Kanubio - die Stationen seines Weges
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Kanubio Bunjam
Begegnung mit dem Grafen
Kanubio hatte bei dem Treffen mit dem Grafen, dem Adrian, Gelegenheit gehabt, ihn etwas näher kennen zu lernen. Schon vorher hatte er den Adeligen bemitleidet, von dem er gehört hatte, dass er nur unter Bewachung sein Anwesen verlassen dürfte.
Als der Graf, inkognito und vermummt, nach dem gemütlichen Beisammensein gen Varuna ritt, wurde Kanubio - der zwar sein Auskommen mit seinem Einkommen fand, aber nach zwei Jahren an Land immer noch keine Diamantrüstung sein Eigen nennen konnte - sein wahrer Reichtum bewusst - ein Reichtum, der nicht mit Gold zu bemessen oder aufzuwiegen war: die Freiheit, zu kommen und zu gehen wann und wohin man wollte und sein Leben ohne Zwänge zu genießen. Und so unermesslich groß dieser Reichtum Kanubios war, sah er sich in diesem Moment außerstande, dem Grafen auch nur ein klein wenig davon abzugeben, so gerne er das auch getan hätte.
Nie würde der Adelige die Schönheiten der Natur so wie er genießen können oder bis zum Morgengrauen tiefsinnige Gespräche mit jenen schrulligen Unikümmern der Wälder oder einem der kleinen Handwerker führen, von denen die Welt kaum wusste, dass es sie gab.
Während es Kanubio bisher immer noch gelungen war, anderen zu helfen, konnte er dem Grafen nur resignierend, hoffnungslos und ihn zutiefst bedauernd nachsehen, als diesen die Dunkelheit um das Wegkreuz verschluckte. Adrian, den er als durchaus verständnisvoll, ja sogar „nett“ empfand, würde in sein Gefängnis zurückkehren, um wieder pflichtgetreu die Marionette zu sein, die seine Berater und Dienstboten aus ihn machten und an deren Fäden sie ungestraft nach Belieben ziehen durften.
Später würde Sio dazu sagen: „Er müsste sie mal im Genick fassen und sie kräftig schütteln.“ Doch würde weder dem Grafen noch Rafael Sios weiser Rat zuteil werden. Dieses Privileg durfte nur er – Kanubio – genießen.
Kanubio hatte bei dem Treffen mit dem Grafen, dem Adrian, Gelegenheit gehabt, ihn etwas näher kennen zu lernen. Schon vorher hatte er den Adeligen bemitleidet, von dem er gehört hatte, dass er nur unter Bewachung sein Anwesen verlassen dürfte.
Als der Graf, inkognito und vermummt, nach dem gemütlichen Beisammensein gen Varuna ritt, wurde Kanubio - der zwar sein Auskommen mit seinem Einkommen fand, aber nach zwei Jahren an Land immer noch keine Diamantrüstung sein Eigen nennen konnte - sein wahrer Reichtum bewusst - ein Reichtum, der nicht mit Gold zu bemessen oder aufzuwiegen war: die Freiheit, zu kommen und zu gehen wann und wohin man wollte und sein Leben ohne Zwänge zu genießen. Und so unermesslich groß dieser Reichtum Kanubios war, sah er sich in diesem Moment außerstande, dem Grafen auch nur ein klein wenig davon abzugeben, so gerne er das auch getan hätte.
Nie würde der Adelige die Schönheiten der Natur so wie er genießen können oder bis zum Morgengrauen tiefsinnige Gespräche mit jenen schrulligen Unikümmern der Wälder oder einem der kleinen Handwerker führen, von denen die Welt kaum wusste, dass es sie gab.
Während es Kanubio bisher immer noch gelungen war, anderen zu helfen, konnte er dem Grafen nur resignierend, hoffnungslos und ihn zutiefst bedauernd nachsehen, als diesen die Dunkelheit um das Wegkreuz verschluckte. Adrian, den er als durchaus verständnisvoll, ja sogar „nett“ empfand, würde in sein Gefängnis zurückkehren, um wieder pflichtgetreu die Marionette zu sein, die seine Berater und Dienstboten aus ihn machten und an deren Fäden sie ungestraft nach Belieben ziehen durften.
Später würde Sio dazu sagen: „Er müsste sie mal im Genick fassen und sie kräftig schütteln.“ Doch würde weder dem Grafen noch Rafael Sios weiser Rat zuteil werden. Dieses Privileg durfte nur er – Kanubio – genießen.
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Kanubio Bunjam
Tage zuvor
Kanubio verstand die Welt nicht mehr. Was die einen dankbar annahmen, lehnten andere – oder besser eine andere! – rigoros ab. Er hatte nichts Böses beabsichtigt, als er versuchte, möglichst unbemerkt das Gespräch zwischen Larissa und dem Anguren zu verfolgen, abwartend, doch stets bereit einzugreifen, sollte dieser aggressiv werden.
Als sich die beiden nach friedlichem Geplauder trennten, war für Kanubio alles in Ordnung. Er lief ihr nach, holte sie ein und am Meeresufer der sumpfigen Insel erzählte er ihr, was in den letzten Tagen passiert war. Als er jedoch auf den Anguren und Larissas Einladung in das Heilerhäuschen zu sprechen kam, schalt sie ihn und machte ihm heftigste Vorwürfe. Sie bräuchte keinen Aufpasser … sie könne gut auf sich selbst aufpassen … nein, es wäre kein Vorwurf …
In Kanubios Kopf begann sich alles zu drehen. Irgendwas hatte er falsch gemacht, doch konnte er sich nicht erklären, was ihren Unmut verursacht hatte. Er versuchte es herauszufinden, gleichzeitig ihr zuzuhören und ihr zu verdeutlichen, dass er sie doch nur warnen und beschützen wolle. Worte – Fragen – und die verzweifelte Suche nach Antworten überschlugen sich in seinem Kopf und wollten diesen schier zum Explodieren bringen.
Als er spürte, dass die Schatten ihre Krallen nach ihm ausstreckten, riss er sich von Larissas Wortschwall los und flüchtete in die Übung, die Tithus ihm beigebracht hatte, was seine Gedanken zwar etwas zur Ruhe kommen ließ, jedoch nicht seine verwirrten Gefühle.
Diese innerliche Unsicherheit machte ihn verletzlich, was sie wohl gespürt hatten, denn sie tauchten wieder auf und ergriffen Besitz von ihm: die Schatten der Vergangenheit, die ihn zurückzerrten in eine Zeit, in der er reiner Befehlsempfänger und jedes Denken und jegliche Emotion überflüssig war. „Ein Seemann ist in stummem Gehorsam geschult.“ Dies und nichts anderes hatte sein Leben über zehn Jahre beherrscht.
Plötzlich SOLLTE er denken und Gefühle zulassen. Es wurde von ihm erwartet, ohne zu zögern die richtigen Entscheidungen zu treffen, die Menschen an Land mit all ihren Traditionen, Bräuchen und Gepflogenheiten zu verstehen und das, was sein Kopf mühsam ausbrütete, auch noch in die richtigen Worte zu fassen. Nach bald zwei Jahren kam er immer noch nicht damit zurecht.
Panik überkam ihn, da er merkte, dass er es nicht schaffen würde, dass Larissa einfach nicht verstand, was er ihr mitteilen wollte, ja – dass er selbst nicht wusste, WAS er ihr eigentlich sagen wollte.
Als Larissa merkte, dass mit Kanubio etwas nicht stimmte, legte sie sanft den Arm um ihn. Alles in ihm drängte, sich der liebenvollen Geste hinzugeben, doch war etwas in ihm, das ihn davon abhielt. Ein Zwiespalt, den er sich abermals nicht erklären konnte.
Schließlich war er aus ihrer Nähe geflohen, tief in den Wald hinein. Wirklich Ruhe konnte er auch dort nicht finden. Zu wissen, dass die Schatten immer noch tief in ihm lauernd nach ihm gierten, schnürte ihm die Kehle zu.
Kanubio verstand die Welt nicht mehr. Was die einen dankbar annahmen, lehnten andere – oder besser eine andere! – rigoros ab. Er hatte nichts Böses beabsichtigt, als er versuchte, möglichst unbemerkt das Gespräch zwischen Larissa und dem Anguren zu verfolgen, abwartend, doch stets bereit einzugreifen, sollte dieser aggressiv werden.
Als sich die beiden nach friedlichem Geplauder trennten, war für Kanubio alles in Ordnung. Er lief ihr nach, holte sie ein und am Meeresufer der sumpfigen Insel erzählte er ihr, was in den letzten Tagen passiert war. Als er jedoch auf den Anguren und Larissas Einladung in das Heilerhäuschen zu sprechen kam, schalt sie ihn und machte ihm heftigste Vorwürfe. Sie bräuchte keinen Aufpasser … sie könne gut auf sich selbst aufpassen … nein, es wäre kein Vorwurf …
In Kanubios Kopf begann sich alles zu drehen. Irgendwas hatte er falsch gemacht, doch konnte er sich nicht erklären, was ihren Unmut verursacht hatte. Er versuchte es herauszufinden, gleichzeitig ihr zuzuhören und ihr zu verdeutlichen, dass er sie doch nur warnen und beschützen wolle. Worte – Fragen – und die verzweifelte Suche nach Antworten überschlugen sich in seinem Kopf und wollten diesen schier zum Explodieren bringen.
Als er spürte, dass die Schatten ihre Krallen nach ihm ausstreckten, riss er sich von Larissas Wortschwall los und flüchtete in die Übung, die Tithus ihm beigebracht hatte, was seine Gedanken zwar etwas zur Ruhe kommen ließ, jedoch nicht seine verwirrten Gefühle.
Diese innerliche Unsicherheit machte ihn verletzlich, was sie wohl gespürt hatten, denn sie tauchten wieder auf und ergriffen Besitz von ihm: die Schatten der Vergangenheit, die ihn zurückzerrten in eine Zeit, in der er reiner Befehlsempfänger und jedes Denken und jegliche Emotion überflüssig war. „Ein Seemann ist in stummem Gehorsam geschult.“ Dies und nichts anderes hatte sein Leben über zehn Jahre beherrscht.
Plötzlich SOLLTE er denken und Gefühle zulassen. Es wurde von ihm erwartet, ohne zu zögern die richtigen Entscheidungen zu treffen, die Menschen an Land mit all ihren Traditionen, Bräuchen und Gepflogenheiten zu verstehen und das, was sein Kopf mühsam ausbrütete, auch noch in die richtigen Worte zu fassen. Nach bald zwei Jahren kam er immer noch nicht damit zurecht.
Panik überkam ihn, da er merkte, dass er es nicht schaffen würde, dass Larissa einfach nicht verstand, was er ihr mitteilen wollte, ja – dass er selbst nicht wusste, WAS er ihr eigentlich sagen wollte.
Als Larissa merkte, dass mit Kanubio etwas nicht stimmte, legte sie sanft den Arm um ihn. Alles in ihm drängte, sich der liebenvollen Geste hinzugeben, doch war etwas in ihm, das ihn davon abhielt. Ein Zwiespalt, den er sich abermals nicht erklären konnte.
Schließlich war er aus ihrer Nähe geflohen, tief in den Wald hinein. Wirklich Ruhe konnte er auch dort nicht finden. Zu wissen, dass die Schatten immer noch tief in ihm lauernd nach ihm gierten, schnürte ihm die Kehle zu.
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Kanubio Bunjam
Tage später
Wochenlang war Kanubio bemüht gewesen, etwas über den vergifteten Wald herauszufinden, doch alles, was er erfuhr war, „dass es bereits jemanden gab, der sich drum kümmern würde“. Doch jedes Mal, wenn er nach dem Wald sah, zeigte dieser sich ihm unverändert in seinem üblen Zustand. So folgerte er, dass auch jene auf der Stelle treten würden.
Zwei Tage suchte er bereits nach Elaron, dem scheinbar der Orden, dem er beigetreten war, wichtiger als der Wald geworden war. Larissa und jene von Kanubios Gemeinschaft waren ebenso unauffindbar wie der Besitzer des seit langem erkrankten Pferdes in Bajard.
Wohin im Land er auch blickte, er traf nur ihm fremde Gesichter. Wo waren sie hin, all jene, mit denen er früher seinen Spaß gehabt hatte, mit denen er gesoffen, gekämpft und Probleme gewälzt hatte?
Frustriert und enttäuscht von allen und allem entschloss er sich zu einem Schritt, den er erst später vorgehabt hätte: in der östlichen Mine Lameriasts zu schürfen. Also besorgte er sich eine Truhe und stellte diese im Verschlag vor dem Berg auf. Als das erledigt war, wollte er ein letztes Mal heimreisen, sich verproviantieren, um sich auf unbestimmte Zeit in die Mine zurückzuziehen. Sollten sich doch andere um jenes Giftloch kümmern! Wenn sie annahmen, dass er ihnen brav weiterhin Informationen liefern würde, um lediglich zu erfahren, dass er wohl zu minder wäre, um an den Erkenntnissen dieses Kreises Teil haben zu dürfen, könnten sie sich auch ruhig selbst die Stiefelsohlen ablaufen!
Als er fast alles, was er mitnehmen wollte, in eine Kiste gepackt hatte, stand plötzlich Sio am Zaun seines Hauses. Feinfühlig bemerkte sie Kanubios konfusen Zustand und schaffte es mit ihrer schlichten Art, wenigstens die dunkelsten seiner Gedanken zu vertreiben. Sie vereinbarten, sich am nächsten Tag noch einmal das Häuschen in den Bergen anzusehen.
Trotzdem zog es Kanubio in die Mine, jene andere Mine, von der er es als Privileg ansah, darin schürfen zu dürfen. Nur ein Mal hatte er sie betreten, um mit Hrefna zu reden. Er hatte vor gehabt, diese Stollen erst zu bearbeiten, wenn seine Fähigkeiten fortgeschrittener wären, um sich diesem Berg würdig zu erweisen. Aber irgend etwas in ihm trieb ihn schon jetzt dorthin.
Immer schon war er nach Lameriast geflüchtet, wenn seine Gedanken verwirrt und sein Inneres durcheinander waren. Die urwüchsige Kraft dieses Landstriches hatte Kanubio seit je her auf eine beruhigende, ja befreiende Art gefangen genommen. Rau schlug ihm der Wind entgegen, wenn er aus der Mine trat und wesentlich kühler, aber auch erfrischender als auf Gerimor durchdrang der Regen sein Gewand. Vor allem aber genoss er die immense Ruhe, die der Boden der Thyren ausstrahlte, als könne nichts der Welt ihn erschüttern.
Hier, im hintersten Teil der Insel, würde ihn kaum jemand vermuten. Hier war er dem Fort der Bunjams und den Thyren nahe. Hier hatte ihm Hrefna den Berg erklärt:
„Man muss sich die Ehre des Berges verdienen.
Man muss dem Weg der Schamanen folgen und die Lehren der Schamanen leben.“
Damals hatte er Systra gefragt, ob sie ihm diesen zeigen wolle, doch sie hatte es ihm verwehrt. So blieb ihm nur, ersteres zu versuchen.
Während der Schritt für Schritt den Stollen bearbeitete, konnte er die Schatten abschütteln und die über jahrtausende im Bergmassiv gespeicherte Energie in sich aufnehmen. Seine Gedanken beruhigten sich und lenkten sich in andere Richtungen.
„Es ist der Weg der Verantwortung.“ – Es kam Kanubio vor, als würde Falks Stimme aus den Stollenwänden dringen. – „Mit großer Stärke kommt große Verantwortung.“
Die letzten Tage hatten ihm größere Aufgaben beschert, die er mit viel Einsatz bewältigt hatte. Er hatte die Verbindungen hergestellt zwischen jenen, die einander nicht kannten. Verbindungen … das Band …
Er erinnerte sich an jene Vision, in der ihm Argos – oder wer auch immer dieser Mann gewesen war – jene vier Dinge übergeben hatte: ein Schwert, eine Feder, ein rotes Band und ein leeres Buch. Über ein Jahreslauf war seitdem vergangen. Zu dreien dieser Gegenstände hatte er einen Bezug gefunden – nur der tiefere Sinn des leeren Buches blieb ihm bislang verborgen.
Seufzend schalt er sich selbst, war er nicht gerade der Eifrigste gewesen, die Lehren Falks zu verinnerlichen. Zwar trug er sie ständig auf seinen Lippen, aber wirklich in ihn gedrungen waren sie noch nicht. Ohne einen Lehrer war der Weg viel schwieriger und mühsamer und – ja, er gestand es sich durchaus ein – er ließ sich viel zu leicht davon ablenken. Wie beneidete er doch Larissa und all jene, die ihren Lehrherren gefunden hatten! Doch alleine zu sein schien wohl Kanubios Schicksal zu sein.
Alleine …
Immer wieder fragte er sich, wo sie jetzt wohl wären.
Alleine …
Erschöpft rollte er sich im Stollen zusammen. Er spürte, dass er den Geystern – die er weder hören, noch sehen, geschweige denn mit ihnen sprechen konnte – nahe war. Er war sich sicher, dass sie über ihn wachen und die Schatten der Vergangenheit von ihm fern halten würden. Und auch, wenn er in jenen Nächten weit hinten im Land der Thyren ruhigen, tiefen und erholsamen Schlaf genoss, war er sich bewusst: Die Schatten würden wiederkommen.
Wochenlang war Kanubio bemüht gewesen, etwas über den vergifteten Wald herauszufinden, doch alles, was er erfuhr war, „dass es bereits jemanden gab, der sich drum kümmern würde“. Doch jedes Mal, wenn er nach dem Wald sah, zeigte dieser sich ihm unverändert in seinem üblen Zustand. So folgerte er, dass auch jene auf der Stelle treten würden.
Zwei Tage suchte er bereits nach Elaron, dem scheinbar der Orden, dem er beigetreten war, wichtiger als der Wald geworden war. Larissa und jene von Kanubios Gemeinschaft waren ebenso unauffindbar wie der Besitzer des seit langem erkrankten Pferdes in Bajard.
Wohin im Land er auch blickte, er traf nur ihm fremde Gesichter. Wo waren sie hin, all jene, mit denen er früher seinen Spaß gehabt hatte, mit denen er gesoffen, gekämpft und Probleme gewälzt hatte?
Frustriert und enttäuscht von allen und allem entschloss er sich zu einem Schritt, den er erst später vorgehabt hätte: in der östlichen Mine Lameriasts zu schürfen. Also besorgte er sich eine Truhe und stellte diese im Verschlag vor dem Berg auf. Als das erledigt war, wollte er ein letztes Mal heimreisen, sich verproviantieren, um sich auf unbestimmte Zeit in die Mine zurückzuziehen. Sollten sich doch andere um jenes Giftloch kümmern! Wenn sie annahmen, dass er ihnen brav weiterhin Informationen liefern würde, um lediglich zu erfahren, dass er wohl zu minder wäre, um an den Erkenntnissen dieses Kreises Teil haben zu dürfen, könnten sie sich auch ruhig selbst die Stiefelsohlen ablaufen!
Als er fast alles, was er mitnehmen wollte, in eine Kiste gepackt hatte, stand plötzlich Sio am Zaun seines Hauses. Feinfühlig bemerkte sie Kanubios konfusen Zustand und schaffte es mit ihrer schlichten Art, wenigstens die dunkelsten seiner Gedanken zu vertreiben. Sie vereinbarten, sich am nächsten Tag noch einmal das Häuschen in den Bergen anzusehen.
Trotzdem zog es Kanubio in die Mine, jene andere Mine, von der er es als Privileg ansah, darin schürfen zu dürfen. Nur ein Mal hatte er sie betreten, um mit Hrefna zu reden. Er hatte vor gehabt, diese Stollen erst zu bearbeiten, wenn seine Fähigkeiten fortgeschrittener wären, um sich diesem Berg würdig zu erweisen. Aber irgend etwas in ihm trieb ihn schon jetzt dorthin.
Immer schon war er nach Lameriast geflüchtet, wenn seine Gedanken verwirrt und sein Inneres durcheinander waren. Die urwüchsige Kraft dieses Landstriches hatte Kanubio seit je her auf eine beruhigende, ja befreiende Art gefangen genommen. Rau schlug ihm der Wind entgegen, wenn er aus der Mine trat und wesentlich kühler, aber auch erfrischender als auf Gerimor durchdrang der Regen sein Gewand. Vor allem aber genoss er die immense Ruhe, die der Boden der Thyren ausstrahlte, als könne nichts der Welt ihn erschüttern.
Hier, im hintersten Teil der Insel, würde ihn kaum jemand vermuten. Hier war er dem Fort der Bunjams und den Thyren nahe. Hier hatte ihm Hrefna den Berg erklärt:
„Man muss sich die Ehre des Berges verdienen.
Man muss dem Weg der Schamanen folgen und die Lehren der Schamanen leben.“
Damals hatte er Systra gefragt, ob sie ihm diesen zeigen wolle, doch sie hatte es ihm verwehrt. So blieb ihm nur, ersteres zu versuchen.
Während der Schritt für Schritt den Stollen bearbeitete, konnte er die Schatten abschütteln und die über jahrtausende im Bergmassiv gespeicherte Energie in sich aufnehmen. Seine Gedanken beruhigten sich und lenkten sich in andere Richtungen.
„Es ist der Weg der Verantwortung.“ – Es kam Kanubio vor, als würde Falks Stimme aus den Stollenwänden dringen. – „Mit großer Stärke kommt große Verantwortung.“
Die letzten Tage hatten ihm größere Aufgaben beschert, die er mit viel Einsatz bewältigt hatte. Er hatte die Verbindungen hergestellt zwischen jenen, die einander nicht kannten. Verbindungen … das Band …
Er erinnerte sich an jene Vision, in der ihm Argos – oder wer auch immer dieser Mann gewesen war – jene vier Dinge übergeben hatte: ein Schwert, eine Feder, ein rotes Band und ein leeres Buch. Über ein Jahreslauf war seitdem vergangen. Zu dreien dieser Gegenstände hatte er einen Bezug gefunden – nur der tiefere Sinn des leeren Buches blieb ihm bislang verborgen.
Seufzend schalt er sich selbst, war er nicht gerade der Eifrigste gewesen, die Lehren Falks zu verinnerlichen. Zwar trug er sie ständig auf seinen Lippen, aber wirklich in ihn gedrungen waren sie noch nicht. Ohne einen Lehrer war der Weg viel schwieriger und mühsamer und – ja, er gestand es sich durchaus ein – er ließ sich viel zu leicht davon ablenken. Wie beneidete er doch Larissa und all jene, die ihren Lehrherren gefunden hatten! Doch alleine zu sein schien wohl Kanubios Schicksal zu sein.
Alleine …
Immer wieder fragte er sich, wo sie jetzt wohl wären.
Alleine …
Erschöpft rollte er sich im Stollen zusammen. Er spürte, dass er den Geystern – die er weder hören, noch sehen, geschweige denn mit ihnen sprechen konnte – nahe war. Er war sich sicher, dass sie über ihn wachen und die Schatten der Vergangenheit von ihm fern halten würden. Und auch, wenn er in jenen Nächten weit hinten im Land der Thyren ruhigen, tiefen und erholsamen Schlaf genoss, war er sich bewusst: Die Schatten würden wiederkommen.
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Kanubio Bunjam
Eine verrückte Tat - und das Schwert der Thyren
„Ach was, Falk!“ hörte Kanubio die Frau abfällig sagen. „Der macht die nächsten 100 Jahre noch seine angebliche Pilgerreise. Die Tiefländer träumen. Und während sie die Zeit verschlafen, geschieht vieles hier auf der Insel. Sie werden nicht aufwachen. Sie werden in 10 Jahren noch auf einen Falk warten.“ – „Nein, Ich werde sie aufwecken“, meinte Kanubio entschlossen und wütend über ihre verächtlichen Worte.
„Sag ihnen, dass es einen Fürsten auf Lameriast gibt, dessen Grenzen an ihr Land grenzen. Vielleicht wachen sie dann auf, bevor ihr Land auch innerhalb dieser Grenzen liegt.“
Sie sagte noch viel mehr und ihre Worte klangen dermaßen respektlos in seinen Ohren, dass in ihm kalter Zorn und tiefe Verzweiflung aufstieg. Denn nicht nur sie getraute sich inzwischen so über die Thyren zu reden, es war bereits der allgemeine Tonfall im Land, wenn man über dieses Volk sprach, welches man inzwischen auch als ungefährlich einstufte.
Was Kanubio am meisten wurmte, war, dass er dem nichts entgegensetzten konnte. Die Wut in ihm steigerte sich mit jedem Wort und so erhob er sich und ritt grußlos fort, bereits konzentriert auf das, wozu ihn die Verzweiflung in seinem Herzen trieb.
Er brachte sein Pferd in den Stall und ließ alles, was er bei sich trug, bei ihm zurück. Zum ersten Mal, seit er an Land war, trennte er sich von Schwert und Schild sowie von all seinen Tränken. Dort, wohin er wollte, würde er es nicht brauchen – oder es würde ihm nichts nützen.
Nur mit Hemd und Hose bekleidet und seinen Silberdolch am Gürtel, machte er sich auf den Weg, immer der kleinen Insel zu. Je näher er ihr kam, umso mulmiger wurde ihm. Doch ob richtig oder falsch, der dachte nicht darüber nach. Er würde hinnehmen, was immer auch passieren würde. In seiner Verzweiflung wusste er sich keinen anderen Ausweg.
Als er die mächtigen Steine mit den Totenköpfen darauf erblickte, streifte er auch noch sein Hemd ab und warf es achtlos beiseite. Er vertraute diesem Ort, wie er dem Wolfsrudel an seinem Eingang vertraute, durch das er sich nun mit angehaltenem Atem Schritt für Schritt bewegte. Sie ließen ihn passieren.
Er wagte sich weiter vor. Obwohl niemand zu sehen war, hatte er das Gefühl, nicht allein zu sein. Es waren nicht nur die Totenköpfe auf den Steinen, die jede Bewegung von ihm genau zu verfolgen schienen, da waren noch andere – viele andere. Er spürte ihre Versuche, in ihn zu dringen und ließ es, wenn auch davon recht verwirrt, widerstandslos zu.
Er gelangte zu einer Quelle, um welche sieben Steine – so schien es ihm - Wache hielten. Waren sie das Symbol für die sieben Speere der sieben großen Clans? In ihrer Nähe der Runenstein. Er konnte die alten Zeichen nicht lesen, doch kannte er ihre Bedeutung. „Tragt Stolz im Herzen und hohen Mut, denn ihr seid das Volk des Sturmheulers.“ Falk hatte sie ihm einst gesagt.
Er ließ sich auf einem der Steine an der riesigen Feuerstelle nieder. Sein Blick vertiefte sich in die Runen. Es war ein seltsames Gefühl, dort zu sitzen, völlig wehrlos jeder nur erdenklichen Gefahr ausgesetzt. Völlig verunsichert, wie die Geyster und Ahnen auf seine Anwesenheit reagieren würden, durchlebte er die gegensätzlichsten Gefühle. Angst – bis hin zu Todesangst – und zugleich eine schier unendlich scheinende Stille in seinen Gedanken und Ruhe in seinem Herzen, wie er sie noch nie erlebt hatte.
Nach und nach legte sich die Angst in ihm etwas. Erschöpft gab er sich der Leere hin, die sich seinem Inneren bemächtigt hatte. Eine angenehme Leere, der nichts nachzufolgen brauchte. Er würde hier sitzen bleiben, bis etwas passierte – oder er verhungern würde.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er Schritte hinter sich hörte – zweifellos ein Thyre. Valdrrik war’s, der ihn gar nicht mehr zu kennen schien. Wie ein Stück Müll entfernte er Kanubio zuerst einmal von dem heiligen Ort – nicht gerade sanft, doch den Schmerz spürte Kanubio nicht. Er landete hart im Gras, rappelte sich auf und sprach mit Valdrrik, immer noch stark unter den seltsamen Einflüssen der Insel stehend, mit Worten, die recht wirr in den Ohren des Thyren klingen mussten. Es musste allerdings etwas seine Aufmerksamkeit erregt haben, denn er ließ Kanubio nicht einfach stehen, sondern nahm ihn mit ins Bunjamsche Fort, wo Leif zugegen war.
Als Kanubio nun vor dem Jarl stand, sprach er zwar, doch lange nicht jene Worte, die er ihm gerne gesagt hätte. Dazu hatte er weder das Recht, noch fehlte ihm der Mut
So blieb es bei einer stark abgeschwächten Schilderung dessen, was die Leute inzwischen über die Thyren dachten und einiger beruhigender Worte Leifs, die Kanubio allerdings gar nicht beruhigten.
Man erinnerte sich des Diamants, das Kanubio bei ihnen deponiert hatte und ging hinüber nach Grimwould, wo Hrefna es ihm schmiedete. Es war ein wunderschönes Schwert und Kanubio nahm es mit Stolz und Freude entgegen.
Doch hoffte er im Stillen, es auch immer zu tragen und zu führen. Nie wollte er gezwungen sein, ihm einen Platz im „Zimmer der schönen Dinge“ zuteilen zu müssen, mit dem wehmütigen Gedanken, dass diese Waffe von einem einst großen Kriegervolk stamme, welches einschlief und nicht mehr erwachte.
„Ach was, Falk!“ hörte Kanubio die Frau abfällig sagen. „Der macht die nächsten 100 Jahre noch seine angebliche Pilgerreise. Die Tiefländer träumen. Und während sie die Zeit verschlafen, geschieht vieles hier auf der Insel. Sie werden nicht aufwachen. Sie werden in 10 Jahren noch auf einen Falk warten.“ – „Nein, Ich werde sie aufwecken“, meinte Kanubio entschlossen und wütend über ihre verächtlichen Worte.
„Sag ihnen, dass es einen Fürsten auf Lameriast gibt, dessen Grenzen an ihr Land grenzen. Vielleicht wachen sie dann auf, bevor ihr Land auch innerhalb dieser Grenzen liegt.“
Sie sagte noch viel mehr und ihre Worte klangen dermaßen respektlos in seinen Ohren, dass in ihm kalter Zorn und tiefe Verzweiflung aufstieg. Denn nicht nur sie getraute sich inzwischen so über die Thyren zu reden, es war bereits der allgemeine Tonfall im Land, wenn man über dieses Volk sprach, welches man inzwischen auch als ungefährlich einstufte.
Was Kanubio am meisten wurmte, war, dass er dem nichts entgegensetzten konnte. Die Wut in ihm steigerte sich mit jedem Wort und so erhob er sich und ritt grußlos fort, bereits konzentriert auf das, wozu ihn die Verzweiflung in seinem Herzen trieb.
Er brachte sein Pferd in den Stall und ließ alles, was er bei sich trug, bei ihm zurück. Zum ersten Mal, seit er an Land war, trennte er sich von Schwert und Schild sowie von all seinen Tränken. Dort, wohin er wollte, würde er es nicht brauchen – oder es würde ihm nichts nützen.
Nur mit Hemd und Hose bekleidet und seinen Silberdolch am Gürtel, machte er sich auf den Weg, immer der kleinen Insel zu. Je näher er ihr kam, umso mulmiger wurde ihm. Doch ob richtig oder falsch, der dachte nicht darüber nach. Er würde hinnehmen, was immer auch passieren würde. In seiner Verzweiflung wusste er sich keinen anderen Ausweg.
Als er die mächtigen Steine mit den Totenköpfen darauf erblickte, streifte er auch noch sein Hemd ab und warf es achtlos beiseite. Er vertraute diesem Ort, wie er dem Wolfsrudel an seinem Eingang vertraute, durch das er sich nun mit angehaltenem Atem Schritt für Schritt bewegte. Sie ließen ihn passieren.
Er wagte sich weiter vor. Obwohl niemand zu sehen war, hatte er das Gefühl, nicht allein zu sein. Es waren nicht nur die Totenköpfe auf den Steinen, die jede Bewegung von ihm genau zu verfolgen schienen, da waren noch andere – viele andere. Er spürte ihre Versuche, in ihn zu dringen und ließ es, wenn auch davon recht verwirrt, widerstandslos zu.
Er gelangte zu einer Quelle, um welche sieben Steine – so schien es ihm - Wache hielten. Waren sie das Symbol für die sieben Speere der sieben großen Clans? In ihrer Nähe der Runenstein. Er konnte die alten Zeichen nicht lesen, doch kannte er ihre Bedeutung. „Tragt Stolz im Herzen und hohen Mut, denn ihr seid das Volk des Sturmheulers.“ Falk hatte sie ihm einst gesagt.
Er ließ sich auf einem der Steine an der riesigen Feuerstelle nieder. Sein Blick vertiefte sich in die Runen. Es war ein seltsames Gefühl, dort zu sitzen, völlig wehrlos jeder nur erdenklichen Gefahr ausgesetzt. Völlig verunsichert, wie die Geyster und Ahnen auf seine Anwesenheit reagieren würden, durchlebte er die gegensätzlichsten Gefühle. Angst – bis hin zu Todesangst – und zugleich eine schier unendlich scheinende Stille in seinen Gedanken und Ruhe in seinem Herzen, wie er sie noch nie erlebt hatte.
Nach und nach legte sich die Angst in ihm etwas. Erschöpft gab er sich der Leere hin, die sich seinem Inneren bemächtigt hatte. Eine angenehme Leere, der nichts nachzufolgen brauchte. Er würde hier sitzen bleiben, bis etwas passierte – oder er verhungern würde.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er Schritte hinter sich hörte – zweifellos ein Thyre. Valdrrik war’s, der ihn gar nicht mehr zu kennen schien. Wie ein Stück Müll entfernte er Kanubio zuerst einmal von dem heiligen Ort – nicht gerade sanft, doch den Schmerz spürte Kanubio nicht. Er landete hart im Gras, rappelte sich auf und sprach mit Valdrrik, immer noch stark unter den seltsamen Einflüssen der Insel stehend, mit Worten, die recht wirr in den Ohren des Thyren klingen mussten. Es musste allerdings etwas seine Aufmerksamkeit erregt haben, denn er ließ Kanubio nicht einfach stehen, sondern nahm ihn mit ins Bunjamsche Fort, wo Leif zugegen war.
Als Kanubio nun vor dem Jarl stand, sprach er zwar, doch lange nicht jene Worte, die er ihm gerne gesagt hätte. Dazu hatte er weder das Recht, noch fehlte ihm der Mut
So blieb es bei einer stark abgeschwächten Schilderung dessen, was die Leute inzwischen über die Thyren dachten und einiger beruhigender Worte Leifs, die Kanubio allerdings gar nicht beruhigten.
Man erinnerte sich des Diamants, das Kanubio bei ihnen deponiert hatte und ging hinüber nach Grimwould, wo Hrefna es ihm schmiedete. Es war ein wunderschönes Schwert und Kanubio nahm es mit Stolz und Freude entgegen.
Doch hoffte er im Stillen, es auch immer zu tragen und zu führen. Nie wollte er gezwungen sein, ihm einen Platz im „Zimmer der schönen Dinge“ zuteilen zu müssen, mit dem wehmütigen Gedanken, dass diese Waffe von einem einst großen Kriegervolk stamme, welches einschlief und nicht mehr erwachte.
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Kanubio Bunjam
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Kanubio Bunjam
Das Ende der Schatten
Kanubio erwacht. Er blickt sich um. Er ist daheim. Er ist beruhigt.
Was hatte sie mit ihm gemacht? Zuerst hatte er etwas ganz anderes erwartet, als Larissa meinte, sie würde versuchen, seine Schatten zu vertreiben, als sie eine wohlduftende Kerze entzündete und er sich auf das Bärenfell legen sollte. Bald hatte er gemerkt, dass seine Erwartungen nicht erfüllt werden sollten. Keine zärtliche Berührung. Kein Kuss. „Eine Reise“, sagte sie. – „Eine Reise?“, fragt er sich im stillen. „Im Liegen?“
Eine Reise in Gedanken nur und doch so real scheinend, nahe auf der Wiese am Haus und zum Wald hinüber und doch weit fort, zurück in die Vergangenheit.
Immer noch fühlt er sich nach dem Erwachen ausgelaugt und kraftlos. Er sehnt sich zurück nach diesem Zustand, den sie mit ruhigen Worten beschrieb:
„Du siehst an dir herunter und bemerkst, dass du zu einem starken, kräftigen Baum geworden bist. Die Borke liegt auf dir wie die stärkste Rüstung, die Äste sind kraftvoll und stark, die Wurzeln ebenso kräftig und sie geben dir einen Halt, wie du ihn noch nie gespürt hast. Nichts, das weißt du, kann diesen Schutz durchdringen. Du fühlst dich stark, unüberwindlich.“
In dieser Form war Kanubio ihnen begegnet, den Schatten seiner Vergangenheit, getarnt als ein schwarzer Baum im Hain seines Lebens. Als er sich diesen näher betrachtete, erkannte er in seinen Umrissen all jene fratzenhaft verzerrten Gesichter auftauchen, die ihm über ein Duzend seiner Lebensjahre das Wort verbaten, ihm jegliche Emotion absprachen, seine Gedanken lähmten und ihn grundlos züchtigten. Wie er sie doch verachtete!
Larissa mochte, dass er aussprach, was er dachte und fühlte. Aussprechen? Noch nie war ihm dies erlaubt gewesen. Das karierte Hemd wäre ihm sicher gewesen.
„Er ist ... Abschaum ... ist er ... Leute zu quälen, zu schinden, ... Tag für Tag …“, sagte er leise mit einem abfälligen Unterton. Erschrocken, dies ausgesprochen zu haben, hielt er inne, als hätte er Schreckliches zu erwarten. Sein Körper versteifte sich und wieder krallten sich seine Finger in das Fell. Er biss sich auf die Lippe, dass man fürchten könnte, er beißt sie durch. „Ich hasse ihn ... ihn und die anderen neben und über ihm. Ich verachte ihn. Sie haben nicht das Recht dazu. Sie nehmen es sich.“ Langsam sprudelten die Worte freier aus ihm raus, während etwas Blut aus seiner Lippe sickerte. „Schweigen ... schweigen soll ich und nichts denken ....“ Er schüttelte den Kopf. „Keine Gefühle, sie dämpften sie ein mit Rum und Bier. Sie schlagen zu, Tag für Tag ... aber ich spüre es nicht mehr“, sagte er tonlos.
Je mehr er sich auf das faulige, wabbernde Bild vor sich konzentrierte, umso genauer erkannte er die Gesichter jener, die ihn zur willenlosen Marionette gemacht und geschunden hatten, die ihn stets spüren ließen, dass er ein minderwertiges Geschöpf dieser Gesellschaft wäre.
„Was willst du mit dem Baum tun?“ hörte er Larissa fragen.
„Er soll gehen, einfach nur weggehen und nie wiederkommen“, flehte er, dabei bildeten sich Tränen in seinen Augenwinkeln. „Ich hab doch nichts gegen ihn“, sagte er verzweifelt. Sein Körper bäumte sich leicht auf und er atmete tief durch.
Doch das war Larissa zu wenig. Sie trieb ihn weiter. Kanubio entschloss sich dazu, ihn auszureißen – doch was war das? Er schaffte es nicht, ihn zu berühren!
„Respekt vor seinen Feinden haben.“ Er nickte leicht zu seinen Worten. „Man wirft sie nicht durch die Gegend.“ Seine Hände fuhren an seinen Kopf, als würden ihn heftige Kopfschmerzen peinigen.
Zu gerne würde er mit all den Gesichtern, diesem Baum, reden, doch wieder einmal fehlen ihm die passenden Worte.
„Es gibt keine Worte … keine Worte ... da sind keine Worte ...“, murmelte er, das Gesicht in die Hände vergrabend.
Sollte er den Baum zerhacken? Ihn brutal zerstören?
„Ich will keine Gewalt, nicht so ... so sein ... so werden wie sie.“ Verzweifelt versuchte er, einen Ausweg zu finden und seine Lippen formen Worte, die tief in ihm sitzen: „Es ist der Weg der Verantwortung. Wenn wir uns für den Tod entscheiden, können wir es nie wieder rückgängig machen“, murmelte er wie etwas herunterbetend. „Sie haben nichts getan, was Grund wäre sie zu töten“, sagte er, immer noch von heftigen Schmerzen im Kopf gequält.
Kanubio entschloss sich, diesen Baum auszugraben und wegzutragen, ganz weit weg, was Larissa mit sanften Worten unterstützte. Und ganz genau musste er ihr schildern, wie er dies tat.
Doch als dieser Baum entwurzelt und wehrlos vor ihm lag, bemerkte er etwas in sich, was er zuvor noch nie verspürte.
Plötzlich zogen harte, hasserfüllte Züge in seiner Mimik auf. „ Ich ...“ Er atmete tief durch, seine Lippen pressten sich zusammen, seine Zähne knirschten und seine Hände ballten sich zu Fäusten, an denen die Knöchel weiß hervortraten.
Es war ein herrliches Gefühl, eiskalt und mächtig. Es erfüllte ihn mit einer ungeheuren Genugtuung, diesen Baum in tausende kleine Splitter zerhauen zu können. Doch halt! Er stieß es von sich. Das wäre nicht der richtige Weg.
Ein innerer Kampf schien in ihm zu toben, aber dann schluckte er, beruhigte sich wieder und sagte trocken und knapp: „Ich bringe ihn weg.“ Dabei hob sich sein Kinn leicht an. „Aber ich werfe ihn in eine tiefe Höhle, die ich verschließe.“
Dieses Gefühl kehrte wieder.
Abermals ging eine Wendung durch ihn und seine Augen öffneten sich. Sie waren herzlos und kalt, starrten ins Leere, ein Ausdruck, wie Larissa ihn noch nie bei ihm gesehen haben mag. Aber sogleich schloss er sie wieder und leicht schüttelte es ihn, wie einen nassen Hund, der das Wasser aus seinem Fell kriegen will. „Ich bringe ihn weg, in eine Höhle“, sagte er wieder gefasster.
Bereits völlig erschöpft machte er sich auf in diesem geistigen Bild, schleppte den toten Baum fort und warf ihn in eine bodenlose Höhle, die er sorgfältig mit Steinen verschloss.
„So wirfst du die schlechten Erinnerungen hinfort, tief in die Höhle hinein“, sagte Larissa in ruhigem Ton. „So tief, da sie dir niemals wieder etwas anhaben können. So tief, dass es dich auch nicht mehr berühren werde, falls der Baum versuche Ableger zurück zu lassen. Sollen diese versuchen neu zu sprießen, weißt du, dass es dein Wald sey. Und du kannst mit jenen das gleiche machen, wie mit diesem Baum. Du hast die Kraft dazu, du bist stark, du bist geschützt und tief verwurzelt.“
Er nickte fast unmerklich zu ihren Worten.
„Auf dass diese Erinnerungen nie mehr zurück kommen und dich verfolgen können. Du wirst für immer Ruhe vor ihnen haben. Du wirst dich ihrer noch erinnern, doch sie werden dir nie wieder etwas anhaben und Schwierigkeiten machen können.
Als Larissa ihn zurückgeleitete, entdeckte er das Loch im Waldboden. Dort, wo der Baum gestanden hatte, klaffte eine leere Stelle
„Doch sehe ich auch einen neuen Spross“, meinte sie. „Genau an der Stelle, an der der dunkle Baum stand. Der Spross ist grün und hell, freundlich und die Sonne scheint durch die Kronen der anderen Bäume genau auf diesen Spross. Dieser Spross wird zu einem großen, starken Baum heran wachsen. Und er ist ein Teil von dir.
Mit ruhiger Stimme führe Larissa den völlig erschöpften Kanubio zurück auf jene Wiese, wo alles begann:
„Langsam merkst du, dass sich deine Äste wieder zu Armen wandeln, deine Wurzeln zu Beinen und Deine Borke zu Haut. Doch das Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit wird bleiben, denn der Baum bist du. Du bist ein Teil deines Waldes.
Kanubio wollte sich nur noch der Müdigkeit ergeben. Entkräftet blieb er auf dem Fell liegen, bereits in tiefen, traumlosen Schlaf gleitend, während sie leise das Haus verließ.
Kanubio erwacht. Er blickt sich um. Er ist daheim. Er ist beruhigt.
Was hatte sie mit ihm gemacht? Zuerst hatte er etwas ganz anderes erwartet, als Larissa meinte, sie würde versuchen, seine Schatten zu vertreiben, als sie eine wohlduftende Kerze entzündete und er sich auf das Bärenfell legen sollte. Bald hatte er gemerkt, dass seine Erwartungen nicht erfüllt werden sollten. Keine zärtliche Berührung. Kein Kuss. „Eine Reise“, sagte sie. – „Eine Reise?“, fragt er sich im stillen. „Im Liegen?“
Eine Reise in Gedanken nur und doch so real scheinend, nahe auf der Wiese am Haus und zum Wald hinüber und doch weit fort, zurück in die Vergangenheit.
Immer noch fühlt er sich nach dem Erwachen ausgelaugt und kraftlos. Er sehnt sich zurück nach diesem Zustand, den sie mit ruhigen Worten beschrieb:
„Du siehst an dir herunter und bemerkst, dass du zu einem starken, kräftigen Baum geworden bist. Die Borke liegt auf dir wie die stärkste Rüstung, die Äste sind kraftvoll und stark, die Wurzeln ebenso kräftig und sie geben dir einen Halt, wie du ihn noch nie gespürt hast. Nichts, das weißt du, kann diesen Schutz durchdringen. Du fühlst dich stark, unüberwindlich.“
In dieser Form war Kanubio ihnen begegnet, den Schatten seiner Vergangenheit, getarnt als ein schwarzer Baum im Hain seines Lebens. Als er sich diesen näher betrachtete, erkannte er in seinen Umrissen all jene fratzenhaft verzerrten Gesichter auftauchen, die ihm über ein Duzend seiner Lebensjahre das Wort verbaten, ihm jegliche Emotion absprachen, seine Gedanken lähmten und ihn grundlos züchtigten. Wie er sie doch verachtete!
Larissa mochte, dass er aussprach, was er dachte und fühlte. Aussprechen? Noch nie war ihm dies erlaubt gewesen. Das karierte Hemd wäre ihm sicher gewesen.
„Er ist ... Abschaum ... ist er ... Leute zu quälen, zu schinden, ... Tag für Tag …“, sagte er leise mit einem abfälligen Unterton. Erschrocken, dies ausgesprochen zu haben, hielt er inne, als hätte er Schreckliches zu erwarten. Sein Körper versteifte sich und wieder krallten sich seine Finger in das Fell. Er biss sich auf die Lippe, dass man fürchten könnte, er beißt sie durch. „Ich hasse ihn ... ihn und die anderen neben und über ihm. Ich verachte ihn. Sie haben nicht das Recht dazu. Sie nehmen es sich.“ Langsam sprudelten die Worte freier aus ihm raus, während etwas Blut aus seiner Lippe sickerte. „Schweigen ... schweigen soll ich und nichts denken ....“ Er schüttelte den Kopf. „Keine Gefühle, sie dämpften sie ein mit Rum und Bier. Sie schlagen zu, Tag für Tag ... aber ich spüre es nicht mehr“, sagte er tonlos.
Je mehr er sich auf das faulige, wabbernde Bild vor sich konzentrierte, umso genauer erkannte er die Gesichter jener, die ihn zur willenlosen Marionette gemacht und geschunden hatten, die ihn stets spüren ließen, dass er ein minderwertiges Geschöpf dieser Gesellschaft wäre.
„Was willst du mit dem Baum tun?“ hörte er Larissa fragen.
„Er soll gehen, einfach nur weggehen und nie wiederkommen“, flehte er, dabei bildeten sich Tränen in seinen Augenwinkeln. „Ich hab doch nichts gegen ihn“, sagte er verzweifelt. Sein Körper bäumte sich leicht auf und er atmete tief durch.
Doch das war Larissa zu wenig. Sie trieb ihn weiter. Kanubio entschloss sich dazu, ihn auszureißen – doch was war das? Er schaffte es nicht, ihn zu berühren!
„Respekt vor seinen Feinden haben.“ Er nickte leicht zu seinen Worten. „Man wirft sie nicht durch die Gegend.“ Seine Hände fuhren an seinen Kopf, als würden ihn heftige Kopfschmerzen peinigen.
Zu gerne würde er mit all den Gesichtern, diesem Baum, reden, doch wieder einmal fehlen ihm die passenden Worte.
„Es gibt keine Worte … keine Worte ... da sind keine Worte ...“, murmelte er, das Gesicht in die Hände vergrabend.
Sollte er den Baum zerhacken? Ihn brutal zerstören?
„Ich will keine Gewalt, nicht so ... so sein ... so werden wie sie.“ Verzweifelt versuchte er, einen Ausweg zu finden und seine Lippen formen Worte, die tief in ihm sitzen: „Es ist der Weg der Verantwortung. Wenn wir uns für den Tod entscheiden, können wir es nie wieder rückgängig machen“, murmelte er wie etwas herunterbetend. „Sie haben nichts getan, was Grund wäre sie zu töten“, sagte er, immer noch von heftigen Schmerzen im Kopf gequält.
Kanubio entschloss sich, diesen Baum auszugraben und wegzutragen, ganz weit weg, was Larissa mit sanften Worten unterstützte. Und ganz genau musste er ihr schildern, wie er dies tat.
Doch als dieser Baum entwurzelt und wehrlos vor ihm lag, bemerkte er etwas in sich, was er zuvor noch nie verspürte.
Plötzlich zogen harte, hasserfüllte Züge in seiner Mimik auf. „ Ich ...“ Er atmete tief durch, seine Lippen pressten sich zusammen, seine Zähne knirschten und seine Hände ballten sich zu Fäusten, an denen die Knöchel weiß hervortraten.
Es war ein herrliches Gefühl, eiskalt und mächtig. Es erfüllte ihn mit einer ungeheuren Genugtuung, diesen Baum in tausende kleine Splitter zerhauen zu können. Doch halt! Er stieß es von sich. Das wäre nicht der richtige Weg.
Ein innerer Kampf schien in ihm zu toben, aber dann schluckte er, beruhigte sich wieder und sagte trocken und knapp: „Ich bringe ihn weg.“ Dabei hob sich sein Kinn leicht an. „Aber ich werfe ihn in eine tiefe Höhle, die ich verschließe.“
Dieses Gefühl kehrte wieder.
Abermals ging eine Wendung durch ihn und seine Augen öffneten sich. Sie waren herzlos und kalt, starrten ins Leere, ein Ausdruck, wie Larissa ihn noch nie bei ihm gesehen haben mag. Aber sogleich schloss er sie wieder und leicht schüttelte es ihn, wie einen nassen Hund, der das Wasser aus seinem Fell kriegen will. „Ich bringe ihn weg, in eine Höhle“, sagte er wieder gefasster.
Bereits völlig erschöpft machte er sich auf in diesem geistigen Bild, schleppte den toten Baum fort und warf ihn in eine bodenlose Höhle, die er sorgfältig mit Steinen verschloss.
„So wirfst du die schlechten Erinnerungen hinfort, tief in die Höhle hinein“, sagte Larissa in ruhigem Ton. „So tief, da sie dir niemals wieder etwas anhaben können. So tief, dass es dich auch nicht mehr berühren werde, falls der Baum versuche Ableger zurück zu lassen. Sollen diese versuchen neu zu sprießen, weißt du, dass es dein Wald sey. Und du kannst mit jenen das gleiche machen, wie mit diesem Baum. Du hast die Kraft dazu, du bist stark, du bist geschützt und tief verwurzelt.“
Er nickte fast unmerklich zu ihren Worten.
„Auf dass diese Erinnerungen nie mehr zurück kommen und dich verfolgen können. Du wirst für immer Ruhe vor ihnen haben. Du wirst dich ihrer noch erinnern, doch sie werden dir nie wieder etwas anhaben und Schwierigkeiten machen können.
Als Larissa ihn zurückgeleitete, entdeckte er das Loch im Waldboden. Dort, wo der Baum gestanden hatte, klaffte eine leere Stelle
„Doch sehe ich auch einen neuen Spross“, meinte sie. „Genau an der Stelle, an der der dunkle Baum stand. Der Spross ist grün und hell, freundlich und die Sonne scheint durch die Kronen der anderen Bäume genau auf diesen Spross. Dieser Spross wird zu einem großen, starken Baum heran wachsen. Und er ist ein Teil von dir.
Mit ruhiger Stimme führe Larissa den völlig erschöpften Kanubio zurück auf jene Wiese, wo alles begann:
„Langsam merkst du, dass sich deine Äste wieder zu Armen wandeln, deine Wurzeln zu Beinen und Deine Borke zu Haut. Doch das Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit wird bleiben, denn der Baum bist du. Du bist ein Teil deines Waldes.
Kanubio wollte sich nur noch der Müdigkeit ergeben. Entkräftet blieb er auf dem Fell liegen, bereits in tiefen, traumlosen Schlaf gleitend, während sie leise das Haus verließ.
Zuletzt geändert von Kanubio Bunjam am Samstag 26. Juli 2008, 10:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Kanubio Bunjam
DIE LEHRE DES THRAIL
1. Das Angebot
Es war einer dieser verrückten Tage, an dem Kanubios Gefühle Purzelbäume schlugen und er sich durch und durch glücklich fühlte. Doch er wusste aus Erfahrung, dass dies kein Dauerzustand wäre, sondern genau in diesen Phasen etwas passierte, was ihn in tiefste emotionale Abgründe stürzen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.
Es kam früher als erwartet. Systras seltsame Anspielungen, die ihn völlig verwirrten und das Angebot von ihr und Runa, beim Clan zu bleiben. Die kleine Auflage, er müsse dazu noch Leif fragen, hörte sich in Kanubios Ohren wie eine banale Formalität an, die es für ihn jedoch sicher nicht wäre. Der kalte Guss, den Systra ihm dann noch verpasste, rundete seine Verwirrung ab und er entlockte ihm das Kompliment, welches er ohne dieser nachdrücklichen feuchten Aufforderung niemals einer gesegneten Thyrin zu machen gewagt hätte.
Systra war gegangen und gerade, als Runa und er wieder zur guten Laune zurückkehrten, kam auch sie wieder. Die Schamanin lotste die beiden auf die kleine Insel – dem heiligen Ort der Tiefländer. Kanubio war sich des Vertrauens und der Ehre wohl bewusst und zudem heilfroh, dass ihn das Wolfrudel nicht verriet. Er trottete den beiden Weybern gehorsam hinterher, bis zu dem See, der von sieben Steinen umringt ward.
Zuerst passierte wenig, was Kanubio in Erstaunen versetzte, war er doch vom Nebelwald und seinen Geschöpfen einiges gewohnt. Doch als Systra die widerhakenbesetzte Klinge ihres gezackten Dolches an ihrem Unterarm ansetze und sich damit eine klaffende Wunde ins Fleisch riss, blieb ihm fast das Herz stehen. Da Runa gelassen stehen blieb, hielt auch er sich zurück und griff nicht in das Ritual ein. Keine der beiden Frauen wusste, wie sehr er mit Systra fühlte und wie gut er sie verstand, war sein Herz doch genau so schwer wie ihres. In diesem Moment wünschte er sich, es ihr gleich tun zu können und sich seinen ganzen Schmerz herauszuschneiden, doch war ihm sehr wohl bewusst, dass er daran jämmerlich verblutet wäre.
Runa und Kanubio brachten die völlig in Tränen aufgelöste Systra ans große Feuer, wo sie blieben und trauern wollte – alleine, während Runa Kanubio das Angebot machte, im Fort der Bunjams zu nächtigen. Viele Nächte hatte er in der letzten Zeit in der Nähe des Forts im Hain verbracht, doch diesmal nahm er das Angebot dankend an. Die starken Palisaden würden ihm nun den Schutz geben, den er, aufgewühlt wie er war, nicht missen mochte.
2. Bedenkzeit
Das Tor stand Kanubio offen, er bräuchte nur noch hindurchzuschreiten. Die Erfüllung seines Traums war greifbar nahe. Nur noch einen Schritt bräuchte er zu tun (dachte er zu jenem Zeitpunkt!). Als er alleine im Wald, das große Fort der Bunjams vor sich, darüber nachdachte, befielen ihn Unsicherheit und Zweifel.
War sein Wunsch zu vermessen? Würde Leif es erlauben? Schon einmal hatte er es gewagt zu fragen, ob er bei den Thyren lernen dürfe – vor Falk – und war abgewiesen worden.
Und selbst wenn Leif seine Zustimmung gäbe – würde er ständig und für immer unter ihnen leben müssen? Und wenn ja, würde es ihm gelingen, sich an die alten Traditionen und Regeln der Thyren zu halten, ohne dass er sie überhaupt kannte? Würden ihn alle in ihrem Kreis akzeptieren oder würde Neid und Missgunst bei dem einen oder anderen jungen Krieger aufkeimen? Würden sie darüber hinwegsehen können, das er ein Städter war? Würde er tatsächlich so leben können wie sie, entstammte er doch ganz anderen Verhältnissen und war unter völlig anderen Voraussetzungen aufgewachsen? Was erwartete ihn und was erwartete man von ihm? Würde er die in ihn gesetzten Erwartungen zu ihrer Zufriedenheit erfüllen können? Was würde er dafür aufgeben müssen? Was würde sein Vater dazu sagen?
Und: Würden sie verstehen, dass er mit seinen Gefühlen nicht im Einklang war und ihm geduldig und verständnisvoll dabei helfen, sein inneres Gleichgewicht zu finden?
Nie wieder wollte er vor etwas davonlaufen, hatte er sich geschworen – also würde er es wagen, Leif zu fragen. Nur … dass er ihm dabei einen Faustschlag versetzen sollte, wie es ihm Runa nahe gelegt hatte – mit diesem Gedanken konnte er sich überhaupt nicht anfreunden!
3. Der erste Schritt
Kanubio wagte – innerlich zitternd vor dessen Entscheidung – den Schritt und trat vor Leif. Der Jarl zeigte sich höchst erstaunt, als Kanubio drum bat, dem Weg des Thrail folgen zu wollen.
„Die Lehren meines Volkes sind nur für die bestimmt, die bereit sind, nach ihnen zu leben. Und dies bedeutet, bei meinem Volk zu leben.“ Leif deutete auf das Handgelenk Kanubios, welches vom Armband der Waldgeister umschlossen war. „Das müsstest du aufgeben, da führt kein Weg dran vorbei.“
Kanubio schloss kurz die Augen, ein letztes Mal überlegend und antwortete entschlossen: „Wenn es denn sein muss, dann wird es so sein.“
„Ich sage nicht, dass du deine Freunde vergessen sollst“, betonte Leif. „Jedoch so du dich dafür entscheidest, den Lehren Thrails folgen zu wollen, wirst du meine Farben tragen müssen.“
Kanubio glaubte nicht, was er eben gehört hatte! „Eure Farben?“ fragte er, um ganz sicher zu gehen … und wieso ‚müssen’ - es würde ihm eine Ehre sein! Das war mehr, als er in seinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hatte.
„Zur Probe“, sprach Leif. „Ein – Test. Ein Erster Segen. Du wirst dich beweisen müssen …“
Leif hatte also beschlossen, dem jungen Krieger eine Chance zu geben und schickte ihn fort, auf dass er seine Angelegenheiten regeln solle. Schweren Herzens machte Kanubio sich auf den Weg zurück zum Wegkreuz, wo er sich vorerst in die Wälder zurückzog, um sich zu beruhigen. In jener Zeit mied er den Kontakt zu Menschen so gut es ging. Gedankenschwer genoss er die Einsamkeit, denn auch die würde er wohl in nächster Zeit missen.
Am nächsten Abend begab er sich ins Lager, wo er hoffte, seine Gemeinschaft am Lagerfeuer anzutreffen.
4. Der zweite Schritt
Also trafen sie einander, die Gemeinschaft der Waldgeister, und fast war es wie früher, wäre der Anlass für Kanubio nicht ein so betrüblicher gewesen. Wie betrüblich er werden sollte, wusste Kanubio allerdings noch nicht.
Gerade, als er die Hälfte von dem gesagt hatte, was er sich in den letzten langen Nächten vorgenommen hatte, stieß Systra zu ihnen, was Kanubio schon recht freute, hoffte er doch, sie könne seinen Freunden begreiflich machen, dass er durch seine Lehrzeit nicht gänzlich von ihnen getrennt wäre.
Kurz darauf stellte sich Edraith am Lager ein. Während Kanubio freundlich versuchte, diesem begreiflich zu machen, dass der Zeitpunkt für einen Besuch höchst ungünstig gewählt wäre, hatte Nadua das ausgesprochen, was sie sich vorgenommen hatte: Sie würde in absehbarer Zeit das Land verlassen.
Kanubio überraschte diese weitere schlechte Botschaft zwar, doch akzeptierte er Naduas Entschluss. Sio hingegen war völlig aus dem Häuschen. Für sie brach eine Welt zusammen.
Das Lager leerte sich. Zurück am Feuer blieben Kanubio und Systra, allerdings nicht mehr lange. Systra wollte heim und Kanubio nicht alleine bleiben, also trafen sie einander im Fort. Auch Trystjarn und Agnaar waren zugegen. Sie beschlossen zu trainieren. Wie eine Erlösung empfand es Kanubio, als Holz auf Holz prallte und er sich nach langer Zeit wieder einmal so richtig austoben und verausgaben konnte. Als Systra das erste Mal zum Essen rief, überhörten es die Männer beflissentlich, wie kleine Kinder, die sich nicht aus ihrem Spiel reißen lassen wollten. Erst als Systra persönlich die Kampflustigen zu Tisch mahnte, legten sie ihr Spielzeug beiseite.
Als sie nach dem Mahl in der Halle beisammen saßen, nahm Systra ihre Laute zur Hand, spielte und sang ein Lied über Wölfe, so schön, wie es Kanubio noch nie gehört hatte. Er musste an Sio denken. Ob es ihr auch gefallen hätte?
Ein schweißtreibender Kampf, gutes Essen, betörende Getränke, faszinierende Musik, der Schutz eines mächtigen Forts und in der Gesellschaft von Freunden. Eigentlich hätte Kanubio das glücklichste Wesen der Welt sein müssen, doch das war er nicht. Die Ungewissheit über seine Zukunft machte ihm Angst und bedrückte ihn.
Während Systra draußen mit den Wölfen heulte und Trystjarn sich zu ihr gesellte, überlegte Kanubio, ob es rechtes wäre, Systra den Schellenkranz zu schenken, den er ihr geschnitzt hatte, als sie so traurig war. Er traute sich nicht, war er doch im Zweifel, wie Trystjarn dies aufnehme und interpretieren würde. Als die beiden zurückkamen, tastete er sich vorsichtig mit möglichst unverfänglichen Fragen an sein Problem heran.
„Ein Geschenk von Herzen, egal ob als Freund oder Verehrer, zeugt von Zusammenhalt und Fürsorge. Es ist wichtig, dass man einander zeigt, was man dem anderen bedeutet“, lernte er an jenem Abend
Also traute er sich, ihr das Geschenk zu geben und mit einem Kuss als Dank hatte er schon gar nicht gerechnet.
„Sey einfach du selbst“, riet ihm Trystjarn, bevor sie zur Ruhe gingen. Doch es war gar nicht so einfach für Kanubio, er selbst zu sein, selbst wenn es ihm erlaubt wurde.
5. Verlierer für immer?
Kanubio war wütend, als er am Morgen danach die Bruchstücke seines Ringes vom Boden der Bunjamschen Halle auflas. Nicht, weil dieser Ring - ein Andenken an seine frühere Heimat - zerstört war, sondern wegen der Ereignisse des letzten Abends, die er nun, seine Wut darüber an den Steinbrocken in der Mine auslassend, rekapitulierte:
Zuerst hatte er die Farben der Waldgeister abgelegt. Der Abschied von den Seinigen war kurz, denn es sollte ja kein endgültiger sein. In seinem Herzen würde er immer ein Teil der Geister bleiben. Kanubio begab sich darauf hin gleich zum Fort der Bunjams, doch Leif war unterwegs, dafür waren zu später Stunde noch Systra und Trystjarn munter. Gemeinsam mit ihr und Finnleik sang Trystjarn mit basslastiger melancholisch gehaltener Stimme die Ballade von Lazemare, eine Erzählung der alten Skalden, die Kanubio sehr nahe ging.
Als Skallagrim zu ihnen stieß, war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Er, der Kanubio überhaupt nicht kannte und rein gar nichts von ihm wusste, hatte, wie er es auch offen zugab, vor, im Rat, der über Kanubios Aufnahme zum Welpen entscheiden würde, sein vorgefasstes vernichtendes Urteil zu fällen. Zornig drosch Kanubio noch heftiger auf die Steinbrocken ein, das Pochen in seinem verletzten Ringfinger ignorierend. Wenn Skallagrim im Thing mit Ney stimmte, war alles vorbei.
Zwar hatte ihm der hohe Clanskrieger einige Fragen gestellt, doch hatte Kanubio absolut nicht das Gefühl, diese zu seiner Zufriedenheit beantwortet zu haben. Worte! Wie immer, wenn es um etwas ging, hatte er nicht die richtigen gefunden. Warum waren immer alle so versessen auf wohlformulierte Phrasen, die in schönster Manier jeden über wahre Absichten hinwegtäuschen konnten? Auch widerstrebte es ihm, Skallagrim eine zu verpassen, als dieser Kanubio reizte, ihn beleidigte. Erst im zweiten Anlauf schaffte Kanubio es, Skallagrims wohldosierten Magenschlag zu erwidern, allerdings hatte er, zornig und unsicher das Richtige zu tun, in seinem emotionalen Konglomerat nicht beachtet, worauf er einschlug. Sein Ring, der den Aufprall seiner Faust auf der thyrischen Brustplatte zwar abschwächte und dabei zerbarst, riss ihm den Finger auf und sogleich lernte Kanubio durch doppelt schmerzhafte Erfahrung:
„Sieh dir stets genau an, wie dein Gegenüber gewandet und gerüstet ist – und besonders, wenn sich auch nur im Entferntesten die Notwendigkeit ergeben könnte, zuschlagen zu müssen.“
Seufzend nahm Kanubio dies zur Kenntnis. Es war völlig neu für ihn, unter Freunden auf derlei Dinge achten zu müssen.
Für Kanubio, dem nicht bekannt war, wann sich der Rat zum Beschluss zusammenfinden würde, hieß es nun abzuwarten, wobei sich diesbezüglich in Geduld zu üben ebenfalls nicht zu seinen Stärken gehörte. Wenig zuversichtlich nach der pauschalierenden Ansicht Skallagrims über Städter hackte er sich die Stollenwände entlang, sich fragend, ob er sein ganzes Leben dazu verdammt wäre, stets den Kürzeren zu ziehen und von jenen, die es angeblich gut mit ihm meinten, mit schönen Worten umgarnt und abgespeist zu werden.
Schon früher, als er noch zur See fuhr, hatten ihn die Bootsleute belächelt und ihm glatt ins Gesicht gesagt, dass der Rang eines Vollmatrosen das Höchste wäre, was für ihn in Frage käme. Nachdem er an Land geblieben war, hatte niemand seine Bereitschaft und seinen Willen etwas lernen zu wollen, ernst genommen. In der Gemeinschaft der Waldgeister hatte man ihn anfangs lange Holz anschleppen lasen, während die anderen Welpen mit heiklen Aufträgen betraut wurden und später, als er die Welpen ausbildete, hatten sie seine warnenden Worte frühestens dann ernst genommen, wenn es zu spät war.
Und nun sollte er wieder im voraus zum Versager gebrandmarkt werden, ohne eine Möglichkeit zu bekommen, sich zu beweisen? Seine Wut machte einer stillen Verzweiflung Platz, der er sich resignierend und im Gefühl der Machtlosigkeit daran etwas ändern zu können, still ergab. All seine Hoffnungen waren seit dem gestrigen Abend zunichte gemacht.
Unbewusst schweiften Kanubios Gedanken in eine ungewisse Zukunft. Es krampfte ihn innerlich zusammen, wenn er daran dachte, wie vernichtend ihn die Schmach treffen würde, wenn das Urteil des Thing abschlägig ausfallen würde. Weder den Thyren noch den Seinigen würde er mit dieser Schande fortan unter die Augen treten können. Was würde ihm dann anderes bleiben, als sich im Wald zu verkriechen … oder das Land zu verlassen …?
6. Sein schönster Tag
Es wäre nicht Kanubio, hätten ihm wieder einmal die Worte gefehlt, als ihm Leif den Ring, die Farben und den Schlüssel zum großen Tor des Forts anbot. Verwirrt erkundigte er sich, nach dem Entscheid des Things. „Du kennst meine Worte vom letzten mal“, meinte Leif. „Kanubio, du wirst bleiben wenn du es willst zum lernen. Jedoch musst du alle anwesenden im Clan von dir überzeugen. Dann in drei Mondläufen wird ein Thing abgehalten und darüber urteilen, ob du zu uns passt.“
So war es vom Jarl beschlossen.
Trystjarn gratulierte ihm – und wie könnte es wohl anders sein bei Kanubios Glück? – mit einem Schlag in den Magen. Manchmal meint es das Schicksal aber auch freundlich mit Kanubio: Trystjarn tat es in Vertretung aller, denn sonst wäre Kanubio wohl kaum mehr fähig gewesen, mit auf die gemeinsame Jagd zu kommen. Mit donnernden Hufen preschten sie auf den kräftigen Pferden im Rudel über das Land, kämpften Seite an Seite, um sich dann hungrig und in bester Stimmung ins Fort zu begeben.
Alsbald füllte sich die Halle mehr und mehr. Obwohl Kanubio nicht alles verstand, was gesprochen wurde – verfielen sie doch immer wieder in ihre Sprache -, erfüllte ihn all das mit Stolz, einem Stolz der ehrlich und frei aus seinem tiefsten Inneren entsprang und seine Augen immer wieder zum Leuchten brachte.
Zu späterer Stunde läutete es am Tor. Ein Fremder bat vorgelassen zu werden. Ein … wie war doch sein Name? Kanubio hatte ihn schnell wieder vergessen, nachdem der Mann gegangen war, doch sollte Kanubio sich ihm vorstellen, was dieser lediglich mit seinem Vor- und Zunamen tat. Später sagte Trystjarn zu ihm: „Wenn du dey jemand vorstellst, machs wie eyn Thyre es tun würde. Also: ‚Kanubio, Sohn des Tithus, Kind und anjehendet Schwert der Bunjam’.“
Abermals erfüllte es Kanubio mit Stolz und Stolz war er auf jeden Teil dieses Namens: auf den Clan, auf seinen Vater und auf sich selbst.
Als auch noch Runfastr die Halle betrat, war Kanubio hoch erfreut, hatte der ihm doch vor knapp einem Monatslauf vor dem Kerker Rahals bewahrt. Dies wurde auch ausgiebig gewürdigt und mit Met begossen.
Es wurde ein sehr langer Abend, während dem Kanubio alles um sich herum immer vertrauter wurde – oder waren es schon die Auswirkungen des Mets, der reichlich geflossen war? Das glückliche Lächeln wollte nicht mehr von seinen Lippen weichen und blieb selbst dann noch in seinen Zügen, als Kanubio erschöpft in die Felle sank.
Mit einem warmen, angenehmen Gefühl in seinem Inneren schloss er die Augen, in dem Bewusstsein, dass dieser Tag der schönste in seinem ganzen bisherigen Leben war, doch auch, dass dies erst der Beginn einer harten Zeit wäre, in der er jeden Tag dem Thing und den Mitgliedern des Clans beweisen musste, dass er ihrer Farben und ihres Vertrauens würdig wäre.
1. Das Angebot
Es war einer dieser verrückten Tage, an dem Kanubios Gefühle Purzelbäume schlugen und er sich durch und durch glücklich fühlte. Doch er wusste aus Erfahrung, dass dies kein Dauerzustand wäre, sondern genau in diesen Phasen etwas passierte, was ihn in tiefste emotionale Abgründe stürzen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.
Es kam früher als erwartet. Systras seltsame Anspielungen, die ihn völlig verwirrten und das Angebot von ihr und Runa, beim Clan zu bleiben. Die kleine Auflage, er müsse dazu noch Leif fragen, hörte sich in Kanubios Ohren wie eine banale Formalität an, die es für ihn jedoch sicher nicht wäre. Der kalte Guss, den Systra ihm dann noch verpasste, rundete seine Verwirrung ab und er entlockte ihm das Kompliment, welches er ohne dieser nachdrücklichen feuchten Aufforderung niemals einer gesegneten Thyrin zu machen gewagt hätte.
Systra war gegangen und gerade, als Runa und er wieder zur guten Laune zurückkehrten, kam auch sie wieder. Die Schamanin lotste die beiden auf die kleine Insel – dem heiligen Ort der Tiefländer. Kanubio war sich des Vertrauens und der Ehre wohl bewusst und zudem heilfroh, dass ihn das Wolfrudel nicht verriet. Er trottete den beiden Weybern gehorsam hinterher, bis zu dem See, der von sieben Steinen umringt ward.
Zuerst passierte wenig, was Kanubio in Erstaunen versetzte, war er doch vom Nebelwald und seinen Geschöpfen einiges gewohnt. Doch als Systra die widerhakenbesetzte Klinge ihres gezackten Dolches an ihrem Unterarm ansetze und sich damit eine klaffende Wunde ins Fleisch riss, blieb ihm fast das Herz stehen. Da Runa gelassen stehen blieb, hielt auch er sich zurück und griff nicht in das Ritual ein. Keine der beiden Frauen wusste, wie sehr er mit Systra fühlte und wie gut er sie verstand, war sein Herz doch genau so schwer wie ihres. In diesem Moment wünschte er sich, es ihr gleich tun zu können und sich seinen ganzen Schmerz herauszuschneiden, doch war ihm sehr wohl bewusst, dass er daran jämmerlich verblutet wäre.
Runa und Kanubio brachten die völlig in Tränen aufgelöste Systra ans große Feuer, wo sie blieben und trauern wollte – alleine, während Runa Kanubio das Angebot machte, im Fort der Bunjams zu nächtigen. Viele Nächte hatte er in der letzten Zeit in der Nähe des Forts im Hain verbracht, doch diesmal nahm er das Angebot dankend an. Die starken Palisaden würden ihm nun den Schutz geben, den er, aufgewühlt wie er war, nicht missen mochte.
2. Bedenkzeit
Das Tor stand Kanubio offen, er bräuchte nur noch hindurchzuschreiten. Die Erfüllung seines Traums war greifbar nahe. Nur noch einen Schritt bräuchte er zu tun (dachte er zu jenem Zeitpunkt!). Als er alleine im Wald, das große Fort der Bunjams vor sich, darüber nachdachte, befielen ihn Unsicherheit und Zweifel.
War sein Wunsch zu vermessen? Würde Leif es erlauben? Schon einmal hatte er es gewagt zu fragen, ob er bei den Thyren lernen dürfe – vor Falk – und war abgewiesen worden.
Und selbst wenn Leif seine Zustimmung gäbe – würde er ständig und für immer unter ihnen leben müssen? Und wenn ja, würde es ihm gelingen, sich an die alten Traditionen und Regeln der Thyren zu halten, ohne dass er sie überhaupt kannte? Würden ihn alle in ihrem Kreis akzeptieren oder würde Neid und Missgunst bei dem einen oder anderen jungen Krieger aufkeimen? Würden sie darüber hinwegsehen können, das er ein Städter war? Würde er tatsächlich so leben können wie sie, entstammte er doch ganz anderen Verhältnissen und war unter völlig anderen Voraussetzungen aufgewachsen? Was erwartete ihn und was erwartete man von ihm? Würde er die in ihn gesetzten Erwartungen zu ihrer Zufriedenheit erfüllen können? Was würde er dafür aufgeben müssen? Was würde sein Vater dazu sagen?
Und: Würden sie verstehen, dass er mit seinen Gefühlen nicht im Einklang war und ihm geduldig und verständnisvoll dabei helfen, sein inneres Gleichgewicht zu finden?
Nie wieder wollte er vor etwas davonlaufen, hatte er sich geschworen – also würde er es wagen, Leif zu fragen. Nur … dass er ihm dabei einen Faustschlag versetzen sollte, wie es ihm Runa nahe gelegt hatte – mit diesem Gedanken konnte er sich überhaupt nicht anfreunden!
3. Der erste Schritt
Kanubio wagte – innerlich zitternd vor dessen Entscheidung – den Schritt und trat vor Leif. Der Jarl zeigte sich höchst erstaunt, als Kanubio drum bat, dem Weg des Thrail folgen zu wollen.
„Die Lehren meines Volkes sind nur für die bestimmt, die bereit sind, nach ihnen zu leben. Und dies bedeutet, bei meinem Volk zu leben.“ Leif deutete auf das Handgelenk Kanubios, welches vom Armband der Waldgeister umschlossen war. „Das müsstest du aufgeben, da führt kein Weg dran vorbei.“
Kanubio schloss kurz die Augen, ein letztes Mal überlegend und antwortete entschlossen: „Wenn es denn sein muss, dann wird es so sein.“
„Ich sage nicht, dass du deine Freunde vergessen sollst“, betonte Leif. „Jedoch so du dich dafür entscheidest, den Lehren Thrails folgen zu wollen, wirst du meine Farben tragen müssen.“
Kanubio glaubte nicht, was er eben gehört hatte! „Eure Farben?“ fragte er, um ganz sicher zu gehen … und wieso ‚müssen’ - es würde ihm eine Ehre sein! Das war mehr, als er in seinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hatte.
„Zur Probe“, sprach Leif. „Ein – Test. Ein Erster Segen. Du wirst dich beweisen müssen …“
Leif hatte also beschlossen, dem jungen Krieger eine Chance zu geben und schickte ihn fort, auf dass er seine Angelegenheiten regeln solle. Schweren Herzens machte Kanubio sich auf den Weg zurück zum Wegkreuz, wo er sich vorerst in die Wälder zurückzog, um sich zu beruhigen. In jener Zeit mied er den Kontakt zu Menschen so gut es ging. Gedankenschwer genoss er die Einsamkeit, denn auch die würde er wohl in nächster Zeit missen.
Am nächsten Abend begab er sich ins Lager, wo er hoffte, seine Gemeinschaft am Lagerfeuer anzutreffen.
4. Der zweite Schritt
Also trafen sie einander, die Gemeinschaft der Waldgeister, und fast war es wie früher, wäre der Anlass für Kanubio nicht ein so betrüblicher gewesen. Wie betrüblich er werden sollte, wusste Kanubio allerdings noch nicht.
Gerade, als er die Hälfte von dem gesagt hatte, was er sich in den letzten langen Nächten vorgenommen hatte, stieß Systra zu ihnen, was Kanubio schon recht freute, hoffte er doch, sie könne seinen Freunden begreiflich machen, dass er durch seine Lehrzeit nicht gänzlich von ihnen getrennt wäre.
Kurz darauf stellte sich Edraith am Lager ein. Während Kanubio freundlich versuchte, diesem begreiflich zu machen, dass der Zeitpunkt für einen Besuch höchst ungünstig gewählt wäre, hatte Nadua das ausgesprochen, was sie sich vorgenommen hatte: Sie würde in absehbarer Zeit das Land verlassen.
Kanubio überraschte diese weitere schlechte Botschaft zwar, doch akzeptierte er Naduas Entschluss. Sio hingegen war völlig aus dem Häuschen. Für sie brach eine Welt zusammen.
Das Lager leerte sich. Zurück am Feuer blieben Kanubio und Systra, allerdings nicht mehr lange. Systra wollte heim und Kanubio nicht alleine bleiben, also trafen sie einander im Fort. Auch Trystjarn und Agnaar waren zugegen. Sie beschlossen zu trainieren. Wie eine Erlösung empfand es Kanubio, als Holz auf Holz prallte und er sich nach langer Zeit wieder einmal so richtig austoben und verausgaben konnte. Als Systra das erste Mal zum Essen rief, überhörten es die Männer beflissentlich, wie kleine Kinder, die sich nicht aus ihrem Spiel reißen lassen wollten. Erst als Systra persönlich die Kampflustigen zu Tisch mahnte, legten sie ihr Spielzeug beiseite.
Als sie nach dem Mahl in der Halle beisammen saßen, nahm Systra ihre Laute zur Hand, spielte und sang ein Lied über Wölfe, so schön, wie es Kanubio noch nie gehört hatte. Er musste an Sio denken. Ob es ihr auch gefallen hätte?
Ein schweißtreibender Kampf, gutes Essen, betörende Getränke, faszinierende Musik, der Schutz eines mächtigen Forts und in der Gesellschaft von Freunden. Eigentlich hätte Kanubio das glücklichste Wesen der Welt sein müssen, doch das war er nicht. Die Ungewissheit über seine Zukunft machte ihm Angst und bedrückte ihn.
Während Systra draußen mit den Wölfen heulte und Trystjarn sich zu ihr gesellte, überlegte Kanubio, ob es rechtes wäre, Systra den Schellenkranz zu schenken, den er ihr geschnitzt hatte, als sie so traurig war. Er traute sich nicht, war er doch im Zweifel, wie Trystjarn dies aufnehme und interpretieren würde. Als die beiden zurückkamen, tastete er sich vorsichtig mit möglichst unverfänglichen Fragen an sein Problem heran.
„Ein Geschenk von Herzen, egal ob als Freund oder Verehrer, zeugt von Zusammenhalt und Fürsorge. Es ist wichtig, dass man einander zeigt, was man dem anderen bedeutet“, lernte er an jenem Abend
Also traute er sich, ihr das Geschenk zu geben und mit einem Kuss als Dank hatte er schon gar nicht gerechnet.
„Sey einfach du selbst“, riet ihm Trystjarn, bevor sie zur Ruhe gingen. Doch es war gar nicht so einfach für Kanubio, er selbst zu sein, selbst wenn es ihm erlaubt wurde.
5. Verlierer für immer?
Kanubio war wütend, als er am Morgen danach die Bruchstücke seines Ringes vom Boden der Bunjamschen Halle auflas. Nicht, weil dieser Ring - ein Andenken an seine frühere Heimat - zerstört war, sondern wegen der Ereignisse des letzten Abends, die er nun, seine Wut darüber an den Steinbrocken in der Mine auslassend, rekapitulierte:
Zuerst hatte er die Farben der Waldgeister abgelegt. Der Abschied von den Seinigen war kurz, denn es sollte ja kein endgültiger sein. In seinem Herzen würde er immer ein Teil der Geister bleiben. Kanubio begab sich darauf hin gleich zum Fort der Bunjams, doch Leif war unterwegs, dafür waren zu später Stunde noch Systra und Trystjarn munter. Gemeinsam mit ihr und Finnleik sang Trystjarn mit basslastiger melancholisch gehaltener Stimme die Ballade von Lazemare, eine Erzählung der alten Skalden, die Kanubio sehr nahe ging.
Als Skallagrim zu ihnen stieß, war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Er, der Kanubio überhaupt nicht kannte und rein gar nichts von ihm wusste, hatte, wie er es auch offen zugab, vor, im Rat, der über Kanubios Aufnahme zum Welpen entscheiden würde, sein vorgefasstes vernichtendes Urteil zu fällen. Zornig drosch Kanubio noch heftiger auf die Steinbrocken ein, das Pochen in seinem verletzten Ringfinger ignorierend. Wenn Skallagrim im Thing mit Ney stimmte, war alles vorbei.
Zwar hatte ihm der hohe Clanskrieger einige Fragen gestellt, doch hatte Kanubio absolut nicht das Gefühl, diese zu seiner Zufriedenheit beantwortet zu haben. Worte! Wie immer, wenn es um etwas ging, hatte er nicht die richtigen gefunden. Warum waren immer alle so versessen auf wohlformulierte Phrasen, die in schönster Manier jeden über wahre Absichten hinwegtäuschen konnten? Auch widerstrebte es ihm, Skallagrim eine zu verpassen, als dieser Kanubio reizte, ihn beleidigte. Erst im zweiten Anlauf schaffte Kanubio es, Skallagrims wohldosierten Magenschlag zu erwidern, allerdings hatte er, zornig und unsicher das Richtige zu tun, in seinem emotionalen Konglomerat nicht beachtet, worauf er einschlug. Sein Ring, der den Aufprall seiner Faust auf der thyrischen Brustplatte zwar abschwächte und dabei zerbarst, riss ihm den Finger auf und sogleich lernte Kanubio durch doppelt schmerzhafte Erfahrung:
„Sieh dir stets genau an, wie dein Gegenüber gewandet und gerüstet ist – und besonders, wenn sich auch nur im Entferntesten die Notwendigkeit ergeben könnte, zuschlagen zu müssen.“
Seufzend nahm Kanubio dies zur Kenntnis. Es war völlig neu für ihn, unter Freunden auf derlei Dinge achten zu müssen.
Für Kanubio, dem nicht bekannt war, wann sich der Rat zum Beschluss zusammenfinden würde, hieß es nun abzuwarten, wobei sich diesbezüglich in Geduld zu üben ebenfalls nicht zu seinen Stärken gehörte. Wenig zuversichtlich nach der pauschalierenden Ansicht Skallagrims über Städter hackte er sich die Stollenwände entlang, sich fragend, ob er sein ganzes Leben dazu verdammt wäre, stets den Kürzeren zu ziehen und von jenen, die es angeblich gut mit ihm meinten, mit schönen Worten umgarnt und abgespeist zu werden.
Schon früher, als er noch zur See fuhr, hatten ihn die Bootsleute belächelt und ihm glatt ins Gesicht gesagt, dass der Rang eines Vollmatrosen das Höchste wäre, was für ihn in Frage käme. Nachdem er an Land geblieben war, hatte niemand seine Bereitschaft und seinen Willen etwas lernen zu wollen, ernst genommen. In der Gemeinschaft der Waldgeister hatte man ihn anfangs lange Holz anschleppen lasen, während die anderen Welpen mit heiklen Aufträgen betraut wurden und später, als er die Welpen ausbildete, hatten sie seine warnenden Worte frühestens dann ernst genommen, wenn es zu spät war.
Und nun sollte er wieder im voraus zum Versager gebrandmarkt werden, ohne eine Möglichkeit zu bekommen, sich zu beweisen? Seine Wut machte einer stillen Verzweiflung Platz, der er sich resignierend und im Gefühl der Machtlosigkeit daran etwas ändern zu können, still ergab. All seine Hoffnungen waren seit dem gestrigen Abend zunichte gemacht.
Unbewusst schweiften Kanubios Gedanken in eine ungewisse Zukunft. Es krampfte ihn innerlich zusammen, wenn er daran dachte, wie vernichtend ihn die Schmach treffen würde, wenn das Urteil des Thing abschlägig ausfallen würde. Weder den Thyren noch den Seinigen würde er mit dieser Schande fortan unter die Augen treten können. Was würde ihm dann anderes bleiben, als sich im Wald zu verkriechen … oder das Land zu verlassen …?
6. Sein schönster Tag
Es wäre nicht Kanubio, hätten ihm wieder einmal die Worte gefehlt, als ihm Leif den Ring, die Farben und den Schlüssel zum großen Tor des Forts anbot. Verwirrt erkundigte er sich, nach dem Entscheid des Things. „Du kennst meine Worte vom letzten mal“, meinte Leif. „Kanubio, du wirst bleiben wenn du es willst zum lernen. Jedoch musst du alle anwesenden im Clan von dir überzeugen. Dann in drei Mondläufen wird ein Thing abgehalten und darüber urteilen, ob du zu uns passt.“
So war es vom Jarl beschlossen.
Trystjarn gratulierte ihm – und wie könnte es wohl anders sein bei Kanubios Glück? – mit einem Schlag in den Magen. Manchmal meint es das Schicksal aber auch freundlich mit Kanubio: Trystjarn tat es in Vertretung aller, denn sonst wäre Kanubio wohl kaum mehr fähig gewesen, mit auf die gemeinsame Jagd zu kommen. Mit donnernden Hufen preschten sie auf den kräftigen Pferden im Rudel über das Land, kämpften Seite an Seite, um sich dann hungrig und in bester Stimmung ins Fort zu begeben.
Alsbald füllte sich die Halle mehr und mehr. Obwohl Kanubio nicht alles verstand, was gesprochen wurde – verfielen sie doch immer wieder in ihre Sprache -, erfüllte ihn all das mit Stolz, einem Stolz der ehrlich und frei aus seinem tiefsten Inneren entsprang und seine Augen immer wieder zum Leuchten brachte.
Zu späterer Stunde läutete es am Tor. Ein Fremder bat vorgelassen zu werden. Ein … wie war doch sein Name? Kanubio hatte ihn schnell wieder vergessen, nachdem der Mann gegangen war, doch sollte Kanubio sich ihm vorstellen, was dieser lediglich mit seinem Vor- und Zunamen tat. Später sagte Trystjarn zu ihm: „Wenn du dey jemand vorstellst, machs wie eyn Thyre es tun würde. Also: ‚Kanubio, Sohn des Tithus, Kind und anjehendet Schwert der Bunjam’.“
Abermals erfüllte es Kanubio mit Stolz und Stolz war er auf jeden Teil dieses Namens: auf den Clan, auf seinen Vater und auf sich selbst.
Als auch noch Runfastr die Halle betrat, war Kanubio hoch erfreut, hatte der ihm doch vor knapp einem Monatslauf vor dem Kerker Rahals bewahrt. Dies wurde auch ausgiebig gewürdigt und mit Met begossen.
Es wurde ein sehr langer Abend, während dem Kanubio alles um sich herum immer vertrauter wurde – oder waren es schon die Auswirkungen des Mets, der reichlich geflossen war? Das glückliche Lächeln wollte nicht mehr von seinen Lippen weichen und blieb selbst dann noch in seinen Zügen, als Kanubio erschöpft in die Felle sank.
Mit einem warmen, angenehmen Gefühl in seinem Inneren schloss er die Augen, in dem Bewusstsein, dass dieser Tag der schönste in seinem ganzen bisherigen Leben war, doch auch, dass dies erst der Beginn einer harten Zeit wäre, in der er jeden Tag dem Thing und den Mitgliedern des Clans beweisen musste, dass er ihrer Farben und ihres Vertrauens würdig wäre.
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Kanubio Bunjam
UNTER THYREN
Die ersten Tage
Wie Jahresläufe schien es ihm, dass er im Clan der Bunjams lebte, und doch waren es nur wenige Tage. Es waren Tage voller Aktivitäten. Sie trainierten im Fort und kämpften gemeinsam in den Höhlen. Systra, Trystjarn, Skallagrim und Leif, ja sogar Auri befüllten sein Hirn mit Worten, Erzählungen und Erklärungen, die er aufsaugte wie ein Schwamm, versuchend, sich alles und jedes zu merken, und jede ihm übertragene Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Er war sich von Anfang an bewusst, dass es nicht leicht sein würde und dass viel von ihm erwartet wurde, mehr noch, als von jedem anderen aus ihren Reihen. Doch das erste Mal hatte er das Gefühl sich in einer Gemeinschaft zu befinden, der seine Wünsche und Ziele – und auch er selbst – nicht egal waren, die an ihn glaubte, die ihn bis über seine Grenzen hinaus forderte und die in ihm etwas Wertvolles sah. Sie lachten und scherzten miteinander. Endlich durfte – ja sollte er sogar – seine Stimme erheben; er sollte nicht alles hinnehmen, sondern sich wehren, wenn ihm etwas nicht passte. Er wurde von den Weybern umsorgt, bekocht und seine Wäsche gewaschen – etwas woran sich zu gewöhnen ihm besonders schwer fiel, hatte er bislang dabei sein Lebtag doch stets selbst Hand angelegt.
Er fühlte sich wohl und war trotz aller zermürbenden Anstrengungen glücklich wie noch nie zuvor.
Doch wie immer, wenn er glaubte, sein Glück gefunden zu haben, hielt das Schicksal seinen nächsten Faustschlag für ihn bereit und diesmal traf es ihn mit aller Wucht am Kinn.
Bereits seit Tagen hatten Trystjarn und Kanubio aufeinander hingeschnappt, was ihm anfangs sogar Spaß machte. Doch als Trysts Provokationen immer verletzender wurden und sich Kanubio nicht mehr mit Worten zu helfen wusste, kam es zum Kampf, der im Chaos eines zertrümmerten Stalls, mit zwei unterschiedlich, aber schwer lädierten Streithähnen und einer völlig verausgabten und stinkwütenden Systra endete. Alles wäre nicht so schlimm gewesen, hätte Trystjarn das Urteil der Geyster als Schlussstrich akzeptiert. Doch er provozierte weiter, verbiss sich zielsicher in jede kleinste Schwäche Kanubios und reizte ihn, bis dieser sich im Zorn nicht mehr zurückhalten konnte und in all seiner Verzweiflung abermals zuschlug.
Trystjarn verließ das Fort und trotzig schwieg er jedem des Clans gegenüber – nur seinem Jarl stand er Rede und Antwort. Als Kanubio hörte, dass Trystjarn ihn nicht mehr unterrichten wolle, erlosch der letzte Funken Hoffnung in ihm.
Kanubio wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es war, Welpen auszubilden und ebenso, dass man daran verzweifeln konnte. Doch indem Trystjarn Kanubios Ausbildung abgelehnt hatte, hatte er denselben Fehler wie Kanubio gemacht, wegen dem der ganze Streit überhaupt entstanden war: Beide waren sie vor etwas davongelaufen.
Leif würde sich also um Trystjarn kümmern und Skallagrim sollte sich fortan der Ausbildung Kanubios annehmen und Systra und Auri sollten sich um seine sprachlichen Fortschritte kümmern. Doch sollten die beiden Kontrahenten zuerst einmal Gelegenheit bekommen, die erhitzten Gemüter zu beruhigen.
Kanubio zog sich in die Mine zurück. Dort fand er die Dunkelheit schweigend und vergrub sich mit der Picke nicht nur im erzdurchzogenen Gestein, sondern auch mit seinen Gedanken in heftige Grübeleien. Ihm wurde klar, dass die Thyren keine Ahnung hatten, wie frustrierend es tatsächlich war, unter Städtern leben zu müssen. Er fand genügend Zeit, genauer über ihre Worte nachzudenken, entdeckte Widersprüche und Ungereimtheiten. Doch wollte er nicht vorschnell urteilen. Er würde versuchen, die Dinge zu klären und wollte keinesfalls aufgeben.
Sicher war jedoch, dass jenes herrliche Gefühl von Glück und Freundschaft, das er in jenen Tagen empfunden hatte, zerstört war. Die Einsamkeit hatte sich wieder in ihm ausgebreitet. Doch diesmal war ihm der Geyst des Berges näher.
Die ersten Tage
Wie Jahresläufe schien es ihm, dass er im Clan der Bunjams lebte, und doch waren es nur wenige Tage. Es waren Tage voller Aktivitäten. Sie trainierten im Fort und kämpften gemeinsam in den Höhlen. Systra, Trystjarn, Skallagrim und Leif, ja sogar Auri befüllten sein Hirn mit Worten, Erzählungen und Erklärungen, die er aufsaugte wie ein Schwamm, versuchend, sich alles und jedes zu merken, und jede ihm übertragene Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Er war sich von Anfang an bewusst, dass es nicht leicht sein würde und dass viel von ihm erwartet wurde, mehr noch, als von jedem anderen aus ihren Reihen. Doch das erste Mal hatte er das Gefühl sich in einer Gemeinschaft zu befinden, der seine Wünsche und Ziele – und auch er selbst – nicht egal waren, die an ihn glaubte, die ihn bis über seine Grenzen hinaus forderte und die in ihm etwas Wertvolles sah. Sie lachten und scherzten miteinander. Endlich durfte – ja sollte er sogar – seine Stimme erheben; er sollte nicht alles hinnehmen, sondern sich wehren, wenn ihm etwas nicht passte. Er wurde von den Weybern umsorgt, bekocht und seine Wäsche gewaschen – etwas woran sich zu gewöhnen ihm besonders schwer fiel, hatte er bislang dabei sein Lebtag doch stets selbst Hand angelegt.
Er fühlte sich wohl und war trotz aller zermürbenden Anstrengungen glücklich wie noch nie zuvor.
Doch wie immer, wenn er glaubte, sein Glück gefunden zu haben, hielt das Schicksal seinen nächsten Faustschlag für ihn bereit und diesmal traf es ihn mit aller Wucht am Kinn.
Bereits seit Tagen hatten Trystjarn und Kanubio aufeinander hingeschnappt, was ihm anfangs sogar Spaß machte. Doch als Trysts Provokationen immer verletzender wurden und sich Kanubio nicht mehr mit Worten zu helfen wusste, kam es zum Kampf, der im Chaos eines zertrümmerten Stalls, mit zwei unterschiedlich, aber schwer lädierten Streithähnen und einer völlig verausgabten und stinkwütenden Systra endete. Alles wäre nicht so schlimm gewesen, hätte Trystjarn das Urteil der Geyster als Schlussstrich akzeptiert. Doch er provozierte weiter, verbiss sich zielsicher in jede kleinste Schwäche Kanubios und reizte ihn, bis dieser sich im Zorn nicht mehr zurückhalten konnte und in all seiner Verzweiflung abermals zuschlug.
Trystjarn verließ das Fort und trotzig schwieg er jedem des Clans gegenüber – nur seinem Jarl stand er Rede und Antwort. Als Kanubio hörte, dass Trystjarn ihn nicht mehr unterrichten wolle, erlosch der letzte Funken Hoffnung in ihm.
Kanubio wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es war, Welpen auszubilden und ebenso, dass man daran verzweifeln konnte. Doch indem Trystjarn Kanubios Ausbildung abgelehnt hatte, hatte er denselben Fehler wie Kanubio gemacht, wegen dem der ganze Streit überhaupt entstanden war: Beide waren sie vor etwas davongelaufen.
Leif würde sich also um Trystjarn kümmern und Skallagrim sollte sich fortan der Ausbildung Kanubios annehmen und Systra und Auri sollten sich um seine sprachlichen Fortschritte kümmern. Doch sollten die beiden Kontrahenten zuerst einmal Gelegenheit bekommen, die erhitzten Gemüter zu beruhigen.
Kanubio zog sich in die Mine zurück. Dort fand er die Dunkelheit schweigend und vergrub sich mit der Picke nicht nur im erzdurchzogenen Gestein, sondern auch mit seinen Gedanken in heftige Grübeleien. Ihm wurde klar, dass die Thyren keine Ahnung hatten, wie frustrierend es tatsächlich war, unter Städtern leben zu müssen. Er fand genügend Zeit, genauer über ihre Worte nachzudenken, entdeckte Widersprüche und Ungereimtheiten. Doch wollte er nicht vorschnell urteilen. Er würde versuchen, die Dinge zu klären und wollte keinesfalls aufgeben.
Sicher war jedoch, dass jenes herrliche Gefühl von Glück und Freundschaft, das er in jenen Tagen empfunden hatte, zerstört war. Die Einsamkeit hatte sich wieder in ihm ausgebreitet. Doch diesmal war ihm der Geyst des Berges näher.
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Kanubio Bunjam
Die erste Aufgabe
Wie hatte Kanubio innerlich gezittert davor, dass der grimmige Skalla ihn nach dem Ergebnis der ersten Aufgabe, die er ihm auftrug, fragte, war doch gerade er mit nichts so richtig zufrieden. Immer wieder war Kanubio das, was er sagen wollte, während der Arbeit in der Mine durchgegangen, hatte versucht, all sein Wissen, das ihm in vielen Stunden vermittelt worden war, zusammenzukratzen, aber auch, es in kurze, prägnante Sätze zu fassen.
Nun war es soweit. Alle Augen waren auf ihn gerichtet – die von Skallagrim, Leif, Systra, Kadlin, Lidwina, und Sigfastr – nur Trystjarn, der maßgeblich an seiner bisherigen Ausbildung beteiligt war, fehlte. Sollte Kanubio sich erheben? Nein – seine Knie waren zu weich und zitterten zu sehr.
Es kostete ihn größte Überwindung, die ersten Sätze zu sprechen, laut und deutlich, in der großen Halle, vor so vielen. Doch als er merkte, dass man ihm mehr und mehr interessiert zuhörte und keine Einwände kamen, wurde er sicherer. Er redete weiter und plötzlich schien alles viel einfacher. Gut vorbereitet sprudelten die Worte über seine Lippen und am Ende seiner – für ihn immens langen – Rede schloss er diese mit „Stolz und Ehre“.
Natürlich hatte Systra einen kleinen Einwand und auch Skalla fügte noch etwas hinzu, doch zeigte man sich im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Kanubio merkte gar nicht so wirklich, was danach noch um ihn herum geschah und gesprochen wurde, wollte nur noch den innerlichen Angstschweiß mit Met wegspülen. Und das tat er. Doch bevor seine Lippen de Krug berührten, dankte er den Ahnen mit dem ihnen zustehenden Schluck, ins Feuer gegossen – doch diesmal mit eigenen begleitenden Worten und aus tiefstem Herzen.
Zu seinem größten Erstaunen urteilte Skallagrim: „Bist aufm gutn Wech. Nu wirste noch zu nem ordentlichen Kerl gemacht, dann is alles wunderbar.“
Und Systra meinte abschließend: „Mit lernen isses ney getan. Du musst verinnerlichen, nun, da du ‚weysst’.“
Kanubio war sich dessen bewusst und das würde die größte Aufgabe überhaupt werden.
Wie hatte Kanubio innerlich gezittert davor, dass der grimmige Skalla ihn nach dem Ergebnis der ersten Aufgabe, die er ihm auftrug, fragte, war doch gerade er mit nichts so richtig zufrieden. Immer wieder war Kanubio das, was er sagen wollte, während der Arbeit in der Mine durchgegangen, hatte versucht, all sein Wissen, das ihm in vielen Stunden vermittelt worden war, zusammenzukratzen, aber auch, es in kurze, prägnante Sätze zu fassen.
Nun war es soweit. Alle Augen waren auf ihn gerichtet – die von Skallagrim, Leif, Systra, Kadlin, Lidwina, und Sigfastr – nur Trystjarn, der maßgeblich an seiner bisherigen Ausbildung beteiligt war, fehlte. Sollte Kanubio sich erheben? Nein – seine Knie waren zu weich und zitterten zu sehr.
Es kostete ihn größte Überwindung, die ersten Sätze zu sprechen, laut und deutlich, in der großen Halle, vor so vielen. Doch als er merkte, dass man ihm mehr und mehr interessiert zuhörte und keine Einwände kamen, wurde er sicherer. Er redete weiter und plötzlich schien alles viel einfacher. Gut vorbereitet sprudelten die Worte über seine Lippen und am Ende seiner – für ihn immens langen – Rede schloss er diese mit „Stolz und Ehre“.
Natürlich hatte Systra einen kleinen Einwand und auch Skalla fügte noch etwas hinzu, doch zeigte man sich im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Kanubio merkte gar nicht so wirklich, was danach noch um ihn herum geschah und gesprochen wurde, wollte nur noch den innerlichen Angstschweiß mit Met wegspülen. Und das tat er. Doch bevor seine Lippen de Krug berührten, dankte er den Ahnen mit dem ihnen zustehenden Schluck, ins Feuer gegossen – doch diesmal mit eigenen begleitenden Worten und aus tiefstem Herzen.
Zu seinem größten Erstaunen urteilte Skallagrim: „Bist aufm gutn Wech. Nu wirste noch zu nem ordentlichen Kerl gemacht, dann is alles wunderbar.“
Und Systra meinte abschließend: „Mit lernen isses ney getan. Du musst verinnerlichen, nun, da du ‚weysst’.“
Kanubio war sich dessen bewusst und das würde die größte Aufgabe überhaupt werden.
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Kanubio Bunjam
Das Wort ich hört es wohl
„Frischfleysch“ fand den Weg zum Clan und die Halle füllte sich mehr und mehr. Auch aus Grimwould kamen sie rüber, was Kanubio besonders freute. So gemütlich diese Abende in der großen Clanshalle waren, so anstrengend waren sie für ihn. Nicht nur, dass sie alle durcheinanderquasselten und oft drei oder mehr Themen gleichzeitig durch den Raum schwirrten, verfielen sie auch liebend gerne von der Handelssprache in Thyst. Zwar saß Kanubio dann ziemlich ratlos da, doch riss er sich zusammen, denn gerade dann hieß es umso mehr aufpassen.
Manches war einfach. Schimpfworte wie „Trollkopp“ oder „Vollpfosten“ hatte er schnell raus. „Willst einen Met?“ gehörte genau wie „Hast du Hunger?“ oder „Ich geh in die Felle“ zu jenen alltäglichen Phrasen, die er bald im Ohr hatte. doch wenn sie – und da besonders die Weyber! – so richtig in Fahrt kamen, zeigte sein belämmerter Gesichtsausdruck, dass der Sinn der rau und kehlig klingenden Worte völlig an ihm vorbeiging. Wurde das Geplauder um ihn zu verwirrend, dann ließ die Wirkung des Mets, der wohlig warmen Feuer sowie die innere Ruhe, die sich in ihm ausbreitete, seine Gedanken in weite Fernen abdriften. Erst ein scharfes „Kanubio!“ riss ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Es machte ihm inzwischen nichts mehr aus, wenn sie in Thyst verfielen. Kanubio nahm es hin und lebte damit. Nur manchmal, wenn zwei der Weiber die Köpfe zusammensteckten, zu tuscheln begannen und immer wieder ein versucht unauffälliger Blick in seine Richtung flog, wurmte es ihn gewaltig, dass er noch wenig von ihrer Sprache verstand, denn dann wurde er einfach das Gefühl nicht los, dass sie über ihn redeten und irgendetwas ausheckten – und er hätte nur zu gerne gewusst was!
„Frischfleysch“ fand den Weg zum Clan und die Halle füllte sich mehr und mehr. Auch aus Grimwould kamen sie rüber, was Kanubio besonders freute. So gemütlich diese Abende in der großen Clanshalle waren, so anstrengend waren sie für ihn. Nicht nur, dass sie alle durcheinanderquasselten und oft drei oder mehr Themen gleichzeitig durch den Raum schwirrten, verfielen sie auch liebend gerne von der Handelssprache in Thyst. Zwar saß Kanubio dann ziemlich ratlos da, doch riss er sich zusammen, denn gerade dann hieß es umso mehr aufpassen.
Manches war einfach. Schimpfworte wie „Trollkopp“ oder „Vollpfosten“ hatte er schnell raus. „Willst einen Met?“ gehörte genau wie „Hast du Hunger?“ oder „Ich geh in die Felle“ zu jenen alltäglichen Phrasen, die er bald im Ohr hatte. doch wenn sie – und da besonders die Weyber! – so richtig in Fahrt kamen, zeigte sein belämmerter Gesichtsausdruck, dass der Sinn der rau und kehlig klingenden Worte völlig an ihm vorbeiging. Wurde das Geplauder um ihn zu verwirrend, dann ließ die Wirkung des Mets, der wohlig warmen Feuer sowie die innere Ruhe, die sich in ihm ausbreitete, seine Gedanken in weite Fernen abdriften. Erst ein scharfes „Kanubio!“ riss ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Es machte ihm inzwischen nichts mehr aus, wenn sie in Thyst verfielen. Kanubio nahm es hin und lebte damit. Nur manchmal, wenn zwei der Weiber die Köpfe zusammensteckten, zu tuscheln begannen und immer wieder ein versucht unauffälliger Blick in seine Richtung flog, wurmte es ihn gewaltig, dass er noch wenig von ihrer Sprache verstand, denn dann wurde er einfach das Gefühl nicht los, dass sie über ihn redeten und irgendetwas ausheckten – und er hätte nur zu gerne gewusst was!
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Kanubio Bunjam
Leben im verachteten Volk
Es war immer schon so gewesen, dass die Menschen das Volk der Thyren als Barbaren einstufte, denen sie sogar nachsagten, dass die das Blut ihrer getöteten Feinde tranken. Kanubio hatte zwar gewusst, dass dies nicht zutraf, doch waren in jenen vielen Monden, in denen sich die Tiefländer zurückgezogen hatten, neue Leute ins Land gekommen, die nie einem von ihnen begegnet waren und die lediglich die Schauergeschichten kannten, die sich, wohl von Erzählung zu Erzählung gesteigert und blutrünstig ausgeschmückt, um dieses Kriegervolk rankten.
Schmerzliche Erfahrungen musste Kanubio machen, als er gemeinsam mit jenen des Clans oder alleine unter die Städter ging oder seine Freunde aufsuchte. Jene, die auf Gerimor lebten, bemerkten meist gar nicht, dass er nicht das Blut Thrails in sich trug, sahen lediglich seinen Kilt in den Clansfarben, seinen Zweihänder am Rücken und seinen Ring am Finger. Das genügte ihnen, um ihn in ihre Tiefländer-Schublade einzusortieren und alles an Gerüchten, die sie über dieses Volk erfahren hatten, auf ihn zu übertragen.
Kanubio traf dies tief, doch spürte er, dass es nicht an der Zeit war, dem etwas entgegenzusetzen. Also übte er sich darin, in solchen Situationen, so er alleine unterwegs war, mit Ruhe und Gelassenheit zu kontern und mehr zu beobachten als auf plumpe Provokationen zu reagieren, die dann sogar meist ausblieben.
Von seinen Freunden, von denen er Verständnis erwartet hatte, wurde er noch mehr enttäuscht. Keiner fragte ehrlich interessiert, wie es ihm bei den Thyren erginge, lediglich bedauernd-besorgte Blicke angesichts seinem blau geschlagenen Kinn, aus dem sie, ohne sich nach seiner Ursache zu erkundigen, alles herauszulesen glaubten und der stetige Vorwurf, dass er sich verändert hätte. Sie wollten nicht begreifen, dass er seine Lebensaufgabe als ein Mann des Schwertes nicht darin sah, sich hauptsächlich dem Wohlergehen der Hühner im Stall zu widmen, im Wald Federn zu sammeln den Botenjungen zu spielen und seinen Lebenswandel streng nach ihren Vorstellungen auszurichten.
Ja, er hatte sich in den wenigen Tagen verändert – an Kleinigkeiten merkte er es selbst. Und wo dies dem Clan zu langsam ging, ging es jenen, die ihn von früher her kannten, zu schnell.
Doch bei allen Enttäuschungen, die er in dieser Zeit erlebte, erfuhr er auch, dass es im Lande welche gab, die sich völlig anders ihm und den Thyren gegenüber verhielten, die dieses Volk respektierten wie es war oder sich nicht daran stießen, dass Kanubio einen Kilt trug. Es waren ihrer nur wenige und Kanubio war höchst überrascht, in welchen Ecken des Landes sie zu finden waren.
Es war immer schon so gewesen, dass die Menschen das Volk der Thyren als Barbaren einstufte, denen sie sogar nachsagten, dass die das Blut ihrer getöteten Feinde tranken. Kanubio hatte zwar gewusst, dass dies nicht zutraf, doch waren in jenen vielen Monden, in denen sich die Tiefländer zurückgezogen hatten, neue Leute ins Land gekommen, die nie einem von ihnen begegnet waren und die lediglich die Schauergeschichten kannten, die sich, wohl von Erzählung zu Erzählung gesteigert und blutrünstig ausgeschmückt, um dieses Kriegervolk rankten.
Schmerzliche Erfahrungen musste Kanubio machen, als er gemeinsam mit jenen des Clans oder alleine unter die Städter ging oder seine Freunde aufsuchte. Jene, die auf Gerimor lebten, bemerkten meist gar nicht, dass er nicht das Blut Thrails in sich trug, sahen lediglich seinen Kilt in den Clansfarben, seinen Zweihänder am Rücken und seinen Ring am Finger. Das genügte ihnen, um ihn in ihre Tiefländer-Schublade einzusortieren und alles an Gerüchten, die sie über dieses Volk erfahren hatten, auf ihn zu übertragen.
Kanubio traf dies tief, doch spürte er, dass es nicht an der Zeit war, dem etwas entgegenzusetzen. Also übte er sich darin, in solchen Situationen, so er alleine unterwegs war, mit Ruhe und Gelassenheit zu kontern und mehr zu beobachten als auf plumpe Provokationen zu reagieren, die dann sogar meist ausblieben.
Von seinen Freunden, von denen er Verständnis erwartet hatte, wurde er noch mehr enttäuscht. Keiner fragte ehrlich interessiert, wie es ihm bei den Thyren erginge, lediglich bedauernd-besorgte Blicke angesichts seinem blau geschlagenen Kinn, aus dem sie, ohne sich nach seiner Ursache zu erkundigen, alles herauszulesen glaubten und der stetige Vorwurf, dass er sich verändert hätte. Sie wollten nicht begreifen, dass er seine Lebensaufgabe als ein Mann des Schwertes nicht darin sah, sich hauptsächlich dem Wohlergehen der Hühner im Stall zu widmen, im Wald Federn zu sammeln den Botenjungen zu spielen und seinen Lebenswandel streng nach ihren Vorstellungen auszurichten.
Ja, er hatte sich in den wenigen Tagen verändert – an Kleinigkeiten merkte er es selbst. Und wo dies dem Clan zu langsam ging, ging es jenen, die ihn von früher her kannten, zu schnell.
Doch bei allen Enttäuschungen, die er in dieser Zeit erlebte, erfuhr er auch, dass es im Lande welche gab, die sich völlig anders ihm und den Thyren gegenüber verhielten, die dieses Volk respektierten wie es war oder sich nicht daran stießen, dass Kanubio einen Kilt trug. Es waren ihrer nur wenige und Kanubio war höchst überrascht, in welchen Ecken des Landes sie zu finden waren.
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Kanubio Bunjam
Ein Silberdolch, ein Coeliumdolch – und doch dasselbe
„Stolz und Ehre“ plapperten die Städter oft bei der Verabschiedung nach und Kanubio war sich sicher, dass sich die allerwenigsten jemals Gedanken über diesen Gruß und die darin enthaltenen Worte gemacht hatten.
Stolz mag wohl schon jeder einmal in seinem Leben auf etwas gewesen sein: auf ein neu erworbenes Pferd, auf den gelungenen Umbau eines Hauses, auf ein erreichtes Ziel oder eine besondere Leistung, auf einen schwer errungenen Sieg … auf was auch immer. Doch meist schwand dieser Stolz schnell wieder. Der teuer erstandene Besitz wurde zur Normalität. Mühsam erlernte Fachkenntnis zum Alltagswissen. Besondere Leistungen oder Siege mutierten zu spannenden oder amüsanten Erzählungen abends am Lagerfeuer oder in einer Taverne, um zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen.
Kanubio lernte in jenen Tagen, dass er durchaus stolz auf etwas sein durfte und diesen Stolz auch jedem im Clan zeigen durfte, wie es die thyrische Lebensart und Tradition verlangte, aber auch diesen fortan in sich aufzubewahren. Er verstand nun, dass sich Stolz im Laufe eines Lebens summierte, was letztendlich zu diesem von Außenstehenden oft missverstandenen immensen Stolz eines jeden Thyren führte.
„Den ersten Brocken Coelium, den ich finde, sollst du kriegen“, hatte Kanubio Trystjarn zugesagt. Als Kanubio diesen Brocken Tage später tatsächlich in Händen hielt, überlegte er, was Trystjarn denn damit tun sollte, denn im Grunde war er doch wertlos für ihn. Also fragte er Alina, ob sie sich zutraue, ihm diesen Brocken zu einem Dolch zu verarbeiten. Seinen Griff sollte ein Wolfskopf schmücken, der weder extrem aggressiv noch recht freundlich dreinschauen sollte. „Ich bin Feinschmiedemeisterin“, antwortete sie lächelnd, „und so eine Arbeit sollte mir wohl gelingen.“ Sie schmiedete das Stück zu seiner größten Zufriedenheit.
Während einer Pause in der Mine, in der Kanubio den Wolfsdolch aus Coelium betrachtete, fiel ihm sein eigener ein und er besah sich auch diesen. Der bananenförmige Silberdolch hatte die Form eines Delphins. Feine Linien zeichnen eine Seitenflosse. Ein Loch als Auge, eine Rückenflosse und die Schwanzflosse am Griffende waren deutlich zu erkennen. Und erst in diesem Moment erinnerte er sich: der seinige enthielt den ersten Klumpen Silbererz, das er vor langer Zeit gefunden hatte. Wie stolz war er damals darauf gewesen und wie schnell hatte sich dieser Stolz verflüchtigt. Das Gefühl von damals kehrte zurück und blieb.
Gleich stolz betrachtete er nun beide Dolche. Der materielle Wert war nicht ausschlaggebend, sondern dass sie beide eine besondere Leistung symbolisierten.
Als er Trystjarn den Dolch überreichte, schmunzelte dieser ein wenig und man konnte vielleicht so etwas wie Rührung in den Augen des Thyren erkennen. „Hehe, sein Blick gefällt mir“, lachte Trystjarn. „Aye ... det is nen jutes Jeschenk, werd jut druff achtjeben Welpe dank dey.“ Er betrachtete sich den Wolfskopf nochmal kurz, bevor er den Eisendolch aus der Scheide zog und den Coeliumdolch drin verstaute.
Was dieser Dolch Kanubio gelehrt hatte und was die beiden Waffen verband, würde Trystjarn jedoch vielleicht nie erfahren.
„Stolz und Ehre“ plapperten die Städter oft bei der Verabschiedung nach und Kanubio war sich sicher, dass sich die allerwenigsten jemals Gedanken über diesen Gruß und die darin enthaltenen Worte gemacht hatten.
Stolz mag wohl schon jeder einmal in seinem Leben auf etwas gewesen sein: auf ein neu erworbenes Pferd, auf den gelungenen Umbau eines Hauses, auf ein erreichtes Ziel oder eine besondere Leistung, auf einen schwer errungenen Sieg … auf was auch immer. Doch meist schwand dieser Stolz schnell wieder. Der teuer erstandene Besitz wurde zur Normalität. Mühsam erlernte Fachkenntnis zum Alltagswissen. Besondere Leistungen oder Siege mutierten zu spannenden oder amüsanten Erzählungen abends am Lagerfeuer oder in einer Taverne, um zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen.
Kanubio lernte in jenen Tagen, dass er durchaus stolz auf etwas sein durfte und diesen Stolz auch jedem im Clan zeigen durfte, wie es die thyrische Lebensart und Tradition verlangte, aber auch diesen fortan in sich aufzubewahren. Er verstand nun, dass sich Stolz im Laufe eines Lebens summierte, was letztendlich zu diesem von Außenstehenden oft missverstandenen immensen Stolz eines jeden Thyren führte.
„Den ersten Brocken Coelium, den ich finde, sollst du kriegen“, hatte Kanubio Trystjarn zugesagt. Als Kanubio diesen Brocken Tage später tatsächlich in Händen hielt, überlegte er, was Trystjarn denn damit tun sollte, denn im Grunde war er doch wertlos für ihn. Also fragte er Alina, ob sie sich zutraue, ihm diesen Brocken zu einem Dolch zu verarbeiten. Seinen Griff sollte ein Wolfskopf schmücken, der weder extrem aggressiv noch recht freundlich dreinschauen sollte. „Ich bin Feinschmiedemeisterin“, antwortete sie lächelnd, „und so eine Arbeit sollte mir wohl gelingen.“ Sie schmiedete das Stück zu seiner größten Zufriedenheit.
Während einer Pause in der Mine, in der Kanubio den Wolfsdolch aus Coelium betrachtete, fiel ihm sein eigener ein und er besah sich auch diesen. Der bananenförmige Silberdolch hatte die Form eines Delphins. Feine Linien zeichnen eine Seitenflosse. Ein Loch als Auge, eine Rückenflosse und die Schwanzflosse am Griffende waren deutlich zu erkennen. Und erst in diesem Moment erinnerte er sich: der seinige enthielt den ersten Klumpen Silbererz, das er vor langer Zeit gefunden hatte. Wie stolz war er damals darauf gewesen und wie schnell hatte sich dieser Stolz verflüchtigt. Das Gefühl von damals kehrte zurück und blieb.
Gleich stolz betrachtete er nun beide Dolche. Der materielle Wert war nicht ausschlaggebend, sondern dass sie beide eine besondere Leistung symbolisierten.
Als er Trystjarn den Dolch überreichte, schmunzelte dieser ein wenig und man konnte vielleicht so etwas wie Rührung in den Augen des Thyren erkennen. „Hehe, sein Blick gefällt mir“, lachte Trystjarn. „Aye ... det is nen jutes Jeschenk, werd jut druff achtjeben Welpe dank dey.“ Er betrachtete sich den Wolfskopf nochmal kurz, bevor er den Eisendolch aus der Scheide zog und den Coeliumdolch drin verstaute.
Was dieser Dolch Kanubio gelehrt hatte und was die beiden Waffen verband, würde Trystjarn jedoch vielleicht nie erfahren.
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Kanubio Bunjam
Thyst – die ersten Schritte
Sosehr es Kanubio bedauerte, dass keiner der Claner durch den Umzug und das Einrichten des neuen Forts Zeit für Sprachunterricht mit ihm fand, hatte die Situation auch ihre guten Seiten. Oft diskutierten die Weyber ellenlang auf Thyst, wie sie ein Zimmer möblieren und ausschmücken sollten, während er geduldig daneben stand und abwartete, bis sie eine endgültige Zusammenstellung gefunden hatten, um dann die gewünschten Möbel anzufertigen. In diesen Tagen lernte er viele neue Worte und weniger jene Liebenswürdigkeiten, die sie sich sonst so gerne an die Köpfe warfen.
Als sich an einem jener Abende Kjara, die nie Handelssprache gelernt hatte, zu Sigfastr und ihm in die Halle gesellte, musste sich Kanubio entscheiden: entweder er blieb und versuchte, der Unterhaltung zu folgen oder er begab sich gleich in die Mine. Doch der Berg würde nicht davonlaufen und eine Pause sowie ein Met würden ihm nach einem harten Training gut tun, also entschied er sich zu bleiben. Es überraschte ihn, wie viel er schon verstand, denn er bekam von der Plauderei einiges mit. Lediglich, als Kjara über ihre Reise nach Lameriast erzählte, interpretierte er einiges falsch. Das war ihm doch noch zu hoch.
Kjara zeigte viel Verständnis für Kanubio, sprach langsam und deutlich und so wagte er es, zuerst nur zaghaft, dann schon etwas selbstischerer, sich mit seinen ersten selbst zusammengestellten Sätzen am Gespräch zu beteiligen.
„Du bist - ein Schwert, aber - ein Bogen“, versuchte er sich vorsichtig auf Thyst. Kjara nickte zu Kanubios Worten. „Aye, ich nutze den Bogen.“ Kanubio strahlte auf, als sie ihn verstand.
Und wenn ihm die richtigen Worte gar nicht mehr einfielen, musste eben Sigfastr aushelfen und übersetzen.
„Siehste mal. Und wenn die Pfannen dann auch noch fliegen ...“, meinte Kjara mit ein verheißungsvolles Grinsen. Sigfastr entgegnete: „Flyegen tun nur die komischen Ryesennüsse von den Wüstenkerlen.“
Kanubio probierte: „Runa hat - gute Pfanne. Heiß und ...“ Er überlegte angestrengt nach dem Wort und blickte hilfesuchend zu Sigfastr. Kjara guckte etwas verdutzt. Sigfastr grinste breit zu Kanubio als er ihm auf Thyst weiterhalf: „Dreyfach mit Diamant verstärkt.“ Kanubio hatte wohl nur ein Wort verstanden: „Diamant?“ und sah Sigfastr verdutzt an.
“Ohh!“, staunte Kjara.
“Fettig meyn mey!“ rief Kanubio und auf Thyst fügte er hinzu: „Trollkopp!“
Kjara lachte schallend auf.
Sigfastr warf ein: „Aye... mey mey jehört zu ham, jesehn hab mey dye noch ney.“
“Na wenigstens Trollkopp kann er richtig auf Thyst“, schmunzelte Kjara gen Kanubio. Sigfastr verpasste Kanubio einen halbherzigen Ellbogenstoß in die Rippen, den dieser lachend hinnnahm und gleich hinzufügte: „Ahhh Trollkopp, Zimtzicke, Rotzgöre, nur Trollscheiße im Kopp“, ratterte Kanubio wie geschmiert auf Thyst runter.
“Stinkstiefel“, ergänzte Sigfastr auf Thyst.
Kjara schüttelte grinsend den Kopf und meinte: „Aye, ich habs vermisst.“ “Stink-stiefl“, wiederholte Kanubio langsam. Dieses Wort hatte er noch nicht gekannt.
Kjaras Geduld spornte Kanubio an, mehr zu reden und es erstaunte und freute ihn, dass sogar Sigfastr, der Kanubio seinen Hass auf Städter schon oft genug hatte spüren lassen, diesmal seine üblichen Sticheleien bleiben ließ, ja ihm sogar helfend zur Seite stand.
Als Kanubio den letzten Schluck seines Mets – einen besonders großen an jenem Abend – den Geystern schenkte, entschloss er sich, ihnen auf Thyst zu danken: „Der letzte - für die Geyster - die sich - gut zu mir - helfen Möbel machen.“, sprach er, während die goldgelbe Flüssigkeit die Flammen aufzischen ließ. Es war nicht ganz korrekt, wie er die Worte aussprach und das Satzgefüge ließ noch einiges zu wünschen übrig, doch die Geyster würden schon verstehen, was Kanubio meinte.
Sosehr es Kanubio bedauerte, dass keiner der Claner durch den Umzug und das Einrichten des neuen Forts Zeit für Sprachunterricht mit ihm fand, hatte die Situation auch ihre guten Seiten. Oft diskutierten die Weyber ellenlang auf Thyst, wie sie ein Zimmer möblieren und ausschmücken sollten, während er geduldig daneben stand und abwartete, bis sie eine endgültige Zusammenstellung gefunden hatten, um dann die gewünschten Möbel anzufertigen. In diesen Tagen lernte er viele neue Worte und weniger jene Liebenswürdigkeiten, die sie sich sonst so gerne an die Köpfe warfen.
Als sich an einem jener Abende Kjara, die nie Handelssprache gelernt hatte, zu Sigfastr und ihm in die Halle gesellte, musste sich Kanubio entscheiden: entweder er blieb und versuchte, der Unterhaltung zu folgen oder er begab sich gleich in die Mine. Doch der Berg würde nicht davonlaufen und eine Pause sowie ein Met würden ihm nach einem harten Training gut tun, also entschied er sich zu bleiben. Es überraschte ihn, wie viel er schon verstand, denn er bekam von der Plauderei einiges mit. Lediglich, als Kjara über ihre Reise nach Lameriast erzählte, interpretierte er einiges falsch. Das war ihm doch noch zu hoch.
Kjara zeigte viel Verständnis für Kanubio, sprach langsam und deutlich und so wagte er es, zuerst nur zaghaft, dann schon etwas selbstischerer, sich mit seinen ersten selbst zusammengestellten Sätzen am Gespräch zu beteiligen.
„Du bist - ein Schwert, aber - ein Bogen“, versuchte er sich vorsichtig auf Thyst. Kjara nickte zu Kanubios Worten. „Aye, ich nutze den Bogen.“ Kanubio strahlte auf, als sie ihn verstand.
Und wenn ihm die richtigen Worte gar nicht mehr einfielen, musste eben Sigfastr aushelfen und übersetzen.
„Siehste mal. Und wenn die Pfannen dann auch noch fliegen ...“, meinte Kjara mit ein verheißungsvolles Grinsen. Sigfastr entgegnete: „Flyegen tun nur die komischen Ryesennüsse von den Wüstenkerlen.“
Kanubio probierte: „Runa hat - gute Pfanne. Heiß und ...“ Er überlegte angestrengt nach dem Wort und blickte hilfesuchend zu Sigfastr. Kjara guckte etwas verdutzt. Sigfastr grinste breit zu Kanubio als er ihm auf Thyst weiterhalf: „Dreyfach mit Diamant verstärkt.“ Kanubio hatte wohl nur ein Wort verstanden: „Diamant?“ und sah Sigfastr verdutzt an.
“Ohh!“, staunte Kjara.
“Fettig meyn mey!“ rief Kanubio und auf Thyst fügte er hinzu: „Trollkopp!“
Kjara lachte schallend auf.
Sigfastr warf ein: „Aye... mey mey jehört zu ham, jesehn hab mey dye noch ney.“
“Na wenigstens Trollkopp kann er richtig auf Thyst“, schmunzelte Kjara gen Kanubio. Sigfastr verpasste Kanubio einen halbherzigen Ellbogenstoß in die Rippen, den dieser lachend hinnnahm und gleich hinzufügte: „Ahhh Trollkopp, Zimtzicke, Rotzgöre, nur Trollscheiße im Kopp“, ratterte Kanubio wie geschmiert auf Thyst runter.
“Stinkstiefel“, ergänzte Sigfastr auf Thyst.
Kjara schüttelte grinsend den Kopf und meinte: „Aye, ich habs vermisst.“ “Stink-stiefl“, wiederholte Kanubio langsam. Dieses Wort hatte er noch nicht gekannt.
Kjaras Geduld spornte Kanubio an, mehr zu reden und es erstaunte und freute ihn, dass sogar Sigfastr, der Kanubio seinen Hass auf Städter schon oft genug hatte spüren lassen, diesmal seine üblichen Sticheleien bleiben ließ, ja ihm sogar helfend zur Seite stand.
Als Kanubio den letzten Schluck seines Mets – einen besonders großen an jenem Abend – den Geystern schenkte, entschloss er sich, ihnen auf Thyst zu danken: „Der letzte - für die Geyster - die sich - gut zu mir - helfen Möbel machen.“, sprach er, während die goldgelbe Flüssigkeit die Flammen aufzischen ließ. Es war nicht ganz korrekt, wie er die Worte aussprach und das Satzgefüge ließ noch einiges zu wünschen übrig, doch die Geyster würden schon verstehen, was Kanubio meinte.
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Kanubio Bunjam
Von roten und von schielenden Augen
Noch immer lief Kanubio der kalte Schauer über den Rücken, als er sich an die Ereignisse des letzten Abends erinnerte. Während er sich im Stollen durchs Gestein schlug, war es ihm immer noch, als würden ihn die Blicke unzähliger Augen verfolgen. War der Bauch des Berges bislang der Ort gewesen, an dem er sich stets am sichersten gefühlt hatte, war dem nun nicht mehr so. Würde er sich überhaupt noch irgendwo sicher fühlen?
Seit er an Land gegangen war, hatte er nach Beweisen für die Existenz der Götter gesucht. Doch was man ihm angeboten hatte, waren Worte. Gesprochene Worte, Bücher mit Worten, manche so hochtrabend formuliert, dass er, damals noch im Lesen recht ungeübt, sich nicht wirklich etwas vorstellen konnte, was in den Texten gemeint sei. Temora sollte er gesehen haben, damals in Varuna, als der Drache es heimsuchte; andere wiederum meinten, es wäre eine ganz normale Frau gewesen, denn die Götter würden sich nie zeigen. Sein Vater, Horteras-Priester, versuchte ihm, die Lehre dieses Gottes näherzubringen, doch überzeugten Kanubio auch seine Worte nicht. Selbst als Kanubios Bärenfell kurz mit ihm gesprochen hatte, fand weder Magier, noch Druide, noch Priester schlüssig heraus, was die Ursache gewesen war.
Zu Systras Handfasting war ein Ahn erschienen und hatte zu ihnen allen gesprochen. Alle Anwesenden hatten ihn gesehen. Und: Nein – zu jenem Zeitpunkt hatten sie noch nichts getrunken oder Wildkraut geraucht. Doch der Ahn war zu verkraften gewesen. Er zeigte sich würdig, freundlich und wohlwollend.
Wolf hingegen war ganz anders. Abermals erschauderte Kanubio, als er nur ansatzweise an ihn dachte. Da war nichts Freundliches in seinen Zügen, seinen Augen oder seiner Stimme. Alleine wie er sich des Platzes bemächtigte, ließ Kanubio im kalten Wind das Blut in den Adern gefrieren.
Blut … Blut forderte er, viel Blut. Kanubio sollte das Schuf auswählen und schon vorab rüberbringen zur Insel. Es sollte als Opfer für Wolf würdig sein, doch durch sein Fehlen die Herde nicht schwächen. Kanubio fiel sofort ein geeignetes ein, das sich am Hof in der Herde Runas befand. Es war ein prächtiges Tier, gab auch gut Milch, doch schielte es etwas. Der Sehfehler war so ausgeprägt, das er dem Tier manchmal das Leben schwer machte, doch Kanubio war sich sicher: in den Turbulenzen eines mächtigen Rituals würde es keiner – außer vielleicht Runa, die das Schaf ja kannte – bemerken.
Blut musste fließen … Blut vom Schaf. Wolf bemerkte sicher nicht mehr die Behinderung dieses Tieres, denn seine Augen stierten alsbald ins Leere. Und selbst wenn – war er nicht der, der die Schwachen und Kranken aussortierte?
Blut zu sehen machte Kanubio nichts aus. Doch was danach kam …
Abermals schüttelte es ihn durch und er ließ unsicher suchend seinen Blick an den Stollenwänden entlang schweifen.
Wolf hatte sie alle gesehen. Wolf hatte auch ihn gesehen.
Und Kanubio hatte Wolf gesehen.
Noch immer lief Kanubio der kalte Schauer über den Rücken, als er sich an die Ereignisse des letzten Abends erinnerte. Während er sich im Stollen durchs Gestein schlug, war es ihm immer noch, als würden ihn die Blicke unzähliger Augen verfolgen. War der Bauch des Berges bislang der Ort gewesen, an dem er sich stets am sichersten gefühlt hatte, war dem nun nicht mehr so. Würde er sich überhaupt noch irgendwo sicher fühlen?
Seit er an Land gegangen war, hatte er nach Beweisen für die Existenz der Götter gesucht. Doch was man ihm angeboten hatte, waren Worte. Gesprochene Worte, Bücher mit Worten, manche so hochtrabend formuliert, dass er, damals noch im Lesen recht ungeübt, sich nicht wirklich etwas vorstellen konnte, was in den Texten gemeint sei. Temora sollte er gesehen haben, damals in Varuna, als der Drache es heimsuchte; andere wiederum meinten, es wäre eine ganz normale Frau gewesen, denn die Götter würden sich nie zeigen. Sein Vater, Horteras-Priester, versuchte ihm, die Lehre dieses Gottes näherzubringen, doch überzeugten Kanubio auch seine Worte nicht. Selbst als Kanubios Bärenfell kurz mit ihm gesprochen hatte, fand weder Magier, noch Druide, noch Priester schlüssig heraus, was die Ursache gewesen war.
Zu Systras Handfasting war ein Ahn erschienen und hatte zu ihnen allen gesprochen. Alle Anwesenden hatten ihn gesehen. Und: Nein – zu jenem Zeitpunkt hatten sie noch nichts getrunken oder Wildkraut geraucht. Doch der Ahn war zu verkraften gewesen. Er zeigte sich würdig, freundlich und wohlwollend.
Wolf hingegen war ganz anders. Abermals erschauderte Kanubio, als er nur ansatzweise an ihn dachte. Da war nichts Freundliches in seinen Zügen, seinen Augen oder seiner Stimme. Alleine wie er sich des Platzes bemächtigte, ließ Kanubio im kalten Wind das Blut in den Adern gefrieren.
Blut … Blut forderte er, viel Blut. Kanubio sollte das Schuf auswählen und schon vorab rüberbringen zur Insel. Es sollte als Opfer für Wolf würdig sein, doch durch sein Fehlen die Herde nicht schwächen. Kanubio fiel sofort ein geeignetes ein, das sich am Hof in der Herde Runas befand. Es war ein prächtiges Tier, gab auch gut Milch, doch schielte es etwas. Der Sehfehler war so ausgeprägt, das er dem Tier manchmal das Leben schwer machte, doch Kanubio war sich sicher: in den Turbulenzen eines mächtigen Rituals würde es keiner – außer vielleicht Runa, die das Schaf ja kannte – bemerken.
Blut musste fließen … Blut vom Schaf. Wolf bemerkte sicher nicht mehr die Behinderung dieses Tieres, denn seine Augen stierten alsbald ins Leere. Und selbst wenn – war er nicht der, der die Schwachen und Kranken aussortierte?
Blut zu sehen machte Kanubio nichts aus. Doch was danach kam …
Abermals schüttelte es ihn durch und er ließ unsicher suchend seinen Blick an den Stollenwänden entlang schweifen.
Wolf hatte sie alle gesehen. Wolf hatte auch ihn gesehen.
Und Kanubio hatte Wolf gesehen.
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Kanubio Bunjam
Die Fallen der Dreisprachigkeit
Nicht nur, dass Thyst sauschwer zu erlernen war, drosch Kanubio seine momentane Sprachverwirrung auch noch Fallknüppel zwischen die Beine, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte. Traf er auf Nicht-Thyren (um das üble Wort „Städter“ zu vermeiden), dauerte es stets eine Weile, bis er wieder in saubere, dialektfreie Handelssprache hineingefunden hatte und ihm ja kein Wort auf Thyst entrutschte, was ihm von seinen Freunden am Festland so manch herbe Kritik einbrachte. Kehrte er hingegen ins Fort der Bunjams zurück, nachdem er sich längere Zeit unter Festländern aufgehalten hatte, brauchte es abermals, bis sich seine Ausdrucksweise an jene unter Thyren übliche anpasste.
Kanubio freute sich ungemein, als er vor Bajard auf seinen Dah traf. So oft hatte er sich in den letzten anderthalb Mondläufen gewünscht, ihn zu treffen, um ihm alles in Ruhe zu erklären, doch war der dicke Priester unauffindbar gewesen. Und genau in dem Moment, in dem es denkbar ungünstig war, sprang er ihnen vor die Hufe. Kanubio war mit den Clanern unterwegs, um etwas über die Werwölfe herauszufinden, und Trystjarn wurde stets ungehalten, wenn etwas, was nicht Thyren oder Werwölfe betraf, die Gruppe aufhielt. Aufgrund dieser Eile, die angesagt war, und wohl auch, da er noch gedanklich in Thyst war, passierte ihm ein fataler Fehler, als er wenigstens ein paar Worte mit Tithus wechseln wollte. Er hatte zwar die richtige Sprache gewählt, doch die falsche Ausdrucksweise und außerdem fehlte ein Satzteil, auf den er in der Eile vergessen hatte. Das, was Tithus von ihm nun zu hören bekam, was Kanubio in solcher Zeitnot über die Lippen rutschte, war etwas ganz anderes, als er eigentlich hatte sagen wollen. Für Tithus war es eindeutig eine Beleidigung. Worte, erst einmal ausgesprochen, ließen sich nicht mehr rückgängig machen.
Aus der Mimik seines Vaters sowie der Rüge, die ihm Tithus entgegenschleuderte, konnte Kanubio zweifellos entnehmen, dass dieser stinksauer auf ihn war. Kanubio war bereits gefasst darauf, dass der Priester einen Blitz vom Himmel auf ihn herabzucken lassen würde, doch hielt sich der, wohl angesichts der Kanubio umgebenden Claner, damit zurück. Trystjarn mahnte zum Aufbruch und so blieb Kanubio nichts anderes, als eine knappe Entschuldigung zu stammeln, sein Pferd anzutreiben und seinen Vater wütend auf ihn zurückzulassen.
Während er auf dem Ritt den anderen nachdenklich hinterher trabte, grübelte er, zermürbt von dem unseligen Ereignis, vor sich hin. Tatsächlich fiel ihm nun auf, dass er die sauber gesprochene Handelssprache langsam verlernte. Kein Wunder, hörte er doch den ganzen Tag kaum mehr etwas anderes außer Thyst oder Handelssprachendialekt, den jeder Thyre auch noch für sich selbst abwandelte. Zudem war Kanubio die in Städterohren rau klingende Ausdrucksweise dieser einfachen, schnörksellosen, direkten und meist auch besondere Höflichkeitsfloskeln vermissen lassende Sprachweise schon so geläufig, dass er sich ihrer selbst gar nicht mehr bewusst war. Manche der Worte waren lediglich eine Übersetzung, wie sie irgendwann ein Thyre aufgeschnappt und in den täglichen Sprachgebrauch übernommen hatte und keineswegs als Beleidigung gedacht. Ein Pferd war für Thyren nun mal ein Gaul – und wenn dieser der prächtigste Kaltblüter war, der in der Zucht zu finden war. Eine Frau war ein Weyb. Und „nicht darüber reden“ wurde eben als „Maul halten“ bezeichnet.
Kanubio grübelte weiter … während dem Ritt, während er im Fort saß, während er gegen die anderen trainierte, auch in der Mine oder wo auch immer er war, wie er sich nur bei seinem Vater entschuldigen könnte. Diese Beleidigung – auch wenn sie nicht als eine solche gemeint war – erforderte eine besondere Entschuldigung. Und da ihm wahrlich nichts rechtes einfiel, grübelte er weiter ... und weiter ... und weiter ...
Nicht nur, dass Thyst sauschwer zu erlernen war, drosch Kanubio seine momentane Sprachverwirrung auch noch Fallknüppel zwischen die Beine, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte. Traf er auf Nicht-Thyren (um das üble Wort „Städter“ zu vermeiden), dauerte es stets eine Weile, bis er wieder in saubere, dialektfreie Handelssprache hineingefunden hatte und ihm ja kein Wort auf Thyst entrutschte, was ihm von seinen Freunden am Festland so manch herbe Kritik einbrachte. Kehrte er hingegen ins Fort der Bunjams zurück, nachdem er sich längere Zeit unter Festländern aufgehalten hatte, brauchte es abermals, bis sich seine Ausdrucksweise an jene unter Thyren übliche anpasste.
Kanubio freute sich ungemein, als er vor Bajard auf seinen Dah traf. So oft hatte er sich in den letzten anderthalb Mondläufen gewünscht, ihn zu treffen, um ihm alles in Ruhe zu erklären, doch war der dicke Priester unauffindbar gewesen. Und genau in dem Moment, in dem es denkbar ungünstig war, sprang er ihnen vor die Hufe. Kanubio war mit den Clanern unterwegs, um etwas über die Werwölfe herauszufinden, und Trystjarn wurde stets ungehalten, wenn etwas, was nicht Thyren oder Werwölfe betraf, die Gruppe aufhielt. Aufgrund dieser Eile, die angesagt war, und wohl auch, da er noch gedanklich in Thyst war, passierte ihm ein fataler Fehler, als er wenigstens ein paar Worte mit Tithus wechseln wollte. Er hatte zwar die richtige Sprache gewählt, doch die falsche Ausdrucksweise und außerdem fehlte ein Satzteil, auf den er in der Eile vergessen hatte. Das, was Tithus von ihm nun zu hören bekam, was Kanubio in solcher Zeitnot über die Lippen rutschte, war etwas ganz anderes, als er eigentlich hatte sagen wollen. Für Tithus war es eindeutig eine Beleidigung. Worte, erst einmal ausgesprochen, ließen sich nicht mehr rückgängig machen.
Aus der Mimik seines Vaters sowie der Rüge, die ihm Tithus entgegenschleuderte, konnte Kanubio zweifellos entnehmen, dass dieser stinksauer auf ihn war. Kanubio war bereits gefasst darauf, dass der Priester einen Blitz vom Himmel auf ihn herabzucken lassen würde, doch hielt sich der, wohl angesichts der Kanubio umgebenden Claner, damit zurück. Trystjarn mahnte zum Aufbruch und so blieb Kanubio nichts anderes, als eine knappe Entschuldigung zu stammeln, sein Pferd anzutreiben und seinen Vater wütend auf ihn zurückzulassen.
Während er auf dem Ritt den anderen nachdenklich hinterher trabte, grübelte er, zermürbt von dem unseligen Ereignis, vor sich hin. Tatsächlich fiel ihm nun auf, dass er die sauber gesprochene Handelssprache langsam verlernte. Kein Wunder, hörte er doch den ganzen Tag kaum mehr etwas anderes außer Thyst oder Handelssprachendialekt, den jeder Thyre auch noch für sich selbst abwandelte. Zudem war Kanubio die in Städterohren rau klingende Ausdrucksweise dieser einfachen, schnörksellosen, direkten und meist auch besondere Höflichkeitsfloskeln vermissen lassende Sprachweise schon so geläufig, dass er sich ihrer selbst gar nicht mehr bewusst war. Manche der Worte waren lediglich eine Übersetzung, wie sie irgendwann ein Thyre aufgeschnappt und in den täglichen Sprachgebrauch übernommen hatte und keineswegs als Beleidigung gedacht. Ein Pferd war für Thyren nun mal ein Gaul – und wenn dieser der prächtigste Kaltblüter war, der in der Zucht zu finden war. Eine Frau war ein Weyb. Und „nicht darüber reden“ wurde eben als „Maul halten“ bezeichnet.
Kanubio grübelte weiter … während dem Ritt, während er im Fort saß, während er gegen die anderen trainierte, auch in der Mine oder wo auch immer er war, wie er sich nur bei seinem Vater entschuldigen könnte. Diese Beleidigung – auch wenn sie nicht als eine solche gemeint war – erforderte eine besondere Entschuldigung. Und da ihm wahrlich nichts rechtes einfiel, grübelte er weiter ... und weiter ... und weiter ...