gedanken war ich bei den letzten Wochen. Ich vermisste Khalida. Ich wollte sie in meine Arme schließen und einfach nur weinen. Aber es half alles nichts. Ich war ohne Khalida. Und ohne meine Familie. Und ich durfte auch nicht zu anderen.

Ich dachte an ihn. Sekunden wurden zu Minuten. Minuten zu Stunden. Stunden zu Tage. Tage zu Wochen. Wochen zu Monate. Monate... zu Jahre. Ich sah auf das Meer hinaus. Die Sehnsucht war unerträglich und hinterließ einen fahlen Geschmack auf meinen Lippen. Ich wollte zu ihm. Nichts mehr wünschte ich mir. Ich wollte frei sein, frei von jeglichem Ballast. Wie lange sich alles noch hinziehen würde, war unklar.

Wenn man glaubte, dass ich nicht bereit war, alles in Kauf zu nehmen, würde man sich sehr täuschen. Und wenn sie mich verstießen, nichts mehr mit mir zu tun haben wollten, konnte mir das doch eigentlich recht sein. Und es würde sich zum derzeitigen Zustand nichts ändern. Weit entfernt von Zuhause setzte ich mich in den Sand. Hier würde mich niemand finden. Nicht hier. Hier war ich wirklich komplett allein mit mir, meinem Kind und meinen Gedanken. Ich sah zu Jalilah, sie war tatsächlich ein Geschenk. Sie konnte am wenigsten für das, was man uns – oder vielmehr mir – derzeit antat.

Wie viele Stunden ich hier am Meer saß, war mir egal. Es mussten allerdings einige gewesen sein. Ich hatte alles hinterfragt. Alles. Ich dachte auch wieder daran, dass ich, nur um ihn vor allem zu schützen, mich von ihm fernhalten sollte. Aber ich hörte seine Worte, immer und immer wieder. Und da ich ihm niemals weh tun wollte, war dies keine Option. Ein Tag und ich hatte schon jetzt das Bedürfnis, ihm beim nächsten Treffen einfach um den Hals zu fallen. Einfach so, weil es so weh tat, wenn er nicht hier war. Weil ich mich so allein fühlte, so kraftlos, wenn er mir seine starke Hand nicht reichen konnte. Ich spürte, wie sich in mir wieder alles veränderte, als ich zurück ging. Es vermischten sich Gefühle, die man nicht fühlen sollte, wenn man nach Hause ging. Angst, Unbehagen, Wut, Hass, Enttäuschung. Aber dennoch; genau diese Gefühle waren da und brannten sich so tief in mich, setzten den Stachel tief, äußerst tief in meinem Herzen an.


    • Eines Nachts hatte ich einen Traum:
      Ich ging am Meer entlang mit meiner Herrin.
      Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
      Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
      Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
      meine eigene und die Eluives.

      Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
      war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
      dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
      zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
      Zeiten meines Lebens.

      Besorgt fragte ich die Schöpferin:
      "Eluive, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
      mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
      Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
      meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
      Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
      meisten brauchte?"

      Da antwortete sie:
      „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
      allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
      Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
      da habe ich dich getragen."

Verfasst: Montag 24. Juni 2013, 15:10
von Malaika Leyla Ifrey
    • Seit Tagen tragen uns die gleichen Brücken.
      Wir teilen uns harmonisch Weg und Ziel.
      Und was wir tun, tun wir aus freien Stücken.
      In gleicher Absicht, mit demselben Ziel.

      Noch immer suchen wir nach Augenblicken,
      wo jeder sich ein Stück vom andern nimmt.
      Und wir bemerken: Unsre Uhren ticken
      in einem Rhythmus, der für beide stimmt.

      Dann lehnen wir uns über das Geländer,
      im Fluss des Lebens schaukelt unser Boot.
      Uns grüßen seine farbenfrohen Bänder,
      zusammen warten wir aufs Abendrot.



Als ich sah, wie er auf mich zuging, war auf einmal alles wieder so viel erträglicher. „Salam Aleikum, Rani.“, ich hörte seine Worte, aber ich sprang ihm längst in die Arme und um den Hals. Ich war so froh und so überglücklich, ihn zu sehen. „Ich habe dich auch vermisst.“
Er hatte mich gesucht. Zuerst an unserem anderen Treffpunkt, dann hier. Er hatte mich... gesucht. Und gefunden.

Der Gruß von Aaminah zerriss mir förmlich das Herz. Sie konnte sich wohl denken, dass wir uns heimlich trafen. Es machte mich augenblicklich traurig und betrübte mein Herz. Wie sehr hätte ich meine beste Freundin am liebsten in den Arm genommen. Gassur selbst war derweil eher froh darüber, dass meine Mutter ihn nicht verteufelte, sondern mit ihrer Antwort auf meinen Brief auch sein Herz irgendwie berührt hatte. Aiwa, meine Mutter war eine vernünftige Frau. Vielleicht etwas anders als die anderen, aber ihr lag so viel daran, dass es ihren Töchtern gut ging. Ohh, ich vermisste Aaminah so sehr. Wie sehr freute ich mich auf den Tag, wenn ich sie wieder in meine Arme schließen konnte. Und Hazar. Und Zahra. Und alle anderen. Es war nur ein Tag ohne ihn gewesen – aber ich wusste gar nicht, wie qualvoll ein solcher Tag werden konnte.

Aber es wurde Zeit, dass dieser Weg ein Ende nahm. Ein endlos langer Weg... So viele Gedanken hatte ich mir in der letzten Zeit gemacht. Aber ich kam auf keine andere Möglichkeit außer abwarten. Jalilah hatte in den letzten Tagen begonnen, davon zu krabbeln. Die ersten Versuche waren kläglich und sie krabbelte rückwärts, aber immerhin: Sie krabbelte. „Hoffentlich erleben wir ihre ersten Schritte zusammen.“; ich wusste nicht, wie er es machte. Aber jeder neue Tag barg eine neue Überraschung. Allein sein Interesse daran, dass Jalilah in seinem Beisein den ersten Schritt wagte, machte mich so unendlich glücklich. Glück, welches man nicht so schnell nachvollziehen und verstehen konnte. Dennoch neigte sich an diesem Nachmittag unsere Zeit schneller gen Ende, als gedacht. Ich fragte ihn, was er am Abend vorhatte. Aber es gab nichts, was er nicht für mich hätte verschieben können. Also überlegten wir, was wir an diesem Abend unternehmen würden. Genauer gesagt fragte er danach, ob ihn dort mehr „hiervon“ erwarten würde. Was „hiervon“ war erklärte er mir umgehend, ohne, dass ich auch nur im Ansatz eine Antwort darauf geben konnte. Wir verabredeten uns also für den kommenden Abend.

Die Zeit bis zum Abend verbrachte ich mit Jalilah. Mit wem auch sonst. Mein Leben bestand derzeit nur aus Jalilah und Gassur. War das bedauernswert? Ich verbrachte mein Leben mit den beiden Menekanern, die ich am meisten liebte. Ich beschäftigte mich mit ihr, erzählte ihr eine Geschichte, zog ihr hübsche Kleider an. Sie war so bildhübsch, meine kleine Prinzessin. Wenige Stunden später schlich ich mich wieder davon. Jalilah wusste ich wieder in guten Händen. Vor allem in verschwiegenen Händen. Und so hatte ich noch eine Stunde, um mir ein wenig Ruhe zu gönnen. Bevor Gassur an den verabredeten Ort kam. Bevor ich wieder all meine Gedanken beiseite schaffte und seine Nähe genießen konnte.

Ich ließ mich in den Sand fallen. Mit meinen Fingerspitzen streichelte ich sanft über den Sand, nahm ihn zwischen meinen Fingern auf und ließ ihn wieder aus diesen entgleiten. Welche Möglichkeiten hatten wir? Wir konnten alles aussitzen und warten. Aber vielleicht würden wir dann endlos lange warten. Wir konnten fortgehen, aber dann würden wir niemals wieder zurückkommen können. Ich konnte meinen Namen ablegen, mich von allen Verpflichtungen befreien. Aber dazu war die restliche Liebe zu meiner Familie doch noch zu groß. Ich konnte zum Emir gehen, aber dann lief ich Gefahr, dass ich enttäuscht werden konnte und auch er kein Verständnis für mich, für uns zeigte. Bevor ich weiterdenken konnte, spürte ich die Hände auf meinen Augen. „Rate mal, wer hier ist.“; ich tastete mich an seinen Händen empor. Für einen Moment hatte ich überlegt, einfach irgend jemand anderen zu nennen. Aber ich konnte nicht. „Ich glaube... der schönste Mann Menek'Urs.“

Wir überlegten kurz, wohin uns unsere Wege führen sollten. Allerdings entschieden wir dann, an Ort und Stelle zu verweilen. Gassur erzählte mir, dass er mit Asiya gesprochen hatte. Wegen Zahra. Und wie sie zu dem Vorschlag von Saman stand. Ich wusste bis dato noch nicht, von welchem Vorschlag er sprach. Er sah erschrocken zu mir. „Habe ich dir nicht erzählt, was Saman Zafer für einen Vorschlag gemacht hat?“ Ich verneinte. Er hatte nichts erzählt, irgendwie war das am Tag des Gespräches über den Brautpreis vollkommen untergegangen. „Saman will dafür, dass er dich freigibt, Zahra für eine gewisse Zeit in seiner Familie haben, wohl für Amar.“
Sie wollten uns eintauschen. Nein, Saman wollte uns eintauschen. Wie ein billiges Stück Vieh. Genau genommen war mir jedes Mittel recht, um von dieser Familie loszukommen. Aber das ging selbst für mich einen Schritt zu weit. „Ich wollte auch lieber einen Haufen Gold, so groß wie MenekUr, für dich anhäufen. Aber daran hatte Saman kein Interesse. Er wollte eine Gegenleistung. Und zwar Zahra.“; und Zahra war selbstverständlich alles andere als begeistert. Was ich auch unter allen Umständen nachvollziehen konnte. Auch, wenn sie mir gegenüber Interesse an Amar bekundet hatte, es war der falsche Weg. Nicht so. Dennoch, es fühlte sich schön an, was Gassur für mich alles tun würde. Und ich fragte mich bis heute, womit ich das verdient hatte. „Du hättest noch viel bessere Umstände verdient.“; aber ich sah es an diesem Abend anders. Ich sah in dem Ganzen eine Prüfung Eluives. Sie gab uns die Prüfung, uns zu beweisen. Allzu oft wurde schon gesagt: „Drum prüfe, was sich ewig bindet.“ - diese schwierigen Umstände würden uns noch enger zusammenschweißen. Wir hatten Geheimnisse, an denen wir beide festhalten mussten, um uns sehen zu können. Natürlich, es wäre anders besser gewesen. Aber wir würden unseren Nutzen daraus ziehen. Und daran wachsen. Ihn hingegen machten die Umstände genau an diesem Abend äußerst traurig. Er stellte vieles in Frage. Und ich kam nicht darum herum ihn zu fragen, ob er es besser fände, wenn wir uns nicht mehr sehen bis alles geklärt war. „Das wäre es sicherlich. Aber das würde ich nicht aushalten.“

Das war auch meine größte Sorge. Ich würde es nicht aushalten und vermutlich an der Einsamkeit zuhause ersticken. Warum konnten sie mich nicht einfach gehen lassen? Ich hatte eh keinen Wert mehr für sie. Ich leistete nicht einmal mehr meine Arbeit. Es waren andere Natifahs nachgerutscht, um meine Aufgaben zu übernehmen. Sie hatten keinen Nutzen mehr an mir, ich war nur noch eine Goldquelle. Ein Tauschgut. Warum musste man alles nur qualvoll in die Länge ziehen? Ich überlegte, ob wir Nazeeya aufsuchen sollten. Er fragte mich, was ich ihr erzählen wollte. Ich dachte im Grunde nur daran, ihr zu erzählen, warum ich von meiner Familie weg wollte, was im engsten Kreise beschlossen wurde, um mir zu helfen. Und, was sich daraus entwickelt hatte. Was er mir dann erzählte, ließ meine Welt für einen Augenblick zerbrechen. Er wollte es mir erst gar nicht erzählen auf meine Nachfrage und versuchte mich, mit einem Kuss abzulenken. Aber so einfach ließ ich ihn nicht durchkommen. Als er mir erklärte, dass er sie fragte, wie es sich verhält, falls um die Hand seiner Verlobten angehalten werden würde. Ich saß da wie eine getaufte Maus. Wie ein getretener Pudel und mein Herz begann zu rasen. Ich verstand nicht. Ich verstand die Welt nicht mehr für diesen einen Augenblick. Warum hatte er mir das vorher nicht erzählt? Welches verdammte Spiel spielte er hier? Was zum...

Er sah unsicher zu mir. „Deiner... was?“; er erklärte mir, es war anders, als es sich anhörte. Aiwa, eine Ausrede, die man wohl überall kannte. Wie sollte es denn gewesen sein? Seine Worte waren im Grunde recht klar verständlich. Oh du heilige, geliebte Mutter, womit hatte ich all das verdient? Er sprach weiter und ich nahm nur noch einzelne Brocken auf. „Hazar“, „Gefälligkeitshochzeit“. Er versuchte mich während seiner Worte wieder in den Arm zu nehmen. Ich ließ es zu, ich zeigte allerdings keinerlei Emotionen oder den Willen, mich in seinen Armen, wie sonst auch, fallen zu lassen. Ich wusste immer noch nicht, wie ich das verstehen sollte. War ich auch nur ein sinnloser Plan gewesen? Einer von vielen? Er erklärte mir, dass er nie mit ihr verlobt war. Es wäre nur eine Notlösung gewesen, aber es wäre nie soweit gekommen, obwohl die Gefahr bis heute noch nicht völlig vom Tisch war. Er versicherte mir, dass sie sich dafür nun jemand anderes suchen mussten. Ich konnte und wollte das alles im Moment nicht verstehen. Ich rutschte von ihm weg. Warum erzählte er mir das erst jetzt? Warum konnte er nicht von Anfang an ehrlich zu mir sein? Es fühlte sich an wie das Gefühl, wenn einem das Glas aus den Händen entgleitet, man es fallen sieht und nichts, aber auch gar nichts dagegen tun kann, dass es auf dem kühlen Steinboden zerspringt. Ich wollte mich doch nirgendwo dazwischen stellen. Und das sagte ich ihm auch. „Das kann nicht dein Ernst sein?“; er sah mir sehnsüchtig nach, aber ich ignorierte seinen Blick. Auch, wenn es mich zutiefst berührt hatte, wie er mir in dem Moment nachgesehen hatte. Ich konnte nicht einfach so nachgeben. Nicht einfach so. Und dann erzählte er mir die ganze Geschichte. Ich rutschte, während er sprach, zum Meer hinab um meine Beine abzukühlen. Ich musste es irgendwie schaffen, wieder klar denken zu können. Er beendete seine Erzählungen mit den Worten, dass er glücklich darüber sei, dass nichts aus alldem geworden war. Er rutschte zu mir und sah mir entschuldigend entgegen. Wäre es anders gekommen, hätte ihm das allerdings weitaus weniger Probleme bereitet als die Umstände jetzt. Ich stand auf, als er mir näher kam und ging ins Wasser. Ich musste meine Gedanken loswerden, ich hatte kein Anrecht darauf. Nicht ich. Immerhin verurteilte er mich ebenfalls nicht wegen meiner Vergangenheit. Und das... war nicht selbstverständlich. Ich stand inmitten des Wassers, als er mich in seine Arme zog. Ich konnte nicht anders, als mich an ihn zu schmiegen. Manchmal hatte man einfach keine Wahl im Leben. Die Situation im Wasser erinnerte ihn an den Abend, als ich verzweifelt nach der Familienversammlung bei den Ifrey saß. Der Abend, an dem ich Gassur überhaupt erst kennengelernt hatte. Wir standen auch im Wasser, als ich mich über die Hintertür ins Freie geschlichen hatte. Nur hatte er sich da noch nicht getraut, mich zu umarmen. Ich griff nach seine Hand.
        • [img]http://24.media.tumblr.com/d9d75297791ca80f471f5300c4096fc9/tumblr_moiyjlFnXe1so8pzao2_250.gif[/img]
Und im nächsten Moment keimte schon dieser spitzbübische Plan in mir auf. Da seine Konzentration so auf mir lag, zog ich ihn mit einem Ruck weiter ins Wasser. Er sah, vom kalten Wasser erschrocken, wieder zu mir. „Was hast du vor?“ Ich paddelte wieder ein Stück zu ihm und umarmte ihn. Was sollte ich schon vorhaben? Als ich ihn so sah in mitten des Wassers wurde mir noch ein Stück mehr bewusst, wie wundervoll er eigentlich war. Ich berührte vorsichtig seine Wangen, ganz behutsam als würde er unter meinen Berührungen beinahe zerspringen. „Zum ertränken wäre es noch zu früh, noch sind wir nicht verheiratet.“; er schüttelte grinsend sein Haupt. „Also neda, ich habe nicht unbedingt etwas vor. Außer dich ein wenig zu ärgern.“ Mit einer Umarmung jedoch konnte ich ihn nicht ärgern. Ich legte ihm meinen Zeigefinger auf die Lippen, um ihn zum schweigen zu bringen. Und ich zog ihn wieder zu mir und.. küsste ihn. Die Nähe zu ihm überwältigte mich. „Du bist das Beste, was mir in der letzten Zeit passieren konnte.“; und mit diesen Worten zog ich ihn wieder zurück an Land. Wir setzten uns in ein windstilles Eck, um im kühleren Wind nicht zu frieren. Er hatte tatsächlich geglaubt, dass ich all das geplant hatte. Ich musste kurz kichern. Aber nein, nichts von allem war geplant. Zumindest nicht von Anfang an.

Ich saß eine ganze Weile in seinen Armen. Ich teilte die Gedanken mit ihm, dass ich nicht gedacht hätte, dass es mir jemals wieder so ergehen würde wie mit ihm. Er fragte mich, ob ich dachte, dass ich niemals wieder einen Mann für mich finden würde und vollendete seinen Satz damit mir zu sagen, dass ich jung, schlau, hübsch und zärtlich war. Und eine sehr gute Schneiderin sowieso. Damit hatte er meine Gedanken eigentlich auf den Punkt gebracht zusammen mit der Angst, nie wieder so fühlen zu können, wie ich es jetzt tat. Wegen all den Verlusten und all der Trauer. „Ich wusste vor dir nicht einmal, dass ich so fühlen kann und das eine Natifah meine Welt so durcheinander bringen kann.“

Bevor wir aufbrachen erzählte er mir noch, dass Zafer bereits Lunte gerochen hatte und vermutete, dass wir uns trafen. Aber was sollten wir auch sonst tun. Dennoch, als er mir erzählte, dass Zafer meinte, er habe sich verändert, überkam mich das schlechte Gewissen. Ich wollte nicht, dass er sich wegen mir so veränderte. Er erzählte mir, dass er beim Besuch von Hazar und Khadir vielleicht zwei oder drei Sätze gesprochen hatte, weil er mit den Gedanken immer bei mir war. Irgendwie keimte in mir ein wenig Furcht auf. War es vielleicht doch besser, wenn wir uns nicht mehr sehen würden? Bevor ich meine Befürchtungen in eine Frage verfasste, schüttelte er bereits das Haupt. „Neda, das ist nicht nötig. Falls es mal einen Tag nicht klappt, warum auch immer, dann ist es so. Aber ich will nicht schon im Vorfeld wissen, dass ich dich an diesem oder jenen Tag nicht sehen werde.“; ich war froh, dass er mich unterbrochen hatte. Denn ich hatte mich selber in die unangenehme Situation gebracht, dass ich meinen Satz nicht anders hätte vervollständigen zu können, außer ihm zu sagen... dass ich ihn.. liebte. Und alleine diese tiefe Erkenntnis meines Herzens elektrisierte mich für den Rest des Abends, den wir im Anschluss getrennt verbrachten.


    • Aber wenn du mich zähmst,
      wird mein Leben wie durchsonnt sein.
      Ich werde den Klang deines Schrittes kennen,
      der sich von allen anderen unterscheidet.

      (aus „Der kleine Prinz“)



Bis zum nächsten Abend war es zwar eine ganze Zeit, aber ich konnte mich gut ablenken. Da gab es neue Schnitte und Muster, die zu lernen waren. Und so viel anderes. In den letzten Tagen hatte ich gedanklich so ziemlich alles durchgeplant, was die Zukunft betraf. Da der Abend schneller näher rückte als geplant, machte ich mich äußerst schnell auf den Weg zum verabredeten Treffpunkt. Diesmal war er es, der bereits schon dort war. Ich näherte mich ihm langsam und hielt ihm die Augen zu. Er fragte, ob er heute raten durfte, wer da war. Ich bestätigte und seine erste Wahl war... Faaith, da sie so oft durch die Wüste schlich. Er konnte sich sein Lachen kaum verkneifen. Ich fragte, ob er einen Tipp haben wollte. Er wollte. Also küsste ich seinen Hals, etwa auf Höhe der Halsschlagader, woraufhin er sein Haupt ein wenig zur Seite neigte. „Jetzt ist es mir klar. Du bist es, Sharie. Du hast mich gestern Abend schon so komisch angesehen.“; diesmal konnte er sich sein Lachen nicht mehr verkneifen und erntete meinerseits nur einen sanften Klaps auf den Hinterkopf. Manchmal war er ganz schön frech. Er bat mich darum, mich zu ihm zu setzen. Da ich immer noch recht baff war und zudem äußerst amüsiert über seine Worte, ärgerte ich ihn damit, dass ich mir gar nicht so sicher war, ob ich überhaupt bleiben sollte. Aber er griff gleich nach meiner Hand und teilte mir mit, dass ich unbedingt hier bleiben musste. Ich setzte mich also zu ihm und fragte nach seinem Tag, der sich, erstmals, gar nicht so berauschend anhörte. Er erzählte mir von den Ereignissen im Maristan und dass Rashid als Hakim Basha zurücktrat. Manchmal wollte ich wirklich nicht in seiner Haut stecken. Er musste sich zudem auch für Saman und sein Auftreten eine Bestrafung überlegen. „Aber ich hab Angst, dass er dich dann noch schlechter behandelt.“; ich erklärte ihm, dass er nicht immer Rücksicht auf mich nehmen konnte, nur damit mir nichts geschehen würde. Das würde bedeuten, dass man ihn vollkommen in der Hand hatte. Er würde spontan entscheiden, je nachdem, wie Saman ihn ansehen und ihm gegenübertreten würde. Das alleine fand ich interessant, denn das ermöglichte mir schon wieder meine typischen Natifah-Pläne: Mist bauen und dann mit einem lieblichen Lächeln und Augenblinzeln alles wieder gut machen. Darin war ich gar meisterhaft! Er lachte und meinte, es würde bei mir doch vermutlich eh nie ein Grund bestehen, um böse zu werden. Ohh, er kannte mich in manchen Hinsichten einfach nicht wirklich gut. Erst dann nicht, wenn sich mein Sturkopf wieder durchsetzen wollte. Er lächelte wieder und meinte, in so einem Fall würde er einfach „das hier“ machen. Und er küsste mich. Ich erinnerte ihn daran, dass er mir nicht meine Masche klauen sollte. Das war mein Plan. Er erzählte mir, dass Zafer ihn an ihrer beiden Gespräch erinnert hatte. Irgendwie fühlte ich mich nun wieder schuldig. Ich wusste, dass wir uns so nah gar nicht sein durften, aber es war so schwer zu widerstehen. Es tat mir wirklich leid. Er sagte mir, er könne mit den Konsequenzen leben, solange sie nur ihn betreffen würden und ich hierbei aus dem Spiel gelassen wurde. Worte, die ihn in meinen Augen gleich wieder ein Stück mehr zu einem wundervollen Geschenk machten. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und erzählte ihm von meinem Traum, den ich die letzte Nacht geträumt hatte. Von der Hochzeit und davon, dass wir endlich nebeneinander aufgewacht waren und den Tag gemeinsam beginnen konnten. Natürlich fragten wir uns beide, wie die Wohnsituation aussehen würde, wenn ich dann endlich einmal zu ihnen gehen konnte. Das könnte interessant werden, alleine Jalilah wegen. Das Natifahzimmer war dazu nahezu ungeeignet. Immerhin würde Jalilah immer mal wieder nachts irgendwen aus dem Schlaf reißen. Gassur versprach, darüber vorab einmal mit Zafer zu sprechen. Im Anschluss philosophierten wir über Möglichkeiten, wie er bestmöglich immer bei mir sein konnte. Immerhin konnte es ja sein, dass mich irgendwer entführen wollte. Oder.. Jalilah. Da musste natürlich für ausreichend Sicherheit gesorgt werden. Und was wäre er für ein Mann, wenn er nicht höchstpersönlich für meinen Schutz sorgen würde? Ich erwiderte, dass er so oder so der beste überhaupt war. „Mit der wunderbarsten Frau an meiner Seite.“

Es war schade, dass wir heute nicht allzu viel Zeit hatten, aber lieber ein bisschen weniger Zeit, als sich gar nicht zu sehen. Außerdem musste ich mir selbst eingestehen, dass ich wirklich müde war und eigentlich nur noch zurück wollte, um zu schlafen. Obwohl ich mir durchaus besseres vorstellen konnte, aber das musste alles noch ein wenig warten. Bis dahin blieb mir nur die Freude auf unser nächstes Treffen. Aiwa, wenn ich etwas in der letzten Zeit gelernt war, dann war es, dass ich zu schätzen wusste, was mir geschenkt wurde. Und ich hatte gelernt, ihn zu lieben. Ich wusste, dass das, was hier war, gut war. Und ich war so stolz auf mich, solch einen Mann an meiner Seite zu wissen – komme was wolle.

Verfasst: Dienstag 25. Juni 2013, 13:22
von Malaika Leyla Ifrey
    • Sag mir, kann ich an dich glauben?
      Von jetzt an... für immer?
      Egal, was uns voneinander trennen mag?
      Ich muss den Pfad alleine gehen,
      in kleinen Schritten laufen,
      bis ich daran gewachsen bin.
      Märchen nehmen nicht immer ein gutes Ende, stimmts?
      Ich sehe die Dunkelheit über uns einbrechen,
      wenn ich weiter bei dir bleibe.
      Und ich hoffe, ich hoffe, du weißt,
      dass das niemals etwas mit dir zu tun hat.
      Das ist mein unendlicher Schmerz.
      Ich werde dich vermissen,
      wie ein Kind seine Bettdecke in der kalten Nacht.
      Aber große Mädchen weinen nicht.
Ohnmacht.

Als die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, brach ich zusammen. Meine Beine hielten die Last nicht mehr aus, mein Körper brach unter dem Druck der letzten Zeit zusammen. Meine Hände zitterten, mein Magen verkrampfte sich, ich glaubte, die Ohnmacht in meinen Gliedern spüren zu können. Wohin hatte das alles nur geführt...
    • [img]http://25.media.tumblr.com/93bcb84b7abb699c984552c9caa7e872/tumblr_mohrtsT9d21s64nhuo1_500.gif[/img]
Obwohl ich mich von Zia und ihrer Verlogenheit längst emotional distanziert hatte und sie innerlich nur noch müde belächeln konnte, hatte sie es geschafft, mich mit ihren Worten zu verletzen. Sie hatte meine Tochter mit in die ganze Sache reingezogen. Meine Tochter, die ich in guten Händen wusste. Ich sah, wie sie in den Armen meiner Vertrauten die Treppe hochgebracht wurde. Rasch waren beide bei mir. Meine Kleine umgehend in meinen zitternden Armen, meine Vertraute an meiner Seite. Ich konnte mich kaum rühren, meine Tochter eng an meinen Körper gepresst. Wenn sie mir Jalilah nun auch noch nahmen, konnten sie mich umgehend zu Rasins Asche streuen.

Ich versuchte mich zu beruhigen. Doch jeglicher Versuch scheiterte. Ich hätte vernünftig sein sollen. Hätte... dafür war es nun zu spät. Ich fühlte den Schmerz, wenn ich daran dachte, was auf ihn zukommen würde. Was passieren würde... wie sehr er mir fehlen würde. Er hatte mich erneut zurückgelassen und ich wusste, dass er wieder keine andere Wahl hatte. Dennoch zerriss es mich. Ich verstand nicht, warum mich alle so verurteilten. Die Worte Zias hallten in meinem Kopf wider und wider. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie auf der Stelle erwürgt. Aber sie wäre stärker gewesen, deutlich stärker. Also blieb mir nichts weiter übrig, als für den Moment eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. Ich bat meine Vertraute, diese Nacht bei mir zu bleiben. Ich konnte und wollte nicht alleine bleiben. In meiner Schneiderei suchte ich ein Pergament und setzte ein Schreiben an meine Eltern auf. Ich würde Jalilah vorübergehend zu ihnen bringen lassen. Weg aus der Schusslinie, bevor sie mir genommen wurde. Sie würden verstehen und sie mit ihrem Leben verteidigen. Auf einem weiteren Pergament fanden sich ein paar Worte an Gassur ein.

    • Salam Aleikum, Ranim.

      Ich finde kaum Worte. Ich vermisse dich.
      Ich habe Jalilah zu meinen Eltern bringen lassen,
      bevor noch irgendwer auf die Idee kommt, sie mir nehmen zu wollen.
      Ich hole sie wieder, sobald sich alles beruhigt hat.
      Ich bin unter der Last der letzten Wochen zusammengebrochen.

      In Lie..
      Du fehlst mir.

      M.
Der Brief wurde in einer stillen Minute zum Familienviertel der Ifrey gebracht. Ich hatte keine Ahnung, ob der Brief auch in Gassurs Hände fiel. Ich konnte nur hoffen. Dann ging ich in den Keller und verbrachte die letzten Stunden mit meiner Tochter, bevor ich sie gehen lassen musste. Und da war es wieder; dieses tiefe, schwarze Loch.
    • » Ach dass die Liebe, die so lieblich scheint,
      es doch so grausam und tyrannisch meint. «

Verfasst: Mittwoch 26. Juni 2013, 10:19
von Malaika Leyla Ifrey
    • Ich darf dich nicht lieben und kann dich nicht hassen,
      Ich darf dich nicht halten und kann dich nicht lassen:
      O sage, wie lös' ich den bitteren Streit?

      Und ach! was das innerste Herz mir zerrissen,
      Ich kann's nicht ertragen - und möcht es nicht missen,
      Das quälend-verlockende, wonnige Leid.

      Ich kann dich nicht hassen und darf dich nicht lieben,
      So steht es im Buch der Geschicke geschrieben -
      O schmerzlicher Kampf, der das Herz mir entzweit!

      Ich kann dich nicht lassen und darf dich nicht halten,
      So wollen es ewiger Sterne Gewalten -
      O sage, wie lös' ich den bitteren Streit?

      Vergebens in einsamen Nächten und Tagen,
      Erneur' ich sie ewig, die schwerste der Fragen,
      Und nähre das quälende, wonnige Leid.

      Ich darf dich nicht lieben und kann dich nicht hassen,
      Ich darf dich nicht halten und kann dich nicht lassen,
      O sage, wie lös' ich den bitteren Streit?

      (Robert Hamerling)



Enttäuschung.

Sekunden wurden zu Wochen, ich hatte keine andere Wahl, als hier zu bleiben. Ich fragte mich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, noch länger hier zu verweilen. Ich wusste nicht, ob mein Brief angekommen war. Ich hoffte, dass er verschollen war und dass das der Grund dafür war, weswegen ich nichts von ihm hörte. Dass er nicht vorbeikam, war mir klar. Er würde kein weiteres Risiko eingehen. Aber keine Nachricht, nichts. Ich schloss die Augen und versuchte, diesen bitteren Beigeschmack und diese kleine, leise Stimme in meinem Kopf zu verdrängen. 'Aber was, wenn er dich aufgegeben hat?'
    • [img]http://media.tumblr.com/2b01aa9d11e1647ed3c68daf8305c650/tumblr_inline_mkuwzwC8HZ1qz4rgp.gif[/img]


Ich war der Tränen müde und leid. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, sie liefen mir über die Wangen. Immer und immer wieder, bis ich mich wieder beruhigte. Ich suchte nach Ablenkung. Ich las Bücher, zeichnete neue Kollektionen. So verzweifelt, wie ich versuchte, mich abzulenken: Es scheiterte.

'Was, wenn Zia recht hat? Wenn Zafer mich vor Saman beleidigt hatte und Gassur nichts dagegen gesagt hatte?'
Ich schloss die Augen und versuchte tief durchzuatmen, um mich zu beruhigen. Ich versuchte, das restliche Stück an Kraft zu sammeln, welches in mir verweilte. Ich begann, das Gemüse klein zu schneiden und gab es in den Topf. Ich stückelte den Fisch und gab ihn ebenfalls dazu. Ein paar Gewürze und dann musste ich alles nur noch ein wenig kochen lassen.

Minuten später saß ich am Tisch und starrte auf das Essen. Ich schob es mit einem angewiderten Blick von mir. Mein Magen war wie zugeschnürt, ich konnte und ich wollte nichts essen. Wie lange schaffte es eine Natifah ohne Essen? Ich nahm einen Schluck Wasser zu mir. Was Rasin so eisern versuchte mir abzugewöhnen, kam nun in Windeseile wieder. Keinen Hunger, kein Essen. Ich räumte den Teller wieder beiseite, stellte ihn zurück auf die Küchenzeile.

Ich hatte tatsächlich Angst, dass er aufgegeben hatte. Oder aufgeben musste. Ich war abgeschnitten von allem. Ich sah nichts mehr, ich hörte nichts mehr. Im Grunde hatte ich für einen Augenblick aufgehört zu existieren. Niemand war hier, niemand fragte nach mir, niemand... Würde er irgendwann einfach vor meiner Tür stehen? Und mir sagen, dass alles gut wird?

Verfasst: Mittwoch 26. Juni 2013, 20:28
von Malaika Leyla Ifrey
    • Der andere Weg, »das Geheimnis« zu erkennen,
      ist die Liebe.
      Liebe ist ein aktives Eindringen in den anderen,
      wobei das eigene Verlangen, ihn zu erkennen,
      durch die Vereinigung gestillt wird.
      Im Akt der Vereinigung erkenne ich dich,
      »weiß« doch nichts.
      Ich erkenne auf die einzige Weise,
      in welcher dem Menschen Erkenntnis
      des Lebendigen möglich ist:
      im Erleben von Einheit
      - und nicht aufgrund des Wissens,
      das mir mein Verstand vermittelt.


    • (Erich Fromm)




Verzweiflung.

Wieder flog das Pergament zerknittert auf den Boden. Ich fand keine Worte. Ich fühlte mich innerlich leer und alles um mich herum fühlte sich an, wie eine Seifenblase, die zu zerplatzen drohte. Ich raufte mir die Haare und stieß einen wutentbrannten Schrei aus. Der Früchtekorb flog durch den halben Raum und das Obst verteilte sich auf dem Boden. Dann flossen wieder Tränen.
    • [img]http://media.tumblr.com/tumblr_mellycAzpR1rzqy22.gif[/img]


Ein Blick aus dem Fenster erinnerte mich daran, dass ich tatsächlich noch lebte. Ich sah die Sonne, ich sah das Haus der Familie. Ich sah alles, aber ich wollte nichts mehr realisieren. Mein geliebtes Haus war mein eigenes Gefängnis geworden. Ein Gefängnis der Liebe wegen.

Ich hatte Zeit, viel Zeit um zu analysieren.
Ich hatte Zeit, viel zu viel Zeit, um nachzudenken.
Und ich hatte noch mehr Zeit, um mir einzureden, dass er nie wiederkommen würde.

Ich versuchte an alles zu denken, mich mit allem möglichen abzulenken. Ich wollte eine erneute Nachricht an ihn schreiben. Ihn anflehen, mir nur ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Aber jedes weitere Schreiben lag zerknüllt auf dem Boden. Ich hatte mich selbst längst verloren, ich war nur noch ein wandelnder Schatten. Ich hatte nicht einmal Aaminah und ich wusste auch nicht, wie es ihr ging. Ich konnte nur hoffen, dass es ihr besser erging, als mir.

Ich hatte überlegt, ob ich mich noch einmal heraus schleichen sollte, um nach ihm zu suchen. Aber ich wollte das Risiko einfach nicht mehr eingehen. Ich hatte ihm bereits viel zu viel Ärger eingebracht und das... wollte ich unter keinen Umständen wiederholen. Stattdessen schrieb ich in meiner Verzweiflung an sie, meine beste Freundin, mein Allerliebstes: Aaminah.

    • Aaminah,

      man sagt, dass man dort zuhause ist, wo das Herz wohnt.
      Dass mein eigenes Zuhause einmal zu meinem Gefängnis
      werden würde, hätte ich nie gedacht. Ich sitze hier und
      ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Ich
      habe so viel falsch gemacht. Trotz des Verbotes haben
      wir uns weiterhin getroffen. Zwei Liebende voneinander
      entfernt zu halten, das ist doch nicht richtig. Aber unsere
      Lösung war die Falsche. Ich habe die Befürchtung, dass
      Zafer und Gassur sich als Freunde verlieren.
      Ich fühle mich, als wäre ich ein wandelnder Schatten. Ich
      habe Jalilah zu meinen Eltern bringen lassen, bevor mir
      irgendwer auch noch sie nimmt. Ich habe Angst. So starke
      Angst, an all dem nun auch noch zu zerbrechen. Ich musste
      doch Rasin schon gehen lassen. Und nun? Nun habe ich
      begonnen zu lieben und alles, wirklich alles, spielt gegen
      uns. Meine liebste Freundin, ich vermisse ihn so. Aber ich
      weiß, dass ich ihn nicht sehen darf. Ich weiß nicht einmal,
      ob ich ihn überhaupt jemals wiedersehen werde.
      Sie haben es geschafft, mich zu brechen. Ich bin... allein.

      Malaika


Den Brief ließ ich wieder zum Ifreyviertel bringen mit der Bitte, diesen unbedingt Aaminah zu überreichen. Ich verschloss meine Türe wieder und war wieder... allein. Einzig und allein der Kokoslikör stand verführerisch auf dem Tisch und betäubte ein weiteres Mal mein Gefühl.
    • Die Liebe ist kein Spiel.
      Sie ist das Schwerste,
      was uns aufgetragen ist.

      (Marie Luise Thurmair)

Verfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 19:01
von Malaika Leyla Ifrey
    • Wortlos starrst du gegen Wände,
      fühlst keinen Blick der dich noch trifft.
      Hast dich selbst schon längst verloren,
      es sind nur Schatten die du siehst.
      Unsichtbar brichst du zusammen,
      fällst ins Leere und fühlst mich nicht.
      Keine Wünsche mehr nach Vergebung,
      bleibt nur die Angst die noch passiert.

      Ist dein Weg so weit, ist dein Herz so schwer.
      Ist dein Weg so weit, dass du ihn nicht zuende gehst.
      Ist dein Weg so weit, ist dein Herz so schwer.
      Ist dein Weg so weit, dass du die letzten Tränen zählst.



Hoffnungsschimmer.

Es wurde dunkel draußen und die Umgebung wurde ruhiger. Von Müdigkeit war noch nicht zu sprechen. Selbst wenn mein Körper müde war, ich hatte jegliches Gefühl der Müdigkeit erfolgreich verdrängt. Ich hielt mich wach, um mich selbst zu geiseln. Mich selbst zu bestrafen. All der seelische Schmerz wurde ertränkt durch viele Gläser Kokoslikör.

Ich dachte an eine Sinnestrübung, als ein Schatten an meinem Fenster vorbeihuschte. Dann jedoch war es die Angst, dass irgendwer etwas von mir wollte. Oder ich doch noch für meine Taten bestraft werden würde. Ich blieb aufmerksam und sah zur Tür. Aber es tat sich nichts... vorerst. Langsam stand ich auf, ohne einen Laut von mir zu geben. Ich musste auf alles gefasst sein und taxierte die Tür mit meinem Blick. Die nackten Füße berührten zuerst den Teppich, dann die kalten Fliesen. Mein Herz begann zu rasen, für einen klitzekleinen Moment hatte ich Hoffnung. Meine Augen wurden größer.

Ich sah, wie der Brief unter dem Türschlitz durch geschoben wurde. Ohne ihn gleich aufzuheben wusste ich instinktiv, von wem der Brief war. Ich ging zur Tür und blieb dicht davor stehen. Ich war mir so sicher, dass er noch dort war. Sollte uns nun wirklich nur eine Tür trennen? Ich berührte mit der Hand vorsichtig das Holz, so behutsam, als würde das Holz unter meinen Berührungen verbrennen. Mein Brustkorb hob und senkte sich unweigerlich, ich war angespannt. „Bitte... bitte.“, flüsterte ich so leise, dass selbst ich die Worte kaum vernehmen konnte. Nur einen Moment. Nur eine Umarmung. Nur ein Wort von ihm. Nur einen Augenblick. Ich schloss die Augen und betete innerlich. Doch es tat sich nichts. Ich lehnte mich mit meiner Stirn gegen die Tür. Ich hatte gespürt, dass er dort gewesen war. Für einen Moment hielt meine Welt an und es gab nur ihn und mich und die Tür zwischen uns. Aber es ertönte nichts. Nichts.

        • [img]http://24.media.tumblr.com/4c4b261339ff142bffb776509994fbb3/tumblr_mmddzhWfpC1rurlroo1_250.gif[/img]


Ich drehte mich um und ließ mich an der Tür hinab gleiten, als ich mir sicher war, dass er nicht mehr leise an die Tür klopfen würde. Was für den einen Moment ein Hoffnungsschimmer war, wurde recht schnell wieder zur betäubenden Waffe. Ich schloss die Augen, erst dann griff ich nach dem Brief. Meine Augen wanderten über die Zeilen. Mein Herz hatte mich nicht enttäuscht als ich gespürt hatte, dass er vor der Tür stand. Umso schlimmer wurde all die aufkeimende Sehnsucht. Für einen Moment überlegte ich sogar, ihm nachzurennen. Aber all das hätte nichts, aber auch rein gar nichts, gebracht. Umso weiter ich fortgeschritten war mit seinen Worten, desto näher war ich an den Tränen. „Ich würde dich zu gerne sehen und dich in die Arme schließen...“; ich schloss die Augen wieder, presste sie förmlich zusammen. „Ich vermisse dich wirklich sehr.“

Ich saß lange auf dem Boden vor der Tür, starrte den Brief an. Ich war so froh darüber, dass er nicht aufgab. Dass er da war und dass auch er mich vermisste. Aber im gleichen Atemzug stieg die unaufhaltsame Wut wieder in mir auf. Wut und Enttäuschung, die ich kaum noch zu unterdrücken wusste. Ich hatte kein Ventil mehr. Ich stand auf und schlug auf meine Tür ein. Einmal, zweimal, dreimal, unzählige Male mit den zarten Fingern, geballt zu einer gefährlichen Faust. Es war mir egal, ob ich mir Finger brechen würde oder meine Haut aufplatzen würde, ich wollte flüchten. Ich wollte raus, ich wollte weg. Ich wollte diese Ohnmacht, diese Atemnot nicht mehr spüren. Ich wollte diese Hand nicht mehr spüren, die mit eisernem Druck auf meinem Herzen lag. Wann hatte das alles ein Ende? Warum konnte er nicht einfach hier sein?

Ich nahm seinen Brief mit mir. Es war das Einzige, was ich derzeit von ihm hatte. Abgesehen von meinen Erinnerungen an die heimlichen Treffen. Ich ließ mich wieder auf eines der Kissen nieder und berührte vorsichtig meine Lippen.



Die Liebe ist wie das Fieber, sie entsteht und erlischt,
ohne dass der Wille daran den geringsten Anteil hat.



'Willst du uns nicht vorstellen, Zafer?'
Tausende Bilder rasten durch meine Erinnerungen. Ich hatte ihn nicht gekannt, als ich zu meiner zukünftigen Familie geflüchtet war. Er kam mir im Innenhaus entgegen und er bat seinen Cousin, uns vorzustellen. Ich hatte ihn, weil Zafer es vergessen hatte, gebeten, uns auf eine Tasse Mocca zu begleiten. Vorsichtig hob ich meine Mundwinkel etwas an. Meine Mauer war zu diesen Zeitpunkt so stark und so undurchdringbar. Ich hatte in ihm zu diesem Zeitpunkt das gesehen, was ich heute in ihm sah. Heute.

'Warte, ich wollte dich doch nach Hause bringen.'
Ich hatte die Flucht ergriffen. Vor Amar und meinen Cousinen. Durch die Hintertür war ich entwischt und durch das kühle Meer hinfort gestapft. Tief in Gedanken, ich achtete nicht darauf, dass ich mich mit weißer Kleidung ins Meer begeben hatte. Als ich ihn hörte, drehte ich mich um. Auch er stand mitten im Wasser, ohne weiter darüber nachzudenken. Sein Kaftan zog sich mit Wasser voll.

'Du hast aber noch jemanden, auf den du aufpassen musst. Und dann sollte auch jemand auf dich aufpassen.'
Einsame Tränen bahnten sich wieder den Weg über meine Wangen. All das erdrückte mich, nahm mir die Luft zum Atmen. Egal, was ich getan hatte, es war falsch gewesen. Ich hätte es meiner Familie niemals recht machen können. Als erstes vergrub ich mich in meiner Trauer, stieß alle von mir. Sie sagten, sie sorgten sich. Ich müsse weitermachen. Ich müsse zulassen und realisieren, dass Rasin nicht mehr da war. Ich hatte die Kraft noch nicht und als ich sie hatte und die unterstützende Hand annahm, die mir gereicht wurde, war es auch falsch. Eine Schande für die Familie sei ich, weil ich meinen Weg weiter gegangen bin. Weil aus anfänglichem Halt und beginnender Freundschaft ein intensiveres und stärkeres Gefühl wurde. Waren nicht sie es, die mir immer gepredigt hatten, dass ich meine Augen vor Trauer nicht verschließen durfte? Und dann öffnete ich sie und auch das war falsch. Eine Schande. War ich das wirklich? Oder versuchten sie mir das nur einzureden, um mich klein zu halten? Um mich weiter zu verletzen? Um mich weiter zu demütigen?

'Rutsch doch um den Tisch herum, ich nehme neben meinem Ranim platz. Dann sitzen wir alle beieinander und gegenüber.'
Es war alles so anders gewesen zu diesem Zeitpunkt. Ich war so gern bei ihnen allen, sie waren so herzlich. Ich rutschte auf und setzte mich zu Gassur. Seine Nähe tat mir zu diesem Zeitpunkt schon gut. Aber aus einer ganz anderen Intention heraus. Ich hatte in ihm immer noch nicht das gesehen, was er wirklich war.

'Zafer und auch ich sind der Meinung, sofern du willst, wäre es vielleicht eine gute Idee, wenn wir dich dauerhaft in der Familie haben. Wir haben in letzter Zeit einiges zusammen erlebt. Einige lustige aber auch einige unschöne Situationen. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir uns gut verstehen. […] Wenn du möchtest, würde ich mich gern bei Saman erkundigen.'

'An dem Abend war es aber auch kein Antrag aus Liebe. Da ich dich in den letzten Tagen und Wochen schätzen und... lieben gelernt habe, möchte ich um deine Hand anhalten und jeden erdenklichen Preis bei deinem Oberhaupt für dich aufbringen.'

Ich wischte mir mit den Fingern die Tränen aus den Augenwinkeln. Ich wollte doch nur, dass er mich in die Arme nahm. All die Erinnerungen brannten in meiner Seele. Ich wusste nicht, wie lange ich all das noch durchhalten würde. Wann würde die Erlösung kommen?

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Verfasst: Freitag 28. Juni 2013, 14:14
von Malaika Leyla Ifrey
Du hast erst aufgehört zu Leben, wenn dein Herz keine Hoffnung mehr trägt.

Ich hörte das Klopfen an der Tür. Klopfen? Verwirrung machte sich in meinem Körper breit. Niemand klopfte nachts einfach so an meine Tür, das tat bisher nur... Das... konnte nicht möglich sein. Nein, das konnte nicht... Ich stand auf und ging zur Tür und als ich sie aufmachte, stand er vor mir. Schnell zog ich ihn ins Haus, ihn durfte niemand sehen. Mein Herz überschlug sich. Er war hier. Er war wirklich hier. Er nahm mich sofort in die Arme und drückte mich an sich. Und ich ihn. Es fühlte sich so unwirklich an. Ich hatte nicht gedacht, ihn heute noch zu sehen. Ich starrte ihn an als wäre er die Fatamorgana nach einer langen Durststrecke.
    • [img]http://25.media.tumblr.com/843486d7f60a8529652d2cf971140f20/tumblr_mowpbsb0UV1rrfniao2_500.gif[/img]
Ich zog ihn mit mir. Hier konnte jederzeit irgendwer ums Haus schleichen und durch die Fenster irgendetwas erkennen. Er sah sich neugierig um. „Hier unten waren wir noch nie, wenn ich mich recht erinnere.“; es hätte mich auch gewundert, denn hier unten war mein Rückzugsort, wenn ich nichts mehr von der Welt mitbekommen wollte. Hier unten war bisher immer nur mein Reich gewesen – und das von Jalilah. Er nahm mich nochmals in aller Ruhe in den Arm. Ich konnte ihn spüren, seinen Atem, seinen Herzschlag, seine Nähe. Es fühlte sich an wie in einem Traum. Einem entsetzlich langen Traum, aus dem ich langsam aufzuwachen drohte. Ich vergrub meine Finger in seinem Rücken. Ich wollte sichergehen, dass er auch wirklich da war und mir meine Phantasie keinen Streich spielen würde. „Ich hab dich so vermisst.. so unendlich vermisst.“; er streichelte mir über den Rücken und sah mir liebevoll in die Augen. Er war hier. Oh bei Eluive, ich konnte mein Glück nicht fassen. Er war verrückt. Er war vollkommen verrückt, hier her zu kommen. Aber das musste wirkliche Liebe sein. Aufrichtige Liebe. „Aiwa, ich bin verrückt. Hauptsächlich nach dir.“

Ich offenbarte ihm, dass ich so entsetzliche Angst hatte, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Er fragte mich verwirrt, wie ich daran überhaupt denken konnte. Immerhin wollte er an dem Abend noch zu mir, was ihm jedoch verwehrt blieb. Aber nach allem, was passiert war, hätte ich ihn sogar verstehen können, wenn er mich hätte stehen lassen. Und wenn er sich nie wieder gemeldet hätte. Mein Brief hatte ihn sehr lange beschäftigt und er fragte, ob ich seinen bekommen hatte. Natürlich hatte ich seinen bekommen, ich stand direkt hinter der Tür. Aber er war hier. Er war hier, weil er sich nicht mehr ablenken konnte und weil er schlimmen Streit mit Zafer hatte. Da er offensichtlich keine Verletzung hatte, schien ihr Streit verbal abgelaufen zu sein. „Er war zu enttäuscht, um auch nur irgendwas zu tun. Er zerbrach das Glas in seiner Hand und schwieg. Ich glaube, ich habe meinen einzigen, wirklichen Freund verloren.“ Ich wurde so todesunglücklich. Ich wollte doch nicht, dass er wegen all dem seinen besten Freund verlor. Ich fühlte mich so schuldig, das aufkeimende Gefühl in mir ließ sich kaum vermeiden. Er tat mir so leid und hätten wir uns nicht schon in den Armen gelegen, hätte ich ihn sofort umarmt. Er legte seine Stirn auf meine Schulter. Er hatte Zafer geschrieben und sich entschuldigt. Und ihm gesagt, dass wir uns geküsst hatten. Ich resignierte. Bei allem auf der Welt, unsere Zukunft stand einfach auf keinem guten Papier. Zafer würde mich für all das hassen, was mein Herz selbst sehr betrübte. Ich mochte Zafer so sehr. Ich streichelte ihm behutsam über den Rücken. So, wie ich das bei Jalilah auch tat, wenn sie traurig war. Ich machte mir Sorgen um ihn. Und um die Familie. „Er wird mich nicht mehr schlagen, dafür ist er zu sehr enttäuscht. Ich würde allerdings lieber eine Tracht Prügel bekommen, als nicht mehr von ihm geachtet zu werden.“; auch wenn er es noch so verbarg, ich wusste, dass er den Tränen nahe war. Ich wollte all das nicht. Nicht so. „Im Moment zählst nur du, Malaika.“; wie sehr mich seine Worte ehrten zeigte meine Gänsehaut, die sich über meinen Rücken schlich. Aber dennoch, es zählte nicht nur ich. Ich musste mir etwas einfallen lassen, wie ich die Freundschaft der beiden wieder retten konnte. Denn Freunde und Familie waren wichtig. Ich hatte eh schon jeglichen Glauben an ein glückliches Ende verloren. Also blieb mir nur noch die Hoffnung.
Ich löste mich aus seinen Armen und setzte mich letztendlich hin. Ich war wirklich so unendlich froh, dass er bei mir war. Und wenn sie mich dafür foltern würden... mehr Folter, als in den letzten Tagen alleine, konnte mir keiner antun. Er griff nach meiner Hand und streichelte meine Finger. Innerlich betete ich zu Eluive, dass er die Krusten an meinen Knöchel nicht berührte und sie schien mich zumindest einmal in meinem Leben erhört zu haben.

Als es klingelte, resignierte ich innerlich. Allem Anschein nach hatte meine Familie eine innere Uhr, die ihnen mitteilte, wann er sich bei mir aufhielt. Die Zufälle häuften sich einfach viel zu sehr. Ich schob ihn in mein Schlafzimmer und verschloss die Türen. Dann ging ich hinauf. Saman und Zia standen vor meiner Tür und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich meinen Schlüssel gefunden hatte. Saman fragte mich, ob ich sie nicht hereinbitten wollte. Ich sah Zia und bat Saman herein. Zia wollte ich nicht mehr in meinem Haus sehen. Ich ignorierte auch ihren verachtenden Blick, denn mehr hatte ich für diese Natifah auch nicht mehr übrig. Der Besuch von Saman war schnell vorbei. Er verkündete mir, nachdem – oder während – er mit seinem Dolch herumfuchtelte und einen Apfel aß, dass ich die Familie verlassen würde. Gassur musste nur noch den Brautpreis bezahlen, im Anschluss durfte ich gehen und ihn umgehend heiraten. Meine Freude hielt sich für den Moment in Grenzen, die Erleichterung in meinem Herzen war riesig. Er hob die Verbote auf, fügte aber neue Rahmenbedingungen hinzu, an die ich mich zu halten hatte. Dann verabschiedete er sich und ging wieder. Glück gehabt, aber ich verhielt mich auch nicht auffällig. Das war das Gute daran, dass ich nicht mehr viel für sie übrig hatte. Meine Emotionen flachten auf den Nullpunkt ab und verrieten mich nicht.

„Saman hat die Verbote aufgehoben. Er meinte, sobald der Brautpreis bezahlt ist.. und damit meinte er.. sobald.. dürfen wir heiraten.“
- „Ein Brautpreis? Die Angelegenheit mit Zahra besteht nicht mehr?“
„Neda, scheinbar nicht.“; ich wusste es doch selbst nicht, aber es musste wohl so sein, dass der Tausch keinen Bestand mehr hatte.
„Weisst du zufällig, wie hoch dein Preis ist? Also eigentlich ist es unbezahlbar eine Natifah wie dich zu bekommen.“; aber ich wusste den Preis nicht. Ich war froh, dass Saman schnell wieder Land gewonnen hatte.
„Er hat... jedoch ein paar weitere Bedingungen gestellt. Er hat darauf hingewiesen, dass ich das Haus wieder verlassen darf. Aber nur, bis die Sonne untergegangen ist. Dann habe ich wieder zuhause zu sein. Und ich darf dann auch keinen Besuch mehr empfangen.“
- „Das sollte doch für uns kein Problem sein, dann verschiebe ich alle Termine auf den späten Abend.“
Das war auch nicht das Problem. Das Problem war, dass er jetzt hier war. Und mein grauenvoller Nachbar kein Freund von mir war. „So wie ich sie einschätze, werden sie Amar darauf ansetzen, das Haus zu bewachen. Du kannst also nicht gehen. Es sei denn, wir verkleiden dich als Frau.“
- „Aber du darfst doch auch keine Natifahs als Besuch empfangen.“; das war richtig. Allerdings ließe es sich leichter erklären, zum Beispiel damit, dass sich jemand meine Verletzungen ansehen musste.
    • [img]http://25.media.tumblr.com/3050e8c18865677fe133971fd5dccff6/tumblr_mp01m4QwoQ1qm5hpco1_400.jpg[/img]
„Verletzungen?“ Er sah mir erschrocken entgegen. „Was haben sie dir angetan?“; seine Stimme wurde vollkommen kühl und er sprach die Worte mit jeglicher Verachtung, die er aufbringen konnte. Ich versicherte ihm, dass sie mir nichts getan hatten. „Aber... was ist dir dann widerfahren?“ - „Aufkeimende Wut, Enttäuschung und eine Tür.“
Ich hob meine Hände vorsichtig an und zeigte ihm die verkrusteten und blauen Knöchel. Er griff sofort nach meinen Händen und sah sie sich an. „Das sieht nicht gut aus. Am besten suchst du morgen, solange die Sonne scheint, Rashid auf.“ Aiwa, Rashid. Das war gut. Saman würde mich nicht ein einziges Mal anfassen dürfen. Also würde sich Rashid meine Hände morgen oder in den kommenden Tagen ansehen müssen, sofern er Zeit hat.

Nachdem das Problem bezüglich des Schlafplatzes geregelt war, gingen wir auch recht bald darauf schlafen. Wir waren beide müde, konnten unsere Augen kaum noch aufhalten. Ich sah zu ihm und flüsterte leise, dass wir nun doch noch die Möglichkeit bekommen hatten, den Tag gemeinsam beginnen zu können. Sie waren selbst Schuld. Ich hätte ihn ja gehen lassen, aber so konnte ich das nicht mehr verantworten. Es dauerte nicht mehr lange und ich schlief in Windeseile ein.

Als ich wach wurde und realisierte, wer neben mir lag, war ich im ersten Moment tatsächlich verwirrt und glaubte noch zu träumen. Ich rieb mir über die verschlafenen Augen und ich fühlte mich zum ersten Mal seit mehreren Wochen wirklich wach. Ich sah zu ihm und lächelte sanft, er schlief noch und im Schlaf wirkten seine Züge noch sanfter als sonst. Der Schlaf ist ein kostbares Geschenk und unser schlafendes Gesicht offenbarte unser tiefstes Inneres. Ich kletterte vorsichtig aus der Hängematte und verließ den Raum. Mir war warm, da ich es nicht gewohnt war, mit soviel Kleidung zu schlafen. Aber ich sah mich dazu in der Pflicht, auch, wenn ich mich so sehr nach seiner Nähe sehnte. Dennoch, an einige Dinge musste auch ich mich halten. Auch, wenn ich doch längst die Schande über alle gebracht hatte. Kurz zuckten meine Mundwinkel hoch bei meinen sarkastischen Gedanken.
Kurz nach mir wurde auch Gassur wach. Er fragte mich, ob ich gut geschlafen hatte. Natürlich hatte ich das, auch, wenn es ungewohnt war, jemanden neben mir liegen zu haben. Zumindest jemand anderes außer meinen kleinen Säugling. Aber selbst Jalilah war nun groß genug, um ein eigenes Bett zu haben. Ich legte meine Arme wieder um seinen Nacken. „Je nachdem, wie schnell der Brautpreis zu bewältigen ist... werden wir bald heiraten. Das ist dir klar, aiwa?“; ich musste beinahe lachen, als er mich so geschockt ansah und dann selber in Lachen ausbrach. Meine Finger streichelten vorsichtig über sein Schlüsselbein bis hin zu seinem Arm. Das Gefühl unter meinen Fingern brannte und ich zog sie schnell wieder zurück, als er meinte, er müsse nun langsam wirklich gehen. Ich wies ihn darauf hin, dass er sich, bevor er gehen würde, allerdings noch etwas anziehen sollte. Mit unbekleidetem Oberkörper das Haus zu verlassen, würde mit Sicherheit nicht wirklich gut sein. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und ging hinauf.
    • [img]http://images.wikia.com/degrassi/images/7/72/Damon-elena-forehead-kiss.gif[/img]
Nachdem er bereits nach oben gegangen war, musste er noch kurz warten. Es war ein triumphierendes Gefühl, dass man alle Eventualitäten ausgeschlossen hatte und ich mir sicher sein konnte, dass er ungesehen nach Hause kam. Man musste im richtigen Moment nur die passenden Ideen haben und diese umsetzen. Ich konnte mich wieder freuen. Und das war das Wichtigste.

Verfasst: Sonntag 30. Juni 2013, 19:51
von Malaika Leyla Ifrey
Zufriedenheit.

» Unsere Träume sind gefärbt von der Farbe unserer Sehnsüchte. «



Wenn man das Gefühl von Zufriedenheit erklären sollte, dann würde mir nicht vielmehr einfallen, als die Frage damit zu beantworten, dass man zufrieden war, wenn das Herz lächeln konnte. Wenn man an sich selbst glauben konnte, auch, wenn alle anderen den Glauben an einen verloren hatten.

Der Abend am Meer, als ich lange mit ihm gesprochen hatte, blieb in meiner Erinnerung. Ich hatte ihn danach nicht mehr gesehen, aber wir konnten nicht immer Zeit füreinander finden. So stark die Sehnsucht auch war, ich musste mich gedulden. Ich hatte Zeit für mich, Zeit für Gedanken, Zeit für Analysen. Und Zeit, um mir selbst einen lang ersehnten Traum zu erfüllen. Ich bereitete alles vor, was ich für mein Vorhaben brauchte.

Während ich begann, die vorgefertigte Zeichnung der Lilien, Libellen und Kolibris auf mein Bein zu übertragen, ließ ich meine Gedanken schweifen. Khalida wollte die Geschichte hören. Ich würde sie ihr erzählen, auch, wenn ich bereits vermutete, dass sie sich ihr Urteil längst gebildet hatte. Ich versuchte, den Gedankengang meiner Familie nachzuvollziehen. Was war falsch gelaufen?

Ich legte den Kohlestift beiseite und griff zu der Tusche und der Nadel. Ich erhitzte sie und die ersten Stiche brannten wie pures Feuer auf nackter Haut. Ich presste die Augen zusammen und atmete tief ein. Sie warfen mir vor, dass sich die Welt nur um mich gedreht hatte. Ja, vielleicht tat sie das. Vielleicht war ich so egoistisch und hatte den großen Wunsch, Rasin als das zu beerdigen, was er war: Das Oberhaupt der Familie. Ja, vielleicht dachte ich, dass es niemanden umbringen würde, wenn man zwei oder drei Tage warten würde. Bis die Trauerfeier vorbei war. Vielleicht war es engstirnig von mir zu denken, jemand könnte das verstehen. Vielleicht war es ein Fehler, darauf zu pochen. Aber das war für mich nicht das größte Problem gewesen. Niemand hatte gesehen, dass ich mich allein gefühlt hatte. Niemand hatte die stummen Schreie gehört. Ich stand inmitten einer Menschenmenge und niemand sah mich, niemand konnte mich fühlen, niemand war da. Sie hatten mir alle gesagt, sie wären da gewesen. Alle hätten sich Sorgen gemacht. Autsch, ich verzog das Gesicht wieder und biss mir auf die Unterlippe.
Wenn sie mit mir sprachen, klang alles nur wie Vorwürfe. Ich hatte Zia ihre Worte verzeihen können, die sie am Tisch über Rasin gesprochen hatte. Es war ihr gutes Recht, sie hatte ihn nicht mögen müssen. Dennoch war es für mich nach wie vor eine Unverschämtheit und Frechheit, dass man sich dennoch darüber wunderte, dass ich hauptsächlich deswegen den Tisch verlassen hatte. Man warf mir vor, ich solle mich nicht mehr als trauernde Witwe aufspielen. Immerhin hätte ich mich... gleich mit dem Nächsten getröstet. Dass die Worte tief saßen, konnte sich keiner vorstellen. Ich wusste auch nicht, ob das pure Selbstironie war. Waren nicht vereinzelte Natifahs immer wieder bei mir und hatten gemeint, ich sollte nicht in Trauer versinken? Das Leben würde weitergehen? Ich solle mich nicht verschließen? Langsam glaubte ich, dass all das ein abgekartertes Spiel war. Egal, was ich getan hätte – es wäre falsch gewesen. Wäre ich weiter in meiner Trauer versunken, wäre es falsch gewesen. Hätte ich nicht weitergemacht, wäre es auch falsch gewesen. Sie erzählten mir etwas von Schande. Gerade sie. Natifahs wurden herab gewertet, Hauslose und Ehrlose wurden aufgenommen und gingen Tag ein, Tag aus in dem Haus aus und ein, eine Säuferin benahm sich von Tag zu Tag merkwürdiger und der Neid zerfraß sie. Aber vielleicht musste irgendwer das Ventil sein für all das, was die Familie selbst vor der Türe zu kehren hatte. Vielleicht spiegelten sie all das, was sie selber zu ihrer eigenen Schande beitrugen, komplett auf mich. Aber es war in Ordnung. Ich wusste, dass ich meinen Weg gehen würde. Auch ohne sie. Sie würden nicht verstehen, wie sich all das entwickelt hatte. Wie aus einer Gefälligkeitsehe, um mich aus den Fängen meiner Familie zu befreien, durch ausreichend Aufmerksamkeit und Zuneigung doch noch eine richtige Ehe werden konnte. Ja, vielleicht hätten wir warten sollen. Aber durch ihre Taten hatten sie mich in ihre Arme getrieben. Arme, die mich aufgefangen und wieder aufgerichtet hatten. Zafer, Hazar, Haroun, Aaminah, Gassur – alle hatten nach mir gegriffen und mir nur bestätigt, dass all die Vorurteile über diese Familie falsch waren. Etwas herzlicheres als diese Familie war mir nie zuvor begegnet. Und auch Zaynah, die ich vor den Stadttoren aufgegabelt hatte, zeigte mir wieder, dass die Herzlichkeit einfach Gang und Gäbe dort war. Sie hörte sich einen Teil meiner Geschichte an und sie verstand, sie sprach mir Mut zu, dass ich auf mein Herz hören sollte. Dass Eluive diesen Weg für mich vorgesehen hatte. Das war der große Unterschied: Jedes Mitglied der Familie Ifrey hörte mit dem Herzen zu. Während meine Familie sich in ihrer Abneigung vergrub.

Ich hatte Stunden damit verbracht, all meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Währenddessen hatte ich mich auf das konzentriert, was nun mein Bein vom Knöchel bis zum Oberschenkel zierte: Fein gezeichnete Lilienranken umschlossen die äußere Seite meines Beines, hier und da zierten filigrane Libellen und Kolibris die Blüten der Ranke. Ich war zufrieden. Es würde abheilen müssen, aber dafür gab es heilendes Balsam. Ich lächelte. Ein Lächeln, welches aus tiefstem Herzen kam. Gassur hatte den Brautpreis zusammen. Nun würden sie diesen nur noch Saman überbringen müssen und ich war frei.

Verfasst: Dienstag 2. Juli 2013, 14:36
von Malaika Leyla Ifrey
Füreinander einstehen.

    • Jedes erreichte Ziel ist auch eine
      Belohnung für den gegangenen Weg.

Ich hatte Zaynah in der Wüste eingesammelt und sie nach einem kurzen Gespräch zurück zu ihrem Familienhaus begleitet. Der Weg durch die Wüste konnte manchmal unangenehm und verwirrend sein, erst recht, wenn man sich hier noch nicht eingelebt hatte. Sie war, wie fast eine jede Blüte der Ifrey, eine herzensgute und liebenswerte Natifah. Ich glaubte, auch sie konnte eine ähnlich gute Freundin werden wie Aaminah. Immerhin schenkte sie mir ihr Ohr – immer wieder für kleine Bruchstücke aus meinem chaotischen Leben – aber auch sie schien zu verstehen, dass man Liebende nicht voneinander trennen durfte. Wie unterschiedlich doch die Reaktionen von Männern und Natifahs waren.

Als ich sie zurückbrachte, öffnete Shantir, eine weitere Blüte des Hauses, die Türe. Ich freute mich auch sie endlich mal wieder zu sehen. Zuletzt sah ich sie, als sie angekommen war und ein paar neue Kleider benötigte. Lange hatte ich mit Aaminah, Arij und Shantir in der Schneiderei der Familie verbracht und fühlte mich beinahe wie zuhause.

Ein Gefühl, welches mir hier in den letzten Tagen fern blieb. Sowohl Shantir wie auch Zaynah baten mich herein und meinten, sie würden von allem einfach nichts wissen. Die Beiden waren zuckersüss. Ich freute mich darüber und ließ mich von ihren Worten dazu bewegen, das Haus zu betreten. Auch, wenn ich mir sicher war, dass es mindestens eine Person gab, die nicht erfreut darüber war, mich zu sehen. Für einen kurzen Augenblick sah ich wieder zurück, dann zu den beiden und folgte ihnen. Im Haus selbst war einiges los. Sharif war zu Besuch, Zahra wuselte ebenfalls durch die Küche. Ich hatte sie auch lange nicht mehr gesehen. Dass sie mich ignorierte und mir nur einen kurzen Blick schenkte, irritierte mich, aber sollte mich nicht viel länger beschäftigen. Ich nahm ziemlich schnell auf einem der Kissen platz und war irgendwie einfach nur da. Vor mir lag ein Buch, welches ich für einen Moment kurz betrachtete. Dann schlich sich meine Aufmerksamkeit wieder zu den Anwesenden. Es hatte nicht wirklich lange gedauert, da kam Gassur zur Tür herein. Er schenkte allen ein Lächeln, mir besonders. Mein Herz setzte für einen Moment kurz aus. All die Freude wurde dann getrübt, als Zafer hereinkam und jeden mit einem Lächeln begrüßte – abgesehen von mir. In mir ratterten dutzende Fragen und Gedanken, Ideen und Möglichkeiten, aber ich gab mich letztendlich geschlagen von all der Last, die bereits vorhanden war. Ich war hier also auch nicht mehr willkommen.

Nachdem ich Aaminah begrüßt hatte, sie fast umgerannt hatte und umarmt hatte, sie wieder ging, trat ich meinen Weg nach Hause an. Zafer und Gassur waren bei Saman. Wie das Gespräch verlaufen würde, wusste jetzt im Vorfeld noch keiner. Es musste im Grunde nur der Brautpreis übergeben werden. Aber bei dieser Familie konnte so viel schief gehen. So viel...
Zuhause angekommen kümmerte ich mich erst einmal darum, wieder etwas Ordnung in mein Haus zu bekommen. Ich räumte meine neuen Kleider sorgfältig in meine Truhe, sortierte alles und brachte alles in Ordnung. Und dabei war die Zeit rasend schnell vergangen. Vielleicht lag es auch an den tausend Gedanken, die ich mir gemacht hatte. Die Reaktion von Zafer war bitter. Ich hätte viel lieber eine Ohrfeige kassiert oder seinen Zorn, aber dass er mich einfach übergangen hatte.. erinnerte mich zu sehr an das, was ich hier erlebte. Ich seufzte leise. Hatte ich irgendwie eine Möglichkeit, all das wieder gerade zu biegen? Neda, dafür hatte ich nicht einmal den Mut. Zudem er wegen mir seinen besten Freund verloren hatte. Wahrscheinlich bereute er es längst, diese Idee gehabt zu haben. Ich warf die Kleidung letztendlich in die Truhe und lehnte mich gegen die Wand. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ich fühlte mich so hin- und her gerissen. Dieses Gefühl würde nie aufhören. Nie. In mir breitete sich wieder das Gefühl aus, dass ich einfach gehen sollte. Wer würde mich schon vermissen? Aber ich wusste die Antwort darauf. Ich wusste, wer mich vermissen würde und wem ich damit das Herz brechen würde. Würde all das jemals wieder aufhören?

Ich hatte nicht gehört, wie die Tür aufgegangen war. Nur seine Begrüßung machte mich für einen Moment stutzig, bis mir wieder eingefallen war, dass ich ihm ja meinen Schlüssel gegeben hatte. Er sollte nicht ewiglich vor der Türe warten müssen. Und irgendwer brauchte Zugang zu diesem Haus, falls irgendetwas Unvorhergesehenes passiert war. Ich eilte zur Treppe und zu ihm hinab, kurz vor ihm kam ich zum stehen. 'Ich habe dich im Haus vermisst, als ich mit Zafer von Saman kam.'
Wieder machte mein Herz einen kleinen Satz. Er hatte mich vermisst. Oh, und wie ich ihn vermisst hatte. Ohne ihn war alles leer und einsam gewesen. Er nahm meine Hände und fragte nach dem 'Warum', immerhin wollte er mit mir feiern, wir würden nur noch Nazeeya brauchen. Ich wollte ihm eigentlich eine Antwort auf seine Frage geben, bis ich verstand, was er noch gesagt hatte. Nur noch Nazeeya? Hieß das...? Ich sah langsam zu ihm hinauf. 'Sag das nochmal.'
'Dass ich feiern wollte?'
Neda, das meinte ich nicht. Ich... 'Wir brauchen nur noch zu Nazeeya und einen Termin machen.' Ich fiel ihm um den Hals und er schloss mich fest in seine Arme.
    • [img]http://24.media.tumblr.com/tumblr_mbvctzib2h1ri9otbo1_r1_500.gif[/img]
Das war wundervoll, einfach nur wundervoll. Und obwohl meine Stimmung gedämmt war, war ich so allumfassend glücklich bei dieser Nachricht. Wir setzten uns an den Tisch. Ich befüllte die Gläser mit Kaktusschnaps und reichte ihm vorsichtig eines. Er sah mir in die Augen. Ich liebte genau das. Wenn er mir in die Augen sah. Die Augen waren das tiefste Spiegelbild der Seele und etwas Aufrichtigeres konnte es zwischen zwei Menschen nicht geben, als der Blick in diese. 'Dann trinken wir auf unsere Zukunft?'

'Auf unsere Zukunft, unsere bevorstehende Ehe. Und das ich dich allumfassend glücklich machen kann.'
Aiwa, das war mein größter Wunsch. Ich hatte diese zweite Chance bekommen und ich wollte sie nutzen. Ich wollte ihn glücklich machen, sein Leben bereichern. Ich wollte ihm eine gute Ehefrau sein. Ihm meine Hand reichen, wenn er sie brauchte. Ihm eine Schulter bieten, wenn es ihm schlecht ging. Ihm mein Gehör schenken, wenn er Hunger hatte. Sein Herz behutsam in meine Hände nehmen und es ehren und achten, als wäre es mein Eigen. Ich trank den Schnaps ohne Umschweife, als die schlechten Gedanken an den Abend zurückkamen. Er sah kurz zögernd zu mir, dann trank er auch. Ich entschuldigte mich bei ihm dafür, aber ich hatte den Schnaps tatsächlich gebraucht. Aber er verstand es, er hatte heute selbst schon einen dringenden benötigt. Ich wurde hellhörig. 'Ich habe mit Zafer gesprochen über einige dienstliche Angelegenheiten und über belanglose Dinge. Es lief soweit gut. Am Schluss hab ich mich bedankt. Dann meinte er: Aiwa, für Dienstliches hab ich immer Zeit'. Das war ein unangenehmes Gefühl.'
Ich taxierte die Tischplatte. Ich konnte es so nachvollziehen, wie er sich fühlte. Und es beschäftigte mich. Er war so traurig deswegen. Er antwortete darauf, dass ich doch gar nicht dabei war und ich auch lange nicht mehr mit ihm gesprochen hatte. Das war richtig. Den kurzen Wortwechsel wegen des Buches vorhin konnte man nicht als reden bezeichnen. Er ließ allerdings nicht locker. Ich wusste nicht einmal, ob es für ihn von Belang war, ihm davon zu erzählen. Männer waren in der Hinsicht anders, sie konnten uns Frauen da nicht verstehen. Ich wollte einfach nicht, dass er sich Sorgen oder unnötige Gedanken machte. 'Hat er dir gedroht oder ähnliches?', ich schüttelte den Kopf und erzählte. Ich wäre froh gewesen, wenn er mir gedroht hätte. Oder mir weh getan hätte. Das wäre einfacher zu ertragen gewesen als das. Ich erzählte ihm von der spärlichen Begrüßung, aber wie mir natürlich schon vorher klar war, verstand er es nicht, warum ich mir Sorgen machte. Immerhin wusste Zafer ja Bescheid und es wäre sein gutes Recht, so zu reagieren. Gassur habe Schande über seine Familie und dadurch auch über Zafer gebracht. Vermutlich hatte er recht. Ich sollte mich nicht über dieses Gefühl der Ignoranz und des Nicht-Erwünscht-Seins beschweren. Er versicherte mir, dass es so schlimm nicht bleiben würde. Und es besser werden würde, sobald all die Aufregung um uns abflachen würde. Dennoch, irgendwie verstand ich es nicht. Aaminah wusste auch alles und sie hatte so anders reagiert. Vielleicht fragte er zurecht, was sie denn sonst hätte dazu sagen sollen. Aber für mich war es ein Zeichen, dass wir diese Diskussion nicht fortführen konnten. 'Sprich bitte deine Gedanken aus. Das machst du doch sonst auch. Und das mag ich so an dir.'
Aber ich konnte einfach nicht. Würden wir weiter darüber sprechen, würden wir an diesem Tage vielleicht noch im Streit auseinander gehen und das wollte ich nicht. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass er mich nicht verstehen konnte. Aber er meinte, er könne. Aber er sehe darin nicht so ein Problem wie ich, er gab jedoch auch zu, dass er das Gefühl auch erst seit ein paar Tagen kannte und noch lange nicht so lang wie ich. Und er sah nun besorgt zu mir. Ich versuchte ihm leise zu erklären, dass ich eben gehofft hatte, dass alles aufhörte. Ich hatte die Kraft nicht mehr, so weiterzumachen. Vielleicht war es eine Lappalie, vielleicht hatte er damit recht. Das Thema war damit dann recht schnell vom Tisch. Er sah mir aufmunternd entgegen und legte seine Hand auf meine. 'Ich habe heute deinen Preis bezahlt. Nun gibt es kein Zurück mehr.' Ich musste etwas schmunzeln und fragte ihn, ob ich ihn nun beglückwünschen sollte oder ihm mein Beileid aussprechen musste. Wir stellten fest, dass uns die ein oder andere Seite voneinander vielleicht doch noch fremd war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es an mir auch schlechte Eigenschaften gab. Ich überlegte kurz, aber mir fiel recht schnell mein Freiheitsdrang ein. Ich lief viel zu gerne vor Problemen weg. 'Muss ich nun Angst haben, dass ich das nächste Mal in ein leeres Haus komme?', er konnte mich bei seiner Frage nicht ansehen und nach dem Moment der Stille sah er dann doch vorsichtig zu mir. 'Bin ich bisher weggelaufen? Ich stecke bis zum Hals in Problemen. Ich hatte oftmals den Gedanken daran, wenn ich ehrlich bin. Aber du scheinst es als Erster zu schaffen, dass ich bleibe. Und nicht... gehe.' Ich hörte ihn erleichtert ausatmen. Ich wusste nicht, ob ich das gut finden sollte, dass mit ihm auf einmal alles so anders war. Er fand es gut, sehr gut sogar. Denn sonst würde er noch ärmer dastehen – ohne seinen besten Freund und dann auch noch ohne seine Braut. 'Was wäre ich dann noch?' Aber er musste sich keine Sorgen machen, solange er sich nicht gegen mich stellen würde. Er sah mich entsetzt an und schüttelte empört sein Haupt. Aiwa, ich hatte vergessen: Er war auch nur ein Mann. Man musste Männer immer alles ausgiebiger erklären, ansonsten verstanden sie es falsch. Dabei hieß es doch immer, dass wir Frauen das Talent dafür hatten. Ich erklärte ihm, dass ich das Gefühl bei ihm hatte, dass er sich niemals gegen mich stellen wird. Also würde ich nie vor ihm weglaufen. Aber ich kannte es eben auch schon anders. Und da war ich weggelaufen. Ich seufzte innerlich. Als ob ich jemals irgendetwas schlechtes über ihn – meinen Ranim – denken konnte. Bei der Erwähnung seiner schlechten Eigenschaft musste ich ein wenig schmunzeln. Er konnte also ganz schön ungemütlich werden, wenn er zur Begrüßung keinen Kuss bekam. Er wusste ja gar nicht, was er da sagte. Ich würde mir das merken und wenn er sich einmal darüber beschweren würde, dass ich ihn küsste, wenn ich ihn sah, dann würde ich ihm genau das vorhalten. Ich fragte ihn natürlich neugierig, wie sich seine Ungemütlichkeit äußern würde. Ich konnte sein Spiel mitspielen, aber ich fürchtete, dem war er sich bewusst. Er erwiderte, dass er nicht wusste, ob ich das so ohne Weiteres verkraften würde. Er könne sehr aufbrausend und ungeduldig werden. Und.. schlimmeres. Das konnte ich natürlich nicht verantworten. Und natürlich küsste ich ihn. Und ich wusste in diesem Moment einfach wieder, warum er es geschafft hat, dass ich meine Vergangenheit hinter mir lassen konnte. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass er mich liebte. Obwohl es diese Vergangenheit gab. Ich sah zu ihm und ich war einfach überwältigt. Von allem.

    • Ich höre dich sagen, dass du gebrochen bist.
      Nichts gibt dir Hoffnung, wieder zu erwachen.
      Aber du weißt, dass ich es versuchen werde.
      Ich werde versuchen, einen Weg hinter deine
      Mauer zu finden.
      Denn jeder von uns braucht jemanden,
      der uns festhält.
      Jeder von uns braucht jemand,
      der sich um uns kümmert.
      Jeder von uns benötigt jemanden,
      an den er sich anlehnen kann.

Und im Endeffekt träumten wir alle doch vom Gleichen: Einen Menschen zu finden, der uns vollständig macht. Der uns die Hand reicht, die wir nehmen können. Einen Liebsten an unserer Seite zu wissen, der mit uns durch dick und dünn geht, das lässt uns Berge versetzen. Und so stirbt die Hoffnung zuletzt, dass ein liebendes Herz verstehen und nachvollziehen kann. Irgendwann. Für einen Moment ließ ich diese negativen Gedanken noch einmal zu. Dann hingegen fing ich an, mich auf das zu freuen, was kommen würde.

Verfasst: Mittwoch 3. Juli 2013, 17:34
von Malaika Leyla Ifrey
Hand in Hand.

Man kommt in der Freundschaft nicht weit,
wenn man nicht bereit ist, kleine Fehler zu verzeihen.


(Jean de la Bruyère)


Wenn man im eigenen Leben schon einmal etwas verloren hat, was einem wichtig war, dann möchte man diesen Moment nicht noch einmal erleben. Man möchte nicht noch einmal innerlich zerreißen, man möchte nicht noch einmal diese unsagbare Trauer spüren. Und man will nicht wieder alleine sein und sich durch die Dunkelheit kämpfen.

Was für eine Natifah wäre ich, wenn ich mich nicht auf seine Seite stellen würde und mit ihm für das kämpfen würde, was ihm wichtig war? Und wenn er derjenige war, der allen Mut und alle Zuversicht und Hoffnung verloren hatte, ja, dann war ich diejenige, die ihn auffangen musste. Die alles Mögliche in Bewegung setzen musste, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich sah, wie er litt. Ich sah, wie es ihn zerriss. Er hatte mir aus der Dunkelheit geholfen. Nun war ich an der Reihe, ihm zu helfen.

Ich war selbst sehr verletzt über das Verhalten von Zafer. Er selbst müsste doch besser wissen, wie unerträglich es ist, ohne seine Liebste zu sein. Er selbst müsste doch selbst wissen, dass man die Frau, die man liebte, nicht einfach in ihrem Elend zurücklassen konnte. Er selbst musste doch um Einiges schlauer sein. Er wusste doch dank Aaminah, was es bedeuete, wenn man liebt. Aber ich stellte meine Verletzung hinten an. Ich war nun nicht der Mittelpunkt, ich hatte in der letzten Zeit genug zu tragen, da konnte ich auch dieses Päckchen noch auf meine Schultern nehmen. Ich war mir sicher, er würde sehr böse sein auf Aaminah. Weil sie versucht hatte, sich gegen seine Sturheit zu stellen. Gegen seinen Protest, sich Gassur auch nur einen winzigen Schritt zu nähern. Es war tapfer von ihr. Und tugendhaft. Er sollte sich glücklich schätzen, sie an seiner Seite zu wissen. Sie pfleglich behandeln wie eine zarte Rose, deren Knospen gerade erblühen.

Also setzte ich mich an den Tisch und zog ein Pergament hervor. Ich konnte nicht zusehen, wie mein Liebster an allem zerbrach. Wir wollten heiraten, das war ein Grund, um glücklich zu sein. Stattdessen überschattete all die Last unser Glück. So fand die Feder ihren Weg auf das Pergament.
    • [img]http://24.media.tumblr.com/888e548556ef742d827fa5c8aa866879/tumblr_mp9m9gTVcp1rmhhnno1_500.gif[/img]

"Vielleicht muss man die Liebe gefühlt haben,
um die Freundschaft richtig zu erkennen."


    • Zafer,

      ich weiß, deine Enttäuschung über Gassur – und auch über mich – ist sehr, sehr groß. Ich weiß auch, dass vieles für dich nicht nachvollziehbar sein wird. Deswegen erkläre ich gar nicht erst.

      Freundschaft ist weit mehr, als nur ein flackerndes Fähnchen im Wind. Freundschaft ist Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Loyalität. Freundschaft entwickelt sich nicht einfach so. Ein Leben ohne Freundschaft ist wie ein Leben ohne Sonnenschein. Freundschaft ist auch, sich gegenseitig Fehler zu verzeihen und gemeinsam die Scherben aufzuheben, die ein donnernder Einschlag verursacht hat. Niemand ist fehlerfrei. Jeder macht Fehler. Aber jeder hat eine Chance verdient, um es besser machen zu können.

      Ich bin dir nicht böse. Ich sehe nur, wie Gassur, - mein Ranim – leidet. Und was für eine Verlobte wäre ich, wenn es mich nicht kümmern würde? Wenn ich nicht mit ihm leiden würde, wenn er leidet? Wenn ich nicht mit ihm weinen würde, wenn er weint? Wenn nicht auch mein Herz betrübt wäre, wenn das seine vor Einsamkeit fast zerreißt?

      Wir haben nur noch uns, Zafer. Wir halten uns in dieser harten und schweren Zeit aneinander fest. Und wir brauchen vor allem deine unterstützenden Hände, vor allem Gassur. Er vermisst dich sehr.

      Ich hoffe, ich mache mit diesem Brief nun nicht alles schlimmer, als es eh schon ist. Falls doch, lass es an mir aus. Nicht an ihm. Er weiß nicht, dass ich dir schreibe. Ihr seid doch eine Familie und wollt sicher nicht so enden, wie die Yazir.


Ich rollte das Pergament zusammen und ging noch in dieser Nacht zum Ifreyviertel. Ich überlegte, ob ich versuchen sollte, Gassur irgendwie zu wecken, aber stattdessen stand ich nur in der Nacht und sah sehnsüchtigen Blickes zum Tor. Bald würde das mein Zuhause sein. Bald war ich bei Aaminah. Und bei Gassur. Ich musste Jalilah bald zurückholen, damit sie an der Hochzeit ihrer Mara anwesend war. Ich übergab einer der Wachen das Schreiben, dann ging ich zurück durch die dunkle Nacht. Ein Gebet zu Eluive war das Letzte, was ich diese Nacht noch von mir gab. Dann schloss ich die Augen. Und ich hoffte. Weil ich liebte.