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Verfasst: Dienstag 29. Juli 2025, 11:03
von By'nar
„Auch der größte Name kann am Ende mit Verrat befleckt werden – etwas, das man im Hinterkopf behalten sollte. Denn bei einer Entscheidung spielt der Rang keine Rolle.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Jeder Schnitt ging in die Haut. Erst die oberste Schicht, dann die mittlere Schicht, dann das Blut, sodass man gar keine Schicht mehr ausmachen konnte. Lediglich das Gefühl konnte bestimmen, dass die Klinge noch nicht auf den Knochen getroffen war.

Als By’nar das Metall durch die Hände oder über die Unterarme zog, hatte das Fleisch für sie kein Gesicht. Es war einfache Haut. Kein Lethyr, keine Lethoryxae, kein Ala’thraxor. Einfach nur Haut und mehr, was bereit war zu bluten. Und als sie die Wunden erzeugte und dabei die Worte sprach, hatte das alles für sie kaum einen Wert. Sie nahm an, dass es sie mehr berühren würde, wenn sie beispielsweise dem Meister die Haut auftrennte. Aber nein, es war nichts. Ein positives Nichts – alles war im Einklang. Alle waren gleich. Sie hatte genauso viel Wert wie ihr Gegenüber. Jedes Blut war rot.

Das Ritual der Einigkeit, des Zusammenhalts und der Gemeinschaft war etwas, das in vielerlei Hinsicht besonders war. Denn diese Verbundenheit war zwar immer da, aber sie wurde nie wirklich offenherzig gelebt. Man musste andere Dinge nach außen tragen, emotionaler und körperlicher Zusammenhalt lag da weit verborgen hinter tausend Facetten des letharischen Volkes.

By’nar hatte bereits früh gelernt, mehr zu sehen. Sie hatte eine ganz andere Empfindung für Ränge und Hierarchie, auch wenn sie sich an die Vorgegebene ihres Axorns hielt. Doch für sie war das Blut immer rot, und der Wert eines Bruders oder einer Schwester nicht zwingend an seinem Rang bemessen. Es gab auch frisch angekommene Geschwister, die so viel Potenzial aufzeigten, dass es berauschend war, obwohl sie noch nicht einmal so viel Wert besaßen, dass man sie mit Namen ansprach. Doch sie fühlte diesen Rausch und diese Begeisterung. Entweder schnell oder langsamer oder eben gar nicht. Die, die wuchsen, waren sowieso die, die am interessantesten waren. Perfektion war etwas, das man anstreben musste, aber sie war langweilig. Fehler, Entwicklung und Besonderheiten – das machte eine Hülle aus.

Dieses Ritual war für sie etwas, das sie mit sich verband. Etwas, das für sie noch mehr bedeutete, als es sowieso schon aussagte. Sie hatten sich alle verbunden – mit ihm, den sie noch als angehenden Junglethyr kannte. By’nar hatte auch ihn wachsen sehen, und auch bei ihm fühlte sie bereits diesen Rausch, gleich ob er noch gar keinen wirklichen Nutzen hatte. Und da war er nun, im Zentrum so vieler Hüllen, als wichtigster Teil im großen Ganzen. Und doch nur wichtig, weil es die anderen gab, die diese Wichtigkeit untermauerten. Allein wäre er nichts. Allein wären sie alle nichts gewesen.

Zusammen waren sie alles.

Verfasst: Dienstag 29. Juli 2025, 11:18
von Qy'lhor
Der Zeitpunkt war gewählt und die Geschwister versammelten sich abermals auf dem Dach des Lethyrenturms. Die Luft war von einer gewissen Anspannung durchzogen, als sich die Letharen in ihren schlichten Roben neben den vorbereiteten Blutschüsseln positionierten.

Sie waren bereit. Bereit zu verlieren, ganz gleich wieviel.

Die Schriftrolle nahm, was ihr gegeben wurde. Gierig verschlang sie und offenbarte im Gegenzug ihr Geheimnis. Die Ortschaften verschwammen, der Boden unter den Füßen fühlte sich real an und doch war er nicht greifbar. Sie kannten nun den Ort, an dem die wahre Suche beginnen sollte.

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Doch war dieses Wissen nicht das einzige, was sich in der Schriftrolle verbarg. Ein uraltes Wesen schien ebenso Teil des Inneren zu sein und offenbarte sich vor den Augen der Geschwister. Kichernd.
Die angespannte Aufmerksamkeit war ihm gewiss, als es sich zwischen den Letharen hin und her bewegte. An einigen gar schnupperte.

Auf die Frage, was es hier wolle, kam eine Antwort die für einen kurzen Moment Verwunderung auslöste. Denn es war nicht gekommen, um etwas zu fordern. Es war gekommen, um eine Forderung der Letharen zu hören. Sie hatten es erweckt, sie wollten etwas.

Und das Wesen hatte Recht.
Alatar hatte sein Volk zu dieser Suche verpflichtet. Ohne dieses Bruchstück, würde seine rechtmäßige Herrschaft über die Lande noch weiter verzögert werden.

So wurde die Forderung der Letharen gesprochen und das Wesen antwortete.

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Die Worte hallten in den Köpfen der Geschwister nach. Erinnerungen an die Vergangenheit taten sich hervor, als ein kleines Menschenkind einst den größten Verrat an Alatar und seinem Volk beging.

Doch die Strafe folgte. So wie sie immer folgen würde.

Während das Wesen weitere Worte sprach, gingen verschiedene Gedanken durch den Kopf von Qy'lhor. Manche ergaben Sinn, andere warfen Fragen auf. Und dann waren dort auch noch die Gedanken um die Feinde, welche ihren Weg in diese Sphäre gefunden hatten und das Reich Alatar's belagerten.

Er hatte zumindest Jynela vorgewarnt, dass nach dem heutigen Tag wieder mit vermehrten Vorkommnissen zu rechnen sei. Sie wusste nicht viel, aber sie wusste, was notwendig war zu wissen.

Doch auch Qy'lhor war bewusst, dass der drohende Angriff durch die Vasallen der Feinde Alatar's nicht ohne Fragen bleiben würde. Er hatte lange darüber nachgedacht und einen Entschluss gefasst.

Einen Entschluss der...

Gerade als die Gedanken sich um den Entschluss drehten, fuhr das Wesen plötzlich in den Körper des Meisters und wuchtete auf seinem Weg den Ala'thraxor Q'in und Mael'Qil Ryx'tar zur Seite, als wären sie kleine Blätter im Herbstwind.

Gegen seinen eigenen Thron geschmettert und zu Boden gedrängt, lag er unter Schmerzen gekrümmt da. Umgeben von einem dunklen Wirbel, der von grünen Adern durchzogen wurde. Gänzlich den Blick auf den Körper Qy'lhors unterbindend.

Nur die schmerzerfüllten Laute waren noch deutlich zu vernehmen, wenn sie auch vermehrt anders klangen. Verändert.

Die Schriftrolle. Das Wesen. Die Suche... ein Opfer wurde gefordert.
Ein Opfer wurde genommen.
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Verfasst: Dienstag 29. Juli 2025, 22:02
von Der Erzähler
Ein schweres Grollen zieht basslastig und tief über das alatarische Land. Dichte, pechschwarze Wolken schieben sich unnachgiebig über den Himmel und verschlucken alles Licht, selbst die Schatten des Mondes werden in die Dunkelheit gezerrt. Ein dunkler Vorhang aus Unheil. Blitze jagen über den Horizont, grelle, zackige Furchen im dunklen Firmament, begleitet von einem tiefen Donnern. Jeder Schlag wird eine Vibration durch den Boden fahren lassen.
Aus den Tiefen der Wälder dringt ein kehliges Raunen. Mal fern, kaum mehr als ein Echo, dann plötzlich nah, zu nah.

Etwas ist dort.
Es wartet.
Es ist hungrig.
Und es werden immer mehr.

In der Gegend von Bitterfrost, ganz nah an den Mienen der Letharen, folgen drei laute, hintereinander einschlagende Blitze.

Erst einer, dann ein zweiter.
Ein dritter.
Ein Schlag.

Ein ohrenbetäubender Knall zerreißt die Stille zwischen zwei Donnerschlägen tief, durchdringend, drohend.
Ein tiefes Dröhnen gefolgt von einer Vibration welche im Umkreis von Bitterfrost ganz sicher die Gläser aneinander klirren lässt.
Aus Schatten, Rauch und vom Blitz zerfetzten und verbrannten Rinden treten sie hervor. Verzerrte Körper, mit zu vielen Gliedmaßen oder zu keinem Gesicht. Sie kriechen, springen, kichern, singen. Ihre Stimmen, ein schrilles Kreischen, ein klagendes Jaulen, ein bösartiges Wispern.

Und unter ihnen, inmitten der Verzerrung, steht der Schatten eines Geistes, den in schwarzen Wabern umhüllten Arm hebend, deutet er gen die Miene. Die Stimme klingt zischend, verzerrt, als würden zwei oder gar mehrere aus ihm sprechen.

„Zerquetscht sssssie wie Insssssekten.
Schließt ssssie ein mit den Gewichten diesssser Welt.“


Und so beginnt der Angriff nicht mit Feuer, nicht mit Klingen, sondern mit jenem, was dieser Fleck Erde zu bieten hat. Zuerst werden sie den Wachen nehmen, was ihnen das Liebste ist, das Leben selbst. Sie werden sie zerfetzen, als wären sie Puppen und wertlos. Ihre Gliedmassen werden auf dem Boden verteilt sein, manch ein Gedärm liegt wahllos herum, als hätten sich die Dämonen einen Spass daraus gemacht, ihr ganz eigenes Bild der Szenerie nachzustellen.
Die niederen Dämonen schwärmen in den Stollen. Sie legen ihre Klauen an die tragenden Stellen, pressen sich in die Zwischenräume, durchfluten das Gestein mit ihrer Verderbnis.

Sie lassen es beben.
Bröckeln.
Und dann stürzt es ein.
Der erste Tunnel.
Dann der zweite.
Die Zugänge brechen zusammen wie morsches Holz.
Stein auf Stein.

Die Höhlen bleiben gefüllt, wer einen Blick hinein wagt wird eine völlige Dunkelheit vorfinden und wer genau lauscht…wird das altbekannte Geräusch des Waldes wahrnehmen. Jenes Waldes…welcher derzeit im alatarischen Reich verweilt. Gefüllt mit Wesen, welche nach dem Tod lechzen.

Verfasst: Mittwoch 30. Juli 2025, 17:32
von Helisande von Alsted
Ein neutraler, mutiger und vermutlich aus lichtenthaler Sicht sehr entbehrlicher Bote wird auf den Weg ins alatarische Reich geschickt um dort ohne viele Worte zwo kurze Schreiben zu überbringen. Eines sollte in die Hände von Velvyr'tae gelangen, das andere in die Hände der Ritterschaft Alatars.

  • Velvyr'tae,

    unser letzter Briefwechsel ist etwas her. Dir sei kurz mitgeteilt, dass ich von der Dämonenseuche im alatarischen Reich erfahren habe. Vermutlich nicht das ganze Ausmaß, aber genug davon.
    Was auch immer du und deine anderen verderbten Exemplare des lebedigen Hasses ausgelöst haben - beendet es.
    Solltet ihr ausgelöscht werden, werden wir die Reste gern in Flammen aufgehen lassen. Schreib mir ruhig, Details, Beschimpfungen sind stets willkommen. Flüche mögen dir in der Kehle stecken bleiben.

    Für Krone, Reich und Glauben!

    Helisande von Alsted



    Kron und Reich zur Ehr, Ahad Shasul,

    Euer letzter Brief an mich hat einen Kopf rollen lassen. Leider nicht den Euren. Ich hörte durch verschiedene Umwege von Eurem kleinen dämonischen Befall in Eurem Reich.
    Falls Ihr in diesem Fall Amtshilfe benötigt, so scheibt mir nur. Wir sind gern bereit alle bis in unser Reich eventuell versprengten Geschöpfe zurückzutreiben. Ganz gleich ob Rashar, Lethar, Dämon oder Ahad.

    Passt auf Euch auf. Euer Tod soll wenn, dann auf meinen Schild zurückfallen.

    Für Krone, Reich und Glauben!

    Helisande von Alsted
    Ritter der Krone Alumenas
    Gräfin von Tiefenberg

Verfasst: Mittwoch 30. Juli 2025, 21:57
von Kava Shasul
Ein Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus und entwickelte sich deutlich zu einem breiten Grinsen als er das Siegel der Gräfin erblickte. Aufmerksam las der Ahad das Schreiben und lies seine Gedanken einen Moment lang kreisen bevor er zur Feder und Tinte griff..


Alatars Zorn erfülle euch Ritterin Senheit,

das alatarische Reich richtet seinen besten Dank aus, verzichtet allerdings vorerst auf Hilfe aus fremden Reihen. Sollte der Untergang des Reiches durch dämonische Invasoren bevorstehen hoffen wir, dass sie danach gen Osten ziehen.

Sollten wir unsere Meinung hinsichtlich eurem Hilfeangebot ändern, werden wir euch umgehend aufsuchen. Nicht zuletzt, da ihr im Umgang mit Dämonen und Wichten seit eurem Ehegelübde bessere Expertise aufweist als manch ein Arkorither.

Seine Pranke über euch.


Ahad Shasul

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Verfasst: Mittwoch 30. Juli 2025, 22:09
von Velvyr'tae
Der Bote wird einiges an Mut und vermutlich Nervenstärke brauchen, bis er sein Schreiben am Axorn loswird. Die Wachen sind wenig kooperativ und die beständigen Kampfgeräusche aus dem Umland tragen ihr Übriges dazu bei.
Das Schreiben wird der Lethoryxae überbracht, die sich dieser Tage wie ein ziemlich wütender Wachhund in der Nähe des Meisters aufhält. Dennoch trägt ein ähnlich entbehrlicher Bote ein Schreiben zurück in den Osten, dessen pingelig akkurate Handschrift die Verfasserin verrät.


Helisande, Kronritterin und omnipräsente Plage

Es hätte mich sehr enttäuscht, wäre dir etwas so Offensichtliches wie unsere momentanen Besucher entgangen. Immerhin steckst du deine Nase so gerne in Angelegenheiten, die dich nichts angehen müssten.
Diese Übergriffigkeiten nennt man in deinen Reihen vermutlich Beschützerinstinkt.

Aber ich schweife ab - vermutlich, weil mich dein Kompliment aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Lebendiger Hass. Wie unerwartet poetisch.

Sei versichert, dass wir nicht ausgelöscht werden. Prüfungen erfordern Opfer, das ist eine Tatsache, mit der mein Volk geboren wird. Wir verstehen sie.
Das alatarische Reich ebenso.
Wir werden stärker daraus hervorgehen und du, Kronritterin, hast eine Herausforderung mehr gewonnen.

Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke für die nächste Zeit?

In jedem Fall fühle dich eingeladen, den einen oder anderen Dämon zu beseitigen. Wir haben ausreichend davon.

Ewiger Hass,

Velvyr'tae

Verfasst: Mittwoch 30. Juli 2025, 22:23
von Der Erzähler
Traumnacht.
Etwa zwei Stunden vor dem Erwachen.
Es ist Nacht, tief in der Nacht und Qy’lhor liegt gefangen im bleiernen Griff des Schlafes verweilend in seinen Fellen.
Der Körper, klein und schwach, eine Hülle der Kindheit, schmerzt vom täglichen Widerstand, welcher der kleine Körper so nicht gewohnt ist.
Seit dem Fluch ist er wie abgeschirmt vom Lied, Taub und sein Geist wirkt lange nicht mehr so stählern wie zuvor. Er fühlt sich als wäre er ein offenes Buch, nackt gegenüber allem, was ihm gegenüberstehen könnte.
Ein dunkler Schatten wartet seit geraumer Zeit, leise schlummernd in der Ecke. Ein ruheloser Geist, gefangen im Nichts. Die dunklen Höhlen seines Blickes haben sich auf dem kleinen Letharenkind eingebrannt, dem Meister, dessen Eingang so prachtvoll geöffnet ist, ein leerer Geist der gefüllt werden möchte.

So wunderschön Einladend. Für das, was nicht gesehen werden will.
Was nicht gesehen werden darf.
Der Schlaf hat ihn fest im Griff, in der heutigen Nacht wird es kein Traum sein der seine Sinne berührt sondern einfach nur Schwärze.
Doch in dieser stillen Schwärze, wird vorerst von seinen Erinnerungen verborgen ein Flirren erklingen.

Ein Riss im Nichts.
Etwas kriecht hinein.
Nicht mit Gewalt.
Nicht mit einem Aufschrei.
Sondern flüsternd.
Alt und Zielgerichtet.

„Du weißt es nicht… doch du wirst mir helfen, mein Ziel zu erreichen!"
Die Worte sind keine Laute, sie sind das Wispern eines Gedanken.
Sie sickern durch Qy’lhor wie kalter Rauch, dringen durch seinen Geist, als würde jemand zwischen die Risse seiner Seele greifen.
Er will sich rühren, schreien, fliehen, aber der Körper gehorcht nicht.
„Ich brauche keinen Körper. Nur einen Träger. Du bist mächtig genug, um dorthin zu gelangen, wo ich nicht mehr sein kann.“
„Du bist rein. So bist du ihnen näher und wirst den Weg finden.“
Qy’lhor taumelt durch seinen Traum wie durch einen Spiegel der sich verflüssigt.
Ein Nebel zieht auf, dicker, fremder als zuvor.
Ein dunkles Wabern welches den Geist wieder gänzlich einnimmt und jeden Gedanken an das gesagte verschluckt, als wäre es nie gesprochen worden.
Und als der Traum ausklingt, wird ein stechender Schmerz den ganzen Morgen begleiten. Als hätte sich eine Nadel in seinen Schädel gebohrt. Mit Nachdruck versucht er sich an das zu erinnern was er geträumt hat, denn immer wieder wird er das Gefühl haben, als hätte er etwas wichtiges vergessen. Doch zurück bleibt in den Gedanken nur das wabernde Schwarz, gänzliche Dunkelheit.

Verfasst: Freitag 1. August 2025, 16:45
von Zyn'tuin
Zyn'tuin saß im Tempelkeller den Blick starr auf den Mael'Qil vor sich gerichtet, seine Gedanken unruhig der Griff um seinen Dolch fest unnachgiebig.


Ich kann nicht sagen, wann ich das letzte Mal geschlafen habe.
Die Zeit ist... zäh. Irgendwie klebrig.

Und ich frage mich – hab ich das wirklich getan?
Hab ich den Meister zu Boden geworfen?
Festgehalten wie ein Feind?
Mit meinen Händen?

Ich weiß noch, wie seine Präsenz war.
Nicht leer. Nicht fremd. Aber... anders.
So, als wäre da etwas zwischen uns, das ich nicht sehen konnte.
Und trotzdem hab ich es getan.
Bin auf ihn los.
Hab ihn niedergerungen.
Weil irgendetwas in mir sagte: Jetzt.
Nicht später. Nicht warten. Jetzt.


Vielleicht war das Vater.
Nicht als Stimme.
Nicht als Befehl.
Aber als Druck.
Wie ein Impuls, der aus dem Innersten kommt und keine Wahl lässt.

Der Mael’Qil,
er lag noch einige Stunden in seinem inneren Kampf.
Er hat kaum gesprochen.
Was er berührt hat...
dieses Haszakin Shan’al – welch zerstörerische Kraft ihm innewohnt,
dass es einen Mael’Qil nach nur einer Berührung so lange außer Gefecht setzen kann

Ich saß die ganze Nacht bei ihm.
Hab keinen Moment die Augen geschlossen.
Nicht, weil ich wach sein wollte.
Ich konnte einfach nicht anders.
Da war etwas im Raum. Oder in mir.
Oder in beidem.

Die Dämonen...
ich weiß nicht mal mehr, ob ich sie rieche oder nur noch erwarte.
Es ist, als würde der Kopf schon Gefahr denken, bevor etwas da ist.
Sie verdrehen nicht nur die Gedanken –
sie machen aus jeder Frage eine Unsicherheit.
Ein Netz aus Nebel.

Ich habe früher gelernt, Dinge zu analysieren.
Mit Abstand. Mit Logik.
Jetzt versuche ich das wieder.

Und was ich sehe:
Diese Präsenz macht uns mürbe. Nicht durch Angriff.
Sondern durch Beständigkeit.
Sie ist einfach da.
Wie ein Ton, den man erst hört, wenn es zu spät ist.

Ich weiß nicht, ob ich das Richtige getan habe.
Vielleicht hat Vater es gefordert.
Vielleicht war es Verrat.

Oder vielleicht war ich einfach der Einzige,
der nicht Gedacht sondern gehandelt hat, als es nötig war.

Ich kann es nicht sagen.

Aber ich erinnere mich an das Gefühl in dem Moment.
An den Griff.
An den Atem.
An das Zittern in meinen Armen.
Und an dieses eine Flüstern im Kopf, das mir sagte:

Festhalten! Noch nicht loslassen!

Also hab ich gehalten.


Verfasst: Montag 4. August 2025, 21:51
von Der Erzähler
Im alatarischen Reich verdrängen die dunklen Wolken noch immer die Sicht auf den blauen Himmel, immer wieder durchbrechen helle Blitze die Dunkelheit. Doch in dieser Nacht wird der Wind langsam abebben und für einen längeren Augenblick scheint die Zeit ins Stocken zu geraten.
Unnachgiebig schleicht sich etwas in die Köpfe jener Letharen, welche dem Lied lauschen können und jenen, welche mit dem klerikalen Gefüge verbunden sind. Sie alle fühlen ein Zittern im Netz. Kein Ruf Alatars. Kein göttlicher Befehl.

Nur ein Flimmern in der Traumwelt. Dort, wo das klerikale Gefüge und die Disharmonien sich überlagern.
Ein Riss, zuerst ein leises Flüstern, welches sich durch die dichten Nebelschwaden der Träume drückt. Sie alle träumen. Nicht dieselben Welten, aber alle denselben Kern.

Ein Raum aus Nichts, grau, ohne Ränder, ohne Oben und Unten.
Darin steht ein Kind. Nicht fremd, nicht vertraut, doch im Klang seiner Existenz liegt ein Fehlton. Ein Fragment, das sich nicht einfügt.
Das Lied, ohnehin von der Disharmonie gefüllt, beginnt in der Gegenwart dieses Kindes unmerklich verzerrt zu klingen, nicht durch Gewalt, sondern durch Überlagerung.
Etwas in ihm dämpft, verwischt, verzerrt seine Struktur im Lied.
Dann füllen Worte die Sinne, sie fließen wie Wasser den Bach hinab, ungebremst durch die Gedanken der lauschenden, als hätte ihn der eigene Geist aus tiefster Erinnerung hervorgeholt:

„Zwischen Wurzel und Fels, wo Blut zu Stein wurde, steht das Tor, das nie errichtet wurde.“
„Nur ein Träger der Unschuld kann es öffnen – der, der zu jung ist, um zu kämpfen, aber alt genug, um zu tragen.“
„Finde den Ort, wo ein Kind ein Buch fand und ein Glaube zerbrach.“


Ein Bild flackert auf:
Ein zerbrochener Spiegel.
Das Kind davor und hinter ihm ein zweites Gesicht.
Nicht rein und nicht stumm. Wider der eigenen Struktur.

Und so erwachen sie.
Alle einzeln und still.
Mit demselben Bild welches noch lange in den Gedanken verweilt.

Verfasst: Dienstag 5. August 2025, 08:06
von Drin'belrak
Er spürt die Veränderung im klerikalen Gefüge sofort, dieser Tage lag ein Teil seines Geistes immer auf jenem, verbunden mit der Lethoryxae, wachsam, bereit. Seine Hülle benötigte ein Mindestmaß an Schlaf. Er hatte sich in den Schlafsaal nach oben zurück gezogen.

Er nahm den Raum war, die Worte.

Und als er erwachte gab es nur ein Ziel: der Tempelkeller. Die Lethoryxae.

Alles andere schob er beiseite. Ordnete es dem Zorn unter, welcher seinen Leib durchflutete.

Verfasst: Mittwoch 6. August 2025, 20:13
von Ily'zyae
Die Luft im Tempelkeller war schwer von altem Staub der Bücher in den Regalen und vielen, nicht so recht greifbaren Gedanken.

Die Töne der Dissonanz vibrierte in ihrem Innersten, kaum hörbar, doch unüberhörbar - ein Grundton, der durch Vaters Stimme mittlerweile zu einem Teil ihrer selbst geworden war. Seit mehreren Nächten hatten sie nur noch abwechselnd geruht: Mal Velvyr'tae, mal sie. Kein Schlaf, nur ein Moment der inneren Einkehr, wenige Momente, in denen der Blick nicht ständig auf die Klänge des Buches im Lied gerichtet waren. Nur ein Moment in zurückgezogener Einsamkeit in einem anderen, abgeschirmten Teil des Gewölbes. Die Bedeutung von Tag und Nacht hatte für sie längst jede Relevanz verloren. Nur das Buch zählte. Und das, was es verbarg. Was es mit sich bringen würde und was es für ihr Volk bedeuten würde. Und so standen sie gemeinsam Wache. Reglos, die meiste Zeit schweigend und doch miteinander durch etwas Großes verbunden.

Der Klang war zu labil geworden, als würde etwas mit jedem Takt die Fäden, die geknüpft wurden, weiter lockern und so einen Riss für etwas Gewaltiges schaffen. Sie sah es, wie man Hitze über Stein flimmern sieht: Die Welt hinter der Welt, verschoben, aufgeraut, zersplittert in Ebenen, die nicht zueinander passten und dieses große stille Nichts rund um den Meister. Ein Rätsel, das sich noch nicht vollständig lösen lies und eine Verantwortung, die sich mit einem einzigen Herzschlag in etwas verwandelt hatte, das fast zu groß war, um es zu tragen

Und dann kam die Nacht. Ein Moment der Einkehr, der sich anders anfühlte als die vorigen. Etwas verschob sich.

Der Wind im Reich war still geworden. Er schrie nicht mehr, plötzlich schwieg er. Das natürliche Leuchten in der Luft wurde fahl, als hätte der Himmel vergessen, wie Licht sich bricht. Und dann: das Zittern. Kein Erdbeben im Leth'Axorn, kein Echo von den Geschehnisse dort an der Oberfläche, keine körperlichen Anzeichen von der Erschöpfung in ihrem Inneren. Es war das Netz. Es vibrierte wie ein zu straff gespannter Draht.

Der Traum kam wie fallendes Wasser. Glasklar und unerbittlich mitreißend.
Ein Raum ohne Grenzen, ohne Wände, ohne Richtung. Das Nichts, das nicht leer, sondern so voll war von Bedeutung für sie und ihr Volk. Und auch wenn sie in diesem Moment nicht wirklich dort stand, sah sie es doch klar und deutlich.

Es war da.

Ein Kind, inmitten von diesem Nichts. Keine Angst. Kein Lächeln. Nur dieser … Fehlton.

Sie konnte ihn nicht benennen, aber er schnitt durch die Dissonanz wie stumpfes Metall durch Sehnen. Eine unbekannte Abweichung. Etwas, das sie in diesem Moment ihr Verständnis weit überstieg.

Und dann kamen diese Worte. Noch nie zuvor gehört und doch so bekannt, so vertraut. Sie klangen nicht wie gesprochen, sie fühlten sich an, als hätte sie sie selbst erdacht und einfach aus einem alten Kästchen an Erinnerungen hervor gekramt. Sie wusste einfach, dass sie wahr waren.

Das Bild fraß sich in ihrem inneren Auge fest. Ein zerbrochener Spiegel. Das Kind davor. Ein zweites Gesicht, - sein Schatten, sein Widerhall, seine Umkehrung.

Sie erwachte ohne Schweiß, ohne Schrei oder gar Furcht. Dafür aber mit einer Gewissheit: Ihr Volk waren auf dem richtigen Weg. Ein Weg, der einen Preis haben würde. Einen hohen Preis.

Die schwarzen Augen hafteten sich auf das Haszakin Shan’al. Diese zerstörerische Macht würde ihren Tribut fordern und sie waren bereit. So wie sie es immer waren: Für Vater.

Die kindliche Hülle war der Schlüssel, ein Riss im großen Ganzen. Und beides bedeutete dasselbe: Sie würden hindurchtreten und sich mit den Konsequenzen auseinander setzen müssen.

Verfasst: Donnerstag 7. August 2025, 19:09
von Jadia Conandil
Gehüllt in das einfache Kleid in den Farben des Tempels kniete sie dort in Rahal im Tempel. Das Gefühl der Kälte und der eigenen Unbedeutsamkeit wagte sich diesmal einige lautlose Schritte weiter mit ihr nach vorn. Doch dort kniete die Tempeldienerin nun, stumm wie gewohnt, die Stirn erstmal geneigt.

Langsam und schleichend ertasteten sich dann die ersten Töne den Raum mit den hohen Decken und den unbequemen Bänken. Die seltsame Farbe des Bodens, geformt durch gegebenes und angenommenes Blut schluckte nichts von dem, was sich nun aus der Xy’notar löste. Vereinzelte Fragmente von etwas, das eine Melodie sein könnte, würden denn Tonart, Tonabstand und Takt irgendwie zueinander passen. Und doch wob sich darin ein gemeinsames Muster, denn jedes dieser Fragmente schien einer Person gewidmet zu sein.
Die Gedanken des schwarzhaarigen Weibes flogen über die Reihen der Gardisten. Jynela und Lingor, die sie so entschlossen vor einem der großen Dämonen gerettet hatten. Das Untier hatte erst ihre Angel gefressen und dann Anstalten gemacht sich auch noch das schmale Geschöpf selbst einzuverleiben. Die Melodie der beiden war militärisch getaktet, lies Raum für die Töne der anderen Soldaten im Dienst des Herren. Doch dann ein tieferes, vibrantes Dröhnen aus dem Instrument. Der Gedanke, vielleicht sogar als Gebet zu verstehen, glitten zum Ahad in seiner schwarzen Rüstung und zur Kraft, die er benötigen würde. Der Meister des Axorns – höher, feiner und doch dissonanter, begleitet im Nachschwingen von dem, was Velvyr‘tae gehörte. Es gehörte fest zu ihr, ein tongewordener Ausbruch an Zorn und Kraft, an brennender Stärke und gleichsam ein Zurücknehmen für den Letharfen. Nun nahm die Melodie an Stärke zu, floss dahin aus ihren Händen und ihrem Geist, stets im Blick die Streiter des Herren, die heute antreten würden, um zu kämpfen gegen das, was auch immer da draußen Angeln und Tempeldienerinnen fressen wollte. Die Vicari wurden repräsentiert durch einen füllenden Klang, die Tetrachen durch dem was über allen schwebte. Die Kinder des Alleinen in ihrer Gesamtheit fanden sich in der Disharmonie, in den Brüchen und ungerahmten Pausen wieder. Und irgendwo darin fanden sich die feinen Nadelzupfer einer sehr tapferen Schneiderin wieder.

Die verhornten Finger der schmalen Musikerin, die dort für den Herren oder doch eher für die Menschen spielte, sie hielten. Das Instrument gezähmt. Sein Blutdurst gebannt und als feste Patina auf dem Holz des Korpus eingeätzt wie ein Testament. Es floss kein Blut.
Bis.
Bis es floss.
Als die Gedanken der Wünschenden zu fließen begannen, da floss aus dem Instrument eine andere Melodie. Ihre eigene. Und mit ihr ein tiefer Wunsch, eine aufbrechende Wunde, die sorgsam gehütet wurde. Langsam sickerte aus dem zeige und dem Mittelfinger der linken Hand dann das herzgeführte Blut hinab. Es wurde Teil der Patina des Instruments und gleichsam des Tempelbodens. Vielleicht auch ein Opfer. Nur für was und wen, das ruhte in der Stille zwischen den Klängen.

Verfasst: Freitag 8. August 2025, 15:34
von Der Erzähler
Nachdem unzählige Streiter und Verbündete des alatarischen Reiches sich entschlossen hatten der Dämonenbrut entgegenzutreten, entbrannte eine erbitterte Schlacht. Die Feinde waren zahlreich, eine gewaltige Übermacht und das Land bebte unter ihrem Zorn. Doch der unbeirrbare Wille und mit der stählernden Entschlossenheit jedes Einzelnen, kämpften sie. Inmitten von Sturm, Blitzen, grässlichen Geschrei und Schatten fanden sie zusammen und drängten die Dämonen zurück. Auch den letzten Gegner, ein Dämonenfürst seines eigenen kleines Reiches, zerrissen sie in Einigkeit.

Genau in jenem Augenblick als der Dämon gen Boden fiel, braute sich ein Sturm über den Anwesenden zusammen und drängte die schweren, grauen, fast schwarzen Wolken, die so lange über dem Land gehangen hatten, hinfort.

Doch nicht alles Böse war verbannt.
In den Tiefen der Wälder schleichen noch vereinzelte Dämonen umher, Schatten ihrer einstigen Macht, heimatlos, herrenlos. Sie lauern zwischen den Bäumen, doch ihr Blick ist leer, als wüssten sie selbst, dass keine Verstärkung mehr kommt. Kein Rufen aus den Tiefen, kein neues Flüstern aus der Schwärze. Nur das Echo eines besiegten Albtraums.

Aber einer blieb.
Nicht im Wald. Nicht im Nebel.
Sondern in Fleisch und Blut, dort, wo er am sichersten war.
Im kleinen Körper Qy’lhors, verborgen hinter seinen Augen, eingewickelt in den Gedanken, die nicht mehr eindeutig ihm gehörten.

Cawin.

Seine Gegenwart war wie ein kaltes Lächeln, das man nicht sehen konnte, aber spürte. Er sprach nicht laut, er musste nicht. Stattdessen legte er Gedanken ab wie vergiftete Tropfen, ließ sie klingen wie Qy’lhors eigene Überlegungen.
Und wenn er sprach, dann nur, um zu sticheln und Zwietracht in die Gemeinschaft zu bringen.

„So jämmerlich und so unfähig.“
Ein leises, gedehntes Kichern folgte, eines, das selbst in der Stille nachhallte.

„Also, wie lautet der Plan ihr Maden?“
Seine Stimme in Qy’lhors Kopf war wie Samt, der über eine Klinge gespannt war.
„Wollt ihr mich hinauswerfen? Austreiben? Lächerlich. Ich bin kein Gast. Ich bin Teil der Einrichtung!“

Und da verklingt die Stimme wieder und stattdessen wird ein gehässiges Lachen im Kopf von Qyl‘hor verweilen.
[

Verfasst: Donnerstag 14. August 2025, 10:45
von Velvyr'tae
"Niemand steht über Seinem Ziel. Kein Meister, keine Erzlethoryxae. Niemand."

Die Nächte im Gewölbe waren still geworden. Am Anfang von Cawins Beutezug waren die Stunden der Wacht über dem Buch voller Emotionen gewesen. Zorn durchzog das Axorn wie grelle Fäden, flackerte zwischen harten Befehlen, Unruhe und Kampflust. Leiser waren die subtilen Töne der Angst, ihre Geschwister geübt darin, dieser machtvollen Emotion nicht freien Lauf zu lassen.
Nun war es sture Entschlossenheit, die das Leth'Axorn durchzog. Leiser im Grundton und doch so hart, dass es einen metallischen Geschmack auf ihrer Zunge hinterließ. Sie fühlte die Geschwister, die kamen und gingen.
Ihre Schüler, die Kraft gaben. Drin'belraks unveränderliche Präsenz. By'nar hingegen zeigte sich wie ein gesprungener Spiegel. Voller Facetten und Risse. Und war doch ein Ganzes.

Ein tieferer Atemzug hob ihre Schultern, dehnte die verkrampften Nackenmuskeln. Der ziehende Schmerz störte ihre tiefe Trance. Ihre Hülle war niemals stark genug, um zu dienen. Fehlbar. Aber Routine und Erfahrung waren machtvolle Instrumente, ihre Grenzen zu dehnen und zu überschreiten.
Die blassen Vettern mochten ihr inneres Feuer nutzen, um Jahrhunderte zu existieren. Aber ER wollte, dass sie brannte.
Und niemand stand über SEINEM Willen.


Langsam verebbte der Schmerz in die Bedeutungslosigkeit. Gut.

Wieder sank ihr Wille in die Verbindung mit der Macht, die ihr Leben bestimmte. Trieb im klerikalen Gefüge, als wäre es die wogende See. Sie war nie alleine.
Auch jetzt nicht.

Ily'zae wachte mit ihr, still und unverrückbar. Es gab keine Worte und brauchte keine. Nicht mehr.
Sie verstanden einander in den kleinen Bewegungen. In einer Veränderung der Atmung. Wussten, wann die andere Ruhe brauchte. Die Kräfte zur Neige gingen.

Die Erschöpfung lauerte in ihrem Nacken, gefährlich nahe.
Beschwert von Verantwortung und unausgesprochener Erwartung.
Der Meister war seiner Macht beraubt. Seines klaren Willens. So mussten andere führen, lenken, entscheiden.
Die Runen, von Qy'lhor und Nekandor selbst in ihr Fleisch geschnitten, brachen es zu simpler Wahrheit herunter.

Ich diene. Ich herrsche.
Immer.


Sie verstand. Sie fühlte das Gewicht.
War es dann Frevel, Halt zu brauchen? Zu wollen?
Ein menschliches Wort, eines mit bitterem Beigeschmack. Letharen zweifelten nicht. Nicht offen. Niemals verborgen, denn ER sah alles.
Sie dienten, an dem Platz, der ihnen zugedacht war.


Nie mehr.

Die treibenden Gedanken wurden wieder leise. Ihre Trance tiefer.
Nur mehr das trübe Licht der Kristalle bewegte die Schatten in dem Gewölbe, in dem der kindliche Meister und das Buch festgehalten wurden.


Nie mehr. Aber genug.

Verfasst: Freitag 15. August 2025, 09:42
von By'nar
"Schwäche ist nicht geduldet. Nie. Und du wirst schwach sein. Also wirst du damit zurechtkommen müssen. Klug, sonst stirbst du. Schnell."
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
By'nars Blick ruhte eine ganze Weile auf Velvyr'tae. Sie wusste nicht, wie viele Stunden sie bereits im Tempel verbracht hatte, doch es mussten etliche gewesen sein. Ihre Schultern waren abgesunken, und ihre Haltung besaß nicht mehr die gewohnte Standfestigkeit, die man an diesem Ort sonst stets zu sehen bekam.

Von den Dingen, die hier geschahen, verstand By'nar nicht alles. Aber sie verstand genug, um zu begreifen, dass die Geschehnisse der letzten Wochen die Lethoryxae auf vielen Ebenen getroffen hatten – sie griffen nicht nur den Dienst am Vater an, sondern auch die Hülle und den Geist. Zu vieles musste hinuntergeschluckt werden, zu vieles durfte man nicht sehen oder zeigen. Nicht von Velvyr'tae. Nicht von den anderen. Und doch wusste By'nar genau, dass manches tiefer griff, bis ins Herz hinein. Auch wenn sie überzeugt war, dass man diese Finger, die nach innen tasteten, abschneiden und zerschlagen musste – sie waren da, und sie verletzten.

Langsam setzte sie sich in Bewegung. Ihre Robe, die an vielen Stellen wieder löchrig geworden war, strich über den staubigen Tempelboden und hinterließ eine kleine Spur. Als sie bei der Templerin angekommen war, sammelte sich der Staub zu einem kleinen Häufchen. By'nar hob die rechte Hand, zögerlich, aber bestimmt, und legte sie auf Velvyr'taes Schulter. Es war kein Dienst am Vater und keine Unterstützung im Gebet. Es war nur eine Hülle, die einer anderen Hülle Halt gab und Verständnis zeigte. Ein Ausdruck von Zuneigung, den By'nar nur schwer in Worte fassen konnte – und doch musste es Augenblicke geben, in denen sie ihn zeigte.

By'nar spürte die Müdigkeit in ihren Knochen, in ihren Muskeln, in jeder Faser ihres Körpers. Jeder Schritt schmerzte, und ihre Kräfte waren beinahe erschöpft. Und doch wusste sie, dass sie bis zum Ende gehen würde – um die Lethoryxae zu stützen, und mit ihnen das Volk. Die Entscheidung musste fallen. Bald.