"Wo könnte ein Mensch gemütlicher leben als in seiner Familie –
und wo ungemütlicher als in seiner Familie!"
Stille gab es im Hause Zael so gut wie nie. Es schien jedoch beinahe so, als hätte der Trubel an diesem besonderen Tag nochmals an Intensität gewonnen. Mitten drin in dem Durcheinander war Feoras auf der Suche nach Thalia, die er seit dem Mittagessen nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht war sie immer noch mit Essen beschäftigt? Bei den Portionen die Mutter Zael der zukünftigen Schwiegertochter unterjubeln wollte, war das vermutlich nicht auszuschließen.
"Mhh wobei es schon früher Nachmittag ist und so eine langsame Esserin ist sie ja doch nicht", grübelte der Schneidermeister vor sich hin, während er sich zur Küche aufmachte.
Kaum hatte er den Kopf in die gute Stube gesteckt, ertönte auch schon die Stimme seiner Mutter:
"Junge, gut das du da bist, es gibt einige Besorgungen die du erledigen kannst" Irritiert nickte er daraufhin. Tatsächlich hatte er Thalia inmitten seiner zwei Schwägerinnen, drei Mägde, seiner Schwester, Tante, Nichte und Mutter entdeckt welche sich gemeinsam um die Vorbereitungen zum Abendessen kümmerten.
"Gut Mutter, Thalia begleitet mich bestimmt?", fragte er zwar verspätet aber durchaus hoffnungsvoll nach.
"Unsinn Feoras, sie gehört bald zur Familie also lass uns auch ein wenig Zeit mit ihr.. und jetzt mach dich nützlich, die Liste liegt neben der Kochstelle", kam die ernüchternde Antwort der zael'schen Matriarchin. Mit verzogenen Mundwinkeln näherte er sich um den Pergamentstreifen aufzunehmen. Kurz überflog er diesen gespielt nur um Thalia heimlich nochmal einen liebevollen wie auch prüfenden Blick zuzuwerfen. Erst als seine Verlobte ihm keinen "Hilf mir" Blick zurück signalisierte, zwinkerte Feoras ihr zum Abschied dreist zu und machte sich auf den Weg.
Die Besorgungen kamen dem Schneider sogar ganz gelegen. Es gab da noch einen Besuch den Feoras vor ihrer Abreise bereits mit ein paar Zeilen über einen Boten ankündigen lies, allerdings fehlte bisher die Zeit diesem nachzukommen. Bevor 'das Wölfchen' also das familiäre Haus verließ, schlich er nochmal zurück in das gemeinsam bewohnte Gästezimmer, steckte sein eigenes Skizzenbuch in den Umhängebeutel und stibitzte zusätzlich Thalia's Kornblumenskizze mit dem verschnörkelten
'F' darin. Der kleine Umweg würde Feoras zu einem alten Bekannten führen, der nicht nur in der Heilkunst meisterlich war sondern auch in den Körperkünsten einst seine Ausbildung suchte. Nachdem Thalia und er in Lichtenthal wenig Glück hatten, war dies nun die perfekte Gelegenheit.
Nachdem er nun alles beisammen hatte, ging er noch zum Stall um eines der Pferde auszuborgen. Eines das im schlimmsten Falle auch die Einkäufe statt seiner tragen konnte. Der Schneider kletterte auch sogleich auf den Pferderücken, nahm die Zügel in die Hand und signalisierte der gutmütigen Stute unter sich mit sanftem Fersendruck, dass es los gehen könnte. Schnell kamen sie dem großen Tor näher. Jenem Tor durch das Thalia zwei Tage zuvor das erste Mal gemeinsam mit ihm geschritten war....
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Sie hatten es gerade noch geschafft bevor die Sonne unterging, wobei es im südlicheren Festland zu dieser Jahreszeit nicht nur wärmer war sondern auch länger hell als auf Gerimor selbst. Sie durchquerten gemäßigten Schrittes das Eingangstor, zogen vorbei am Stall, der Scheune sowie dem kleinen Gesindehaus. Am Ende hielten sie vor der Tür des großzügig gebauten Bauernhauses an.
"Da wären wir...", murmelte Feoras der nach jenen Worten tief durchatmete.
"Aiwa, da wären wir", stimmte auch Thalia mit ein, selbst ebenso tief durchatmend.
Einen Moment lang schwiegen sowohl Feoras als auch Thalia. Nur ab und an ein "Muuh" von den nahe grasenden Rindern oder das gelegentliche Zirpen der Grillen durchbrach die Stille.
Erneut folgte ein tiefer Atemzug seitens des Schneidermeisters.
"Bereit?", fragte er noch mit einem Seitenblick als er die Linke anhob um die Kette der Türklingel zu erfassen.
"Sie werden mich schon nicht fressen.. hoffe ich", antwortete sie, wobei letzteres eher tonloser gesprochen wurde.
Auf die gehörten Worte hin, zog er zwei mal an der Klingel. Es dauerte fürwahr nicht lange bis eine Bäuerin um die 40 Sommer die Tür öffnete und beide ansah. Betrachtete man sie genauer, fielen zunächst die Rehbraunen Augen auf, danach die schwarzen Haare die vermutlich dank der richtigen Tinktur noch keine silbrigen Strähnen zeigten und zuletzt die sehr weibliche bäuerliche Figur mit den passenden Reserven an den richtigen Stellen.
"Einen guten Abend Celissa, sind Vater und Mutter da?", fragte Feoras mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
"Ja schau an, der verlorene Sohn ist da, kommt's mal rein", erklang die fröhliche Stimme von Celissa, die dann auch zur Seite trat um beide herein zu bitten.
"Vielen Dank! Thalia, das ist übrigens Celissa, meine Schwägerin. Celissa, das ist Thalia, meine Verlobte", vergas er vorher nicht noch beide einander vorzustellen.
Kaum waren Thalia und Feoras im inneren des Hauses ging es Schlag auf Schlag. Sehr herzlich wurden beide von Schwägerinnen, Neffen und Nichten, sogar den Mägden begrüßt und empfangen. Natürlich war der Zusatz, dass sie bald heiraten würden der interessanteste für die Frauen des Hauses und so wurde die Scharfschützin vermutlich herzlicher als ihr lieb war in die Familie aufgenommen.
Besonders seine kleine Schwester Junia freute sich sehr darüber, worauf sie ihn kurz am Ärmel zupfend zur Seite lockte.
"Konnte ja nur das sein, oder schwanger", stellte sie mit trockenem Tonfall fest, schmunzelte aber vergnügt dabei.
Vermutlich war es gut, dass Thalia das böse "Sch-Wort" nicht hörte, sonst hätte jene sofort Gesichtsfarbe verloren.
"Erzähl mir lieber von dem Bäcker? Hast du schon sein .. Langbrot probiert? Taugt sein Handwerk was", fragte er mit dem harmlosesten Lächeln das er aufbringen konnte, doch blitzte es in den hellblauen Augen einfach zu verräterisch auf.
Junia's Wangen färbten sich sogleich dunkelrosa und ihre Antwort in Form eines beherzten Seitenhiebes lies nicht lange auf sich warten.
Nachdem die Scharfschützin schließlich auch noch die zwei älteren Brüder von Feoras kennen lernte, war die erste Pflicht getan. Bevor sie allerdings verschnaufen durfte um sich an ihren neuen Kosenamen “Tante Thalia” zu gewöhnen, mussten beide zu guter Letzt noch Vater und Mutter Zael gegenüber treten. Beide hielten sich in der geräumigen Küche auf, wurde ihnen mitgeteilt. In der Tat fand man Felian Zael Pfeife rauchend am Küchentisch vor und Lana Zael kümmerte sich gerade um das Geschirr.
"Guten Abend”, war dieser Gruß das einzige was in diesem Augenblick aus dem Mund des Schneiders wollte.
Der Vater sah zwar auf und nahm seine Pfeife aus dem Mund, doch wahrlich Aufmerksamkeit schenkte zuerst die Mutter ihrem Sohn. Sehr langsam legte sie den Putzlappen beiseite, schritt daraufhin mit einem seligen Lächeln auf ihn zu. Erst als jene nahe vor Feoras stehen blieb, konnte Thalia vermutlich bemerken wie sich die Nackenhaare ihres Verlobten aufstellten. Doch da war es schon zu spät...
Ein lautes *KLATSCH* war zu hören als die mütterliche Ohrfeige platziert wurde. Gleich danach fiel sie ihrem Sohn allerdings schon um den Hals. Ganz offensichtlich eine Meisterin des Prinzips ‘Zuckerbrot und Peitsche’, was nicht verwunderlich scheint bei einem Haushalt der fast nur aus Männern in der Familie bestand.
"Geh nie wieder ohne ein Wort weg.. und schön das du endlich wieder zu Hause bist”, murmelte Lana Zael ihrem Drittgeborenen noch zu, bevor sie ihn los lies und aus hellblauen Augen neugierig zu Thalia sah.
"Wen hast du da mitgebracht? Ist das Thalia oder bin ich nicht auf dem aktuellsten Stand?"
Natürlich wurde Thalia ordentlich vorgestellt, auch von der Verlobung wurde erzählt und um es gleich mit von der Seele zu reden ebenso, dass er ihren Familiennamen annehmen würde. Dies erforderte zwar gegenüber Felian Zael eine kurze Erklärung, doch der gutmütige ältere Herr zuckte nur mit den Schultern und meinte gemütlich:
“Das passt schon, mach nur Sohn”
Die Schwiegermutter in spe hingegen schloss die kleine Scharfschützin in die Arme.
"Willkommen in der Familie! Kind.. du bist aber dürr, habt ihr nichts zu essen in Adoran? Warte, ich koche dir was! Setz dich! Du auch Feoras!”
Dies wurde mit einer so freundlichen aber bestimmenden Art ausgesprochen, dass allein vom Klang her erkenntlich war, dass ein “Nein” gar keinen Sinn hatte...
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Schmunzelnd schüttelte Feoras den Kopf als er sich damit aus seinen Gedanken riss. Sie hatte es insgesamt ganz gut überstanden und mit jedem Besuch würde es besser werden. Obwohl er seine Familie liebte, freute er sich insgeheim aber auch wieder auf ihr kleines zu Hause in Adoran. Vermutlich erging es seiner 'besseren Hälfte' nichts anders.
Mittlerweile war er beim Haus des Heilers angekommen. Es dauerte einige Momente bis alles besprochen war und er Feoras über die wichtigen Dinge aufgeklärt hatte. Sie vereinbarten den Nachmittag des nächsten Tages um beide Vorstellungen zu verwirklichen. Thalia's Skizze würde gleich einbehalten um die Hautfarben passend vorzubereiten. Anschließend verabschiedete sich Feoras. Immerhin wollte er nicht zu spät kommen und er musste ja noch einkaufen...
FORTSETZUNG FOLGT....