Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Der Abend war unterhaltsam, wenn er auch mit einem kräftezehrenden und umfangreichen Auftrag einherging, den er lange und intensiv erwähnte abzulehnen. Es gab mehr gute Gründe ihn nicht anzunehmen, das stand zweifellos fest. Doch war das Gewicht der Gründe es doch zu tun, etwas schwerwiegender. Die Genesung des Beines war weit fortgeschritten und es begann eine gewisse Normalität einzukehren. Auf der einen Seite zum Fürchten, auf der anderen etwas nach dem man sich sehnte. Es stand eine viel weitreichendere Entscheidung an, als die des Auftrages. Bleiben oder gehen. Zurück ins Jägertal und die Abgeschiedenheit zurückgewinnen, die einen mehr als einmal vor dem Verlust des Verstandes bewahrt hat, oder in der Gesellschaft von Familie und alten Bekannten bleiben, die einen jedoch immer wieder dazu bewegt hatten, zu gehen.
Seit Wochen tobte in ihm der innere Kampf bei dem es noch immer keinen Gewinner zu geben scheint und so stand fest – ein paar Tage länger werden nicht schaden um der Entscheidungsfindung näher zu kommen. Und die Aufnahme der Arbeit wird auch nicht unzuträglich sein, um wieder in gewohnte Umgebungen zurückzukehren, die einem gut tun. Und so wurde das Problem der Entscheidungsfindung einfach gekonnt vertagt.
Nachdem die Formalitäten geklärt waren und keine Fragen mehr offen blieben und auch die erste Nacht genutzt wurde um noch etwas erholsamen und kraftsammelnden Schlaf zu tanken, begann die eigentliche Tortour.
Am Folgetag brach er recht früh gen Hafen auf um sich das Schiff und die Gegebenheiten genauer anzusehen. Da das Hafenpersonal informiert wurde, zeigte man ihm bereitwillig alles was er zu sehen wünschte. Ohne sich ein genaues Bild von Schiff, Beschaffenheit, Statik und Platz gemacht zu haben, würde er keine Kanonen anfertigen können. Die Zeit auf dem Schiff verbrachte er überwiegend schweigend. Zwar holte er sich immer wieder Informationen ein, die er brauchte, doch fand die meiste Arbeit im Stillen statt, Theorien über Theorien im Kopf erarbeitend, bearbeitend und teilweise auch verwerfend. So lange, bis er eine genaue Vorstellung dessen hatte, was er die nächsten Tage umsetzen würde.
Seine nächste Anlaufstelle war der Schreiner. Seine Vorstellung musste in eine schnelle Form gebracht werden, weshalb es notwendig wurde, einen Rohling aus Holz bauen zu lassen. Gemeinsam wurde von der ursprünglichen Skizze alles erarbeitet, gezimmert, geschliffen und aufbereitet, bis die hölzerne Kanone, in ihre Einzelteile zerlegt, seinen Anforderungen entsprach. Neben Holz und vielen Sägespänen flogen fast die Fäuste, denn wenn Garvin eines nicht war, dann geduldig. Wenn man seine Erläuterungen nicht im ersten Anlauf verstand und so umsetzte, wie es in seinem inneren Auge aussah, drohte die Situation schnell zu eskalieren. Doch hatte auch der Schreinermeister ebenso schnell gelernt, wie man den aufbrausenden Schmiedmeister zeitnah beschwichtigen konnte, und öffnete die erste Flasche Met.
Die ersten Holzkanonenteile wurde von Garvin mitgenommen und der Schreiner machte sich ans Werk, nebst der Lafette, drei weitere zu bauen…
Dieser vorangegangene Met war bitter nötig, denn das Gemisch welches Garvin nun anfertigen musste, beinhaltete nebst Sand, Lehm und Holzkohle auch Pferdemist. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände und dennoch war dies die Methode der Fertigung, die es ihm erlaubte den Zeitplan einzuhalten der ihm vorgegeben wurde. Auf das hölzerne Kanonenmodell wurde alsdann Schicht für Schicht das feuchte Lehmgemisch aufgetragen. Nach dessen Trocknung begann die erste große Herausforderung. Das gezielte Ausbrennen des hölzernen Innenkerns – sprich der vom Schreiner hergestellten Kanonenform. Die erste Zerreißprobe, denn ist man hier nicht sorgsam genug oder wendet zu viel Hitze auf, zerbricht die Form und die Mühe war umsonst. Der Schweiß brannte in seinen Augen als sich jener aufgrund Hitze und Anstrengung den Weg über die Stirn hinab bahnte. Und dennoch – genau dies war die Arbeit, die er liebte. Das Grobe, massige und anspruchsvolle. Arbeit an die sich nicht jeder heranwagte, aus Sorge vor dem Versagen. Eine Option die bei Garvin schlichtweg nicht existierte.
Als die Holzformen fertig ausgebrannt waren begann das eigentliche Brennen der Formen. Die Gehilfen an der Schmiede nahe der Adoraner Mine halfen wo sie konnten, verbrannten sich unzählige Male irgendwelche Körperteile und zogen stets den unverblümt verächtlichen Blick Garvins auf sich. Und dennoch – er war froh, dass sie ihn unterstützten, auch wenn er es nie zugeben würde. Denn ohne deren helfende Hände wäre dieses Unterfangen wohl kaum alleine zu bewältigen gewesen. Derweil machten sich die Lehrlinge bereits ans Fertigen der Munition – denn nach Vorgabe von Größe und Material sah man hier wenig potenzielle Fehlerquellen.
Die Grube, die die Arbeiter unweit der Schmiede aufgrund Garvins Geheiß und vorliegender Genehmigung ausgegraben hatten, war derweil auch groß genug. So wurden die ausgehärteten Lehmformen vorsichtig eingegraben und ringsherum, bis auf eine Aussparung, wieder mit Erde bedeckt, um beim Gießen der Form nicht zu riskieren, dass diese aufgrund des hohen Drucks des flüssigen Metalls zerbricht. Unglaubliche Mengen an Kupfer und Zinn wurden eingeschmolzen und sorgsam in die Formen gegossen, bis jene bis zum Rand gefüllt waren. Nach der Aushärtung wurde die Lehmform wieder ausgegraben, vom erkalteten Metall abgeschlagen und mithilfe eines Seilzuges die gegossene Kanone aus dem Erdreich gehoben. Man begann mit der Säuberung und den Schleifarbeiten, das Rohr wurde von innen noch mit einer dünnen Schicht Zinn überzogen. Nun begann der Aufbau der eigentlichen Kanone. Der Schreiner brachte die Lafette vorbei und gemeinsam begannen Sie, alles mit Beschlägen und Verbindungen miteinander zu verbauen. Stunden um Stunden vergingen und kosteten Schweiß, Blut und Nerven, die eigentlich keiner der Helfenden besaß. Und dennoch hielt Garvin ein überraschendes Tempo bei, welches Außenstehende stets überraschte.
Als die erste Kanone bereit schien, wurde diese gemeinsam mit den Hafenarbeitern und den Helfern aus der Schmiede zum Hafen transportiert, wo bereits Garvins Bruder Vincent auf sie wartete. Denn – es galt die Kanone einem Test zu unterziehen; und dieser durfte nicht von einem Jeden durchgeführt werden. Gut, wenn man jemanden in der Familie hat, der mit Schießpulver hantieren darf. Ein Schmunzeln überzog Garvins Züge als er sich diesen Umstand bewusst machte und sofort kamen ihm verschiedene Ideen zur Zweckentfremdung in den Sinn. Zwar war just in dem Moment kein Platz und keine Zeit für diese Albereien, erhellten sie dennoch seine Gedanken und festigten den Entschluss, sich nach getanem Werk ein wenig intensiver damit zu beschäftigen.
Während dieser Gedanken war die Kanone bereits geladen worden, die Zündschnur brannte stetig weiter ab und ein leises Surren verriet, dass der Moment gekommen war, die Hände rasch über die Ohrmuscheln zu legen.
FEUER!
Neugierig verfolgte Garvins Blick die davonfliegende Kugel. Reichweite, Flugbahn, Geschwindigkeit – alles wurde kritisch beobachtet und ausgewertet. Selbst verständlich wurde sich hier im Vorfeld aber so viele Gedanken dazu gemacht, dass es in Garvins Augen nahezu perfekt erschien. Aber der leicht von sich überzeugte Hüne hatte auch keinen Anlass an seiner Kompetenz zu zweifeln, denn das Ergebnis sprach für sich. Weitere Testschüsse folgten und untermauerten die tadellose Arbeit. Wenn die Seemänner auf die Gegebenheiten achteten, werden diese Kanonen sie schnell zum Sieg führen.
Der Schreiner stand alsdann wieder bereit, mit den weiteren gefertigten Holzrohlingen und so legte man, nach ein paar gemeinsam getöteten Flaschen Met, einige Nachtschichten ein um den Vorgang der nunmehr gut bekannt war, drei weitere Male zu widerholen. Der Bereich um die Schmiede wurde in dieser Zeit von allen anderen Lebewesen gemieden. Vorbeiziehende Handelsleute machten einen großen Bogen, selbst die Tierwelt schien sich zurückzuziehen. Ob das nun an der Lautstärke, der Hitze oder dem unsagbar abartigen Geruch der Arbeiter lag, wollte niemand sagen. Denn Zeit war Mangelware – auch nur für eine Katzenwäsche hätte es nicht gereicht, denn der Druck war zu groß. Womöglich nicht der, der von ganz oben kam, aber Garvin hatte seinen inneren Anspruch, seine zu verteidigende Ehre und seinen schier grenzenlosen Stolz, der ihn über Grenzen trieb.
Als gerade die Sonne erneut aufging, wurde die letzte Öse an der letzten Kanone angebracht. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Garvin dem ersten ihn blendenden Lichtstrahl entgegen und fast fühlte es sich an, als trocknete dieser Strahl sein Gesicht bis zur Gänze aus. Man sah ihm an, wie die letzten Tage an ihm gezehrt hatten. Nebst Körperhygiene vernachlässigte er auch Ernährung und Schlaf, was sich langsam seinen Tribut zu holen drohte. Doch es war geschafft. Vor ihm stand die letzte Kanone. Die anderen wurden bereits zu Schiff gebracht um hier entsprechend verladen zu werden. Und so zerstört er nun auch war, begleitete er die Arbeiter dennoch auf dem Weg der letzten Kanone, um den Abschluss des Auftrages mit eigenen Augen zu bezeugen. Mit letzter Kraft, die er aus unergründlichen Tiefen seiner Seele mobilisierte, schleppte er sich zufriedenen Lächelns auf den Lippen zurück nach Hause, als just in dem Moment, in dem er die Türe von innen schloß, die vergangenen Tage schlagartig ihren Tribut forderten.