Adel verpflichtet

Andrey von Greifenbach

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Merkwürdig, dass der Anlass einer Hochzeit für alle offensichtlich ein Aufruf war, sich plötzlich mit Dingen zu befassen, die vorher nie ein Thema waren.

Auch für ihn war eine Hochzeit bis dato nie ein bewusster Teil seines Denkens gewesen. Sicher, in stillen Momenten ein Geistesblitz, ein kurzer Versuch der Emotion, das unausweichliche Thema dem Verstand als Arbeitsauftrag aufzudrücken, aber bis dato war es ihm stets gut geglückt, es zu verdrängen. Es war ja viel zu tun.


Jetzt, an diesem für seinen Hauptmann so wichtigen Tag, kamen sie wie die Meute hungriger Wölfe und fielen über sie her. Erst Lucenius mit seiner unerschütterlichen Art und dem versteckten Sarkasmus, den er ohne zu Zögern ausspielte.
Er flüchtete, denn zuerst war die Situation unangenehm, nach Darnas Worten war sie kaum noch zu ertragen. Dann war da noch das Getuschel der Garde.. Die Kadetten und Gardisten meinten vielleicht, das kommt nicht raus, aber meinten sie wirklich, der Leutnant wüsste nicht, was im Kastell passierte?
Dann die Feier "in kleinem Kreise". Der Jarl des Hinrah-Clanes, die Geschwister von Stolzenfels, Sire de Arganta... Genügend Leute, die ihm durch ihre bloße Präsenz verboten, Fehler zu machen. Es war ohnehin schon schwierig, während der Feier gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wenn alle ausgelassen feierten, im Hintergrund untermauert durch Lieder, deren Inhalt ihm gerade garnicht passte, und er ton- und blicklos neben Darna sitzen musste.

Dann war Darna weg, was im Kastell erledigen. Hudgarr nutze diese Gelegenheit rücksichtslos aus und hielt ihm einen Votrag über Körpersprache, Pflichten die einfach beim Mann lägen und unbefriedigten Bedürfnissen, die doch endlich mal zur Sprache kommen sollten.


"Lady Darna? Wann heiratet Ihr endlich Adrenalon?"



Das war zuviel des Guten. Das Zwergenbier hatte es ihm ohnehin angetan, aber bis dato hatte er immer eisern darauf geachtet, nur soviel zu trinken, dass er stets vollkommen einsatzfähig war. Diesesmal vergaß er diesen Grundsatz, das erste Mal, seit er denken konnte. Ein Bier.. Zwei Bier.. drei Bier... am Ende holte er sich direkt in einem Lauf 2 Krüge, um nicht immer sooft aufstehen zu müssen. Als Falk dann syncron sein rührendes Lied anstimmte, traf ihn die Kombination aus unsachgemäßem Alkoholkonsum und dadurch bedingter, immens gesteigerter Sensibilität für emotionale Tiefschläge wie der Hammerschlag eines Zwerges.

Tiefnass draßen auf der Treppe sitzend, bekam Falks Kommentar eine Schwere, die er selbst vielleicht garnicht einschätzen konnte.


"So kühl und auf Disziplin bedacht, kommt vielleicht im Suff mal ein Wort aus dem Herzen"



Letztendlich hatte er die Party versaut. Alle waren wieder im Haus, außer Darna, die sich beinahe mitleidig um diese verkümmerte, bibbernde Gestalt kümmerte, die an einer Kommode im Nebenhaus gelehnt stumpfsinnig vor sich her starrte. Ein trostloses Etwas, und eine Situation, wie sie geraede für ihn nicht schlimmer sein konnte...
Letztendlich wies er sie ab. Er schaffte es kaum, allein aufzustehen, aber er beharrte lallend darauf, alleine zurück ins Kastell zu reiten.. Der Abend war verloren.


Mit diesem Abend ist auch in ihm etwas verloren gegangen. Er schämte sich. Er schämte sich für sich selbst, vor Darna, vor Hudgarr, vor allen, die dieses Trauerspiel mitbekommen hatten.


*****

Am nächsten Morgen, die Sonne war noch nicht als helle Scheibe am Horizont, konnten wohl nur die Nachtwachen auf dem Wehrgang mitbekommen haben, wie ein gebeugter, unrasierter Leutnant auf Frost, dem vielleicht einzig waren Freund seiner selbst, den Kastellhof verliess und in südlicher Richtung davonritt.



Vielleicht war es Zufall, aber wohl eher etwas anderes, was ihn zu einer kleinen Insel führte, die wie ein Geschwisterpaar sich niemals trennen würde von einer ganz großen Insel. Frost zupfte das spärliche Gras, und sein vom Schnee feuchtes Fell glänzte jetzt in den ersten mit dem Horizont spielenden Lichterarmen, die der Sonne Ursprung waren. Die Muskeln des tiefroten Tieres mit den kristallblauen Augen spielten das Wechselspiel im Kampf zwischen Licht und Schatten, aber das interessierte ihn in jenem Moment nicht... Er stand nur dort auf dieser kleinen Insel, den Blick zum Horizont gerichtet, das Haar bläulich glanzend im Weg des Windes...


*****

Was ist falsch? Was ist es, dass es dem Menschen manchmal nicht möglich macht, zu sprechen.. zu bitten...
Soll ich sie bitten? Soll ich den ersten Schritt machen, ihr zum Zeichen meiner Liebe die ewige Treue anbieten? Mitnichten, nicht ein Zeichen, was mich bestärken würde in meinem Tun, nichts, was meine Zweifel ausräumte... Achte auf Körpersprache.. Sie will es... Warum scheinen alle es zu erkennen, jedoch, nicht ich, der es zuerst sehen sollte?
Ist es zu spät? Was habe ich getan? Der schönste Tag im Leben zweier Menschen, getrübt durch einen Mann, der sich nicht beherrschen kann und ignorant und selbstliebend alle Bedürfnisse ausspielt, ohne Rücksicht. Kann ich ihnen noch in die Augen schauen? Ich weiss es nicht... Alles scheint verloren.
Die Frau, die ich so sehr liebe.. und die ich so enttäuschte. Kann ich ihr in die Augen sehen... Kann ich sie um Verzeihung bitten?
Wie ist es wohl, zu denken, man liebt jemanden über alles, wird aber zugleich von ihm grundauf enttäuscht.. Das muss sie empfinden, und ich bin selbst verantwortlich dafür. Wie kann ich mir einbilden, die unausgesprochenen Träume je zu leben? Es steht mir nicht zu, Wünsche zu hegen, die unerreichbar scheinen, durch mich selbst, durch Väter, die sicherlich nicht gern sehen, wie ihre Tochter mit saufenden, gröhlenden Nichtsnutzen die Ehe eingehen.. Durch Grafen, die erkennen müssen, dass die Schutzmänner ihrer Person sich nicht unter Kontrolle haben...

Soviel haben wir durchgestanden, soviel Ballast, der prinzipiell mehr von mir als von irgendwo anders her verursacht wurde... Es ist Narretei, und doch will ich den Traum nicht aufgeben. Ist alles verloren, oder ist die Liebe stärker als jeder Zweifel?
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

"Ein Vogel wollte Hochzeit machen..." - Versuch Eins

Irgendwie schien der Schrein der Geistigkeit ein Ort zu werden, an dem stets große Ereignisse ihren Anfang genommen hatten - katastrophale Ereignisse. Das hier war so eines. Hätte sie nicht lieber nochmal einen Spaziergang durch Rahal haben können?

"Freust du dich wirklich, mich zu sehen?"
Da hätte ihr eigentlich schon schwanen sollen, daß das... eines dieser sonderbaren Gespräche zwischen ihnen werden würde. Doch, sie freute sich wirklich, ihn zu sehen - es ließ hoffen, daß der Schmerz seit Hudgarrs Hochzeitsfeier endlich wieder nachlassen könnte.

"Wieso sollte ich mich nicht freuen?"
"Weil du dir einen Mann ausgesucht hast, der sich nicht beherrschen kann und sich sinnlos besäuft..."
"Du hast wenigstens Felicitas' Pferd in Ruhe gelassen."
"...dazu nur Schmähliches von sich gibt und damit wiederum ein schlechtes Licht auf dich werfen könnte."
"Womit wir wieder bei Bildern wären... seit wann machst du dir über sowas Gedanken?"
Sie lächelte mild und setzte sich neben ihn auf eines der Kissen.
"Und beweist du mir nicht gerade erneut, daß alles angesichts von Reue und Einsicht verzeihbar ist? Daß ich dich deswegen lieben darf?"

Doch das Thema war natürlich damit nicht einfach vom Tisch. Wann hätten sie es sich auch je einfach gemacht?
"Vielleicht.. steckt viel mehr in diesem Abend, und das war nur der krönende Abschluss, der auf mein Konto geht." Irgendwas schien ihm daran gerade verdammt ernst zu sein. Irgendwo in ihrem Hinterkopf läuteten die Alarmglocken Sturm. Er war ihr zu ruhig, während ihr eigener nun schneller gehender Atem die scheinbare Gelassenheit der Ritterin Lügen strafte.
Wie schaffte er das jedesmal, verdammt? Eben noch hatte sie in der erhabenen Ruhe dieses Ortes baden können, hatte voller Würde dagestanden und etwas von verzeihen gefaselt... und es hatte nur ein paar Worte, Blicke von ihm gebraucht, um Fräulein Ritterin von ihrem hohen Sockel runterzuholen und aus ihr ein verunsichertes Frauenzimmer zu machen, das an einer Stoffalte an ihrem Hosenbein herumzupfte.
"Womöglich ist es dreist, vielleicht steht es mir nicht zu... Aber ich sitze jetzt auch hier, weil ich der Meinung bin, wir müssen endlich offen miteinander reden und etwas aus der Welt schaffen.
Was genau das sein mag, kann ich selber nicht sagen, aber ich weiss, dass es etwas gibt, denn ich spüre es mit jedem Tag, den wir zusammen verbringen können."
Offen miteinander reden - oha. Hier war immerhin kein Brunnen, in den Hudgarr den Leutnant werfen konnte.

"Etwas stimmt nicht.. fehlt.. ist nicht richtig.. was auch immer. Und wir sind nicht dazu in der Lage, es zu benennen, hm?"
Wollte er ihr etwa sagen, daß sie doch nicht zueinander passten? Ihr rutschte das Herz in die Hose. "Du... meinst, es ist nicht richtig...?"
Erschrocken schüttelte er den Kopf. Sie musste ihn falsch verstanden haben. Immerhin das bekam sie gut bei ihm hin.
"Nein, um Himmels Willen! Ich.. will dich nie wieder loslassen müssen, ein Leben ohne dich liegt für mich niemals mehr im Bereich des Vorstellbaren."
Sie hätte sicher heillos herumgestammelt, aber zum Glück bekam sie kein Wort raus. Nie war sie so froh gewesen, daß Falten an ihrer Hose waren, an denen man herumzupfen konnte.
"Wir... benehmen uns nicht, wie sich zwei liebene Menschen normalerweise benehmen." Stimmt - so gnadenlos peinlich, das konnte unmöglich imitiert werden. "Um uns herum hält die Liebe Einzug, Glück und Zufriedenheit.. Und wir wissen nicht einmal vernünftig auf ...begründete Fragen zu antworten."
Begründete Fragen. Das hallte noch ein paarmal durch ihren wie leergefegten Geist.
"Was für begründete Frage?", fragte sie fahrig - begründet, aber es schien seiner Mimik nach die falsche Frage gewesen zu sein.

"Genau das meine ich", presste er mühsam hervor. Die Frau neben ihm hatte schon früher bewiesen, daß sie Talent darin besaß, ihn anzugucken wie ein Kaninchen einen Fuchsbau. Das bekam sie heute nicht hin. Es wirkte eher wie Kaninchen vor der Lindwurmhöhle.
"Du... weisst, welche Frage ich meine. Aber keiner von uns traut es sich, sie auszusprechen, als würde Alatar höchstpersönlich seine Verdammnis über uns schicken, täten wir es."
Nur Alatar? Und wieso eigentlich "wir"?

Es wurde wohl Zeit, daß sie ihm - nochmal - einen Stubser in die richtige Richtung gab. Er schien auch mit seinem Latein am Ende. Als hätte ihm schon das Herumreden um den heißen Brei die ganze Kraft gekostet.
"Weißt du...", begann sie vorsichtig, den Blick nicht vom Hosenbein nehmend, "Es scheint ja auch...", sie holte tief Luft, "normal zu sein, wenn man einfach so... sehr direkt... hm... miteinander umgeht... ich meine...", sie holte noch tiefer Luft,
"Wie kommt Br.. seine Gnaden Lucenius darauf, mich zu fragen, wann ich... hm... vor ihm stehen würde? Ich meine...", sie sprach nun merklich hastiger, "das liegt ja nicht bei mir..."

Stille.

"Ver-stehe."
"Ich meine...", setzte sie schluckend neu an, doch er unterbrach sie mit hastigem Nicken.
"Ja! Ja.. Ja!.. Ich glaube ich weiss was du sagen willst..."
"Ja?", fragte sie unsicher. Er zuckte zusammen.
"Hmmhmh..jaglaubewohl...mhmhm", kam eine genuschelte Bestätigung.
Sie sah ihn zaghaft abwartend an. Ja. Tja. Und nun?
Irgendwas an ihrem Blick schien ihn zu beunruhigen, daß sich seine Augen weiteten.
"Also.. ehm.. Du.. du .. meinst..
ehh.. jetzt?"
Leicht hob sich in ihrer Mimik undeutbar eine Braue. Wie, was, "jetzt"? Sie wurde immer verwirrter. Und er immer nervöser.
"Ich .. hhm..." Ruckartig erhob er sich. "Ja... ehm, .. ich komm sofort wieder!"
Überfahren sah sie ihm nach, wie er den Schrein verließ. "Adr...?" - er hörte es wohl nicht mehr.

Was denn jetzt, verflucht noch eins?!
Unruhig wanderte sie im kleinen Gebäude des Schreins herum. So leer, wie sich ihr Kopf anfühlte, war das in Sichtweite des Zeichens der Geistigkeit schon glatt Frevel. Was hatte er vor? Er schien nicht fortgeritten zu sein. Holte er jetzt Schreibzeug, um unter ihren Augen einen Brief an ihren Vater aufzusetzen, oder wie? Sie zog eines der Bücher hervor.
"Es mag sein, so soll es sein!
Faß ein Herz und gib dich drein -
Angst und Sorge wird's nicht wenden."

Ha ha. Witzig. Grummelnd schob sie das Buch zurück.

Irgendwann kam Adrenalon wieder rein. Sie hatte ihn noch draußen rumfluchen gehört.
Er ging vor ihr auf ein Knie.
Er nahm ihre Hand.
Sah zu ihr hoch.
Und die Katastrophe nahm ihren Lauf.
"Darna, ich weiß, dass ich manchmal schwierig bin, vielleicht auch unerträglich, und, ja, auch, dass ich dir in vielerlei Hinsicht vielleicht nicht die Dinge bieten kann, die zu etwas standesgemäßem gehören, und dass ich manchmal ein Rohling bin, und du der geschliffene Diamant im Gegensatz, und vieles irgendwie nicht konform ist und .. überhaupt..."
Er stockte kurz und gab sich merklich einen inneren Ruck.
Sie stand einfach nur da wie vom Donner gerührt, etwas seltsam hoffnungsvolles im Blick - und kalkweiß.
"Darna, so wie ich jetzt vor dir knie, bin ich. Das ist das, was ich dir bieten kann, dir bieten will, um alles auf der Welt. Nicht mehr, und nicht weniger."
Langsam öffneten sich die Lippen, dem Heruntersacken der Kinnlade nachgebend.
"Und genau so, so wie ich bin, frage ich dich jetzt, hier und jetzt, ob du mich eben genau so heiraten willst, als Mann an deiner Seite, für den Rest deines Lebens, mit allen Kanten und Ecken, aber auch mit all dem, was meine Liebe dir jemals bieten kann."

Er klang so fest und aufrichtig, bis zum Zerreißen beherrscht.
Und sie klang so tonlos, etwas zaghaft, als purzelten aus dem offenstehenden Mund nur Worte, die irgendwann einmal in den Kopf eingepflanzt worden waren und jetzt herausfielen:
"Ja, wenn mein Herr Vater und seine Hoheit das erlauben...?"

Seine Gesichtszüge entgleisten undeutbar - aber sie entgleisten.


Eigentlich hätte sie einen Tritt verdient gehabt, der sie von Gerimor bis Fuachtero hätte befördern müssen. Sie wusste nicht mehr, was er gesagt hatte... nur das bittere
"Lady.
von.
Elbenau", hämmerte durch ihren Kopf.

Sandsturms Hufe donnerten über den Boden und wirbelten den Schnee nach allen Seiten. Sie achtete nicht in der Dunkelheit auf die ihr entgegen schnellenden dünnen Zweige, die die Ritterin, tief über den Pferdehals gebeugt, striffen. Im gestreckten Galopp erreichte sie die mächtigen Mauern Varunas.
Im Schrein vergessen blieb beim Leutnant der Garde ein blauer Mantel... mit einem goldenen Hirschen am Revers eingestickt...
Andrey von Greifenbach

Beitrag von Andrey von Greifenbach »

Nachdem er das sich immer weiter entfernende Hufgetrappel zwanghaft aus seinen Gehörgängen verbannt hatte, sank er an der Wand nieder und legte die Arme auf die Knie. Sein Blick fiel auf ebendiesen blauen Mantel.

"Jaha.. Da ist es, das Wappen derer von Elbenau, ein toller Hecht von Hirsch. Es muss gar wichtiger sein als die grundlegendsten Gefühle eines Menschen, all das, was unser Zusammenleben bestimmen sollte."

Er griff zu diesem Mantel, legte ihn vor sich auf seine Knie und befühlte den Stoff, musterte die Fibel und fuhr beinahe vorsichtig mit seinen Fingerspitzen über das Wappen.

"Wer muss hier über seinen Schatten springen? Ich, der so fern von alledem sein möchte, oder sie, die allem Anschein nach zu sehr darin gefangen ist?"

Das war eine wunderbare Frage. Er ging natürlich davon aus, das sie garnicht anders konnte, als seinem Antrag auf ebendiese Weise zu begegnen.
Und natürlich wusste er auch, dass sein "Antrag" in ihren Augen etwas.. ungewöhnliches sein musste, etwas ganz und garnicht normbehaftetes. Nun, so lief das eben nicht. Er würde tatsächlich einen Brief an ihren Vater schreiben müssen, der sicherlich im Gegensatz zu ihr _noch_ viel schlimmer drauf war, obwohl man sich ernsthaft fragen musste, ob dies überhaupt noch möglich ist. Dann müsste er auch noch den Grafen um Zustimmung bitten, das Ergebnis ungewiss.

Er seufzte.

Wer würde jetzt also über seinen Schatten springen müssen? Natürlich, er, wer sonst. Er hatte damit begonnen, also würde er das wohl auch zuende bringen müssen. Die Frage jetzt, die noch blieb, war nur, ob Darna von _sich_ _selbst_ aus den gleichen Willen, den gleichen Wunsch hatte, denn ebendas war es, was ihm fehlte. Die Gewissheit, das alles nicht über ihren Kopf hinweg zu tun, sondern auch, weil sie es ebenso wollte wie er.

Er stand auf, schnappte sich den Mantel, und ritt los.

******

Früher, viel früher als geplant, sollte er sich näher, viel näher als geplant, schon damit auseinandersetzen müssen. War da doch ein Schreiben des Grafen, der ihn dazu einlud, der Ernennung Darnas zur Freifrau beizuwohnen.
Auch das noch! Viel unpassender konnte der Zeitpunkt garnicht gewählt sein. Darna zur Freifrau, dass musste für sie alles andere bei weitem übersteigen, und er wurde da stehen und sehen wo er blieb, als kleiner Leutnant. Das war nun eben einer dieser Momente, wo er springen musste.
Während der Zeremonie hatte der dann den Hauptmann, der auch anwesend war, mehrmals gefragt, ob er nicht just in diesem Moment schnell nach Menek'ur versetzt werden müsse, oder ob rahalische Trupen nicht gerade per Zufall Berchgard überfielen..Nein. Er musste sich das Spektakel antun, und komischerweise hatte er das Gefühl, als würden alle tuscheln. Über ihn.
So bekam er von der eigentlichen Zeremonie eigentlich kaum etwas mit. Die überschwengliche Rede des Grafen über die Taten Darnas, ihr Wert für die Grafschaft, wie sie den Brief überreicht bekommen hatte.. alles wie durch einen Nebel.
Nebel der Angst, denn was würde passieren, wenn die Zeremonie vorbei war? Sie hatten sich seit dem Antrag im Schrein nicht mehr gesehen.

Hudgarr hatte ihn natürlich nicht abkommandiert, und da waren auch keine feindlichen Truppen, die ihm den Gefallen taten, genau im richtigen Moment anzugreifen. Im Gegenteil. Letztendlich waren es nur noch Darna, er und Hudgarr, die da im Ballsaal waren. Und Hudgarr bestand vehement darauf, ihn geradezu vor Darna zu schieben.
Also stand er da, vor Darna, und wusste nicht vor, nicht zurück.

"Was.. soll ich sagen.. Ja.. Glückwunsch.. Darna.. es wurde wohl langsam Zeit, wie?"
Gott, wie kann man nur so blöd sein?
Im gleichen Atemzug war auch ihr anzusehen, dass sie mit der Situation nicht umzugehen wusste.
"Es tut mir leid?"
Das war eindeutig eine Frage von ihr. Und er wusste die nicht einzuordnen, schüttelte heftig den Kopf.
"Nein, nein! Ich hätte ja wissen müssen, das.. du darauf. also ich hab halt zuviel.. erwartet.. und .. ach, ich weiss es doch auch nicht, verdammt!"
Klappe auf, die Zweite. Szene: "Wie rede ich Dummfug?"
Dann.. der Satz aller Sätze:

"Ich.. schmeiss den sofort weg, wenn du..."

Natürlich, der Brief, die Urkunde zur Freifrau. Eine Lawine hätte ihn nicht mehr überrollen können. Auch, wenn es ein Anflug des schlechten Gewissens war, was ihn dazu verleitete, das heftig zu verneinen, war es doch irgendwie auch dieser Satz, der ihm all das sagte, was er wissen musste, wollte, und was er brauchte, um weiterzumachen.

"Die Steine auf diesem Weg sind so groß und vielfältig..."
"Achwas"


Dieser eine Kuss, den sie dann, ohne zu zögern, von ihm verlangte, wischte auch die letzten Zweifel aus seinem Kopf. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er doch relativ gelassen hinnahm, dass der Graf ihn sprechen wollte. Er wusste jetzt, das dieser Weg gegangen werden musste, komme was wolle. Dass der Graf ihm seine Zustimmung gab, und gar inoffiziell Unterstützung anbot, damit hatte er allerdings _so_ nicht gerechnet.

Und so kam es, dass er ganz untypisch gar mit einem Funken Optimismus auf das bald anstehende Treffen mit Darnas Vater, Allerich von Elbenau, voraussah. So war der Weg, und er würde ihn beschreiten.


Allerich von Elbenau, das Adelsmonster. Viel schlimmer konnte es nicht werden.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

"Dies Haus ist mein und doch nicht mein"

Er streichelte den Hals von Fenrasil. "Wenn du später einmal eine rassige Stute kennenlernst.. pass auf, dass sie dich nicht beisst."
Wenn sie das gehört hätte...

Aber diese Nacht war sie dabei gewesen, das Haus einzurichten. "Es ist trotzdem leer." Dieser kurze Moment, ihn zu erblicken, hier, hier bei diesem Haus, endlich, ein kurzer Moment Freude. Das war ihr Herz, was dieser Tage ziemlich ihrer Vernunft entrissen unsinnige Kapriolen schlug.
Emotio lag am Boden, und Ratio zog mal in diese, mal in jene Richtung, um es wieder hochzubekommen. Half gerade nur alles irgendwie wenig.

Selissa lag vor dem Kamin in der Küche, irgendwann hatte sie dann doch die Felle gefunden und sie behutsam umgebettet, als sie sie genügend tief schlafend wähnte. Es war alles noch irgendwie leer, und lauter Chaos, ein paar Scherben... dachte sie gerade an das Haus oder an sich? Sie stand mit einer leeren Holzschale, die sie hatte wegräumen wollen, vor einem der Fenster und sah nach draußen. Es war in der Morgendämmerung gerade hell genug, daß sie sich nicht mehr gänzlich in der dunklen Fensterscheibe widerspiegelte. Wobei, hätte es eine Rolle gespielt? Ihr Blick war sowieso irgendwo ins Nirgendwo gerichtet.

"Ich weiß nicht mehr, was mir leid tun müsste und was nicht", wiederholte sich in ihrem Geist ein Teil der Worte, die heute Abend nochmal gefallen waren. Sie hatten sich immerhin nicht angeschrien wie bei den Weinschenks, aber war das ein Fortschritt, wenn es danach... irgendwie... alles weiter einander fern war?
"Der Weg zu den Tugenden wird bestimmt durch unser Herz, was uns rät, was richtig und was falsch ist, und einer sinnvollen Verbindung mit der Vernunft, die daraus den besten Weg sucht. - Bah, was kann ich anderen gute Ratschläge geben, wenn der Tag lang ist... und was mach ich selber?
Wenn ich auf mein Herz höre, war es falsch, ihn zu verletzen. Wenn ich auf mein Herz höre, dann möcht ich vor Verzweiflung schreien, wenn dieses Haus hier, mein Leben, ohne ihn sein soll. Es kommt mir dann so sinnlos vor.

Ich habe hier ein Nest gebaut;
es war für uns gedacht.
Ein Teil bleibt leer, wenn du gehst.

Mein Herz... irgendwas mit meinem Herzen.
Ein Teil bleibt tot, wenn du gehst.

Das kann es doch nicht sein. Das kann doch alles nicht wahr sein."

"Ich bin immernoch der gleiche", hatte Andrey beteuert.
"Nein, bist du nicht. Ich bin so froh, daß du andere Wege eingeschlagen hattest, vielleicht hab ich dann zuviel von dem außer acht gelassen, was du auch bist, hab... ich hab mich irgendwie in Träume verrannt, oder?"
"Du müsstest in mir das sehen, was du von Anfang an in mir gesehen hast. Zumindest das, was wichtig ist. Ohne, dass ich mein Wesen mit Beteuerungen erklärbar machen muss, damit du mich verstehst.. an mich glaubst. Keine Worte, um Zweifel oder plagende Fragen, die eigentlich gar keinen Platz bei uns haben dürften, suchen zu müssen. Schlimmer.
Ich will mir nicht das Herz aus der Brust schneiden müssen, damit du sehen kannst, dass es rein ist, so rein, dass ich es mir gestehe, es dir anzubieten. Aus Liebe und Respekt. Vertrauen."
"Ich hätte nicht fragen sollen. Aber das tu ich doch immer. Ich find doch immer was zu nörgeln, was mir nicht blütenweiß vor Temora scheint. Das macht nicht mal vor einem Kronritter halt, daß ich ihm meine Ideale um die Ohren haue und 'gute Ratschläge erteile'. Und dich nicht hinterfragen? Das kann ich nicht hinkriegen, das will ich nicht mal. Ich muß furchtbar sein."
"Vielleicht verdien ich es dann nicht", hatte ihre brüchige Folgerung gelautet, "Ich frag mich gerade, ob ich mich darauf einlassen könnte, zu schweigen, wenn mir etwas frag-würdig erscheint... ich kann es nicht."
"Ich muß ein pedantisches Scheusal sein."
"Frage dich eher, ob es nötig ist, dass du etwas ... bei uns... fragwürdig finden musst."

Es schien so? Sie wusste kaum mehr weiter. Mit dem Schlüssel in der Hand vor der Tür ihres Hauses, in dem Andrey gerade eingesperrt war, wusste sie nur noch, daß sie sich einmal geschworen hatte, ihn nicht in "ihrem Käfig" einzusperren, sobald er einen Fuß hineingesetzt hatte, auch wenn sie ihn verletzte.
Sie hatte die Tür aufgeschlossen.
"Er ist nicht gegangen, er ist geflohen."
Sie lehnte die Stirn ans kühle Fenster.
Antworten