Verfasst: Sonntag 5. November 2006, 21:39
Der Tetrarch Latens
Schwarze Knochenhände, die Fingerspitzen an einander gelegt, erhellt nur von flackerndem Kerzenlicht. Einen riesigen Schatten werfen sie an die Wand. Wie die monströsen Klauen eines Wiedergängers. Ein Wesen dem Alptraum eines Kindes entsprungen. Nachtblaue Haut, ein Gesicht zur Hälfte erleuchtet. Fremdartig wirkt es, gleichsam beängstigend und faszinierend. Das Unbekannte ist es, was uns das Fürchten lehrt, doch ist es die Neugierde, welche uns lockt.
Einen dunklen Schatten werfen die hohen Wangenknochen unter die fliederfarbenen Augen. Ihre Farbe verspricht uns Verheißung, doch ihr Innerstes ist kalt wie Eis. Uns erfüllt das Begehren sich in ihnen zu verlieren, doch was ist der Preis? Zu Schlitzen verengt blicken jene zur Tür. Verraten uns den arbeitenden Geist. In kurzen rythmischen Abständen verhärten sich die Kiefermuskeln, verraten die große Anspannung, als die Backenzähne aufeinander reiben. Jung wirkt die straffe Haut über den arbeitenden Muskeln, keine Spur des Alters, welches uns schon längt dahin gerafft. Bartlos die Wangen und das Kinn, zart wirkend, wie die Haut eines Neugeborenen. Das Verlangen könnte uns übermannen, das Verlangen sie zu berühren. Schon fast hätten wir die Hand ausgestreckt, sanft liebkosend diese weiche Haut ertastet. Doch was uns schreckt sind die Narben, tief gebrannt in makellose Haut, als Zeichen seiner Treue. Genommen haben sie die Unschuld, gebracht haben sie die Macht.
Der Blick wendet sich von der Tür auf die Kerze. Schnell verkleinert sich die Pupille innerhalb der fliederfarbenen Iris. Es schmerzt. Hell brennt sich das Kerzenlicht in die übermenschlich geschärften Augen, das letze Erbe der Edhil. Schmerz, dies war das rechte, Schmerz bringt Klarheit, wo Verwirrung herrscht. Die Brauen zusammen gezogen, die Stirn in tiefe Falten gelegt, der Blick weiter auf die schmerzhafte Helligkeit gewandt. Was war es, was er darstellte? Was war seine Bestimmung? Langsam entzog sich der Blick dem wohltuenden Schmerz der hellen Kerzenflamme, ließ sich auf der Tür nieder, ein dunkles Abbild dort hinterlassend, wo eben noch die Flamme sich in seinen Blick brannte. Und die Gedanken schweiften einige Monde zurück...
Schweißperlen waren von der Stirn getropft, als die Gestalt sich umständlich von der Ruhestätte aufgesetzt hatte, die fliederfarbenen Augen wieder halb geschlossen, die Stirn sorgenvoll in tiefe Falten gelegt. Immer wieder war dieser Traum zurück gekehrt. Mory'taels grinsendes von Genugtuung erfülltes Gesicht. „Hiermit erkläre ich Kyr'laex für Vogelfrei!“ Und anschließend immer wieder die Bilder zweier Lethare, eng aneinander gepresst, die Haare nass vom Schweiß, die Luft von Lust erfüllt. Und schließlich wieder dieses Gesicht, welches ihm nur Hohn und Spott entgegen spuckte. „Du hast versagt Kyr'laex. Besser hättest du dich in Geduld geübt. Du hast alles verloren. Nicht einmal deine Lethra konntest du halten.“
Noch lange war das höhnische Lachen nach dem Erwachen in den Ohren der Gestalt nachgeklungen. Und immer stärker hatte sich der Zorn im Letharfen gesammelt, immer stärker hatte die heiße, alles verzehrende Flamme in ihm gebrannt. Doch der letzte, krönende Abschluss, die Essenz des Vaters blieb war ihm verschlossen geblieben, zu lange hatte er Seine Nähe schon nicht mehr verspürt. Unfähig zu sagen, ob es Wochen, Monate, oder gar Jahre waren hatte sich der Letharf in Sehnsucht nach diesem Gefühl verzehrt. Dem Gefühl eins zu sein mit dem Vater, eins mit seinem göttlichen Zorn. Langsam hatte sich der unbekleidete, noch immer stattliche Letharf, wenn auch die Muskeln ob der vernachlässigten Ertüchtigungen langsam erschlafften, erhoben.
Den linken Arm seltsam angewinkelt hatte er sich zum anderen Ende des Raumes begeben. Von Kerzen erhellt hatte dort eine kleine Statue gestanden. Ein Panther welcher zum Sprung ansetzte, die angepannten Muskeln des Tieres waren sorgsam herausgearbeitet. Das von den Kerzen getropfte Wachs hatte den Schrein nahezu vollständig bedeckt. Darauf sorgsam gebettet hatten ein Schild und ein Schwert gelegen. Die Insignien einstiger Größe. Ihr Anblick hatte den Letharfen ein jedes mal tief bis ins Mark getroffen. Langsam war die blaue Hand beinahe liebevoll über das Metall gestrichen, auf welches kein Staubkorn seinen Weg gefunden hatte. Spröde hatte es sich unter der Hand angefühlt. Die Oberfläche matt, nicht mehr schwarz glänzend wie damals, bevor die göttliche Macht aus ihnen gewichen war. Die Berührung hatte alte Erinnerungen an Macht und die Nähe zum Vater geweckt. Die große Leere innerhalb des Geistes des Letharfen hatte sich nun mit Trauer und Zorn gefüllt, die Augen mit Tränen. „Nur dein Kind...“, hatte der Lethar leise, beinahe flehend gemurmelt, die Gedanken weit in der Vergangenheit und doch der Gegenwart verhaftet.
Ein kurzer Zug an der Schublade der Kommode neben dem kleinen Schrein hatte eine Rüstung aus Kettengeflecht zum Vorschein gebracht. Ebenso sorgsam gepflegt wie der Schild und das Schwert schimmerte das Metall in einem dunklen, bläulichen Lila. Beinahe ehrfürchtig herausgehoben hatte der Letharf die Rüstung nach einer schnellen Reinigung, das Abwaschen des Schweißes der Nacht vollzog er beinahe wie ein Ritual, schon angelegt. Schwer hatte sie auf den Schultern gelastet, welche das Tragen einer Rüstung kaum mehr gewohnt waren. Umständlich wurde der Schild an seinen linken Arm gebunden, welcher schwerlich in der Lage war den großen Schild zu halten. Von einer Mischung aus dem Stolz der Vergangenheit und dem Trotz der Gegenwart erfüllt hatte er schließlich das Ahadschwert umgürtet.
Das Davonlaufen vor der Vergangenheit musste ein Ende haben, er musste sich seinem Schicksal stellen. Auch wenn dies bedeutete, dass er niemals an die Tafel des Herrn treten, sondern im Schlund des Seelenfressers enden würde. „Fahr' doch zu Kra'thor!“ Hatte er sich selbst verflucht und schließlich strammen Schrittes die schäbige Herberge hinter sich zurückgelassen. Er musste zur Hafenstadt gelangen. Nur von dort kam er zurück nach Gerimor, um dieser gescheiterten Existenz endlich ein Ende zu bereiten.
Die Reise war für den Letharfen zu einer Qual geworden, zu lange schon hatte er seinen Körper vernachlässigt, sich nicht mehr um die Erhaltung seiner einstigen Kraft geschert. Immer schwächer war er unter den Strapazen des Weges geworden. Tief hatte er eine Kapuze in sein Gesicht gezogen, um sich vor der Sonne und allzu neugierigen Blicken zu schützen. Der Schweiß hatte immer wieder den Weg in seine Augen gefunden, brannte dort. Doch das brennen der Seele hatte dieser leise Schmerz niemals überlagern können. Der Weg hatte schließlich zu einem Waldstück geführt, innerhalb des Hohlweges hatte die Sonne nicht so stark gebrannt und der Waldboden hatte eine wohltuende Feuchtigkeit mit sich gebracht.
Doch dann hatten die noch immer empfindlichen Ohren des Letharfen ein ungewöhnliches Knacken im Unterholz ausgemacht, begleitet von schnüffelnden Geräuschen. Begleitet von lautem Protest brechender Äste war eine Gruppe von Orks aus dem Unterholz auf den Hohlweg getreten. „Du Läthar wartän! Olorghi mit dia sprächen tun wollän!“ Die Augenbrauen des Letharfen zogen sich unter der Kapuze zusammen, die fliederfarbenen Augen zu Schlitzen verengt. „Tretet bei seite im Namen des Vaters, ihr habt mir nicht zu gebieten, Kinder des Sklavenvolkes!“ „Olorghi kommen von Läthür Mory'taäl! Wia dia viel gebietän!“ Mit schwung hatte der Letharf seinen Umhang und die Kapuze nach hinten geworfen, die Schwäche und Schmerzen, sowie die Steifigkeit seiner Linken mit einem arroganten Gesichtsausdruck überspielend. „Und was wollt ihr von mir?“ „Wia gekommän dia zu holän, tot oder lebändig. Wia machen motscherei mit dia, wenn nicht gehorchän!“ Langsam war die Rechte hinab zum Ahadschwert geglitten, die Maske der Zuversicht weiter zur Schau tragend. Ein paar der Orks waren nervös ein Stück zurück geschritten, doch der Sprecher hatte nur die Hand gehoben. „Wia dia warnän, du stehen, oder wia tötän! Bringän Moritaäl deinä Kopf!“ Noch einen Schritt war der Letarf nach vorne getreten und der Ork hatte ruckartig seine Hand herunter sausen lassen. Ein kurzes Surren und der Letharf hatte ein unangenehmes vibrieren in der Brust gespürt. Ein kurzer Blick hinab. Dort hatte ein noch immer heftig wackelnder Pfeil in seinem Oberkörper gesteckt.
Als er den Blick wieder gehoben hatte verschwamm sein Blick und er hatte eine Gestalt vor sich wahrgenommen. Eine Gestalt seiner Größe war auf ihn zugekommen, das Gesicht hinter einer schwarz gefärbten Maske von Knochen verborgen. Langsam war der Letharf auf die Knie hinab gesunken, ein Gefühl der Taubheit hatte sich sich vom Pfeil ausgehend ausgebreitet. Ein Gefühl der Übelkeit war hinab in den Magen gekrochen. Und es waren Worte und Szenen an ihn heran gespült worden, Geschehnisse aus der tiefsten Vergangenheit:
„Du bist geschlagen, Temora ist geschlagen.“, spricht der Maskierte. Die kniende Gestalt schaut plötzlich auf, Wut blitzt in ihren Augen. „Oh, ja. Sehr schön. Nähre deinen Zorn. Mache ihn zu einer Waffe. Mit seiner Kraft kannst du mich niederstrecken.“, spricht die Maske leise beschwörend. „Du meinst ein Ritter Alatars kann keinen wehrlosen Mann niederstrecken?“ Dann siehe, wer gegen dich gekämpft hat. Langsam lässt die Gestalt die Hand zur Knochenmaske wandern und löst die Halterung mit einem geübten Griff. Die Knochenmaske fällt auf den Waldboden. Blaue Haut kommt darunter zum Vorschein und die Abscheu ist in Kelans Gesicht deutlich zu sehen.Er keucht auf, versucht letzte Kräfte zu sammeln, doch es ist zu spät. Nichts vermag seine Lebenskraft zurück bringen.
„Aber ein Letharf könnte es.“, sagt Kyr'laex begleitet von einem schallenden Lachen. Blitzschnell findet die Knochenhand ihren Weg zum Pfeil in Kelans Brust. Hasserfüllt blickt er ihn aus den fliederfarbenen Augen an. Wenige Zentimeter trennen ihre Gesichter. Sein Schweiß tropft von seiner Stirn auf die Wange des Menschen. Der Griff um den Pfeil wird fester. Dann ein Ruck und der Pfeil steckt noch ein wenig tiefer in Kelans Fleisch. „Siehst du, dies ist die Art eines Letharfen zu töten. Langsam und genussvoll. Dies ist die Art Alatars verderben über Temora und ihre Anhänger zu bringen.“ Ein Ruck zur Seite treibt einen Ausdruck des Schmerzes auf Kelans Gesicht, seine Glieder werden schlaff und er fällt in die Arme des Letharen. Er blickt ihm genau in die Augen, als der Pfeil von seiner Hand getrieben immer weiter den Weg in das Fleisch findet. Bis diese schließlich brechen und trübe werden. „Vater, es ist vollbracht. Kelan, der Großritter Temoras ist nicht mehr.“
Plötzlich hatte sich kurz der Blick des Letharfen geklärt und er hatte den Ork nur einen Schritt vor sich stehen sehen, als er dann schließlich vorn über zu Boden fiel. Gefällt von einem Pfeil.
Als der Letharf die Augen aufgeschlagen hatte kam es ihm an jenem Orte so ganz anders vor, als im Schlund des Seelenfressers. Doch die Tafel des Vaters konnte dieser Ort ebenso wenig sein. Ein Mann in den Farben der Templer war an seine Bettstelle heran getreten und sprach leise. „Beruhige dich Kind des Einen, du bist in Sicherheit. Wir haben deinen leblosen Körper aus den Händen der Orks befreit und konnten das Fieber stillen und dein Leben erhalten. Du kannst von Glück sprechen, dass der Eine seine Tatze über dich hält.“ Zorn war in dem Letharfen aufgebrannt, als der menschliche Wurm ihn so brüderlich ansprach, doch als er die Stimme zu einer wütenden Erwiderung erheben wollte hatte sie ihm den Dienst versagt und es umfing ihn wieder die schwärze der Ohnmacht.
Es hatte einige Wochen gebraucht, bis der Letharf sich soweit erholt hatte, dass er die Templer hätte verlassen können. Jede einzelne Stunde war ihm wie eine Prüfung vorgekommen. Er hatte schon früher mit Menschen zu tun gehabt, doch niemals so nahe. Niemals vom Tage bis in die Nacht. Abscheu hatte ihn immer stärker erfüllt, doch er sammelte seinen Zorn, um sie nicht zu zeigen und diese Prüfung des Vaters zu meistern. Inzwischen war er davon überzeugt gewesen, dass Er tatsächlich wieder seine Tatze über ihn hielt, sonst hätte er unter den Orks sein Ende gefunden gehabt.
Und so hatte er diese Möglichkeit genutzt trotz all des Ekels um ihre Gewohnheiten und Gebräuche besser kennen zu lernen. Ihre Art dem Vater zu dienen. Ihn war diese oft sehr einfältig erschienen, wie die Taten von Kindern, welche nicht genau wussten, was sie wie zu tun hatten. So hatte er ihnen geholfen ihre Rituale zu verfeinern, die Nähe zum Einen zu mehren. Ihnen nach und nach die wahre Macht des Einen zu lehren. Und damit die eigene zu mehren.
Schon bald hatten sie zu ihm aufgesehen und er konnte spüren, wie er selbst der wirklichen Macht des Vaters wieder näher gekommen war. Immer wieder waren seltsame Unfälle geschehen, die höher stehende Templer das Leben kosteten. Der Eine war in seinem Bad ertrunken, welches noch nicht einmal halb voll gewesen war. Ein zweiter war einfach aus dem Fenster gestürzt. Doch niemals war jemand in ihrer Nähe gesehen worden. Und so war der Lethar in ihrer Mitte immer weiter aufgestiegen, kostete nach und nach wieder die Macht des Vaters und hatte so begonnen sein Reich des Glaubens wieder weiter auszubreiten indem er Templer ausgesandt hatte, um die Ungläubigen zu bekehren und den einzig wahren Glauben anzunehmen.
Und nun hatte ihn dieser Brief erreicht...
Mein Sohn,
eine lange Zeit ist vergangen, der Seelenfresser hat an uns beiden gezerrt, doch hat der Eine seine Tatze über uns gehalten. Lange habe ich in der Zwischenwelt verweilt um nun Seinem Ruf zu folgen und mein eigenes Erbe anzutreten. Wie ich dir damals, die Insignien eines Ritters des Herrn übergab, so übergebe ich dir nun den Dienst an meinem Hofe.
Kehre zurück nach Rahal, um den Glauben zu festigen, die Ungläubigen von ihrem Unglauben abzubringen, oder sie zu vernichten. Das Reich des Herrn soll auf einem unerschütterlichen Fundament des Glaubens fußen, so will Er es, so will ich es.
Denn in seinem Namen bin und spreche ich.
Der Alka.
P.S. Erwarte meine Gesandtschaft reisebereit.
Die blaue Stirn wurde in noch tiefere Falten gezogen, der Zweifel stand in den fliederfarbenen Augen. Er erinnerte sich noch genau, wie der Alka ihm damals die Insignien übergab. Kurze Zeit darauf verschwand der Alka und jemand neues kam an seiner statt, welcher sich auch Alka nannte. Damals hatte er noch nicht gezweifelt, doch mit der Zeit fing er an die Stellvertreterschaft in Frage zu stellen, bis zu jenem Abend, welcher sein Leben in Rahal beendete. Er hatte daraufhin den Segen des Vaters zeitweise verloren. Doch war er wieder an Seine Seite zurück gekehrt. Es schien alles einem geordneten Weg zu folgen, auch wenn es früher nicht so ausgesehen hatte. Der Alka war verschwunden, schließlich auch sein Diener. Doch nun sollten sie wieder nach Rahal zurückkehren. Es war alles eine Folge von Prüfungen, der Steinige Weg zum Herrn. Doch er wollte ihn vollenden, um jeden Preis. Denn nur an Seiner Seite in Nileth Azhur konnte er er selbst sein.
Nun zog sich ein leises Lächeln um den Mund, um sofort wieder zu verschwinden, einem boshaften Grinsen den Weg zu bereiten. Doch die sorgenvoll gerunzelte Stirn blieb, die Wogen im Inneren glätteten sich nicht. Nach außen waren es nur Kleinigkeiten, doch im inneren tobt ein Kampf. Heiß brennt eine Erkenntnis in seinen Gedanken, heiß wie die Flamme der Kerze in den Augen: Das zu dem wir werden wird auch entschieden von dem, was wir waren.
Die Augen des Verführers, der Körper des Kriegers. Die Strebsamkeit der Jugend, die Weisheit des Alters. Der Geist des Philosophen, die skrupellosigkeit des Mörders. Die Aufopferung des Sklaven, die Durchsetzungskraft des Tyrannen.
„In deinem Namen werde ich deinem Stellvertreter, dem Alka dienen und dir das größte Werkzeug sein welches die Welt gesehen hat Vater. Ich werde dir die Welt zu Füssen legen. Und das Fundament des Glaubens errichten, worauf der Alka dein Reich im Diesseits erbaut.“
Schwarze Knochenhände, die Fingerspitzen an einander gelegt, erhellt nur von flackerndem Kerzenlicht. Einen riesigen Schatten werfen sie an die Wand. Wie die monströsen Klauen eines Wiedergängers. Ein Wesen dem Alptraum eines Kindes entsprungen. Nachtblaue Haut, ein Gesicht zur Hälfte erleuchtet. Fremdartig wirkt es, gleichsam beängstigend und faszinierend. Das Unbekannte ist es, was uns das Fürchten lehrt, doch ist es die Neugierde, welche uns lockt.
Einen dunklen Schatten werfen die hohen Wangenknochen unter die fliederfarbenen Augen. Ihre Farbe verspricht uns Verheißung, doch ihr Innerstes ist kalt wie Eis. Uns erfüllt das Begehren sich in ihnen zu verlieren, doch was ist der Preis? Zu Schlitzen verengt blicken jene zur Tür. Verraten uns den arbeitenden Geist. In kurzen rythmischen Abständen verhärten sich die Kiefermuskeln, verraten die große Anspannung, als die Backenzähne aufeinander reiben. Jung wirkt die straffe Haut über den arbeitenden Muskeln, keine Spur des Alters, welches uns schon längt dahin gerafft. Bartlos die Wangen und das Kinn, zart wirkend, wie die Haut eines Neugeborenen. Das Verlangen könnte uns übermannen, das Verlangen sie zu berühren. Schon fast hätten wir die Hand ausgestreckt, sanft liebkosend diese weiche Haut ertastet. Doch was uns schreckt sind die Narben, tief gebrannt in makellose Haut, als Zeichen seiner Treue. Genommen haben sie die Unschuld, gebracht haben sie die Macht.
Der Blick wendet sich von der Tür auf die Kerze. Schnell verkleinert sich die Pupille innerhalb der fliederfarbenen Iris. Es schmerzt. Hell brennt sich das Kerzenlicht in die übermenschlich geschärften Augen, das letze Erbe der Edhil. Schmerz, dies war das rechte, Schmerz bringt Klarheit, wo Verwirrung herrscht. Die Brauen zusammen gezogen, die Stirn in tiefe Falten gelegt, der Blick weiter auf die schmerzhafte Helligkeit gewandt. Was war es, was er darstellte? Was war seine Bestimmung? Langsam entzog sich der Blick dem wohltuenden Schmerz der hellen Kerzenflamme, ließ sich auf der Tür nieder, ein dunkles Abbild dort hinterlassend, wo eben noch die Flamme sich in seinen Blick brannte. Und die Gedanken schweiften einige Monde zurück...
Schweißperlen waren von der Stirn getropft, als die Gestalt sich umständlich von der Ruhestätte aufgesetzt hatte, die fliederfarbenen Augen wieder halb geschlossen, die Stirn sorgenvoll in tiefe Falten gelegt. Immer wieder war dieser Traum zurück gekehrt. Mory'taels grinsendes von Genugtuung erfülltes Gesicht. „Hiermit erkläre ich Kyr'laex für Vogelfrei!“ Und anschließend immer wieder die Bilder zweier Lethare, eng aneinander gepresst, die Haare nass vom Schweiß, die Luft von Lust erfüllt. Und schließlich wieder dieses Gesicht, welches ihm nur Hohn und Spott entgegen spuckte. „Du hast versagt Kyr'laex. Besser hättest du dich in Geduld geübt. Du hast alles verloren. Nicht einmal deine Lethra konntest du halten.“
Noch lange war das höhnische Lachen nach dem Erwachen in den Ohren der Gestalt nachgeklungen. Und immer stärker hatte sich der Zorn im Letharfen gesammelt, immer stärker hatte die heiße, alles verzehrende Flamme in ihm gebrannt. Doch der letzte, krönende Abschluss, die Essenz des Vaters blieb war ihm verschlossen geblieben, zu lange hatte er Seine Nähe schon nicht mehr verspürt. Unfähig zu sagen, ob es Wochen, Monate, oder gar Jahre waren hatte sich der Letharf in Sehnsucht nach diesem Gefühl verzehrt. Dem Gefühl eins zu sein mit dem Vater, eins mit seinem göttlichen Zorn. Langsam hatte sich der unbekleidete, noch immer stattliche Letharf, wenn auch die Muskeln ob der vernachlässigten Ertüchtigungen langsam erschlafften, erhoben.
Den linken Arm seltsam angewinkelt hatte er sich zum anderen Ende des Raumes begeben. Von Kerzen erhellt hatte dort eine kleine Statue gestanden. Ein Panther welcher zum Sprung ansetzte, die angepannten Muskeln des Tieres waren sorgsam herausgearbeitet. Das von den Kerzen getropfte Wachs hatte den Schrein nahezu vollständig bedeckt. Darauf sorgsam gebettet hatten ein Schild und ein Schwert gelegen. Die Insignien einstiger Größe. Ihr Anblick hatte den Letharfen ein jedes mal tief bis ins Mark getroffen. Langsam war die blaue Hand beinahe liebevoll über das Metall gestrichen, auf welches kein Staubkorn seinen Weg gefunden hatte. Spröde hatte es sich unter der Hand angefühlt. Die Oberfläche matt, nicht mehr schwarz glänzend wie damals, bevor die göttliche Macht aus ihnen gewichen war. Die Berührung hatte alte Erinnerungen an Macht und die Nähe zum Vater geweckt. Die große Leere innerhalb des Geistes des Letharfen hatte sich nun mit Trauer und Zorn gefüllt, die Augen mit Tränen. „Nur dein Kind...“, hatte der Lethar leise, beinahe flehend gemurmelt, die Gedanken weit in der Vergangenheit und doch der Gegenwart verhaftet.
Ein kurzer Zug an der Schublade der Kommode neben dem kleinen Schrein hatte eine Rüstung aus Kettengeflecht zum Vorschein gebracht. Ebenso sorgsam gepflegt wie der Schild und das Schwert schimmerte das Metall in einem dunklen, bläulichen Lila. Beinahe ehrfürchtig herausgehoben hatte der Letharf die Rüstung nach einer schnellen Reinigung, das Abwaschen des Schweißes der Nacht vollzog er beinahe wie ein Ritual, schon angelegt. Schwer hatte sie auf den Schultern gelastet, welche das Tragen einer Rüstung kaum mehr gewohnt waren. Umständlich wurde der Schild an seinen linken Arm gebunden, welcher schwerlich in der Lage war den großen Schild zu halten. Von einer Mischung aus dem Stolz der Vergangenheit und dem Trotz der Gegenwart erfüllt hatte er schließlich das Ahadschwert umgürtet.
Das Davonlaufen vor der Vergangenheit musste ein Ende haben, er musste sich seinem Schicksal stellen. Auch wenn dies bedeutete, dass er niemals an die Tafel des Herrn treten, sondern im Schlund des Seelenfressers enden würde. „Fahr' doch zu Kra'thor!“ Hatte er sich selbst verflucht und schließlich strammen Schrittes die schäbige Herberge hinter sich zurückgelassen. Er musste zur Hafenstadt gelangen. Nur von dort kam er zurück nach Gerimor, um dieser gescheiterten Existenz endlich ein Ende zu bereiten.
Die Reise war für den Letharfen zu einer Qual geworden, zu lange schon hatte er seinen Körper vernachlässigt, sich nicht mehr um die Erhaltung seiner einstigen Kraft geschert. Immer schwächer war er unter den Strapazen des Weges geworden. Tief hatte er eine Kapuze in sein Gesicht gezogen, um sich vor der Sonne und allzu neugierigen Blicken zu schützen. Der Schweiß hatte immer wieder den Weg in seine Augen gefunden, brannte dort. Doch das brennen der Seele hatte dieser leise Schmerz niemals überlagern können. Der Weg hatte schließlich zu einem Waldstück geführt, innerhalb des Hohlweges hatte die Sonne nicht so stark gebrannt und der Waldboden hatte eine wohltuende Feuchtigkeit mit sich gebracht.
Doch dann hatten die noch immer empfindlichen Ohren des Letharfen ein ungewöhnliches Knacken im Unterholz ausgemacht, begleitet von schnüffelnden Geräuschen. Begleitet von lautem Protest brechender Äste war eine Gruppe von Orks aus dem Unterholz auf den Hohlweg getreten. „Du Läthar wartän! Olorghi mit dia sprächen tun wollän!“ Die Augenbrauen des Letharfen zogen sich unter der Kapuze zusammen, die fliederfarbenen Augen zu Schlitzen verengt. „Tretet bei seite im Namen des Vaters, ihr habt mir nicht zu gebieten, Kinder des Sklavenvolkes!“ „Olorghi kommen von Läthür Mory'taäl! Wia dia viel gebietän!“ Mit schwung hatte der Letharf seinen Umhang und die Kapuze nach hinten geworfen, die Schwäche und Schmerzen, sowie die Steifigkeit seiner Linken mit einem arroganten Gesichtsausdruck überspielend. „Und was wollt ihr von mir?“ „Wia gekommän dia zu holän, tot oder lebändig. Wia machen motscherei mit dia, wenn nicht gehorchän!“ Langsam war die Rechte hinab zum Ahadschwert geglitten, die Maske der Zuversicht weiter zur Schau tragend. Ein paar der Orks waren nervös ein Stück zurück geschritten, doch der Sprecher hatte nur die Hand gehoben. „Wia dia warnän, du stehen, oder wia tötän! Bringän Moritaäl deinä Kopf!“ Noch einen Schritt war der Letarf nach vorne getreten und der Ork hatte ruckartig seine Hand herunter sausen lassen. Ein kurzes Surren und der Letharf hatte ein unangenehmes vibrieren in der Brust gespürt. Ein kurzer Blick hinab. Dort hatte ein noch immer heftig wackelnder Pfeil in seinem Oberkörper gesteckt.
Als er den Blick wieder gehoben hatte verschwamm sein Blick und er hatte eine Gestalt vor sich wahrgenommen. Eine Gestalt seiner Größe war auf ihn zugekommen, das Gesicht hinter einer schwarz gefärbten Maske von Knochen verborgen. Langsam war der Letharf auf die Knie hinab gesunken, ein Gefühl der Taubheit hatte sich sich vom Pfeil ausgehend ausgebreitet. Ein Gefühl der Übelkeit war hinab in den Magen gekrochen. Und es waren Worte und Szenen an ihn heran gespült worden, Geschehnisse aus der tiefsten Vergangenheit:
„Du bist geschlagen, Temora ist geschlagen.“, spricht der Maskierte. Die kniende Gestalt schaut plötzlich auf, Wut blitzt in ihren Augen. „Oh, ja. Sehr schön. Nähre deinen Zorn. Mache ihn zu einer Waffe. Mit seiner Kraft kannst du mich niederstrecken.“, spricht die Maske leise beschwörend. „Du meinst ein Ritter Alatars kann keinen wehrlosen Mann niederstrecken?“ Dann siehe, wer gegen dich gekämpft hat. Langsam lässt die Gestalt die Hand zur Knochenmaske wandern und löst die Halterung mit einem geübten Griff. Die Knochenmaske fällt auf den Waldboden. Blaue Haut kommt darunter zum Vorschein und die Abscheu ist in Kelans Gesicht deutlich zu sehen.Er keucht auf, versucht letzte Kräfte zu sammeln, doch es ist zu spät. Nichts vermag seine Lebenskraft zurück bringen.
„Aber ein Letharf könnte es.“, sagt Kyr'laex begleitet von einem schallenden Lachen. Blitzschnell findet die Knochenhand ihren Weg zum Pfeil in Kelans Brust. Hasserfüllt blickt er ihn aus den fliederfarbenen Augen an. Wenige Zentimeter trennen ihre Gesichter. Sein Schweiß tropft von seiner Stirn auf die Wange des Menschen. Der Griff um den Pfeil wird fester. Dann ein Ruck und der Pfeil steckt noch ein wenig tiefer in Kelans Fleisch. „Siehst du, dies ist die Art eines Letharfen zu töten. Langsam und genussvoll. Dies ist die Art Alatars verderben über Temora und ihre Anhänger zu bringen.“ Ein Ruck zur Seite treibt einen Ausdruck des Schmerzes auf Kelans Gesicht, seine Glieder werden schlaff und er fällt in die Arme des Letharen. Er blickt ihm genau in die Augen, als der Pfeil von seiner Hand getrieben immer weiter den Weg in das Fleisch findet. Bis diese schließlich brechen und trübe werden. „Vater, es ist vollbracht. Kelan, der Großritter Temoras ist nicht mehr.“
Plötzlich hatte sich kurz der Blick des Letharfen geklärt und er hatte den Ork nur einen Schritt vor sich stehen sehen, als er dann schließlich vorn über zu Boden fiel. Gefällt von einem Pfeil.
Als der Letharf die Augen aufgeschlagen hatte kam es ihm an jenem Orte so ganz anders vor, als im Schlund des Seelenfressers. Doch die Tafel des Vaters konnte dieser Ort ebenso wenig sein. Ein Mann in den Farben der Templer war an seine Bettstelle heran getreten und sprach leise. „Beruhige dich Kind des Einen, du bist in Sicherheit. Wir haben deinen leblosen Körper aus den Händen der Orks befreit und konnten das Fieber stillen und dein Leben erhalten. Du kannst von Glück sprechen, dass der Eine seine Tatze über dich hält.“ Zorn war in dem Letharfen aufgebrannt, als der menschliche Wurm ihn so brüderlich ansprach, doch als er die Stimme zu einer wütenden Erwiderung erheben wollte hatte sie ihm den Dienst versagt und es umfing ihn wieder die schwärze der Ohnmacht.
Es hatte einige Wochen gebraucht, bis der Letharf sich soweit erholt hatte, dass er die Templer hätte verlassen können. Jede einzelne Stunde war ihm wie eine Prüfung vorgekommen. Er hatte schon früher mit Menschen zu tun gehabt, doch niemals so nahe. Niemals vom Tage bis in die Nacht. Abscheu hatte ihn immer stärker erfüllt, doch er sammelte seinen Zorn, um sie nicht zu zeigen und diese Prüfung des Vaters zu meistern. Inzwischen war er davon überzeugt gewesen, dass Er tatsächlich wieder seine Tatze über ihn hielt, sonst hätte er unter den Orks sein Ende gefunden gehabt.
Und so hatte er diese Möglichkeit genutzt trotz all des Ekels um ihre Gewohnheiten und Gebräuche besser kennen zu lernen. Ihre Art dem Vater zu dienen. Ihn war diese oft sehr einfältig erschienen, wie die Taten von Kindern, welche nicht genau wussten, was sie wie zu tun hatten. So hatte er ihnen geholfen ihre Rituale zu verfeinern, die Nähe zum Einen zu mehren. Ihnen nach und nach die wahre Macht des Einen zu lehren. Und damit die eigene zu mehren.
Schon bald hatten sie zu ihm aufgesehen und er konnte spüren, wie er selbst der wirklichen Macht des Vaters wieder näher gekommen war. Immer wieder waren seltsame Unfälle geschehen, die höher stehende Templer das Leben kosteten. Der Eine war in seinem Bad ertrunken, welches noch nicht einmal halb voll gewesen war. Ein zweiter war einfach aus dem Fenster gestürzt. Doch niemals war jemand in ihrer Nähe gesehen worden. Und so war der Lethar in ihrer Mitte immer weiter aufgestiegen, kostete nach und nach wieder die Macht des Vaters und hatte so begonnen sein Reich des Glaubens wieder weiter auszubreiten indem er Templer ausgesandt hatte, um die Ungläubigen zu bekehren und den einzig wahren Glauben anzunehmen.
Und nun hatte ihn dieser Brief erreicht...
Mein Sohn,
eine lange Zeit ist vergangen, der Seelenfresser hat an uns beiden gezerrt, doch hat der Eine seine Tatze über uns gehalten. Lange habe ich in der Zwischenwelt verweilt um nun Seinem Ruf zu folgen und mein eigenes Erbe anzutreten. Wie ich dir damals, die Insignien eines Ritters des Herrn übergab, so übergebe ich dir nun den Dienst an meinem Hofe.
Kehre zurück nach Rahal, um den Glauben zu festigen, die Ungläubigen von ihrem Unglauben abzubringen, oder sie zu vernichten. Das Reich des Herrn soll auf einem unerschütterlichen Fundament des Glaubens fußen, so will Er es, so will ich es.
Denn in seinem Namen bin und spreche ich.
Der Alka.
P.S. Erwarte meine Gesandtschaft reisebereit.
Die blaue Stirn wurde in noch tiefere Falten gezogen, der Zweifel stand in den fliederfarbenen Augen. Er erinnerte sich noch genau, wie der Alka ihm damals die Insignien übergab. Kurze Zeit darauf verschwand der Alka und jemand neues kam an seiner statt, welcher sich auch Alka nannte. Damals hatte er noch nicht gezweifelt, doch mit der Zeit fing er an die Stellvertreterschaft in Frage zu stellen, bis zu jenem Abend, welcher sein Leben in Rahal beendete. Er hatte daraufhin den Segen des Vaters zeitweise verloren. Doch war er wieder an Seine Seite zurück gekehrt. Es schien alles einem geordneten Weg zu folgen, auch wenn es früher nicht so ausgesehen hatte. Der Alka war verschwunden, schließlich auch sein Diener. Doch nun sollten sie wieder nach Rahal zurückkehren. Es war alles eine Folge von Prüfungen, der Steinige Weg zum Herrn. Doch er wollte ihn vollenden, um jeden Preis. Denn nur an Seiner Seite in Nileth Azhur konnte er er selbst sein.
Nun zog sich ein leises Lächeln um den Mund, um sofort wieder zu verschwinden, einem boshaften Grinsen den Weg zu bereiten. Doch die sorgenvoll gerunzelte Stirn blieb, die Wogen im Inneren glätteten sich nicht. Nach außen waren es nur Kleinigkeiten, doch im inneren tobt ein Kampf. Heiß brennt eine Erkenntnis in seinen Gedanken, heiß wie die Flamme der Kerze in den Augen: Das zu dem wir werden wird auch entschieden von dem, was wir waren.
Die Augen des Verführers, der Körper des Kriegers. Die Strebsamkeit der Jugend, die Weisheit des Alters. Der Geist des Philosophen, die skrupellosigkeit des Mörders. Die Aufopferung des Sklaven, die Durchsetzungskraft des Tyrannen.
„In deinem Namen werde ich deinem Stellvertreter, dem Alka dienen und dir das größte Werkzeug sein welches die Welt gesehen hat Vater. Ich werde dir die Welt zu Füssen legen. Und das Fundament des Glaubens errichten, worauf der Alka dein Reich im Diesseits erbaut.“