
» Zufriedenheit kommt nicht von irgendwo «
Einige Wochenläufe in der Vergangenheit bis Heute
11. Hartung 260
Thalwende.
Natürlich erinnerte dieses Menschendorf sie unwillkürlich auch an den Verlust von Nórui'taen und ihren Eltern. Ihren ersten Kampf, ihr erstes Blutvergießen, ihr erstes Versagen. Die himmelblauen Augen schließend, hatte sie einige Momente verharren müssen um tief durchzuatmen – sie war im reinen mit sich selber, dieser Besuch in Thalwende sollte keine alten Gefühle wieder aufwirbeln, er sollte lediglich Fragen beantworten.
Irgendwann löste sie sich aus ihrer Starre um den Abstieg hinab in das Tal zu beginnen, schon von fernen hatte sie die feinen Veränderungen gesehen. Es war nicht überraschend, Menschen war schnelllebiger... es mussten gut 10-15 Jahre vergangen sein, genauer wusste sie es nicht.
Die Wehranlage um das Dorf herum war ausgeprägter, als sie es aus den alten Zeiten kannte, während damals lediglich ein Palisadenzaun mit Wachtürmchen das Dorf schützte, war es nun eine ausgeprägte, verstärkte Holzmauer mit mehreren Wachtürmen. Je näher sie Thalwende kam, je langsamer wurden ihre Schritte. Kurz keimten Zweifel in ihr hinauf, sie würde das Dorf nicht betreten können – doch so viele Jahre waren nicht vergangen. Die meisten müssten sich an sie erinnern, immerhin hatte sie lange genug zwischen ihnen gelebt. Tatsächlich erkannte einer der Wachleute sie auch und so dauerte es nicht lange, bis sie die Person traf, weswegen sie eigentlich Thalwende besuchen wollte.
»Miff! Du hast dich verändert!«
Eine Frau, die bestimmt schon die mittleren 40er erreicht haben musste, kam auf die Elfe zugelaufen. Ella war grau geworden und die Anzeichen von ersten, ernstzunehmenden Falten hatten sich in das Gesicht der Menschenfrau geschlichen und doch erkannte Mîw sie sofort wieder. Die Art zu gehen, die Art zu Reden, der Ausdruck der lebenslustigen Augen.
»Aduial vaer Ella, du hast dich nicht weniger verändert, mh?«
Die Mundwinkel der beiden zuckten fast gleichzeitig hinauf und irgendwie war Mîw erleichtert, das es der Menschenfrau, die sie hatte aufwachsen sehen, gut ging.
Sie verbrachte einige Umläufe in Thalwende, tatsächlich war es fast schon wieder ungewohnt, nicht zwischen Elfen, sondern zwischen Menschen zu leben. Wie schnell man sich doch an ein Umfeld gewöhnen konnte, aber vieles an den Dorf erinnerte sie auch noch an alte Zeiten und gerade Ellas kleine Tochter, Minerva, die zu Mîws Belustigung, nicht selten „Miv“ gerufen wurde, durfte sie kennen lernen und vermittelte ihr ein unbestimmtes Gefühl des „willkommen seins“.
Sie hatte auch Ella viel zu erzählen. Sie erzählte ihr von den Angriffen auf Ered Luin, von der Heimat die Stück für Stück in einem Flammenmeer zerstört wurde, von ihrem Sieg über den Drachen und den Neuaufbau der Stadt. Auch von Eludin erzählte sie, nachdem Ella speziell nach diesem gefragt hatte – auch wenn Mîws Antwort diesbezüglich eine gewisse Enttäuschung in ihrer alten Freundin zu entfachen schien.
»Ich habe mir schon damals gedacht, das er nicht nur ein alter Kindheitsfreund für dich ist oder ein simpler Bruder, wie die vielen anderen.«
Eine Augenbraue hinaufziehend hatte sie Ella fragend betrachtet, wie konnte sie das bemerkt haben, wo Mîw es selber noch nicht mal zu diesem Zeitpunkt geahnt hatte.
»Mae? Wie kommst du dazu? Ich habe nie wirklich viel über ihn geredet.«
»Ach Miff! In diesen Momenten merkt man, dass du doch irgendwo in dir versteckt eine ziemlich pragmatische... oder auch naive Seite hast. Du hast zwar nicht viel von ihm erzählt, aber es hat sich doch immer unterschieden und wenn du von alten Erinnerungen erzählt hast, war er so gut wie immer dabei, mh?«
Eine kleine Falte schlich sich auf die blassgoldene Stirn der Elfe und ein Brummeln quittierte die Aussage von Ella, welche ihr jedoch nur entgegen schmunzelte.
»Ich kann dich ehrlich gesagt nicht verstehen, Miff.«
»Mhrm, wieso?«
»Ich weiß das ihr unendlich mehr Zeit habt als wir Menschen und diese Dinge wohl besser überlegt sein sollen... und das man sich Zeit lassen kann, aber es macht fast den Eindruck, als hättest du eher angst.«
Während die kleinen Fingerchen von Minerva sich in das blaue Haare der Elfe verfingen, starrte diese mit angestrengt grübelnder Mimik zur Mutter – dann schürzt sie langsam die Lippen.
»Law, ich bin zufrieden, so wie es ist.«
Ella zog skeptisch wirkend eine Augenbraue empor, rollte dann aber schließlich nur mit den Augen und schüttelte den Kopf.
»Wie du meinst, Miff.«
Sie hätte gerne noch länger in Thalwende verbleiben wollen, aber wusste sie auch, dass sie nicht so lange aus ihrer Heimat fernbleiben konnte – es waren noch zu viele Dinge zu erledigen. Und auch „nur einen Kindheitsfreund“ durfte man vermissen!
Die Rückreise verlief Problemlos und der Anblick des Nuya'tans und Ered Luins erfüllte sie wieder mit einer gewissen Zufriedenheit. Langsam trugen ihre nackten Füße sie über den marmornen Boden, wobei sie gerade vor dem Haus, mit dem kleinen verräterischen Walderdbeerknödel, länger innehielt. Es war tatsächlich eine Weile her, dass sie eine gewisse Zeit zusammen verbracht hatten und doch war sie sich nicht sicher, ob sie es ändern wollen würde. Wahrscheinlich verharrte sie ein wenig zu lange vor dem Haus der beiden Brüder, denn irgendwann zückte sie ein kleines Zettelchen um es im Alchemieschrank zu verstauen.
- Der kleine Funke
Immer weiter fliegt die Schwalbe fort,
ein bläuliches Glitzern im Gefieder,
ungesehen trotz der Lieder,
die Wölfin verweilt an einem andren Ort.
Es löst sich ein kleiner Funke leise,
unbeständig und leicht verwirrt,
vom Himmelblau zum Blassblau er irrt,
verfangen auf Papier, wie die Beweise.
Hadern und Zögern der Wölfin eigen sind,
weiß nicht ob die Frage keimen würde,
weiß nicht ob sie tragen kann die Bürde,
hofft der Funke wird getragen vom Wind.
Der Wind hinauf zum Himmel weht,
den Funken langsam mit sich nimmt,
Schwalbenflügel heiter schwingt,
Wölfins Auge wachsam späht.
So dringt die Frage langsam leise,
Zweisamkeit der Wunsch sich trägt,
Hoffnung die harrend schwebt,
so macht er sich auf diese Reise.