Sie hatte es nicht gemeldet.
Die Gewissheit durchzuckte Viridian heiß und unvermittelt bildeten sich feine Schweißperlen auf seiner Stirn. Natürlich hatte sich die Lage dadurch nicht verbessert, im Gegenteil. Nun würde man rasch handeln müssen, oder der Arm wäre auf immer verloren.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Bei dieser Frage schweiften seine Gedanken zurück. Eine Woche, zwei Wochen. In den Kerker der Burg Eisenwart. In eine der engen, feuchten, nur mit einer Pritsche eingerichteten Zellen. Deutlich sah er sie vor seinem inneren Auge, wie sie in der Zelle lag, die Hände in die fleckige Robe gewickelt, die Arme verschränkt und fest an sich gepresst. Wie er die Zellentüre öffnete und nähertrat. Wie er vorsichtig ihre Hände freilegte. Der Anblick der Hände, an denen jeweils ein Finger fehlte, der Ringfinger. Die blutenden Stumpen.
Kajol Kalveron hätte ihr das angetan, raunte sie, völlig entkräftet. Wer den Befehl erteilt habe, hatte er gefragt. Das wüsste sie nicht, das habe man ihr nicht gesagt und sie habe auch nicht danach gefragt. Wie sollte auch jemand, dem man gerade die Ringfinger abschnitt, seinem Foltermeister Fragen stellen.
Natürlich hatte er Kajol zur Rede gestellt. Doch sie berief sich auf den Willen des Fürsten, obgleich dieser nicht einmal auf der Burg war. Sein Argument, man könne doch nicht den eigenen Willen als den des Fürsten ausgeben und nach eigenem Gutdünken schalten und walten, ging unter in den "Verräter"-Rufen.
Doch was mit ihm weiter geschehen war, spielte nun keine Rolle mehr. Der Fürst war zurückgekehrt und hatte jeden Legionär in gleicher Weise bestraft. Damit hätte man doch dieses unsägliche Kapitel abschließen können, nein: müssen.
Doch die Dinge, die in der Zeit der Abwesenheit des Fürsten geschehen waren, zogen ihre Kreise weiter und weiter. Und so war es eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, dass auch jene Verstümmelung noch lange nachwirken würde. Doch dass sie es gerade auf diese Weise tun würde, damit hatte Viridian nicht gerechnet.
Es mochte einige Tage nach der Rückkehr des Fürsten gewesen sein, als Synessia ihm ihren Arm zeigte. Obwohl er die Wunde nach bestem Wissen gereinigt und verbunden hatte, konnte er nun sehen, dass sie sich entzündet hatte. Doch damit nicht genug, schien das Gift bereits in ihrem Blute zu sein. Der Unterarm begann bereits, sich mit dunklen Linien zu durchziehen.
Warum habt Ihr das nicht versorgen lassen?
Von wem denn? Der Burgheiler hasst mich und sonst kenne ich niemanden.
Ihr müssst damit zum Fürsten gehen oder zum Tribun. Wenn sie es dem Heiler befehlen, wird er Euch behandeln.
Wer garantiert mir, dass der Heiler mich nicht dennoch sterben lässt?
Niemand. Ihr müsst Euch darauf verlassen, dass er seinen Eid getreu erfüllt und den Befehl über seinen persönlichen Hass stellt.
Das ist ja sehr beruhigend.
Nein, aber es ist die Wahrheit. In jedem Fall müsst Ihr die Vergiftung melden. Der Fürst und der Tribun müssen darüber Bescheid wissen, wenn ein Legionär nicht voll einsatzfähig ist und außerdem wissen sie womöglich weitere Mittel und Wege, Euch zu helfen. Werdet Ihr es ihnen also melden?
Ja.
Sie hatte es nicht gemeldet. Und nun war der ganze Arm von dem Gift gezeichnet, ausgerechnet der Rechte. Eilig hatte der Tribun nach einem Heiler geschickt, den er persönlich kennt. Hätte er davon gewusst, er hätte viel früher handeln können. Doch nun schien der Arm ernsthaft in Gefahr zu sein. Niemand der gerade Anwesenden kannte ein Mittel, das Voranschreiten des Giftes aufzuhalten, oder wenigstens zu verzögern, ohne den Arm dabei zu schädigen. Doch sollte das Gift die Schulter erreichen, würde es sich bald über den gesamten Körper ausbreiten und wäre mit Sicherheit tödlich.
Aufmerksam betrachtete er den Arm. Der Heiler war noch immer nicht eingetroffen. Viridian seufzte leise, dann trat er zu Synessia heran, die man mittlerweile in die Unterkünfte der Legion gebracht hatte.
Ich muss den Arm abbinden, damit das vergiftete Blut nicht weiterfließen kann. Doch wenn ich den Arm abbinde, ist er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verloren.
Tut es, wenn Ihr müsst.
Und so nahm er einen Verband und legte ihn an ihrem rechten Oberarm, dicht unterhalb des Schultergelenks an. Als er den Verband einmal herumgewickelt hatte, zog er ihn stramm. Er wickelte ihn ein zweites Mal herum und zog ihn abermals so fest er konnte an. Nach einer dritten Umwickelung gab er sich zufrieden. Er prüfte den Puls an ihrem rechten Handgelenk und nickte, als er nichts spürte.
Die Zeit verging. Er hatte früher auf dem Schlachtfeld schon Wunden abgebunden, wenn sie einfach zu stark bluteten. Er wusste in etwa, wie lange es dauern würde, bis der Arm unrettbar verloren sei. Als er sich sicher sein konnte, dass dieser Zeitpunkt überschritten war, seufzte er einmal leise.
Nun müsste man auf den Heiler warten. Und auf ein Wunder.
Viridian dachte daran, wie der Fürst sich verhalten würde, wenn er davon hörte. Kurz keimte in ihm die Sorge auf, dass er Mitschuld tragen könnte an der Situation. Doch er hatte getan, was er konnte. Sicher, er hätte ohne Synessias Wissen Meldung machen können, doch er hatte sich auf ihr Wort verlassen, dass sie es selbst täte.
Sie hatte es nicht gemeldet.
[BEW-Quest] Treue bis in den Tod
- Viridian
- Beiträge: 107
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Spätfolgen
Zuletzt geändert von Viridian am Sonntag 27. April 2008, 23:30, insgesamt 2-mal geändert.
-
Aventius Vandokir
Zurückblickend auf die letzten Wochen war das doch wohl mehr als ein Geschenk was nun das Schulterblatt von Aventius schmückt.
Ein wundervollen Brandzeichen, dachte Aventius.
Es schmerzte, sicher, aber das war es Wert. Er weiß das dieses Zeichen seine Mühen gerecht wurd. Herrlich, der Fürst ist wirklich großzügig zu ihm und der Legion. Ein Zeichen der Ehre und des Stolzes. Jeder bekam eines.
Die Haare wurden uns auch genommen. Mit Recht!
Es strahlt mehr Stärke aus, als wir eh schon präsentieren.
Das sollte selbst den Unwürdigen außerhalb der Mauern zeigen wie mächtig die Burg ist. Immer mehr erkennen den Pfad des Fürsten und schließen sich den heiligen Weg an. Ein jeder merkt das er vorher Unwissend war. Mittlerweile aber ist es selbst für niederes Pack sichtbar: Khazkal ist der Weg und die Erlösung!
Wer die Burg spätestens jetzt nicht fürchtet ist ein Narr!
Ja, das Zeichen sieht Gut aus!
Ein wundervollen Brandzeichen, dachte Aventius.
Es schmerzte, sicher, aber das war es Wert. Er weiß das dieses Zeichen seine Mühen gerecht wurd. Herrlich, der Fürst ist wirklich großzügig zu ihm und der Legion. Ein Zeichen der Ehre und des Stolzes. Jeder bekam eines.
Die Haare wurden uns auch genommen. Mit Recht!
Es strahlt mehr Stärke aus, als wir eh schon präsentieren.
Das sollte selbst den Unwürdigen außerhalb der Mauern zeigen wie mächtig die Burg ist. Immer mehr erkennen den Pfad des Fürsten und schließen sich den heiligen Weg an. Ein jeder merkt das er vorher Unwissend war. Mittlerweile aber ist es selbst für niederes Pack sichtbar: Khazkal ist der Weg und die Erlösung!
Wer die Burg spätestens jetzt nicht fürchtet ist ein Narr!
Ja, das Zeichen sieht Gut aus!
-
Synessia Maydra
Sie würde den Arm verlieren - na und? Ihr Leben war ihr gleichgültig geworden. Tyrius war verschwunden, er hätte ihr sicher geholfen und er wäre auch der einzige gewesen den sie an ihren Arm gelassen hätte. Nicht den Bruder dieser Frau, die ihr die Finger abgehackt hatte. Nein, niemals hätte sie sich von ihm behandeln lassen. Selbst wenn der Fürst selbst dies befohlen hätte. Deswegen erachtete sie es für klüger, diesen erst gar nicht darüber zu informieren. Und Viridian... dass er ihre Entscheidung nicht für gut heißen würde war klar, aber egal. Sollte er sie verraten. Diesem Haufen Menschen noch zu vertrauen wo sie ihnen allen den Arsch gerettet hatte und dafür gefoltert und verstümmelt wurde. Vielleicht war das ihre gerechte Strafe, dass sie nun dafür einen Arm verlor: so dumm zu sein und tatsächlich zu glauben dass irgend jemand ihre Intentionen wahrhaftig verstehen würde. Tyrius hatte das, aber er war nicht da. Viridian wäre vielleicht noch der Einzige, der sie verstehen könnte. Diese Irre, nein niemals, und auch nicht diese Kajol. Sie beide hatten Freude daran, Synessia leiden zu sehen. Sadistische Weibsbilder! Und selbst wenn ihr bald ein Arm fehlen würde, die beiden sollten noch sehen mit wem sie sich angelegt hätten.
Zuletzt geändert von Synessia Maydra am Montag 28. April 2008, 10:37, insgesamt 1-mal geändert.