[Don't hesitate / Ain’t got not time]
Verfasst: Samstag 6. Januar 2024, 21:05
Zu leben, als käme niemals der nächste Tag, bedeutete für viele auf Gerimor ein Lebensziel. Gleicherweise passend für die Kriegerkaste, denn wer zum Schwert greift, kommt irgendwann darüber um. Das manche von ihnen frühzeitig ein Loch im Boden mit verziertem Stein erhielten, lag oft weniger an der Waffe, eher an Rauschmitteln oder dem falschen Balzverhalten. Erwartungsgemäß entschied zusätzlich die erwählte Aufgabe, was vorbestimmt ist. Ein klassischer Grenzwächter, das hatte Byuli bereits erfahren, konnte von Glück reden, den ersten Sold in den Händen zu halten. Wer infolgedessen den Heldentod im Sinn hatte, bekam die Möglichkeit, ihn mit dieser Profession erfolgreich umsetzen.
Wie also würde sie mal ihrem Ende begegnen? Wer sie kannte, wusste, dass die Vernunft den übermäßigen Genuss verschiedener Angebote unterband. Ihre Lehren hatte sie daraus gezogen, was passiert, wenn man manches zu sehr zulässt. Einer Stellung als Grenzerin sah sie ebenso nicht entgegen. Selbst nach diesem ersten Jahr in Rahal, war immer noch nicht alles in Stein gemeißelt. Oder ein Erdloch vorbereitet.
Nach ihrem täglichen, morgendlichen Besuch im Tempel, gefolgt von den körperlichen Übungen, kehrte die Kriegerin am späten Nachmittag nach Hause zurück. Je mehr sie ihren eigenen Gedanken nachging, desto länger dauerte manches. Unterstütze deutlich, den Kopf zu ordnen.
Vermutlich hätte sie am Vorabend davon Abstand nehmen sollen, ihre alten Einträge im Reisetagebuch nachzulesen. Es schaffte eine Nacht, die unterbrochener war, noch dazu gefühlt schwerer. Ob es am Kissen der Kirschblüte lag oder am Traumfänger der Rasharschneiderin, konnte sie nicht festlegen. Die Zeit der ruhelosen Nächte war eigentlich vorbei, allerdings gab es seltene Ausnahmen.
Gestärkt, gewaschen sowie angekleidet, nahm sie in der schlichten Teestube auf ihrem Dachboden Platz. Zur eintretenden Phase der Erholung gesellte sich Kraftlosigkeit. Locker verblieb die Körperhaltung, als sich die Schwarzhaarige an der Wand anlehnte, die Beine nur halb in den Kreuzsitz zog dazu. Es störte sie auch nicht, dass die noch nassen Haarspitzen ihre Spuren auf dem Hemdstoff im Rücken- und Nackenbereich hinterließen.
Der letzte Rest an Unruhe verbot jedoch eine zu lange Rast. Behäbig hob sie den rechten Arm, um die Abendlektüre des Vorabends an sich zu ziehen. Über Vergangenes stand ausreichend darin. Mit dem frischen Jahr kam der Vorsatz, weiter voranzusehen. Die aktuellen Erfahrungen, die sie gemacht hatte, waren es jedenfalls Wert eine frische Seite des Reisetagesbuchs aufzuschlagen. Zurück zur Gegenwart mit den Gedanken.
Langsam pendelt es sich ein, dass ich eher zu Hause dazu komme, einige Zeilen zu verfassen. Derzeit reise ich kaum und wenn, verbleibe ich nicht lange genug, damit es lohnend wäre. In der Kommandantur vermeide ich es, mit Schreibfeder und Tintenfass gesehen zu werden. Zu viel Schreibarbeit, die einen dann finden könnte.
Neben den Erlebnissen des Jahres, sind es weiterhin andere Menschen, die mich am meisten verwirren. Zugleich erhalte ich mehr Selbsterkenntnis als mir lieb ist.
Der Rum der blauen Orchidee war riskant. Ich verstehe nun, warum Seefahrer zu amourösem Verhalten neigen. Er weckt den Wagemut, lockert die Zunge. Ein Getränk, von dem ich besser Abstand halten werde, oder nur in Fingerbreiten zu mir nehme anstatt eines ganzen Bechers.
Die Umarmung der Bajarder Schmiedin kam unerwartet. Andere zu lesen, gehört weiter nicht zu meinen Stärken. Zugegeben, ist es auch das erste Mal seit langem, dass jemand den körperlichen Kontakt zu mir in dieser Form verringerte. Ein eigenartiges Gefühl. Heißt es nicht, man sollte seine Freunde umarmen, seine Feinde aber umso mehr, damit man weiß, wie breit das Grab ist, das man schaufeln muss? So schätze ich sie keineswegs ein, trotzdem fällt es mir ein. Sagt vermutlich viel darüber aus, wie ich über menschliche Nähe denke.
Das Gespräch mit der Grenzwarther Schneiderin im roten Schwert überraschte mich ebenfalls. Wo am wenigsten Gemeinsamkeiten erwartet werden, kann sie vorkommen. Was sie erzählte, war mir nicht so fremd. Seinen Platz unter den Augen der eigenen Familie zu behaupten ist nicht immer ein Leichtes.
K’awi, ist als Ort für Abwechslung interessanter geworden, seit es keinen Seeweg mehr braucht, um die Insel zu erreichen. Von den zwei Abenden dort, erinnere ich mich am lebendigsten an den Spieleabend. Der Ketzer, der mit uns auf dem Rückweg dasselbe Schiff bestieg, dazu den Zielhafen nach Adoran bestimmte. Noch nie hatte ich so sehr den Wunsch, jemanden zu packen und über Bord zu werfen.
Ohne Zweifel ein Vorzeichen für diese, bestimmten Tage im Monat, in der Frauen zu unüberlegten Taten wie auch Worten neigten. Für gewöhnlich bekomme ich es gut in den Griff. Unter Umständen war es zu wenig Ingwer an dem Tag.
Woran ich mich in Bezug auf die Insel noch erinnere, ist der Markttag vom 4. Schwalbenkunft. Charica, die Kartenleserin, zog für mich die Herrscherin, den Turm und den Mond. Sie sagte, dort wo ich mich am sichersten fühle, in Kontrolle, wird sich etwas Grundlegendes in meinem Leben ändern. Unvorhergesehenes. Noch kann ich es nicht bestätigen, doch es war vermutlich nicht auf das Jahr 266 begrenzt. Vielleicht passiert also in diesem Jahr etwas, das meine Beherrschung dazu bringt, zu bröckeln? Etwas bedeutsameres, als einen Adoraner vom Schiff stoßen zu wollen?
Was ist sonst das Resultat, nach meinem ersten Jahr hier? Ganz gleich ob gewählte Wege, bedeutsame Pflanzen oder gemalte Erlebnisse, am Ende bestimmt man selbst was daraus wird. Erinnerungen schneiden tief, hinterlassen Narben. Bisher war es Glück, Können oder ein guter Heiler, wodurch mein Leib keine verheilten Verletzungen vorweist. Im Inneren zeigt es dagegen die bekannte zweite Seite einer Münze. Hier trage ich sie mit Stolz, denn ohne sie wäre ich nicht die Frau, die ich heute bin.
Außerdem muss ich mir eine andere Tinte für mein persönliches Schreibzeug zulegen. Irgendwie kann ich mich nicht für dieses Blaugrün erwärmen.
Wie also würde sie mal ihrem Ende begegnen? Wer sie kannte, wusste, dass die Vernunft den übermäßigen Genuss verschiedener Angebote unterband. Ihre Lehren hatte sie daraus gezogen, was passiert, wenn man manches zu sehr zulässt. Einer Stellung als Grenzerin sah sie ebenso nicht entgegen. Selbst nach diesem ersten Jahr in Rahal, war immer noch nicht alles in Stein gemeißelt. Oder ein Erdloch vorbereitet.
Nach ihrem täglichen, morgendlichen Besuch im Tempel, gefolgt von den körperlichen Übungen, kehrte die Kriegerin am späten Nachmittag nach Hause zurück. Je mehr sie ihren eigenen Gedanken nachging, desto länger dauerte manches. Unterstütze deutlich, den Kopf zu ordnen.
Vermutlich hätte sie am Vorabend davon Abstand nehmen sollen, ihre alten Einträge im Reisetagebuch nachzulesen. Es schaffte eine Nacht, die unterbrochener war, noch dazu gefühlt schwerer. Ob es am Kissen der Kirschblüte lag oder am Traumfänger der Rasharschneiderin, konnte sie nicht festlegen. Die Zeit der ruhelosen Nächte war eigentlich vorbei, allerdings gab es seltene Ausnahmen.
Gestärkt, gewaschen sowie angekleidet, nahm sie in der schlichten Teestube auf ihrem Dachboden Platz. Zur eintretenden Phase der Erholung gesellte sich Kraftlosigkeit. Locker verblieb die Körperhaltung, als sich die Schwarzhaarige an der Wand anlehnte, die Beine nur halb in den Kreuzsitz zog dazu. Es störte sie auch nicht, dass die noch nassen Haarspitzen ihre Spuren auf dem Hemdstoff im Rücken- und Nackenbereich hinterließen.
Der letzte Rest an Unruhe verbot jedoch eine zu lange Rast. Behäbig hob sie den rechten Arm, um die Abendlektüre des Vorabends an sich zu ziehen. Über Vergangenes stand ausreichend darin. Mit dem frischen Jahr kam der Vorsatz, weiter voranzusehen. Die aktuellen Erfahrungen, die sie gemacht hatte, waren es jedenfalls Wert eine frische Seite des Reisetagesbuchs aufzuschlagen. Zurück zur Gegenwart mit den Gedanken.
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Rahal, Behausung im Osten der Stadt, Dachboden - 7. Hartung 267 Langsam pendelt es sich ein, dass ich eher zu Hause dazu komme, einige Zeilen zu verfassen. Derzeit reise ich kaum und wenn, verbleibe ich nicht lange genug, damit es lohnend wäre. In der Kommandantur vermeide ich es, mit Schreibfeder und Tintenfass gesehen zu werden. Zu viel Schreibarbeit, die einen dann finden könnte.
Neben den Erlebnissen des Jahres, sind es weiterhin andere Menschen, die mich am meisten verwirren. Zugleich erhalte ich mehr Selbsterkenntnis als mir lieb ist.
Der Rum der blauen Orchidee war riskant. Ich verstehe nun, warum Seefahrer zu amourösem Verhalten neigen. Er weckt den Wagemut, lockert die Zunge. Ein Getränk, von dem ich besser Abstand halten werde, oder nur in Fingerbreiten zu mir nehme anstatt eines ganzen Bechers.
Die Umarmung der Bajarder Schmiedin kam unerwartet. Andere zu lesen, gehört weiter nicht zu meinen Stärken. Zugegeben, ist es auch das erste Mal seit langem, dass jemand den körperlichen Kontakt zu mir in dieser Form verringerte. Ein eigenartiges Gefühl. Heißt es nicht, man sollte seine Freunde umarmen, seine Feinde aber umso mehr, damit man weiß, wie breit das Grab ist, das man schaufeln muss? So schätze ich sie keineswegs ein, trotzdem fällt es mir ein. Sagt vermutlich viel darüber aus, wie ich über menschliche Nähe denke.
Das Gespräch mit der Grenzwarther Schneiderin im roten Schwert überraschte mich ebenfalls. Wo am wenigsten Gemeinsamkeiten erwartet werden, kann sie vorkommen. Was sie erzählte, war mir nicht so fremd. Seinen Platz unter den Augen der eigenen Familie zu behaupten ist nicht immer ein Leichtes.
K’awi, ist als Ort für Abwechslung interessanter geworden, seit es keinen Seeweg mehr braucht, um die Insel zu erreichen. Von den zwei Abenden dort, erinnere ich mich am lebendigsten an den Spieleabend. Der Ketzer, der mit uns auf dem Rückweg dasselbe Schiff bestieg, dazu den Zielhafen nach Adoran bestimmte. Noch nie hatte ich so sehr den Wunsch, jemanden zu packen und über Bord zu werfen.
Ohne Zweifel ein Vorzeichen für diese, bestimmten Tage im Monat, in der Frauen zu unüberlegten Taten wie auch Worten neigten. Für gewöhnlich bekomme ich es gut in den Griff. Unter Umständen war es zu wenig Ingwer an dem Tag.
Woran ich mich in Bezug auf die Insel noch erinnere, ist der Markttag vom 4. Schwalbenkunft. Charica, die Kartenleserin, zog für mich die Herrscherin, den Turm und den Mond. Sie sagte, dort wo ich mich am sichersten fühle, in Kontrolle, wird sich etwas Grundlegendes in meinem Leben ändern. Unvorhergesehenes. Noch kann ich es nicht bestätigen, doch es war vermutlich nicht auf das Jahr 266 begrenzt. Vielleicht passiert also in diesem Jahr etwas, das meine Beherrschung dazu bringt, zu bröckeln? Etwas bedeutsameres, als einen Adoraner vom Schiff stoßen zu wollen?
Was ist sonst das Resultat, nach meinem ersten Jahr hier? Ganz gleich ob gewählte Wege, bedeutsame Pflanzen oder gemalte Erlebnisse, am Ende bestimmt man selbst was daraus wird. Erinnerungen schneiden tief, hinterlassen Narben. Bisher war es Glück, Können oder ein guter Heiler, wodurch mein Leib keine verheilten Verletzungen vorweist. Im Inneren zeigt es dagegen die bekannte zweite Seite einer Münze. Hier trage ich sie mit Stolz, denn ohne sie wäre ich nicht die Frau, die ich heute bin.
Außerdem muss ich mir eine andere Tinte für mein persönliches Schreibzeug zulegen. Irgendwie kann ich mich nicht für dieses Blaugrün erwärmen.