Ein tiefes Knarzen ging durch die Tempelhalle als das massive Tor am Eingang aufgedrückt wurde. Jean, der in seiner Ecke auf der Empore hinter dem Altar saß, noch verborgen vor den Blick der Anwesenden die nach und nach eintrafen, lauschte lediglich still den Worten die vor dem Altar gesprochen wurden und bis zu ihm hinauf hallten. In der Zeit die er nun bereits im Tempel verbracht hatte, bemerkte er dass hier gesprochene Worte eine besondere Bedeutung inne hatten. Alles was gesagt wurde klang viel durchdringender, wurde von den Wänden zurückgeworfen in einem unheimlichen Hall, als wolle der Stein des Tempels selbst die Anwesenden an ihre eigenen Worte erinnern. Er hatte die ganze Nacht vor dem Altar verbracht. Gebetet, wie die Tetrarchin und Muireall es ihm angewiesen hatten. Zunächst waren die Worte die er sprach nur in seinen Gedanken und verließen seine Lippen nicht. Doch tief in der Nacht, als die Straßen verwaist und der Tempel gänzlich leer war, ließ er sich hinreißen vernehmlicher zu sprechen. Die Worte die er in jener Nacht gefunden hatte sollten ein Geheimnis bleiben. Allein zwischen ihm und jener Pantherstatue die ihn von ihrem Podest hinter dem Altar aus anblickte. Hatte er den Blick dieser Statue zunächst als bohrend und unangenehm empfunden, soweit man das von einer Statue behaupten konnte, wurde ihm mehr und mehr bewusst dass der Blick des steinernen Panthers weit über ihn hinaus ging. Es war eine seiner Eigenarten dass er stets davon ausging, das Zentrum von allem zu sein. Der Mittelpunkt um den es sich in seinem Leben einzig und allein dreht. Die Erfahrungen die er seit seiner Zeit in Rahal gemacht hatte lehrten ihn bisweilen etwas anderes. Doch war es diese Nacht, die Stille, die Kälte die ihm diese schlichte Tatsache bewusst werden ließen. Eine jede Stunde führte er vor dem Altar seinen Dolch in seine Handinnenfläche um den am Abend dort aufgesetzten Schnitt wieder zu öffnen und nach seinem Gebet weitere Tropfen des Blutes in die Schale träufeln zu lassen in der er sein Blut sammelte. Jede Stunde schien die Hand deutlicher zu schmerzen wenn er den Dolch ansetzte doch hatte er keine Wahl mehr in dem was er tun musste. Wann immer sein Blick dabei zur Statue hinauf ging, blickte sie reglos in seine Richtung. Vielleicht hatte er erwartet dass sie sich bewegt, dass sie zu sprechen beginnt, ihn wahrnimmt. Eine Vorstellung die nur all zu gut in sein Selbstbild passte, dass gerade er jemand Außergewöhnliches war. Aber die Statue blieb stumm. Während sich die Schüssel mit seinem Blut füllte lauschte er den Klängen die des Nachts im Tempel vernehmbar waren. Die flackernden Fackeln an den Wänden, knackende Kohlebecken. Hin und wieder glaubte er Schritte zu hören, vielleicht lag es aber auch nur an der Menge an Blut die er lassen musste. Nachdem die Schüssel gefüllt war begann er die kleine Bandage um seine Hand zu wickeln die Muireall ihm am Abend zu diesem Zweck da gelassen hatte. Noch immer schwieg die Statue ihm gegenüber, der Blick unverändert. Nein, diesmal konnte er sich nicht herausreden. Diesmal konnte er sich nicht auf Glück und Schicksal berufen, nicht auf Aberglauben und Hokuspokus. Mit jedem Blick den er der Statue zuwarf erkannte er nur umso deutlicher dass ein Mann allein nie die Größe all dessen erreichen würde, wofür die Mauern um ihn herum standen. Ehrfurcht nannten sie es, wenn sie darüber sprachen. Er hatte nie viel darum gegeben, sich von Göttern so gut es ging fern gehalten. Man legte sich nicht mit ihnen an aber man versuchte auch nicht ihren Fokus auf sich zu lenken. Er brach seine eigenen Regeln gleich zweimal hintereinander. Erst streckte Krathor seine Klauen nach ihm aus, nun wandte er sich in vollem Bewusstsein Alatar zu und erhoffte gar, dass dieser seinen Blick auf ihn richten würde. Seit über einem Jahr schon lernte er von Muireall was es bedeutete zu glauben, was der Glaube für sie bedeutete. Obgleich er die Lehren für sich angenommen und zu großen Teilen umsetzte und er spürte, welche Vorteile es ihm im Gegensatz zu anderen gab, war er doch nie mit großem Fanatismus gesegnet. So war auch seine Konvertierung vor der Hochzeit eine eher formelle Angelegenheit. Er spürte, dass nach diesem Tag alles anders sein würde. Der Blick der Statue verriet es ihm. Als wolle sie ihm seine für sich selbst erdachte Größe nehmen und ihn dafür Teil von etwas Großem sein lassen.
Ein lautes Geräusch holte ihn aus seinen Gedanken wieder in die Realität. Der Ketzer, welcher vor dem Altar geknebelt an einen Pfahl gebunden war zappelte in den Ketten als nach und nach die Templer in die Halle traten. Offenbar schien er die größte Angst vor dem Anblick der letharischen Templer zu haben, obgleich sie ihre Gesichter mit den Kapuzen weitgehend verdeckten. Die Tetrarchin, Ar'ynx, Kheldairon und ein Lethar der ihm unbekannt war. Er hatte nicht damit gerechnet dass der Tempel einen so großen Aufwand betreiben würde. Zumindest hatte ihm die Nacht jeglichen Gedanken dazu ausgetrieben, dass es alles nur seinetwegen geschehen würde. Er war jetzt Teil von etwas, das in Gang gesetzt wurde und in dem er seine Aufgabe erfüllen würde. Selbst die Garde erschien schließlich an den Toren, Ritter Wolfseiche und Fann hatten als Tempelwachen ihre Position bezogen. Die Templer versammelten sich vor dem Altar während Jean noch einmal tief durchatmete um dann seinen Weg hinunter anzutreten und sich für einen Moment in einem der Seitengänge neben Muireall zu stellen. Es gab kein Zurück mehr. Und er wollte auch nicht zurück. Als er an diesem Abend über den Altar hinweg zu der Pantherstatue blickte, da wirkte sie für ihn nicht mehr bedrohlich. Nicht bohren, urteilend. Die Templer die erschienen waren, ganz besonders die Anwesenheit der Letharen die für ihren Fanatismus bekannt waren, die Garde, die Tempelwache, Ritter, Scharfschützin, seine Frau. War es das, was der Blick des steinernen Panthers versuchte ihm klar zu machen? Auf La Cabeza hatte er gelernt, dass jeder sich selbst der Nächste war. Dass man sich einzig um sich selbst kümmern musste und alle lautstarken Beschwörungen von Gemeinschaft, von Mannschaft, von Zusammenhalt nur so lange hielten, bis jemand für sich selbst etwas besseres herausschlagen konnte und dafür alle anderen über die Klinge springen ließ. Die letzte einzelgängerische "Verhandlung" einiger weniger Piraten hatte das gezeigt. Sie nahmen keine Rücksicht auf andere, auf Verluste. Ihnen war nur wichtig was für sie selbst am besten war. Hier, in diesen Mauern, musste niemand die Gemeinschaft mit großen Worten preisen, sie überschwänglich immer und überall hinaus posaunen und sich gegenseitig ach so guter Kameradschaft versichern wie selbst Kapitän Perera es immer tat obgleich seinen großen Worten nie Taten folgten. Hier, in diesen Mauern erschienen sie alle. Still, ohne ein Wort dazu zu sagen. Als wäre es völlig selbstverständlich. Nicht für Jean Laval ... sondern für ein Mitglied der Gemeinschaft. Für einen Anhänger des All-Einen...
Als die Zeremonie begann und er die Knie abermals vor dem Altar beugte und zu Boden blickte, lauschte er still den Worten der Templerschaft. Es waren keine ausschweifenden fanatischen Reden über Macht oder darüber, wie schlecht alle anderen Götter wären. Es waren schlichte Worte. Worte einer sehr einfachen und dafür umso stärkeren Gemeinschaft. Blut floss. Seines, das er in der Schale die ganze Nacht über gesammelt hatte und schließlich das des Ketzers, der zu diesem Zweck in den Tempel gebracht wurde. Das Blut beider traf auf das vormals unscheinbar aussehende Amulett das Kheldairon noch in der Nacht hatte anfertigen lassen. Als die Templerin Ar'ynx schließlich aus ihrer knienden Position aufstand und ihre Worte sprach wurde ihm die Bedeutung dessen, was er mit sich tragen würde bewusst. Nicht nur in seiner physikalischen Form. Es würde ihn schützen. Den Blick der Geschöpfe Krathors von ihm ablenken und ihn bewaren vor dem was hätte geschehen können, davon war er fest überzeugt.
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Nach dem Ende des Rituals, als die Templer sich wieder in die Katakomben des Tempels zurückzogen, die Garde abmarschierte und er durch das Tor an die frische Luft trat atmete Jean tief durch.
"Bis ans Ende der Welt und über alle Meere werde ich das Zeichen des All-Einen tragen." hallten ihm seine Worte nochmals durch die Gedanken als er das Amulett an seinem Hals betrachtete. Worte, die von dem schweren Gemäuer zurückgeworfen wurden als er sie sprach als wollten sie ihn daran erinnern und mahnen. Er blickte nochmals zurück, den langen Weg entlang der Bankreihen bis hin zum Altar und der Statue dahinter. Noch immer blickte der steinerne Panther ihn stumm an, noch immer keine Regung.
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