- Trauer nur - die Sturm- und Siegeswogen,
Niederlagen, Gräber, Kuß und Kranz,
Trauer nur - die Heere abgezogen,
sammeln sie sich wo – wer weiß es ganz?
Denke dann der Herzen wechselnd Träumen,
andere Götter, anderes Bemühn,
denk der Reiche, die Pagoden säumen,
wo die feuerroten Segel blühn.
[Gottfried Benn - Eingeengt]
Man vergisst Menschen nicht, mit denen man ein solches Band hatte. Und wenn man weiß, dass es aber nie wieder zu so etwas kommen wird, kann man lernen damit umzugehen. [...] Das habe ich auch getan. Ich war die erste die sich abwandte. [...] Das sind Fehler die man sich wahrscheinlich niemals verzeihen kann, aber du darfst auch nicht in Selbstmitleid verfallen.«
Da saß sie tatsächlich in diesem kleinen Raum in der Zunft und redete mit der Verflossenen ihres Bruders über Herzschmerz und Liebeskummer. Eli hätte diesen Schritt gerne umgangen, doch an diesem Abend wurden wahrscheinlich alle Fettnäpfen zwischen ihrem Bruder und Eri gefunden, die es zu finden gab. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass es immer einfacher war im ersten Moment mit jemanden über so etwas zu reden, den man vielleicht noch nicht so gut kannte – eine neutrale Person. Sie war als Schwester wahrscheinlich nicht die neutralste Person, aber immerhin die neutralste die anwesend war.
Ihre eigenen Erfahrungen der jungen Zunftmeisterin zu erzählen, war somit eine Taktik die sich durchaus als Erfolgreich herausstellte – auch wenn es der kleinen Frau aus Valar im Inneren nicht unbedingt behagte und sie Eri wahrscheinlich Dinge erzählte, die sie auch gut wieder gegen Eli verwenden konnte. Da war schlicht das Klammern an ein klein bisschen naive Hoffnung, dass ihre Geheimnisse bei der Zunftmeisterin sicher sein würden.
»Wir machen alle unsere Fehler Eri. Wenn du es heute nicht konntest, wirst du es morgen können. Glaub mir... diese Offenheit werdet ihr benötigen, wenn ihr da durch wollt. Ich bin mir da ziemlich sicher, einfach weil ich damals nicht offen zu meinem Partner war. Entweder du wirst durch diese Offenheit Klarheit gewinnen oder aber du wirst herausfinden, dass es vielleicht nie mehr so sein wird. Ich kann mir vorstellen, dass du davor angst hast, aber dann weißt du es und dann kannst du daran arbeiten, darüber hinwegzukommen. Aber das ist doch beides besser, als diese Ungewissheit, oder? Mache bitte nicht den gleichen Fehler, den ich gemacht habe.«
Wahrscheinlich wusste es Eri nicht mal, aber darüber erneut zu reden, war auch für die ehemalige Schneiderin ein kleines bisschen Balsam für ihre Seele und gleichzeitig konnte sie, so hoffte sie, Livyathan und Eri weiterhelfen. Sie mochte Eri, ihr ungezwungenes und offenes Wesen und wünschte sich auch für ihren Bruder nur das Beste. Selbst als sie noch ein fester Teil des lichtenthaler Reichs war, war das so gewesen und nun, da er sie wieder in seiner Nähe wissen konnte, würde sich es wohl wieder tiefer verankern können. Wenn Berahthraban, Aililyra und ihre große Schwester nun hier wären, wäre ihr Drache wieder komplett – aber wer weiß schon, was die Zukunft noch bringen würde und Eli fühlte sich, selbst mit den Auflagen des Hauptmannes, in ihrem aktuellen Zustand recht wohl, gar hoffnungsvoll. Als würde sich ihr ein Neuanfang offerieren, den sie nur zu gerne ergreifen wollen würde.
»Das tut mir sehr leid für dich...«
»Ich versuche immer das Gute zu sehen und ohne diesen Fehler, wäre ich wohl niemals hier gelandet, mh?«
»Das stimmt wohl!«
»Also, wir stehen das schon gemeinsam durch! Immerhin sind wir Eri und Eli, mh?«
»Ich bin froh, wirklich froh... dass du hergefunden hast!«
»Und ich erst. Sonst hätte ich dich niemals kennen gelernt.«
Was sollte sie aber mit den wenigen Verbindungen machen, die sie noch im lichten Reich hatte? Seit sie wieder im Land war, hatte sie sich bei fast keinen dieser Personen gemeldet und vielleicht war es auch besser so, wenn sie es so beibehalten würde. Vielleicht wollte sie auch einfach vor den unangenehmen Gesprächen fliehen, die sich ergeben würde, wenn sie erzählen würde, wo ihr Weg sie nun hinführte.
Wie würden Fao, Cassandra oder Neralon reagieren?
Fao würde ihr wahrscheinlich noch eine verpassen und sie vor die Haustür setzen, da war sie sich ziemlich sicher und der Gedanke daran, trieb ihr irgendwie ein Schmunzeln auf die Lippen. Wie würde ihr Fels... wie würde Vaughain reagieren, wenn er noch im Land war? Bis ihr Bruder ihr vor wenigen Abenden erzählte, das der Ritter das Land verlassen hatte, hatte sie noch vorgehabt diesen ein letztes Mal zu sehen – ein letztes Gespräch, ein letztes Treffen welches diese Schuldgefühle hinweg waschen sollte, denn Vaughain hatte in Vergangenheit immer die richtigen Worte in solchen Situationen gefunden.
Wie würde "Er" wohl reagieren, wenn er davon erfahren würde?
Eine Frage die mit einem ruppigen Kopfschütteln wieder vergraben wurde, ehe sie ihren Blick auf das richtete, was vor ihr lag. Eine Zukunft an der Seite ihres Bruders, bei ihrer leiblichen Familie und hoffentlich eine Zukunft in der sie etwas Ruhe und Zufriedenheit finden würde.