Kurz drehten sich die kreischroten Spiralen in all dem Grau seiner Sphäre wilder und so etwas wie Wut brannte auf. Fast, weil sich all die kleinen Verräterwürmchen eingemischt hatten, die ihn so schnell auf die eine oder andere Weise ersetzt hatten oder jene, die sich seine blassen Kontrahenten erschaffen hatten und sogar diejenigen, die mit ihm einen indirekten Bund teilten, auf deren Hilfe er gehofft hatte. ALLES VERRÄTER!
Er ballte die Fäuste und die zerrissenen, geschundenen Flügel öffneten sich, präsentierten in voller Spannweite die grausamen Werke seines Bruders aber auch die Wunden der letzten Kämpfe. Geschosse, Pfeile, magische Projektile, die Krallen des Bären, der Hammer der Drei und ein besonderer Speer. Unzufriedenheit überschattete den Triumph weiter, als er daran dachte, wie schnell die Elemente sich gegen ihn gewandt und ihm die Hände verätzt hatten, als er diesen verfluchten Speer kurzzeitig gegen den Bären genutzt hatte. Er vermied es somit den vermaledeiten Hammer überhaupt zu berühren und hatte das Chimärentäubchen mit sich in die Luft gezogen, um sie dort zu zerreißen. Für sie, nein für sie alle, war eine Waffe stets parat und diese wollte er nutzen, um eine nach dem anderen zu vernichten, um in ihre Herzen zu stechen und ihre Macht zu rauben, bis sie vollkommen zerbarsten. Oh dummer, kurzsichtiger Panther, seinen Fehler würde er nicht wiederholen. Sie sollten verglühen, schmelzen, zerlaufen, zerbrechen, bis keine Hülle mehr übrig war, in der vielleicht doch noch irgendwo ein Kern Leben schlummerte. Denn dieser würde dafür sorgen, dass die Totgeglaubten eben nicht tot waren und sich nach einer Ewigkeit des Schmerz, der Angst, des nagenden Wahnsinns als einzigen Gefährten aus der Dunkelheit des eigenen Grabes wieder ans Licht graben konnten. Nein, er hatte dazugelernt. Nichts sollte mehr übrigbleiben!
Sollte…
Er hatte gezögert, als die göttliche Kraft seiner Nichte brach und sie in ihrer zweiten, fast menschlichen Gestalt in seinem Griff lag. Ja, nun konnte er die Verbindung zu den Rashar sehen, verstand, warum sie ihre Glutmutter war und noch etwas entdeckte er mit kurzem Schrecken. Sie war zweifelsohne Paias Tochter und trug ihre Züge im Gesicht aus Feuer, Glut und Flammen. Nur schwer widerstand er dem Impuls, Alatars Speerspitze aus dessen Tochter zu ziehen und die Wunde zu schließen, denn da in ihrem Gesicht starrte ihm Paia entgegen. Doch auch der brennende Zorn, den Alatar ihr vermacht hatte und diese Funken, die sie ihm selbst jetzt noch entgegensprühte, erinnerten ihn an den Beginn seines Falls, an den Verrat der in jener Nacht zwischen ihm, seinem Bruder und der, die für ihn bestimmt gewesen war, geschah. Sie, Ahamani, war die Frucht, die Saat dieser Enthüllung und so drehte der den Speer tiefer, stach noch einmal zu und trank. Trank in tiefen Zügen all die Kraft, den Puls der Geschichte und ein Stück Schöpfungsfunken, bis nichts mehr blieb.
Beinahe, verbesserte er sich zähneknirschend.
Bis beinahe nichts mehr blieb.
Er stieß plötzlich an eine Art unsichtbare Hülle, die ihm den letzten Tropfen verwehrte und noch einmal glaubte er Paias Präsenz zu spüren. Er blickte umher, kurz zu den Schwestern, diesen lästigen, naiven Gören und konnte sie doch nirgends entdecken. Dann nahm ihm das Grollen des Panthers die Suche auch schon ab und er musste sich sputen, denn die Macht des geschwächten Bären und die einer Halbgöttin würden für seinen wütenden Bruder noch nicht reichen. Noch nicht.
Er floh lange, Alatar jagte ihn über Tage, doch dann hatte er die Spur verwischen und sein Refugium erreichen können. Nun saß er hier, wollte die neue Kraft genießen und immer wieder kreisten die Gedanken zurück. Er musste sich gedulden, bevor er ein weiteres Opfer suchte, musste über viele Monate hinweg seine Wunden schließen, die neue Macht bündeln und weitere Vasallen sammeln. Dass diese Mörder, Strauchdiebe, Zwielichtgestalten und verdorbene Gestalten nie lange hielten, ehe sie der Wahnsinn gefressen hatte, war ihm gleich. Es gab einfach so viele davon, dass ihm dieser Quell nie versiegen würde. Vielleicht sollte er sie nutzen, um es den Sterblichen heimzuzahlen, die ihn besonders irritiert hatten? Da gab es in der Tat Einige!
Ganz vorne dran stand für ihn der grimmige Kalure, welcher so nahe an Cirmias‘ Seite im Kampf klebte und ihm einige Male ohne auch nur einen Hauch Furcht zwischen die Krallen und des Bären Leib sprang. Sowieso war dieses lästige Völkchen schuld daran, dass er Cirmias nicht vernichtet hatte. Sie krönten seine Liste und er bebte vor Ekstase bei dem Gedanken sie mit ähnlich entsetzten Gesichtern zurückzulassen, wie er es auf den Zügen der Rashar gesehen hatte. Er wusste auch schon, wie er diesen Effekt erzielen konnte aber das brauchte Zeit.
Würde es bei den schillernden Roben des Pantheons schneller gehen? Wie frech sie sich Visionen erschlichen hatten, Einblicke gestohlen, die sie nichts angingen, nur um ihm dann voller Mitleid mit ehrrührigen Worten einen Bund anzubieten. Er spreizte die Flügel unter Anspannung so sehr, dass sie teilweise einrissen und ein brandiges Schmauchfeuer, von Ahamanis einverleibter Kraft beheizt, entzündeten. Dieser Einäugige… er hatte versucht ihn mit der Erinnerung an die Vergangenheit zu bevormunden. Stand da und lobte heidnisch diese schlechte Kopie seiner Selbst, statt sie ihm zu opfern und die Krone der Herrschaft, welche sie ihm alle gestohlen hatten, wieder auf sein Haupt zu setzen. SEIN GEBURTSRECHT!
Mehr schlecht als recht erholte er sich von seinem Tobsuchtsanfall und löschte die lodernden Wunden, indem er die Flügel rasch zusammenklappte. Nein, hierfür brauchte er mehr Kraft. Jetzt konnte er nur kleine Rachespielchen durchführen und das schloss leider die Lakaien seiner Geschwister und Vettern aus. Schade, dabei hatte er mehr als ein Hühnchen in genau diesem Bereich zu rupfen… Er lachte über das Wortspiel, bis es zum Kreischen wurde, das dumpf durch sein Reich hallte. Erst, als auch das verklungen war, schob er noch ein paar Spielfiguren gedanklich umher.
Es hatte ihm gefallen wie sich die kleine Lethra, missratene Fehlzüchtungen des ach-so-großen Alatars, gewehrt hatte, als er in ihr Fleisch schnitt oder wie die Weibchen dort generell auf Wahrheiten reagierten. Ja, dort könnte ein Ansatzpunkt sein.
Ach und dann war da noch K’awi, dessen Zauberwirker ihn faszinierten. So schillernd und zugleich ein wenig eigen, anders. In deren Mitte der junge Kerl, den sie als Stimme erwählt hatten, nachdem seine Kreaturen die vorherige Stimme so poetisch beenden mussten. Auf beiden Seiten traten sie an und doppelte Aufmerksamkeit war ihnen gewiss. K’awi würde seine Dankbarkeit schmecken, die ersten Steinchen brachte er bereits ins Rollen.
Woanders kullerten sie so kräftig, dass ihm das Herze lachte. Die kleinen Mädchen, die ihm so viel Ärger bereitet hatten. Schöne Gemeinschaft hatten sie da und es brauchte erstaunlicherweise nur ein paar Splitter aus dem Eis seines Kummers und zart geflüsterte Worte, um Risse zu erzeugen. Wenn sie diese Geschwindigkeit beibehielten, dann würde der alte Bund rasch brechen wie sprödes, morsches Holz unter einem gut gezielten Schlag. Doch auch hier störten einzelne Spielsteine die Planungen, machten sie unsicher. Wieso ließ sich die dunkelhäutige Hübsche so schlecht beeinflussen, warum vermochten ihn die Elemente wieder und wieder von der Insel zu scheuchen und woher hatte der Nebelschweif so rasch ein Mittel gegen die Kälte?
Mühsam! Wahrscheinlich schlug er einfach dort zu, woran er selber bisher nicht einmal gedacht hatte…
Er wog den Kopf und ging die Liste ab, deren Reihenfolge noch nicht vollkommen feststand:
- Cirmias
- Phanodain
- Temora
- Alatar
Der Rabe war kein fester Teil dieser Welt und er konnte ihn nicht einschätzen, doch sollten sich seine Diener weiterhin einmischen, würden er sie wie Puppen zerreißen.
Blieb noch… Mutter… und so rasch wie der Gedanke an Eluive gekommen war, so schnell schob er ihn beiseite und gelobte sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wenn es unausweichbar war.
Und sollte Ahamani wirklich noch nicht Geschichte sein, würde er sie ein zweites Mal beenden oder er wartete bis alle Anderen verschwunden waren und unterwarf sie sich als jene, die an seiner Seite herrschen sollte. Über ein Königreich des lodernden Wahnsinns!










