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Verfasst: Freitag 14. November 2008, 13:17
von Kanubio Bunjam
Worte
Es war lediglich eine leere, ausgebrannte Hülle, die da mechanisch arbeitend in der Mine anzutreffen gewesen wäre. Wie ein Kartenhaus war alles in Kanubio während weniger Herzschläge zusammengebrochen. Nachdenken hätte er wollen während der Arbeit im Stollen, doch auch seine Gedanken schienen wie gelähmt zu sein.
Nur im Hemd und verschwitzt wie er war, begab er sich wieder hinaus ins Freie. Der eisige Nachtwind peitschte auf sein nasses Hemd. Die Kälte schmerzte. Trotzig genoss er diesen Schmerz.
In Kanubios Truhe lagerte genügend Zeug, um sich bis zur Bewusstlosigkeit zu besaufen, doch sogar dazu fehlte ihm der Antrieb. So blieb es erst einmal bei einem kräftigen Schluck Whiskey, der Kanubio wieder zu sich kommen, aber auch die Wut in ihm wieder aufkeimen ließ. Als das Horn leer war, schmetterte er es zornig an die Wand der kleinen Hütte, mit dem zerstörerischen Vorsatz, es möge wie sein Glück in tausend Teile zersplittern. Doch das Horn blieb unbeschadet.
Natürlich blieb es das! Das hatte ja auch er bearbeitet!
„Gebt mir eine Picke und ich finde Diamant. Gebt mir Hammer und Säge und ich fertige euch Möbel. Gebt mir ein Schwert und ich schlage mich durch die Reihen der Monster. Aber verlangt nicht von mir, dass ich meine Gedanken in Worte fassen kann.“
Trystjans Anschiss auf seinen misslungenen Versuch, die Sachlage anders zu beleuchten, hätte er ohne weiteres weggesteckt, wäre SIE nicht dabei anwesend gewesen. Dass sie sein Versagen und die darauffolgende Demütigung durch Trystjarn – der es meisterlich verstand, Kanubios Schwäche durch die Worte, die er ihm dafür an den Kopf warf, noch hervorzuheben – miterlebt hatte, war für ihn unerträglich.
Kanubio hatte sich kurz zuvor eingestanden, dass er sich Hoffnungen gemacht hatte. Zweifellos mochte sie ihn, aber wie sehr? Er hatte auf ein Zeichen gewartet, ein Wort, eine Geste. Übersah er etwas oder war da wirklich nichts? Er kam nicht dahinter, konnte es nicht einschätzen.
Erst wenn er sich sicher war, würde er den Segen anstreben und auch nur dann, wenn er bis dahin eine ruhmreiche Tat vollbracht hätte, die ihn im Ansehen aller steigen ließ. Als Krieger Diamant zu finden, schien in den Augen der Thyren nicht sonderlich ruhmreich zu sein. Kanubio hatte sich erwartet, dass sie wenigstens gemeinsam drauf anstießen, doch der bisher größte Erfolg seines Lebens wurde lediglich zur Kenntnis genommen und mit einem knappen Kommentar bedacht. Aber vielleicht hatten sie ja auch recht. Jeder Trollkopp konnte Diamant finden, wenn er nur lange genug in der Mine buddelte. Es war keine Sache von Ruhm und Ehre, sondern von Ausdauer und Muskelkraft.
Eine ruhmreiche Tat … so eine lang nicht einfach so rum wie ein Erzbrocken in der Mine. Und selbst wenn ihm so eine gelang, würde sie seine heute erlebte Schmach nicht ungeschehen machen.
Worte! Trystjarn war ein Meister der Worte. Auch SIE konnte ihre Gedanken wundervoll in Worte fassen. Ja sogar Sigfastr, dem man jeden Handgriff anschaffen musste, brachte dies zustande. Doch wann immer ein Gedanke schnell formuliert werden sollte, versagte Kanubio kläglich. Und wie bei Alatar sollte er vorausahnen können, was Trystjarn hatte hören wollen? Er war Krieger, ein Schwert, und kein Hellseher!
Abermals musste die Wand des Truhenverschlages herhalten, als Kanubios Faust ein Ziel suchte. Das morsche Brett brach, sein Arm fuhr durchs Holz, die Späne rissen seine Haut auf. Warm lief das Blut über seine eiskalte Haut, doch er spürte es nicht. Er sollte keine Bretter durchschlagen, sondern sich besser die Zunge rausschneiden, um nie wieder ein Wort sagen zu müssen, dachte er bei sich. Doch der nächste Whiskey, den er sich genehmigte, sorgte dafür, dass er diesen Gedanken nicht ausführte.
Kanubio ergab sich seiner Wut, die weiter in ihm brodelte, und dem Zorn, der ihm die Tränen in die Augen schießen ließ. Ein Thyre dürfte sicher nicht weinen, überlegte er, aber hier sah ihn ja keiner.
Worte – wie er sie hasste.
Wie weh sie tun konnten.
Wie sie zerstören konnten.
Verfasst: Donnerstag 15. Januar 2009, 16:10
von Kanubio Bunjam
Leder zu Asche
Einmal mehr umhüllte Kanubio die wohlige Dunkelheit der Mine, in deren Stollen der schneidende nächtliche Wintersturm zum Schweigen verurteilt war und in deren Weite sich seine Gedanken ungehindert ausbreiten konnten.
Erleichtert hatte er, zurück in Wulfgard, an den Kamin in seinem Zimmer tretend die leere Dolchscheide von seinem Gürtel gezogen. Über zwei Mondläufe lang hatte ihn die ungewöhnliche Waffe darin auf Schritt und Tritt begleitet, bis sie in jene Hände gekommen war, für die er sie bestimmt hatte. Kanubio dankte den Geystern und Ahnen, dass sie ihm beigestanden hatten, wohl über einen Jahreslauf seinen Glauben und seine Hoffnung nie zu verlieren. Indem er das Leder den Flammen übergab, fügte er einen Teil seines Lebensinhalts seiner Vergangenheit hinzu.
Die Ruhe in Wulfgard und das alltägliche Einerlei, die Kanubios Leben in den letzten Wochenläufen dominiert hatten, erschien ihm wie der Winter, der ins Land gezogen war, um das Dasein vieler Pflanzen und von so manchem Tier zu beenden. Das kurze Treffen vor Bajard mit Falk dagegen empfand er wie einen sanften Anflug des Frühlings, der neues Leben in die Natur setzte, und viele der Worte, die gefallen waren, gaben Kanubio zu denken.
Damals, als man Falk auf Pilgerreise in Ulfsteinn wähnte, als Leif ausgezogen war, ihn zu suchen und beide nicht zurückkehrten, fragten sich die Claner nach den Gründen. Kanubio hatte ihnen eine Antwort angeboten und ihnen auch gesagt, was zu tun wäre. Sie hatten ihm nicht geglaubt, ihm, einem Städter, genau wie so viele andere bei mehr oder weniger weltbewegenden Ereignissen. Die Claner hatten die Hoffnung verloren und resigniert. Jetzt wusste Kanubio, dass er – einmal mehr – Recht gehabt und richtig gehandelt hatte.
Auch von Farben hatte Falk gesprochen. Der Winter hüllte das Land in strahlendes, glitzerndes Weiß. Der Frühling würde es in zartem Hellgrün erscheinen lassen, während der Herbst das gesättigte dunkle Grün des Sommers in ein Organgebraun tauchen würde. Sollte die alte Martha mit ihrer Prophezeiung Recht behalten? Stand dies alles schon in seiner Hand geschrieben?
Kanubio schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite. Es war nicht wichtig, ob der sprießende Keimling braune Erde durchstieß, um dem Licht entgegenzustreben, oder sie mit dunkelgrünem Moos bedeckt wäre, sondern dass er sicher verwurzelt war, um sich zu einem starken Baum zu entwickeln.
Der Weg, den Kanubio eingeschlagen hatte, schien ihm noch so weit bis zu seinem Ziel. Oh ja, der junge Krieger hatte sich verändert, das spürte er von Tag zu Tag mehr. Die Schwierigkeiten der ersten Mondläufe, die er im Clan Bunjam verbracht hatte, alles in sich selbst neu zu orientieren, waren nun überwunden. Sein Weltbild hatte sich verändert, neue Grenzen waren gezogen und er lebte die Konsequenzen.
„Mit etwas Glück …“ – Glück. Wie unbedeutend war dieses Wort für Kanubio geworden, seit er mehr und mehr der Gunst der Ahnen und Geyster vertraute. Jeden Tag aufs neue gaben sie ihm die Kraft und Ruhe, die kleinen Ziele des Alltags zu erreichen, denn in jenen winterlichen Wochenläufen war er oft auf sich allein gestellt. Er sah sein Leben nicht vom Glück abhängig, sondern von seinen Entscheidungen, die er traf und mit denen er selbst bestimmte, was er war und was geschah.
An dem, was Falk ihm mitgegeben hatte, trug er schwer, viel schwerer, als an dem diamantenen Dolch, den er so lange mit sich geschleppt hatte, obwohl es lediglich Worte und kein gewichtiger Gegenstand waren. Doch weitaus gefährlicher und effektiver als eine Waffe war es, was er von nun an mit sich tragen würde und die Möglichkeit, dies einfach in einer Truhe zu deponieren, bestand nicht.
„Mit großer Stärke kommt große Verantwortung.“ Der Verantwortung war er sich bewusst, doch würde er - so es tatsächlich notwendig wurde - den richtigen Zeitpunkt wählen? Würde er die Kraft und Weisheit besitzen, das ihm Übergebene richtig einzusetzen und mit einer ihm unbekannten Veränderung tatsächlich die Dinge in Bahnen lenken, die einen Teil dieser Welt verbessern würden?
Je weiter die Nacht fortschritt, umso erfüllter ward die Mine von Kanubios Überlegungen. Sie verwoben sich mit den unzähligen Fragen, auf die er nur in der Zukunft Antworten erwarten dürfte, zu einem Gespinst, welches ihn sanft einhüllte. Doch war er sich bewusst, dass die Zeit noch nicht gekommen war, um die Netze, die ihn umfingen, zu zerreißen.
Draußen tobte noch immer der eisige Schneesturm. Kanubio bemerkte ihn, weiterhin in Gedanken versunken, nicht, als er aus der Mine trat, um die Erze, die auf seinen Rücken drückten, in dieser Nacht ein letztes Mal abzuladen. Nach dieser kurzen Begegnung war ihm bewusst geworden, was er zu tun hatte. Er hatte einen Weg gewählt, den zu gehen in dieser Welt nicht alltäglich war, hatte sich geschunden und war geschunden worden. Er hatte vieles überstanden, um weiter zu kommen. Den Weg alleine fortzusetzen war unmöglich, also war er gezwungen, eine Pause einzulegen. Doch würde er diese nützen, um dem Samen, der gelegt war, zu ermöglichen, starke Wurzeln auszubilden und zu reifen, um bereit zu sein, wenn die Frühjahrssonne die Schneedecke zum Schmelzen bringen würde.
Verfasst: Dienstag 27. Januar 2009, 20:08
von Kanubio Bunjam
Die rechte Art einen Weg zu gehen, ist in seiner Mitte
Schwer beladen und todmüde kehrte Kanubio in tiefer Nacht ins Fort zurück, geschafft von einem harten Tag, den er mit einer ausgiebigen Erforschung seines neuen Jagdgebietes abgeschlossen hatte. Wenn er auch noch lange nicht perfekt in Waffeneinsatz und Strategie war, zeigte er sich mit seiner Leistung durchaus zufrieden.
Es war ruhig in Wulfgard, nur die Wölfe, die um das Fort schlichen, ließen an und ab einen Laut hören und der scharfe Winterwind pfiff um die Palisaden. Vom Kampfschweiß durchnässt, ließ er sich in die Felle sinken, schloss die Augen und sehnte sich nach dem erlösenden Schlaf. Doch seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe.
Seit dem Ende der großen Dunkelheit waren die Wintertage gemächlich dahingeflossen, verschmolzen zu Wochen und die Wochen zu Mondläufen, die nur selten durch bemerkenswerte Ereignisse unterbrochen wurden. Lediglich Lidwina brachte Sonne und Heiterkeit in seinen eintönigen Alltag, ließ ihn seine Sorgen vergessen oder half ihm auf ihre herzensgute, fürsorgliche Art, zumindest einen Teil seiner wirr durcheinander purzelnden Überlegungen zur Ruhe zu bringen.
Wie sehnte er sich während der eintönigen Winterarbeiten danach, seinen Unterricht fortzusetzen, wieder mit Runa scherzend am Hof mitzuhelfen, sowie seine Träume und die der anderen Claner nicht nur zu träumen, sondern sie zu verwirklichen.
„Ein Krieger muss sich in Geduld fassen können“, hatte Wina gesagt. Das „Aye“, welches Kanubio zur Antwort gegeben hatte, klang nicht recht überzeugt. Warten zu müssen, kam für ihn, der am liebsten alles sofort und gleichzeitig erledigte, einer Folter gleich. Das Warten auf die Heimkehrer und die Entscheidungen all jener, die sein Leben beeinflussten, schien kein Ende nehmen zu wollen und ließ ihn innerlich rotieren. Nichts tun zu können, um die Ereignisse voran zu treiben, machte ihn nervös und ließ ihn immer wieder darüber grübeln und spekulieren, obwohl er sich völlig bewusst war, ohne weitere Informationen zu keinen neuen Erkenntnissen zu gelangen.
„Du musst ruhiger werden“, hatte Spjall gemeint, als Kanubio aufgebracht ins Fort der Hinrahs gestürmt war. „Aye.“ Kanubio hatte es selbst schon gemerkt, dass es nicht einfach war, mit seinen neuen Gefühlen umzugehen, die er hier endlich ausleben durfte, solange sich die Wogen dabei nicht überschlugen. Doch viel zu leicht kochte es in letzter Zeit in ihm über. In anderen Fällen wiederum erstaunte ihn seine unumstößliche Ruhe. Wo andere schier explodierten, zeigte sich seine emotionale Landschaft wie ein still daliegender See, den nicht die kleinste Welle kräuselte.
Kanubio wälzte sich in den Fellen unruhig von einer Seite auf die andere. Die stickige Luft im Raum raubte ihm den Atem. Zu heiß loderte das Feuer im Kamin, zu warm waren die dichten Felle, in denen er ruhte. Er rappelte sich auf, schleppte sich zum Fenster und stieß es auf. Die kalte Nachtluft, die in den Raum schlug, ließ den Schweiß auf seiner Haut eiskalt werden. Von seinem Zimmer aus konnte er hinüber zu Winas Fenster sehen. Es war dunkel in ihrer Kammer. Wie immer um diese Zeit schlief sie schon lange.
„Du bist nicht mehr so unbeschwert wie früher“, hatte ihm Simon vorgehalten, womit er durchaus recht hatte. Die Zeit, wie ein junger Welpe durch’s Land zu toben, war vorüber. Die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, ließ die alte Unbekümmertheit nur noch hinter den sicheren Palisaden Wulfgards aufkommen. Sobald er, stets in voller Rüstung, das Gittertor des Forts durchschritt, war sie verflogen und Kanubio ein anderer, immer auf der Hut und wachsam, denn ein Feind konnte überall lauern. Die Gedanken, denen er jetzt nachhing, drehten sich um Entscheidungen, die weitaus schwerwiegendere Folgen und Auswirkungen hatten, als die Probleme, die er im Nord- und Nebelwald gewälzt hatte.
Ungeduld … Zorn und Wut ... Ernsthaftigkeit … es galt, diese Gefühle in den Griff zu bekommen, besonders jene, die gefährlich werden konnten und zu Missmut und Fehlentscheidungen trieben. Aber wie?
Kanubio öffnete alle Fenster seines Raumes, stieß das Holz im Kamin auseinander, kroch wieder in die Felle, grübelte weiter und versuchte gleichzeitig Schlaf zu finden.
Ein knarrendes Brett ließ ihn hochschrecken. Da war etwas … jemand …
„Wer da?“, rief er und seine Hand näherte sich langsam dem Zweihänder, der griffbereit neben seinen Fellen lag.
Rau lachte jemand auf. „Ich bin der mit den vielen Gesichtern“ sagte eine ihm wohlbekannte Stimme.
Diese Stimme … es war lange her, dass er sie gehört hatte. Sie war seiner eigenen so ähnlich. Im schwachen Glosen des Kaminfeuers konnte er den Schemen dieses Mannes, der nicht sagen wollte, wer er war, ausmachen. Zwei mal war er bereits aufgetaucht, seit Kanubio in Bajard an Land gegangen und geblieben war. Diesmal hatte sich der Kerl in schmierige, blutige Felle gehüllt. Seine Stiefel und sein Gewand waren abgetragen und er roch penetrant nach Schweiß. Seine wilde Mähne hing in nassen Strähnen auf seine Schultern. Das einzige, was Kanubio davon abhielt, sofort zuzuschlagen, war der muskulöse, durchtrainierte Körper dieses Mannes, der sich durch das zerschlissene Hemd deutlich abzeichnete. Der Kerl besaß nicht nur die Frechheit, in sein Zimmer einzudringen, sondern auch sich den besten Krug Met aus seiner Truhe zu langen, sich neben seinen Fellen niederzulassen und ihn anzustieren.
Kanubio knurrte ihn an.
„Beherrsche deine Gefühle – beherrsche dich selbst“, erwiderte der Schatten gelassen.
„Scher dich doch …“, setzte Kanubio an und spürte den Zorn über die dreiste Störung seiner Nachtruhe in sich hochschießen. Er war müde, wollte schlafen und nun das!
„Selbstbeherrschung ist eine Entscheidung. Die Schwierigkeit liegt darin, den Willen aufzubringen, diese Entscheidung zu treffen und durchzuhalten“, sprach derjenige unbeirrt weiter. „Beherrschung ist das Streben der Lehren Thrails. Alles, was sie beinhalten ist: die Mitte zu finden, weder Licht noch Dunkel, das Gleichgewicht bewahren, aus Gefühl und Gedanke heraus zu entscheiden.“
Kanubio hörte gar nicht hin. Seine Hand hatte sich um den Knauf des Zweihänders geschlossen. Sein Antlitz verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse und er war vor Zorn über die nächtliche Belästigung entschlossen zuzuschlagen. Mit einem Aufschrei riss er die Klinge hoch und ließ sie durch die Luft sausen. Im selben Augenblick verblasste die Gestalt und das scharfe Metall fuhr widerstandslos ins Leere.
„Ney Schwarz, ney Weiß – ney dunkel, ney hell“, hörte er die ihm vertraute Stimme noch sagen. „Die Mitte zu finden ist der Weg.“
Verfasst: Samstag 31. Januar 2009, 03:42
von Kanubio Bunjam
Die Klauen der Rabendiener
Kanubios Hand zitterte noch immer, als er an der Mine zur Picke griff. Lili hatte ihm zwar verboten, etwas zu arbeiten, doch er musste sich ablenken … auf andere Gedanken kommen. In Wulfgard fiel ihm schier die Decke auf den Kopf.
Angefangen hatte alles am Abend zuvor mit einem ruhigen Umtrunk in der Bajarder Taverne. Plötzlich war Alea reingestürmt, tränenüberströmt und völlig aus der Fassung. Als Kanubio das Kind beruhigend in seinen Armen hielt, betraten SIE die Taverne. Zwei dunkel gekleidete – ihm stockte der Atem – Rabendiener.
Er schob Alea in eine Ecke und zögerte nicht, das Schild hochzureißen und das Schwert zu ziehen, entschlossen, die beiden niederzustrecken, doch dieser verdammte Fuchtler ließ Kanubio zu einer Statue gefrieren. Regungslos musste er zusehen, wie der Knochenpolierer das völlig verschreckte Mädchen an sich riss und ihr das Rapier an den Hals setzte.
Elende Feiglinge! Wohl oder übel musste Kanubio die Waffen strecken. In ihm kochte es. In der Taverne begann der Tumult. Stimmen, Drohungen, Feuerelementare, Angriffe. Doch die beiden hatten es nur auf ihn abgesehen. Wieso?
„Einer meiner Brüder trug das Zeichen des Clan Hinrah im Nacken. Ihr hattet wohl gedacht, dass wir das auf uns sitzen lassen?“ erklärte ihm der Kerl. „Wir können dich auch gehen lassen, machen Jagd auf den ganzen Rest. Dem einen wird ein Auge ausgestochen, dem anderen eine Hand abgehackt. Falk hat sein Fett schon abbekommen und jeder wird diesem Beispiel folgen.“
Da also war der Hund begraben. Weiter durch Eiseskälte ruhig gestellt, musste Kanubio abwarten. Endlich war Ruhe in der Taverne. Jene, die versucht hatten, gegen die beiden anzugehen, lagen am Boden oder hatten sich vor das Wirtshaus zurückgezogen. Auch Alea war irgendwo. Irgendwo in Sicherheit. Hoffte er.
Nur noch die beiden vor sich, die Rapierspitze auf der diamantgeschützten Brust. Kanubio versuchte, die kleinere der beiden üblen Gestalten auf die Seite zu rempeln, um den Weg zum Tavernenausgang frei zu kriegen. Doch abermals traf ihn die Fuchtelei der beiden schneller, als er drei Schritte machen konnte. Als genüge es ihnen nicht, ihm das Blut und Fleisch gefrieren zu lassen, erhob sich wie von Geisterhand geführt, ein Stuhl und schlug ihn nieder. Völlig überrascht ging Kanubio zu Boden. Der zweite Tavernensessel, der auf seinem Schädel zerbarst, und der Blitz, der auf ihn niederfuhr, raubten ihm fast das Bewusstsein.
Nur durch einen dichten, dunklen Schleier, der seine Gedanken erstickte, bekam er mit, was daraufhin geschah. Zwei Fuchtler-Wölfe zerrten ihn ins Freie. Dort tobte der Kampf. Dem Lärm nach musste ganz Bajard auf den Beinen sein. Waffen klirrten, Glas splitterte, Schreie hallten durch das Dorf. Das Blut in Kanubios Augen raubte ihm die Sicht und seine Sinne schwanden völlig.
Als er wieder zu sich kam, blickte er in das Gesicht seines Vaters. Gleich daneben das von Eldir. Notdürftig flickten die beiden seinen Schädel mit einer Knochennadel und einem Faden unbekannter Herkunft zusammen – ein Heilerwerk, das Lili am nächsten Tag in fassungsloses Staunen versetzte.
Sie versorgte Kanubio ordentlich und zitierte ihm Arbeitsverbot auf. Inzwischen war er vernünftig genug, auch auf die Jagd zu verzichten. Doch was sollte er tun, um die Langeweile zu vertreiben? Nach einem weiteren Scharmützel in der Barjader Taverne, aus dem er sich beflissentlich raus hielt, streifte er durch die Wälder um Varuna, wie immer auf leisen Sohlen und nun doppelt auf der Hut. Als er Stimmen vor sich hörte, hielt er inne und duckte sich tief ins Unterholz. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß, doch die beiden, ein Kerl und ein Weib, nahmen wenig Notiz davon. Das Weib flickte den Kerl zusammen, so viel konnte er den Worten entnehmen, die der Nachtwind an sein Ohr trieb. ‚Wohl eine Heilerin’, dachte Kanubio bei sich und schob sich im Schatten der Bäume näher. Er kannte die Frau nicht und konnte ob der tiefen Dunkelheit auch nichts Auffälliges an ihr erkennen. Schon wollte er seine schützende Deckung verlassen, um seine Hilfe anzubieten, da erhaschte er einen Blick auf die Gewandung des Weibes: eine Robe der Rabendiener! In Panik rannte er davon, ungeachtet dem Lärm, den er machte, als er durch das dichte Unterholz brach, heilfroh, dass er sich nicht unbedacht zu erkennen gegeben hatte.
Sie schienen plötzlich überall zu sein. Sie wollten ihn kriegen? Sollten sie es doch versuchen! Er würde auf der Hut sein!
Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2009, 17:50
von Kanubio Bunjam
Die Folter
Nicht einmal, als der Dämon fiel, ging es Kanubio besser. In der Taverne zu Bajard hatten Spjall und er noch darüber gelacht und gescherzt, als sie beschlossen, ihren geselligen Umtrunk zu beenden und foltern zu gehen. Erst auf der Fähre war Kanubio schlagartig bewusst geworden, was sie da tatsächlich vor hatten, was seine gute Laune augenblicklich dämpfte.
Kanubio zögerte nicht, mit in den Keller zu gehen, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl im Magen, war er bislang in seinem ganzen Leben weder bei einer Folter dabei gewesen, noch das Opfer einer solchen gewesen. Für die anderen Thyren schien es eine alltägliche Routine zu sein. Die Eisenwarterin erwies sich als williger Gast, zeigte kaum Gegenwehr, war aber auch nicht bereit, auch nur eine der ihr gestellten Fragen zu beantworten.
Kanubio zögerte nicht, nach der Peitsche zu greifen, als Spjall ihn dazu aufforderte, obwohl er sich in diesem Moment nicht sicher war, sie auf einen Menschen niedersausen lassen zu können. Den ersten Schlag setzte er geradezu behutsam in ihre Seite, wohl wissend, wie ein Peitschenhieb schmeckte. Er gab ihr Zeit zu reden, sich inständig wünschend, dass sie es täte, um ihnen beiden die Tortur zu ersparen. Doch sie schwieg. Als er ein weiteres Mal ausholte, kamen die Erinnerungen in ihm hoch: an den Pfeil jener Burglerin, damals, feige von hinten in sein Bein gesetzt und an die Folgen. Er schlug skrupellos zu, immer härter und das Geräusch der Hiebe versetzte ihn noch weiter zurück, in eine Zeit, als er selbst das Ziel seiner Peiniger war. Von einer seltsamen Kälte und Wut erfasst, setzte er Hieb um Hieb, jedes Mal kräftiger, als wäre er nicht er selbst, als stünde da ein völlig anderer – bis Spjall ihm Einhalt gebot.
Roghvatr setzte die Folter fort, doch die Eisenwarterin schwieg beharrlich. Dann machte sie Spjall mit seinen Methoden bekannt. Während Kanubios Blick weiter still auf der Frau ruhte, kam er langsam wieder zu sich und versuchte, so gut als möglich hinter starrer Mine zu verbergen, wie nahe ihm die Qualen der Frau gingen. Gleichzeitig versuchte er sich damit zu beruhigen, dass es nötig war und sie nur den Mund auftun bräuchte, um ihre Peiniger zufriedenzustellen und die Sache zu beenden. Gleichzeitig war er davon überzeugt, wäre er selbst in einer solchen Situation, würde er um alles in der Welt seine Claner nicht verraten. Zudem schien es ihm viel einfacher, derartige Züchtigungen zu ertragen, als sie auszuteilen.
Endlich wurde es der Eisenwarterin zu viel. Leise gab sie ein paar Worte von sich. Spjall zeigte sich zufrieden und beschloss, der Frau etwas Ruhe zu gönnen, lange genug, um sich für den nächsten Tag, an dem die Folter fortgesetzt werden sollte, zu erholen. Als Kanubio sie zurück in die Zelle brachte, hätte er ihr gerne etwas Aufmunterndes gesagt, doch fiel ihm, selbst noch unter dem Erlebten stehend, nichts Passendes ein.
Bei einem Met in der Halle Grimwoulds beschlossen die Kerle den Abend. Spjall war Kanubios Veränderung während der Prozedur im Keller sehr wohl aufgefallen, er hätte gespürt, wie sich der Berserker in ihm geregt hätte. Kanubio konnte es erst selbst nicht glauben, verglich seine Emotionen während des vergangenen Stundenlaufs mit jenen, die er damals bei der Konfrontation mit Trystjarn empfunden hatte. Tatsächlich gab es da einen wesentlichen Unterschied.
Roghvatr und Spjall zog es in die Felle. Kanubio trieb es hinaus ins Freie. Er musste sich ablenken, seinem aufgestauten Frust freien Lauf lassen und sich austoben. Ein Dämon wäre jetzt genau das Richtige. Kanubio begab sich aufs Festland, ging gegen den Dämon und schickte ihn zu seinen Ahnen. Doch konnte auch der harte Kampf sein aufgewühltes Gemüt nicht beruhigen. Immer wieder fragte er sich, ob diese Folter notwendig gewesen war. Genauso oft beantwortete er sich diese Frage mit Ja. Hatte es wirklich keinen anderen Weg gegeben? Nein. War es zum wohl der Clans geschehen? Freilich. Und doch war da etwas in ihm, das sich dagegen sträubte und nicht weichen wollte, was in ihm Ekel vor sich selbst aufkommen ließ.
In seine Gedanken versunken streifte er noch eine ganze Weile durch den Nordwald. Seltsam. Früher war er, wenn er Ruhe gesucht hatte, stets in das raue Gebiet Lameriasts geflohen. Nun kehrte er in solchen Fällen in die sanfte Vertrautheit des Nordwaldes zurück.
Verfasst: Mittwoch 11. Februar 2009, 15:51
von Kanubio Bunjam
Alte Pergamente
Es war spät, als Kanubio die letzten Dinge, die er vom Festland mitgebracht hatte, in den Keller räumte. In einer der Truhen entdeckte er eine rechte Unordnung. Seltsam. Wer hatte hier gewütet? „Das noch schnell aufräumen und dann in die Felle“, dachte er bei sich und begann auszumisten, verärgert über den modrigen Kram, der sich da angesammelt hatte. Eines ums andere flog in einen Sack, den er zur Mülltonne zu tragen gedachte. Fast wären auch diese zerschlissenen Pergamente darin gelandet.
„Moment – Pergamente? Etwas Schriftliches bei den Thyren? Kann nur Städterkram sein!“
Doch wenn es irgendjemand aufgehoben hatte, konnte es so unwichtig nicht sein!
Kanubio setzte sich an den Werktisch und begann, in den verrotteten Schriften zu blättern. Ungebundene Seiten, knapp vor dem Zerfall, brüchig, unvollständig, zerrissen, die Schrift verblasst, teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerstört vom Zahn der Zeit.
Und dennoch konnte es kein Städterkram sein. Die Blätter waren mit Runen beschrieben, eine Schrift, die Kanubio noch nicht ganz geläufig war, gab es doch kaum Gelegenheit, sich darin zu üben. Die alten Pergamente boten sich an, darin zu schmökern. Er zog die Laterne näher zu sich, löste sein Horn vom Gürtel, schenkte sich aus dem Metschlauch ein und begann, alsbald auf die Zeit vergessend, die Runen zu entziffern.
Auf dem ersten Blatt entdeckte er nichts Zusammenhängendes. Zu zerstört waren Pergament und Tinte – sofern dies überhaupt welche war, womit hier einst geschrieben wurde. Behutsam blätterte er weiter. Im nächsten Teil fand sich eine Stelle, die besser erhalten war:
Keinen übleren Begleiter gibt es auf Reisen als Betrunkenheit ist,
Und nicht so gut als mancher glaubt, ist der Met den Erdensöhnen,
Denn um so minder je mehr man trinkt, hat man seiner Sinne Macht.
Kanubio überlegte, den Pegel in seinem Horn mit prüfendem Blick messend. So viel wie in seiner ersten Zeit bei den Thyren soff er tatsächlich nicht mehr. Der Met, im Überfluss vorhanden, hatte seinen anfänglichen Reiz verloren, obwohl er ihn abends an den Feuern zur Entspannung nach wie vor sehr schätzte. Doch auf Reisen … mag schon sein, dass er in der Taverne zu Bajard an und ab etwas übers Maß schlug. Doch weiter im Text!
Freunde sollen mit Waffen und Gewändern sich erfreuen,
Den schönsten, die sie besitzen.
Gab und Gegengabe begründet Freundschaft,
wenn sonst nichts entgegen steht.
Sollte er ihr ein Seidenkleid besorgen? Nein. In ihrem Fall brauchte es keine prunkvollen Gewänder. Einige Süßigkeiten taten viel besser ihren Dienst, um ihr Freude zu bereiten. Sanft lächelte er bei dem Gedanken und arbeitete sich weiter durch die Runen.
Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren,
ihm selbst und seinen Freunden.
Aber des Feindes Freunde soll niemand sich gewogen erweisen.
Eine ganze Weile dachte er über diese Worte nach. Wen kannte er? Wer war Freund von wem? Und wer Feind? Und wer des Feindes Freund? Unzählige Namen und Verbindungen kamen ihm in den Sinn, bis er sich endlich aus seinen Gedanken riss, um sich wieder den Pergamenten zuzuwenden.
Weißt du wen, dem du wenig vertraust, weil dich sein Sinn verdächtig dünkt,
Den magst du anlachen und an dich halten: Die Vergeltung gleiche der Gabe.
Lauter gute Ratschläge, die ihm die Runen vermitteln wollten. Lebensweisheiten. Vielleicht die eines alten, weisen Thyren, der alleine, ohne Nachfahren und Schüler lebte und deshalb alles aufgeschrieben hatte?
Der Mann muss mäßig weise sein, doch nicht allzuweise.
Des Weisen Herz erheitert sich selten, wenn er zu weise wird.
Aye, so ähnlich hatte er es schon von den Thyren selbst gehört. „Ney zu viel nachdenken“, sagten sie oft, wenn einer in Grübelei verfiel.
Kanubio verlor jegliches Zeitgefühl in jener Nacht, spürte nicht die Kälte, die sich im Keller ausbreitete und vergaß die Welt um sich, je mehr er sich in die Runen vertiefte. So manches verstand er nicht, was da geschrieben war. Zu verwegen hatte der Verfasser die Zeilen verfasst, zu ungeläufig war Kanubio noch Schrift und Sprache, um so manche hier formulierte Feinheit zu begreifen. Anderes wiederum mutete ihm sehr vertraut an, wie dies:
Das Vieh stirbt, die Freunde sterben, endlich stirbt man selbst.
Doch eines weiß ich, dass immer bleibt: Das Urteil über den Toten.
Noch einiges gelang ihm zu entziffern, an anderem scheiterte er. Die Stunden vergingen über der Schrift schneller als Kanubio lieb war. Dies wurde ihm bewusst, als sein Trinkschlauch, vor kurzem noch bauchig und rund, flach in sich zusammengefallen am Tisch lag. Dennoch hielten ihn die Runen weiter in ihrem Bann.
Niemand wird es ein Laster nennen, wenn du früh zur Ruhe fährst.
Kanubio erblasste. Das Trinkhorn rutschte ihm aus der Hand und krachte zu Boden. Schlagartig war er hellwach. Diese Worte kannte er aus dem Munde Falks. Dieser hatte sie einst in seiner Gegenwart zitiert und auch gesagt, von wem sie stammten. Der Atem stockte ihm. Fassungslos starrte er auf die Pergamente.
Als er sich einigermaßen gefasst hatte, schob er sie wieder zusammen und wagte kaum, sie dabei zu berühren. Vorsichtig hob er sie an, um sie wieder zurück in die Truhe zu legen. Kaum hatte er sich von dem unbequemen Hocker erhoben, spürte er es zwischen seinen Fingern rieseln. Die Pergamente zerfielen vor seinen Augen zu Staub, der so fein war, dass er am Boden kaum auszunehmen war.
„… wenn früh du zur Ruhe fährst“, hallte es in Kanubios Kopf nach. Zur Ruhe fahren sollte er tatsächlich endlich. Den Kopf voller Worte, die er alle in sich bewahren wollte, begab er sich erschöpft und todmüde in die Felle.
Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 13:09
von Kanubio Bunjam
Vier Schluck nach dem Kampf
Als der Kampf vorüber war, schüttete Kanubio nicht nur einen Schluck in die Flammen, wie es sonst bei den Thyren üblich war, sondern deren vier.
„Der erste den Ahnen“, wie es der Tradition entsprach, und diesmal noch einen Dank dazu, dass sie ihre schützenden Hände über und um ihn sowie seinen Jarl gehalten hatten. Kanubio hatte einen Schnitt im Unterarm abbekommen, fühlte sich im Brust- und Bauchbereich wie unter die Hufe eines Kaltblüters geraten und bedauerte den Verlust einiger Brusthaare durch eine abgeschmirgelte Vorderfront am Oberkörper. Am meisten litt er jedoch unter dem Brummschädel, den ihm Trystjarn beschert hatte, als er seinen Stirnknochen gegen den von Kanubio krachen ließ. Kanubio versuchte, diesem tapfer stand zu halten, um während dessen seinen Schwerthieb anzubringen. Gegen den von Kindesbeinen an kampfgestählten Hünen von einer Handbreite über zwei Schritt Körpergröße hätte es für ihn als ehemaligen Seemann weit schlimmer ausgehen können.
Auch Trystjarn hatte etwas abbekommen. Im Ring hatte die Schulterwunde des Jarls scheußlich geblutet. Kanubio hatte dies zu jenem Zeitpunkt lediglich als eine Nebensächlichkeit wahrgenommen.
Der Hieb Falks, den Kanubio damals am Druidenfest gesehen und selbst lange geübt hatte, von dem er erhoffte hatte, Trystjarn in einem harten, kurzen Kampf auszuschalten ohne ihn schwer zu verletzen, war nicht gelungen. Es war aber auch verdammt schwer, eine Stelle, die drei handbreit über der eigenen Körpergröße lag, punktgenau zu treffen, wobei der Gegner auch noch eine Waffe mit größerer Reichweite führte. Zu Kanubios Missmut zog sich der Kampf danach kräfteraubend in die Länge.
Als er dies bemerkte, beherzigte er den Rat Cyrions, der mit ihm in der Taverne zu Bajard einige interessante Finten anschaulich durchgespielt hatte und dem er den zweiten Schluck widmete: die Waffe des Gegners nicht mit Gegendruck parieren, sondern sie an der eigenen abgleiten lassen und sie damit einer für das Gegenüber unerwarteten Eigendynamik zu überlassen.
Tatsächlich war Kanubio dies sogar einige Male gelungen. Zudem hatte er seine eigene Kraft geschont. Den wuchtigen Hieb des stattlichen Thyrenkriegers jedes Mal effizient zu parieren, hätte den im Gegensatz dazu zarten Kanubio rasant erschöpft.
Bereits als sie den Ring betraten und Aufstellung nahmen, hatte Kanubio das zarte knirschen der Steine im Matsch unter Trystjarns nackten Sohlen wahrgenommen. Einen flüchtigen Gedanken und später den dritten Schluck in die Flammen, widmete Kanubio der blinden Maja. Sie hatte ihn überhaupt auf die Idee gebracht und dazu ermutigt, mit verbundenen Augen den Kampf zu üben und auf diese Art auch andere Sinne als den visuellen fürs Gefecht zu schärfen. Am Beispiel eines Kerzenständers hatte sie ihm dies in Lilis Haus geduldig veranschaulicht.
An Wina richtete sich ebenso sein Dank, wenn auch nicht mit einem Schluck, so doch in seinen Gedanken. Dieses Weyb war ja bereits vieles von ihm an Verrücktheiten gewohnt, doch als er sie in den Ring zitierte und sich dort kampfbereit die Augen verband, hielt sie ihn für völlig übergeschnappt. Als sie jedoch nach einigen ersten Fehlversuchen bemerkte, dass es Kanubio durchaus gelang, gewisse Handlungen im voraus zu erlauschen, ja sogar zu erspüren oder zu kombinieren, gestaltete sich auch für sie die Übung zum interessanten Experiment. Was er mit dem Kerzenständer begonnen und im Ring mit Wina fortgesetzt hatte, legte er danach auch im Alltag um und zurück im Ring kamen ihm die gewonnenen Erfahrungen im Kampf gegen Trystjarn zugute. Er brauchte des Jarls Füße nicht zu sehen, um zu wissen, was der Hüne mit ihnen vor hatte.
Ein weiterer und damit der letzte Schluck fand seinen Weg in die Flammen: jener für Dargosch, dem geselligen Khaz-Aduir, dem Kanubio in der Taverne zu Bajard höchst interessiert lauschte, als dieser über seine Erfahrungen im Kampf gegen einen größeren Gegner berichtete. „Die Hiebe eines Größeren kommen immer von oben“, war Dargoschs Ansicht, die Wina im Ring bei den Übungen gegen Kanubio allerdings widerlegte. Wina war jedoch auch nur zwei Finger breit größer als Kanubio. Trystjarn hingegen hielt sich dermaßen genau an die Behauptung des Zwergs, dass sich während des Kampfes Kanubios Mundwinkel ab und an hoben.
All jenen, die dazu beigetragen hatten, dass dieser Kampf zu Kanubios Gunsten beendet wurde, dankte er in jenem Moment, als er danach zerschlagen und geschunden, aber glücklich an den Feuern der großen Halle in Wulfgard stand. Ohne ihre Geduld, ihm so manches zu erklären, ja sogar praktisch zu veranschaulichen, hätte er sich in diesem Kampf, der lediglich im Kilt und mit scharfen Waffen ausgetragen wurde, lange nicht so gut, wenn überhaupt, gegen den Jarl der Bunjam gehalten.
Verfasst: Freitag 6. März 2009, 02:52
von Kanubio Bunjam
Ein Pergament, mit Efeu umrankt
Er wurde zu einem der schwärzesten Tage in Kanubios Leben, als Runa ihm jene Pergamentrolle gab, die behutsam mit einer Efeuranke umwickelt in ihrem Postkasten gelandet war. Ein Brief von Nadua! Höchst erfreut lächelte Kanubio vorerst bei ihrem Anblick. Doch dann trafen ihn ihre Worte schlimmer als ein Stich mit der thyrischen Wolfsklinge mitten ins Herz.
Nadua hatte das Land verlassen. Sie verabschiedete sich auf diesem Weg von ihm.
„Nein! Nicht Nadua! Nicht du auch noch!“ brüllte alles in ihm auf, während ihm die Tränen in die Augen schossen. Doch er riss sich zusammen, versuchte, seine in ihm brodelnden Gefühle vor den Clanern zu verbergen.
Erst vor wenigen Tagen hatte sie ihn besucht, hatte zugesagt wieder zu kommen. Und nun das?
Fassungslos starrte er auf das Pergament. Und las es immer wieder.
Er wusste, dass die Claner seinen Schmerz nicht verstehen würden. Für sie war sie nur irgendeine Städterin. Kanubio gab vor, nach den Hühnern schauen zu wollen und flüchtete aus der riesigen Halle Wulfgards, die ihm den Atem raubte und ihm die Kehle zuschnürte. Zwar sammelte er tatsächlich die Eier ein, doch bemerkte er sie erst in seiner Hand, als er aufs Pferd steigen wollte und sie ihn dabei behinderten. Er wollte weg. Nur noch weg! Ganz weit weg!
Ziellos trieb er das Tier durch die Wälder Lameriasts, in der betäubenden Kälte auf Erquickung hoffend, lediglich die Gewandung am Körper, die er zuvor in der bulligen Hitze der Hallenfeuer getragen hatte. Seinen Tränen ließ er freien Lauf. Hier sah ihn keiner. Eisig froren sie auf seinen Wangen.
Irgendwann kehrte er zurück nach Wulfgard. Die Palisaden, die ihn sonst warm und freundlich umfingen, kamen ihm diesmal fremd vor. Runa scherzte mit Asleif. Er kam sich in der fröhlichen Stimmung wie ein Fremdkörper vor. Sogar später, als Runa seine Traurigkeit bemerkte, ihn sanft in die Arme schloss und er seine Stirn auf ihre Schulter legte, konnte dies nur den kleinsten Teil seiner Schmerzen lindern. Kanubio heulte los, heulte wie ein Wolf aus seinem tiefsten Inneren zu den stolzen Statuen, die ihre Augen auf das Tor von Wulfgard richteten - und Runa heulte mit ihm.
Nur ein geringfügiger Teil seines Schmerzes fiel von ihm ab, gerade so viel, dass er den Clanern in der Halle unter die Augen treten konnte, ohne ihnen seine düsteren Gefühle und seinen Kummer zu offenbaren. Gerade so viel, dass seine Augen trocken blieben.
So Kanubio Nadua etwas zu sagen hätte, würde es der Wind zu ihr tragen, hatte Runa ihm erklärt. Als es still wurd in Wulfgard und alle in den Fellen lagen, schlich er sich hinaus, in den Heiligen Hain.
„Dame im Wind, ich bitte dich, nimm meine Worte mit dir, bring sie zu Nadua“, flüsterte Kanubio im Schein des dort ewig brennenden Feuers, fast ohne die Lippen zu bewegen.
„Nadua, du, der Sonnenschein in meinem Leben,
du, die mich immer so genommen hat, wie ich war, wie ich bin,
egal ob vergnügt oder zu Tode betrübt,
egal ob die verrücktesten Ideen in meinem Hirn
oder die Welt nicht verstehend,
die mich nie getadelt hat, weil ich zu viel trank oder mürrisch ward,
oder dann, wenn ich wieder mal zu trollköppig war, um was zu begreifen,
die meinen Weg nie kritisierte, sondern ihn sanft am Rande begleitete,
die ich tief in meinem Herzen liebte, als meinen Sonnenstrahl,
der mir das Leben versüßte und oft und überhaupt erst erträglich machte.
Die ich respektierte als das Weyb meines Bruders,
die mir Herz und Hirn leicht machte, (auch wenn sie mir den Garten voll kotzte).
Oft dachte ich an dich, wenn ich den Fliegenpilz neben der Kutsche sah,
und wohl werd ich nun bei jedem an dich denken,
dem ich auf meinen Wegen begegnen werd.
Mey hab dey angehalten, mey ney zu umarmen,
weyl „sey“ es ney wollten.
Jetzt bereu ich es zutiefst.
Ich hätt mein Haar dafür lassen sollen.
Ich hätt dey ney abweisen dürfen,
weil’s deine Art ist, deine Zuneigung zu zeigen.
Ich hab dir damit weh getan, dich verwirrt, dich verletzt.
Ein unverzeihlicher Fehler.
Du fühltest dich zurückgestoßen.
Das wollt ich nicht.
Verzeih mir, ich bitte dich, auch wenns unverzeihlich ist!
Der Schmerz darüber und über dein Fortgehen
zerreißt mir schier das Herz.
Und keiner hier oder auch sonst wo
wird mich verstehen, gerade jetzt
in meiner Verwirrung, die noch nie so groß war wie zuvor,
seitdem ich hier bin.
Doch das soll nicht deine Sorge sein, sondern die meinige.
Du sollst mir Vorbild sein wie Falk, wie Serendo.
Oh ja, sehr wohl nenne ich deinen Namen
im selben Atemzug wie den ihren.
So wie ich meinen Weg ging und gehe,
gehst du nun den deinen.
So wie du mich gehen ließest, begleitet von deinem Lächeln,
muss ich es nun tun, so weh es auch tut.
Und sosehr mir auch das Herz blutet,
Nadua, du wirst immer ein Teil von mir sein!
In tiefster Ehrfurcht und in Respekt gibt Kanubio dem Wind diese Worte mit, in der Hoffnung, ja in der Gewissheit, Nadua würde sie aus dem Flüstern einer sanften Brise – wo immer sie auch sei - heraushören.
Verfasst: Mittwoch 6. Mai 2009, 01:23
von Kanubio Bunjam
Ein wahrer Held?
Andreas wollte sich dankbar zeigen. Wofür? Kanubio hatte ihn bei diesem Unternehmen gerne begleitet. Schon aus reiner Neugier, obwohl ihm dabei doch recht mulmig zu Mute war.
Mit heiler Haut zurück in Bajard unterhielten Andreas und er sich über Helden. Über wahre Helden.
„Ich bevorzuge Silber, weil es schlicht ist“, erklärte ihm der Knappe. „Setze Gold daneben und jeder schaut nur noch auf das Gold.“
Kanubio zweifelte. Bei Metall dachte er an Waffen und da würde er die Silberne der Goldenen vorziehen. Doch er begriff, was Andreas meinte und der Vergleich gefiel ihm.
„Silber ist schlicht“, fuhr Andreas fort. „Es symbolisiert für mich die Ehre, die Bescheidenheit, und das alles zeichnet einen Helden aus.“
Bescheidenheit … die Thyren hielten nicht viel davon. Man war stolz auf seine Taten, auf das, was man konnte und womit man den Clan unterstützte. Und es war selbstverständlich.
„Helden sind jene, die sich nicht mal als Helden schimpfen oder betiteln lassen würden. Sie tun Dinge, weil sie es als selbstverständlich ansehen, sie zu tun“, meinte Andreas. „Helden sind bescheiden und deshalb möchte ich dir diese Klinge überreichen. Sie hat für mich eine gewisse Symbolik.“
Wie so oft, wenn er unter Städtern weilte, brodelte in Kanubio kurz das Misstrauen auf, doch verdrängte er es. Zwar war Andreas ein Städter, allerdings sah Kanubio keinen Grund, weshalb Andreas ihn zum Narren machen und ihm Honig um den Bart schmieren sollte.
Der bei den Thyren inzwischen recht verwilderte Krieger war sich allerdings unschlüssig, ob er dieser Symbolik würdig wäre, hatte er doch seiner Ansicht nach nichts Heldenhaftes vollbracht. Einen Helden stellte er sich anders vor: Ruhmreich bewies ein solcher seine Kampfkunst in großen Schlachten oder mit Heldentaten. Es war einer, der Außergewöhnliches vollbrachte, um sein Ziel zu erreichen und dazu über sich selbst hinauswuchs. Alles andere – füreinander da sein und einander zu helfen – war in der Lehre Thrails und im Clan selbstverständlich.
So erlaubte Kanubio es sich für ein paar Lidschläge, sich wie ein Held zu fühlen … in verlegener Verwirrtheit, aber zugleich erfüllt von Stolz und zutiefst ergriffen von Andreas Anerkennung, als er ihm das silberne Langschwert überreichte, welches durch eine ebensolche Scheide geschützt war. Kein weltbewegender Anlass hatte den Knappen Myrtol dazu getrieben, kein Festsaal war als Ort der Übergabe von ihm gewählt worden und keine weiteren Anwesenden wurden Zeugen dieser Ehrung in der Bank zu Bajard zu nachtschlafender Stunde.
Kanubio betrachtete die Klinge ebenfalls als ein Symbol. Sie sollte ihn stets an diesen Abend erinnern.
„Mich interessieren kaum Titel, Reichtum und Macht“, hatte Andreas behauptet.
„Wenn du eines Tages Ritter bist, wirst du der Macht nicht ausweichen können“, hatte Kanubio gekontert.
„Auch wenn Macht mich ‚durchströmen’ sollte, ist es wichtig, sich auf die Bescheidenheit zu berufen und sich auf das zu besinnen, womit man anfing“, meinte Andreas dazu.
Kanubio zweifelte. Wie viele der jungen, umgänglichen Recken waren schon hinter dicken Steinmauern verschwunden, sobald sie ihr „Sir“ im Namen trugen oder in der Rangordnung aufgestiegen waren und hatten, wenn er sie traf, über ihn hinweggesehen?
„Sag das dann noch einmal, wenn du einen ‚Sir’ vor deinem Namen hast“, grinste Kanubio spitzbübisch.
Eine Weile saßen sie noch zusammen und plauderten über Helden.
„Und falls ich mal überheblich werde als Sir“, hatte Andreas noch gesagt, bevor sie sich trennten, „brat mir eins über, damit ich zur Vernunft komme.“
Das traute sich Kanubio durchaus zu und an genau das sollte ihn die Klinge ebenfalls stets erinnern.
Verfasst: Mittwoch 6. Mai 2009, 01:24
von Kanubio Bunjam
Traum und Wirklichkeit
Unruhig warf sich Kanubio in jener Nacht in seinen Fellen von einer Seite auf die andere.
Diese Augen … starr … leer … blutunterlaufen … und doch jede Bewegung um sich sofort wahrnehmend …
Kanubio zitterte am ganzen Körper.
Diese Schreie … sie gehen ihm durch und durch … wollen das Trommelfell zerreißen … kündigen markerschütternd den schnellen Tod …
Kanubios Finger krampften sich in die Felle, wie zuvor an den Rand des Schildes, das er schützend über sich zog, um Trystjarns Hiebe abzuhalten.
Die Faust … der Holzschild … mit übernatürlicher Kraft gegen den Diamantschild geschleudert … zerbirst krachend …
Kanubio schrie auf. Noch einmal spürte er, wie seine Hand unter der mächtigen Wucht von Trystjarns Hieb zermalmt wurde.
Knochen splittern … der Geruch von verbranntem Fleisch lähmt seinen Atem … Systra schützen!
Wild um sich schlagend landete Kanubios Körper auf dem blanken Boden neben seinen Fellen. Wieder brüllte er auf.
Mit mächtiger Wucht donnert etwas gegen seinen Schädel … Erschütterung … Unverständnis … diese Kraft! … Deckung suchen …
In dem Bild vor seinen Augen versucht er zu gehen, doch seine Beine scheinen bleischwer am Boden zu haften.
Diese Augen … blanker Hass … unermesslicher Zorn … eine Kreatur … unaufhaltsam bricht sie vorwärts … ein eiskalter Todesbringer …
Schweißdurchnässt waren die Felle und sein gesamter Körper, als Kanubio aus dem Schlaf hochfuhr und die Augen aufriss.
Stand er im Ring? Verwirrt blickte er sich um. Da war der matte Schein des Kamins – seine Felle – das Schwert davor – sein Zimmer.
Diese Bilder …
Verwirrt versuchte Kanubio, sein wild schlagendes Herz zur Ruhe zu zwingen und seinen Atem zu beruhigen. Die Bilder, die er eben noch deutlich vor Augen gehabt hatte, waren verschwunden. Hatte er alles noch einmal erlebt? Oder war dies … ein Traum gewesen?
Verfasst: Montag 11. Mai 2009, 17:21
von Kanubio Bunjam
Tief in seinem Inneren spürte Kanubio, dass er auf dem richtigen Weg war, mit den Lehren Thrails und sich selbst eins zu werden und das, was er bislang die Schatten genannt hatte, als etwas sehr stärkendes zu empfinden.
Freilich wallten seine Emotionen kurz in ihm hoch, als Alexios die provokanten Schmähungen seiner Ahnen und der Thyren aussprach, doch wären sie nicht Alexios Hirn entsprungen, sondern seinem Freund, der draußen vor der Türe wartete, maskiert und nicht bereit, seinen Namen preis zu geben. Als er dies vernahm, musste sich Kanubio schwer beherrschen, nicht schallend aufzulachen, denn Alexios, den er – obwohl ein Eisenwarter – bislang doch noch einigermaßen ernst genommen hatte, fiel tief in seiner Achtung, da er sich zu einem derartigen Botengang herabließ, für den er, und wo er auch noch stolz drauf war, nicht einmal einen Botenlohn bekam.
Waren diese Burgler tatsächlich so dumm zu erwarten, er würde mit gezücktem Schwert stinkwütend aus der Taverne stürmen, um auf den berittenen Maskierten, der sogar zu feige war, seinen Namen zu nennen, einzuschlagen? Aye, sie waren es!
Sie glaubten, die Thyren zu kennen, doch war ihr Wissen um dieses Volk so oberflächlich, dass es oberflächlicher nicht mehr ging. Sie glaubten tatsächlich, man bräuchte nur etwas Abfälliges über die Ahnen zu sagen, um einen Claner in Weißglut zu bringen. Ein fatales Fehldenken, welches ihren Plan nicht aufgehen ließ, denn Thrails Wege öffneten sich nur jenen, die dies auch wirklich wollten, im Clan lebten, sie erfuhren und verinnerlichten.
Eins mit seiner Vergangenheit und einen Leitsatz Thrails im Hinterkopf, prallten jene plumpen Beleidigungen, die früher seine Gedanken durcheinander purzeln hätten lassen, jetzt wie Wassertropfen auf seiner gut geölten Rüstung ab. In diesem Moment fühlte er sich stark. Schier unumstößlich schien seine Ruhe, welche die Schatten in ihm aufbauten und die sein Denken durchströmte. So war es einfach, das üble Spiel zu durchschauen. Weitaus schwieriger war es in den wenigen Lidschlägen, die ihm zur Verfügung standen, die Folgen seiner möglichen Handlungen zu erwägen. Doch die Falle war zu augenscheinlich, zu sehr an den Haaren herbeigezogen die Worte, die beleidigen sollten, und zu offensichtlich, was damit erreicht werden sollte.
Dass es ihm dennoch viel Kraft gekostet hatte, ruhig zu bleiben, merkte er, nachdem Alexios die Taverne verlassen hatte. Freilich wollten die Emotionen noch nachträglich in ihm aufbrodeln, doch schnell schaffte er es, sich mit ein paar tiefen Atemzügen zu beruhigen.
Später, alleine am Lagerfeuer, schlug der Stolz in einer hohen Woge über Kanubio zusammen. Ehrbar hatte er einen sinnlosen Kampf gemieden, in dem es um absolut nichts gegangen und wo nichts zu gewinnen gewesen wäre, wobei jedoch dessen Folgen sich überaus übel für seinen Clan, die Thyren, ja vielleicht sogar für ganz Lameriast hätten auswirken können.
Eine kleine Begebenheit in seinem Leben, eine schon gewohnte Dummheit der Burgler, die es nicht einmal wert wäre, die Zeit seines Jarls damit zu verschwenden, sie ihm zu erzählen. Wie loderndes Feuer erwärmte der Stolz weiter Kanubios Brust und er spürte, wie die Augen der Ahnen und jene Thrails wohlwollend auf ihm ruhten.
Verfasst: Freitag 22. Mai 2009, 13:17
von Kanubio Bunjam
"Das Namenlose" für den Jarl
(27. Eisbruch 252)
Die Schmiede unter den Thyren waren rar zu jener Zeit, schon gar die Meister ihrer Kunst. Doch nahte der Tag, da Trystjarn seine Diamantrüstung überreicht werden sollte. Dazu gehörte freilich auch ein Schild sowie ein Bastardschwert aus demselben Material. Es war unumgänglich, dass für die heiklen Arbeiten mit dem wertvollen Erz ein Meisterschmied hinzugezogen werden musste und so blieb den Clanern nichts anderes übrig, als einen Städter damit zu beauftragen.
Dass sein Jarl ein von einem Städter gesiegeltes Schwert führen sollte, war Kanubio ein Dorn im Auge, doch lag es in seinen Händen, dies zu verhindern. In der Truhe in seinem Zimmer lagerte in mit Waffenöl getränktem Tuch ein Meisterwerk thyrischer Schmiedekunst: ein Bastardschwert, gesiegelt von Hrefna Hinrah. Um die Erlaubnis zu bekommen, es sich von einem Thyrenschmied fertigen zu lassen, hatte ihm Falk eine sehr schwere und – wie sich später herausstellte – sogar unlösbare Aufgabe gestellt, für deren Bewältigung er einen Mondlauf Zeit gehabt hatte. Zudem hatte Kanubio das Rohmaterial aufzutreiben. Schließlich war es unter Hrefnas Hammer entstanden und seitdem hütete Kanubio es als sein höchstes Gut. „Klein Scylfing“ nannte er es insgeheim, denn es hatte noch keinen eigenen Namen, den er sich auch laut und stolz vor anderen aussprechen getraute. Diesen sollte es sich in großen Schlachten, in die Kanubio damit ziehen wollte, in seiner Hand verdienen. Doch bislang war es nicht dazu gekommen. Die Zeiten waren ruhig und um die Klinge mit Skelettknochen zu quälen, war sie ihm zu schade.
Scylfing, die imposante Klinge Falks, war das erste Ahnenschwert gewesen, das Kanubio kennen gelernt hatte. Boldfelling und Swindulffing, die Schwerter Argos und Skallagrims, waren die anderen. Sie alle hatten Kanubio zutiefst beeindruckt. Zwar würde „klein Scylfing“ nie an diese geschichtsträchtigen Ahnenklingen auch nur im entferntesten herankommen, doch für Kanubio hatte dieses mit Runen verzierte Bastardschwert denselben Wert, wie für einen ruhmreichen Thyrenkrieger seine Ahnenklinge.
Nie würde Kanubio eine solche führen können! Ihre Größen überragten die eines üblichen Zweihänders um einiges und man musste wahrlich dazu geboren sein, um eine solche handhaben zu können.
Bis zuletzt nagten in Kanubio, trotz seinem festen Entschluss Trystjarn dieses Schwert zu überlassen, Zweifel.
Würde er seinen Großmut eines Tages bereuen?
Würde Trystjarn die Waffe zu schätzen wissen?
Sollte er es diesem edlen Schwert, das zu erlangen ihm so viel Kraft und Aufwand gekostet hatte, tatsächlich antun, immer und ewig im Schatten einer Nordmanns- oder Ahnenklinge zu stehen und selbst nie zu einem ruhmreichen Namen zu kommen?
Kanubios Zweifeln stand seine Hochachtung und sein Respekt vor Trystjarn sowie sein Traum, die Thyren wieder wie einst in Diamant in den Kampf ziehen zu sehen, gegenüber.
In jenem Moment, als Kanubio loslief, um es für seinen Jarl aus der Truhe zu holen, zählte letzteres und sein tiefes Vertrauen in sein Schicksal sowie in die Ahnen und Geyster, dass sie ihm so es an der Zeit wäre, „seine“ Klinge zukommen lassen und ihn auch ihren Namen wissen lassen würden.
- * - * - * - * - * - * - * - *
Drei Mondläufe später …
Hatte Trystjarn gemerkt, wie nahe es Kanubio immer noch ging, wenn er das Schwert am Waffengurt des anderen sah, wie wehmütig sein Blick wurde, wenn es surrend aus Trysts Hand in die Scheide fuhr?
Spät Nachts saßen sie im Herzen Wulfgards an den Feuern in der großen Halle, die in die Stille hineinknisterten, welche nur durch die Stimmen der beiden Männer und ab und an durch ein Schnarchen aus einem der Zimmer durchbrochen wurde. Sie gingen die Bewaffnung der Claner durch. Dabei kamen sie auch auf die Ahnenklingen zu sprechen.
„Und wenn die Ahnen wollen, wird es bald erneut eine Klinge geben, deren Name und Geschichte fortgeführt werden soll“, seufzte Trystjarn und Kanubio fiel in dieses Seufzen mit ein, wurde er dadurch wieder an „Klein Scylfing“ erinnert.
Trystjarn wusste seine Betrübnis offensichtlich zu deuten, denn er erkundigte sich mit einem Lächeln auf den Lippen: „Welche Klinge ist es, die dein Kriegerherz begehrt?“
„Die Klinge, die mein ‚Scylfing’ werden sollte, trägst du nun“, antwortete Kanubio und trotz allem strahlte er voller Freude zu ihm auf.
„Aye, ein sehr kostbares Geschenk“, meinte Trystjarn und klopfte kurz darauf. „Hast du ihm einen Namen gegeben?“
Kanubio verneinte und blickte wehmütig zu dem Schwert wie zu einer abhanden gekommenen Geliebten.
„Du hast die Aufgabe versucht und das Diamant für diese Klinge besorgt, du hast sie geführt und mir dann gegeben … aber diese Klinge ist für dich geschmiedet worden, also ist es auch an dir, ihr einen Namen zu geben, nicht an mir.“
Kanubio sah seinen Jarl völlig verblüfft an.
„Wer weiß“, sprach dieser weiter, „welchen Weg diese Klinge noch nehmen wird? Vielleicht kehrt sie eines Tages in deine Ahnenreihe zurück. Und genau darum sollst du ihr einen Namen geben. Wenn du willst, dass dieses Schwert mehr als ein seelenloses Werkzeug ist, dann wirst du ihr einen Namen geben müssen. Die Ahnenklingen der Einherja bekommen diesen, noch bevor sie geschmiedet werden, denn der Schmied muss jenen in die Klinge selbst verewigen. Sie werden in den heißen Feuern nicht nur hergestellt, sie werden dort geboren.“
Als Trystjarn dies sagte, begannen Kanubios Gehirnwindungen zu arbeiten und die Bilder jenes Tages, an dem „Klein Scylfing“ geboren wurde, traten vor sein Auge.
„Als Hrefna die Klinge schmiedete, hat sey tatsächlich Runen eingearbeitet“, erinnerte er sich, aber noch mehr an den Anblick des rasend wütenden Muskelpakets von Schmiedin, die ihm nicht nur das Schwert sondern auch ein paar Plattenhandschuhe fertigen sollte, deren Material – gut doppelt, wenn nicht dreifach bemessen – sich unglücklich im Schmiedefeuer in blassen Rauch auflöste. Er hatte damals nicht den Mut aufgebracht, sie nach den Runen zu fragen, war froh, noch schnell seinen Dank anbringen zu können, bevor ihn Splitter der leeren Phiolen trafen, die herhalten mussten, um ihren Zorn abzureagieren, indem sie sie an Grimwoulds Wänden zerschellen ließ. Damals konnte er noch keine Runen lesen und so blieb ihm ihr Sinn und ihre Bedeutung stets verborgen. Erst vor kurzem hatte er begonnen, sie zu lernen.
„Sie sind verblasst, als ich das Schwert nicht benutzte“, seufzte Kanubio, dem nun die Zusammenhänge klar wurden. Die Seele des Schwertes war bereits dabei, aus ihr zu fliehen.
Noch einiges besprachen sie an jenem Abend, doch über die Namensfindung kein Wort mehr. Es war nun an ihm, den Namen dieses Schwertes herauszufinden.
Verfasst: Sonntag 24. Mai 2009, 04:09
von Kanubio Bunjam
Kryndlagor
Oft und intensiv hatten sich Kanubios Gedanken in jenen zwei Mondläufen vor der Vernichtung Varunas um den Drachen gedreht. Viele Nächte hatte er sich, patrouillierend in den Wäldern um Varuna, um die Ohren geschlagen, von Tag zu Tag müder werdend. Mit unzähligen Leuten hatte er gesprochen. Jeder noch so kleinen Spur war er nachgegangen und den größeren und großen ebenso.
Die Ereignisse beschäftigten jetzt, wo Varuna in Schutt und Asche lag, immer noch seine Gedanken. Sollte das denn schon alles gewesen sein? Die strikte Order seines Jarls im Nacken, sich nicht in die Geschehnisse einzumischen, hatte er befolgt, auch wenn es ihm verdammt schwer gefallen war, die Schlacht lediglich zu beobachten ... und nicht einmal das hätte er tun sollen!
Wütend schleuderte er den Angelhaken mit dem schweren Köder weit hinaus ins Meer. Nur mit tiefstem Missmut würde er stets an den Tag der Schlacht um das verlassene Varuna zurückdenken. Sollten seine ganzen Bemühungen in jenen zwei Monatsläufen davor umsonst gewesen sein? Wie sehr hätte er sich in jenen Momenten, versteckt am Rande des Schlachtfeldes, gewünscht, jemand anderer sein zu können oder als Vogel über dem Kampfgebiet zu kreisen. Aber das konnte er nicht.
Kanubio grübelte wieder über das Geschehene und je mehr er darüber nachdachte, umso mehr traten Ereignisse und Begebenheiten aus den letzten zweieinhalb Jahren in sein Bewusstsein zurück, umso mehr tobte alter Zorn in ihm auf und schürte seine Wut. Doch hatte er sein Lebtag lang gelernt, sich solche Gefühle nicht anmerken zu lassen und sie unter einer diamantharten Schicht zu verbergen, ebenso wie er geübt war, sein Wissen um so manches hinter der Maske eines einfältigen Kriegers zu verstecken.
„Wölfe, Kanubio“, hatte sein Jarl zu ihm gesprochen, „spielen der Beute keine Streiche. Sie zeigen ihr allenfalls, wer Jäger und wer Beute ist. Sie jagen sie, sie hetzen sie und sie versetzen sie in Angst.“
‚Schlussendlich töten sie sie’, vollendete Kanubio kalt den Satz Trystjarns in seinen Gedanken, ‚und überleben selbst dadurch.’
Die Worte seines Jarls klangen wohltuend in ihm nach, fraßen sich tief in ihn hinein, kühlten seinen Zorn und legten sich sanft wie eine heilende Salbe über seinen Hass. In tiefem Vertrauen auf die Geyster und Ahnen zauberten sie, während er in tiefdunkler Nacht einsam die Angel ein weiteres Mal aufs Wasser auswarf, ein zufriedenes, wölfisches Grinsen in sein Gesicht.
Verfasst: Samstag 8. August 2009, 12:17
von Kanubio Bunjam
Jahrestag
Kanubio saß in der großen Halle Wulfgards – alleine, wie so oft in den letzten Tagen. Seine Arbeit an der Nordpalisade war beendet. Er lehnte sich zurück an den massiven Holzpfeiler, nachdem er sich Met eingeschenkt hatte.
Genau auf den Tag war es einen Jahreslauf her, dass er im Clan lebte. Immer noch glücklich über seine damals nicht einfache Entscheidung, die Waldgeister dafür zu verlassen und all seinen persönlichen Besitz dem Clan zu übereignen, nahm er einen guten Schluck aus dem Horn und ließ den Blick schweifen, bis zu Leifs Schädel über Systras Thron.
„Na, hätt’st dey das gedacht?“ rief er zu ihm in Thyst hinauf. Der Städter in der Aussprache war unüberhörbar, doch die Claner hatten sich daran gewöhnt. „Dank dey, Leif, für deyn Vertrauen!“ Und leise fügte er hinzu: „Schade, dass dey ney mit mey anstoßen kannst.“
Der junge Krieger prostete dem Schädel zu, lächelte, wehmütig und zufrieden zugleich, denn er war sich sicher, dass Leif über alles Bescheid wusste … drüben in Anundraf.
So vieles war geschehen in diesem Jahr. Mit halb geschlossenen Augen dachte Kanubio zurück … Sie hatten ihn vollgestopft mit Wissen um die Tiefländer, deren Traditionen und Kultur. Wie ein staubtrockener Schwamm hatte er jede Kleinigkeit in sich aufgesogen, bis ihm schier der Schädel zu platzen gedroht hatte. Das Lächeln auf seinen Lippen schwand, als er an seine harte Anfangszeit zurückdachte, ja ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Nicht jeder im Clan hatte ihn freundlich und wohlwollend aufgenommen. Und sie alle hatten ihn hart ran genommen.
Mit Schaudern dachte er daran, als er erstmals vor voller Halle hätte sprechen sollen und kläglich versagt hatte. Bilder des von Trystjarn und ihm im Kampf zerstörten Stalls tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Die Ahnen hätten ihm in diesem Moment flüstern können, dass er damals schon auf dem Weg zu ihnen gewesen war, doch sie taten es nicht.
Einen Mondlauf nach seiner Aufnahme im Clan hatten sie das neue Fort bezogen. Tief in seinem Inneren bedauerte er dies. Die alte Festung war zwar weitaus unkomfortabler gewesen, doch viel heimeliger und gemütlicher. Doch die Geyster wussten auch in diesem Fall, was geschehen würde und so übersiedelten sie.
Viele seiner früheren Freunde hatte er verloren. Wehmütig senkte er den Blick auf die Narbe an seinem Handgelenk. Simon … wie lange war es her, dass er seinen Blutsbruder nicht mehr gesehen hatte? Es schien ihm wie eine Unendlichkeit. Niemand wusste, wo er zu finden wäre.
Genauso wenig wusste man genau, wann Leif und Kadlin den Werwölfen zum Opfer gefallen waren. Am 14. Searum des Jahres 251 hatten sie das verbrannt, was die Bestien von ihnen übrig gelassen hatten.
Die Werwölfe … Kanubios Zeigefinger fuhr über seine Wange, wo ein genauer Betrachter eine hauchfeine Narbe erahnen könnte. Die einzige, die in Kanubios Gesicht zu finden war, verursacht von jenem Werwolf, der in Sigfastr steckte und den sie ihm ausgetrieben hatten.
Nie hätte Kanubio gedacht, dass ein Thyrenweyb an ihm Gefallen finden würde und er an ihr – und doch passierte es. Der Gedanke an Lidwina vertrieb die dunklen Erinnerungen an die Schlacht gegen die Werwölfe, denen auch Evja ein Opfer geworden war und eine schwerwiegende Meinungsverschiedenheit zwischen Rafael und Trystjarn heraufbeschworen hatte.
Dunkelheit war über das Land gebrochen. Wochen, Monate hatte sie gedauert, doch auch sie war vorbei gegangen, nachdem sie die Untoten besiegt hatten, die überall aus den Tiefen hervorgequollen waren.
Kanubio hatte viel gelernt, hatte Erfahrungen gesammelt und war auch im Kampf mit dem Rudel verschmolzen. Er hatte sich im Ahnenentscheid gegen Trystjarn bewiesen, hatte es geschafft die Eisstatue zu schnitzen und den Ersten Segen für Lidwina zu erhalten.
Kryndlagor war wieder aufgetaucht. Zwei Monatsläufe hatte Kanubios Interesse hauptsächlich dem alten Drachen gegolten. Doch die politische Sturheit Adorans hatte es verhindert, dass Kanubio sich in der großen Schlacht gegen das Untier und die Rahaler Streitmächte beweisen hätte können.
Noch viel mehr war passiert. Er hatte Claner kommen, gehen und sterben gesehen. Es hatte Zeiten der Ruhe gegeben, ebenso wie solche, in denen er nicht wusste, wo zuerst mit der Arbeit anfangen. Wie flüchtige Nebelschwaden huschten die Bilder aufregender Ereignisse, gefährlicher Rituale, ruhmreicher und weniger erfolgreicher Kämpfe, aber auch solche aus dem geruhsamen, familiären Clansleben durch seine Gedanken, tauchen auf und verblassen wieder, schon überlagert von dem nächsten.
Sehr lange saß Kanubio an jenem Jahrestag in der Halle, das seltene Nichtstun genießend und in Erinnerungen schwelgend. Müde, aber glücklich lächelnd, fielen ihm irgendwann im Sitzen die Augen zu. Er träumte … von einem Zirkus, der merkwürdige Kreaturen ausstellte … dass er in ein Zelt ging, durch ein Tor trat … eine andere Gestalt annahm, die sich wieder und wieder wandelte … Er wurde zu einem großen Wolf und bei ihm war da ein anderer. Sie balgten herum. Es konnte nur Wina sein, so liebevoll, wie sie ihre Pfote auf seine Schulter legte, als er, den kräftigen Körper auskostend, nach einem riesigen Sprung stürzte, nicht geübt darin, vier Pfoten beim Aufsetzen am Boden richtig zu koordinieren. Im Körper eines Wolfs zu stecken, war herrlich. Jetzt, in diesem seltsamen Traum, verstand er diese Tiere noch mehr als zuvor. Aye, er war ein Wolf geworden … ein Kind und Wolf der Bunjam.
Verfasst: Montag 12. Oktober 2009, 07:44
von Kanubio Bunjam
Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?
Alles, was Kanubio noch fühlte, war eine riesige innere Leere, als er nach dem Fest in Adoran ziellos durch die Wälder um Wulfgard stolperte. Je weiter er wanderte, je mehr ihm die Äste der ausfahrenden Sträucher ins Gesicht peitschten, umso mehr wich diese Leere einer immensen Wut auf sich selbst, gepaart mit tiefster Enttäuschung. Während er weiter schritt, schlug er mit der Faust gegen die rissigen Rinden der Bäume, bis seine Knöchel aufplatzten, doch spürte er den Schmerz nicht, nur das warme Blut, das ihm über die Haut rann, welches er kalt ignorierte.
Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum, drückte die Stirn demütig an seine Rinde und hoffte, dass ihm der Geist des alten Gewächses ein wenig seiner Kraft schenken würde. Doch wich lediglich seine Wut in ihm einer unendlichen Verzweiflung.
Jegliche Energie war in Kanubio erstorben, seine Ziele waren schon seit geraumer Zeit in weite Ferne gerückt und sein Leben als Krieger inhaltslos.
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
klang eine in sich hallende Stimme an sein Ohr, die ihm einen eisigen Schauer über den Rücken trieb.
Kanubio hatte sich im Zwiespalt befunden: Sollte er die Anweisung seines Jarls befolgen oder auf sein Herz hören?
Er hatte sich an die Order seines Jarls gehalten, in tiefstem Vertrauen. Jetzt hatte er erkannt, dass dies falsch gewesen war. Er hatte kläglich versagt, hatte es versäumt, Menschenleben zu retten. Wie tief war er nur gesunken?
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Hämisch lachte er auf, befreiend, um die üblen Gefühle in sich los zu kriegen, doch wirklich befriedigte ihn dies nicht. Er löste sich von dem Baum, zu dem er Zuflucht gesucht hatte.
Aye, eines hatte er in letzter Zeit im Clan gelernt: seine aufwallenden Gefühle perfekt hinter einer steinernen Maske zu verbergen, besonders als Björn die Schärpe umgelegt wurde, die, schmerzlich in den Augen brennend, in ihrem Blaugrün einen harten Kontrast zum sanften Orangebraun des Hinrah-Kiltes darstellte. Wie gut, dass Kanubio im Clan zu schauspielern gelernt hatte, so gut, dass er sich sogar ein sanftes Lächeln abquälen konnte, als sich der Herzog an ihren Tisch gesellt hatte, um freundlich mit ihnen zu plaudern. Wieder stöhnte Kanubio in jener Nacht gepeinigt auf. Nein – um das zu lernen, war er nicht zu den Thyren gekommen!
Björn … Selbst als dieser … der Kanubios Niedergeschlagenheit wohl bemerkt hatte … versuchte, ihn aufzurichten, indem er meinte – seine Ehre wäre die aller Thyren – spürte Kanubio nur, dass sich alles in ihm schmerzlich zusammenkrümmte. Durchaus war er sich bewusst, dass er weggesehen hatte, dass dies falsch gewesen war … anders als Björn. Da halfen auch Björns aufmunternde Worte nicht darüber hinweg. Die Ehre, die heimgetragen wurd, gebührte alleinig Björn, der das richtige getan hatte. Aye, der Kerl hatte das Herz am richtigen Fleck!
Denn in jenen Momenten genierte Kanubio sich für die Farben, die er trug und für sein Versagen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Tat eines Anderen, die in Kanubios Augen eigentlich selbstverständlich gewesen wäre, die er, Kanubio, im Vertrauen auf die Anweisung seines Jarls unterlassen hatte, zählte an jenem Tag nun mehr als seine und Andreas über Mondläufe langen Bemühungen, die Beziehungen zwischen Adoran und den Thyren wieder gerade zu biegen. Jene Tat Björns überstrahlte die ihren wie ein zwölfarmiger Kronleuchter den fahlen Glanz eines Glühwürmchens.
Kanubio verstand die Welt nicht mehr!
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Kanubios Schritte führten ihn zur Pferdewaschstelle. Dieser Ort hatte etwas Beruhigendes an sich. Er liebte ihn, kniete nieder und ließ behutsam die Hand ins klare Wasser gleiten, ohne zu merken, wie die Kälte der Wellen, die sanft ans Ufer schlugen, scharf in seine Gelenke bis über den Ellenbogen hinaus in seine Schulter fuhren und sie klamm machten. Sosehr wünschte er sich, Andreas zu schreiben, ihm sich mitzuteilen – doch mit welchen Worten und wohin? Er vermisste ihn zutiefst.
Kanubio zog den steifen Arm aus dem Wasser, ließ sich kraftlos auf dem knorrigen Baumstamm nieder und entzündete ein kleines Feuer, an dem er sich mit trotzig zusammengebissenen Zähnen erwärmte. Beißender Rauch reizte seine Augen. Doch war es nur der Rauch? Waren es nicht auch seine Gefühle, die sich nun in ihm, an diesem ungestörten, befreienden Ort, lösten und ihm die Tränen über die Wangen trieben?
Hier, in der Einsamkeit durfte er alles und jedes in sich fühlen, durfte er leben. Durfte alles aus sich raus lassen, was ihm sonst als Schwäche angelastet worden wäre. Die Geyster des Waldes um sich spürend, huschte erstmals wieder ein ehrliches, gelöstes Lächeln über seine Lippen, nur kurz, aber doch. Es kam ihm vor, als würden sie ihm wohlwollend zunicken, als würden die Ahnen, vielleicht auch sein Dah, sanft die Hand auf die Schulter legen.
Lidwina … Wina … seine Wina … wäre sie hier, könnte er ihr sein schweres Herz ausschütten. Ganz sicher würde sie, dieses Prachtweyb, das er liebte wie sonst nichts in seinem Leben, ihn verstehen. Und genau so sicher hätte sie einen guten Rat und tröstliche Worte für ihn auf Lager, die sich wie ein wohltuendes Pflaster auf sein aufgerissenes Herz legen würden. Doch nur selten hatte er sie in letzter Zeit gesehen und … könnte er ihr so überhaupt unter die Augen treten? - - - Ney!
Er, Kanubio, war ein Schwert. Doch was hatte er in den letzten Mondläufen getan? Seine edle Klinge rostete in seiner Scheide dahin. Gekämpft hatte er schon lange nicht mehr. Seine Ausbildung war ins Stocken geraten. Auch die Hoffnungen, die er nach Argos Rückkehr in diesen gesetzt hatte, waren schwer enttäuscht worden. Sein Jarl, Trystjarn, hatte Kanubio als Auge und Ohr des Clans schon lange keinen Auftrag mehr gegeben, so dümpelten auch diese seine Fähigkeiten brach vor sich hin.
Kanubio hatte Holz geschlagen, eine neue Hütte an der Mine mit Hilfe der anderen Claner errichtet aber – verdammt noch mal – seine Faust fuhr wiederum schmerzlich hart in den Stamm auf dem er saß – war das denn die Aufgabe eines Schwertes?
Sonst hatte er müßig in der Halle gesessen, hatte sich vollgefressen. Nachdenklich blickte er an sich herab. Waren da tatsächlich Fettschwarten an seinen Hüften unter dem Paid, auf den er einst so stolz gewesen war?
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Sanft strich er mit den Fingerspitzen über den Stoff und fühlte die geflickte Stelle. Wido hatte das Loch zugenäht. Wie lieb war sie doch um ihn bemüht, ihm immer den Magen zu füllen und ihn zu umsorgen. Aye, das Weyb war in Ordnung, und der, der sie mal kriegen würd, könnte stolz darauf sein. Auch heute hatte sie versucht, ihn aufzurichten, doch war sich Kanubio seiner Schuld zu sehr bewusst, als dass ihre Worte ihn hätten beruhigen können. Fahrig wischt er sich über die Augen. Er musste seine alten Gefühle wieder finden, wieder auf sein Herz hören, von dem so viele sagten, dass es am rechten Fleck säße.
Wieder strich er über den grünen Stoff und wünschte sich, seine Farbe mit Stolz tragen zu können.
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Ney – Stolz war ney nur innerhalb der Palisaden Wulfgards maßgebend, sondern auch bei den Städtern. Auch jenen wollte er mit hoch erhobenen Hauptes gegenüber treten können. Und auch sich selbst wollte er wieder in seinem eigenen Spiegelbild ehrlich und offen zulächeln können, zu dem Versprechen stehen können, das er einst Falk und erst vor wenigen Tagen seinem verstorbenem Dah an dessen Grab gab.
Die Welt war nicht in den Hallen Wulfgards, sie begann vor jenen Toren.
Kanubio erhob sich, trat das kleine Feuer sorgfältig aus und zog die Felle enger um seine Schultern, als der herbstliche Nachtwind scharf in seine Knochen schnitt. Ohne einen Blick zurück zu werfen, sattelte er seinen treuen Gaul Reykur und machte sich auf, hinaus in die Welt, die es zu verbessern galt.