Verfasst: Sonntag 12. Juli 2015, 15:40
Ready to start...?
Tatsächlich fand die Decke ganz zuerst den Weg in den Rucksack, nicht einmal hineingestopft oder gar gequetscht, sondern so sorgfältig gefaltet, dass sie sich quasi in den Lederbauch der Tasche hineinschmiegen konnte. Ein längerer Blick glitt ihr hinterher, tastend fuhr er über das Wappen und ein schlecht vertuschtes Seufzen entwich der Kehle, als der Wolf darin entdeckt wurde. Wölfe, es waren irgendwie immer Wölfe, selbst wenn die Menschen dahinter keine waren. Wölfe, mit welchen sie sich scheinbar umgeben musste, welche sie schon magisch anzogen und auf deren Pfaden sie sowieso immer vom artigen, guten Weg abkam.
If I was scared... I would!
Irgendwo hinter den verschlungenen Schatten der Traumfresser und Angstsauger wartete ein Alb, der für sie und sich die Rolle des Wolfes grundlegend definiert und sie beide in jene bizarre Mär verstrickt hatte. Ihrer beider Rollen definierten sich hier, im Traum, über den jeweils Anderen... zumindest war das seine Ansicht der Dinge, welche sie zwar sehen, ja teilweise gar begreifen, doch nicht so recht als wahr und gegeben hinnehmen konnte. Er hatte Wort gehalten und ihr so viel beigebracht, was sie nun im Dienste des Herren, den sie nicht liebte, zur Nachtmär machte, zum dunklen Märchen inmitten all der Schatten. Ein Teil des großen Ganzen, welches sie so lange selbst gefürchtet und gehasst hatte. Furcht, ein weiterer, guter Punkt! Immerhin war das schon alles, was er dafür verlangte. "Nur" ihre Ängste, "nur", dass sie sich vor ihm fürchtete, "nur", dass er die tiefsten Schrecken in ihr hervorkramen konnte, wann immer er wollte und sie in jene stürzte.
Keine Partnerschaft, sondern eine reine Besitzangelegenheit.
Es war nun so langsam an der Zeit jenes Ungleichgewicht auszumerzen, zu verschieben und dem Alben zu verdeutlichen, dass das Mädchen mit der roten Kapuze eben kein kleines Kind mehr, sondern gewachsen war... selbst wenn die Sanduhr angehalten schien. Es war an der Zeit die verlorenen Jahre langsam zurück zu erlangen. Ja, langsam und vorsichtig, denn sonst...
Hastig schüttelte sie den Kopf und griff nach dem nächsten Gegenstand.
Ein leuchtblaues Kuscheltier, einem Bären nachempfunden, an welchem noch die kleinen Siegelzeichen des Schneidermeisters Wroth prangten. Eine der ersten und verspieltesten Gaben, die ihr die Zeit bei den Prätorianern eingebracht hatte. Kein Geschenk, mitnichten, darauf achtete der Präfekt. Im Grunde hatte sie den Bären nur mitgenommen, weil er sonst im Müll gelandet wäre und doch befand sie heimlich für sich, dass es sich dabei um ein Präsent des Ritters, Dazens, handelte. Kleine Schwester... vielleicht auch das, einst war das ihre Rolle, bis sie der Inbegriff der puren Enttäuschung wurde.
And if I was pure... you know I would!
Wobei "pur" bei der Sache wohl genau nicht so recht greifen wollte, immerhin war es ihr Verfehlen, eingeleitet vom Hang sich verderben zu lassen... dem Wunsch sich... wieder kam nur ein ächzendes Seufzen über die Lippen, diesmal aber glitt der Blick milde verzweifelt über die niedrige Decke des Hüttchens. Schöner Blödsinn, der sich so zusammenstöpseln ließ und sie bezweifelte, dass das die Gedanken des Ritters, den sie einst recht persönlich "Dazen" nennen durfte, wenn sie zu zweit oder in vertrauter Runde waren, in jene Richtung gingen. Doch mit der Enttäuschung lag sie vermutlich richtig - und das auf ganzer Linie. Hässliches Gefühl... zu wissen, dass man sich da eine bittere Suppe ganz selber eingebrockt hatte und den Verlust nun bedauerte, den man ebenfalls selbst und bewusst hervorgerufen hatte. Die Familie, die sie hatte sehen wollen und sich wünschte, war dahin, weil sie selbst ihnen allen nun den Rücken zukehrte.
Doch was hätte ich denn machen sollen? Alle um mich herum in Chaos und Verderben stürzen, indem ich auf zwei Hochzeiten tanze? Nein, eine Entscheidung musste irgendwann fallen....
Ja, musste sie, nur fiel sie fast zu spät und nun, wo sie endlich getroffen wurde, hast du kein Recht, auch nur irgendeinen Verlust zu beklagen.
KEINES!
Die Hand tastete fahrig nach den nächsten Utensilien, räumte Bücher und Notizen in die Tasche, strich über den Pelz des schwarzen Wachdrachen und fand schließlich ein sorgsam zusammengefaltetes Bildlein. Kohlrabenschwarz klebte das Augenmerk beinahe pappend daran und konnte sich nicht wirklich davon loseisen, die Brauen wanderten langsam tiefer, düstere Schatten malten sich auf den blassen Gesichtszügen ab.
Sie musste die Zeichnung nicht vollends entfalten, um sich zu erinnern, wen sie da mit Hilfe der Kohle aufs Papier gebannt hatte.
And if I was yours... but I'm not!
"Ich werde dich nicht gehen lassen! Ich habe dich durch Gefühle an mich gebunden und ich werde dieses Band nicht lösen. Ich werde meine Versprechen halten ob du willst oder nicht. Und ich werde dich im Auge behalten..."
Nie hatte sie ihn mehr gefürchtet, als in diesem Gespräch. Nie hatte sie eine solch entsetzliche Panik vor ihm gespürt und doch war es essenziell, ihm genau das nicht zu zeigen. Sie reagierte mit einer Haltung, die sie just von ihm selbst gelernt hatte und frostete eisige Kälte zurück. Wann immer sie so vor Zorn im Streit zu verglühen gedroht hatte, war er mit einem eisigen Hauch darüber hinweggestriffen und hatte die Flammen erstickt. Nur in diesem umgedrehten Fall schien es nicht zu fruchten. Vielleicht, weil er nicht zornig, sondern schlichtweg entschlossen wirkte, weil er das Band seinerseits nicht bereit war zu trennen und sich keinen Zoll von dieser Haltung wegbewegen ließ. So war es sie, die das Urteil sprach und von ihm in Trennung schied - mit dem schaurigen Wissen, dass das Ganze noch ein Nachspiel haben könnte... würde?
"Denke daran... ich werde dich nicht der Welt überlassen..."
Diesmal war es kein Keuchen oder Ächzen, kein Seufzen und Stöhnen sondern ein kurzer, wimmernder Schmerzlaut, als sie mit der Rechten hastig nach den Schläfen tastete. Wie hatte er es nur wagen können, in ihren Kopf hinein zu sprechen, wo er doch wusste, wie sehr sie solche ungewollten und ungebetenen Berührungen verabscheute? Und dann der Inhalt der Worte...
Um der aufkeimenden Angst zu entkommen, fischte sie rasch nach den nächsten Pack-Gegenständen, stopfte ein paar Schatullen und zwei weitere Bücher in den Rücksack, dann hatte sie den Zettel in der Hand.
Den Zettel!
Diesen.
Einen.
Now I'm ready to start.
Sie hatte geschlummert und das nicht nur viel zu lange, sondern ausnahmsweise auch noch reichlich friedlich, hatte es irgendwie geschafft dem Alben in dieser Nacht zu entkommen, als habe man sie in einen schützenden, weichen Mantel gehüllt, welcher dafür sorgte, dass sie unsichtbar blieb. Wohl versteckt vor den Eisaugen des alten Widersachers hatte sie sich frei im Traum bewegt, war in einem Meer aus Kirschblüten, Maiglöckchen und Veilchen versunken, hatte gespürt wie das Herz die Schwerelosigkeit mitempfand und wollte vorerst nicht wirklich scheiden. Erst als das Wissen, dass da irgendetwas fehlte, in ihr Bewusstsein eindrang, löste sie sich aus den zauberhaft schönen Gefilden und fand träge den Pfad in die angebliche Realität zurück. Als sich die Lider flatternd öffneten, brauchte sie diesmal tatsächlich einen kurzen Moment, um zu realisieren wo sie sich befand. Zu lange hatte sie nicht mehr hier im Bett aus Moos, weichen Blättern und dünnen Zweiglein geruht, dabei war es im Grunde... mehr ihr Bett, als das hübsche, kleine Holzgestell im oberen Bereich. Doch diese Schlafstätte hier unten bedeutete Zweisamkeit und jene hatte sie verloren geglaubt, bis...
Mit einem Ruck hatte sich aufgesetzt und den Schlaf aus den Augen gerieben, doch blieb der eigentliche Grund für die verjagte Einsamkeit weiterhin fort und stattdessen lag auf seinem Platz ein eher schmaler Pergamentbogen. Dieser wurde daraufhin benommen und verdattert blinzelnd in Augenschein genommen. Sie war sich nicht sicher, wie sie ihn hätte einstufen sollen und irgendwo kamen da die Erinnerungen an das letzte Schreiben dieser Art zurück. Mit ihnen fühlte sich die Fantasie, noch vollends im Rausch des Traumes, dazu animiert, recht grässliche Inhaltsmöglichkeiten leise lesend herabzurattern. Von so etwas wie "Du schnarchst zu laut/wirfst dich zu sehr umher/hast eiskalte Füße..." über "Ich glaube wir müssen das doch langsamer angehen..." bis hin zu "Wir sollten es sein lassen, es ist zu gefährlich!" war alles dabei und schlussendlich griff sie in hastiger, noch vollkommen unkoordinierter Bewegung haschend danach, entfaltete es mit zittrigen Händen und starrte auf einen einzigen Satz. Auf drei kleine Worte. Drei.
Die Kohleaugen wurden langsam runder, glasiger, der Schrecken wich zusammen mit der Restfarbe aus dem eh schon etwas käsigen Gesicht und als das folgende Blinzeln diese drei Worte auch nicht wirklich veränderte, durchzuckte sie die Antworterkenntnis so heftig und wortwörtlich, dass ihr nicht nur der Pergamentbrief entglitt, sondern sie auch das Gefühl hatte, sich daran verbrannt zu haben. Ein zappeliger, hastiger Rückwärtssatz sorgte aber nur dafür, dass sie die Balance verlor und aus dem Bett polterte.
Für einige Momente herrschte Stille im Raum...
... dann erst kletterte sie schweigend und behutsam, als könne sie ein kleines, zartes Tier mit jeder zu rascher Geste verschrecken und vertreiben, langsam wieder in das Moos zurück, näherte sich auf allen Vieren krabbelnd der unscheinbar wirkenden Nachricht, legte langsam einen Arm beschützend um das Schreiben, rollte sich still daneben ein und schloss die Augen ein weiteres Mal.
Nicht, um zu träumen, sondern um zu fühlen.
Ja, die Entscheidung trug Konsequenzen noch und nöcher mit sich, doch war es für sie die Richtige gewesen!
My mind is open wide,
And now I'm ready to start!
Tatsächlich fand die Decke ganz zuerst den Weg in den Rucksack, nicht einmal hineingestopft oder gar gequetscht, sondern so sorgfältig gefaltet, dass sie sich quasi in den Lederbauch der Tasche hineinschmiegen konnte. Ein längerer Blick glitt ihr hinterher, tastend fuhr er über das Wappen und ein schlecht vertuschtes Seufzen entwich der Kehle, als der Wolf darin entdeckt wurde. Wölfe, es waren irgendwie immer Wölfe, selbst wenn die Menschen dahinter keine waren. Wölfe, mit welchen sie sich scheinbar umgeben musste, welche sie schon magisch anzogen und auf deren Pfaden sie sowieso immer vom artigen, guten Weg abkam.
If I was scared... I would!
Irgendwo hinter den verschlungenen Schatten der Traumfresser und Angstsauger wartete ein Alb, der für sie und sich die Rolle des Wolfes grundlegend definiert und sie beide in jene bizarre Mär verstrickt hatte. Ihrer beider Rollen definierten sich hier, im Traum, über den jeweils Anderen... zumindest war das seine Ansicht der Dinge, welche sie zwar sehen, ja teilweise gar begreifen, doch nicht so recht als wahr und gegeben hinnehmen konnte. Er hatte Wort gehalten und ihr so viel beigebracht, was sie nun im Dienste des Herren, den sie nicht liebte, zur Nachtmär machte, zum dunklen Märchen inmitten all der Schatten. Ein Teil des großen Ganzen, welches sie so lange selbst gefürchtet und gehasst hatte. Furcht, ein weiterer, guter Punkt! Immerhin war das schon alles, was er dafür verlangte. "Nur" ihre Ängste, "nur", dass sie sich vor ihm fürchtete, "nur", dass er die tiefsten Schrecken in ihr hervorkramen konnte, wann immer er wollte und sie in jene stürzte.
Keine Partnerschaft, sondern eine reine Besitzangelegenheit.
Es war nun so langsam an der Zeit jenes Ungleichgewicht auszumerzen, zu verschieben und dem Alben zu verdeutlichen, dass das Mädchen mit der roten Kapuze eben kein kleines Kind mehr, sondern gewachsen war... selbst wenn die Sanduhr angehalten schien. Es war an der Zeit die verlorenen Jahre langsam zurück zu erlangen. Ja, langsam und vorsichtig, denn sonst...
Hastig schüttelte sie den Kopf und griff nach dem nächsten Gegenstand.
Ein leuchtblaues Kuscheltier, einem Bären nachempfunden, an welchem noch die kleinen Siegelzeichen des Schneidermeisters Wroth prangten. Eine der ersten und verspieltesten Gaben, die ihr die Zeit bei den Prätorianern eingebracht hatte. Kein Geschenk, mitnichten, darauf achtete der Präfekt. Im Grunde hatte sie den Bären nur mitgenommen, weil er sonst im Müll gelandet wäre und doch befand sie heimlich für sich, dass es sich dabei um ein Präsent des Ritters, Dazens, handelte. Kleine Schwester... vielleicht auch das, einst war das ihre Rolle, bis sie der Inbegriff der puren Enttäuschung wurde.
And if I was pure... you know I would!
Wobei "pur" bei der Sache wohl genau nicht so recht greifen wollte, immerhin war es ihr Verfehlen, eingeleitet vom Hang sich verderben zu lassen... dem Wunsch sich... wieder kam nur ein ächzendes Seufzen über die Lippen, diesmal aber glitt der Blick milde verzweifelt über die niedrige Decke des Hüttchens. Schöner Blödsinn, der sich so zusammenstöpseln ließ und sie bezweifelte, dass das die Gedanken des Ritters, den sie einst recht persönlich "Dazen" nennen durfte, wenn sie zu zweit oder in vertrauter Runde waren, in jene Richtung gingen. Doch mit der Enttäuschung lag sie vermutlich richtig - und das auf ganzer Linie. Hässliches Gefühl... zu wissen, dass man sich da eine bittere Suppe ganz selber eingebrockt hatte und den Verlust nun bedauerte, den man ebenfalls selbst und bewusst hervorgerufen hatte. Die Familie, die sie hatte sehen wollen und sich wünschte, war dahin, weil sie selbst ihnen allen nun den Rücken zukehrte.
Doch was hätte ich denn machen sollen? Alle um mich herum in Chaos und Verderben stürzen, indem ich auf zwei Hochzeiten tanze? Nein, eine Entscheidung musste irgendwann fallen....
Ja, musste sie, nur fiel sie fast zu spät und nun, wo sie endlich getroffen wurde, hast du kein Recht, auch nur irgendeinen Verlust zu beklagen.
KEINES!
Die Hand tastete fahrig nach den nächsten Utensilien, räumte Bücher und Notizen in die Tasche, strich über den Pelz des schwarzen Wachdrachen und fand schließlich ein sorgsam zusammengefaltetes Bildlein. Kohlrabenschwarz klebte das Augenmerk beinahe pappend daran und konnte sich nicht wirklich davon loseisen, die Brauen wanderten langsam tiefer, düstere Schatten malten sich auf den blassen Gesichtszügen ab.
Sie musste die Zeichnung nicht vollends entfalten, um sich zu erinnern, wen sie da mit Hilfe der Kohle aufs Papier gebannt hatte.
And if I was yours... but I'm not!
"Ich werde dich nicht gehen lassen! Ich habe dich durch Gefühle an mich gebunden und ich werde dieses Band nicht lösen. Ich werde meine Versprechen halten ob du willst oder nicht. Und ich werde dich im Auge behalten..."
Nie hatte sie ihn mehr gefürchtet, als in diesem Gespräch. Nie hatte sie eine solch entsetzliche Panik vor ihm gespürt und doch war es essenziell, ihm genau das nicht zu zeigen. Sie reagierte mit einer Haltung, die sie just von ihm selbst gelernt hatte und frostete eisige Kälte zurück. Wann immer sie so vor Zorn im Streit zu verglühen gedroht hatte, war er mit einem eisigen Hauch darüber hinweggestriffen und hatte die Flammen erstickt. Nur in diesem umgedrehten Fall schien es nicht zu fruchten. Vielleicht, weil er nicht zornig, sondern schlichtweg entschlossen wirkte, weil er das Band seinerseits nicht bereit war zu trennen und sich keinen Zoll von dieser Haltung wegbewegen ließ. So war es sie, die das Urteil sprach und von ihm in Trennung schied - mit dem schaurigen Wissen, dass das Ganze noch ein Nachspiel haben könnte... würde?
"Denke daran... ich werde dich nicht der Welt überlassen..."
Diesmal war es kein Keuchen oder Ächzen, kein Seufzen und Stöhnen sondern ein kurzer, wimmernder Schmerzlaut, als sie mit der Rechten hastig nach den Schläfen tastete. Wie hatte er es nur wagen können, in ihren Kopf hinein zu sprechen, wo er doch wusste, wie sehr sie solche ungewollten und ungebetenen Berührungen verabscheute? Und dann der Inhalt der Worte...
Um der aufkeimenden Angst zu entkommen, fischte sie rasch nach den nächsten Pack-Gegenständen, stopfte ein paar Schatullen und zwei weitere Bücher in den Rücksack, dann hatte sie den Zettel in der Hand.
Den Zettel!
Diesen.
Einen.
Now I'm ready to start.
Sie hatte geschlummert und das nicht nur viel zu lange, sondern ausnahmsweise auch noch reichlich friedlich, hatte es irgendwie geschafft dem Alben in dieser Nacht zu entkommen, als habe man sie in einen schützenden, weichen Mantel gehüllt, welcher dafür sorgte, dass sie unsichtbar blieb. Wohl versteckt vor den Eisaugen des alten Widersachers hatte sie sich frei im Traum bewegt, war in einem Meer aus Kirschblüten, Maiglöckchen und Veilchen versunken, hatte gespürt wie das Herz die Schwerelosigkeit mitempfand und wollte vorerst nicht wirklich scheiden. Erst als das Wissen, dass da irgendetwas fehlte, in ihr Bewusstsein eindrang, löste sie sich aus den zauberhaft schönen Gefilden und fand träge den Pfad in die angebliche Realität zurück. Als sich die Lider flatternd öffneten, brauchte sie diesmal tatsächlich einen kurzen Moment, um zu realisieren wo sie sich befand. Zu lange hatte sie nicht mehr hier im Bett aus Moos, weichen Blättern und dünnen Zweiglein geruht, dabei war es im Grunde... mehr ihr Bett, als das hübsche, kleine Holzgestell im oberen Bereich. Doch diese Schlafstätte hier unten bedeutete Zweisamkeit und jene hatte sie verloren geglaubt, bis...
Mit einem Ruck hatte sich aufgesetzt und den Schlaf aus den Augen gerieben, doch blieb der eigentliche Grund für die verjagte Einsamkeit weiterhin fort und stattdessen lag auf seinem Platz ein eher schmaler Pergamentbogen. Dieser wurde daraufhin benommen und verdattert blinzelnd in Augenschein genommen. Sie war sich nicht sicher, wie sie ihn hätte einstufen sollen und irgendwo kamen da die Erinnerungen an das letzte Schreiben dieser Art zurück. Mit ihnen fühlte sich die Fantasie, noch vollends im Rausch des Traumes, dazu animiert, recht grässliche Inhaltsmöglichkeiten leise lesend herabzurattern. Von so etwas wie "Du schnarchst zu laut/wirfst dich zu sehr umher/hast eiskalte Füße..." über "Ich glaube wir müssen das doch langsamer angehen..." bis hin zu "Wir sollten es sein lassen, es ist zu gefährlich!" war alles dabei und schlussendlich griff sie in hastiger, noch vollkommen unkoordinierter Bewegung haschend danach, entfaltete es mit zittrigen Händen und starrte auf einen einzigen Satz. Auf drei kleine Worte. Drei.
Die Kohleaugen wurden langsam runder, glasiger, der Schrecken wich zusammen mit der Restfarbe aus dem eh schon etwas käsigen Gesicht und als das folgende Blinzeln diese drei Worte auch nicht wirklich veränderte, durchzuckte sie die Antworterkenntnis so heftig und wortwörtlich, dass ihr nicht nur der Pergamentbrief entglitt, sondern sie auch das Gefühl hatte, sich daran verbrannt zu haben. Ein zappeliger, hastiger Rückwärtssatz sorgte aber nur dafür, dass sie die Balance verlor und aus dem Bett polterte.
Für einige Momente herrschte Stille im Raum...
... dann erst kletterte sie schweigend und behutsam, als könne sie ein kleines, zartes Tier mit jeder zu rascher Geste verschrecken und vertreiben, langsam wieder in das Moos zurück, näherte sich auf allen Vieren krabbelnd der unscheinbar wirkenden Nachricht, legte langsam einen Arm beschützend um das Schreiben, rollte sich still daneben ein und schloss die Augen ein weiteres Mal.
Nicht, um zu träumen, sondern um zu fühlen.
Ja, die Entscheidung trug Konsequenzen noch und nöcher mit sich, doch war es für sie die Richtige gewesen!
My mind is open wide,
And now I'm ready to start!