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Verfasst: Freitag 10. Mai 2013, 10:11
von Malaika Leyla Ifrey
Was auch immer sich Eluive dabei gedacht hatte, aber in diesem Moment hatte ich mir innerlich geschworen, dass ich niemals wieder auf die dumme Idee kommen würde, ein weiteres Kind zu gebären. Diese Schmerzen...
Nicht einmal mein unterdrückter, abgewürgter und im Keim erstickter Schrei konnte beschreiben, wie sehr ich Rasin für all das hasste, was er mir damit angetan hatte. Dieses... Kind... wollte raus. Und ich wünschte ich könnte gegenpressen. Es sollte bleiben, wo es war. Aber es ließ sich nicht aufhalten.
Mutter hatte mir noch gut zugesprochen, dass es mit Sicherheit so schnell gehen würde wie bei ihr. Innerhalb von wenigen Stunden waren beide ihrer kleinen Natifahs auf der Welt gewesen. Oh, bei Eluive. Warum musste sich dieses Geschöpf schon den Tag heute aussuchen? Ich hatte doch eigentlich noch gute eineinhalb Wochen Zeit gehabt.
Meine eigene Definition von "schnell" ging anders. Ich hatte mit dem schleichenden Fortschreiten des Tages immer heftigere Schmerzen und Wehen. Nicht ein wehenhelfendes Mittelchen oder entkrampfender Trank der Heilerin zeigte Wirkung. Jetzt wusste ich, warum mir auch jeder gesagt hatte, ich solle ausgiebig essen. Mein Körper kam deutlich an seine Grenzen.
Nach etwa acht Stunden hatte ich das Gefühl, ich würde innerlich zerreißen. Ich fluchte mittlerweile laut über Rasin, der alles nur belächelnd hinnahm und mit Verständnis versuchte, mich zu besänftigen. Was natürlich nicht klappen sollte.
Man sagt, wenn man denkt, man schafft es nicht mehr, dann ist es bald vorbei. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in Richtung des Lichtes am Ende des Tunnels laufen. Und dann wurde ich durch sanftes Rütteln, leisem Kinderschreien und glücklichen Gesichtern wieder in die Realität zurückgeholt. Nach sage und schreibe zwölf Stunden hatte es mein kleiner Fenek doch geschafft, das Licht der Welt zu erblicken. Die Heilerin hatte das Kleine schnell in ein Laken gewickelt und mir in den Arm gelegt. Ich öffnete die Augen und sah lächelnd zu diesem kleinen, zerbrechlichen Wesen. Das war also mein Kind. Und vom ersten Augenblick an wusste ich, uns würde nie wieder etwas trennen. Unsere kleine Tochter war geboren.
Verfasst: Sonntag 19. Mai 2013, 20:07
von Malaika Leyla Ifrey
Was auch immer mich verändert hatte, der giftige Dorn saß tief.
Der Verlust von Yamaal schmerzte mich sehr. Innerliche Vorwürfe zerrissen mich. Ich hatte ihm geschworen, eine gute Freundin zu sein. Aber all das hatte scheinbar nichts genützt. Es blieb die klitzekleine Hoffnung, dass er durch seinen Tod seine große Liebe Rasheeda wiedergefunden hatte.
Verluste waren etwas, womit ich nicht gut umgehen konnte. Ich zog es vor, alleine zu sein. Mein Mann hatte mich im Stich gelassen. Ich hatte keine Ahnung wo er war. Ob er überhaupt noch am Leben war. Ich spürte, wie sich innerlich ein Gefühl der Ohnmacht ausbreitete. Er war doch derjenige gewesen, den ich so sehr liebte. Was war ich ohne ihn?
Ich sah zu meiner Tochter und wusste, dass ich weitermachen musste. Ich musste stark sein, durfte keine Schwäche zeigen. Ich würde das Haus auch weiterhin in einem unaufhaltbaren Perfektionismus präsentieren. Wie es in mir drin aussah, das wusste vermutlich kaum jemand. Niemand ahnte, dass ich mich Nacht für Nacht in den Schlaf weinte. Weil ich meinen Mann vermisste. Weil ich Angst um ihn hatte. Weil ich die Ungewissheit hasste. Man sah mich immer weniger. Und das hatte seinen Grund.
Verfasst: Mittwoch 22. Mai 2013, 21:11
von Malaika Leyla Ifrey
Jeden Morgen, wenn ich die Augen öffnete, spürte ich die festgetrockneten, salzigen Tränen. Tränen, die ich aus Kummer vergoss. Aus Einsamkeit. Aus Angst.
Aiwa, vielleicht wäre es mir lieber, wenn mich die erlösende Nachricht ereilen würde. Oder wenn ich erleichternd feststellen würde, dass sich der Schlüssel im Schloss drehte und Rasin einfach wieder vor mir stand. Wie so oft, wenn er verfrüht von einer Reise zurück kam. Aber ich wartete Tag für Tag vergebens. Kein Klicken im Schloss, keine Hoffnung am Horizont, als ich aus dem Fenster sah. Was war also schlimmer? Ich konnte und durfte nicht einmal trauern. Diese Ungewissheit zerriss mich, sie zerbrach mein Herz und zermürbte meinen Verstand.
Ich musste mich selbst auf die Feierlichkeiten von Ghadirs großem Tag quälen. Ich wartete, bis es Abend wurde, vorher wollte ich nicht gehen. Ich konnte nicht einmal, da Jalilah nicht eine Sekunde still sein wollte. Ich spürte den Blick von dem Zaki, sein missmutiger Blick irritierte mich nur einen Augenblick. Ich musste ihm wohl wirklich auf den Schlips getreten sein. Innerlich zuckte meine Göttin mit den Schultern. Verletzter Stolz von Männern ist etwas undankbares, Malaika. Für einen Moment musste ich kurz lächeln und schlich mich zu Ghadir, welchem ich mein Geschenk überreichen wollte. Im Anschluss setzte ich mich zu Saman und Zia, wenngleich Zia ziemlich bald aufbrach. Also war ich mit Saman alleine, der Platz hatte sich geleert, was für mich auch ein Zeichen war, Ghadir nicht noch länger seine wohl verdiente Ruhe zu gönnen. Ich ging wieder nach Hause. Mit Jalilah. Dem einzigen Stern an dem dunklen Horizont.
Verfasst: Freitag 24. Mai 2013, 10:41
von Malaika Leyla Ifrey
Nach Khalidas Worten stand ich lange am Fenster und sah in Richtung der Stadt. Ich wollte all das eigentlich gar nicht hören und doch hallte es ständig in meinen Ohren wider. "Wir wollen nicht, dass du noch Monate hier verbringst und auf ihn wartest." Sie vermittelte mir damit, dass keiner mehr damit rechnete, dass er wiederkam.
Aber ich war doch seine Frau. Ich musste doch als Einzige daran glauben, dass er wiederkommen würde? Wir hatten uns doch ewige Liebe geschworen. Wir waren doch noch nicht allzu lange verheiratet. Er konnte mich doch jetzt nicht alleine lassen. Er konnte doch seiner Tochter nicht den Vater vorenthalten. Er...
Ich sank kraftlos auf die Knie und begann bitterlich zu weinen. Ich hatte keine Kraft mehr. Was, wenn sie recht hatte? Wie sollte ich dann weitermachen? Meine Hände vergruben sich im Laken, auf der unberührten Seite seines Bettes, auf der seine Kleidung lag. Die Kleidung verströmte seinen Duft, er war mir in diesem Moment näher als in all den anderen, einsamen Tagen. Ich konnte förmlich spüren, wie er mich umarmte und mir sagte, dass alles gut werden würde. Dass er wieder zuhause war. Für einen Moment lächelte ich, bis zu dem Zeitpunkt, als ich meine Augen öffnete und der Raum leer war. Das Haus leer war. Und ich auch leer war. Leer und doch voller Verzweiflung. Was sollte mich hier halten, wenn er nicht mehr da war? Jalilah? Mein Magen krampfte sich zusammen und ein weiterer Wulst aus Tränen und Schluchzen überkam mich. Er konnte mich nicht allein lassen. Nein, das durfte er nicht. Er hatte doch uns - und die Familie. Er musste doch für alle da sein. Ich konnte einfach nicht davon ausgehen, dass er verschollen war. Oder noch schlimmer: tot. Ich wollte es nicht wahrhaben, vielleicht steckte er auch irgendwo fest und brauchte unsere Hilfe? Und alle saßen hier und hatten ihn gedanklich längst totgesagt. Ich kauerte mich in eine Ecke und weinte einfach weiter, um all das herauszulassen, was sich immer und immer wieder aufstaute. Ich war mir so sicher, dass er wiederkommen würde.
Verfasst: Montag 27. Mai 2013, 18:51
von Malaika Leyla Ifrey
Es fühlt sich an, als würde jemand dein Herz aus deiner Brust reißen. Es in einzelne Stücke trennen, auf den Boden werfen und immer und immer wieder darauf herum trampeln.
Es klopfte an der Tür und ich eilte die Stufen hinab. Immerhin hatte ich noch immer die Hoffnung, dass er vor der Türe stand und mich mit seinen wunderschönen Augen einfach ansah. Stattdessen stand ich einem der üblichen Boten gegenüber, der ein versiegeltes Schreiben in seiner Hand hielt. Adressiert... an mich. Mir war nicht danach, die Post jetzt zu lesen, also schloss ich die Türe und kümmerte mich um das, was mir am wichtigsten und liebsten war: Jalilah. Ich sang für sie, ich wechselte die verschmutzten Laken, fütterte sie und erzählte ihr von all dem, was draußen auf sie wartete. Ich erzählte ihr von Rasin und davon, wie es wohl wäre, wenn er Jalilah das erste Mal mit auf eine Jagd nehmen würde. Die Erinnerungen und die Fantasien darüber brachten mich selbst auch zum Lächeln. Mein Herz sagte mir, dass er ganz nah bei mir war. Immerhin hatte ich ihn noch nicht aus meinem Herz gelassen.
Erst am Abend, als Jalilah endlich eingeschlafen war, hatte ich die Zeit, um mir Tee zu kochen und die Ruhe zu genießen. Ich hatte mich heute für einen Kräutertee entschieden, denn dieser sollte beruhigend wirken. Langsam fand ich auch ohne ihn wieder einen normalen Tagesablauf. Vielleicht musste ich einfach nur stark und geduldig sein, dann würde er irgendwann wieder vor mir stehen. Ich seufzte und goss den Tee auf. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich den versiegelten Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Es half ja alles nichts, ich musste ihn lesen.
Das Pergament war schnell entrollt und ich nahm das Glas gefüllt mit heißem Tee wieder in die andere Hand. Zuerst huschten meine Augen schneller über die Zeilen dort, doch umso weiter ich fortschritt mit dem lesen, desto langsamer wurden sie und desto schummriger wurde mir. Das Glas in meiner Hand entglitt mir auf den Boden und zersprang in tausend Teile. In schleppenden Sekunden, gefühlt, als wären es Stunden, blinzelte ich und führte meine geballte Faust zu meinen Lippen. Ich versuchte, die Fassung zu bewahren und biss mir in die Faust. Auch, um einen Versuch zu starten meinen gequälten Schrei im Keim zu ersticken. Stattdessen schrie ich panisch, hysterisch. Es fühlte sich an, als würde gerade jemand versuchen, mein Herz aus meiner Brust zu reißen. Es in einzelne Stücke trennen. Irgendwer warf es auf den Boden und trat immer und immer wieder darauf herum. Dieser keifende und brennende Stich im Herzen, er wollte und wollte einfach nicht aufhören. Es schnürte mir die Luft ab, ich konnte für den ersten Moment nicht einmal weinen. Ich ließ mich auf den Boden sinken und saß in den Scherben. Ich war benommen, ich fühlte mich, als wäre ich jenseits dieser Welt. Irgendwo gefangen zwischen Schein und Sein, ein panischer Versuch, aus dem Albtraum zu entkommen signalisierte mir Schmerzen, da ich mir meine Hände an den Glassplittern aufgeschnitten hatte. Ich träumte nicht. Mein Mann war tot. Umgekommen in den Sandstürmen, heraufbeschworen von Eluive. Ich versuchte weiter nach Luft zu ringen. Wo war Khalida, wenn man sie am meisten brauchte? Aber sie konnte es nicht wissen, woher auch. Ich versuchte mich zu bewegen, aber ich war wie gelähmt. Ich hörte Jalilah schreien, aber ich konnte nicht handeln. Es fühlte sich an, als säße ich neben mir. Ich sah mich selbst sitzen in einem Raum vollkommener Leere. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Eine Stunde, zwei Stunden? Bis ich endlich anfangen konnte zu weinen, als ich die Zeilen erneut las. Was hatte ich getan? Womit hatte ich diese Pein verdient? Warum strafte man mich so? Ich wollte doch nur meinen Mann wieder bei mir haben. Ihn in meinen Armen halten, seine Stirn küssen und ihm sagen, dass ich ihn so sehr liebte und ich immer auf ihn warten würde, bis er wieder nach Hause kam. Ich wollte mich in seinem Haar vergraben und ihm seine Tochter in die Arme drücken. Ich hatte doch nur meine glückliche Familie vor Augen gehabt. Und jetzt? Jetzt war ich allein mit meiner Tochter. Mit unserer Tochter. Jalilah würde ihren Vater nie kennenlernen. Und das allein zerriss mein Herz noch viel mehr, als die Trauer um meinen Mann. Ich schlug meine Hände vor das Gesicht und schmierte mir mein eigenes Blut durch jenes. Aber ich weinte, ich weinte bitterlich und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Ich hatte Gewissheit. Aber eine Gewissheit, die ich in dieser Form niemals haben wollte. Niemals.
Mit zitternden Händen versuchte ich ein Schreiben aufzusetzen. Die Tränen ignorierte ich, die auf das Pergament tropften und einzelne Worte verwischen ließen.
“Khalida, er ist tot.“
Mehr Worte fand ich für den Moment nicht. Den Brief schob sie in der Nacht durch den Türschlitz an Khalidas Zimmer. Für den Moment hatte sie keine Ahnung, wie sie weitermachen sollte.
Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Wo ich mein Zelt aufschlage,
da wohnst du bei mir dicht;
du bist mein Schatten am Tage
und in der Nacht mein Licht.
Wo ich auch nach dir frage,
find´ ich von dir Bericht,
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Friedrich Rückert
[img]http://1.1.1.2/bmi/fc06.deviantart.net/fs70/f/2012/087/f/8/f81d107d24c5cf4f7fa70a5244890591-d4u83mx.jpg[/img]
Verfasst: Mittwoch 29. Mai 2013, 09:43
von Malaika Leyla Ifrey
Es hatte an der Tür geklopft. Stundenlang saß ich auf dem Boden und begann dann erst mich wieder zu regen. Für einen kurzen Moment keimte in mir die Hoffnung auf, dass Rasin vor der Tür stand. Aber irgendwie wusste ich selbst, dass das nicht sein konnte. Immerhin hielt ich seinen Ehering in meinen Händen, fest an mein Herz gepresst.
Als Aaminah vor der Tür stand, war ich gleichermaßen erleichtert wie auch froh über diesen Umstand. Ich bat sie schweigend hinein, erst dann liefen mir weitere Tränen über das Gesicht. Wir verbrachten die Nacht damit, unserer Trauer freien Lauf zu lassen. Über Rasin und über Yamaal. Wir hielten die andere Hand fest in der unseren und erzählten uns Geschichten über die zwei verlorenen Schätze, was uns wieder zum lachen brachte.
Wir kümmerten uns um Jalilah, die Rasin in meinen Augen nun erschreckend ähnlich sah. Wir spielten ihr Lieder zum einschlafen vor. Wir versuchten einfach mit der Situation des Verlustes klarzukommen. Und das wiederum war ein schwierigeS Unterfangen. Immer wieder brachen die Tränen, die bitterlichen Tränen aus mir heraus. Immer wieder hoffte ich, dass die Türe aufging und einfach mein Mann wieder kam. Mein Mann...
Aber er kam nicht.
Irgendwann war ich an der Schulter von Aaminah eingeschlafen. Ich musste wirre Sachen geträumt hatten, so hatte sie mich am nächsten Morgen gefragt, ob alles in Ordnung war. Ich lächelte, wenn man es lächeln nennen konnte. Irgendwann schickte ich Aaminah wieder nach Hause.
Und die Einsamkeit war wieder da.
Einsamkeit, die sich so schnell nicht wieder legen würde. Ich trat an das Fenster, mein Körper war längst in weiße Kleidung gehüllt. Der feine Stoff raschelte - das einzige Geräusch in diesem riesigen Haus, in dem ich mich verlassen fühlte. Der Blick in die Ferne, zum Horizont hin, versprach mir nicht sonderlich viel. Kein Rasin. Mein Herz raste wieder, konnte dem unabdingbaren Schmerz kaum Stand halten.
Und das Schreiben von Saman tat seinen Rest.
Sie ließen mir nicht einmal ein paar Tage, um meinen Mann verabschieden zu können. Sie trugen ihn nicht einmal zu Grabe. Niemand kam hierher. Sie konnten nicht von mir erwarten, dass ich zu dieser Versammlung gehen würde. Niemand konnte das erwarten. Ich spürte, wie langsam aber sicher unendliche Wut gepaart mit der tief verankerten Trauer in mir aufstieg.
Es fällt mir schwer, ohne dich zu leben.
Jeden Tag zu jeder Zeit einfach alles zu geben.
Ich denk so oft zurück an das, was war.
An jeden so geliebten, vergangenen Tag.
Ich stell mir vor, dass du zu mir stehst,
und jeden meiner Wege an meiner Seite gehst.
Ich denke an so vieles, seitdem du nicht mehr bist,
denn du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist.
Verfasst: Mittwoch 29. Mai 2013, 20:28
von Malaika Leyla Ifrey
Meine Mutter hatte mir gelehrt, dass ich dankbar sein sollte für das, was ich erleben durfte. Ich durfte nicht zulassen, dass mich die Trauer um meinen Mann auffraß. Und dennoch war es so schwer, so schwer.
Ich sah ihn hüpfend seine Stiefel ausziehen. Ich musste schmunzeln, denn sowas kam normalerweise nur mir in den Sinn. Seine Ankunft war.. unspektakulär. Als ich ihm seine Kleidung nähte und vor ihm stand und zu ihm empor blickte, spürte ich tief in meinem Herzen diese Wärme. Ich wollte für den Moment einfach nur da stehen und ihn ansehen. Und ich hatte alles um mich herum ausgeblendet.
Vorsichtig strich ich über seine Kleidung. Ich hatte sein schönstes Hemd herausgesucht. Bei Eluive, wie lange hatte ich daran gearbeitet. Die einzelnen, feinen Golddrähte in den Stoff mit eingewebt und den Rücken mit dem Wappen der Yazir verziert. Ich wusste, er hatte genau diese Kleidung geliebt. Er war so stolz, als er sie das erste Mal trug. Ich nahm das Hemd kurz zu mir und hauchte einen Kuss darauf. Ich zitterte und ich unterdrückte das Zittern auch nicht mehr. Ich hielt auch meine Tränen nicht mehr zurück.
Tränen, die ich weinen wollte, weil ich so glücklich war. Ich sah ihm in die Augen und wusste, hier war ich zuhause. Er war all das gewesen, was ich immer gesucht hatte. Allein ein Blick aus diesen dunklen Augen und mein Herz schlug bis zum Gipfel Cantars. Nur eine Berührung und mein Blut raste. Ich hatte so lange auf diesen Tag gewartet und ich war so froh, als er letztendlich da war. Der Tag unserer Vermählung. So viel Glück konnte ich doch gar nicht verdient haben. So unendlich viel Glück...
Ich atmete schwer durch. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Ich versuchte alles mögliche, um all die Trauer und die Leere in mir zu verdrängen. Ich suchte nach seiner Hose und dem Schärpengürtel. Nach seinen Stiefeln. Ich wollte ihn so gehen lassen, wie ich ihn gekannt hatte. Ich griff nach dem Ring, der an der Kette befestigt war.
Hayati,
lange habe ich darüber nachgedacht, was ich dir heute sagen möchte. Immer wieder schloss ich meine Augen und als ich sie öffnete, sah ich dich. Du hast mich inspiriert, mich in schlechten Tagen motiviert. Und je mehr ich an dich denke, desto deutlicher wird klar, dass – seitdem ich dich kenne – nichts mehr ist, wie es mal war. Ich könnte versprechen, dich zu lieben und zu ehren. Ich könnte versprechen in Gesundheit und in Krankheit für dich da zu sein. Und ich könnte sagen, bis das der Tod uns scheidet.
Jetzt war also dieser Zeitpunkt gekommen, von dem alle immer sprachen: Bis das der Tod euch scheidet. Aber wie kann der Tod Liebende entzweien? Liebe hört doch nicht einfach von heute auf morgen auf. Ich schlüpfte in das weiße Kleid. Das Kleid, welches Rasin immer so an mir geliebt hatte. Ich setzte meinen Schleier auf und betrachtete mein Spiegelbild. Meine Augen waren leer, der Spiegel meiner Seele verriet meine Einsamkeit, mein gebrochenes Dasein. Ich musste lernen, wieder Fuß zu fassen. Aber wie sollte ich das lernen? Wie hatte ich damals laufen gelernt?
Aber das werde ich nicht. Das wäre ein Versprechen für optimistische Paare. Für Menschen, die voller Hoffnung sind. Aber ich stehe hier an meinem Hochzeitstag nicht optimistisch und auch nicht voller Hoffnung. Ich sage dir auch, warum. Ich brauche keinen Optimismus, weil ich hier neben dir stehe. Du gibst mir jeden Optimismus der Welt. Ich brauche auch keine Hoffnung, weil alles, was ich mir je erhofft habe, durch dich wahr geworden ist. Ich bin mir sicher, durch dich. Ich bin bereit. Ich weiß es, denn ich bin eine Natifah mit Herz. Es ist wie ein großes Gesamtbild: Erst sind alle Teilchen verstreut. Und dann fügt man es zu einem Ganzen zusammen. Ich bin eine Frau mit Herz, die mit dir fühlt, mit dir leidet, die mit dir teilt und mit dir schenkt und die mit dir und nur mit dir bis an das Ende dieser Welt reisen würde. Daher weiß ich ganz genau: Du bist meine Leben, mein Geliebter und mein allerbester Freund. Mein Herz schlägt nur für dich. Und an diesem Tage, am Tage unserer Hochzeit, verspreche ich dir folgendes: Ich verspreche dir, mein Herz in deine Hände zu legen. Ich verspreche dir ewige Liebe, Ehrlichkeit und Treue, solange wir beide leben. Ich verspreche dir mich. Als Ganzes und als deine andere Hälfte.
Ich wiederholte die Worte in meinen Gedanken. Und wieder sah ich zum Horizont. In mir blieb immer noch diese vereinzelte kleine Hoffnung, dass er wieder zurückkehren würde. Dass sein Ring einfach so in meine Hände gelangt war. Oder dass er sich nur einen bösen Scherz mit mir erlaubte. Die Hoffnung.. sie starb immer zuletzt.
Ich atmete ein weiteres Mal tief ein. Und wieder und wieder und wieder. Aber das Gefühl wollte nicht gehen. Das Gefühl umklammerte mein Herz und erdrückte es. Ich sah zu den beiden Schnitzereien - Rasin und mich. Und dann wieder durch das Haus. Vielleicht sollte ich mein Haus vorerst hinter mir lassen und wieder zurück in das Familienhaus ziehen. Aber... ich schüttelte den Kopf. Hier roch es vertraut. Ich hatte hier alles um mich. Seine Kleidung, seinen Duft in den Laken. Hier hatte ich das letzte Stück von ihm noch bei mir. Abgesehen von dem großen Stück in meinem Herzen.
Wenigstens verstand ich Yamaal nun, was er damit meinte, dass Rasheeda immer ein Teil von ihm sein würde. Es war nicht so einfach, einen Menschen, den man geliebt hatte, aus dem Herzen zu verbannen. Rasin würde immer da sein. Immer. Ein kleiner Teil von mir würde auch nach Jahren noch an ihn denken und ihn immer noch lieben.
Ich richtete das Wasser her, ebenso wie seine Kleidung und wohltuende Salben und Düfte. Ich nahm seine Haarbürste mit, einen Bartkamm und eine Schere. Alles packte ich zusammen. Dann klopfte es an der Tür. Die Nachricht, dass sein Leichnam zum Tempel gebracht wurde, ließ mich zusammenbrechen. Ich schloss die Tür und versuchte mit meinen Fingernägeln den Boden zu zerkratzen. Ich scheiterte. Eine halbe Stunde etwa brauchte ich, bis ich mich gefangen hatte. Und dann machte ich mich auf den Weg zum Tempel. Umso näher ich jenem kam, desto mulmiger wurde mir. Ich stieg die Stufen empor, es war alles ruhig. Die Wachen neigten ihr Haupt und ließen mich hinein, nachdem ich meine Füße und Hände gesäubert hatte. Ich sah all die Kerzen und am Ende vor dem Altar den aufgebahrten Leib. Ich zögerte einen Augenblick, ich fühlte mich nicht stark genug und dennoch gab mir irgendetwas den Antrieb, weiterzugehen.
Als ich neben ihm angekommen war, presste ich die Lippen aufeinander. Ich löste meinen Schleier. Abgesehen von einigen Schrammen sah er aus wie immer - als würde er friedlich schlafen. Vorsichtig streichelte ich ihm über die Wange und begann wieder, Tränen zu vergießen. "Warum hast du uns allein gelassen?"
Nachdem ich mich gefangen hatte, begann ich damit, ihn zu waschen und zu säubern, um ihn im Anschluss mit den Ölen einzureiben. Merkwürdigerweise machte es mir nichts aus, den leblosen Körper zu berühren. Es fühlte sich vielmehr vertraut an. Am Ende legte ich ihm seine Kleidung an, nachdem ich seine Frisur, seinen Bart zurecht gestutzt hatte. Für einen kurzen Moment musste ich sogar lächeln. Das war mein Rasin. Mein ein und alles. "Du wirst immer in meinem Herzen bleiben."
Verbringst all deine Zeit mit Warten
Auf die zweite Chance
Auf die Pause, die es in Ordnung bringt.
Da sind immer einige Gründe
Um sich nicht gut genug zu fühlen
Und am Ende des Tages ist es schwer
Ich brauche etwas Ablenkung
Oh, schöne Befreiung
Erinnerungen sickern aus meinen Adern
Lass mich leer oder schwerelos sein und vielleicht
Werde ich heute Nacht etwas Frieden finden
In den Armen des Engels
Fliege ich fort von hier
Aus diesem dunklen kalten Raum
und der Endlosigkeit die du fürchtest
Du wirst aus den Trümmern deiner
Stummen Tagträume gezogen
Du bist in den Armen des Engels
Mögest du hier etwas Trost finden
Verfasst: Donnerstag 30. Mai 2013, 10:11
von Malaika Leyla Ifrey
Das Gespräch mit Nazeeya ergab zwei Dinge. Die ernüchternde Sache: Rasin war tatsächlich tot und ich musste Abschied von ihm nehmen. Die etwas beruhigendere Sache: Es gab jemanden, der mit mir fühlte. Der mein Leid beinahe genauso erlebt hatte, wie ich. Nazeeya wusste, wie ich mich fühlte und sie wusste auch, wie zerbrechlich eine Natifah in diesem Moment der stillen Einsamkeit war. Die letzte Erkenntnis war die, die mir am besten weitergeholfen hatte: Ich musste für meine Tochter weiterhin da sein, wenn ich sie nicht verlieren wollte.
Bis Nazeeya wieder da war hatte ich mir einige Ziele gesetzt. Das Haus war zu groß für mich allein. Ich würde es umräumen. Und mir Gedanken über das Kinderzimmer von Jalilah machen. Sie hatte zwar keinen Vater mehr, aber eine Mutter aus dem Blute der Yazir. Eine Kämpferin.
Zumindest glaubte ich das immer mal wieder zu sein. Bis mich die Realität auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Niemand konnte mir den Halt geben, den ich jetzt brauchte. Niemand konnte mir die Zeit der Trauer abnehmen. Auch dieser schlechte Beigeschmack blieb wohl für immer. Es würde leichter werden, hatte Nazeeya gesagt. Aber tief im Herzen würde immer ein Funken Schmerz zurückbleiben.
Eluive hatte sich etwas dabei gedacht. Aber was das war, erfuhr man meist erst Jahre später.
Verfasst: Donnerstag 30. Mai 2013, 12:49
von Malaika Leyla Ifrey
Der Tempel wurde in den Tagen zu meiner zweiten Heimat. Wann immer ich irgendwie Zeit fand, fand ich mich in den heiligen Hallen des Tempels ein. Ich kniete mich in die erste Reihe, sprach mein Gebet zu Eluive und verbrachte die restliche Zeit mit Schweigen. Oder mit dem Kampf der Unterdrückung meiner Tränen.
Hier und da unterbrach ich die Stille, indem ich zu ihm ging und leise Worte sprach. Worte, die ich ihm noch sagen wollte. Worte, die ich zu seiner Lebzeit vielleicht nie gefunden hätte. Das Herz unter meiner Brust bebte, weil ich wusste, dass ich ihn bald komplett gehen lassen musste. Bald würde das Feuer ihn zu einem Häufchen Staub machen, sein Körper und seine Seele wurde in Eluives Schoß, in ihre schützenden Hände gelegt.
Ich wollte an diesen Tag kaum denken. Mir wurde heiß und kalt dabei. Seufzend stand ich wieder auf und legte seine kalte Hand zurück auf das Laken. Der Rock meines Kleides war mittlerweile wieder zerknautscht und zerknittert. Ich fühlte mich, als ginge ich auf Wolken, als ich den Tempel wieder verließ. Als wäre ich mehr Zombie als Natifah. Und ich fürchtete, andere sahen derzeit das Gleiche in mir. Meine Auffassungs- und Wahrnehmungsgabe glich dem Gefrierpunkt einer Pfütze.
Verfasst: Freitag 31. Mai 2013, 13:47
von Malaika Leyla Ifrey
Bis zur Abendstunde saß ich im Tempel. Ich hatte sogar die Vermutung, dass ich eingeschlafen war. Denn als ich mich wieder aufsetzte, spürte ich diese allumfassende Nähe. Diese Wärme in meinem Herzen, die in den letzten Tagen verschwunden war. Ich hatte von ihm geträumt, ganz bestimmt. Ich bedauerte, dass ich mich nicht daran erinnern konnte.
Nachdem ich aufgestanden und mich von ihm verabschiedet hatte, richtete ich meine Kleidung zurecht, verhüllte mein von Tränen aufgequollenes Gesicht und ging zurück in die Stadt. Khalida erwähnte, dass Amar nach mir suchte. Ich hatte schon so viel von ihm gehört, aber ein Gesicht zu seinem Namen hatte ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Aber das war also nochmal ein Grund, weswegen ich mich auf dem Basar sehen lassen musste. Rasenden Herzens begab ich mich auf den Weg dorthin.
Anisah und Lalita kamen gleich auf mich und meine kleine Tochter zugestürmt, ob ich mich von Jala nicht zeichnen lassen wollte. Mit verquollenen Augen und trauerndem Herzen war das vielleicht keine sonderlich gute Idee. Aber ich verstand ihre Intention dahinter. Sie wollten mir zeigen, dass es weiterging. Und dass sie da waren. Auch Zia wollte mir dieses Gefühl geben. Sie bat mich, am Familienabend anwesend zu sein. Aber ich konnte ihr kein Versprechen geben. Nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Ich konnte noch nicht über den Tellerrand hinausblicken. Noch nicht weiter sehen als: "Er ist tot." - ich wusste ja selbst, dass es irgendwann, von einem Tag auf den anderen, besser werden würde. Leichter. Das Herz wäre dann nicht mehr aus Stein, die Adern nicht mehr wie eingefroren.
Imraan jedoch schaffte es, mein Herz für einen kurzen Augenblick zu berühren. Nicht mit seinen Worten, dass er von mir und meinem Leid bereits gehört hatte, sondern vielmehr mit seiner einfühlsamen Art. Ich lächelte zum ersten Mal seit Tagen ehrlich. Auch er hatte schon vieles verloren. Man glaubt gar nicht, wie viel einem das Gefühl bedeuten kann, mit den Problemen nicht allein auf der Welt zu sein. Und es gab Hoffnung. Dass wirklich alles irgendwann gut werden würde. Immerhin lebten diese Menekaner mittlerweile auch wieder. Und sie schienen alle auch wieder glücklich - zumindest grundsätzlich.
Ich fand an diesem Abend keine Zeit mehr, um mit Amar zu sprechen. Nur einen kurzen Moment sah ich ihn, wie er den Teppich nach Hause trug und kurz bei mir pausierte. Er versprach mir, am nächsten Abend zu meinem Haus zu kommen. Er wollte mich und Jalilah kennenlernen. Uns nicht außen vor lassen. Es rühmte seine Person. Aber es half weder über den Verlust meines Mannes hinweg, geschweige denn über den Dorn, dass ich auch für die Familie bald nicht mehr das war, was ich zuvor war.
Auf dem Weg nach Hause hatte ich mich an einem abgelegenen Stück einfach in den Sand gesetzt und in den Himmel gesehen. Etliche Sterne waren am Horizont, einer heller als der nächste. Meine Tochter war mittlerweile wieder wach und ich beschäftigte mich mit ihr. Ich erzählte ihr, wie Rasin und ich uns kennenlernten. Wie alles seinen Weg ging. Ich kitzelte sie, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf. 'Er hätte nicht gewollt, dass du dich so vor allem versperrst, Malaika.' Ich sah wieder in die Sterne. Neda, das hätte er nicht. Er hätte mir gesagt: Malaika, du bist stark. Du bist aus dem Blute der Yazir. Du machst weiter. Für mich, für uns, für sie. Und für die Familie. - Aiwa, das hätte er gesagt und wenn ich geweint hätte, dann hätte er mir die Tränen aus den Augen geküsst und mich in seine starken Arme genommen.
Ich ging nach Hause. Der Sand brannte unter meinen barfußenen Sohlen. Vielleicht konnte ich wieder ein wenig Schlaf finden. Das wenige Essen und der wenige Schlaf machten mich gar krank. Und ich fand auch ein paar Stunden Schlaf. Zumindest solange, bis die Dämmerung einsetzte und die Sonne begann, das Land mit vorsichtigen Küssen zu wecken. Ich setzte einen Fuß aus dem Bett auf den Teppich, den weiteren zog ich nach. Ich machte mich auf den Weg. Doch wohin führte er?
Er führte mich am Palast vorbei in die Oase. Dort pflückte ich fünf strahlende Blumen und pflückte einiges an Obst. Meine Füße trugen mich zunächst zur Bank und zur Taverne. Dort stellte ich jeweils eine Blume in eine Vase und legte frisches Obst in die Schalen. Dann trugen mich meine Füße weiter zum Maristan, auch dort stellte ich die Blume in eine Vase und dann inmitten des Tisches. Das Obst fand seinen Platz in einer Schale nebendran. Das selbe tat ich im Büro des Statthalters. Die frische Blüte fand ihren Weg in einer Vase auf den Tisch, das Obst stand nicht unweit daneben in einer kleinen Schale. Mein letztes Etappenziel war der Palast. Auch auf Ghadirs Schreibtisch im großen Eingangssaal des Palastes fand sich eine strahlende Blüte ein, genau wie das frische Obst. Ich fühlte mich zu etwas berufen: Ich wollte die Herzen des Volkes berühren. Mit kleinen Gesten. Von denen erstmal keiner wusste, dass ich das war.
Verfasst: Sonntag 2. Juni 2013, 14:02
von Malaika Leyla Ifrey
Als ich die sichere Tür meines Hauses hinter mir geschlossen hatte, rutschte ich erleichtert an dieser hinab und ließ mich auf den Boden nieder. Was auch immer hätte passieren können, das war für mich das allerschlimmste. Mein Herz raste bis zum zerbersten und ließ sich kaum mehr beruhigen. "Was hast du uns damit nur angetan?", ich sah zum Himmel, als könne er mich verstehen. Es wäre niemals in seinem Sinne gewesen, nicht so. Er hätte niemals zugelassen, dass mich irgendjemand als geisteskrank abstempeln würde.
Geisteskrank. Nicht Herr meiner Sinne.
Ich fühlte mich durch Samans Worte für Zafer und Gassur gekränkt und gedemütigt. Auf meiner Trauer wurde seinerseits herumgetrampelt und er nutzte meinen Zustand aus, um mich als geistig schwach zu titulieren. Ich wusste gar nicht, ob ich darüber wütend, sauer, enttäuscht oder entsetzt sein sollte. Gassur und Zafer hatten keine Wahl, als mich zurückzulassen. Ich fühlte mich wie das Schaf, welches auf der grünen Wiese vergessen wurde. Und so hatte ich bestimmt auch drein gesehen.
Ich hätte es mir einfach sparen sollen, den Familienabend zu besuchen. Zias Worte schmerzten, hatte sie zuvor noch gesagt, sie würden alle für mich da sein. Ganz im Gegenteil zu dem fühlte ich mich allein und im Stich gelassen. Vielleicht war es auch einfach nur meine Hilflosigkeit, dass ich an der Situation nichts mehr ändern konnte. Ich lehnte den Kopf gegen die Tür und seufzte. Mein eigenes Heim wurde zu meinem verhassten Gefängnis. Eingesperrt von einem jähzornigen Oberhaupt.
Dabei hatte der Abend nach dem Familienabend noch ein angenehmeres Bild gebracht. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft Zafers, als ich aufgelöst vor der Tür stand und nach Aaminah fragte. Sie hatte vermutlich längst geschlafen, die süffisante Nacht zuvor war zuviel für uns beide gewesen. Er bat mich auf eine Tasse Mocca hinein, welche ich nicht ablehnen wollte. Auf dem Weg zum Haus der Ifrey begegnete mir ein fremdes Gesicht. Ein Menekaner, den ich bisher noch gar nicht kannte. Gassur. Zafer stellte uns vor und ich erklärte, dass Zafer mich auf eine Tasse Mocca ins Haus eingeladen hatte. Während Zafer weiterging fühlte ich mich recht hilflos, es war nicht mein Haus und ich hatte nicht das Recht, Gassur auch auf eine Tasse Mocca einzuladen, nichts desto trotz fragte ich, ob er uns nicht begleiten wollte. Im gleichen Moment war es mir gewissermaßen peinlich und ich entschuldigte mich dafür.
Meiner Wut freien Lauf zu lassen, tat gut und war äußerst befreiend. Sie hörten zu und baten mir an, dass ich auch bei ihnen bleiben konnte. Ich war gewissermaßen äußerst gerührt von diesem Angebot und gleichermaßen erleichtert. Als es klingelte, hatte ich einfach die stille Hoffnung, dass niemand nach mir suchen würde. Gassur ging zur Tür und kam wieder mit der Nachricht, dass Amar nach mir suchte. Ich wollte niemanden sehen. Nichts und niemanden. Aber ich wollte auch nicht, das Gassur für mich lügen musste. Doch Gassur war längst wieder zur Tür geeilt mit der Information, mich nicht gesehen zu haben. Irgendwie war ich ihm in diesem Moment unendlich dankbar dafür.
Und nun saß ich hier in meinem Haus. Wieder zurück an einem Ort, an dem mich die Trauer erschlug und an dem mich der Hass der Familie zerschmetterte. Ich konnte mir denken, dass es für sie nicht sonderlich leicht war, mit meiner Trauer umzugehen. Als ich Gassur und Zafer gehen lassen musste ohne mich an ihrer Seite fiel ich wieder zurück in dieses allumfassende schwarze Loch. Saman entschuldigte sich für seine Wortwahl, allerdings war das nicht mehr so einfach. Nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte. Für ihn war ich die Schuldige, die die Familie in Schande gezogen hatte. Für mich war er derjenige, der Gassur und Zafer falsch verdächtigte und seinen Groll gegen einige Mitglieder des Hauses nicht unter Kontrolle hatte. Er stellte vor anderen eine Natifah seines Hauses als geisteskrank hin, obwohl jeder um meine Trauer wusste. Es war gar purer Hohn, dass er davon sprach, das Haus Ifrey wusste nicht, wie man mit Natifahs umging. Und er selbst beschimpfte eine trauernde Witwe als geisteskrank. Ich hätte ihm am liebsten vor die Füße gespuckt. Aber da mein Geist noch voll anwesend war, beließ ich es dabei. Der nächste Tag würde mehr zeigen.
Verfasst: Samstag 8. Juni 2013, 20:31
von Malaika Leyla Ifrey
Sie tritt in dein Leben, du kannst sie nicht beeinflussen.
Sie berührt dich, nicht achtend darauf zu welcher Zeit und an welchem Ort.
Sie fließt durch dich wie ein Sandsturm, sie reißt dich mit.
Man kann sie nicht steuern. Sie steuert dich.
Lichtmomente. Es gibt sie tatsächlich. Zwischen all den Gewitterwolken fallen kleine Sonnenstrahlen auf die Erde hinab und bringen kleine, zarte Pflänzchen zum blühen und gedeihen. Es sind kostbare Momente, die unsere Seele berühren und zum schmelzen bringen. Momente, die hinter eine dunkle Fassade blicken und sie langsam aber sicher mit kleinen, hellen Rissen versetzt.
Khalida hatte mich gefragt, ob sie mich tatsächlich so schlecht behandelt hatten. Ich wusste nicht so recht, was ich darauf sagen sollte, abgesehen von der Tatsache, wie ich empfand. Wie ich all das wahrgenommen hatte. Aber so wirklich böse war ich niemandem mehr. Die Sache war gegessen. Ich hatte ihr erklärt, dass ich mein Leben weiter lebte. Jalilah zuliebe, der Familie zuliebe – und ihm zuliebe. Letztes hatte ich mir nur gedacht und ich wunderte mich selbst über diesen Gedanken.
Ein schweres Seufzen legte sich auf mein Herz und kam über meine Lippen. Was so schnell begonnen hatte, war so schnell hinfort gewesen und nun saß ich da zwischen all den blühenden Rosen und dennoch, irgendwie zierte ein Lächeln meine Lippen. Ich konnte die Tage wieder intensiver wahrnehmen und auch die Mitmenekaner um mich herum. Ich konnte wieder anderes empfinden als den Hass und die Wut, all die Trauer über den Verlust Rasins. Ja, ich konnte lächeln. Dass ich einen Grund hatte, der mich zum lächeln gebracht hatte – bei Eluive, das verstand ich jetzt noch nicht. Und wie ich das nicht verstand, lag doch alles noch so weit entfernt und war so unwirklich. Und es kam viel zu unverhofft.
Die Überraschung war wohl gelungen, denn in meinem Gesicht spiegelte sich jene wider. Als es so spät an der Tür des Familienhauses geklingelt hatte, hatte ich mit allem gerechnet, nur nicht mit ihm. „Ich wollte fragen, ob du noch gut nach Hause gekommen bist. Du warst auf einmal verschwunden.“ Grinsen musste ich schon, immerhin war ich tatsächlich auf einmal verschwunden gewesen. Gerade war mein Pfeil noch durch die Luft geflogen, da musste ich beide Beine in die Hand nehmen und laufen. Dieses kleine Ding war viel zu schnell für mich und ich sprang hinter den nächsten Vorsprung. Als es an mir vorbei gerannt war, nahm ich die andere Richtung. Weit weg von meiner Begleitung. Das wiederum war der Grund, weswegen wir uns verloren hatte. Umso überraschter war ich wirklich, dass er vor den Toren stand, nur um sich zu vergewissern, dass mir nichts passiert war. Wir unterhielten uns lange, ließen uns von merkwürdigen Besuchern aufhalten und ich konnte wieder alles um mich herum vergessen. Als ich erwähnte, dass ich es geschafft hatte, Khalida zu schockieren und ihm erzählte, wie ich das geschafft habe, fragte er mich erschrocken, ob das wirklich mein Ernst sei. Das Gesicht war fast so zum Grinsen wie das von Khalida. Aber nein, das war nicht mein Ernst. Und weil ich ja eine gut erzogene Natifah war, bedankte ich mich bei ihm, dass er extra vorbeigekommen war, um nach mir zu sehen. Er hatte sich Sorgen gemacht, so waren seine Worte. Diesmal war ich die, die erschrocken war. Er musste sich doch keine Sorgen um mich machen. „Aber du hast doch jemanden, auf den du aufpassen musst.“, ich stimmte ihm zu. „Und dann sollte auch jemand auf dich aufpassen.“, die Erwiderung darauf erfolgte lächelnd. Ich wusste für den Moment nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich war irgendwie überwältigt. Wer hörte nicht gern, dass sich jemand um einen sorgte und auf jemanden aufpassen wollte? Nachdem wir uns verabschiedet hatten, ging ich zurück nach Hause. Jalilah schlief immer noch tief und fest und ich setzte mich mit einen Glas kühlen Dattelwein in die Hängematte und sah zum Familienhaus und in den Himmel empor. Ich vermisste es, in starken Armen zu liegen, die mich festhielten. Ich vermisste es, dass mir jemand zeigte, dass ich für ihn die Welt war. Ich vermisste meinen Mann. Und ich vermisste... ihn. Ich leerte das Glas und befüllte es nochmal. Ich musste etwas vor mich hinschmunzeln, als ich mich an die Situation erinnerte, als ich mich aus dem Hintertürchen ins Freie geschlichen hatte, weil Zia, Khalida und Amar vor der Tür standen. Aaminah hatte mich hinausgeschoben und damit mich keiner sah, watete ich durch das Wasser davon. Sehr gut durchdacht von mir mit weißen Kleidern durch das Wasser zu stiefeln. „Warte.“ - Ich wartete, inmitten des Wassers. Und Gassur hatte nichts anderes zu tun, als mir ins Wasser hinterher zu gehen. Ich sah in mein Dattelweinglas und schmunzelte wieder ein wenig. Dann folgte ein langes Seufzen. Er brachte meine Mauer zum bröckeln. Durfte das sein? Er konnte doch nicht einfach so kommen und damit beginnen, mich glücklich zu machen. Nicht einfach so. Nicht jetzt. Ich sah wieder zu den Sternen. Vielleicht hatte Rasin mir auch jemanden – ihn – geschickt, damit wirklich jemand auf mich aufpassen würde und mich auffangen würde. Zwischen all dem Chaos, der Trauer und der Wut. Aber ich verstand immer noch nicht so richtig, dass er der Grund war, der mich wieder zum Lächeln brachte.
Die größten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben können. (Jean Jaurès)
Verfasst: Montag 10. Juni 2013, 17:31
von Malaika Leyla Ifrey
Zuhause angekommen hatte ich Zeit, um all das Geschehene auf mich wirken zu lassen. Ich lehnte mich in der Hängematte zurück und schloss die Augen.
Nachdem Amar mich stehen ließ und mich keines Blickes gewürdigt hatte, nahm ich den Weg zu Aaminah auf. Ich spürte noch immer, dass ich „zuhause“ nicht willkommen war. Ich wollte den Sieg meines Volkes ebenfalls feiern. Und wenn ich es zuhause wegen Nicht- oder Verachtung nicht durfte, dann eben woanders. Aaminah war recht verwundert, als ich vor der Tür stand. So schnell hatte sie mit mir noch nicht gerechnet. Nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich wohl nicht erwünscht war, ließ sie mich rein. „Hier bist du immer erwünscht, das weißt du.“
Im Haus saßen Haroun, Hazar und eine weitere Tochter der Ifrey, Sharie, die ich erst zu dem Zeitpunkt kennenlernte. Sie begossen bereits den Sieg. Ich freute mich darüber, Hazar zu sehen. Sie war, genau wie Aaminah und ich, ein kleines bisschen verrückt. Und ich hatte die Vermutung, dass sie Haroun ganz gern hatte. Denn immerhin änderte sie sofort ihr Essverhalten, als er an den Tisch kam. Das allein entlockte mir ein seichtes Schmunzeln.
Djamji durchsprudelte mit ihrer offenen Art ziemlich bald die Wohnräume auf der Jagd nach einem Schlüssel zum Haus. Ein größeres Anliegen hatte sie im Grunde nicht, nur dieses eine. Dennoch wurde sie dazu verdonnert, etwas zu trinken. Unweigerlich nach Djamji kam Gassur zur Tür herein. Ich möchte nicht sagen, dass irgendwas in mir für einen Moment ausgesetzt hat, aber seine Anwesenheit versprühte zumindest ein angenehmes Gefühl in mir. Schnell beteiligten sich alle wieder an den Tischgesprächen, die sich hauptsächlich um die Schlacht drehten.
Aaminah kniete sich irgendwann zu mir und fragte, ob ich nach Hause gehen würde oder über Nacht bleiben wollte. So gern, wie ich auch hätte bleiben wollen, so unmöglich war es mir. Ich wollte die Familie nicht in größere Schwierigkeiten bringen. Sie schlug mir auch vor, mit dem Emir zu sprechen, weil ich von den Männern soviel Verachtung entgegen gebracht bekam. Aber das lehnte ich strikt ab. Nachdem Hazar gegangen war, bat mich Aaminah, einen Platz aufzurutschen, damit wir alle gegenüber saßen und uns besser unterhalten konnten. Das bedeutete für mich, den Platz neben Gassur einzunehmen. Dieser lächelte mir daraufhin kurz zu, kümmerte sich dann aber weiter um seine Fidah. Djamji hatte an dem Abend ganz gut zu leiden, brachte Aaminah doch das Thema auf den Tisch, dass sie gemeinsam mit uns am Kochabend mithelfen soll. Dann würde sie auch gleich kochen lernen. Sie bestand allerdings darauf, dass sie erst kochen lernen würde, sobald ihr Bruder – Gassur – verheiratet war. Immerhin war er der Ältere, er wäre nun an der Reihe. Aaminah hingegen fand das Thema wieder viel zu interessant, als das sie es hätte ruhen lassen können. Neugierig wie dieser zappelige Kaktus war fragte sie gleich, ob es für Gassur eine Frau gab. Nicht, dass mich die Antwort auf diese Frage nicht auch brennend interessiert hätte. Aber Zafer schob recht schnell einen Riegel davor, indem er die Frage als zu persönlich einstufte. Damit war Gassur aus dem Schneider und Aaminah platzte beinahe vor Neugier. Djamji teilte diese Neugier ebenfalls und boxte ihren Bruder, der daraufhin beinahe auf mich gefallen wäre. Nichts desto trotz, das Thema war dann relativ schnell wieder vom Tisch, nachdem Djamji verkündete, dass die zukünftige Frau Gassurs nett sein musste – und sie würde das testen. Ich begann daraufhin, mich zu verabschieden. Ich wollte eigentlich nach Hause, die Gastfreundschaft der Familie Ifrey wollte ich nicht zu lange beanspruchen. Auch, wenn ich mich hier wohl fühlte. Aaminah sah mich erschrocken an. „Du willst tatsächlich zurück in die Höhle des Löwen?“
Mir blieb vermutlich nichts anderes übrig. Ich wollte niemand Unschuldigen mit in diese ganze Sache mit hineinziehen. Aaminah war das egal, sie gab mir sogar das Wort, dass sie mich verteidigen würde. Sie wollte mir und dem Kind die Zustände nicht weiter zumuten. Nicht so. Eben, weil sie spürte, wie sehr mir all das weh tat. Zafer meinte dann, er wolle mich und Gassur einen Augenblick unter vier – eigentlich sechs – Augen sprechen.
Zafer, Gassur und ich setzten uns in eine der Ecken. Wir waren uns alle drei schnell einig, dass meine Situation nicht die Beste war. Eine Witwe, noch dazu eine mit einem kleinen Kind, brauchte die helfende Hand ihrer Familie. Und diese hatte ich augenscheinlich nicht wirklich. Auch, wenn sie mir von allen Seiten angeboten wurde, es gab immer wieder jemand, der mir zeigte, dass ich nicht erwünscht war. In dem Fall war es Amar gewesen. Wieder kamen wir auf das Thema, mein Anliegen beim Emir vorzutragen. Ich erwiderte daraufhin, dass sie mich vermutlich wieder als geistesabwesend titulieren würden. Zafer meinte zwar, dass man nach einem kurzen Gespräch recht schnell merkte, dass das nicht der Fall war, dennoch war auch nach Gassurs Einwand das Thema Emir vom Tisch. Auch Gassur als Statthalter waren die Hände gebunden, wenn ihm alle aus meiner Familie versichern würden, dass es mir zuhause gut gehen würde. Zafers weiterer Plan war, das Verhalten mir gegenüber von Außenstehenden beobachten zu lassen. Aber auch hier erklärte ich ihm, dass der Plan schnell zum scheitern verurteilt sein konnte. In dem Fall stimmte mir Gassur ebenfalls wieder zu. Zafer dachte weiter nach und kam dann zu seinem letzten Einfall. „Eine andere Möglichkeit, wie du von Samans Herrschaft befreit wärst, wäre...“, er pausierte und ich sah fragend zu ihm. „Ein neuer Mann.“
Ich blinzelte. Ich hatte nun mit vielem gerechnet, nur nicht damit. Aber eine Möglichkeit wäre es. In dem Sinne wäre es dann eine Zwangshochzeit, um mir wieder die Möglichkeit zu geben, mich normal weiter entwickeln und entfalten zu können. Nachdem das erste Fettnäpfchen überwunden war, fragte Gassur, wen Zafer denn im Sinn habe. „Nun, da wären Haroun, Machmuth, Satish, Wahid und Gassur.“
Ich erklärte Zafer, dass Haroun schonmal raus fiel, weil er viel jünger war als ich. Und ich hatte ein Kind. Ich glaubte nicht, dass er jetzt schon die Verantwortung für Frau und Kind übernehmen wollte. Gassur wiederum fand, dass Machmuth ein viel zu alter Mann war, Zafer hingegen fand genau das richtig, da er älter war und weise, er würde besser passen. Gassur entgegnete fast maulig und motzend, dass Machmuth der Vater von allen hier sein könnte und ich hätte jemanden verdient, der mir noch ein paar Jahre erhalten bleiben würde. Aber irgendwie war das nicht das, was mich ansatzweise zufrieden machen konnte. In dem Moment kam Aaminah mit schnellen Schritten und einem lauten „Bin daaaaa! Wer noooooch?“ wieder in den Raum. Natürlich antwortete ich mit einem lauten „Iiiiich!“. Man sah Zafer genau an, dass er sich nur noch dachte: Was hab ich mir damit nur angetan, mit zwei solchen Hühnern?
Zafer nahm dann Wahid als potenziellen Ehemann in Augenschein. Gassur erwähnte, er sei immer so beschäftigt und er könne nicht immer die Zeit haben, um sich um uns zwei zu kümmern. Zafer selbst hielt Satish, den ich glaube ich gar nicht kannte, selbst noch für zu ungeeignet, weil er sich selber noch nicht so eingelebt hatte. „Es müsste jemand sein, der Malaika also auch beim jagen schützen kann und sich um sie sorgt. Der einen angesehenen Stand und ein gutes Einkommen hat, um für sie und ihre Kleine zu sorgen. Und jemand, der noch um keine andere Natifah geworben hat.“ - Meine innere, kleine Stimme dieser kleinen, unmöglichen Tänzerin war wieder zurück. Und ich hörte sie wie wild einen Namen fiepsen. Die Antwort von Gassur selbst brachte mich beinahe zum Schreien vor lachen. „Wenn dieser aus der Familie Ifrey stammt, muss es ein ganz toller Kerl sein.“ Zafer hat sich daraufhin gleich erst mal verschluckt. Ich spürte hingegen, wie trocken meine Kehle wurde und bat darum, dass ich mir einen Schluck zu trinken holen durfte. Vor lauter Aufregung hatte ich tatsächlich vergessen, die zwei zu fragen, ob sie auch was wollen. Ich ging zum Tisch zurück und trank schnell und hastig ein paar Schlücke, um dann wieder zurück zu stiefeln. Beide verstummten augenblicklich und Zafer bat mich darum, den beiden auch etwas zu bringen. Ich wuselte also wieder davon. Auf der Treppe angekommen drehte ich mich wieder zu ihnen und brüllte ein lautes „Schnaaaaaaaps?“ durch den halben Raum. Als Bestätigung bekam ich ein Nicken.
Und auch von Aaminah kam ein überzeugtes „Ja“ und ich wedelte mit der Hand in ihre Richtung, dass sie gar nicht gemeint war. „Du doch nicht!“
Ich goss also schnell den Schnaps in zwei Gläser und nahm diese wieder mit hinüber. Aaminah guckte nur verwirrt, fragte mich, warum wir Schnaps brauchten, ob wir was feierten. Aber ich ignorierte sie erstmal und ging weiter. Ich wusste doch auch nicht, ob sie sich nun bewusstlos saufen würden und der, der mehr aushält, durfte mich heiraten oder ob es einfach nur ein Ablenkungsmanöver war. Wieder an den Kissenhaufen angekommen gab ich erst Zafer, dann Gassur die Gläser und setzte mich wieder artig. Zafer verließ uns dann jedoch schnell, da er noch ein wenig Zeit mit Aaminah verbringen wollte. Ich sah Zafer dann noch eine Weile mit gerunzelter Stirn nach, dann ging mein Blick zu Gassur. Er sah mir entgegen und meinte leiser, dass er nicht wüsste, wie er es am besten sagen solle. Dann wählte er seine Worte weiterhin vorsichtig und mit Bedacht. „Zafer und auch ich sind der Meinung, sofern du willst...“, er atmete dann durch. „... wäre es vielleicht eine gute Idee, wenn wir dich dauerhaft in der Familie haben.“ Das hatte ich ja noch einigermaßen mitbekommen. Aber ich hatte immer noch keine Ahnung, worauf – oder auf welchen armen Kropf – sie sich nun geeinigt hatten. „Wir haben in letzter Zeit einiges zusammen erlebt. Einige lustige aber auch einige unschöne Situationen.“ Ich sah zu ihm und schon jetzt wusste ich, was er mir sagen wollte. Und obwohl es sich anfangs irgendwie angefühlt hatte, als wollte man mir eine Zwangshochzeit aufdrücken, um mich von weiteren Zwängen zu befreien, fühlte es sich nun gar nicht mehr an wie ein Zwang. Denn ich mochte Gassur. Er hatte mir mein Lächeln zurückgegeben. Meine Mundwinkel zuckten ein wenig. „Also, wenn du möchtest, würde ich mich gern bei Saman erkundigen.“, er zog den Satz mit seinen Pausen zwischen den Worten dramatisch in die Länge und sah verlegen zu Boden. Wonach wollte er sich bei Saman erkundigen? Er antwortete noch viel langsamer und gebrochener darauf. „Naja, ob ich dich... vielleicht... zur Frau... nehmen.. dürfte. Sofern du es möchtest.“
Meine Augen wurden größer und größer und größer. Ich hatte irgendwie schon damit gerechnet, aber irgendwie war es dann doch so unwirklich. Ich fühlte mich so zerrissen, auf der einen Seite so gut, auf der anderen Seite war es so schwer. Wegen Rasin. Aber dann war mir klar: Er hatte mit Sicherheit seine Finger mit im Spiel. Er hätte nie gewollt, dass ich mit Ignoranz gestraft werde innerhalb meiner Familie. Und ich war mir absolut nicht sicher, ob Gassur das wirklich wollte. Immerhin hatte ich eine Vergangenheit. Und eine kleine Tochter. Aber er meinte lächelnd, dass er meine Situation kennen würde. Und meine Vergangenheit. Ich hob meinen Blick an und suchte nach dem seinen, ich glaubte sogar, dass ich das heute zum ersten Mal bewusst tat. „Falls du nicht interessiert bist, möchte ich mich entschuldigen.“ Ich musste kurz etwas grinsen und ihn fragen, ob er verrückt sei. Es würde eine etwas merkwürdige Situation sein, aber es war ein Ausweg, der mir half. Und ich spürte, dass es mich trotz allem irgendwie glücklich machte. Ich versicherte mich jedoch nochmal, ob er gerade tatsächlich danach gefragt hatte, ob er bei meinem Oberhaupt um meine Hand fragen durfte. Gassur nickte nervös. Ich gab ihm meine Zustimmung darauf. „Dann muss ich also nur noch deiner Schwester beweisen, dass ich nett bin.“
Im Schnelldurchlauf erzählte ich Aaminah alles. Das „Wuhuuu“ am Ende sowie das herumwirbeln meinerseits bestätigte mir wohl ihre Freude darüber. Sie tanzte und hüpfte und zog mich einfach mit. Zafer guckte schon ganz kritisch. Wir gingen hastig zurück zum Tisch und Aaminah rief sofort nach Gassur, zog seinen Namen extrem in die Länge und sah ihn mit großen Augen an. Sie konnte es nicht abwarten. Sie wollte, dass Gassur gleich zu Saman ging und alles in die Wege leitete. Gassur sah zu Aaminah und meinte, er hätte eigentlich erwartet, dass sie es gleich durch das ganze Haus brüllen würde. Sie bestätigte dieses, wollte das aber erst im Anschluss an ihre vorherrschenden Worte tun. Ein weiterer Geistesblitz Aaminahs war die Idee einer fabulösen Doppelhochzeit. Zafer erklärte währenddessen Haroun die ganze Sachlage. Ich lachte bei Aaminahs Worten und meinte, wir sollten uns ein wenig zusammenreißen, Gassur konnte immerhin noch einen Rückzug machen. Das wiederum verleitete Aaminah dazu, Gassur gleich zu ermahnen.
Zafer bat dann vor allem Aaminah darum, noch nichts an die große Glocke zu hängen. Erstmal musste alles weitere geklärt werden. Und im Anschluss brachte Gassur mich nach langen Diskussionen mit Zafer doch noch nach Hause. Es war spät. Die meisten schliefen vermutlich oder feierten noch im Haus. Manchmal war ich wirklich froh drum, dass mein Haus so abgelegen war und man es vom Haupthaus aus kaum sah. Auch der Schleichweg machte sich immer und immer wieder bezahlt. Mir wurde bewusst, dass ich mein Haus aufgeben musste, irgendwann. All die guten und schlechten Erinnerungen. Irgendwie kam mir im Moment alles vor wie ein Traum. Er nahm meine Hand vorsichtig. Diese vorsichtigen, gar schüchternen Berührungen war ich gar nicht mehr gewohnt, aber sie durchströmten meinen ganzen Körper, als hätte irgendwer heißes Blut durch meine Adern gepumpt. Aber ich wusste, er musste mit mir geduldig sein. Ich hatte die Beerdigung Rasins noch vor mir, ich musste wieder ordentlich Fuß fassen, auch, wenn ich auf dem besten Weg war. Aber er gab mir die Zeit, die ich brauchte. Und ich wusste, Rasin wäre tatsächlich froh darum gewesen, dass es jemanden gab, der mich – uns – nicht alleine lies. Als er gehen wollte, bat ich ihn darum, auf sich aufzupassen. Irgendwie spürte ich die aufkeimende Angst, dass auch ihm irgendwann etwas passieren konnte. Und das wollte ich nicht schon wieder erleben. Ich sah ihn an und ich hatte das Bedürfnis, ihn einfach umarmen zu wollen. Und das tat ich dann auch. Er legte seine Arme ebenfalls um mich und ich fühlte mich, als würde sich die Welt auf einmal wieder weiterdrehen. Als würde ich weiteratmen können. Als würden meine Schultern und mein Rücken von dieser unendlichen Last befreit. Da war jemand, der mir seine Hand anbot. Jemand, der mir all seine Unterstützung gab. Und egal, ob Eluive oder Rasin ihn in diesem Moment geschickt hatte: Ich war so dankbar. So unendlich dankbar. Ich vergrub mein Gesicht an seinem Körper, ehe ich mich wieder von ihm löste. „Es wird schon alles werden.“, flüsterte er leise.
Und ja, es würde wirklich alles gut werden. Irgendwie hatte ich es geschafft, diese tiefe, hinabziehende Trauer zu überwinden. Ich hatte es geschafft, die Trauer als Teil von mir zu akzeptieren und hatte gelernt, damit umzugehen. Es war nun alles viel zu konfus, um wahr zu sein. Eigentlich war es eine Idee, um mir zu helfen. Eigentlich sollte es eine Gefälligkeitshochzeit sein. Aber irgendwie fühlte ich mich nicht schlecht bei dem Gedanken. Ich wusste, wenn noch ein wenig mehr Zeit vergangen war, dann würde alles so werden, wie es werden musste. Zwischen zwei Menekanern, die sich einander versprechen wollten. Ich dachte an Jalilah. Sie würde ihn als ihren eigenen Vater ansehen und lieben. Sie würde nicht ohne Vater aufwachsen. Ich setzte mich auf die Treppenstufen in meinem Haus. Und ich musste weinen. Vor Glück, vor Trauer, vor lauter Hin- und Hergerissenen Gefühlen. Mein Körper, meine Gedanken und meine Gefühle lebten wieder. Und das nur wegen ihm. Und wegen Aaminah. Ich ging zu Jalilah und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann sah ich auf und ein Mundwinkel hob sich an, danach der zweite.
Djamji hatte bald keine Ausrede mehr, um kochen zu lernen. Denn ihr Bruder würde vermutlich bald heiraten.
Verfasst: Donnerstag 13. Juni 2013, 20:59
von Malaika Leyla Ifrey
Ich werde dich lieben, wie die Felder den Frühling lieben.
Ich werde in dir leben, wie die Blüten in den Strahlen der Sonne leben.
Ich werde deinen Namen singen, wie die Täler das Echo der Dorfglocken verbreiten.
Ich werde den Geschichten deiner Seele lauschen, wie die Küste dem Lied der Wellen lauscht.
Es war schwer, diesen Schritt zu gehen. Ich hatte keine Tränen mehr. Ich saß in der ersten Reihe mit Jalilah und ich spürte und hörte, wie sich der Tempel füllte. Der Platz neben mir blieb leer – bis zu dem Zeitpunkt, als Aaminah kam. Sie bahnte sich den Weg durch die Anwesenden und nahm neben mir Platz, um meine Hand zu halten. Um mir beizustehen. Nazeeya begann mit der Predigt, der ich bedächtig mein Gehör schenkte. Während sie sprach, schossen tausend Gedanken durch meinen Kopf. Die ganzen letzten Wochen wiederholten sich in meinem Kopf. Mein Magen verkrampfte sich, als ich an das Schreiben dachte, in dem man mir mitteilte, dass Rasin tot war. Ich spürte für einen Moment wieder diese aufkeimende Leere und diese Trauer, die sich wie ein Sog auf mein Herz legte. Ich sah mich selbst, als stünde ich neben mir, wie ich an meiner Küchenzeile hinab rutschte auf den Boden. Ich sah die mitleidsvollen Blicke, die auf mir lagen und alles nur noch unerträglicher machten. Ich sah meine Tochter, wie sie größer und größer wurde. Ich stand auf und ging zur Urne, als Nazeeya darum bat. Ich hatte am Familientreffen keine Worte über Rasin verlauten lassen. Ich wollte diesen Tag dafür nutzen, den Tag, an dem ich ihn verabschieden würde.
Als ich Rasin zum ersten Mal gesehen und in seine Augen geblickt habe, wusste ich, wir gehören zusammen. Mit ihm habe ich einen Mann gefunden, den sich einige Natifahs gewünscht hätten. Er war aufmerksam, höflich, liebevoll, er hat mir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und mich mit seinen kleinen, aber feinen Verboten immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Er hatte immer seine eigene Vorstellung von Familie, wenngleich er dadurch auch bei einigen angeeckt ist. Rasin war ein herzensguter und treuer Begleiter... mit dem ich viel zu wenig Zeit verbringen durfte. Dennoch hat er mir sehr viel für mein Leben mitgegeben und mich gelehrt. Unter anderem, dass man das Leben leben und nehmen muss, wie es kommt. Mit all den Steinen, die im Weg liegen. Er hat mir, egal wie traurig ich war, immer gesagt, dass es weitergeht und man die Augen vor der Zukunft nicht verschließen soll. Er hat immer gesagt: Amali, weine nicht. Das ist keine Träne wert. Viele kannten ihn nicht so, wie ich ihn kannte. Und das war, denke ich, das größte Problem. Ansonsten hätten ihn vielmehr lieben gelernt. Aber für ihn zählte nichts mehr als seine eigene kleine Familie – seine Frau und seine Tochter.
Ich werde meinem Mann, den ich über alles geliebt habe, heute die letzte Ehre erweisen und ihm das versprechen, was er immer von mir hören wollte, als er noch lebte. Ich werde weitermachen, weiterkämpfen. Für ihn, für uns, für unsere Tochter. Ich weiß, er hat mir stärkende Hände geschickt, die ich dankbar annehmen werde. Und ich weiß auch, tief in meinem Herzen, dass er von seinem Platz neben Eluive auf uns herabblickt und auf uns achten wird. Heute, morgen... für immer. Und alleine deswegen werde ich ihn in meinem Herzen behalten. Und er mich. Und die gesamte Familie, die er über alles geliebt hat.
Nach meinen Worten und Nazeeyas abschließendem Segen war die Zeremonie vorbei. Ich blieb noch einen Augenblick sitzen, während Aaminah den Tempel verließ, da meine Kleine zu quängeln begann. Das letzte Mal, als ich hier war, war unsere Trauung gewesen. Ich atmete tief durch und spürte die warme Hand Khalidas in meinem Nacken und über meinen Rücken gleiten. Sie bot mir ihren Arm an, den ich dann – verwundert – annahm. Aaminah nahm meinte Tochter für heute mit und wollte sie mir am morgigen Tage wieder bringen. Sie bat mich darum, endlich einmal zur Ruhe zu kommen, die Last von meinen Schultern fallen zu lassen. Und das wollte ich dann auch tun – an einem ruhigen Ort, der sich Oase nannte.
[Ein paar Stunden später]
Auf dem Pfad des Lebens
geführt von unsichtbarer Hand
Schutzengel begleiten Dich
in Dein eigenes Zauberland
zu diesem Ort
der Freiheit und Glück vereint
nicht käuflich ist
durch Macht und Gold
an diesen Ort
wo die Seele atmen kann
und Träume Brücken bauen
(Happinez Ausgabe 4/13)
Zahra war gegangen und zurück blieb mein leeres Haus. Jalilah war bei Aaminah und irgendwie... fühlte ich mich hier hilflos. Ich musste raus, auch wenn ich Zahra versprochen hatte, endlich zur Ruhe zu kommen. Ich hatte mein Haus gerade umrundet, da lief ich Gassur in die Hände. Er hatte es also doch noch geschafft. Nach unserem weniger erfolgreichen Gespräch in seinem Büro hatte er versprochen, abends noch einmal kurz nach mir zu sehen. Wir gingen schnell weiter, noch konnte uns niemand gesehen haben. Unser Weg führte uns zur Ruine am Meer, dort nahmen wir hinter den Palmen und der zerfallenen Mauer im Sand platz. Das Wasser umspielte meine nackten Füße immer mal wieder und der warme Sand durchströmte meinen Körper mit einem angenehmen Gefühl. Intelligent wie ich natürlich war, hatte ich uns gleich noch jeweils eine Flasche Dattelwein eingepackt, den ich gleich auspackte. Ich fragte ihn, warum er seine Meinung über den Abend geändert hatte. Immerhin war er vorhin nicht derjenige, der es unbedingt gut fand, mich zu sehen. Auch, weil Saman es verboten hatte. Er erklärte mir, dass meine Worte ihn überzeugt hatten. Er dachte, ich wollte allein sein und er wollte mich nicht in die Situation bringen, ihn abweisen zu müssen. Süüüüüüüüüß.; ich trat diese kleine, fiepende Stimme in meinem Kopf. Ich erwiderte auf seine Worte, dass er es vorhin ja selbst ganz gut übernommen hatte, mich abzuweisen. Aber ich wusste ja, dass er seine Gründe hatte. Und das allein machte ihn eigentlich schon zu einem ehrbaren Mann. Wir hoben unsere Flaschen an und tranken auf das, was in der Zukunft kommen würde. Der erste Schluck war wie immer der Schlimmste für mich und ich verzog das Gesicht. Er fragte mich gleich, ob er mir denn nicht schmeckte. Aber ganz im Gegenteil, ich liebte Dattelwein. Nur der erste Schluck Alkohol war für mich immer der Schlimmste. Ich erklärte ihm das und fügte noch hinzu, dass ich ein wenig merkwürdig war, falls ihm das noch nicht aufgefallen sei. Ich zog meine Beine zu mir und legte die Arme darum, während er mir erklärte, dass ihm der letzte Schluck nicht schmeckte, erst recht dann nicht, wenn er schon merkte, dass es viel zu viel war. „Findest du?“, hakte ich nach. „Das du ein wenig merkwürdig bist, aiwa auf jeden Fall.“, er lachte. „Merkwürdig und besonders, würde ich eher sagen. Aber wer will schon eine langweilige Natifah?“ Ich musste wieder schmunzeln, sah dann aber wieder ein wenig nachdenklich auf das Meer hinaus. Die Situation war merkwürdig. Irgendwie waren wir wie gute Freunde, wir verstanden uns gut und er erfüllte mich wieder mit Leben. Aber dennoch, es war anders, als würde hier ein Paar sitzen wie Aaminah und Zafer, die sich aus tiefstem Herzen liebten. Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob es mir irgendwann möglich war. Und irgendwas in mir bestätigte mir, dass es Zeit brauchen würde, aber mit großer Gewissheit klappen konnte. „Glaubst du, wir.. also du.. ich.. Jali.. wir schaffen es, eine Familie zu werden?“, fragte ich ihn leise, aber dennoch so laut, dass er mich noch verstehen konnte. Er sah kurz zu mir, dann hinaus aufs Meer. „Ich weiß es nicht mit absoluter Sicherheit, aber ich denke, wenn wir uns anstrengen könnte es funktionieren. Oder siehst du das anders?“ - „Aiwa, ich glaube ich sehe es anders.“ Er sah mich auf meine Antwort hin ziemlich verblüfft an. Erst dann sprach ich weiter. „Ich glaube, wir müssen uns gar nicht so sehr anstrengen, um es zu schaffen.“, ich sah, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln formten und er nickte langsam. Ich war mir sehr sicher, dass wir es schaffen würden. Trotz der merkwürdigen Situation im Moment. Ich wusste ja, dass er mich mochte. Das hatte das letzte Gespräch bei mir nur zu deutlich gezeigt. Und ich.. mochte ihn ja auch. Und ich bedankte mich nach einem stillen Moment wieder bei ihm, einfach für all das, was er für mich tat. Er war sich nicht sicher, wofür, aber er meinte, dass er es gerne tat. Und fügte an, dass er sich eigentlich auch noch bedanken musste. Nun war jedoch ich diejenige, die verblüfft war. Wofür musste er mir denn danken? „Du... verbringst viel Zeit mit mir, was mich glücklich macht.“ Ich lächelte wieder vorsichtig. Ich wusste, was er meinte. Als ich mir die Ruine so betrachtete, wünschte ich mir meine Hängematte. Unter freiem Himmel zu schlafen war schön. Gassur erinnerte mich schmerzhaft daran, dass es sehr kalt werden könnte bis am nächsten Morgen die Sonne wieder aufging. Ja, die Kälte in der Wüste. Aber dafür gab es ja Felle und Decken. Ich musste wieder kurz schmunzeln, ehe er meinte, dass er für den Moment auch gerne in einer Hängematte liegen würde. Er senkte seine Stimme etwas, um seinen Satz zu vollenden. „... vielleicht mit dir.“
Irgendwas in mir machte einen kleinen Satz. Aiwa, es würde alles werden. Wir würden uns zusammenraufen, da war ich mir sicher. Ich konnte noch nicht so, wie ich vielleicht wollte. Immerhin war Rasin noch immer in meinem Herzen. Aber ich würde Gassur einen Platz darin räumen, denn so einen Mann würde ich nicht noch einmal finden. So liebevoll, so zurückhaltend, so artig, so zuvorkommend und so... gutaussehend und wundervoll. Ich versprach ihm, irgendwann eine zu basteln. Nur für uns.
Ich wollte doch nur einen Grund haben zum Hoffen, einen Grund um zu wissen, einen Grund, um hoch hier zu bleiben. Vielleicht nur einen flüchtigen Blick auf das Licht, eine helle Stelle im blauen Himmel. Irgendwas, an das ich glauben konnte. Ich wollte doch nur einen Grund zum Hoffen, wollte nur einen Grund, dass ich nicht gehen sollte.
Ich sah zu ihm auf und zu seiner Hand, die er mir mit einem sachten Lächeln entgegen streckte. Vorsichtig legte ich meine in die Seine und er half mir auf. Wir gingen langsam zurück und verabschiedeten uns. Er entschuldigte sich bei mir noch für sein Verhalten von zuvor, aber für mich gab es längst nichts mehr zu entschuldigen. Ich spürte, dass er alles nur gut meinte und mit allem, was er tat, nur mein Bestes wollte. Ich schloss die Tür hinter mir und ließ mich an der Tür hinab sinken. Es konnte sich niemand vorstellen, wie sehr ich mit mir selbst zu kämpfen hatte. Da war Rasin, den ich so sehr geliebt hatte und auch noch immer liebte. Und dann war da Gassur, der meine Welt vollkommen auf den Kopf stellte – seit dem ersten Moment, als ich ihm begegnet war. Es war konfus und all das war in der gesamten Konstellation nicht zu überbieten. Ich erinnerte mich daran, was er zu mir gesagt hatte, als er mich umarmt hatte und sanft über meinen Rücken streichelte. „Es wird alles gut werden.“
Und da war dieser Grund, warum ich nicht gehen sollte, nicht aufgeben sollte. Jalilah, die mich als Mutter brauchte. Und Gassur, der sich so um mich bemühte und voller Sorge war um mich. Er gab mir wahnsinnige Kraft und Zuversicht. Dinge, die Außenstehende nicht sehen konnten. Nicht verstehen konnten. Sie sollten es nicht als Schande betrachten, sondern vielmehr als ein... Wunder.
Verfasst: Samstag 15. Juni 2013, 22:17
von Malaika Leyla Ifrey
Stoß mich nicht weg. Leg mich nicht nieder. Sag nicht, dass es vorbei ist, das würde mich zerstören. Sag niemals solche Dinge. Ich will leben und deine Worte könnten mich umbringen. Nur du kannst mich zerstören. Ich sterbe innerlich jedes mal, wenn du weggehst. Überlass' mich nicht mir selbst. Schau doch, ich habe Angst – vor der Dunkelheit und dem Bösen. Vor den Stimmen, die mir sagen: Nichts wird in Ordnung sein.
[Interpretierte Übersetzung von Alex Hepburn – Under]
» Ich kann mir aber jederzeit für die wichtigste Natifah Zeit nehmen. «
„Aiwa, die Wichtigste.“
Ich spürte, wie sich unsere Handflächen berührten. Mein Blick huschte zu ihm und meine Mundwinkel hoben sich ein wenig an. Obwohl mir solche Berührungen vertraut waren, und dabei war es nicht einmal eine beschämende Berührung, verkrampfte sich in mir alles. Es fühlte sich dennoch alles so neu an, obwohl ich all das kannte. Aber er behandelte mich wie ein rohes Ei. So sanft, als würde ich beinahe zerbrechen.
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„Falls Talib etwas dagegen hat, verspreche ich dir, wird es nicht dazu kommen, dass ich die Beziehung zwischen uns abbreche.“ Er drückte meine Hand daraufhin. Ich sah ihm entgegen und ich war sprachlos. Mir waren diese bedeutungsschweren Worte sehr wohl bewusst, die er da sprach. Ich merkte deutlich, wie ich ihm gegenüber Stück für Stück auftaute. Er schaffte es, die Mauer um mich herum weiter einzureißen. Obwohl ich mich vor der ganzen Welt verschließen wollte, gerade auch vor meiner Familie, er war da und er blieb eisern. Immer wieder lockte er mich ein kleines Stück weiter. Und immerhin schon soweit, dass er begann, mir zu fehlen, wenn er nicht bei mir war.
Und obwohl er lange bei mir war, kam es mir vor, als wären es nur fünf Minuten gewesen. Fünf gefühlte Minuten, die mir all meinen Willen wieder gaben, weiter zu machen. Zum Abschied nahm er mich wieder in den Arm. Starke Arme, die mich festhielten. Die mich auffingen. Die mir so viel Kraft gaben. Ich krallte mich an ihm fest, als er sich lösen wollte. Aber es half nichts. Ich musste ihn gehen lassen. Und immerhin waren wir für morgen offiziell verabredet. Ab morgen durften wir uns wieder sehen.
Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, war ich wieder allein mit Jalilah, die jedoch bereits schlief. Die allumfassende Leere streckte ihre Arme wieder nach mir aus. Verzweifelt ließ ich mich auf den Boden sinken. Ich hämmerte meinen Hinterkopf immer und immer wieder gegen die Sandsteinwände. Ich raufte mir die Haare und sah in den Himmel. „Du musst mich freilassen...“, hauchte ich leise und einige Tränen rannen über meine Wangen. „Lass mich gehen...“. Was sich zunächst als simpler Plan herausgestellt hatte, mich aus meiner Familie zu holen bekam langsam einen weiteren, bedeutungsschweren Sinn. Sie war vorherrschend da, wie eine kleine Pflanze, die gerade ihre ersten Knospen trug. Kleinere Wolken verdeckten den allumfassenden Sonnenschein, der diesem zarten Pflänzchen zuteil werden sollte. Bei Eluive, niemand konnte sich vorstellen, wie sehr ich mit mir zu kämpfen hatte. Ich rappelte mich auf und ging langsam ins Bett. Meine Träume sprachen Bände, sie gaben mir Zeichen. Zeichen, die mich hoffen ließen. Als hätte er meine Worte gehört.
Der nächste Tag verbarg schon am frühen Morgen unendliche Süße und Hoffnung. Eigentlich wollte ich nur Zahra einen Besuch abstatten, ich hatte einige Sticknadeln bei ihr bestellt. Ich war erstaunt und zufrieden zugleich, als Gassur mir die Türe öffnete. Vor lauter Hetzerei hatte ich nämlich tatsächlich das Gold für Zahra vergessen. Also drückte ich Gassur Jalilah in die Arme und rannte nochmal kurz los. Als ich wiederkam, hatte Zahra Jalilah ordentlich in seine Arme gesetzt und er schien sich beinahe schon daran zu gewöhnen. Es war ein... ungewohnter Anblick. Meine kleine Prinzessin in „fremden“ Armen. Ich ging Zahra dann nach, um meine Bestellung abzuholen und kehrte recht schnell wieder zu Gassur zurück, der sich bereits auf die Treppenstufen gesetzt hatte und sich mit Jalilah beschäftigte. Ich setzte mich zu ihm und für Außenstehende wirkten wir im ersten Moment vielleicht wie eine kleine Familie, die immer schon zusammengehört hatte. Ich lächelte sacht und war für den Moment einfach nur zufrieden. Als Zafer kam, brach ich dann wieder auf um nach Hause zu gehen. Immerhin hatte ich Zahra versprochen, ihr schöne Kleidung zu machen, die sie zum Tee anziehen konnte.