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Verfasst: Dienstag 22. Oktober 2024, 14:04
von Nisa Luminy
Zu schnell.
Sie waren zu schnell!
Sie waren zu früh, viel vieeeeel zu früh!

>>Nein<< , flüsterte die schleichende Erkenntnis auf ekelerregend Art und Weise beinahe liebevoll, >> du bist nur einfach zu langsam und viel, vieeeeel zu spät.<<

>>Wer sich auf dich verlässt, wird verlassen.<<

Sie merkte, wie sie zu schluchzen begann, unkontrolliert und hässlich, mit laufender Nase, grunzenden Schluckaufgeräuschen, halbblind und strauchelnd. Dennoch trieben sie die Beine weiter voran, regten zu immer neuen Schritten an und sorgten für das matschignasse „Pitter-patter“ ihrer Schritte in den feuchten Gassen Siebenwachts.
Längst waren sie an die Ecken gekommen, die sie nicht mehr wie ihre Hosentasche kannte und die Kutsche, welche einen der ihr kostbarsten Menschen mit sich gerissen hatten, war den verschwommenen Blicken längst entschwunden.
Die Kutsche, die ihr Nika genommen hatte.
Sie hatte doch geschworen, dass sie auf ihn achtgeben und ihn beschützen würde.
>> Wahnsinnig witzig! Du bist eine graue, kleine Maus. Du kannst niemanden beschützen, nicht einmal dich selbst. Nein, dazu braucht es Menschen wie Nika, die sich auch noch mit deiner Schwäche befassen müssen. >>

Das… war leider wahr.
Nachdem Fiete weniger und weniger im Rattennest selbst zugegen sein konnte, hatte er sie irgendwann beiseite genommen und mit leiser, doch eindringlicher Stimme ans Herz gelegt, sich gerade in Nikas Nähe auszusuchen, sich an ihn zu halten und auch ihn zu beobachten. Zwar konnte sie seiner Bitte oder gar Anweisung nicht widersprechen und sie wusste um die brüderliche Freundschaft zwischen den beiden aber trotz alledem weckte die Aussage Staunen und auch Furcht in ihr. Fiete und Tink waren ihre Anker gewesen, ihre Schutzschilder. Doch der Eine war dem Rattennest entwachsen und sie konnte es mehr als nur nachvollziehen, dass er sich aus seiner neuen Freiheit heraus nicht mehr in diese widerliche Abhängigkeit, diesen schmutzigen Käfig, begeben wollte und Tink… Tink war ein Opfer des Käfighandels geworden. Tink war verkauft. Fort.
Somit war es verständlich, dass Fiete ihr riet einem neuen, so hell strahlenden und starken, ungebrochenen Stern wie Nika zu folgen, doch brannte just dieser gefährlich heiß und drohte jene, die ihm zu nahe kamen, mit sich zu reißen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern hatte Tink den Gerüchten um die Wechselbalg Nika Legende nicht geglaubt, doch ihre Warnung war nicht minder eindringlich.
„Nika spielt mit dem Feuer, Maus. Halt dich fern von ihm, so fern wie nur möglich.“
„Wie meinst n das?“, hatte sie genuschelt und von der lieben Freundin einen langen, ernsten Blick erhalten. Die Antwort wiederum war mehr als nur vage und ungenau.
„Das wirst du sehr bald selber herausfinden.“
Und Recht sollte sie behalten.
Mit Fietes Abstinenz und dem Verschwinden mehr und mehr Kinder aus dem Rattennest schien Nikas Feuer gleitender und ungebändigter zu flammen. Nie hatte sie jemanden so gefürchtet und bewundert zugleich. Er bot ihnen allen die Stirn, offen und sogar dann noch mit einem spöttisch-grimmigem Lächeln, wenn er am Boden lag, Blut spuckte und die bulligen Schergen Onkelchens ihm gegen den Magen traten.
„Nur nicht das hübsche Gesicht!“
Tantchens seltsame Ausrufe und scharfschnappende, grotesk fehl am Platz wirkende Instruktionen ließen sie zudem schaudern, denn obwohl sie sich damals noch nicht sicher beantworten konnte, woher diese verdrehte Fürsorge kam, so wusste selbst das kleine Mädchen, dass der Ort, welcher jene Triebe der Rattennestherrin gebar, ein sehr düsterer war.
Kurzum – ja, Nika brannte, verbrannte und hielt sich dennoch nicht von den Flammen fern. Er war zudem ein Einzelgänger, getrieben von Motiven, die keiner zu kennen schien und niemand wagte zu hinterfragen. Was also veranlasste Fiete gerade ihn als neue Bezugsperson, als Vertrauten unter all den Ratten zu benennen? Obwohl sie bald realisierte, dass Fiete auch Nika etwas im Bezug auf sie gesagt haben musste, fühlte sie dann und wann seine Blicke doch mit einem Hauch weniger Gleichmut und gab es manchmal sogar ein knappes Nicken, so dauerte es Monate, bis sie herausfand, worauf Fietes Vertrauen zum Jüngeren fußte und wie weit Versprechen in diesem Bund gingen.

Er, der nach wie vor kaum ein Wort mit ihr wechselte und sie nie länger als zwei, drei Lidschläge in den Blick nahm, bewahrte sie in den folgenden Jahren mehrfach vor grässlichen Schicksalen. Andere Kinder verschwanden. Verkauft, getauscht, verschachert, verschollen. Sie hingegen nicht, sie blieb die unberührte Maus im Nest der Ratten und der einzige Unterschied zu all diesen Kindern war… Nika.

Mit der Realisation dieser Kausalität, welche erst nach weiteren Monaten erfolgte, entstand der Wunsch, dieses unbezahlbare Geschenk doch irgendwie zu abzugelten. Doch wie? Nika zeigte deutlich, dass er auf Schmuseinheiten und Schmeicheleien der Rattennestbewohner verzichten konnte und sie wusste, dass er sie nonchalant abschütteln würde, wenn sie ihn mit dieser Frage belästigen würde. Es blieb nur ein einziger Weg und der war einer Maus durchaus würdig. Sie begann ihm zu folgen, so leise und grau wie möglich und beobachtete das, was sie sah, in der Hoffnung ihre Chance bald ergreifen zu können. Zu ihrem Erstaunen ließ er es zu.
Es dauerte nicht lange, da ließ er sie wissen, dass er um die Maus in seinem Schatten wusste – ohne sie direkt anzusprechen oder zu ermahnen. Kleine Gesten, kurze Blicke, ein kurzes Zucken im Mundwinkel. Alles zur Freude zu Maus. Zu ihrem Bedauern hingegen war er sehr wohl in der Lage sie flink abzuschütteln, wenn er sie gerade absolut nicht in seiner Nähe oder auf seiner Fährte wollte. Manchmal wiederum wirkte es fast so, als spiele er ein Spielchen mit ihr, fordere sie heraus oder stellte sie auf die Probe, um ihre Fähigkeiten ein bisschen zu ergründen. Die Jahreszeiten zogen weiter durchs Land, ertränkten Siebenwacht im Regen, nur um es kurz darauf in sommerlicher Hitze regelrecht zu backen. Abgelöst wurde dies wieder von Regensturzbächen, bis zuletzt der Frost alles in seine eisigen Klauen packte und der belebte Moloch aus vielerlei Gründen wieder leiser wurde. Doch mitten in der Zeit des stillen Sterbens zog er sie eines Abends beiseite und bot ihr den allerersten Auftrag an. Ein Botengang nur, rasch, diskret, keine Fragen und weitere sollten folgen. Nika schien zufrieden mit ihrer Arbeit, bald wechselten sich die Aufgaben sogar ab. Nie waren sie groß, nie epochal oder offen gefährlich, doch konnte sie ihm Arbeit abnehmen und so, zumindest in gewisser Weise, ihr Versprechen halten. Das einzige Mal, dass sie tatsächlich nahe war, den Schwur wirklich zu erfüllen war, als ihr kleiner Dolch seitlich in Tantchens Hüfte drang und für genug Durcheinander sorgte, um sowohl unerkannt wieder zu entfliehen, als auch Nika aus ihren gierigen Klauen zu befreien – diesmal…

Aber offenbar hatte sie sich auf dieser vermeintlichen Heldentat ausgeruht, war nachlässig geworden und jetzt, wo er sie am meisten brauchte, da hatte sie ihn im Stich gelassen. Die Schritte wurden langsamer, die Kutschenradspuren hatten sich längst mit anderen vermischt und die Richtung war nicht mehr ausmachbar.
Verloren, verkauft, verraten, verschwunden.
Derjenige, der sie noch nicht verlassen, der ihr noch nicht genommen worden war.
Nika…

Sie wusste nicht, wie lange sie an der Brücke gesessen und in den gefrorenen Schlick darunter gestarrt hatte. Stunden sicherlich. Vielleicht ein halber Tag? Fietes Geschenke, die warme Wolle, der zu große aber kuschelige Mantel, neue Stiefel waren ihre Rettung und sorgten dafür, dass sie in jener Nacht zumindest der Tod nicht fand.
Dafür eine andere Person, welche sich so lautlos näherte, dass das Mädchen erst zusammenzuckte, als die Gestalt sich bereits neben ihr in die Hocke begab und ebenfalls, so schien es, auf das Wasser blickte, ehe sie zu sprechen begann.
Maus erkannte die Stimme, doch wagte sie nicht den Kopf zu drehen, um die rasch gesprochenen, kurzen Phrasen zu verstehen, sich nicht vom ersten Tageslicht abzulenken zu lassen, denn der Inhalt der Worte raubten ihr den Atem und rissen ihre Augen weit auf.
Als sie Rückfragen stellen wollte, war die Sprecherin… war Cia bereits mit dem Morgengrauen verschwunden, hinfortgeschwemmt vom blutroten Sonnenaufgang.

Geduld war nicht ihre Stärke, schon gar nicht in dieser Situation und doch war genau das die Tugend, an welche Cia immer und immer wieder in den schnellen, gewisperten Anweisungen ermahnt hatte. Mit jedem ihrer Worte hatte sie Recht behalten, Treue bewiesen, Halt gegeben aber nun, wo sie ihn dank Cias Hilfe und dem Beistand der einzigen Person, der sie hinsichtlich Nika vertraute halbwegs in Sicherheit gebracht hatte, da quollen Zweifel auf, ob es zu viel Geduld, zu viel Zeit und Ruhe gewesen war.
>> Viiieeeeel zu spät.<<

„Dreck… Maus, 's sieht verdammt nochmal nich' gut aus.“
Nans Gesicht war bei Nikas Anblick fast so fahl, wie die aschgraue Haut des vermeintlich Geretteten. So oft hatten sie ihn beide schon mit gebrochenen Lippen, Platzwunden, Blut an den Lippen oder gar im Wundfieber erlebt, doch diesmal waren es viele Wunden, grausig viel verlorenes Blut und dann der Bruch.
„Dreck…“, murmelte Nan erneut und auch sein Blick haftete an dem Knochen, der als weißer, spitzer Splitter aus dem blutigen Fetzen mitten im schlanken Bein ragte.
Die Mäuseohren bekamen nur am Rande mit, dass Nan davon sprach noch jemanden zu holen. Eine ganz bestimmte Person, da diese Verletzungen und die Folgen seine Heilkunst um ein Vielfaches überschritten. Er zögerte und sprach dann doch nicht aus, was in diesem Zögern lag: Nan wollte nicht gehen, Nika nicht zurücklassen, weil er nicht wusste, ob er sich in den nächsten Momenten von ihm verabschieden musste.
Er entschied sich und setzte auf diesen Kontakt, griff nach dem letzten Hoffnungsschimmer und ließ sie in der Dunkelheit zurück.

Zum ersten Mal schloss sie den Jungen vorsichtig in die Arme und als sie merkte, dass selbst sein Atem nicht mehr fiebrig rasch, sondern kurz, leise und kaum mehr spürbar ging, war die Verzweiflung wieder ihr einziger Geselle.

>>Viiieeeeel zu spät.<<


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Verfasst: Dienstag 5. November 2024, 01:25
von Nika Cytian
Wie man dem Kompass der Totenlichter folgt

Ein Wispern, flüsternde Blätter im Sommerwind, tanzend im goldenen Licht. Es gab kein Gefühl und
dennoch war mein Herz gefüllt. Nicht mit Erinnerung, nur mit Sein. Das Mosaik des sich im Wirbel
drehenden und zitternden Laubdachs zauberte stetig wandelnde Muster vor das helle Blau des Himmels.

"Cheol." Süßer Schmerz überspülte mich bei jenem Klang, doch war es kein Leid. Es war jene Grenze,
wenn Sehnsucht und ihre Erfüllung aufeinandertrafen, wenn das Herz einen Schlag aussetzt, jener
seltene, alles einnehmende Augenblick. Er dehnte sich zu einer Spanne ohne Zeit. Ich wandte den
Kopf beiseite. Ihre Silhouette schimmerte gegen das flirrende Gold, gewann nur allmählich an Form
als gönne sie meinem Herzen die nötige Zeit nicht zu zerspringen.
"Mein Liebstes, du bist zu nah." Der Klang ihrer Stimme rührte in mir ein so unerträgliches Vermissen,
dass mir brennende Tränen in die Augen stiegen. Ich wusste nicht, warum. Ich war sicher bei ihr. Es gab
keine Erinnerung und keine Vergangenheit hier. Sanft strich sie mir über die Haare, umfing mich liebevoll
und mildernd. Der Duft von Pfirsichen haftete ihrem Sein an wie eine Aura aus Licht.
Ihre Stimme war leise, flüsternd wie das Rauschen der Blätter über uns. "Wenn du möchtest, kannst
du bei mir bleiben, Nika. Ich vermisse dich und doch schmerzt es mich dich so nahe an der Grenze bei
mir zu haben." Ich sah zu ihr auf. Der Anblick der Tränen auf ihren Wangen zerriss und heilte mich zugleich.


Mutter.

"Es würde mich auch schmerzen dich gehen zu sehen und doch wünsche ich mir nichts sehnlicher als das.
Ich wünsche dir die Welt, die ganze Welt, Cheol."
Ich fühlte wie ihre Liebe sich um mich legte wie ein wärmender Mantel. Weit entfernt, unendlich weit war
eine Zeit gewesen, in der ich unter diesem Mantel gelebt hatte. Die vage Erinnerung an ein Gefühl echote
durch meinen Geist und ließ eine leidvolle Vakanz in meinem Inneren zurück. Bruchstücke ohne Bedeutung
in jenem Allsein in ihren Armen. Segen und Balsam, ihr Duft.
Es war die Ewigkeit. Alles existierte zugleich und zu keiner Zeit. Das Licht, die tanzenden Schatten, ihre
Präsenz. Der Duft von Pfirsichen. Die ganze Welt.

Das goldene Licht verlor an Farbe. Die Blätter tanzten im Grau und stürzten in die Schwärze. Übelkeit überkam
mich, als der Geruch von Blut und Erbrochenem in meine Nase stieg. Es war düster um mich, in den Schatten
schimmerte der Duft von Pfirsichen... "Die ganze Welt", raunte die Dunkelheit.

Tränen rannen aus seinen Augenwinkeln herab, als Nika erwachte. Das Atmen schmerzte. Halb sitzend, halb liegend neben ihm schlief Maus, den Kopf auf seine Lagerstatt gebettet. Der Blick durch die Kammer offenbarte wenig. Nika versuchte seinen Geist zu sammeln, doch traten nur wenige Bilder aus dem Nebel seiner Erinnerung hervor. Lediglich ein Augenblick war klar in seinen Geist gemeißelt und dehnte sich zur einzigen Wahrheit seines Gedächtnisses. Versprich es mir, Nika, bitte! Du musst es versprechen!

Für mehrere Wochenläufe war Nika ans Bett gefesselt. Seine Verletzungen waren so schwer gewesen, dass es für den Heiler an ein Wunder grenzte, dass er überhaupt überlebt hatte. Neben schlimmen Prellungen, häufig in Verbindung mit aufgeplatzter Haut, hatte er mehrere gebrochene Rippen, eine ausgekugelte Schulter, einen gebrochenen Unterarm, mehrere große Schürf- und Kratzwunden, eine Platzwunde am Kopf, einen offenen Bruch am Unterschenkel, sodass seine Knochen durch die Haut herausgestakt waren, als er gefunden worden war, und all dies in Verbindung mit Nachwirkungen eines betäubenden Gifts, das seine Atmung zu hemmen schien. Der Jugendliche hatte zwei Wochenläufe im tiefsten Schlaf verbracht, bevor er zum ersten Mal zu Bewusstsein gekommen war. Erst zu jenem Zeitpunkt konnte man überhaupt hoffen, dass er überleben würde.
Nika wusste nicht wie und unter welchen Umständen er gefunden worden war, doch schienen Maus und Nan damit in Verbindung zu stehen. Für eine geraume Zeit verblieb er in der Kammer einer Heilstube, zumindest wirkte es wie eine. Onkel kam hin und wieder und fragte ihn nach den Geschehnissen ohne eine Antwort zu erhalten. Tante erkundigte sich, nervös und besorgt. Nika schwieg. Nach einem Mond wurde er von der Heilstube ins Nest verlegt. Er erhielt eine eigene, kleine Kammer. Tante besuchte ihn täglich und las ihm vor. Nika wünschte sich sie würde ihren Mund halten und ihn in Ruhe lassen. Ab und an suchte Sole ihn auf und betrachtete ihn abwägend wie einen Gaul auf dem Pferdemarkt. Seltener schlich sich Maus in seine Kammer und erzählte ihm Nichtigkeiten, etwa vom Wetter oder was es zu essen gegeben hatte (zu der Jahreszeit meistens Weizeneintopf). Doch die meiste Zeit schlief er.

Wie sein Körper gänzlich zerschlagen worden war, war auch sein Inneres zerschunden. Nichts schien sein Ich mehr schützen zu können, alles war zersplittert und gebrochen. Nika spürte, dass sein Verstand an einem gefährlichen Abgrund entlang balancierte. Es fehlte nur ein kleiner Schubs, um ihn über die Kante zu befördern. Fallen war leicht. Jener Sturz würde all sein Bewusstsein dem wilden Hund zum Fraß vorwerfen. Nichts stände mehr zwischen ihm und dem blendend weißen Fleck; – der Wahn würde ihn packen und zerfleischen, befeuert von Wut, gegeißelt von Hunger. Und er würde darin toben und wüten, beißen und schlingen bis sein Inneres völlig ausgebrannt wäre, bis alles keine Bedeutung mehr oder bis man seinen Körper zerschlagen hätte. Der Gedanke an jenes hemmungs- und rücksichtslose, jenes gänzlich selbstvergessene Rasen und Toben, jene Selbstzerstörung erfüllte sein ganzes Sein mit aufgeregter Euphorie, bevor der Schrecken darüber sein Bewusstsein abkühlte.

Der letzte Mond des Jahres war angebrochen. Wie immer in jenen Tagen des Jahres fühlte Nika sich elend und war unausstehlich, hinzukommend zu seinem Geisteszustand und den noch immer nicht gänzlich verheilten Verletzungen und den Schmerzen, die damit einher gingen. Erträglicher machten es ihm die besonders stark wirkenden betäubenden Arzneien und der Alkohol. Bedauerlicherweise war der Nachschub an teurem, aus Aschenfeld importiertem Kornbrand, eine Gabe von Sanna, versiegt, nachdem er sie vor einigen Tagen angeschrien, beschimpft und mit ihrem Buch beworfen hatte. Seither war sie nicht wieder aufgetaucht. Es blieb noch der Kehlenschlitzer, von dem Nan zufällig einige Kisten in jener Kammer eingelagert hatte. Er nahm großzügig von allem, um den Schmerz abzufedern. Immer, wenn sein Geist am Abgrund schlingerte, erhöhte er die Dosis. Die Betäubung wirkte eine gewisse Zeit. Nika fürchtete die Stunde, wenn nichts mehr blieb.

Es war eine jener seltenen Zeitspannen, in denen Nika nur in einem leicht wattigen Gefühl gebettet, doch sein Geist wach war. Noch spürte er die Schwerkraft des Wahns nicht an sich zerren, wenngleich er den Sog erwartete. Von seiner Lagerstatt aus konnte Nika die tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster seiner Kammer beobachten. Er hasste den Schnee.
Seine Erinnerungen an jene zwei Tage und Nächte vor beinahe sechs Wochenläufen waren nur in Teilen zurückgekehrt. Mittlerweile war er sich nicht mehr sicher, was wirklich passiert und was sein Kopf in Krankheit, Wahn und Schmerz ergänzt oder ausgelöscht hatte. Unwillkürlich schoss ihm ein Ausspruch von Onkel durch den Kopf: Es ist nicht wichtig, wer du bist. Entscheidend ist nur, was die anderen dir glauben zu sein. Er wusste, dass die Wahrheit in jenen Worten lag. Was blieb von einem König ohne Insignien, ohne Gefolgschaft, Zeichen oder Erkennen? Gewiss wäre er noch wer er gewesen war und zugleich wäre er dies nicht. Eine Dirne mit einer geschickten Zunge, einem Wortschatz aus Gold und genug Skrupellosigkeit konnte eine Gräfin zu Fall zu bringen. Letztlich war das Wer nicht entscheidend, nur das Wie. Wie wichtig war also das Was? Nika schloss die Augen. Verschiedene Aussagen und Erinnerungen, gleich ob real oder erdacht, begannen sich in seinem Kopf zu überlagern, ein Flickwerk aus Gedanken. In einem Mosaik aus Stimmfarben formten sie sich allmählich zu einer Landkarte, zu einem Wegweiser und Kompass, zu einem Wunsch und Begehren.


Es ist nicht wichtig, was passiert ist. Entscheidend ist nur, was du aus dem machst, was du erhalten
hast. Du bekamst mehr als ein Geschenk, es waren die größten Opfer. Mehr Tote zu ehren. Tote, denen
du schuldest zu leben. Als du selbst, eines Tages.
Es ist keine Schwäche in stiller, vermeintlicher Gefügigkeit verborgen zu bleiben bis man mit geschonter
Kraft an die Oberfläche bricht und all dem mit einem Schlag ein Ende setzt. Es hat keine Bedeutung, ob sie
das wirklich gesagt hatte, erheblich ist nur, dass du es jetzt weißt.
Ich will mein Leben. Ich will alles. Ich will... die ganze Welt.
Als Nika die Augen wieder öffnete, hatte sich etwas von ihm gelöst. Fortan würde er die Opfer an sich selbst auch selbst bestimmen. Der Abgrund war noch da, der Rand nicht fern. Der wilde Hund bellte. Kontrolle brachte ihn zum Schweigen. Nika wurde bewusst, dass er fortan jene Kontrolle nie wieder aufgeben durfte. Alles war zu nah in seinem Inneren und alles, was in ihm lauerte, würde ihn und alles um ihn herum verschlingen, wenn es je die Möglichkeit bekam.

An jenem Abend verzichtete er auf die Medikamente und den Alkohol. Er brauchte einen klaren Kopf, um mit Sole zu sprechen. Entscheidend war nur, was Onkel ihm glaubte zu sein.

Serpens marinus

Verfasst: Donnerstag 27. März 2025, 21:24
von Nika Cytian
Serpens marinus

Mit eher mäßigem Interesse beobachtete Ioanna van Seidelbast, die Inhaberin der Beerenrebe, den jungen Pagen wie er die Wandkerzen in ihrem Arbeitszimmer entzündete. Es war keine spannende, doch eine erwünschte Unterbrechung von dem Gespräch. Der junge Mann, der ihr Geschäft an jenem Abend betreten hatte, war anders als die reichen und gelangweilten Burschen, die üblicherweise ihren Weg in ihr Etablissement fanden. Abgesehen davon, dass er mit seiner bloßen Erscheinung und Ausstrahlung vermutlich die meisten ihrer Mädchen (und Burschen) dazu hätte bewegen können ihm all ihre Dienste umsonst angedeihen zu lassen, besaß er eine unleugbare Überzeugungskraft, die weniger seiner noch ungeschliffenen Eloquenz als vielmehr einem eindringlichen Verlangen zu entspringen schien. Gewickelt in Schichten von Kontrolle und Beherrschung, garniert mit seiner dunklen Schönheit und bittersüßen Jugend war er geradezu delikat. Würde sie über so ein Exemplar verfügen, ausgebildet, könnte sie mit ihm die Grundfeste der Gesellschaft erschüttern. Doch bot er ihr nicht gewissermaßen dasselbe an?
"Damit wir uns richtig verstehen, Nika, du möchtest, dass ich dich die gehobene Etikette lehre? Die Feinheiten der distinguierten Gesellschaft, Raffinesse, ihre Tänze und kultivierte Ausdrucksweisen? All dies, damit du dich offensichtlich unerkannt oder im guten Sinne anerkannt unter jenen bewegen kannst, die dir und deinem wahren Leben und Sein so fern sind wie der Mond. Das ist ambitioniert", fasste sie seine vormalige Bitte in einem möglichst sachlichen Tonfall zusammen, nachdem der Page das Zimmer wieder verlassen hatte. Sie konnte sehen, dass er über manche ihrer gewählten Worte kurz nachdachte, bevor er zu einer Antwort ansetzte. "Mag sein. Aber ja, das will ich lernen. Ich bin bereit dafür zu zahlen, edle Dame van Seidelbast."
Unverwandt, geradezu bohrend und forsch, lag der kühl wirkende Blick des jungen Mannes auf ihren Zügen, er trug in Verbindung mit seinen fremdländischen Zügen eine Intensität in sich, die wohl die meisten dazu gebracht hätte sich abzuwenden; – sie selbst war fasziniert. Nicht wie ein Kaninchen im Angesicht des den Himmel zerreißenden Blitzes, es war eine sachliche Anerkennung der Wirkung. Hart, ungeschliffen, unverhüllt, gewiss, doch trug eben dies auch einen Teil seines Charmes. Bebend darunter spürte sie das erhitzte Öl, das das Feuer schürte, vielleicht Hass, mühevoll verdeckter Groll, Leidenschaft; – die brennende Jugend.
"Sparen wir uns den Tanz darum, wieviel Wunsch nötig ist, welchen Wert meine Fähigkeiten haben und wer hier wem einen Gefallen tut", erklärte die Edle schließlich gänzlich pragmatisch, wobei das flüchtige Zucken seiner Mundwinkel ihr verriet, dass er sie genau verstand. "Ich bin interessiert. Ohne allen Zweifel bist du ein ungewöhnliches Exemplar, eine Tatsache, die dir zweifelsohne ebenso bewusst ist. Dergleichen entwächst selten einem Misthaufen wie der Aufzuchtsgrube deiner Besitzer. Wir werden es vor ihnen verborgen halten müssen, damit wir ungestört miteinander arbeiten können. Du musst mich nicht bezahlen, nicht mit Münzen. Du wirst mir anders Dienst erweisen, junger Nika." Flüchtig huschte ein Schatten über seine Mimik, offenbar unfähig jenes tiefliegende Misstrauen vor ihr, vor allem und vor jedem, zu verbergen, dann aber nickte er entschlossen. Es war der Moment, als sie für sich feststellte, dass sie den Jungen mochte.


Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen schlich sich Nika aus dem Hinterausgang der Beerenrebe auf die Straßen von Siebenwacht. Seit seiner Genesungszeit und dem gefassten Entschluss, seit seinem Gespräch mit Sole waren mehr als sechs Monde vergangen. Er war dem Kompass gefolgt, der ihm in die Hand gelegt worden war.

Erwartungsgemäß war Onkel zu dem Zeitpunkt von Nikas Erwachen in einem Wechsel von Ärger und Misstrauen verhaftet gewesen, gewürzt mit einen Hauch Rage, Wahnsinn und sonderbarerweise gar so etwas wie Sorge um seinen Zögling oder vielleicht doch eher Besorgnis um seine Investition. Er wollte wissen, was geschehen war, worin Nika verwickelt war, was zu seinen Verletzungen geführt hatte. Sole war nicht der brillanteste Intrigant, doch hatte er einen Scharfsinn und eine Intuition, die nur Menschen besaßen, die gelernt hatten auf des Messers Schneide zu tanzen. Er hatte stets gewusst, dass Nika etwas vor ihm verbarg und dass der Junge ein verborgenes Biest in dieser Stadt reizte und provozierte, das ihm die Finger verbrannte. Er wusste nicht, was und warum.

In jener einen dunklen Nacht im Alatner hatte Nika Sole schließlich erzählt, was ihn quälte. Von dem Mord an seiner Mutter, von der Mörderin und den daraus resultierenden Entwicklungen um die Grauen Schwingen. Wie er ihren Fallen entkommen war und wie sie ihn jagten für seine Rache. Nika erzählte ihm alles. Als er schließlich geendet hatte, herrschte Stille in der Kammer. Für eine geraume Weile saß Onkel auf dem Hocker neben der Bettstatt und stierte vor sich hin. Schließlich erhob er sich.
"Ich möchte dir eine neue Abmachung anbieten, Sole", ergriff daraufhin erneut der Jüngere das Wort und lehnte sich ein wenig in seinem Bett zurück, "Ich biete dir meine Offenheit und Loyalität, ich biete dir an nicht mehr unnötig gegen dich und mein Sollen zu kämpfen. Ich werde meine Aufgaben erfüllen und dir beschaffen, was du willst." Onkel hob den Kopf etwas an und musterte Nika zwischen den einzeln herabhängenden Strähnen heraus. In seinem Blick lag zugleich sein Misstrauen wie eine stille Versuchung die gereichte Hand zu ergreifen. "Was willst du dafür?", fragte er schließlich in einem ruhigen Tonfall nach. Allein die Tatsache, dass er jene Frage nicht mit einer Beleidigung oder scharfem Ton belegte, offenbarte seine Ernsthaftigkeit. "Selbstbestimmung. Ich will, dass du mich nicht behandelst wie deinen Hund, sondern angemessen. Sofern du noch nicht vergessen hast wie das geht..." Onkels Haltung straffte sich daraufhin und ein finsterer Blick traf Nika. Davon unbeeindruckt, setzte dieser dann fort: "Ein gewisses Maß an Freiheit. Natürlich vertraust du mir nicht, jetzt nicht, aber erkenne es an, wenn es verdient wurde. Binde keine Ressourcen an mich, ich werde dich nicht belügen. Meinetwegen binde sie an mich, wenn es dich befriedigt, aber hindere mich nicht meine Schritte zu tun wie ich will." Nika konnte sehen, dass vor allem der Zusatz Onkels Misstrauen etwas glättete. "Sicherheit. Ich will deine Deckung und Hilfe, wenn es nötig sein sollte, Sole", setzte der Jüngere dann hinzu und hörte sogleich ein unleidiges Zischen. Für einen Moment erwog Nika noch etwas zu seinen Forderungen hinzuzufügen, schwieg dann aber. Es war zu riskant, es gab zu viel preis. Sie war sicherer ohne Erwähnung, ohne ein Schwachpunkt zu werden.
Onkel verließ in jener Nacht die Kammer ohne noch eine Antwort zu geben. Erst Tage später kehrte er zurück und entrichtete seine Einwilligung zu der neuen Abmachung. Nika erlaubte sich ein befriedigtes Schmunzeln. Er hatte jenes Opfer an sich selbst bestimmt und, wenngleich es ihm nicht gefiel, dass Sole nun so viel von ihm wusste, hatte er ihm dennoch nur offenbart, was zu teilen er bereit gewesen war. Alles? Bei Weitem nicht, er hatte Sole erzählt, was er entbehren konnte, was er erdulden konnte, wenn sein Besitzer es wusste. Es war unangenehm, es juckte etwas, es würde nachlassen. Gleichwohl höher war der mögliche Gewinn. Es würde dauern, lange, ehe Sole ihm auch nur einen Hauch von Vertrauen gewähren würde. Nika musste seine Geduld beweisen, wieder einmal, er hasste es nach wie vor. Dennoch wies der Kompass diesen Weg. Entscheidend ist nur, was die anderen dir glauben zu sein.

Nach Monden der (je nach Glaubwürdigkeit erforderlichen) Duldsamkeit konnte Nika sich endlich wieder ohne Onkels offene und verdeckte Wächter bewegen. Der Besuch in der Beerenrebe war nicht sein erster Weg gewesen, doch stand er weit oben auf seiner Liste. Zusammen mit der Suche nach einigen weiteren Lehrmeistern, zahlreiche auch offen und mit Einverständnis von Sole, nachdem er diesen von dem Nutzen ihrer Einheiten überzeugt hatte.


Nur ein schwachsinniger Dünnebregen hätte an Nikas Stelle annehmen können, dass er für einen weiteren Kampf mit den Grauen Schwingen gerüstet war. Er war zuvor so ein naiver Fragenichts gewesen, als er gedacht hatte ihnen voraus zu sein. Er hatte sich so schlau gefühlt, so unbesiegbar, als er seiner Fährte gefolgt war und war darin doch nur das gewesen, was ihm gestattet war zu sein und was sein Sein bestimmte; – der wilde Hund. Und er hatte dafür gezahlt. Sie hatte dafür gezahlt in seinem Namen. Jener Preis war zu hoch gewesen für nur ein Leben. Eine Schuld, die er ehren musste, ein Versprechen, das er halten würde.
Nika wusste nun, dass er sehr viel mehr wissen und beherrschen, sehr viel mehr von der Welt verstehen und deuten können musste. Unter Soles Obhut hatte er gelernt zu überleben und zu töten, zuzuhören und ungesehen zu bleiben, vorzuspielen und zu lügen, zu verführen und zu vögeln, allem zu misstrauen und sich herauszuwinden. Doch fehlten ihm Feinheiten und Details, um sich sicher auf einem größeren Parkett zu bewegen. Er musste die alte Hafenkante, seine Vergangenheit und Gefühle aus sich herauslösen können, um wahrlich zu etwas zu werden, was gleichsam Rache, Schuld und Versprechen gerecht wurde.

Verborgen bleiben, ungesehen und unbeachtet, beobachten und lauern. So musste er sich nähren und lernen, wachsen und reifen bis er eines Tages selbst zu einem riesigen und dunklem Schatten unter der Meeresoberfläche werden würde.


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Pfaueninterferenz

Verfasst: Dienstag 1. Juli 2025, 20:15
von Nika Cytian
Pfaueninterferenz

Der Sommer des Jahres 260 brachte ab der Mitte des Mondes Schwalbenkunft eine trockene, stetige Hitze über Siebenwacht. Es war eine Witterung, an die man im Süden des Königreichs Alumenas längst gewöhnt war. Die Menschen arrangierten sich mit ihr, passten ihren Tagesrhythmus an, suchten Schatten, wo er sich bot, und gingen ihren Geschäften nach. Als eine der größten Hafenstädte mit einem breit gefächerten Handelsnetzwerk entlang der ganzen alumenischen Ost- und Südküste, aber auch in neutrale Gebiete, die für Schwarzwacht günstig jenseits der Shevanorer Meerengen lagen, waren die Sommermonde die geschäftigsten und lukrativsten des ganzen Jahres. Der Wechsel von Gütern war beinahe ununterbrochen – Gewürze, Textilien, Metalle, Werkzeuge –, aber es blieb nicht nur beim Tausch von Dingen. Die Stadt zeigte sich in diesen Wochen als ein Ort ständiger Bewegung, geschäftig, laut, von einer Art praktischer Unruhe erfüllt, die keinen Raum für Stillstand ließ.
Jene Zeit, die Geschäftigkeit, ja selbst seine Aufträge, zogen an Nika zumeist wie im Rausch vorbei. Onkels Ambitionen waren merklich gewachsen, ebenso wie sein Einfluss auf gewisse, zwielichtige Kreise, nicht nur in der alten Hafenkante. Damit häuften sich aber auch die Pflichten für den Schlüssel. Nika war als Einziger im Nest dafür ausgebildet, wenngleich Sole versuchte einen anderen, hübschen Knaben und ein junges Mädchen in der Arbeit zu unterrichten. Allerdings war ihre Erfolgsquote bestenfalls als mäßig zu bezeichnen. Alle wichtigen Obliegenheiten blieben weiterhin an Nika haften und eigentlich waren alle Obliegenheiten wichtig.


Im Ashatar 260 fand erneut der berühmte Sommerball im Hause der Hochedlen von Dornsee statt. Aus denselben Gründen, warum dies ein unverzichtbares Ereignis für die Siebenwachter Gesellschaft war, war es dies für Nika.
Eine halbe Ewigkeit schien vergangen zu sein seit er zuletzt diese gusseisernen Tore durchschritten hatte. Einerseits wirkte der Anblick vertraut und bekannt, Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge; – das Bad im Springbrunnen, Fiete in Gold, der letzte Sonnenaufgang neben seinem Bruder. Andererseits jedoch war jener Tag vor einem Jahr so unendlich weit entfernt wie Nika sich selbst vor einem Jahr fern war. In jenem einen Jahreslauf hatte er gelernt, was es bedeutete von Dunkelheit gejagt und erfasst zu werden, wie schwer Schuld wog, was Folter aus einem herausbrannte. Vor allem hatte er eine qualvolle Erinnerung daran erfahren, was Verlust bedeutete. Verlust beanspruchte keine Worte, er war grau und leer, mahlend. Mitleidlos schabte er die Haut ab und rieb das Fleisch darunter zu blutigem Schlamm ohne dabei auch nur mehr zu tun als Teil von einem selbst zu sein.

Nika verschloss diese Gedanken, jenes Gefühl tief in sich, als er sich dem silbrigweißen Schimmern der magisch aufgeladenen Glaskugeln näherte, die über dem Festplatz im Garten der Sommerresidenz der hochedlen Familie wie Luftblasen im Wasser aufstiegen und dann in einem Silberregen zerplatzten. Gemäß dem diesjährigen Motto "Wassertanz" war alles in ein bläuliches Licht getaucht und der Garten selbst verschwenderisch mit fließenden, schimmernden Stoffen, glänzenden Silberapplikationen, Spiegelmedaillons und Glasperlen dekoriert.
Aufgrund der Ereignisse beim letztjährigen Ball, was die Neugestaltung der Nase des hochedlen Sohns beinhaltet hatte, bediente Nika sich in seiner Erscheinung eines Kniffs, den die edle Dame van Seidelbast als "Pfaueninterferenz" titulierte. Herrührend von dem gleichnamigen, auffallend bunten und geschmückten Ziervogel zielte die Staffage einer Person darauf ab, dass der Blick des Betrachters aufmerksam alles an ihr erfasste und wahrnahm, aber zugleich abgelenkt wurde von tatsächlich vorhandenen körperlichen Merkmalen und die Person selbst im Rückblick unsichtbar machte. Zumindest für die Augen jener, die der Erzählweise der Erscheinung bereitwillig folgten.
Nika trug eine bodenlange, ausgestellte Livree ohne Ärmel aus schimmerndem, blauem Seidenstoff und eine passgenaue dunkle Hose, doch auch silberne Stiefel, einen großkrempigen Hut mit blauer, geschwungener Feder und ein halbtransparentes, weites Hemd. Zusätzlich war alles mit matt glänzenden Silbergarnstickereien verziert. Ein Mädchen aus der Beerenrebe hatte ihm geholfen seine Haare mittels eines Tranks wachsen zu lassen und diese zu bleichen, sodass Nika nun mit einer über die Mitte des Rückens reichenden, silberweißen Haarpracht gesegnet war.
Als er den opulenten Festplatz betrat, erfassten ihn sogleich zahlreiche Blicke; abschätzend, bewundernd, begehrlich. Er fühlte die Augen an seiner Gestalt herabstreichen, ungehörtes Geflüster, er konnte ihre Missgunst schmecken, den Neid, die auflodernde Gier. Mittlerweile konnte Nika die Gelüste der Menschen recht genau einschätzen. Er hatte immer eine feinfühlige Intuition dafür gehabt, durch die jahrelange Übung, das Beobachten und auch durch das Experimentieren war sein Sinn geschärft worden. Er spürte, dass er mit seiner hochgewachsenen, athletischen Gestalt, von pulsierender Jugend durchströmt, androgynes, faszinierendes Abbild der verlorenen Begehrlichkeiten und Träume der Meisten, staffiert in selbstbewusstem Blau und Silber und doch das, was zu sein er angedacht war, erfüllte, was verlangt, was nötig war für seinen Auftrag. Er selbst fühlte sich albern; – flüchtig senkte er die Lider, ein leises, entnervtes Schnaufen für sich selbst.


Sie eilten durch das Heckenlabyrinth. Das Spiel war in vollem Gange, als sie sich in der Ausbuchtung einer marmornen Statue in das Dickicht drückten. Coraline atmete schwer, die Wangen gerötet, was neben dem eilenden Lauf gewiss auch mit ihren rundlichen Körperformen zu tun hatte, dennoch lag in ihren Augen ein lebendiges Glimmen. Zum ersten Mal seit Nika sie vor mehr als einem Jahreslauf gesehen hatte...

Coraline de Lenroy war eine bürgerlich geborene, edle Frau mittleren Alters, zwischen 30 und 35 Jahren alt. Sie und ihre Familie waren erst vor etwa eineinhalb Jahren in Siebenwacht auf der Bühne erschienen. Man erzählte sich, dass sie die Reichsstadt Alumenas verlassen mussten, nachdem bestimmte, hochgestellte Personen ihren Einfluss geltend gemacht hatten. Coralines Ehemann, ein älterer Mann von etwa 50 Jahren, war Gelehrter der königlichen Akademie, berufener Richter insbesondere für Fälle von Korruption, Amtsanmaßungen und Ahnenforschungen. Grégoire de Lenroy wurde ein besonders analytischer Verstand zugesprochen, seine Fälle untersuchte er stets überaus gründlich und mit der Ausdauer und Schärfe eines Bluthundes, wenn er Witterung aufgenommen hatte. Angeblich sei jener Scharfsinn in Verbindung mit einem Mangel an gesellschaftlicher Dezenz der Anlass gewesen, dass die richterliche Familie nie über den Stand von Edlen hinaus aufgestiegen war.
In Siebenwacht hatte Grégoire de Lenroy quasi mit dem Tag seines Amtsantritts als eher mittelständischer Richter für Aufsehen gesorgt, als er im Zuge eines eher belanglosen Falls von Zollbetrug einen reichsübergreifend arbeitenden Schieberring aufgedeckt und in der Folge zerschlagen hatte.
Geheimnisse und Gelegenheiten, Wissen und Macht, auf der Suche nach Schwächen oder Druckpunkten, die Onkel schon damals verlockt hatten. Wie zumeist schien der Zugang in den melancholischen, stillen Augen der richterlichen Ehefrau zu liegen. Der Schlüssel wurde ausgeschickt. Nika war der Anweisung gefolgt, selbst wenn er Soles Begehrlichkeiten in der Hinsicht für gefährlich, für zu gierig hielt. Damals wie heute.
Nika hatte Coraline vor über einem Jahr eine Zeit lang beobachtet. Sie wirkte wie eine ganz gewöhnliche Ehefrau und Mutter: sorgsam im Umgang mit ihren drei Kindern – zwei Mädchen und ein Junge – und gewissenhaft in allem, was den Haushalt betraf. Doch schien eine besondere Vorliebe für Mode zu haben, oft sah man sie bei Schneidern und Goldschmieden, stets dezent, geschmackvoll und makellos gekleidet. Bei jenem verhängnisvollen Sommerball vor einem Jahr hatte Nika sich ihr annähern wollen, seinem Auftrag folgend, doch war alles anders gekommen als geplant. Onkels Ambitionen hatten sich aber im vergangenen Jahr leider nicht geändert...

Auf ihren Lippen lag ein leichtes Schmunzeln, wenngleich Nika dies in dem Zwielicht des Heckenlabyrinths nur erahnen konnte. Sie drückten sich weiter in das Dickicht, als schwere Schritte an der sie verbergenden Statue vorbeiführten, begleitet von dem hölzernen Klappen der Jägerrassel. Coraline wartete bis die Geräusche beinahe verklungen waren, ehe sie gedämpft flüsterte: "Heute Abend hat Spaß gemacht, Arden. Ich will nichts mehr ungenutzt verstreichen lassen von Gelegenheiten und Erlebnissen, denen ich nie wieder begegnen werde." Der Klang ihrer Stimme wie der Ausdruck auf ihrer Miene ließ wenig Interpretationsspielraum dessen, was sie meinte. Nika griff seitlich an seine Hosentasche, das Niemöl war da. "Warum denkst du, dass die Gelegenheit einmalig ist, Coraline?", fragte er leise, mit leicht erhöhter Stimmlage nach, wobei er sich aber schon um die Taille umfasste und sich weiter über sie neigte. Quasi sogleich gab ihr Körper nach, ihre Schulter sackten herab, ihr Kopf legte sich mehr in den Nacken, den Blick zu seinen Augen haltend. "Das Jetzt ist immer einmalig. Jeder Augenblick, der ungenutzt vergeht, ist verloren", erwiderte sie beinahe tonlos. Nika erkannte den Scharfsinn ihrer Worte, die so viel mehr über sie aussagten. "Dann sollten wir damit aufhören", flüsterte er vielsagend gegen ihre Lippen, um diese dann mit den seinen zu verschließen und ihr einen leidenschaftlichen Kuss aufzulegen.

Die Sonne schob ihren goldenen Rand über den fernen Meereshorizont, als Nika die Stadttore von Siebenwacht durchschlenderte. Die Wachen verfolgten den Weg des elegant gekleideten, jungen Mannes mit dem Blick. Er war nicht der Erste, der nach dem berühmt-berüchtigten Sommerball im Laufe der vergangenen Nacht in die Stadt zurückgekehrt war, aber möglicherweise würde er zu dieser Tageszeit der Letzte bleiben.
Nika fühlte sich erschöpft. Er war sich nicht sicher, wann er zuletzt wirklich geschlafen hatte. Coraline hatte ihn gefordert. Es war anstrengend gewesen ihr Bewusstsein zurückzudrängen und damit ihre fühlende Seite an die Oberfläche zu zwingen. Schließlich aber war sie in ihrem Verlangen geschwelgt, lange und ausgiebig. Als habe sie es niemals zuvor getan...
Er hoffte dies würde sich noch auszahlen. Zusicherungen und Versprechen waren nicht ausgetauscht worden, sie waren schweigend auseinandergegangen. Die kommenden Tage würden es zeigen. Er war zuversichtlich.

Über die Kunst des Ausdrucks

Verfasst: Freitag 27. März 2026, 17:32
von Nika Cytian
Über die Kunst des Ausdrucks

"Nochmal von vorne!" Die Stimme der edlen Dame van Seidelbast erklang klar und bestimmt in dem Tanzsaal der Beerenrebe. In den Abendstunden unterhielten die Mädchen und Jungen des Etablissements hier die Kunden und Gäste mit diversen, unterschiedlich anrüchigen Tänzen. Tagsüber wurden die Tische und Stühle weiter an den Rand geschoben, um Platz zu machen für Proben aller Art. Seit Kurzem gab es einen neuen Lehrling unter ihnen; – Nika, der zunächst wegen seiner außergewöhnlichen Erscheinung unter den angestellten Freudenmädchen und -jungen für Aufsehen gesorgt hatte, provozierte mittlerweile andere Faszination durch sein offensichtliches Talent für Tanz. Schon vor seinem Unterricht hatte er die allüblichen Tänze für allerlei bürgerliche Festivitäten beherrscht, doch nun eröffnete sich ihm eine gänzlich neue Welt. Eine Welt, in der Bewegung Form von Ausdruck war, von Gefühl ohne Worte, von unverdorbener Nähe, von Tiefe und Schmerz ohne Leid. Eine neue Sprache, die zu sprechen und zu verstehen in nacktem Empfinden lag und zugleich verborgen blieb vor fremden Augen.
"Die Volta, meine Lieben, ist ein temperamentvoller Tanz! Ihr Name bedeutet Drehung oder Wende, man muss jenem Namen die Ehre erweisen", referierte die edle Dame, während sie durch die Tanzpaare schritt, gleichmäßig tockte ihr Stock im Rhythmus ihrer Schritte, "Er gilt bis heute in den hochadeligen Kreisen als gewagt, bisweilen ein wenig vulgär, doch wird er gerade dort mit Freuden zu später Stunde getanzt. Ihr, meine süßen Vögelchen, könnt euch denken, warum…" Am Ende des Saals angekommen wandte sie sich zu den vier Paaren herum.
"Nika, vertrau auf deine Stärke Livie zu halten in der Hebedrehung. Unsicherheit provoziert Unsicherheit, dann Fehler, Stolpern. Führung im Tanz ist Haltung, Gewissheit im Körper, Bestimmtheit im Geist. Dann kannst du deine Partnerin an einem einzelnen Haar führen." Nika nickte zu ihren Worten. Noch war vieles von dem, was sie sagte nur eine sehr vage Vorstellung für ihn, doch hatten diese Unterrichtsstunden in ihm ein Feuer genährt, von dem er gedacht hatte, dass es längst erstickt worden war. Diese Art der Bewegung gab ihm eine Freiheit, die sonst nur eine andere Sache gewähren konnte; – seine Heilung.
"Livie, halte deine Hüfte in Zaum! Ich bin mir ganz sicher Nika hat auch so verstanden, dass du deine Schenkelchen für ihn spreizen willst. Aber jetzt sind wir beim Tanzunterricht, also Konzentration!" Livie kicherte bei dem Kommentar. Wie von einem Mädchen ihres Gewerbes zu erwarten riefen jene Worte des Tadels keine Bestürzung oder Scham hervor. Nika zwinkerte ihr grinsend zu, ehe sie unter dem auffordernden Tocken des Gehstocks der edlen Dame erneut die Ausgangshaltung einnahmen.

"Bitte... Nika, komm zurück! Ich will mehr", erklang Livies Stimme mit einem, dem Angesprochenen nicht unbekannten sehnsüchtigen Unterton. Er sah über eine Schulter zu ihr zurück, als er seine Hose zunestelte. "Liebchen, so gern ich deinem Wunsch nachkommen würde, ich hab' ein wichtiges Treffen. Und es dämmert bereits. Ich werde die Gastfreundschaft der edlen Dame nicht dadurch überstrapazieren, indem ich ihre Mädchen über Gebühr beanspruche, wenn sie arbeiten sollten." Ein unzufrieden klingendes, doch akzeptierendes Schnaufen blieb die einzige Antwort auf seine Worte. Als Nika sich das Hemd griff und überstreifte, bemerkte er ihre Hände an seiner Seite, dann fasste sie weiter um seinen Bauch und lehnte ihren Kopf an seinen Rücken. Unwillkürlich spannte er sich an. Mit dem aufkommenden Bewusstsein darüber zwang er seine Muskulatur sich zu lockern. Er spürte die Worte, die auf ihren Lippen lagen, tonlos, und schloss für einen Moment die Augen. Sie lebten in derselben Welt, also gab es vieles, was auszusprechen schlicht überflüssig war. "Komm einfach zurück, wenn du kannst, bitte", meint sie schließlich sehr leise. Eine schlichte Bitte. Er nickte, mehr musste nicht gesagt werden.



Stevanus Lunkenbein, seines Zeichens bekannter Großmeister der Kalligraphie, Schriftenkunde und Symbolistik, war gefangen. Zumindest empfand er es selbst so. Seit einigen Wochen erhielt er verschlüsselte Nachrichten. Das erste, unsinnig erscheinende Schriftstück war eine Ansammlung von Zeichen, die keiner bekannten Sprache zugehörig waren, inhomogen in der Ausführung, geschwungen, eckig, hoch und schief. Und doch… sprach es zu ihm. Er sah sich nicht imstande sie wegzuwerfen oder ignorieren.
Meister Lunkenbein konnte gleich in dieser ersten Botschaft ein Schriftbild erkennen, das auf Worte, Sätze, ausgereifte Syntax hinwies, dennoch dauerte es zwei weitere Texte bis er glaubte die Vokale bestimmen zu können (sie waren nicht stabil, sondern variabel je nach Position), drei weitere bis er die Konsonanten ausmachen konnte und sich die Vermutung festigte, dass es zahllose Zeichen gab, die Logogramme waren, keine alphabetischen Buchstaben. Und dann eine, um alles neu zu überdenken, als er feststellte, dass es Notationen gab, die die Leserichtung beeinflussten. Der Verfasser der Botschaften hatte ihm Hinweise gegeben: Auf seinen üblichen Wegen durch die Stadt fanden sich einige Gegenstände "beschriftet". Eine Tür war bemalt mit einem aufgestellten Rechteck, auf dem Pflaster des Weges eine geschwungene Linie als verhöhne die Einfachheit der Symbole seine Auffassungsgabe. Dennoch oder vielleicht auch deshalb sah er sich außerstande von diesem Rätsel abzulassen. Zahlreiche Nächte hatte es bereits seinen Geist gefordert und jedes Mal, wenn er in einer Sackgasse steckte, wenn er es wegwerfen wollte, verführte ihn der Stern, der Haken, das Netz in der neuen Nachricht jener ausgelegten Spur weiter nachzujagen.

Als Absolvent der königlichen Akademie von Alrynes war Stevanus Lunkenbein ein anerkannter Gelehrter der Schriftenkunde. Doch hatte es ihn nie nach Gold verlangt und der Gedanke gelangweilte adelige Sprössling in die Lehren der größten menschlichen Errungenschaft, der Schrift, einzuführen, ermüdete ihn. Deshalb war er Reisender geworden, war seinen Forschungen, seinem freien Geist gefolgt, bis an die Grenzen der bekannten Welt. Mancherorts bloßes Mittel zum Zweck war die Schrift anderorts Ausdruck von höchster Kunst und Gegenstand anerkannter Zelebrierung. Jahre waren vorbeigezogen wie das raschelnde Geräusch des Umblätterns von Seiten in einem fesselnden Buch.
Mit Anfang 50 waren seine Aussichten auf eine Familiengründung dann ad acta gelegt worden. Nicht, dass er in der Hinsicht tatsächliche Ambitionen gehabt hätte. Sein Herz pumpte seit jeher Tinte. Doch spürte er nun deutlicher das Gewicht seiner Glieder, eine gewisse Müdigkeit und Erschöpfung des Alters. Er ließ sich in Siebenwacht nieder. Beinahe täglich fanden sich Lernwillige vor seinen Pforten ein, boten ihm dies und jenes. Meist vergrub er sich in seinem Archiv und überließ es den Angestellten Bittsteller abzuweisen. Nichts war wirklich reizvoll außer seine Schriften aus aller Welt, außer seine Tinten und Pergamente, Papier, Pinsel. Beinahe wäre er eingeschlafen, eingerollt in Lagen aus Schriftstücken wie in einem Kokon aus Buchstaben.

Die erste Nachricht war schlicht mit einem Boten zu ihm gelangt. Sie war der Köder gewesen. Danach fand er mehrere Nachrichten hier und da, auf seinen Wegen, versteckt in einem neu erworbenen Buch oder den Lebensmitteleinkäufen der Magd. Stevanus Lunkenbein war durchaus bewusst, was der Verfasser tat. Trotzdem reizte es ihn zu sehr. Jene Schrift war überaus scharfsinnig konstruiert, plakativ, geradezu provozierend verkörperte sie einen jugendlichen, doch sehr berechnend planenden Geist. Er mochte den Verfasser für seine Begabung, eine Sympathie auf Papier.
Stevanus Lunkenbein folgte also den Anweisungen der letzten Nachricht, die er mittlerweile recht sicher entschlüsseln konnte.

Wer dies lesen kann – findet mich.

Bild

Schieferstrand bei Sonnenuntergang.


Als der obere Rand der Sonne mit einem letzten weiß-goldenen Glimmen, als wolle er sich seines Erlöschens erwehren, hinter dem Horizont versank, trat der Gelehrte Lunkenbein neben Nika. Der Strand war nicht leer, dennoch hatte er ohne Zögern die richtige Person gewählt.
"Nika, nehme ich an, wenn ich Eure versteckten Notationen richtig gedeutet habe. Oder ist es Euch lieber als Schlüssel angesprochen zu werden?" Der Angesprochene sah beiseite. Stevanus Lunkenbein hatte ein prägnantes Profil mit einer großen, dominierenden Hakennase, auf der eine kleine Brille mit runden Gläsern ruhte. Sein Haar war bereits schütter, doch hätte auch eine dichtere Pracht kaum über die fliehende, große Stirn hinwegtäuschen können. Er war von hagerer Gestalt, doch von aufrechter Haltung. Etwas, was er auch grundlegend ausstrahlte.
"Meister Lunkenbein, ich bin offen beeindruckt, dass Ihr offenbar alle versteckten Inhalte entschlüsseln konntet", erwiderte der Jüngere schließlich. Aus dem Augenwinkel sah der Gelehrte beiseite zu dem jungen Mann hin. "Nein, seid Ihr nicht. Ihr habt gehofft, dass ich Eure Erwartungen erfülle. Was ich noch nicht ganz habe, denn Ihr habt noch etwas verborgen, nicht?" Nika zog die Augenbrauen leicht zusammen. "Kein Grund an Euch zu zweifeln. Euer Werk ist außergewöhnlich. Perfektionierbar in jedem Fall, perfektionierbar auf eine Art und Weise, dass es weniger perfekt ist. Ihr habt eine andere Weise die Welt zu sehen, vermutlich gezwungermaßen."
Der Schriftkundige wandte sich beiseite zu dem jungen Mann und löste damit den Blick von dem spätsommerlich rot leuchtenden Himmel. "Viel Aufwand, um mich zu überzeugen Euch zu unterrichten." Eine kurze Pause entstand. "Vielleicht könnte ich Euch ja lehren meine Tinte zu reiben."