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Verfasst: Donnerstag 27. November 2014, 19:25
von Gast
So she throws him at the wall and kisses burn like fire
And suddenly he starts to believe ...


Da war sie, die schwere, dunkle Präsenz, welche dafür sorgte, dass sich die feinen Härchen im Nacken langsam aufstellten, dass die Schultern sich schützend hoben und eine seltsam siedende Kälte, flüssigem Eis gleich, durch die Adern pumpte. Für gewöhnlich fraß die Panik stückchenweise ihre Selbstbeherrschung und verwandelte sie nach und nach in das, was sie sich nach den Worten der Ritterin geschworen hatte nie wieder zu sein: ein kleines Häschen.
Nicht einmal, weil dieser Vergleich in gewisser Weise schlichtweg erniedrigend war, erinnerte es sie doch an jene junge Frauen, die bewusst Kulleraugen zur Schau stellten und tumbe Unschuld mimten, sondern in erster Linie, weil jene „Betitelung“ nicht nur im Reich des Panthers vor allem eines implizierte: OPFER!
Genau das, was sie nicht sein wollte, wurde sie in der Gegenwart des alten Widersachers beinahe ohne eigenes Zutun, als würden sich die Rollen ganz simpel gegenseitig definieren und sie damit zwangsweise verwandeln. Dann zitterte sie, wich vor ihm zurück und spürte wie die Anspannung im Körper nur ein Vorbote jeglicher Fluchtinstinkte war, dabei wohlwissend, dass sie ihm tatsächlich nicht entkommen konnte... noch nicht zumindest. Diesmal aber war das 'Häschen' bereits vorbereitet! Sie zwang sich innezuhalten, lehnte die Schulter an die klammnasse Rinde des nächsten Baumstamms und verschränkte langsam die Arme vor der Brust. Betont lässig, obwohl die Nasenflügel bebten und jede Faser ihres Körpers innerlich zitterte, verharrte sie so abwartend und beobachtete den weißlichen Dampf des Atems, welcher sich in der Kälte, einem hauchzarten Schleier gleich, dann und wann manifestierte. Darüber, dass sie trotz den schwarzen Fängen der mondlosen Nacht mitten im Wald recht gut sehen konnte, wunderte sie sich nun nicht mehr – Mairi und Fames hatten es beide prophezeit und ausreichend erklärt. Die Gabe im Dunkeln sehen zu können...

„Das, Kindchen, ist nicht immer ein Gabe, sondern kann sich auch als Fluch entpuppen, wenn man Dinge sehen muss, die man nicht betrachten will. Oder weshalb hälst du dir manchmal so gerne die Augen zu, hm?“

Hinter ihr!
Mit einem Ruck fuhr sie herum und starrte in die alles-verschlingenden Fluten, deren Farbe sie nun auch noch an etwas Anderes erinnerte. Da war sie wieder, die kleine, zurechtgepackte Stärke, aus welcher sie zehrend die Kraft schöpfte, sich ein weiteres Mal ruhig an den Stamm zu lehnen, die Armverschränkung aufnehmend und ihn doch keinen Moment aus den Augen lassend. Das zahnige Wolfsgrinsen wurde weiter, als das Monstrum ihre Gedanken wie ein offenes Buch zu lesen begann.

„Ja, ich sagte dir bereits, dass es unsereins in vielen Formen und Farben gibt...“, begann er langsam und um seine Worte zu unterstreichen verflossen die Konturen, wandelten sich wabernd und tauschten Untierkörper gegen den eines hochgewachsenen, athletischen Menschen, dunkles, dichtes Fell gegen kinnlange, rabenschwarze Haare und Wolfsschnauze gegen ein blasses, unwirklich anmutiges Männergesicht. Sie atmete innerlich auf, denn diese seiner Formen war ihr nicht nur bekannt – oder geradezu vertraut – sondern vor allem nicht jene böse Überraschung, die sie fast schon erwartet hatte. Kaum hatte sie den Gedanken geformt, da legte er den Kopf in den Nacken und lachte unverholen amüsiert auf. Der Klang der dunklen Stimme hallte so seltsam im Waldesdickicht wider, als würden sie sich plötzlich eher in einem Gewölbe befinden – in den Katakomben! Noch immer offen belustigt schüttelte er voller Süffisanz das Haupt, trat mit einem einzigen Schritt nahe genug an sie heran, dass sie die Kälte seines Körpers spüren konnte und immitierte ihre Haltung. Sie wusste später nicht, ob es der Rest ihrer Selbstbeherrschung oder aber dieses gefrierende Eis war, welches ihre Beine lähmte.

„Nein, wirklich... weshalb sollte ich mir die Mühe machen und seine Züge annehmen, wenn ich auch so schon die gewünschte Wirkung auf dich habe?“ Vergnügte Bosheit glitzerte in den Wolfsaugen, als er sich herabbeugte und das Gesicht bedrohlich nahe an ihres brachte.
„Oder bekomme ich dann auch ein wenig der neu-entdeckten Leidenschaft zu spüren?“

Im Inneren stritten sich jähe Angst, kreischrote Scham, brodelnde Empörung und rauschender Zorn um die Vorherrschaft, während ihr nichts Besseres einfiel, als das Gesagte zu übergehen und jede, mögliche Antwort auf diese doch eher rhetorische Frage zu verweigern.

„Was willst du?“ Sie war erstaunt und beinahe stolz auf sich selbst, als sie die herausfordernde Ruhe in ihrer Stimme vernahm. Seine Mimik verriet einen winzigen Moment tatsächlich Ernüchterung und ein wenig Irritation. Genug, um den Funken Triumph in ihrer Brust zu entzünden – genug, um sich zu einem weiteren, eher unvorsichtigen Satz hinreißen zu lassen.
„Wenn du nun also gekommen bist, um mich zu beglückwünschen, dann ist das hiermit wohl indirekt geschehen.“

„Hah, Glückwünsche?“, wieder das Lachen, welches sie regelrecht zu durchdringen schien, „Du hast im Moment mehr Ärger, Ängste und Veränderungen an deinen Fingern kleben, als es dein Köpfchen begreifen könnte. Du weigerst dich nur hinzusehen, Kindchen. Dein Schneeflockenfreund ist ein ernstzunehmender Gegner und spielt das Spiel länger als du, deine Blutsverwandtschaft lehrt dich schmerzende Zucht und Anstand, diejenige, die du heimlich in dein Herz geschlossen hast, beginnt dich zu verabscheuen und der, den du beschützen wolltest, wirst du bald schlimmer verletzen, als es all die Schwerter und Messer je hätten vollbringen können.“
Sie wollte ihm Paroli bieten, hatte fest vor, jede seiner hässlichen Lügen zu entkräften, doch blieb ihr die Stimme regelrecht im Halse stecken, verklumpte dort zu einem Kloß, den sie auch würgend nicht herabschlucken konnte. Er hingegen genoß seine neu eroberte Überhand mit höhnendem Grinsen.
„Wenn du also darauf bestehst, dann hast du meine herzlichsten Glückwünsche, Kindchen.“
Die Worte drangen wie Nadelspitzen durch die Haut und sickerten dort seltsam zäh in die Gliedmaßen, begannen ätzend den Organismus zu vergiften und raubten ihr sowohl die hellwache Energie der Angst, als auch jeglichen Mut. Als er die Rechte auf ihren Kopf legte, ließ sie es ohne Gegenwehr geschehen und das Haupt sank lediglich ein wenig tiefer herab.
„Na, na, wer wird denn da so ein Gesicht ziehen? Du hast doch bekommen, was du wolltest. Da sind sie wieder, die lieben Gefühle und deine Erinnerungen obendrein. Vier Jahre, Kindchen, vier gemeinsame Jahre, das verbindet eben und wen wundert es, dass du dann gerade einen Wolf in dein Herz lässt?“, die Stimme wurde leiser, dafür umso eindringlicher und heiser, „Ich habe dir angedeutet wovor du Angst hattest und du hast es nicht sehen wollen. Nichts hat sich diesbezüglich verändert. Es ist der heißkalte Schauder, wenn du zu spüren bekommst, dass du mit dem Feuer spielst, richtig? Es ist das Kribbeln unter der Haut, wenn dein Instinkt und der Kopf sagen, dass du weglaufen solltest, doch irgendetwas stattdessen einen Schritt näher heran macht, ja? Es pocht... nervös erregt... da drin.“

Sie löste sich mit einem heftigen Ruck und stieß ihn von sich, als er ihr an die Brust tippte und dabei über die Narbe unter dem Stoff fuhr. Nach einem weiteren, hämischen Lachen wandelten sich die Linien des Mannes und wurden wieder zu dem, was er am liebsten verkörperte.
„Diese Worte sind Gift. Sie spiegeln nur deine vollkommen verdrehte Wahrheit wieder. Es sind andere Gründe, weshalb... weshalb...“

Die Lefzen hochgezogen umfing sie des Wolfes Grinsen ein letztes Mal.
„Komm, komm, Kindchen. Hör wenigstens auf dich selbst zu belügen, das ist ja schon mehr als jämmerlich... du bist das Mädchen mit der roten Kapuze, du BRAUCHST einen Wolf.“
Nach einem vielsagenden Zwinkern verschmolzen die Umrisse des Albtraumwesens mit dem Walddickicht und ließen ein zutiefst betroffenes Menschenkind zurück, welches noch immer nicht wirklich fassen konnte und wollte, wie RECHT ihr alter Widersacher hatte.

Don't let go...
Never give up, it's such a wonderful life!


[img]http://www11.pic-upload.de/27.11.14/fxol3h9kp1mj.jpg[/img]

Verfasst: Montag 5. Januar 2015, 18:39
von Gast
Once upon a time I was falling in love
Now I'm only falling apart...


Manchmal fehlen sie einfach, die richtigen Worte.
Wir nutzen sie um so viele Bücher zu füllen, dass man mit der Tinte auf all den Seiten vermutlich den ganzen Erdenball ertränken könnte. Wir zaubern gedankliche Bilder in den schönsten und buntesten Farben der Fantasie damit und brechen, zerstören, schleifen unsere Mitmenschen oder gleich ganze Nationen durch die Magie weniger Worte.
Ein Narr, der wirklich glaubt, dass jene nicht verletzen können, denn die Feder ist tatsächlich in so vielen Belangen stärker als das Schwert, beharrlicher, ewiger. Macht liegt darin und eine Unendlichkeit die den Staub der vergangenen Zeit überdauert, sei es nun durch die mündliche oder schriftliche Überlieferung.
Doch wie schäbig fühlt man sich dann, wenn diese wunderbare Kraft so jäh an ihre Grenzen stößt, weil die Worte das nicht umschreiben können, was der Geist, die Seele und das Herz empfinden? Wenn alles doch irgendwie nur wie ein farbloser, fahler Abklatsch des eigentlichen Zustands klingt?
Was macht man, wenn die richtigen Worte fehlen?
Schweigen...

Sie schwieg seit Stunden und dies nicht nur, weil da die gehauchte, eher matte Anweisung kam, die trotz der fehlenden Schärfe oder gerade weil jegliche Kraft darin fehlte, so scheußlich mitten in die Brust getroffen hatte und dort noch immer für Entsetzen und klamme Kälte sorgte.
„Halt deinen Mund...“
Sicher, was konnte sie denn auch noch sagen. Die Worte waren gefallen, hatten ihren Schaden angerichtet und die so langsam geheilte Welt vollkommen aus den Angeln gerissen. Nun fehlten sie – jetzt wo sie beide deren Zauber so nötig hatten. Es war nicht wirklich möglich einen Blick in das Empfinden des Gegenübers zu werfen oder aber just diesen dem Anderen jeweils zukommen zu lassen. Nicht einmal in der Ebene der Träume, welche doch teilweise aus Gedanken und Gefühlen gesponnen war, zeigte sich ein vollkommen unverschleiertes Spiegelbild des Ganzen. Irgendwo war immer noch eine Maske davor, Masken aus Stoff, Stein und allen voran... Holz.

Die einst fast heile Welt zumindest hatte Fluch, Plagen und Katastrophen überlebt, gewissermaßen.
Zuerst kam die Flut an Emotionen, eine zischende, tosende, ja sogar kochende See. Aufbrausend meldete sich darin die Wut und verwandelte sich auf wundersame, schreckliche Weise plötzlich in Feuer. Züngelnde Flammen, welche die Glut in den schieferfarbenen Kohleaugen zündete und einer sonst meist monoton und nüchtern klingenden Stimme kreischroten Zorn einverleibten. Manchmal nur ein zischelndes Funkenknistern und dann wieder ein tobendes Inferno. Der klare Antagonist ihres Feuers in jener fulminanten Szene war sein persönlicher Winter – schneidender, unbewegter Wind in der sonst so sanften, ruhigen Tonlage, gefrierende Eiskristalle in den Blicken graublauer Augen. Ein Wettstreit zwischen unmenschlicher Hitze und tödlicher Kälte, welcher sich in einem hässlichen Gewitter entlud. Die Blitze schossen herab, trafen beide Kontrahenten und verwüsteten unter dem dröhnenden Donnerklang der Uneinsichtigkeit so manches Stück Frieden der inneren, geheilten Welt, rissen alte Wunden im Erdboden neu auf.

Doch mit dem Schmerz der Kränkungen und Drohungen aus beider Münder kam kurz danach die Stille – die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm und diesen läutete dann die bizarre Offenbarung, die klare Aussage, ein, welche von Betrug, nein einem Vertrauensbruch, sprach, ohne diesen zu erahnen.
Manchmal fehlen Worte, ja, doch in diesem Fall waren sie vorhanden und steckten die Welt in einen wirren, zerfließenden Nebel der Unsicherheit, der Angst.
Herz brechen? Daseinsberechtigung?“
Konsequenz...?
Trennung?
Trennung!

Noch während das eigene Herz versuchte zu begreifen, was damit gemeint war und inwiefern dieses seltsam taube Gefühl zu werten war, welches sich ausbreitete und was wohl danach kommen würde, wankte die Welt bedrohlich und überließ dem Kopf, der alten, vertrauten Logik, rasch das Ruder.
Dann ist es unausweichlich. Grüble nicht JETZT über deine Fehler, die in der Vergangenheit ruhen, fürchte dich nicht JETZT vor den dräuenden Schatten der Zukunft, sondern reagiere auf die Gegenwart. Du hast deine Gefühle zurückhaben wollen, lebe damit. Doch wage es nicht deine Worte erneut zu brechen, werde nicht zu einer ewigen Lügnerin, deren Last mit jedem Tag größer wird. Zeig es ihm, sag es ihm – JETZT.

Irgendwo im Zentrum der undurchsichtigen Nebelschlieren stand der Garten, der geheime, versteckte Rückzugsort, in welchem ein Teil der Seele ganz genauso wie im Waldesdickicht ruhte. Es war an der Zeit diesen zu offenbaren und so nahm sie ihn an die Hand, wie ein Kind, zog ihn mit sich und führte ihn schweigend an diesen Flecken der einen Teil ihrer Selbst wie poliertes Glas spiegelte. Der Moment war genau der Richtige und dennoch so falsch wie kein anderer davor oder danach je sein könnte, denn inmitten des bebenden Geständnisses fiel ein Anderes.. rasch, rascher, viel zu rasch und zu groß, um damit umgehen zu können. Sanft und zärtlich wie eine Decke rieselte es herab, tauchte die Welt in lichtlose Schwärze und erstickte... alles.
Verlust ist ein sehr vielschichtes Wort, dessen Bedeutungen so mannigfaltig sind und ja, manche davon sind endgültiger.
Die Räson betete die Logik herab und lullte zur Ergebenheit ein, doch war es der wiederentdeckte Schatz der vergrabenen Emotionen, der sich kämpfend gegen den vorhergesagten Ausgang der ganzen Geschichte warf. Ganz gleich, ob Tränen flossen, ob Berührungen brannten, ob er wollte – oder nicht.
Worte, manchmal sind sie nicht da, sind nicht die Richtigen aber dann wiederum gibt es jene Augenblicke, in denen Worte ganz klar das sagen, was wir ausdrücken wollen und vielleicht schon einmal so vernommen und verstanden haben:
„Ich lass dich nicht alleine... niemals.“

Als der Nebel sich irgendwann gelichtet hatte, hing die Welt weiterhin schief und konnte sich nicht in den festen Ankern der Angeln halten, doch sie war immernoch da, trotzte den Schäden des Unheils allein durch ihr Dasein.
Irgendwo in einem Bett aus duftendem Moos, immergrünen Blättern und zarten, weichen Zweiglein waren zwei Menschenkinder zu finden. Der Eine dem rastlosen Schlaf der Erschöpfung ergeben, die Andere in der Leere fehlender Worte versunken und doch hielten sie einander in den Armen.

And I need you now tonight
And I need you more than ever
And if you'll only hold me tight
We'll be holding on forever

Verfasst: Montag 2. Februar 2015, 21:42
von Gast
You said..."run run run as fast as you
can but you can't run run from the
childcatchers hands"





Er schlufte über die Planke hinaus in den Hafen, zog ein letztes mal an dem Stummel und schnippte diesen dann doch eher lässig ins Wasser. Er sah sich erst einmal um, was ihm sichtlich schwer viel, lag doch noch die Düsternis der Nacht über dem Hafenviertel, dessen Siluette er jetzt knapp erkennen konnte.

Er griff in seinen Rucksack und tastete nach einer Flasche Fusel, ein grumelnder Laut als er nicht gleich fand wonach seine Hand suchte. Der Arm verschwand noch etwas tiefer im Rucksack und ein leiser Fluch begleitete die Suchaktion, bis ein wohlwohlendes "Ah", das Gesuchte an die Oberfläche kam. Der Korken wurde entfernt, und ein Teil des Inhaltes wurde auch gleich in den Rachen geschüttet.

Die Flasche in der Hand, schlufte er dann langsam in Richtung der Häuser. "Maiglöckchen, Maaaiiglööckchen", brummte er leise vor sich hin und schlufte den Häusern entlang. Nach und nach ging er die Hausschilder ab. Für einen Betrunkenen wirkte er jedoch recht wach, den Alkohol gewohnt, verschwand auch noch mehr vom Fusel im Schlund, wärend er das Hausschild mit den Maiglöckchen suchte.

Er schlich träge um die Häuser und bog um die eine und andere Ecke bis er dann nach einigem Suchen das Schild entdeckte. Iaro war jedoch kein Dummkopf und er wusste, dass er nur eine Möglichkeit hatte für sein Vorhaben. Es durfte also nichts schief gehen. Erst kundschaftete er die Gegend aus, danach schlich er leise ans Haus heran, nahe ans Fenster.
Schritt für Schritt trat er näher ans Haus, die Gugel tief ins Gesicht gezogen, als er in letzter Sekunde noch den Besen entdeckte der fast umgefallen wäre, diesen Lärm hätte er gerade noch gebraucht.
Er blickte durchs Fenster hinein, geduckt stand er da und linste hinein. Wer auch immer da drinn war, es war nicht sein Herzchen, sondern darin befand sich ein Mann.

Ein schnauben, dann drückte er die Augen zu. Um den Kerl würde er sich später irgendwann kümmern, jetzt galt es Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Er hatte sich die dunkle Ecke ausgespäht, in welcher er warten wollte.

In die Ecke gedrückt wartete er ab, die Flasche mit Fusel bis auf den letzten Tropfen ausgelutscht, stellte er irgendwann neben sich auf den Boden. Mist - dachte er, kein Feuer in der Nähe, aus einer Zigarre rauchen, wurde nichts. So versank er in eine Art Tagtraum.
Sie würde endlich wieder an seiner Seite sein - sein Herz tat einen Stich - er konnte das Gesicht vor sich sehen! Dann.. ja dann würde endlich alles wieder gut!

Schritte tappsten langsam auf das Haus zu, sein Herz schlag erhöhte sich etwas und er spannte sich an, jetzt würde es drauf ankommen. Flügelschläge über dem Haus, jetzt nur nicht ablenken lassen! Iaro trat an die Ecke und wartete den Moment ab in dem die Gestalt am nächsten war. Die Gestalt war in dunkle gewänder gehüllt, und die Gugel auf dem Kopf. War sie das überhaupt? Der Rüpel war sich nicht ganz sicher, aber nicht zuzuschlagen konnte er sich nicht erlauben, und irgendetwas in ihm war sich sicher.

Dann musste alles sehr schnell gehen, Iaro machte einen Satz nach vorne und packte die kleine Gestalt mit der rechten hand ihren rechten Arm, welchen er ihr zackig auf den Rücken drehte und mit seiner linken Pranke hielt er ihr so schnell er konnte den Mund zu.
Doch sie fand die Reaktionszeit und schnappte... den Besen mit ihrer linken Hand und schlug damit nach hinten, und der Angreifer kassierte eine Beule an der Schläfe. Er schnaubte wütend und drückte ihr den rechten Arm weiter verdreht nach oben.

Sein stinkender, nach Alkohol riechender Atem glitt ihrer Wange entlang als er ihr ins Ohr säuselte; "Wie deine Mutter, die war manchmal auch ein kleines Wildkätzchen. Aber nun lass den Besen fallen, mein Herzchen und sei lieb zu mir. Ich werde dich jetzt mitnehmen, an den Ort, wo du hingehörst...

Er roch an ihren Haaren, sie rochen gut, oh wie sehr er es genoss diese Gestalt in seinen Armen zu halten. Doch da schwang die Tür auf - Verdammt! - er musste hier endlich weg.
Doch als er versuchte sich zu bewegen, konnte er seine Füsse nicht mehr vom Boden abheben, er spürte wie etwas an ihm herauf kroch und ihm seine Bewegungsfreiheit nahm. Als er seinen Blick nach unten richtete, sah er eine Art Rosenranken die ihn festhielten, und welche langsam immer weiter nach oben krochen, sie hielten ihn davon ab Mio weiter fest zu halten - Nein! - das konnte nicht sein. Aber die Rosenranken waren noch nicht alles, da krabbelten Spinnen an ihm hoch und krochen durch die Haut in ihn hinein. Die Augen weit aufgerissen und einen stummen Schrei auf den Lippen..
- schwarz -

Verfasst: Montag 2. Februar 2015, 23:49
von Gast
She said "… run run run as fast as you can
but you can't run run
from our law given hand!"


Es spielte keine Rolle, wann er angefangen hatte, die Distanz zwischen ihnen zu verringern.
Es spielte keine Rolle, dass die gefrierende Kälte wieder einmal durch Haut und Muskeln bis in die Knochen hinein drang.
Es spielte keine Rolle, dass er in jener Nacht irritierenderweise die Menschengestalt gewählt hatte und sie sein weites, wölfisches Grinsen seitlich aus den Augenwinkeln bemerkte.
Es spielte alles keine Rolle mehr – die Zeit war gekommen und die letzten Antworten wichtiger.

„Ja, die Sandkörner rieseln, Kindchen. Du kannst sie schon förmlich hören, hm? Aber nun müsstest du alles soweit verstanden haben, was dir da noch auf der...“, er gönnte sich die Kunstpause boshaft amüsiert, „... Seele brannte, oder?“
Sie schwieg und ging die Informationen durch, welche ihr die ungeliebte Nähe des schwarzen Wolfes diesmal erbracht hatte und kam zu dem Entschluss, dass sie nun wusste, wie rasch sie zu handeln hatten, wenn die Reise angetreten war und wieviel aber auch vom kommenden Tag schon abhängen würde.
„Du selbst glaubst zu wissen, dass du kein Jagdwild, sondern eine Jägerin bist, hm? Dann verhalte dich so und warte auf ihn – auflauern nennt man das. Reiß dich zusammen, wache auf und mach dich auf den Weg, denn es gilt Vorbereitungen zu treffen.“
Als sie erneut nicht rasch genug reagierte, beugte er sich nah genug heran, dass sie seine dunklen Haare an der Wange kitzelnd spürte und nach der deutlichen Grenzüberschreitung seinerseits heftig zusammenzuckte. Er setzte nicht nach, sondern lehnte sich wieder schmunzelnd und nicht ganz ohne Triumph zurück.
„Merke dir meine Worte gut, Kindchen: Ich erlaube dir nun aufzuwachen...“
Und noch bevor sie ihm an den Kopf werfen konnte, dass sie doch längst gelernt hatte, aus den Tiefen der Traumebene von selbst zu erwachen, riss sie etwas aus dem Schlaf...

Die Kälte war auch hier präsent und zitternd stellte sie fest, dass das kleine Feuerchen herabgebrannt war und der schwarze Baum selbst statt Wärme eher toten Frost spendete. Die Glieder schmerzten kurz und die Beinmuskeln stachen für einen Augenblick, als sie sich dennoch aufrappelte und durch den nebeligen Eisbruchmorgen im düsteren Zwielicht langsam wieder zur Stadt stakste. Er hatte ja schließlich die Wahrheit gesprochen – es galt wirklich eine Menge vorzubereiten...
Ihre Füße trugen sie beinahe lautlos und zielsicher voran und es lag sicherlich nicht zuletzt an den düsteren Gedanken, welche unentwegt um das eine, verabscheute Gesicht kreisten, dass sie sich wieder in der Zeit zurückversetzt fühlte und sich schaudernd daran erinnerte, wie oft die beiden Stiefgeschwister ängstlich und vorsichtig früher auf die abgelegene Hütte zugeschlichen waren. Auch damals klopfte das Herz vor Panik bis zum Halse. Nur diesmal war es ihr Haus, welches da im Morgennebel lag und sie müsste noch nichts befürchten, denn dort wartete im „schlimmsten Fall“ ein besorgter und vielleicht wütender Fames, den sie nicht vom nächtlichen Ausflug in Kenntnis gesetzt hatte. Ein erleichtertes Aufseufzen entwich der Kehle, als sie beinahe an das Türholz und den Besen daneben stieß, suchend glitt die Rechte in die Manteltasche und spürte den schweren Schlüssel, als für den Bruchteil weniger Momente ein scharfer, warmer, altbekannter Geruch ihre Nase erreichte. Die Flügel bewegten sich bebend, die Kohleaugen wurden weit und noch in dem Augenblick, in welchem alle Sinne Alarm meldeten, holte sie die Vergangenheit ein.
Schwer presste sich die Hand auf ihren Mund, drückte mit einer hässlichen Mischung aus roher Kraft und bizarrer Zärtlichkeit zu und nahm ihr den Atem. Der rechte Arm wurde brutal hinter den Rücken gerissen und schmerzlich verdreht – er berührte das Handgelenk, die Glöckchen schienen leise aufzuwimmern.

„Du selbst glaubst zu wissen, dass du kein Jagdwild, sondern eine Jägerin bist... dann verhalte dich so!“

Der Griff der Linken erreichte den Besenstiel und mit Wucht schlug sie hinter sich. Dass sie getroffen hatte, verriet sein keuchendes Ächzen, doch der Triumph währte nur kurz, denn schon drückte er die feinen Knochen am Gelenk fester zusammen und zwang sie, der Schmerzensschrei durch die Hand vor den Lippen erstickt, das rettende Fegewerkzeug fallen zu lassen. Mühelos zog er sie mit sich, zurück in den Schatten an der nächsten Hauswand und als der Boden unter den Fußspitzen vorbeigleiten zu schien, lauschte sie entsetzt einer Stimme, die sie mittlerweile sogar erfolgreich aus den Albträumen verbannt hatte. Dunkel, lallend und heiser...

"Wie deine Mutter, die war manchmal auch ein kleines Wildkätzchen. Aber nun lass den Besen fallen, mein Herzchen und sei lieb zu mir. Ich werde dich jetzt mitnehmen, an den Ort, wo du hingehörst...“

Hierher! Nicht zurück! Niemals wieder dorthin... bitte... BITTE!
Jeder Faser des kleinen Körpers spannte sich an und schrie verzweifelt nach Hilfe, als er sein Gesicht in ihrem Haar vergrub und da wurde die Haustüre polternd aufgeworfen. Die Sinne überschlugen sich, die Zeit fiel über die eigenen Füße und vollführte wirre Purzelbäume. Alles schien gleichzeitig zu geschehen. Der Druck um das Handgelenk wurde so unerträglich, dass sie glaubte der Knochen würde jeden Moment nachgeben, derweil hastete ihre ersehnte Rettung strauchelnd und hellauf alarmiert aus dem Hausinneren aber noch während der Silberhaarige sich suchend umblickte, vernahm sie das entsetzte Keuchen im Nacken. Der Griff wurde locker und mühelos konnte sie sich ihm entwinden, machte einen Satz nach hinten und fiel beinahe in die Arme des unverhofften Helden. Der Angreifer glotzte ihnen jedoch nur mit unbewegt starrem Blick voller Panik entgegen – und fiel so plötzlich um, als hätte man ihn wie einen Baum gefällt.

„Was zum...“, begann sie mit seltsam kleiner, piepsiger Stimme, doch ihrem Retter war es wohl nicht nach unsicheren Fragen und der kräftige Tritt gegen den paralysierten Körper kam aus ganzem Herzen, dann griff er grob zu und raunte eher hastig unter dem Einatmen herab.
„Zuerst ins Haus, dann mit dem Schiff nach Bajard... zur Kammer. Wenn jemand fragt, dann hat er einen über den Durst getrunken, dem Geruch nach glaubt das jeder ohne zweimal hinzusehen.“
Sie nickte und packte schweigend mit an.
Die Bewegung am Dach, als ein Schemen mit flatterndem Mantel davongehuscht war, verschwieg sie ihm jedoch. Es galt sich dem Werk zu widmen. Die Zeit war gekommen.

„Ja, die Sandkörner rieseln, Kindchen...“

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2015, 17:04
von Gast
I am flying, I am flying
Like a bird 'cross the sky


Sie hatte geträumt.
Wieder einmal so schön und erfüllend. Zauberhaft mystisch und beinahe zu real.
Mio war auf jener ewigen Ebene gewandelt, hatte Sachen gesehen, die dem Auge sonst nicht zugängig waren und zuletzt, als sie die neue, flammende Kraft in sich spürte, waren die innerlichen Dankesworte nur so hervorgesprudelt. Sie dankte ihm artig, wie ein Kind beim frommen Götterdienste oder Nachtgebet, für den frischen Aufschwung in den Reihen seiner Diener, für den krönenden Erfolg der letzten Rituale und schließlich für das eigene, verfrühte Frühlingserwachen aus einem bizarren, dunklen Winterschlaf.
Danach begann sie mit dem stillen Handel, wies behutsam darauf hin, was sie bisher alles geleistet hatte und was sie noch machen würde, ja sogar gewillt war gänzlich zu geben, so er ihr und diversen Anderen in den Reihen der dunklen Geschwistern weiterhin führend zur Seite stünde.
Da war es ihr, als würde sie ein amüsiertes Lachen vernehmen. In etwa so, als habe man voller Süffisanz das Gebettel eines Zirkusäffchens beobachtet. Noch ehe sie sich recht erklären konnte, stieg das Lachen zu einem kehligen Krächzen an und jener keckernde Rabenschrei riss sie aus der Magie des Traumes.

Blinzelnd betrachtete sie die Decke des Schlafraumes der Grabkammer. Fahles Kerzenlicht drang durch die feinen Vorhänge und beleuchtete ein sorgsam gemachtes Bett neben ihr, welches kalt und steril leer stand...
Irritiert stellte Mio bei jenem Anblick fest, dass sie die Einsamkeit, welche sie früher regelrecht gesucht hatte, nicht mehr gewohnt war. Das lag generell an all den Menschen um sie herum, deren Nähe sie meist duldete und in wenigen, besonderen Fällen schlichtweg brauchte. Einige Gesichter zeichneten sich vor ihrem inneren Auge ab und mit einem leisen Seufzen erhob sie sich, tauchte durch den Vorhang und ließ zu, dass die Füße sie die Treppe hinauf, in das eigentliche Ruinenwerk an der Oberfläche, führten. Frostige Winterkälte und kühles Mondsilber umfing sie.. Sehnsüchtig richtete sie den Blick auf das ehemalige Fenster und hing mit den Gedanken noch all diesen liebgewonnenen Menschen nach, als plötzlich ein Schatten für den Moment eines Lidschlags am Durchbruch vorbeflatterte.
Ein helles Krächzen, genau wie das Lachen in ihrem Traume, erklang und ohne recht zu merken wie ihr geschah, hatten die Beine wieder die Initiative ergriffen und waren zum Fenster gehastet. Auf der von Rauhreif geküssten Flur saß ein Rabe und badete im silbrigen Mondlicht, ehe er den Kopf keck hob, sie direkt anblickte, als könne er nicht nur ihre Gestalt im Dunkel hinter der Scheibe ausmachen, sondern klar und deutlich bis auf ihre Seele sehen, und stieß einen einzelnen Schrei aus, der - zumindest in diesem ungewöhnlichen Falle - ganz wie ihr Name klang.

"Miiiooooo!"

Sie verschwendete keinen Augenblick.
Ohne sich um Mantel oder Schuhe zu kümmern, huschte sie flink zum Eingang, stemmte sich gegen die schweren, gußeisernen Flügeltüren, schlüpfte schon durch den ersten Spalt... und doch dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie im Waldesdickicht stand und von dort aus, noch ins sichere Dunkel gehüllt, das schöne Tiere am Rand der Wiese ganz betrachten konnte. Sie spürte den halbgefrorenen Schlickboden und das klamme Moos nicht unter den nackten Füßen, denn der Rabe hatte mehr als nur ihre Aufmerksamkeit gefangen. Beinahe hypnotisierend war sein Blick nun und mit einer Art Amüsement sprang er, als sie nun wie festgefroren hinter einem Baumstamm verharrte, auf sie zu.
Wieder öffnete er den Schnabel und klapperte leise damit, da hörte sie die Stimme ein weiteres Mal.

"Miiiiooo, Mioooo... Kind, es ist Zeit. Du hast dich bewährt und nun erhebe dich - flieg Kindlein, flieg!"


Ein Kribbeln machte sich unter ihrer Haut breit und auch der Schmerz war erträglich, geradezu schwindend gering im Vergleich zu ihrem bebenden Staunen, als die spitzen Federn die Haut durchdrangen und sie alsbald in glänzendes Schwarz kleideten, während sie selber schrumpfte, Mund und Nase zu einem Schnabel verschmolzen und sich spitzen, den Füßen Krallen wuchsen und sich zuletzt selbst ihre Sicht veränderte und schärfte. Still nickte der Rabe der kleinen Krähe zu, als wäre er zufrieden mit ihrer Wandlung, dann drehte er sich ab, spreizte die Flügel und erhob sich in die Lüfte. Flatternd und noch mit viel Anlauf tat sie, ein deutlich mickrigeres Wesen, mit einigen Flaumfedern zu viel und knopfartig dunklen Kohleaugen, es ihm nach... dann flog sie und wusste beseelt, dass es diesmal kein Traum war.
Sie flog und es fühlte sich noch schöner an, als in der Ebene der schillernden Träume.
Sie flog und spürte den Wind unter den Schwingen.
Sie flog... heimwärts!

I am flying, passing high clouds
To be with you, who can say

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2015, 17:13
von Gast
Empfangen von den Flügeln der Dunkelheit

Gemartert von Schuld und Pein des Selbst

Getragen von gar nichts, gehalten vom Leid

In Ewigkeit verschlungen von den Schatten

Verfasst: Donnerstag 26. Februar 2015, 23:24
von Gast
Sweet dreams are made of this
Who am I to disagree
I travel the world and the seven seas
Everybody's looking for something


Gerüche – Düfte die plötzlich, einem zarten Windhauch gleich, die Nasenlöcher berühren, sich dann im Inneren bis zum Rachen vorarbeiten und darin hinabrutschen, bis in den Mundraum hinein, um sich auf dem Weg zur Lunge vollends zu entfachen und derweilen so manchen raschen, verändernden Wechsel durchleben...
Sie mochte Gerüche eigentlich, der würzige, ätherische Duft des moosigen Waldes, der nach verborgenem Leben und alter Urgewalt roch. Das unendlich zarte, süße Bouquet der Maiglöckchen, welche ihr Gift darin nicht zeigten, sondern stattdessen vom feinen Atem des Frühlings kündeten. Die liebliche Kombination aus Milch und Honig, welche sich besonders unter Hitze entfachte und genau wusste, wie man die Sinne köstlich umschmeichelte. Der Geruch warmer Haut... Haut... brennender Haut, glühender, versengender...
Sie würgte trocken und kurz flatternden die Lider, als sich im Halbschlaf ein ganz anderer Sinneseindruck in ihrer Erinnerung breit machte.
Brandige Glut.
Der vage Geschmack von Öl auf Metall und der auflodernder Hitze eines beständig pulsierenden Feuers. Es schwappte einer Welle gleich in die Nase hinein und gewann an Intensität. Sie spürte die Hitze schon an der Haut der nackten, linken Schulter, bevor sich das Brandeisen hineingrub, doch hier erst begann sich das Rad in wildem Irrsinn zu drehen. Jetzt schwappten die Sinne ineinander und ließen sie kurz aus der bitteren Suppe vom Rande des Wahnsinns kosten. Es roch nach verbranntem Haar, gemischt mit dem süßen Aroma schmorenden Fleisches, klang kurz zischelnd und fast knisternd in ihren Ohren nach, doch war es der segende Schmerz am Schulterblatt, der ihr den Atem nahm und dafür sorgte, dass sich die Augen weiteten und der Kreislauf mit einem hastigen Satz an den Klippenrand sprang, wo nur noch schiere Beherrschung die Balance ausglich. Das leise, gequälte Wimmern, welches die eigenen Lippen unrühmlich verließ, konnte sie jedoch nicht mehr zurückhalten.
… und vielleicht war es eine gerechte Strafe, dass ihr nun dieser Gestank des eigenen, verschmolzenen Fleisches in jener ersten Nacht nach der Weihe bis in den Traum folgte. Traum? Ein Schwellentanz vielmehr – Geist und Seele wollten oder konnten nicht tief genug in die Ebene der zweiten Heimat sinken und so wurde aus dem Traumwandel ein diffuser Eindruck von einem Gespräch, dessen Teilnehmer verschiedene Gesichter, doch zuletzt nur eine einzige, flüsternde Stimme zu haben schienen. Jene, das ahnte sie, wollte sie warnen, ermahnen, vorbereiten... doch vermochte sie in ihrem Schwebezustand und benebelten Sinnen nicht wirklich die Intertextualität heraus zu lesen und zu begreifen.

Schwäche...
Sie ist schwach und bringt keinerlei Nutzen.
Du glaubst nicht wirklich, dass du auch nur irgendeine Aussicht auf den Gewinn dieses lächerlichen Kämpfchens hast, oder? Klein, schwach, fragil. Ich kann dich wie eine Lumpenpuppe umherschleudern und zerbrechen, wenn ich möchte. Gib auf, wehr dich nicht weiter.
Niemals alleine, hörst du? Ich lass dich niemals alleine!
Es ist keine Schwäche sich seine Verbündeten auszusuchen...
Egal wo es uns einmal hinverschlägt, ich kann dir jetzt schon schwören, dass uns kein Land, kein Meer, kein Gott je wirklich trennen wird. Du bist mir so vertraut wie mein eigenes Spiegelbild.
Die Spiegelbild-Metapher...
Ich hatte gehofft, dass du sie verstehen würdest. Du bist doch sonst so ein kluges Kindchen, oder?
Ein Spiegel wirft nicht die Realität wieder zurück, das ist ein Trugschluss. Er offenbart eine verdrehte Wirklichkeit, im Grunde genau das Gleiche und doch sind die Formen in sich umgekehrt, wenn du verstehst, was ich meine?
Weiß wird zu Schwarz – doch sind sie weiterhin gleichermaßen Farben.
Feuer wird zu Eis – die zwei Elemente brennen dennoch jeweils auf eigene Art und Weise tödlich.
Liebe wird zu Hass – aber beides sind Leidenschaften, die im Inneren toben.
Was dir konträr erscheint ist im Kern exakt das, was du zu kennen glaubst.
Nur auf eigene... bizarre, grotesk-verdrehte Manier.
Pass auf!


Sie hob den Kopf kurz, spürte, wie die Hitze sie seltsam schüttelte, für eine Gänsehaut sorgte und einen Schauder nach dem Nächsten durch den Körper jagte. Schwäche, wie passend!
Schon sank das Gesicht wieder auf das Kissen herab, sie widerstand dem Impuls sich auf den Rücken zu drehen, denn hier wohnte das Inferno und schien von der linken Schulter aus, einem Lavastrom gleich, sich über das gesamte Fleisch hinweg auszubreiten. Es verzehrte und schmerzte im wahrsten Sinne des Wortes höllisch. Sie rappelte sich noch einmal auf, nahm all die Kraft des Bewusstseins zusammen, um sich näher an die Gestalt neben ihr im Bette zu schmiegen. Nur kurz drang durch die benebelten Sinne die irritierte Frage, warum das Haar dieser Person selbst im fahlen Mondlicht eher rötlich statt silberweiß wirkte und weshalb ihm der sanft-hölzerne, feminin-liebreizende Duft von Vanilleschoten anhaftete. Dann hatte sie der Strudel des Traumes ein weiteres Mal gefasst und diesmal zog er sie in seinem Sog über die Schwelle, spülte sie in eine unbekannte und befangene Dunkelheit...

Schwärze...
Sie tastete den Ort der Traumebene mit dem Geiste ab, versuchte ein Licht darin zu erkennen, sich an irgendetwas zu orientieren, rieb sich schließlich panischer über die Augen und drehte den Kopf hastig suchend. Nichts half und obwohl sie sich an das Labyrinthspiel erinnert fühlte, wusste sie doch um den bedeutenden Unterschied: damals waren ihr mehrere Geschwister unter den schwarzen Schwingen beigestanden, nun aber war sie alleine. Alleine. Alleine! Alleine?
Kälte - und mit ihr suchte sie das Zittern auch im Traum heim, stellte wieder einmal die Nackenhaare auf. Eine Präsenz, die sie lange nicht mehr gespürt, doch nicht vermisst hatte. Sie wusste, dass...

„Du wusstest, dass es irgendwann dazu kommen würde. Ja.“
Seine Stimme schien im ersten Moment von überall her zu kommen und mit ihr begannen die ersten, kalten Funken zu glimmen. Nach wenigen Lidschlägen schon illuminierten sie den alten Antagonisten, der in jener Nacht die Haut des Menschenmannes angelegt hatte. Schweigend starrten sie sich eine Weile entgegen, das Kind zweier Welten und der Alb – Mädchen im Kapuzenmantel und schwarzer Wolf. Sie fand seltsame Entgültigkeit in seinen sonst so hämischen Zügen und jene verängstigte sie nicht weniger, als das Fehlen jeglichen Sarkasmus, den seine Stimme stets zu begleiten schien. Ein Paar kohlefarbene Augen suchten das Duell mit kaltem Blaugrau– sie verlor.
„Was willst du?“
Es war die logische Konsequenz, dass sie diese Frage wählte, denn es interessierte nicht wirklich wo er so lange geblieben war, sie wusste, dass er Erkundigungen und Nachforschereien über sein Tun und Lassen in der Zeit seiner Abstinenz nicht beantworten würde, doch nachdem er keinerlei Fragen stellte, sondern stumm in ihren Gedanken las, war sie am Zug das Schweigen zu brechen. Es gelang ihr zumindest, mit diesem unangenehm nervös klingendem Satz, die Süffisanz in seinen Mundwinkeln und den eisigen Augen zu wecken. In lässiger Geste, welche seine Überlegenheit in dieser Sphäre nur noch einmal betonte, verschränkte er die Arme vor der Brust, befeuchtete die Lippen, räusperte sich und reizte jegliche Dramatik aus, um ihr dann doch nur ein einziges Wort, wie einen Sack Kartoffeln, unsanft vor die Füße zu werfen.
„Zahltag!“
Sie spürte, wie selbst hier die Wärme ihre Fingerspitzen verließ und der eigene Puls rascher rauschend im Ohr zu hören war. Irgendetwas klopfte am Hals und drückte die Kehle so fest zu, dass sie um ein kurzes Aufkeuchen nicht umhin kam, ehe sie ihm offen entsetzt wieder antworten konnte.
„Ich dachte du HAST bereits deinen Preis genommen. Schließlich hast du mich angefallen, deine Zähne in meinen Hals gegraben, mein Blut...“
„Gekostet?“, half er wieder mit unumstößlicher Gelassenheit nach und bewegte den Körper keinen Zoll, lediglich das Lächeln wurde ein wenig weiter. „Ich habe dir ein Geschenk unser beider Herr gebracht, eine Botschaft und damit eine Gabe. Als du von seinen Schwingen empfangen wurdest, hat man dich getötet, nicht wahr? Dort in dem Reich, welches die deinen Realität und wahrhaftig nennen. Diesmal musstest du hier sterben, in der Welt, welche die meinen bewohnen - und es ist in gewisser Weise schon beinahe belustigend zu sehen, wie sich auch dabei Parallelen ergeben, wenn man bedenkt wer damals den Dolch führte und wer nun zugebissen hat, oder?“
Spiegelbild!
Sie blinzelte den Gedanken daran so hastig fort und versuchte in den alten Handlungsweisen ihrer ureigenen Logik nach dem zu haschen, was sie nicht verwirrte oder verunsicherte, sondern was essentiell begriffen werden musste!
„Dann nenne deinen Preis und rechne ihn rasch ab. Ich werde irgendwann wieder erwachen und ganz gleich welche Pein oder Qual deinem kranken Geist nun vorschweben: fühle dich daran erinnert, dass wir beide dem gleichen Meister dienen und er sieht es nicht gerne, wenn seine Untergebenen sich gegenseitig Schaden zufügen.“
Die klare Drohung in ihrer Mahnung gab ihr neue Kraft und Zuversicht... für exakt drei Lidschläge, dann allerdings warf er den Kopf in den Nacken und lachte laut schallend auf. Das Echo seiner Erheiterung drang beinahe schon düster dumpf und höhnend auf sie herab.
„Welchen Schaden kann ich dir denn wirklich zufügen, wenn ich die letzten JAHRE damit verbracht habe, dich zu lehren, dass deinem Körper hier im Traume nichts passieren kann und deine Seele bereits ihm gehört? Mein einziger Spielball ist dein Geist, deine Psyche, deine Angst.“
„Aber...“, warf sie nun ihrerseits entgeistert ein, „... sobald ich aufwache wird alles nur ein böser Traum gewesen sein. Egal was geschieht, es lebt nur in meinen Erinnerungen.“
Er gönnte sich ein fast befriedigtes, aufatmendes Seufzen, als hätte sie, die kleine, tumbe Schülerin endlich eine komplexe Aufgabe ganz alleine gelöst, erläutert, verstanden.
„Richtig.“ Langsam löste er die Arme voneinander und mit der Geste gewannen die Lichtfunken an Stärke, erleuchteten die Umgebung und zogen sie so Stück für Stück schärfer, zeichneten sie mit jedem Atemzug klarer.
„'Nur' in deinen Erinnerungen... erinnerst du dich denn an den Moment, als wir uns zum ersten Mal trafen?“ Das Licht behauchte den Stein, welcher um sie herum zu wachsen schien und deutlich ein düsteres, glitschiges Gemäuer zu skizzieren begann. Jedes Blinzeln weckte einen weiteren Sinn.
Augen – endlose Gänge, kein Sonnenlicht, erdrückende Nähe, lebendig begraben?!
Ohren – das zischelnde Rauschen eines unterirdischen Flusses, jemand ertrank darin?!
Nase – Fäulnis vieler Jahrhunderte, versteckt und vergessen unter modriger Erde?!
Mund – die Mischung aus dem eigenen, süßlich- metallenen Blut und dem sauren, toten Flusswasser, bereits vergiftet?!
Haut – so... kalt... so unendlich... kalt...
DIE KATAKOMBEN!

Alles sprang zurück zu just dem einen Moment, als sie sich damals dem Verlust ihres Bruders bewusst geworden war und während sie an sich herabblickte, bemerkte sie entsetzt dass sie auch wieder die patschnassen, zerschlissenen Röcke trug und dem Hemd, das nur so von dunklem Flusswasser zu tropfen schien, fehlte ein Ärmel ganz, der andere hing in Fetzen bis zu den Fingerspitzen. Die Hand, welche ihre zuvor noch gehalten hatte, war ihr entglitten, die Tränen schmeckten noch salzig auf den Lippen – Ausweglosigkeit, Ende und sie starrte in todeskalte Augen, denen das Feuer des Lebens fehlte. Es war genau wie damals...
„Bis auf die Tatsache, dass du nun weißt, dass es ein Albtraum ist. Er starb nie in einem Fluss, sondern erlag dem Fiebertaumel, welcher in euch beiden glühte. Ich habe seine Seele herausgerissen und demjenigen gebracht, der uns beide nun lenkt. Dich hingegen habe ich verschont, aus Gründen, die du vielleicht mittlerweile begriffen hast – hoffentlich.“
Sein Blick wurde eindringlicher, die Kälte biss sich durch den nassen Stoff und unter die Haut, lähmte sie bis zur Seele hin.
„Verbindungen werden nicht nur durch Blut geschlossen, Verknüpfungen erzeugen Wechselwirkung, das habe ich dir beim letzten Treffen erklärt. Es kann nicht nur einen geben, der nimmt, während der Andere gibt. Du hast auf den Tag genau fünf Jahre lang alles bekommen, was ich dir geschenkt habe. Es ist an der Zeit, dass ich auf die Spielregeln beharre und den Spieß umdrehe. Ach und glaub nicht, dass es danach vorbei ist... fünf Jahre an Traumnächten widmete ich dir. Fünf hole ich nun mir – und ich bin mir recht sicher, dass Weitere folgen werden, nicht wahr?“
Sie blinzelte benommen, konnte das Enigma im Ganzen noch nicht entschlüssen.
„Warum jetzt?“
„Weil der Zeitpunkt gut ist und einiges erst geschehen musste.“
„Geschehen?“
„Erinnerst du dich, dass ich dir sagte, manches muss man erst in deiner Welt erleben, um es hier im Traum begreifen zu können?“
Ein fahriges Nicken und ein seltsamer Beigeschmack, der aus den Tiefen der Instinkte drang, wie ein irritierendes Jucken zwickte und schließlich die Zunge eher stockend lockerte.
„Du hast mich heute... kein... einziges Mal... Kindchen genannt.“
Ein wölfisches, lauerndes Lächeln, dem ein fast schon sanftes Raunen wispernd folgte.
„Exakt und ich werde auch keinen anderen Namen nennen... rufen.“

Da erst begriff sie.
Zu spät.


Some of them want to use you
Some of them want to get used by you
Some of them want to abuse you
Some of them want to be abused

Verfasst: Sonntag 19. April 2015, 14:41
von Gast
Mentaler Nachtrag:

Es ist spät geworden und auch wenn hier ewige Dunkelheit herrscht, die nur vom fahlen, unwirklichen Glühwürmchenglimmen des geheimen Gartens durchbrochen wird, so weiß ich wohl, dass in wenigen Stunden das Zwielicht über uns Einzug hält und alles in die grauen Schattenschemen voller fantastischer Lebendigkeit tauchen wird. Ich fürchte diese Zeit und doch ist ein Teil meines Seins damit verbunden, verknüpft durch Erinnerungen und Momente, die sich nicht mehr abwaschen lassen. Für gewöhnlich spüre ich diese Spanne der farblosen Nebelgespinste nur unterbewusst, da ich in solchen Momenten geistig und seelisch in anderen Gefilden wandle und durch die Träume wandere. Die Schritte dort sind fester geworden, selbstbewusster und manchmal wirklicher als meine Bewegungen im Diesseits. Vermutlich sollte mich das beunruhigen, doch gerade jetzt stimmt es mich lediglich nachdenklich und traurig.
Ich sollte auch nun rasch dort umherdriften und mich vor allem dem Unausweichlichen stellen, doch ich... ich kann nicht. Mehrere Gründe erden mich und lassen nicht zu, dass ich mein Bewusstsein von dieser Sphäre löse, ich sollte diesen Umständen dankbar gegenüberstehen, selbst wenn sie nicht durchweg so positiv zu vermerken sind, wie ich es mir vielleicht wünschen würde.

Wünsche und Träume...

Vermutlich habe ich mir tatsächlich irgendwann gewünscht, dass so viele mir wertvoll gewordene Menschen zu mir stehen, an meiner Seite verweilen und für mich Partei ergreifen, doch nicht einmal in meinen dunkelsten Träumen wollte ich sehen, dass Andere in meinem Namen dann gezüchtig werden. „Ich kann mich ganz gut selbst verteidigen...“ oder „Es ist eine Sache, die wir einmal untereinander ausmachen werden..." - selbst Schuld, ich hätte es dabei belassen sollen und nicht meine ganze Ruhe und Contenance verlieren, als das Wort „petzen“ ihre Lippen verließ. Sie ist jünger und unreifer als ich, mit dem Gefühlsschwallecho hätte ich rechnen können, als ich meiner zweiten Natur im eigenen, emotionalen Chaos nachgab.
Nicht nur selbst Schuld, sondern selbstverschuldet.
Waren das meine Worte oder seine?
Wenn nur das Zittern in solchen Momenten ausbleiben würde!
„So wie du hier erstarkst, erstarke ich in deiner Welt, Kindchen.“
Hätte ich nur nie...

Wünsche und Träume...

Hätte, hätte, liegt im Bette.
Wortwörtlich im Bette, denn auch wenn dieser Schlafplatz eher als ungewöhnlich zu definieren wäre, so ist jenes Gebilde aus Holz, Stoff, Blättern, Moos und Zweigen doch der Ort, an welchem ich meist meine nächtliche Ruhe finde. Meist – nicht heute, ich kann und möchte nicht einschlafen.
Die gemischten Gefühle hinsichtlich der Geschehnisse im Gemeinschaftshaus sind ein rein temporärer Anker im Diesseits, die ebenfalls stark widersprüchlichen Emotionen im Bezug auf die schlafende Gestalt in deren Armen ich liege, bilden wiederum einen recht konstant bestehenden Erdungsanker.
Im Moment sind die Züge, in welche ich blicke, entspannt und so stark vom Zauber des Traumes gezeichnet, dass ich den Knaben hinter dem Manne finden kann und spüre wie eine Woge Zärtlichkeit durch meinen Köper rauscht, mir den Atem nimmt und mich geradezu animieren möchte, die Hand zu heben und das so unschuldig wirkende Antlitz vorsichtig zu berühren. Doch jeder Zauber kann durch unüberlegtes Handeln gebrochen werden und das Letzte, was ich jetzt möchte, ist ihn wecken.
Ich beobachte im Stillen.
Die Wimpern sind aus der Nähe betrachtet so fein, der Zug um die Lippen fast kindlich, ein insgesamt reiner und unberührter Anblick. Spiegelt der Schlaf das wider, was wir einst waren? Ist das der letzte Hauch unserer Unschuld oder nur eine entfernte Erinnerung daran?
Wenn ich bedenke, welcher Blick unter den nun so sanft herabgesenkten Lidern noch vor wenigen Stunden mit einer Mischung aus dunklem Feuer und eisiger Grausamkeit glomm, welch wölfisch-lauerndes Lächeln berechnend in den Mundwinkeln lag, welche Anspannung nervenaufreibend und gefährlich knisternd den Raum durchflutete...
Das Eingeständnis ist einfach: den den ich liebe, fürchte ich zugleich.
Bestimmt kein normales Arrangement und doch das einzige, das in dieser verqueren Welt und mit meinem nicht minder verkorksten Wesen überhaupt vereinbar wäre und so immernoch funktionieren kann. Immerhin ist da eine kleine Klausel, die es mir einfach macht, ohne Angst gerade in diesen Armen zu liegen.
„Obendrein vertraue ich dir... du... du Esel.“
Das Vertrauen, dass mir seinerseits kein Schaden zugefügt wird.

Seinerseits!

Die Schonzeit, welche ich durch Lucias Tod und den Sterbetag meiner Mutter erlangte, ist vorbei – ein Wissen, welches mich erneut zittern lässt. Flüssiges Eis in meinen Adern, selbst jetzt, selbst hier.
Das Unausweichliche herauszögern, noch ein wenig verdrängen! Wäre es nur wirklich eine Mär, dann wäre der Prinz auf dem weißen Ross sicher schon nahe. So aber lasse ich das Prinzchen schlafen und verstecke mich vor dem schwarzen Drachen. Zumindest diese Nacht noch!

Wünsche und Träume...

Ich kann jetzt nicht schlafen.
Ich fürchte mich vor dem Traum, der auf mich wartet.


[img]http://www11.pic-upload.de/19.04.15/t9ekpjnd6o9d.jpg[/img]

Verfasst: Sonntag 10. Mai 2015, 19:44
von Gast
[url=http://www.myvideo.de/watch/3967122/S_O_A_D_Revenga]My sweet revenge,[/url]
will be yours for the taking...


Die Wände hochgehen=

Die Zeitspanne zwischen dem unrühmlichen Rauswurf und der noch immer ausstehenden Antwort, beziehungsweise Reaktion auf das aussagekräftigte Präsent der beiden dunklen Geschwister. Nichts, er ließ sie beide zappeln und während Pademian scheinbar nur ruhiger und distanzierter im Bezug auf die hässliche Angelegenheit wurde, war es ihr, als würden tausende, vielbeinige Insekten unter der obersten Hautschicht emsig krabbelnd umherwuseln. Sie zwang sich still zu sitzen und nicht alle halbe Stunde in den verwitterten Kasten vor dem Haus zu starren, in der Hoffnung, dass die Rückmeldung endlich erfolgt wäre.

Als die Insektenfühlerchen anfingen an den Sehnen und Nerven zu knabbern, hielt sie es nicht mehr aus und begann mit den bizarren Wanderschaftsanfällen. Einer der ersten führte sie gleich direkt nach Nilzadan – Wahnsinn, Mio, Wahnsinn! - und vermutlich war es weit mehr als nur ein Quäntchen Glück, dass sie die Hochburg der Kaluren nicht nur wohlbehalten, sondern auch noch mit reicher Ausbeute und einem grotesk-freundlichen Bekanntschaftseindruck wieder verließ. Tamar aus der stolzen Sippe Goldbart hatte ihr Stiefel verkauft, die regelrecht dazu einluden das Herumstreunern noch etwas weiter auszudehnen. Wer den Wald liebt, der muss nun wahrlich nicht Zuhause nächtigen, insbesondere dann nicht, wenn dort nichts und niemand wartete.

Sie trotzte dem Schlaf, bot dem Albtraum zum ersten Mal mit heimlichem Widerstand die Stirn und reizte alle nur erdenklichen gegenständlichen und sinnbildlichen Grenzen aus.
ABLENKUNG!

Der Plan ging soweit auf, belebte sie ein wenig, trieb die Gedanken fort von der aufkeimenden Verzweiflung im Bezug auf den garstigen Zustand und scheuchte die Füße irgendwann bis nach Bajard.
Ja, der Plan ging auf – bis ihr Marinnia diesen Brief in die Hand drückte.

Die Fassung verlieren=

Der Moment, in welchem die Buchstaben vor der eigenen Nase nicht nur endlich Sinn ergeben, sondern die damit einhergehende Erkenntnis über den Geist schwappt. Es war zu verführerisch da wieder in alte Muster zu verfallen und eine Selbstanalyse durchzuführen, um doch erneut das versteckte Monstrum „Logik“ zu suchen.
Erschreckend, wenn sie dann wieder einmal nicht greift!
Hastig wurde nach passenden Worten gespürt, um zu beschreiben, was die paar handvoll Buchstaben vermittelten. Dreistigkeit! Nun, nein, nicht wirklich... nur Direktheit. Seit wann hast du damit Probleme? Kryptik darf es eh nur bei Ratespielchen sein, ansonsten ist der Holzhammer besser als herangeschlichene Andeutungen, oder? Oder?!
Ihr entglitt die Steinmimikmaske als sie begriff, dass sie diese wenigen Worte nicht so kalt ließen, wie sie es gerne gehabt hätte. Was nur war mit der emotionslosen Statue geschehen? Wo war sie hinverschwunden und an welchen Orten hielt sie sich nun versteckt, wo man sie dringend brauchte? Unauffindbar, stattdessen sah sie sich im Körper einer ewig Heranwachsenden gefangen. Ein Mädchen, durch und durch. Und was noch viel schlimmer war: Ein Mädchen mit Herzklopfen!
Nervosität? - Mit Sicherheit!
Angst? - Vielleicht...
… und über alles Weitere spricht man nicht, man DENKT nicht einmal daran!

Sie spürte die Blicke und das Schmunzeln der Dame hinter den Banktresen und verachtete jene für diesen mild-mütterlichen Ausdruck in den freundlichen Zügen. Als wäre sie, Mio, tatsächlich ein kleines, dummes Gänschen, welches den allerersten Liebesbrief in den Händen hielt.
Rasch war die alte Maske wieder über das eigene Antlitz gezogen und mit ungelenker Marionettengeste knüllte sie das Pergament langsam zusammen, genoß innerlich die plötzliche Enttäuschung auf Marinnias Zügen, wandte sich dann ab und... schaffte es nicht den Brief weg zu werfen.
Irgendwie wanderte dieser in eine der Taschen am Gürtel und allein dieser Umstand veranlasste sie dazu die Bank übereilt zu verlassen und sich wieder auf den Weg nach Rahal zu machen.
Es war Zeit Nachhause zu gehen!
Doch wo war in solchen Momenten, wo kein Land und kein Sinn in Sicht zu sein schien, das „Zuhause“?
Im Kreise solcher, die ihr eine Familie waren, die sie mit offenen Armen empfingen und dafür sorgten, dass sie sich wohl fühlte.
Idylle innerhalb der Prätorianer!

Rot sehen=

Das plötzliche Aufprallen der herbeiplätschernden Sätze:

„Keylla... Keylla ist tot, um die Bestattung kümmert sich Ronja. Sie hat sich bereits an den Tempel gewandt damit.“

Gleißender Stich quer durch die Brust. Hitze, die den Körper binnen eines einzigen Lidschlags zu verbrennen scheint, doch glimmt diese so hastig ab und überzieht alles mit einer Art Eis, dass das fiebrige Beben und zittrige Hoffen kurz beginnt. Verhört, du musst dich verhört haben! Ein Blick durch die Runde mit all den betretenen, trüben und verzweifelt-zornigen Gesichtern züchtet wieder einmal Wahrheit. Sie kannte diesen Augenblick und sah von schmerzhafter Verleumdung a la „Es ist nur ein Traum!“ ab, das war nur eine höchst perfide Art der Selbstqual! Stattdessen loderte neben der frostigen Leere nur noch eine stechende Flamme mit fragender Natur: WIE?!

„Keylon Salberg hat sie umgebracht.“

Der Vulkan im Inneren brach aus, tauchte alles in verwüstendes Feuer, ließ tödliche Asche regnen und strömte Lavaflüße durch den Geist. ROT! SO ROT! ROT WIE BLUT!
Er sollte bluten, er würde schreien, winseln, um das Ende flehen aber diesmal würde sie es halten wie der schwarze Wolf, dieser verdammte Alb hatte ihr doch zumindest eines deutlich gemacht:
„Weitaus schlimmer als ein Ende mit Schrecken ist der Schrecken ohne Ende!“
Und während die Marionette plötzlich wieder aus ihrem Versteck gekrochen kam und in kunstvoller Vollendung den Körper zu übernehmen schien, die Züge leerer wurden, der Blick stumpfer und die Haltung starrer, tobte das rote Inferno in der Seele weiter und schrie nach Vergeltung!

„Was ich aber nicht will: Ungeplanten Einzelaktionismus“
Als hätte er ihre Gedanken hinter der blanken Miene lesen können!
„Ist das mit dem Einzelaktionismus bei jedem angekommen?“
Der Blick traf sie und auch Mairi recht direkt.
„Verstanden?“
„Ich habe Euch verstanden...“ Zumindest rein akustisch. Nein, eigentlich auch die Intention dahinter, doch das heißt nicht, dass ich mich dem beuge. Doch, du hast es geschworen, du bist es ihm schuldig.
Schuldig... schuldig... und was schuldet Salberg Keylla? Ein Leben, verdammt, ein Leben!

HASSEN=

Die eigenen Grenzen überschreiten, den letzten Widerstand aufgeben und die kalte Hand der „Anderen“ ergreifen, in ihrem eisigen Lächeln versinken, in der brüllenden Wut derweilen verglühen und die bittersüßen, gehauchten Worte aufsaugen, darin ertrinken, – in dieser ersehnten, gierig verlangten Verheißung von Satisfaktion:

„Ganz ruhig, du darfst dich nicht um ihn kümmern. ICH schon!“


… it's in the making, baby!

Verfasst: Dienstag 19. Mai 2015, 01:17
von Gast
Holy water cannot help you now
See I've come to burn your kingdom down
And no rivers and no lakes can put the fire out
I'm gonna raise the stakes, I'm gonna smoke you out


Er, den die Sterblichen schlichtweg „Küstenwind“ nannten, fegte mit dem Mantelärmel vom Himmel herab und beobachte zufrieden, wie der unsichtbare, schwere Stoff die Meeresmasse in Bewegung brachte, Wellenborten bildete, jene mit wolkengleichen Gischtspitzenkronen zierte, nur um sie dann doch an den Klippen im Crescendo-Tusch zerschellen zu lassen. Weißliche Schaumsalzwassertropfen spritzten über das schwarze, steinerne Bollwerk und bedeckten den sandigen Untergrund. Ein wenig versetzt hinter dem Strandband begann ein ganz eigener, kleiner grüner Ozean aus Binsen, Schilfrohr und Riedgras. Als würde es sich dabei um das Haar einer Geliebten handeln, ließ der Küstenwind merklich zärtlicher die Fingerspitzen durch den smaragdfarbenen Halmwall gleiten, blies frischen Atem in das Land hinein, behauchte Fels, Erde, den Apfelbaum, die winzigen, weißen Blümlein darunter und ebenso die kleine Menschengestalt, welche bereits seit Stunden reglos am Stamm gelehnt kauerte, die Lider fest geschlossen hatte und dem rauen Küstenwindkuss zum Trotze zu schlafen schien.
Beinahe behutsam berührte die kühle Brise die blasse Haut an den Wangen, wischte tätschelnd darüber, zeichnete den Kranz der dunklen Wimpern nach und begann dann neckend am rabenschwarzen, langen Haar und der etwas lädierten Kleidung - der Stoff voller getrockneter Matsch- sowie Grasflecken, der Rocksaum vor Rissen und Löchern strotzend - zu zupfen.
Doch das Menschlein blieb starr, steif und hätte als bizarre, sitzende Vogelscheuche durchgehen können, wäre da nicht das regelmäßige Heben und Senken des Brustkorbs gewesen, welches auf eine intakte und friedlich-entspannte Atmung hinwies.
Milde irritiert setzte der Küstenwind zwar sein Berührungsspiel fort, doch richtete er die Aufmerksamkeit lieber weiter auf den ihm bekannten und begreifbaren Klippenverlauf. Menschen waren seltsam: nicht annähernd so komplex, spektakulär und einzigartig, wie sie es gerne wären und doch launisch und närrisch genug, um auf Unverständnis seitens der Urgewalt zu stoßen.
Die Bö gab sich wieder ganz dem Tanz hin, ließ das Menschenmädchen eben Mensch sein und ihren Schlaf... traumreich.

Fern hinter der dunklen Schwelle, die das zeitverschlingende Nichts von den schillernden Farben und fantastischen Geweben der Träume trennte, zeichnete sich ein verwunschenes Spiegelbild der seltsamen Küstenszene ab. Zwar stimmten die Komponenten, Requisiten und Akteure mit dem Wachzustand überein, doch fielen die Unterschiede recht rasch ins Auge. Statt den kleinen, wachsenden Apfelfrüchten, leuchteten die schneeweißen Frühlingsblumen zwischen dem jungen Grün des Baumes; irgendjemand hatte die Spitzen der Binsen- und Schilfhalme in pappiges, dunkelrotes Blut getaucht, welches halb geronnen nur noch mäßig glitzerte; das Meer rauschte nicht, sondern gluckerte blubbernd vor sich her und glich eher einem endlosen, pechfarbenen Sumpf, dessen trübe Oberfläche selbst das Mondlicht zu schlucken schien. Auch im Bezug auf die die sitzende Gestalt am Baumstamm waren zwei gravierende Veränderungen zu vermerken:
Zum einen fiel, statt der ramponierten Magdgewandung, ein milchfarbenes, ärmelloses Kleid den Körper bedeckend bis weit über die Knöchel herab und dann waren da noch die Augen... weit geöffnet und ein grünliches Feuer in der ansonsten kohlefarbener Iris spiegelte die Umrisse des Gesprächspartners wider – eine riesenhafte, todesschwarze Wolfsgestalt, deren eisig blaugrauer Blick die Albtraummär vervollständigte.

„Darf ich dein Lieblingswort verwenden?“,raunte die dunkle Stimme dem Mädchen lauernd zu.
„Tu dir keinen Zwang an...“, die ruhige und distanziert-nüchterne Antwort.
„Faszinierend!“ Die Lefzen des Wolfsmauls wurden gehoben, entblößten knochenbleiche, fingerlange Reißzähne, als das Mädchen die Brauen fragend hob. „Dass du MICH bewusst aufsuchst, um zu reden und Fragen zu stellen.“
Eine Weile fixierten sie einander noch, Albtraumwolf und Traumweberin, doch senkte sie den Blick schließlich und gestand nach einem kleinen, resignierenden Seufzlaut:
„Es ist ungleich einfacher, nachdem ich in deinem Fall keinerlei Fragen verbalisieren, sondern lediglich diverse Erinnerungen offen in meinem Geiste darlegen muss. Du kannst sie lesen... und meine damit verbundenen Emotionen ebenso.“
Als sie das Augenmerk wieder auf die eisfarbenen Spiegel richtete, glomm darin so etwas wie Erstaunen, diebische Freude und schwache Begeisterung auf. Selbst seine Stimme konnte nicht verbergen wie geschmeichelt er sich fühlte.
„Du erbittest also tatsächlich meinen Rat?“
Sie nickte nur ein einziges Mal.
„Gut...“, begann er und das Grinsen schien noch zahniger zu werden, “...dann fang an, mein Kindchen.“
Sie beschloss, sowohl das verhasste Personalpronomen, als auch den nicht minder verabscheuten Kosenamen zu ignorieren und ließ zu, dass er die erste Szenenabfolge, die vor dem inneren Auge abspielte, interessiert betrachtete.


Szene 1:
Drei junge Menschen in einem alten Haus.
Die stille Beobachterin, der (ver-)lockende Redner, die Gestalt aus Licht und Schatten.
Ein vereinter Kampf gegen die Schwärze – die Schlacht gewonnen, für den Krieg jedoch brach damit lediglich eine neue, hässlichere Ära an.

„Und dazu willst du eine Meinung?“, begann er nun eher etwas enttäuscht und bohrte den frostigen Blick in die kleine Gestalt.
„Ja, mit wem oder was haben wir es zu tun? Was will er... sie... es? Wie halten wir das Ganze auf und wie...“
„Selbst wenn ich es wüsste, würde ich dir noch lange nicht alles so vorsetzen, Kindchen.“, unterbrach er ihren Fragenschwall nonchalant und ungerührt, „Es gibt massenweise solche, die, wie ich von euren Ängsten zehren, doch nicht alle müssen ihre Heimat im Traum finden und nicht jeder nennt sich Alb. Du solltest doch gelernt haben, dass der Fantasie keinerlei Grenzen gesetzt sind, wenn es sich um diejenigen handelt, welche in den Schatten lauern.“ Er spürte, dass sie geneigt war, das Gespräch bereits jetzt zu beenden, doch hatte das monströse Ungeheuer gerade erst die Freude am neuen Spielchen entdeckt und so ließ er sich dazu herab, ihr zumindest einen Brocken tröstliche Information hinzuwerfen, um sie noch ein wenig anzufüttern. „Doch euer Vorgehen war wohl zumindest nicht grundlegend falsch. Es gibt immer mehrere Wege und dieser braucht eben mehr Forschung und weitaus mehr Erfahrung, meine naive, kleine Freundin.“
Bevor sie nun das Wort „Freund“ vor ihm zu debattieren begann, stöberte sie ein weiteres Mal in der eigenen Erinnerung, versuchte das zweite Bild klar zu malen, selbst wenn sie sogar im Traum spürte, wie sie zu erröten begann.


Szene 2:
Samthandschuhfinger, feminin und schlank.
Wärme, trotz dem Stoff – oder gerade wegen diesem? - spürbar auf der kühlen Wange.
Eine kurze, sinnliche Explosion, als ein Daumen über die fühlenden Lippen streicht.
Seliges Ertrinken in den dunklen Fluten opalgrüner Augen, die bis in die Seele zu blicken scheinen...

Das Bild zerbrach jäh, als er nun heiter zu lachen begann. So unbekümmert und hörbar amüsiert, als wäre sie ein Kleinkind, welches versucht hatte, am Gespräch der Erwachsenen teilzunehmen, ohne auch nur annähernd materienfest zu sein. Er sollte den Eindruck bald bestätigen.
„Schwärmerei ist schon etwas herrlich Unschuldiges, nicht? So schmachtig, grell und ekelhaft süß, dass mir die Zähne ausfaulen müssten, wenn ich dein Gehimmel auch nur im Ansatz betrachte.“
Langsam sanken ihre Brauen herab, Erwartung und Hoffnung schwanden auf den blassen Zügen, ließen die marmorhafte Steinmimik zurück. Doch auch dies schien seiner Süffisanz keinen Abbruch zu tun.
„Was willst du denn von mir hören? Was es bedeuten soll? Welcher nun dein Schachzug sein müsste?“ Er blinzelte zwinkernd und erklärte gespielt sanft:
„Nun, du wirst wohl in diesem Fall einfach weiter schwärmen, egal was ich sage oder sonstwer – wobei es mich interessieren würde, ob sonstwer überhaupt davon weiß, hm?“
Diesmal konnte sie das Blickduell nicht einmal einen Lidschlag lang ausfechten und erntete ein wissendes Nicken.
„Dacht' ich's mir.“ Eine Kunstpause, vielleicht aus Gnade oder aber, um den kleinen Triumph auszukosten. „Wie gesagt, du wirst weiter schwärmen. Das hast du seit dem ersten Moment getan, kein Grund sich zu sorgen, es ändert sich dadurch nichts. Rat erteilt... weiter.“
„Ich... bin bereits fertig. Danke.“, murmelte sie verdattert und wagte nun doch wieder aufzusehen. Da verschlang sie das kalte Feuer des Anderen.
„Nein, das bist du NICHT!“
Die letzten Bilder riss er gewaltvoll aus ihr heraus und schonungslos an sich.


Szene 3:
Schwarzer Sumpf, schwarzes Haar, schwarzer Pelz. WOLF!
Schillernde Blüte, die Nacht durchbrechend, tief im Kornblumenblau... irgendwo... Synthese?
Großes Mädchen, großer Junge – Märchengestalten, das Rad der Rollen drehte sich noch immer.
Grenzsprünge: nagendes Gewissen und neugieriges Wünschen; vage Hoffnung und misstrauische Vorsicht; erstaunlich echtes Wohlbefinden und plötzlich jähe Unsicherheit.
Nicht erkennen oder nicht erkennen wollen?!
Und das Rad drehte sich weiter.
Spiel! Spiel. Spiel?
Lauf – Wer läuft verliert.
Und das Rad drehte sich weiter, schneller.
Pirsch, pirsch, pirsch, im Kreis herum.
Doch wer ist wer?
Und das Rad wollte nicht stillstehen!
Warum? Was willst du?!
Was willst DU?

Doch dann stand zumindest die Welt plötzlich still.
Und drohte danach aus den Fugen zu geraten.
So viel Bedeutung.
Eine Erkenntnis... zumindest.
Das Rad flirrte, ließ die Rollen verschwimmend ineinander wabern, sorgte für schwindeligen Taumel.
Tanztaumel!

Sie hörte sich keuchen, musste den Kopf mit einer Hand stützend halten und mit der Anderen den Kontakt zum Boden suchen, um nicht im Sitzen umzufallen. Ungünstig allerdings, allzu lange Schwäche neben einem Wolf zu zeigen.
„Erfasst. Leider nur: Zu spät.“ Die Stimme neben dem Ohr, der Pelz kitzelte an der Wange, die Eiseskälte bohrte sich durch die Hautschichten, in die Adern hinein. Da beschloss sie die Augen vorerst nicht zu öffnen.
„Vielleicht besser so.“ Die Stille erschien ihr gespenstisch, diesmal vernahm sie keine Atmung, kein Wittern neben dem Ohr.
„Diesmal... oh Kindchen, so unerfahren, so simpel und wirr zugleich. Ich werde nicht einmal dir zuliebe wiederholen, was ich bereits mehrfach über Wölfe herabgebetet habe. Über Wöfe und dich!“ Eine Bewegung, welche das Haar striff, sie schauderte.
„Ganz abgesehen davon, bleibt es spannend, wie sich nun welche... und wessen Blätter wenden. Kartenmetapher, vielleicht verstehst du jene ausnahmsweise sofort und wir haben nicht diese böse Überraschung wie damals, als ich dir erst zeigen musste, was das Spiegelbild zu bedeuten hatte.“ Das Schaudern wandelte sich zum unkontrollierten Zittern.
„Ich nutze dein Wort nochmals: Faszinierend, dass es der Wolf ist, der ihr in all den Geschichten in gewisser Weise erst den Weg zeigen muss. Die Frage bleibt, wohin sie der Weg dann führen wird und was du willst, Kindchen.“ Sie schwieg, fand die Antwort nicht. Oder?
„Ist es wirklich sinnvoll ein Spiel zu spielen, wenn einer der beiden Kontrahenten darin weitaus geübter ist?“
„Ist es das denn? Ein Spiel?“
„Das ist es immer, Kindchen, immer.“
„Dann hast du damit deine Antwort.“
„Du wirst verlieren.“
„Wir werden sehen.“
„Ja.“



Seven devils all around you
Seven devils in your house
See I was dead when I woke up this morning
I'll be dead before the day is done
Before the day is done

Verfasst: Mittwoch 20. Mai 2015, 16:42
von Gast
Die Feder stand still für den Moment. Kein Schaben und kein Kratzen auf dem Pergament. Der begonnene Briefkopf verwaist. Der Schreiber mit der Feder in der einen, dem Kinn in der anderen Hand. Der Blick zum Fenster hinaus, in das frisch erwachte Grün des nahen Waldes. Die Gedanken anderswo, ungezielt, im Wirrwarr der letzten Tage versunken, auf der Suche nach dem Sinn, dem Ziel, dem roten Faden.

Rotes Käppchen.

Der Anfang war im Grunde ein Spiel gewesen. Ein Hauch Faszination, gepaart mit einem Quentchen Interesse. Und sicherlich auch dem feinen Hintergedanken, einer dritten Partein eins auszuwischen. Einfach nur …. zum Spaß.
Die Erkenntnis saß tiefer, dass dahinter nicht nur Zeitvertreib zu finden war, sondern auch ein gemeinsames Anliegen. Ein geteiltes Leid, gemeinsame Freude, Erinnerung und Notwendigkeit, sich auszutauschen. Schleichend, aber wahr. Ein Grund, ein Motiv sozusagen, das über das schlechte Gewissen hinweg zu täuschen vermochte, dass da doch mehr war, als die Form es zunächst gebot.

Einen Abend später war gewiss, dass es keinen Grund, keine Rechtfertigung mehr brauchte. Notwendigkeit war Selbstzweck geworden.
Neugierde Inteteresse. Und das Verlangen, etwas auszuwischen, zu dem Wunsch, tiefer zu graben und mehr zu sehen.

Im Grunde geziemte sich das alles nicht. Die nagende Stimme blieb, dass es sich nicht gehörte. Dass es eine verdammt dumme Idee war, der Frage weiter nachzugehen. Oder zunächst überhaupt einmal zu erforschen, welche Frage sich da überhaupt gestellt hatte.
Es gab keinen Sinn, keinen Sinn, keinen
roten Faden.

Rote Käppchen.

Und das schien nicht davon ablassen zu wollen, ihm auch noch ungefragt über den Weg zu laufen.
Signalfarbe für den Wolf. Den musste es wohl immer geben. Nicht nur im tiefen Wald. Auch im trauten Heim. Aber im Wald fühlte er sich wohler. Ungezwungen auf der Pirsch, abseits der ungebetenen Augen. Fast. Aber im Leben war eben nichts perfekt. Auch nicht im Märchen.
Immerhin kam der Jäger ohne Bogen aus und der Wolf mit lediglich einigen Bissmalen davon.
Und der bohrenden Stimme im Nacken, was genau er da eigentlich vor hatte.


Kirschen.

Rot schien die Farbe der Wahl. An Rot ging nichts vorbei. Vermutlich war sein Rock darum von eben solcher Farbe. Passend. Kirschen in der Stadt. Lausbubenstreich. Stille Belustigung für den Wolf, dezente Irritation für den Mann dahinter. Das Schicksal hatte Humor, soviel war gewiss.
Und wenn schon nicht die Antwort, die alles zum Guten wandte, das Gewissen beruhigte und der Sache Sinn vermachte, so hatte es zumindest anderes.

Ein Waidenkörbchen, verloren im Wald, und damit Grund genug, die Feder wieder aufzunehmen und sie weiter über das Pergament zu führen.
Kratzend, schabend, in sauberen Linien, schlicht. So schlicht wie die Worte, die auf dem Pergament zur letzten Ruhe fanden. Das Siegel wächsern,
rot. Schon wieder.

Verfasst: Samstag 30. Mai 2015, 01:21
von Christo
Seid wann stand wohl dieser Wein in der Grabkammer ?

Ein paar Wochen weil ihn ein Bruder hier beim lesen trinken wollte ?
Ein paar Monate weil er hier vergessen wurde nach einem Ritual ?
Ein paar Jahre weil er hier für Jemanden unter ihnen reifen sollte ?


Nun war es egal.

Fames war nie jemand gewesen der dem Alkohol sonderlich zugeneigt gewesen war, da er stehts fand das er zu sehr am Verstand nagte und die Schicht zwischen Verstand, Herz und Erinnerungen zusehr aufweichte. Leider hatte er diesesmal wieder recht behalten und der Wein, so gut er geschmeckt hatte, griff dieser nun in ihm um sich wie es zuvor nur die Worte in seinem Geist getan hatten.

War es falsch gewesen Mio zu sagen was er von ihrem Verhalten hielt ?
War es richtig gewesen so deutlich Mio zu sagen wie er sich fühlte ?
War es falsch sich jetzt noch verllassener von Ihr zu fühlen wie zuvor ?
War es richtig das er sie nicht als seine Verlobte verlieren wollte ?


Nun war es egal

Er hatte sie als Schülerin nun aufgeben und das auch aus der Überzeugung herraus das seine Worte wahr gewesen waren. Sie WAR ungehorsam zu ihm als Lehrer. Sie WAR unaufmerksam zu ihm als Älteren. Sie WAR zu starrsinig gegenüber ihm als Verlobten.
Er aber...er war hart zu ihr als Mentor, weil er nicht wollte das sie sich übernahm oder auf falsche Dinge konzentrierte. Er war als Älterer mehr als geduldig mit ihr und vielleicht wegen der Versprechen ihr gegnnüber zu nachsichtig, niemand der anderen Älteren hätte sich so von ihr behandeln lassen und seine Worte so abwiegen lassen. Er war als Verlobter vielleicht nicht genug in ihrem Leben zu sehen, vielleicht beschenkte er sie nicht genug, aber das war gelogen, das war es nicht was Mio gewollt hatte.


Was sollte er nun mit sich anfangen ?
Was sollte er nun mit seinem anderen Schüler anfangen ?
Was sollte er nun mit seinem blutig schmerzenden Herz anfangen ?
Was sollte er nun mit seiner Verlobung mit Mio Anfangen, die er anders als die Mentorenschaft noch immer fest umklammerte ?


Das war NICHT egal.


Den Wunsch in sich spührend ins Bett zu gehen, überlegte er nichteinmal nach Rahal zurück zu kehren... er ging an den Kerzen vorbei und... sammelte den Schlüssel auf... Auf dem Bett sitzend.... die Kordel vom Hals nehmend... den Schlüssel wieder anbindend.. das er wieder an seinem Herzen lag... in den schlaf fallend... mit Tränen in den Augen aufwachend... mit weißen Strähnen im Haar... und einem leidenden Blick.

[img]http://farm4.staticflickr.com/3226/5812490639_aa32a6733f_z.jpg[/img]

Verfasst: Donnerstag 4. Juni 2015, 17:42
von Gast
Mentaler Nachtrag:

Wie sehr verabscheut man sich für etwaige Melodramatik? Irgendwo webt man sich die Schlinge dann doch mit den eigenen Händen und zieht sie selbst enger. Im Grunde sind da noch eine ganze Weile mannigfaltig Auswegmöglichkeiten vorhanden, doch an wie vielen muss man vorbeigehen, bis man anfängt sich zu würgen? Wann wählt man und wo flieht man doch wieder nur vor der Entscheidung? Es ist leicht sich permanent persönliche Überforderung zu attestieren, zu einfach. Ich tanze fahrlässig auf hauchdünnem Eis, mache keinen Schritt nach vorne, keinen zurück, sondern habe angefangen mich zu drehen – beobachte lediglich den Rock, der um mich herum rauscht und von einer Freude kündet, an die ich mich klammere. Es ist der Moment, sage ich und lüge mir selbst gewaltig in die Tasche, indem ich behaupte, ich würde nicht über den nahenden Morgen nachdenken.

„Geh, koste es aus, sauge die Momente in dich auf und nutze die Zeit, es wird nicht lange anhalten.“

Ja, es ist der Moment, nicht das, was kommt oder was war.
Die kleine Stimme beiseite schieben, die von Konsequenzen spricht, die mir bescheinigt, was ich doch schon weiß. 'Großes Mädchen', ja – ganz richtig und große Mädchen definieren sich nicht nur über die erlebten Jahre oder die mehr/minder hochgewachsene Statur, sondern vor allem über eine gewisse Erfahrungslage und die Fähigkeit zu reflektieren, Situationen einzuschätzen. Die Stimme flüstert mahnend und ernüchternd, zeigt in einer ellenlange Liste auf, was ich gerade alles verbocke und fordert unnachgiebig Aktionen, Reaktionen, Resultate. Es hilft nichts, wenn ich die Ohren zuhalte. Sie wird nicht wirklich lauter, doch bleibt sie eine Konstante, die alleine durch ihre Beharrlichkeit schmerzt. Dennoch spüre ich meine eigene Unfähigkeit, weiß wie ich im Augenblick nicht in der Lage bin, mich mit Diskussionen und Fragen zu befassen, weil sie mich jetzt gerade einfach nur zerbrechen würden – keine Melodramatik, wohl aber eine durchaus realistische Betrachtungsweise.

Verrennen?
Ich renne doch gar nicht, drehe mich aber schneller weiter im Kreis, koste die wenigen Atemzüge Freiheit im Wind aus, lache, weil ich schlichtweg nicht weinen möchte. Sollte das Eis knacken, so überhöre ich auch diese Warnung.
Wegfliegen?
Ist es nicht ein klein wenig ironisch zu bemerken, dass mich die Dohlenflügel quer durch die Lande und vielleicht sogar bis über's Meer tragen könnten, aber nirgendwohin, wo mich nicht doch alles irgendwann wieder einholen würde? Stattdessen würge ich mich selbst mit der sauber geknüpften Schlinge und lasse mich erdrücken.

„Mio, keine Sorge, ich kann auf mich aufpassen und auf dich, Nichte!“

Nein, das kann niemand. Im Moment noch nicht einmal ich selbst.
Der Moment.
Da ist er wieder.

„Und du glaubst, dass es etwas bringt auf der Stelle zu treten und zu tanzen, Kindchen? Du wirst einbrechen, nur eine Frage der Zeit. Dann verschlingen dich die Eisfluten – um das zu sehen, muss man kein Prophet sein, nicht einmal ein Alb. Doch weißt du, was das wiederum bedeutet? Dann könnte alles vorbei sein, Mio, alles!“

Das Lachen ist verstummt, doch ein Lächeln ist geblieben, während ich die Arme ausbreite und jeglicher Verzweiflung vorerst entweiche, sie dadurch ersetze, dass meine Welt nicht still steht, sondern sich dreht... und taumelt... tanzt.
Irgendwo nur der klammheimliche Gedanke, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn das Eis brechen würde. Vorbei, alles? Ende mit Schrecken, wo du mir doch den endlosen Schrecken prophezeit hast, hm?

„Zu spät...“
„Ja, viel zu spät...“

Na dann...

Verfasst: Donnerstag 18. Juni 2015, 18:51
von Gast
I'm standing on the stage
Of fear and self-doubt
It's a hollow play
But they'll clap anyway


„Magst du mir sagen, weshalb du genau diesen Traum besuchst?“
Die Stimme erklang direkt neben ihrem Ohr, doch blieben diesmal die Fluchtimpulse aus und nur ein kurzes Blinzeln kündete davon, dass sie die Worte überhaupt vernommen hatte. Sie blieb an den Baum gelehnt, rührte sich nicht und konnte den Blick sowieso kaum von der idyllischen Szene auf der Lichtung lösen. Das Augenmerk haftete an den dort spielenden Kindern, welche sich unbeobachtet fühlten und lachend um einen vereinzelten Hollerbusch tollten.
Für wenige Lidschläge blieb sie ihm eine Antwort schuldig, doch als sich die Stimme ihrerseits meldete, klang sie so fern, leise und wehmütig.
„Weil ich mich erinnere, wie unbeschwert diese Zeit gewesen ist, in welcher man einfach nur Kind sein konnte...“
Schweigen.
Dann folgte ein grüblerisch-gedehnter Brummlaut und die Kälte, welche ihn stets umgab, schien nachzulassen. Ein Indiz dafür, dass er sich zurückzog und von ihr wich. Umso unerwartet frostig traf sie aber die Berührung, als durchaus menschlich-wirkendende, makellose Arme sie plötzlich einschlossen...

I'm living in an age
That calls darkness light
Though my language is dead
Still the shapes fill my head


… nur den Funken Widerstand, der sie sonst stets dazu veranlasste ihm zu entweichen oder zumindest zu versuchen, war nirgends zu finden. Stattdessen entdeckte sie müde Resignation und triste, graue Leere. Sie entschied sich, die eisige Nähe zu erdulden, als wäre nichts geschehen. Einfach ignorieren, verdrängen, sich ergeben und weiterhin den wunderschönen, freien Traum des unbekannten Kindes verfolgen... einige Momente Glücklichkeit als Zaungast kosten.

„Seltsam...“, behann er da wieder und schien ihr nicht einmal diese wenigen Augenblicke zu gönnen, „... da versuchst du seit einer kleinen Ewigkeit all deine verlorenen Jahre irgendwie zurück zu bekommen, wünscht dir sehnsüchtig wieder zu altern und hängst nun geistig vollkommen an der vergangenen Kinderzeit.“
Es war ihr, als würde eine Frage darin mitschwingen und sie sah keinen Grund seine Annahme zu verneinen.
„Ja.“
Die Belohnung für die schlichte Ehrlichkeit erschien ihr allerdings mehr als nur fragwürdig. Sie versteifte sich nun doch und hielt den Atem alarmiert an, als sein dunkles Haar ihre Wangen kitzelte und kurz danach das Eis seiner unwirklichen Haut die eigene am Halse striff.
„Sorglos, hm? Träumerin...“
Lob?
Spott?
Feststellung?

I'm living in an age
Whose name I don't know
Though the fear keeps me moving
Still my heart beats so slow


„... also ein weiterer Grund, warum du ihn noch nie in seinen Träumen aufgesucht hast.“
Definitiv eine Feststellung!
„Schade, ich würde ihn nur allzu gerne irgendwann kennenlernen.“
Ag und da war der höhnende, siegessichere Spott. Manche Dinge änderten sich scheinbar wirklich nie. Langsam sanken die Arme heran und haben sie endlich wieder frei. Als die Wärme wieder in die Gliedmaßen drang, schauderte sie fröstelnd.
„Ich habe einen guten Rat für dich, mein Kindchen.“
Wieder entfernte sich die Stimme, doch nun wohl endgültig... für diese Nacht.
„Wach auf, lass die unerreichbare Vergangenheit ruhen und stell dich deinen... Dämonen.“
Ein höchst amüsiertes, dunkles Lachen folgte, ehe sie die Stille vorerst wieder umfing. Vorerst, bis...
„Gerade eine Ohrfeige bedeutet doch immer etwas, wenn du sie ausführst, oder?“
Durch den grellen Gedanken an den Aufprall der flachen Hand mit der stoffbedeckten Wange der Kapuzengestalt wurde sie aus dem Traum gerissen und fand sich inmitten all dem weichen Moos, zwischen den duftenden Blüten ihres geheimen Garten wieder. Fahrig versuchte sie sich halbwegs galant aufzusetzen und zog die Knie zitternd an den Körper. Das silberne Medaillon, welches am Halskettchen baumelte und den persönlichen Schatz barg, stieß leise klappernd gegen die Beine, lenkte die Kohleblicke auf sich.
Das, was dort schlummerte, hatte sie nicht verdient – eine unangenehme Gewissheit, die sich aber noch hässlicher ausbauen ließ: sie hatte es nicht nur kein Stück verdient, es war auch nicht wirklich vorhanden, zumindest nicht in der Symbolik, die sie damit verband. Im Grund hing dort an ihrem Hals ein Wunschtraum, ein Luftschloss, dessen Grundmauern aus einer zähen Schicht Lügen, Verzweiflung und schlechtem Gewissen geformt waren. Wenn etwas davon auch nur zu wackeln begann, würden die Türme zerbersten und alles in sich zusammenfallen.
Alles, was... nicht vorhanden war?

My body is a cage
We take what we're given
Just because you've forgotten
That don't mean you're forgiven


Ächzend griffen die Hände seitlich an den Kopf, als sie die Gedankenfluten regelrecht überrollten und sie die widersprüchlichen Emotionen darin hinab in die Tiefe zogen. Der Wahnsinn! Irgendwo lauerte immer der Rand dieser schroffen, jäh abschüssigen Klippe namens Wahnsinn und sie schlich schon viel zu lange, zu nahe um jene herum. Wieder einmal waren es die Gesichter, welche ihren Geist marterten. Manche davon verloren... sandfarbenes Haar, in so vielerlei Hinsicht vollkommen ihrem Griff entschwunden. Vergangenheit, die doch irgendwo Glück und Wunder beinhaltet hatte. Prächtige Eichenwälder, Lilienmeere – fern und ferner, doch war sie es, die in die entgegengesetzte Richtung rannte, nicht andersherum! Irgendwo dazwischen saßen die Raben und auch deren Blicke vermochten sie auf vollkommen verschiedene Weisen zu beunruhigen. Ein Einziger strahlte direkt Wärme und Zuversicht aus, ein Anderer strafte sie mit unnahbarer Kälte, einer Weiterer war ihr vertraut und ähnlich, der Nächste zog sie beinahe magisch an und sorgte doch dafür, dass sie ihn mit Entsetzen fortstoßen wollte, wieder Einer krächzte mit ihr im Gleichklang... und irgendwo war da Jener, der sie plötzlich verunsicherte. Raben. So viele Raben und in deren Mitte die Wölfe. Einer davon weiß – eine weitere, zerplatzte Seifenblase, die in ihrer schillernden Schönheit von der Illusion der Beständigkeit kündete. Was man doch alles eben nicht sehen will... es rächt sich, irgendwann. An einem selbst, verdienterweise und leider auch an den Anderen.
Wölfe... es waren immer irgendwie Wölfe.
Märchenwölfe, Albtraumwölfe, Eichenwölfe, weiße Wölfe, Jadewölfe, Stiefwölfe, Zorneswölfe, Grauwölfe und dann eben auch solche Wölfe, die vermutlich gar keine waren. Ungewöhnliche, seltsame Wölfe... Singular!

Erkenntnis züchtet oftmals eben doch ein wenig Schmerz oder vielleicht gar „ein wenig mehr“.
Tränen waren nie ihre Stärke gewesen, Emotionen ein verhasstes, nicht-kalkulierbares Konstrukt, welches ihr bei Anderen als Analysewert durchaus gelegen kam, doch nicht fassbar wurde, wenn sie im Bezug auf die eigene Person danach greifen musste.
Eine schreiende Träne hatte die Schlüsselrolle inne, die ihr die Gefühle wieder gebracht hatte und eine solche schien ihr nun die Atemwege zu erdrücken. Sie war nicht alleine gekommen, hatte unzählige, salzige Schwestern dabei und gemeinsam schnürten sie die Kehle zu, welche die kleine Flut noch immer herabdrücken wollte. Ein verzweifelter, rasch verlorener Kampf.
Im dünnen Rinnsal flossen die Tränen herab, während sich die Hände fester in das Pechhaar krallten und der Mund öffneten sich... doch der Schrei blieb stumm.

I'm living in an age
That screams my name at night
But when I get to the doorway
There's no one in sight


Irgendwann war es vorbei, das Tränenmeer versiegt, das Gesicht unschön gerötet und verquollen, das Salz nur noch trocken auf den bleichen Lippen. Langsam lösten sich die Finger aus den dunklen Haarsträhnen und kraftlos sanken die Arme herab.
Benommen und leer saß sie noch immer im weichen Moos, regungsunfähig – abgesehen vom noch etwas unsteten Heben und Senken der Brust. Da rutschte das Medaillon leise klickernd dezent herab und mit einer instinktiv geleiteten Geste griff die Rechte danach, hielt es still eine Weile fest in der Faust umklammert, ehe sie das Kettchen mit einer fließenden Bewegung über den Kopf zog und vor dem Körper in der halbgeöffneten Hand hielt.
Wer die Hälfte seines Lebens in Träumen verbringen muss, der kann es sich nicht erlauben sich jenen auch in der restlichen Zeit bedingungslos hinzugeben. So verführerisch und wunderschön sie auch sein mögen...

My body is a cage
That keeps me from dancing with the one I love
but my mind holds the key

Verfasst: Mittwoch 8. Juli 2015, 14:30
von Gast
Er erwachte und sah sich blinzelnd im Zwielicht der noch recht fremden, wenn auch nicht unbekannten Kammer um. Ohne die Vorzüge des Tageslichtes war es schwer zu sagen, aber er war recht sicher, dass er verschlafen hatte. Und ebenso sicher, dass es ihm, zur Ausnahme einmal, auch absolut egal war.

Der letzte Abend war lang gewesen, der Dienst umfassend und nicht in vollem Umfang angenehm.
Spät war es geworden, wenn auch darin nichts ungewöhnliches lag. Dennoch war in ihm der Drang erwachsen, nicht einfach nach Haus zu gehen um zu schlafen. Etwas hatte sich danach gesehnt, den Abend nicht alleine zu beenden und nicht allein am nächsten Morgen zu erwachen. Und darum war er nun hier.
Ein recht irrwitziges Unterfangen, wohlgemerkt. Im Grunde sollte er, hatte er, sich dafür selbst einen Verweis erteilen. Aber das Leben war eben nicht immer ideal. Außer, man sorgte dafür.

Eine Regung im Zwielicht, das gedämpfte Flüstern von Bewegung, Decke und Stoff, gab sich als schlagender Beweis dafür, dass er nicht allein hier war. Hätte er noch mehr der Versicherung bedurft, hätte er sich wohl nur zur Seite drehen müssen um den Arm um die schmale Gestalt zu legen, die neben ihm schlief.
Noch immer schlief. Friedlich sogar, wenn ihm das Urteil darüber zustand. Eine Weile genoss er es einfach, die jungen Züge zu betrachten. Die etwas blasse Haut, Augenränder, rabenschwarzes Haar. Sicherlich nicht der Inbegriff jugendlicher Schönheit, aber schön dennoch, ohne Zweifel.
Ein Charakter, auf eigene Weise seltsam und manches mal befremdlich, dennoch anziehend und heilsam.
Zumindest für seine eigene, kleine Welt, war die Anwesenheit der schlafenden Person ein Segen gewesen.

Die vergangenen Monde waren fordernd gewesen, zermürbend manches mal. Rückschläge, Dämpfer, Stolpersteine. Viele Forderungen und wenig Möglichkeit, sich zwischen ihnen wieder zu sammeln, Ruhe und Fassung zu erlangen.
Ein kleiner Segen, zwischendrin, der zu rasch wieder genommen war und nichts als Wehmut und Fragen zurück gelassen hatte.
Aber für den Moment waren jene still, der Zuversicht gewichen. Für den Moment war jeder Augenblick, den er in jener Gesellschaft verbrachte, ein Augenblick, den er kosten konnte.
Ein Ausgleich zu den Erfordernissen des Dienstes, der Pflicht, den Zwängen des Standes und des Ranges.
Und die Wahrheit bestand darin, dass es ihm gefiel. Dass er sich gefunden hatte, wieder zu Kräften gekommen war.

Keine Zweifel mehr , keine Fragen. Keine Leere mehr, nur Ziel.

Gewiss war es darob nicht leichter, all die Dinge zu tun, die zu tun notwendig waren. Nicht leicht, sich gerade dieses Wesen als Trost und Stütze gesucht zu haben. Aber die Dinge ergaben wieder Sinn, fanden sich ins Lot und das war gut so.
So war es nun an der Zeit, einen neuen Tag zu begehen und sich den nächsten Hürden zu stellen. Nicht aus Gewohnheit, aus Willen. Eine letzte Regung, eine Berührung, der Gestalt zärtlich über die Wange zu streifen und einen Kuss zu hinterlassen, ohne sie zu wecken.
Dann aufzustehen, sich anzukleiden und dem neuen Tag zu begegnen.
Dennoch ein kurzes Zögern, ein Gedanke, spontan, verrückt, dennoch vollbracht.
Dann war er fort, die Schlafende allein, lediglich ein kleines, gar unscheinbares Pergament an der Stelle des scheidenden Mannes zurück gelassen.

Nicht viel, nur ein paar Worte.