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Verfasst: Montag 1. September 2025, 22:59
von Florence Lascari
  • *Seitdem sie bei dem Schiffsgerippe anwesend war, hatte sie sich, wann immer es der Dienst und das Leben im Berg und auf der Klamm erlaubte, den Weg zum Adoraner Hafen gefunden.

    Meist zur vierten Glasen der Rattenwache traf sie dort ein, um das, was besprochen war, zu unterstützen bis die erste Glocke für die Nachtwache schlug. Dabei war sie zu Beginn nicht mehr als eine helfende Hand für die erfahrenen Zimmermannsleute, Seiler oder Schmiede, aber das machte ihr nichts aus. Immerhin war sie über die Jahre erst in Erfahrungen auf See gereift und natürlich gehörte dazu, sich für keine Arbeit zu schade zu sein. Sie brachte einen ganzen Seesack an guter Laune, Tatendrang und auch reichhaltige Nahrung aus dem Berg mit: Steinbeißer Hartwurst geräuchert, Ogergulasch und einmal sogar Sauerkraut und kaltes Spanferkel aufgeschnitten. Sachen, die die Laune heben können, auf Bhir und Rum verzichtete sie zunächst, nicht dass es da Ärger gab.

    Der Vorteil an der späten Arbeit auf dem Dock war, dass nicht mehr allzu viele am Arbeiten war, und sie so sich genauer erklären lassen konnte, was wofür noch benötigt wurde. Dafür traf sie wohl nur selten auf die anderen der Marine bei den Arbeiten, aber auch das störte sie nicht. Entscheidend ist das Ergebnis! Auf wundersame Weise trafen nach und nach Schmiedewaren der Kaluren ein für allerley Teile, hier eine Ringöse, da ein ganzer Stapel dünn gehauene Bleiplatten für die Ladung zum Abdichten bei Schäden, besonders gehärtete Äxte zum Durchtrennen von Wanten im Notfall, lange Ketten für verschiedene Zwecke, falls die Spiere damit hochgezogen werden sollten und nicht mit Tauen, oder für den Bugspriet. Haben war immer noch besser als brauchen! Und das, was sie besorgte und heran schaffte, fand sich auch keine Rechnung.

    Schon bald wurde ihr aber auch klar, dass es für die Takelage Unmengen an Tauwerk und Seilen brauchen würde. Das würde bei einem Reepschläger stattfinden müssen und den Reeperbahnen. "Aye, bin dann wenn akh Zeit hab da zu finden, bis hier die Takelage geknüpft werden kann!" Und so half sie von dünnen Gordings und Geitauen bis hin zum Kabelgarn und Unteram dicken Tauen und Trossen. Schweiß treibend in diesen langen Gebäuden Hanf und anderes zu verdrillen und aufzuschießen. Eine wirkliche Freiwache hatte sie durch den Dienst in der Graik kaum noch. Nur gegen Ende half sie des Nächtens die Takelage zu erstellen. Und doch stapelten sich nach und nach die Ergenisse in den Lagern.

    Bei Arbeitsbeginn sah sie zunehmend wie sich das Tagwerk bemerkbar machte. Müde und mit einem Lächeln, dafür fast mühelose klettterte sie nach oben in die Wanten um die Takelage hier und da zu vervollständigen und für die Rahen vorzubereiten. Sie hatte ihre Hilfe angeboten und das setzte sie auch in kalurischer wie Cirmias gefälliger Weise um. Immerhin waren sie Verbündete und auch an Land fragte niemand, wenn man sich half, auf See sollte das noch wichtiger sein, in ihren Augen.*

Verfasst: Donnerstag 25. September 2025, 09:25
von Viktoria Hamberg
Die Werft glich an diesem Abend einer Schmiede der Zukunft. Funken stoben auf, wo Eisen auf Eisen schlug, und die schweren Balken hallten vom Echo der Arbeit wider. Über den riesigen Rumpf der Brigg legte sich das warme, goldene Licht der Laternen, und Staub wirbelte im Schein wie kleine Sonnenfunken. Jeder Atemzug roch nach Harz, nach frischem Holz, nach Schweiß - ein Atemzug von Schöpfung.
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Das Magazin.

Arjen Elsinga Und Leon Montalvan standen mitten im Chaos wie ein Fels. Mit hochgekrempelten Ärmeln und funkelnden Augen scheuchten sie die Arbeiter umher. „Hier, die Wand muss doppelt verstärkt werden! Und die Tür - eine Bastion aus Eisen!“ Arjens Stimme war wie ein Schlag auf den Amboss: unmissverständlich, schwer und sicher. Neben ihm notierte Leon akribisch jedes Detail, hob ab und zu die Hand, um eine Skizze zu korrigieren.

Weiter achte man auf die Sicherheit des Magazins. Massive Wände, eine „Madre aller Türen“, Ventile zum Fluten und schwer verglaste Fenster für indirektes Licht sollten den Raum so sicher wie möglich machen. Regale für das Pulver waren vorgesehen wie in einem Weinkeller, nur verstärkt und fest verkeilt. Bronze und Kupfer statt Eisen sollten Funkenflug verhindern.

Beide Männer wirkten, als hätten sie das Schiff längst vor Augen - nicht aus Holz, sondern aus Gedanken und Pflicht geformt.

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Die Behandlungskabine.

Ein paar Schritte weiter beugten sich Viktoria Hamberg und Greya Ontanu über die Pläne des Lazaretts. Ihre Köpfe fast nebeneinander, die Stimmen ernst und lebendig zugleich. Greya ließ den Kohlestift über das Pergament tanzen, zeichnete Abflüsse, Haken und Schienen, ihre Augen blitzten voller Energie. „Blut, Wasser, was auch immer - wir brauchen Wege, alles fortzuspülen!“ Viktoria nickte, deutete mit ihrem behandschuhten Finger auf die Ränder. „Und frische Luft. Niemand soll hier ersticken, ehe er geheilt ist.“

Ein Behandlungszimmer sollte entstehen, mit Bett, Vorhang und einer Arbeitsfläche. Regale, Schränke und Halterungen mussten so entworfen werden, dass selbst im heftigsten Seegang nichts durch die Kabine flog. Schubladen, verschließbare Türen und Schlaufen zur Fixierung der Instrumente wurden in die Skizzen eingetragen. Ausklappbare Behandlungsliegen und Schaukästen mit Gittern fanden ebenso ihren Platz.

Um sie herum lauschten die Werftarbeiter, ein wenig stumm, fast ehrfürchtig, wie Bauern, die einer Alchemistin bei geheimen Formeln zusehen.

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Der Lagerraum.

Cecilia stand ein wenig abseits, doch auch sie hinterließ Spuren. Mit leiser Stimme erklärte sie Zeichnungen, die sie in den Händen hielt. Ihre Worte waren zurückhaltend, aber so klar, dass die Arbeiter ihnen folgten, als wären es Kommandos. Wer genau hinsah, bemerkte, wie ihre Finger das Pergament fest umschlossen hielten und wie sie jedes Mal einen Atemzug tiefer nahm, wenn ein Blick zu lange auf ihr verweilte.

Die drei Ebenen der Brigg nahmen in den Köpfen aller immer klarere Gestalt an: das offene Oberdeck für Geschütze und Arbeit, das Unterdeck für Quartiere, Küche und Lazarett, und ganz unten der Laderaum, wo schwere Lasten verstaut und mit Flaschenzügen bewegt werden konnten. Vorschläge für Ladebäume, Schienensysteme und rollengelagerte Seilzüge wurden notiert, damit auch ohne Hafenkräne schwere Güter an Bord gelangen konnten.

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Der Abschluss.

Dann erhob sich die Stimme von Vincent Stahl, wie ein Hornstoß zwischen den Balken. Mit ausladenden Gesten malte er den Männern und Frauen Bilder in den Abend: „Stellt euch vor, wie die Brigg die Wellen schneidet! Wie der Wind unsere Segel bläht - stolz wie die Brust eines Singvogels!“ Seine Worte ließen die Zimmerleute grinsen, ließen Lehrlinge die Arbeit für Sekunden vergessen. Selbst die alten Werftmeister hielten inne, die Späne im Bart, und lauschten, als hätten sie längst die Gischt im Gesicht gespürt.

Die Tür der Werft öffnete sich, und eine neue Schwere trat ein. Gwenna von Nordlicht und Lydia von Stahl, edel, straff und aufrecht, erschienen in der Halle. Im selben Moment richteten sich die Soldaten auf, als sei eine unsichtbare Saite gezupft worden. Vincent war der erste, der den Arm zum Salut hob, so fest, als wollte er den Himmel selbst stützen. „Krone und Reich zur Ehr!“ hallte es, und dutzende Stimmen folgten. Gwenna nickte kaum merklich, doch in diesem Nicken lag Anerkennung und Erwartung. Lydia ließ ihre scharfen Augen über die Werft schweifen. „Alles unter Kontrolle, Gardist Stahl?“ Ein kurzes Zögern, dann Vincents fester Blick: „Jawohl!“

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Die Arbeit setzte sich fort, aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Jetzt war es nicht nur der Bau eines Schiffes, sondern eine Prüfung, ein Schwur. Hammer und Säge, Schweiß und Staub wurden zu Zeichen von Treue. Jeder Balken, der geschultert wurde, schien ein Stück Geschichte zu tragen.

Als die Sonne versank und die Schatten länger wurden, erhob sich Vincent erneut, diesmal lauter, fester: „Kameraden! Dienstschluss, redlich verdient!“ Wie aus einem Guss stellten sich die Marinesoldaten in einer Reihe auf, die Hände an der Schläfe, die Haltung stramm wie Stahl.

„Temora beschützt, Kameraden!“ rief Viktoria, die Stimme hell und klar.
„Aye, Temora beschützt!“ hallte es zurück, und für einen Moment klang es, als hätten nicht nur Menschen, sondern auch die Wände der Werft geantwortet.

Die Männer und Frauen lösten sich, Schulter an Schulter hinaus in die kühle Nacht. Doch über allem blieb das Bild der Brigg, riesig, fast vollendet und doch schon jetzt mehr als Holz. Sie war das Versprechen einer Zukunft, ein stiller Eid, dass niemand von ihnen allein stand.

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Re: Wellenreiter [MMT]

Verfasst: Mittwoch 29. Oktober 2025, 22:13
von Viktoria Hamberg
Es war bereits dunkel als Viktoria gemeinsam mit Feldwebel Kabo, Gardist Ontanu und Rekrut Orlaith das Haus des Schmieds verließ. Der Geruch von Kohle und heißem Eisen hing noch in der Luft, schwer und vertraut, als sie die Straße hinabgingen. In Gedanken ging sie bereits die Aufgaben durch, die vor ihr lagen. Die Brigg war fast fertiggestellt, das Holz glänzte neu und fest unter der Morgensonne, doch ohne Kanonen war sie kaum mehr als ein schönes, aber wehrloses Schiff. Garvin Stahl hatte zugesagt, die Gießerei zu übernehmen, doch er brauchte Materialien, Helfer und die offizielle Erlaubnis, an der Werft zu arbeiten. All das lag nun in Viktorias Händen.

Im Kastell angekommen, machte sie sich unverzüglich an die Arbeit. Das Licht der Öllampe warf flackernde Schatten über den Tisch, während sie in sauberer, fester Schrift das Gesuch an die Vogtin formulierte. Mit ruhiger Hand schrieb sie jedes Wort, sachlich und knapp, doch mit dem Nachdruck, der einer militärischen Angelegenheit gebührte. Es war ein Schreiben im Auftrag des Regiments, zur Unterstützung des Schmieds Garvin Stahl, dessen Werk über den Erfolg der ganzen Unternehmung entscheiden würde. Als das Siegel schließlich getrocknet war, sandte sie einen Boten aus, der das Dokument noch vor Mitternacht zur Vogtin bringen sollte.

Viktoria Hamberg hat geschrieben: Mittwoch 29. Oktober 2025, 21:06 Adoran, 29. Goldblatt 268 - Regimentskastell

An die hochgeschätzte Vogtin von Adoran,
Kathrina von Winterwacht

Krone und Reich zu Ehr, Hochedle von Winterwacht,

in größter Hochachtung wende ich mich mit einem dringlichen Anliegen an Euch.

Im Auftrag des Regiments und im Hinblick auf den bevorstehenden Stapellauf der Regimentsbrigg am 04. Rabenmond 268 ersuchen wir um Eure wohlwollende Genehmigung, dem Schmied Garvin Stahl die Erlaubnis zu erteilen, an der Mine zu Adoran einen Graben für die Kanonengießerei ausheben zu dürfen.

Dieser Schritt ist unerlässlich, damit der Guss der Kanonen ohne weitere Verzögerung beginnen kann und das Schiff rechtzeitig vollständig ausgerüstet werden möge.

Wir wissen um Eure Umsicht und Fürsorge für die Ordnung der Stadt und bitten daher um Euer rasches Wohlwollen, damit die Arbeiten unverzüglich ihren Lauf nehmen können.

Für Eure Unterstützung in dieser wichtigen Angelegenheit spricht das Regiment seinen aufrichtigsten Dank aus.

Mit tiefem Respekt und verbindlichster Hochachtung,

Für Krone, Reich und Glauben.

Im Auftrag von Feldwebel Marlan Kabo
Viktoria Hamberg
- Schriftführerin und Gardistin des Lichtenthaler Regiments -

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Noch in der selben Nacht stand Viktoria bereits an der Werft. Der Nebel hing tief über den Masten, und das Wasser glitzerte bleich unter dem aufgehenden Mond. Sie übergab das zweite Schreiben an den diensthabenden Aufseher, eine formelle Bestätigung der Erlaubnis aus Kabos Feder, die Garvin Stahl den Zugang zur Werft und zum Schiff gewährte. Der Mann prüfte das Siegel, notierte den Namen des Schmieds in das Verzeichnis und nickte nur knapp. Damit war der wichtigste Teil getan: Garvin durfte seine Arbeit beginnen.

Schon am folgenden Morgen würde sich die Logistik in Bewegung setzen können. Das Lager des Regiments war informiert. Im Hof des Kastells wurden Wagen beladen, mit Säcken voll Sand, Fässern Kohle, Behältern mit Mist für die Formmischung und gebündeltem Holz für das Feuer. Drei Zimmerleute aus der Werft schlossen sich an, Männer mit wettergegerbten Gesichtern und schwieligen Händen, die schon Dutzende Schiffe entstehen gesehen hatten. Cecilia und Viktoria überwachten die Beladung persönlich, prüften jede Lieferung und Cecilia notierte jede Menge in ihre kleines, ledergebundenen Buch.

Der Wind trug den Geruch von Salz und Rauch herüber, und in der Ferne klang das Hämmern der Werft wie ein Herzschlag, gleichmäßig und stetig. Sie wusste, dass dies erst der Anfang war, dass die eigentliche Arbeit nun erst begann, wenn Garvin das Feuer in seiner Esse entfachte und das Metall zum Glühen brachte.

Später, zurück in der Kommandantur, setzte sich Viktoria an den Schreibtisch und schlug ihr Notizbuch auf. Mit ruhiger Hand zog sie eine Linie unter die letzten Einträge und setzte einen Haken hinter jeden Punkt. Der Zugang zur Werft war erteilt, die Materialien unterwegs, die Helfer angewiesen. Alles war vorbereitet. Die Genehmigung von der Vogtin war nun der letzte Punkt, der erledigt werden musste. Sie legte die Feder beiseite, schloss das Buch und ließ den Blick einen Moment über den Raum schweifen. Der Abend war still, nur das ferne Klirren von Metall drang durch das Fenster.

Draußen, irgendwo in der Dunkelheit, würde Garvin Stahl schon bald das erste Metall in die Form gießen. Das Feuer seiner Schmiede würde hell brennen, ein Zeichen für den Beginn der Arbeit, die die Brigg zu einer Waffe des Regiments machen würde. Und Viktoria wusste, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte, unscheinbar vielleicht, doch notwendig. Ein Auftrag in Eisen und Feuer, geboren aus Pflicht, Planung und jener stillen Entschlossenheit, die ihr längst zur zweiten Natur geworden war.

Für Krone, Reich und Glauben.
Für das Regiment. Für die Marine.

Re: Wellenreiter [MMT]

Verfasst: Montag 3. November 2025, 10:12
von Garvin Stahl
Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Der Abend war unterhaltsam, wenn er auch mit einem kräftezehrenden und umfangreichen Auftrag einherging, den er lange und intensiv erwähnte abzulehnen. Es gab mehr gute Gründe ihn nicht anzunehmen, das stand zweifellos fest. Doch war das Gewicht der Gründe es doch zu tun, etwas schwerwiegender. Die Genesung des Beines war weit fortgeschritten und es begann eine gewisse Normalität einzukehren. Auf der einen Seite zum Fürchten, auf der anderen etwas nach dem man sich sehnte. Es stand eine viel weitreichendere Entscheidung an, als die des Auftrages. Bleiben oder gehen. Zurück ins Jägertal und die Abgeschiedenheit zurückgewinnen, die einen mehr als einmal vor dem Verlust des Verstandes bewahrt hat, oder in der Gesellschaft von Familie und alten Bekannten bleiben, die einen jedoch immer wieder dazu bewegt hatten, zu gehen.
Seit Wochen tobte in ihm der innere Kampf bei dem es noch immer keinen Gewinner zu geben scheint und so stand fest – ein paar Tage länger werden nicht schaden um der Entscheidungsfindung näher zu kommen. Und die Aufnahme der Arbeit wird auch nicht unzuträglich sein, um wieder in gewohnte Umgebungen zurückzukehren, die einem gut tun. Und so wurde das Problem der Entscheidungsfindung einfach gekonnt vertagt.

Nachdem die Formalitäten geklärt waren und keine Fragen mehr offen blieben und auch die erste Nacht genutzt wurde um noch etwas erholsamen und kraftsammelnden Schlaf zu tanken, begann die eigentliche Tortour.

Am Folgetag brach er recht früh gen Hafen auf um sich das Schiff und die Gegebenheiten genauer anzusehen. Da das Hafenpersonal informiert wurde, zeigte man ihm bereitwillig alles was er zu sehen wünschte. Ohne sich ein genaues Bild von Schiff, Beschaffenheit, Statik und Platz gemacht zu haben, würde er keine Kanonen anfertigen können. Die Zeit auf dem Schiff verbrachte er überwiegend schweigend. Zwar holte er sich immer wieder Informationen ein, die er brauchte, doch fand die meiste Arbeit im Stillen statt, Theorien über Theorien im Kopf erarbeitend, bearbeitend und teilweise auch verwerfend. So lange, bis er eine genaue Vorstellung dessen hatte, was er die nächsten Tage umsetzen würde.

Seine nächste Anlaufstelle war der Schreiner. Seine Vorstellung musste in eine schnelle Form gebracht werden, weshalb es notwendig wurde, einen Rohling aus Holz bauen zu lassen. Gemeinsam wurde von der ursprünglichen Skizze alles erarbeitet, gezimmert, geschliffen und aufbereitet, bis die hölzerne Kanone, in ihre Einzelteile zerlegt, seinen Anforderungen entsprach. Neben Holz und vielen Sägespänen flogen fast die Fäuste, denn wenn Garvin eines nicht war, dann geduldig. Wenn man seine Erläuterungen nicht im ersten Anlauf verstand und so umsetzte, wie es in seinem inneren Auge aussah, drohte die Situation schnell zu eskalieren. Doch hatte auch der Schreinermeister ebenso schnell gelernt, wie man den aufbrausenden Schmiedmeister zeitnah beschwichtigen konnte, und öffnete die erste Flasche Met.
Die ersten Holzkanonenteile wurde von Garvin mitgenommen und der Schreiner machte sich ans Werk, nebst der Lafette, drei weitere zu bauen…

Dieser vorangegangene Met war bitter nötig, denn das Gemisch welches Garvin nun anfertigen musste, beinhaltete nebst Sand, Lehm und Holzkohle auch Pferdemist. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände und dennoch war dies die Methode der Fertigung, die es ihm erlaubte den Zeitplan einzuhalten der ihm vorgegeben wurde. Auf das hölzerne Kanonenmodell wurde alsdann Schicht für Schicht das feuchte Lehmgemisch aufgetragen. Nach dessen Trocknung begann die erste große Herausforderung. Das gezielte Ausbrennen des hölzernen Innenkerns – sprich der vom Schreiner hergestellten Kanonenform. Die erste Zerreißprobe, denn ist man hier nicht sorgsam genug oder wendet zu viel Hitze auf, zerbricht die Form und die Mühe war umsonst. Der Schweiß brannte in seinen Augen als sich jener aufgrund Hitze und Anstrengung den Weg über die Stirn hinab bahnte. Und dennoch – genau dies war die Arbeit, die er liebte. Das Grobe, massige und anspruchsvolle. Arbeit an die sich nicht jeder heranwagte, aus Sorge vor dem Versagen. Eine Option die bei Garvin schlichtweg nicht existierte.
Als die Holzformen fertig ausgebrannt waren begann das eigentliche Brennen der Formen. Die Gehilfen an der Schmiede nahe der Adoraner Mine halfen wo sie konnten, verbrannten sich unzählige Male irgendwelche Körperteile und zogen stets den unverblümt verächtlichen Blick Garvins auf sich. Und dennoch – er war froh, dass sie ihn unterstützten, auch wenn er es nie zugeben würde. Denn ohne deren helfende Hände wäre dieses Unterfangen wohl kaum alleine zu bewältigen gewesen. Derweil machten sich die Lehrlinge bereits ans Fertigen der Munition – denn nach Vorgabe von Größe und Material sah man hier wenig potenzielle Fehlerquellen.

Die Grube, die die Arbeiter unweit der Schmiede aufgrund Garvins Geheiß und vorliegender Genehmigung ausgegraben hatten, war derweil auch groß genug. So wurden die ausgehärteten Lehmformen vorsichtig eingegraben und ringsherum, bis auf eine Aussparung, wieder mit Erde bedeckt, um beim Gießen der Form nicht zu riskieren, dass diese aufgrund des hohen Drucks des flüssigen Metalls zerbricht. Unglaubliche Mengen an Kupfer und Zinn wurden eingeschmolzen und sorgsam in die Formen gegossen, bis jene bis zum Rand gefüllt waren. Nach der Aushärtung wurde die Lehmform wieder ausgegraben, vom erkalteten Metall abgeschlagen und mithilfe eines Seilzuges die gegossene Kanone aus dem Erdreich gehoben. Man begann mit der Säuberung und den Schleifarbeiten, das Rohr wurde von innen noch mit einer dünnen Schicht Zinn überzogen. Nun begann der Aufbau der eigentlichen Kanone. Der Schreiner brachte die Lafette vorbei und gemeinsam begannen Sie, alles mit Beschlägen und Verbindungen miteinander zu verbauen. Stunden um Stunden vergingen und kosteten Schweiß, Blut und Nerven, die eigentlich keiner der Helfenden besaß. Und dennoch hielt Garvin ein überraschendes Tempo bei, welches Außenstehende stets überraschte.

Als die erste Kanone bereit schien, wurde diese gemeinsam mit den Hafenarbeitern und den Helfern aus der Schmiede zum Hafen transportiert, wo bereits Garvins Bruder Vincent auf sie wartete. Denn – es galt die Kanone einem Test zu unterziehen; und dieser durfte nicht von einem Jeden durchgeführt werden. Gut, wenn man jemanden in der Familie hat, der mit Schießpulver hantieren darf. Ein Schmunzeln überzog Garvins Züge als er sich diesen Umstand bewusst machte und sofort kamen ihm verschiedene Ideen zur Zweckentfremdung in den Sinn. Zwar war just in dem Moment kein Platz und keine Zeit für diese Albereien, erhellten sie dennoch seine Gedanken und festigten den Entschluss, sich nach getanem Werk ein wenig intensiver damit zu beschäftigen.
Während dieser Gedanken war die Kanone bereits geladen worden, die Zündschnur brannte stetig weiter ab und ein leises Surren verriet, dass der Moment gekommen war, die Hände rasch über die Ohrmuscheln zu legen.

FEUER!


Neugierig verfolgte Garvins Blick die davonfliegende Kugel. Reichweite, Flugbahn, Geschwindigkeit – alles wurde kritisch beobachtet und ausgewertet. Selbst verständlich wurde sich hier im Vorfeld aber so viele Gedanken dazu gemacht, dass es in Garvins Augen nahezu perfekt erschien. Aber der leicht von sich überzeugte Hüne hatte auch keinen Anlass an seiner Kompetenz zu zweifeln, denn das Ergebnis sprach für sich. Weitere Testschüsse folgten und untermauerten die tadellose Arbeit. Wenn die Seemänner auf die Gegebenheiten achteten, werden diese Kanonen sie schnell zum Sieg führen.

Der Schreiner stand alsdann wieder bereit, mit den weiteren gefertigten Holzrohlingen und so legte man, nach ein paar gemeinsam getöteten Flaschen Met, einige Nachtschichten ein um den Vorgang der nunmehr gut bekannt war, drei weitere Male zu widerholen. Der Bereich um die Schmiede wurde in dieser Zeit von allen anderen Lebewesen gemieden. Vorbeiziehende Handelsleute machten einen großen Bogen, selbst die Tierwelt schien sich zurückzuziehen. Ob das nun an der Lautstärke, der Hitze oder dem unsagbar abartigen Geruch der Arbeiter lag, wollte niemand sagen. Denn Zeit war Mangelware – auch nur für eine Katzenwäsche hätte es nicht gereicht, denn der Druck war zu groß. Womöglich nicht der, der von ganz oben kam, aber Garvin hatte seinen inneren Anspruch, seine zu verteidigende Ehre und seinen schier grenzenlosen Stolz, der ihn über Grenzen trieb.

Als gerade die Sonne erneut aufging, wurde die letzte Öse an der letzten Kanone angebracht. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Garvin dem ersten ihn blendenden Lichtstrahl entgegen und fast fühlte es sich an, als trocknete dieser Strahl sein Gesicht bis zur Gänze aus. Man sah ihm an, wie die letzten Tage an ihm gezehrt hatten. Nebst Körperhygiene vernachlässigte er auch Ernährung und Schlaf, was sich langsam seinen Tribut zu holen drohte. Doch es war geschafft. Vor ihm stand die letzte Kanone. Die anderen wurden bereits zu Schiff gebracht um hier entsprechend verladen zu werden. Und so zerstört er nun auch war, begleitete er die Arbeiter dennoch auf dem Weg der letzten Kanone, um den Abschluss des Auftrages mit eigenen Augen zu bezeugen. Mit letzter Kraft, die er aus unergründlichen Tiefen seiner Seele mobilisierte, schleppte er sich zufriedenen Lächelns auf den Lippen zurück nach Hause, als just in dem Moment, in dem er die Türe von innen schloß, die vergangenen Tage schlagartig ihren Tribut forderten.