[La Cabeza/ Piraten-Quest] Gezeitenwende

Der Erzähler

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Schnitte


Du schreist. Mehr als das, du schreist, du brüllst, du wütest. Dein Herzschlag hämmert schmerzlich in deiner Brust und du fühlst das Blut durch deine Adern pulsieren in einer tobenden Verschmelzung von Raserei und Ekstase. Flüchtig wird dir bewusst wie nah du an der Grenze stehst, der Grenze hinüber zu Schmerz und Niederlage. Nur ein Fehler, nur eine Unachtsamkeit und dein Leben ist verwirkt. Doch eben jener Tanz auf Messers Schneide erfüllt dich mit solch wilder Leidenschaft, so unbändiger Ausgelassenheit, dass du laut auflachen willst.
Deine Überlegenheit trägt dich über das Schlachtfeld, durch den blutig verfärbten Schlamm unter dem stahlgrauen Himmel über euren Köpfen, an dem die Krähen kreisen. Deine überschäumende Raserei lässt dich durch die Reihen der gesichtslosen Feinde schneiden wie ein Messer durch Butter. Du fühlst die Stärke deiner Muskeln, jegliche Erschöpfung beherrscht durch deinen bloßen Willen. Die Schreie der Verletzten und Sterbenden dringen nur vage und weit entfernt an dein Ohr, du hörst nur deinen eigenen, schweren Atem. Ein Gegner spuckt Blut, als du deine Klinge in seinen Bauch versenkst, - du nimmst es nur mit einem grimmigen Grinsen zur Kenntnis. Die Hitze der Schlacht strömt durch deine Glieder, deine Überlegenheit ungebrochen, dein Kampfgeschick unüberwindbar. Nun lachst du wirklich, als dir klar wird, dass dies dein Gefecht ist, deine Schlacht, dass du für diese kurze Zeit ein Gott bist. Deine grenzenlose Raserei macht dich zum Herrn über alles, du schwebst. Du wünschst dir, dass dieser Augenblick nie enden möge.
Der Schlag trifft dich unvermittelt. Du spürst wie du nach hinten fällst und im blutigen Schlamm aufschlägst. Der unbeschreibliche Schmerz mischt sich mit deiner unbändigen, blinden Wut. Niemand soll es von dir nehmen, niemand deine Ekstase bremsen, niemand dich überwinden. Niemand...



Niemand! Rasch rappelte sich die Kanonier Adelais aus ihrer Hängematte im Mannschaftsquartier der Toro auf und zog ihr Entermesser. Sie schmeckte das Blut von dem Schlag in ihrem Mund, der Schmerz, die Wut. Sie musste aufstehen, kämpfen. Von der Ferne echote noch das Geschrei der Schlacht an ihr Ohr, als sie dem ersten Feind, der sich ihr in den Weg stellte das Messer in den Bauch rammte. Röchelnd brach er zusammen. Adelais eilte weiter, statt der Schiffsplanken fühlte sie unter ihren bloßen Füßen den Schlamm. "He, wer da?", rief die Wache an Deck. Flüchtig erblickte Adelais den Schrecken in seinen Augen und lächelte. Sie war ein Gott! "Adelais, was zum Henk...", doch weiter kam er nicht, ehe ihm die Kehle aufgeschnitten wurde und er gurgelnd in die Knie ging. Sie trat ihm mit dem Knie ins Gesicht, sodass er nach hinten stürzte und ließ ihn dann blutend zurück. Niemand soll es von mir nehmen! Geschickt kletterte Adelais in das Krähennest und zeigte auch mit den beiden sich dort versteckenden Feinden keine Gnade. Das Mädchen stürzte im Kampf hinab und traf nach einem panischen Schrei auf dem Holz auf. Niemand soll meine Ekstase bremsen! Als sie erneut hinabkletterte, wurden Rufe auf dem Schiff laut, Lampen wurden entzündet. Adelais erblickte eine ganze Gruppe von Feinden vor sich und grinste vorfreudig. Niemand soll mich überwinden! "Verdammter Mist, Weib! Was hast du angerichtet? Hat dir jemand ins Hirn geschissen?", brüllte der Soldat in der vordersten Reihe. Sie hob ihre Waffe, während die Hitze der Schlacht durch ihre Glieder strömte und stürmte mit einem Schrei voran. Der Knall einer Pistole ertönte, die Kugel bohrte sich in ihren Hals, Rauch stieg vom Schiff auf. Einer der Feinde beugte sich über sie und sie öffnete erstaunt den Mund, als sie ein vertrautes Gesicht erblickte. „Niemand...“, flüsterte sie.

Am nächsten Morgen wird die Geschichte der durchgedrehten Kanonier Adelais wohl in aller Munde sein, die des Nachts auf der Toro drei Mannschaftsmitglieder und eine Hure von Minfay’s abgeschlachtet hatte. So unerklärbar der Vorfall für die meisten wohl gewesen sein mag, wird manch anderer ein befremdliches Verständnis aufbringen können, während er von weit entfernt die Schreie und das Waffengeklirr der Schlacht vernimmt, selbst wenn sich nicht jedes Mannschaftsmitglied gleichermaßen an den Traum erinnern wird. Und mit der blinden Wut, die dann in jenen aufsteigt, die an das Schiff gebunden sind, vernimmst du ein leises Wispern:
Niemand!



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