„Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?“
„Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Katze.
Aus Alice im Wunderland von Lewis Caroll
Ich sah zu, wie es vor meinem Fenster langsam dämmerte. Bis die Nacht herein brach. Ich lag noch immer in meinem Bett und hatte auch nicht das Bedürfnis, noch einmal aufzustehen.
Selbst durch das geschlossene Fenster hörte ich die Menschen am Hafen. Hier war immer etwas los. Schiffe kamen und gingen, ebenso wie die Leute mit ihnen. Ladung wurde gelöscht und Kisten rumpelnd über die Pier getragen.
Ab und an drangen sogar Gesprächsfetzen an mein Ohr, ohne dass ich ein Wort verstand.
In meinem Haus selbst war es still. Kein Klopfen riss mich aus den Gedanken, kein Scharren, kein Mauzen, oder kleine Pfoten, die über mich hinweg trampelten.
Nichts.
Seit dem ich aus dem Keller des Konvents geschmissen und an die Garde weitergereicht worden war, hatten beinahe alle nur noch das Nötigste mit mir gemacht.
Immer wieder beschlich mich das Gefühl, das sie davon ausgingen, jemand anders würde schon alles machen.
Der Magier ging davon aus, ich würde alle Informationen auf dem Silbertablett serviert bekommen und jammerte nur aus Gewohnheit. Die Catula ging davon aus, dass ich laufend mit dem Küken zusammen hing und von ihr alles bekam, was ich wollte. Und sie ging anscheinend davon aus, dass der Magier mir bereits alles beigebracht hätte und ich ohnehin Unterricht von der Catula bekam.
Das richtig blöde an der Sache war, das keines von den Dingen zustimmte. Der Magier hatte zwar versucht, mir was beizubringen, doch bevor ich nach Rahal verschleppt wurde, hatte ich ihm nie zugehört. Die Catula traf ich kaum.
Einzig diesem Mädchen konnte ich nicht vorwerfen, dass sie nichts tat. Allerdings setze sie immer wieder an den völlig falschen Stellen an. So langsam hatte ich das Gefühl, das sie mir nie wirklich zuhörte.
Sie schaffte es aus nichtigen Dingen große Probleme zu machen. Diese bezog sie danach auf mich und gab mir die Schuld an allem. Sie sagte mir sogar, ich solle mich endlich damit abfinden und begriff nicht, dass ich es längst tat.
Wie meine große Liebe zum Alkohol. Mich persönlich hatte das nie wirklich gestört. Ich wusste selbst, dass ich zu oft an der Flasche hing. Aber das war nun mal das beste und einzige Ventil, das ich hatte.
In der Zeit im Gefängnis hatte ich kaum ein wirklich starkes Bedürfnis zum Trinken gehabt. Jedoch nicht, weil sie mich entwöhnt hatte, sondern weil sie immer da war und mir zuhörte. Aber das verstand dieses Mädchen nicht.
Sie hatte ihre Familie, sie hatte ihren Lehrer und ihren Platz in dieser Stadt. Sie hatte alles, was ich mir wünschte und ich hätte Augenblicklich den Platz mit ihr getauscht. Trotzdem jammerte sie mir immer noch die Ohren voll.
Sie jammerte, weil sie sie beschützten, weil sie sich Gedanken um sie machten. Das Mädchen wusste wirklich nicht, was für ein großes Glück sie hat.
Für mich war alles nur voller Widersprüche. Allein die Art und Weise, wie die anderen mit mir umgingen.
Wie viele Predigten, darüber was für einen langen Weg ich vor mir hatte, habe ich gehört? Aber sie waren enttäuscht, weil ich nicht nach vier Wochen ein perfekter Gläubiger war.
Wie viele Fragen stellte ich, die mir keiner beantworten wollte? Wie oft sahen sie mich mit ihren Enttäuschten Blicken an, weil ich noch nicht alles wusste, sondern hinterfragte.
Wie oft hatte ich gesagt, dass ich einfach nur durcheinander war, weil mir so viel Wissen fehlte?
Und warum sahen sie mich immer nur so enttäuscht an.
Ich ertrug diese Blicke einfach nicht mehr. Ich war Überfordert und fühlte mich in Stich gelassen. Eigentlich wollte ich nur jemanden zum Reden. Doch entweder überforderte mich irgendjemand maßlos, weil ich einfach keine weiteren Widersprüche und weitere Fragen, oder noch mehr Verwirrungen, in mein Gedächtnis hämmern konnte, oder sie waren enttäuscht.
Ich spürte, wie sehr es an mir zehrte.
Die Stimme tief in mir, die mir sagte, ich soll weglaufen, wurde immer lauter. Ich hörte das leise Flüstern in meinem Hinterkopf, wenn sie mich wieder so ansahen.
Lauf weg. Flieh. Nimm deine Sachen und lauf. Es ist ganz einfach, du hast es dein Leben lang getan. Keiner kann dich aufhalten. Lauf.
Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, dass ich in diesem Keller eingesperrt war. Dort ging es mir nicht gut, aber ich war voll entschlossen zu kämpfen. Ich war mir sicher, Rahal würde mehr und besseres für mich bereithalten, als Adoran, wenn ich mich nur genug anstrengte.
Doch mein Leben hatte sich nicht im Mindesten verändert. Im Gegenteil, es wurde von Tag zu Tag schlimmer.
Nun war ich allmählich an meine Grenzen gelangt und wusste nicht mehr weiter. Ich mochte nicht einmal mehr mein Haus verlassen, weil ich nicht wusste, welche Abneigungen mir diesmal entgegen schlugen. Welchen Fehler dichteten sie mir wohl heute an, einfach damit sie sich nicht die Mühe machen brauchten, nach mir zu sehen?
Eigentlich fehlte es nur noch, das mich jemand fragte, warum ich mich denn vor allem verschloss. Statt offen zu sein, für diese wunderbaren, neuen Dinge in Rahal. So viele Lügen und so viele Lügner.
Ich musste mich verschließen. Ich musste alles abblocken, denn wenn ich das nicht tat, würde ich daran zerbrechen und vergehen.
Ich konnte mich auf keine Hilfe von außen verlassen, egal wie direkt, oder indirekt ich nach Hilfe rief. Mit all dem war ich auf mich gestellt und ich musste etwas tun, um mich zu schützen.
Meine Fragen wollte ich nicht mehr stellen. Sollen sie doch enttäuscht sein. So brauchte ich mich nicht zu fragen, warum und das sie meine Bemühungen nicht sahen.
Wenn sie enttäuscht sein wollten, dann gebe ich ihnen einen Grund, wirklich enttäuscht zu sein.
Es war keine Frage mehr, ob ich scheitern und daran zerbrechen werde, die Frage war nur noch, wann.
Ich konnte es mir schon bildlich vorstellen, das sie, an diesem besonderen Tag, auf mich herab sehen werden und sich gegenseitig sagen:
„Ich wusste doch, dass er es nicht schafft.“
Was soll ich tun?, dachte er. Sag schon. Was soll ich tun?
Aber der Mond gab ihm keine Antwort.
Aus der Herr der Diebe von Cornelia Funke